Donnerstag öen 13. Juni. *V-»• V »» v v ammeoldkr tekEk UntrchaMMlatt?«m Girßener Anzeiger (General-Anzeiger). s W Die Tochter des Meeres. Roman von Ä. Xitel«. (Fortsetzung.) „So halten Sie sich mir überlegen?" fragte Lady Marian streng. „Durchaus nicht! Ihre Ansichten entsprechen einfach Ihrer Erziehung," erwiderte Cora ruhig. „Aber wozu all' diese Worte ? Sind Sie nun zufrieden? Können Sie mir nun vertrauen, Lady Marian?" „Er bleibt mir nichts Anderes übrig!" versetzte Marian gezwungen. „Es falls die Schuld auf Sie selbst zurück, wenn Sie mich täuschen! War Sie auch jetzt glauben mögen, sicher» lich werden Sie einst darunter zu leiden haben, wenn Sie dennoch wahnsinnig genug sein sollten, an Lord Belforts Liebe zu glauben. Wann gedenken Sie Ihren Plan auszuführen?" fragte sie nach einer kurzen Pause. „Heute Abend, wenn Alle schlafen gegangen sind," er» widerte Cora. "So kommen Sie um Mitternacht zu mir . . . dann soll Alles bereit sein," lautete die Antwort. „Wenigsten» lenken Sie eine große Gefahr ab, was auch darnach geschehen möge. Da» Haus Biddulph wird nicht der Schauplatz seiner Verhaftung sein und wir werden ihm bester helfen können, wenn wir nicht mehr im Verdachte stehen, ihn zu beherbergen." Mit einer raschen Bewegung wurde Cora entlasten und Lady Marian eilte die Treppe hinab, um der Ttschglocke zu folgen, die in diesem Augenblick ertönte. XXII. .... Es war ein trauriger Tag für Ernst Belfort in seinem düsteren Gefängniß gewesen. Er litt furchtbar während der langen Stunden voll schrecklicher Ungewißheit. Die Hoffnung aufCoras Rückkehr hielt ihn allerdings eine Zeit lang auf- Er konnte nicht an ihr zweifeln. Die Erinnerung an den muthigen Ton ihrer Stimme genügte, alle Furcht von ihm zu scheuchen. Aber als Stunde auf Stunde verstrich und gewordenen Glieder auch noch körperlichen Schmerz hinzufügten, wurde feine Seelenqual fast unerträglich. Minute auf Minute, Stunde auf Stunde verstrich und noch immer kein Laut, kein Zeichen von dem geliebten Mädchen. Die Dunkelheit brach herein. Da vernahm er endlich das leise Geräusch nahender Schritte, das Rauschen eines Kleides und endlich flüsterte eine Stimme, die ihm süßer klang als himmlische Musik: „Lord Belfort!" „Schnell! . . . Oeffnen Sie!" erwiderte er ebenso leise. Sie schob das Feld in der Wand zurück und im nächsten Moment genoß er die Freude, Jene vor sich zu sehen, die er schon mehr liebte, als er selbst wußte- ,/Sie sind wohl sehr erschöpft?" fragte sie. „Hier ist Wein und einige Speisen- Schnell! Stärken Sie sich für die nächsten Stunden. Wir werden vielleicht lange Zeit ohne Rast vorwärts eilen müssen." „Wir?" fragte er mit freudigem Erstaunen und dieses kleine Wörtchen gab ihm vielleicht mehr Kraft, als die Erfrischung, die sie brachte. Sie wollte ihn begleiten ... das genügte! Wenigstens würde er einen Engel zum Führer haben, wohin die Pilgerschaft auch ging! „Sind Sie nun bereit?" fragte sie, nachdem er sich gestärkt hatte. „Wollen Sie thun, was ich verlange?" „Ich will Ihnen gehorchen, was Sie auch verlangen mögen!" versetzte er leidenschaftlich. »Sie ahnen wohl kaum, wozu Sie sich verpflichten," sagte sie lächelnd. „Angenommen, ich verlangte von Ihnen, was Sie am unliebsten thäten: eine Verkleidung anzunehmen, gegen die sich Ihr Stolz empört... wie dann?" „Ich werde Ihnen gehorchen!" erwiderte er. „Ich bin es Ihnen, meiner Retterin, schuldig. Sagen Sie mir nur, was Sie wünschen und ich gehorche sofort!" „Sehen Sie hier!" sprach sie und zog ein Bündel hervor. „Sie müssen diese Kleider anziehen, ich komme zurück, sobald ich selbst eine Verkleidung angelegt habe." Und eilig verließ sie da» Zimmer- Schon nach wenigen Minuten kehrte sie zurück- Aber welch' eine Wandlung war in der kurzen Zeit mit ihr vorgegangen! Sie hatte ihr einfaches Kleid mit einem kostbaren Gewand vertauscht, da» an vergangene Tage erinnerte. Die lange Schleppe, da» zurückgekämmte Haar, die enganschließende Taille ließen ihre schöne Gestalt auf da» Vortheilhafteste hervortreten und die kurzen Aermel mit der langen Spitzenfalbel 274 zeigten die weißen, feingeformien Arme in ihrer ganzen Schönheit. Nie hatte sie so anmuthig und nie so aristokratisch ausgesehen, wie in diesem Augenblick. Und sie selbst konnte sich einer Lächelns nicht enthalten und doch bewunderte sie im Geheimen die Gestalt, die sie in der halboffenen Nische vor sich sah. Aus Lord Belfort, dem stolzen Edelmann, war ein Page geworden, wie man ihn auf alten Bildern im Gefolge der Damen von Rang findet. Sein Gesicht sah so jung aus, seine Gestalt erschien in den Pagenkleidern so schlank und der ganze Ausdruck seines Gesichts war ein so ganz anderer geworden, daß Cora ein Gefühl von Vertrauen überkam, das ihr bisher fremd geblieben war- „Sind Sie bereit? Wollen Sie mir folgen?" fragte sie. „Sie müssen Ihre Rolle gut spielen. Wenn uns Jemand sieht, hüten Sie sich, Furcht zu zeigen-" Er stimmte ihr schweigend bei und sie bereitete sich zum Gehen vor. Cora schob das Feld wieder zu, verschloß die Thür hinter sich, steckte den Schlüssel in dir Tasche und ging ihm mit langsam abgemessenem Schritt anscheinend ohne die geringste Angst voran. Lord Belfort folgte ihr in geringer Entfernung. Das erste Zimmer und den Corridor legten sie ungestört zurück. Aber Cora wußte, daß eine Wache unten am Fuße der Treppe stand. Sie blieb einen Augenblick stehen, flößte ihrem Begleiter durch ein Lächeln neuen Muth ein und dann ging sie mit noch langsamerem Schritt wie bisher weiter. Sie wußte wohl, wie diese Vorsicht nothwendig war. Allerdings schien der wachhabende Polizist unten an der Treppe zu schlummern, aber Cora wagte doch nicht, dieser Wahrnehmung zu trauen. Statt sich leise an ihm vorüber zu schleichen, behielt sie ihren sicheren, ruhigen Schritt bei und ging so an dem Schlafenden vorüber, daß sie ihren Gefährten möglichst mit der bauschigen Schleppe deckte. Die List gelang ihr. Der Mann schlug gerade rechtzeitig die Augen auf, um noch die seltsame Erscheinung schweigend die Stufen hinabschweben zu sehen. Es entschlüpfte ihm ein Schrei, der glück« licherweise zu leise war, um seine Kameraden zu wecken. Aber im nächsten Augenblick besann er sich eines Anderen- „Was kümmert es mich, wenn die Geister der Verstorbenen bei Nacht herumwandeln?" dachte er. „Ich habe ihnen nichts zu Leide gethan, da werden sie mich auch in Ruhe lassen." Und er wollte wieder schlafen. Aber der einmal unterbrochene Schlaf wollte nicht wiederkehren und schließlich faßte er Muth, um zu thun, was er für seine Pflicht hielt. Er ging nach den Zimmern, die unter seiner besonderen Obhut standen, und versuchte die Thür, deren Bewachung den Beamten besonders empfohlen war, zu öffnen. Sie war verschlossen. Da wandte er sich rasch der Thür auf der änderen Seite zu; dieselbe gab sofort seinem Drucke nach und er trat in das Zimmer, in welchem das Porträt, welches Cora so glücklich nachgeahmt hatte, in lebens- großen Proportionen vor ihm stand. „Gott erbarme sich unser!" rief er aus und ein Schauder schüttelte seine starke Gestalt. „Das ist sie ... . sie selbst . . . dasselbe Kleid . . . dasselbe Gesicht I Sie geht um . . . das steht fest . . . und nicht um Alles in der Welt möchte ich sie beleidigen." Und nach einer halb ängstlichen, halb ehrerbietigen Verbeugung vor dem Bilde eilte er an seinen Posten zurück und wachte in stummer, regungslos r Angst bis zum Morgen. Inzwischen schritten die beiden Flüchtigen die Treppe hinab und durch schmale Corridore, bis ihnen nur noch die letzte und größte Gefahr übrig blieb, an den zwei Posten vorüberzugehen, die an der Thür Wache hielten, welche von dieser Seite des Hauses in den Park führte. Als sie sich näherten, vernahmen sie ein leises Gemurmel von Stimmen und zum ersten Male schrack Cora zurück und ihr Muth schien bei dieser unerwarteten Gefahr zu sinken. „Halten Sie sich bereit, wenn nölhig, rasch an den Wäch« si^Lord ^Belfortfie Rückhalte,« flüsterte Sie schöpfte tief Athen, und ging muthig an dem Ein- gange einer Art Vestibül vorüber, wo sie zwei Männer bei einer Flasch- Wein sitzen sehen konnte. ,^ber ihr Gesicht und ihr Anzug hatten die Aufmerksam« leit Dessen auf sich gezogen, der mit dem Gesicht gegen die Thur saß . . . ein grauhaariger Mann, den Cora trotz des matten Lichtes als den Portier des Hauses erkannte. ble Sür schritt, wandte sie diesem viel- leicht absichtlich ihr Gesicht zu und der alte Mann sprang mit der Lebhaftigkeit eines Jünglings von seinem Stuhl auf. Sein Zeucht war todtenbleich geworden und seine Augen schienen buchstäblich aus ihren Höhlen zu treten. „Aber, Mensch, was habt Ihr?" fragte ihn sein Kamerad. ., ich habe?' rief der alte Mann aus. „So wahr 'ch Jakob Tomkins heiße, so wahr ist es, daß ich den Geist von Miß Ida an mir vorübergleiten sah, genau so wie sie vor zwanzig Jahren aussah. Es ist ein schrecklicher Anblick, jo schön sie auch war!" „Welchen Weg nahm sie, Mensch? Welchen Weg?" rief der vollständig wache Beamte. Und er lief auf die Thür zu, bevor Tomkins sich von seinem Schrecken erholt und soweit wieder zu sich gekommen war, um eine vernünftige Antwort geben zu können. XXIII. Der ehrwürdige Lord Graf Treville, des Lord Faros älterer Bruder, saß in dem luxuriösen und behaglich eingerich- teten Zimmer seiner Villa, in welchem er während der letzten zehn Jahre seines Lebens meist gewohnt hatte. Die Leute glaubten, das Leben Habs für den kränklichen Grafen nur wenig Reiz. Auch fein Leben war, wie das vieler Menschen, fast einem Roman gleich; nur kannte tfyi Niemand. Man wußte nichts weiter von ihm, als daß er seine Jugend nach gewöhnlicher Art der älteren Söhne reicher aristokratischer Eltern verbracht hatte. Das Studium auf den Universitäten zu Eton und Oxford hatte ihn für eine lange Reise in fremde Länder vorbereitet. In seiner Abwesenheit war seine Mutter ziemlich plötzlich gestorben und als er heim« gerufen wurde, um ihrem Bsgräbniß beizuwohnen und seinem Vater eine Stütze zu sein, schien er den Sitten seines eigenen Landes so entfremdet zu sein, daß man sich wenig wunderte, als er die erste Gelegenheit ergriff, wieder nach dem europäischen Festlande zurückzukehren. Dieses Mal jedoch blieb er nur kurze Zeit abwesend und als er nach Treville zurückkehrte, um den alten, kränkelnden Vater bis zu deffen Lebensende nicht wieder zu verlassen, war er noch ernster und düsterer als bei seinem ersten Besuche. Aber alle Bitten brachten ihn nicht dazu, die Pflichten eines älteren Sohnes zu erfüllen und sich eine Gemahlin zu nehmen. Ein Einsiedler konnte keinen größeren Widerwillen gegen weibliche Gesellschaft haben, alr er, und mit Entschiedenheit weigerte er sich, die Verbindung mit einer der aristokratischen jungen Damen, die sein Vatn ihm vorschlug, auch nur in Erwägung zu ziehen. Und nach vielen vergeblichen Versuchen ließ der Graf von Bemühungen ab, die seinen Erben vielleicht aus dem Vater« Haus getrieben hätten, so daß er an seinem Lebensabend allein dagestanden hätte. Dann kam Lord Faros, des jüngeren Bruders, Hetrath, Nettas Geburt und Frau Faros Tod. Dieses letzte Unglück brach völlig des Grafen nur noch schwache Kraft. Er siechte geistig wie körperlich rasch dahin und folgte bald seiner Gattin. Nun wurde der ältere Lord Faro Graf von Treville und erbte mit seines Vaters Reichthum, wie er schien, auch dessen Schmerz. In weniger als einem Jahre nach seines Vaters Tode hatte er alle nöthigen Anordnungen getroffen und verließ dann das Schloß. Seitdem lebte er in einer der feenhaften Villen in der herrlichen Gegend von Cannes in fast gänzlicher Abgeschiedenheit. Sogar sein Briefwechsel mit dem jüngeren Bruder und seinem muthmaßlichen Erben war nicht lebhaft genug, um die Bande der Liebe flüsterte dem Ein« änner bei merksam, legen die trotz des iem viel- rang mit uf. Sein schienen hn sein So wahr >en Geist । wie sie ■ Anblick, 9?" rief sich von ekommen d Faros ingerich- r letzten inklichrn vie das nte ih, daß er ! reicher auf den 2 lange resenheit r heim« seinem eigenen änderte, n eure- ilteb er ckkehrte, icnsenbe düsterer ten ihn len und ; keinen en, als dindun- i Bat« r Gras Vater« ) allein ingeren ! Tod. chwache । folgte > Graf wie er Jahre lungen er in b von Brief« blichen Liebe Mischen ihnen aufrecht zu erhalten. Sie reichte eben hin, um eine völlige Entfremdung zu verhindern. Aber das berechtigte ihn wohl kaum zu dem wunderlichen Wesen und der trüben Stimmung, in der er sich stets befand. Jetzt saß dem Grafen der Curator gegenüber, dem die einstweilige Obhut für Miß Netta anvertraut war, ein entfernter Verwandter dieser Dame und Lord Belforts. „Das also ist das traurige Ende von meines Bruders unvorsichtigem, irregeleiteten Leben!" bemerkte der Graf nach einer Pause, während welcher er die Aufregung über die Nachricht, die Herr Meynard ihm gebracht, hatte Niederkämpfen müssen. „Sie sehen die ganze Angelegenheit vielleicht mit etwas zu strengem Blicke an," versetzte Herr Meynard besänftigend. „Es war wohl etwas unüberlegt von Lord Faro, von dem die Welt als Vater und Mann vielleicht noch viel erwartete, fein Leben so auf's Spiel zu setzen. Doch hat er diese Thor- heit bitter büßen müssen und sein letzter Wunsch war, daß Sie, Mylord, über seine Tochter wachen möchten, bis sie sich verheirathet oder mündig ist." „Ich?" ries der Graf zurückprallend aus. „Was soll ich mit einem so jungen Mädchen und mit einer Schwester anfangen, die ich seit zwanzig Jahren nicht gesehen habe? Herr Meynard, das ist unmöglich!" „Wollen Sie damit sagen, daß Sie die Ihnen anver« traute Vormundschaft entschieden zurückweisen?" fragte Herr Meynard erstaunt. „Kennen Sie den wahren Grund des Hasses meines Bruders gegen den jungen Menschen, dessen Alter ihn vor einer solchen Thorhett hätte schützen müssen?" frug Graf Treville. Herr Meynard zuckte die Achseln. „Was kann ich Ihnen darauf erwidern? Wenn ich Ihnen offen meine Meinung sagen soll, so glaube ich, daß Lord Faro eifersüchtig darauf war, daß Lord Belfort einem sehr hübschen Mädchen, das Lord Faro aus Deutschland mitgebracht hatte, große Aufmerksamkeiten erwies. Aber es ist vielleicht unrecht von mir, so zu urtheilen." Herr Meynard war nicht wenig überrascht, als er sah, welche Wirkung seine Worte auf den Grafen ausübten. Lord Trevilles Gesicht war leichenblaß geworden und feine Augen starrten den Gast fragend an. „Was wollen Sie damit sagen?" brachte er mühsam hervor. „Wollen Sie den Namen schmähen, den mein verstorbener Bruder und ich tragen? Wie können Sie wagen, solche Verleumdungen auszusprechen?" „Bitte, Mylord, es war nur eine Antwort auf Ihre eigene Frage!" entgegnete Herr Meynard gelassen. „Ich kann als Gentleman meine Lippen mit keiner Lüge beflecken und ich sagte nur, was ich vermuthete." Der Graf schien inzwischen seine Selbstbeherrschung wiedergewonnen zu haben. „Sie haben vielleicht Recht, Herr Meynard, aber Sie werden gestehen, daß es kein sehr glaubwürdiges Gerücht ist. Wer ist das Mädchen, von dem sie sprechen?" „Sie fragen mehr, als ich Ihnen sagen kann, Mylord. Faro brachte sie aus Deutschland mit, machte sie zur Gesellschafterin seiner Tochter, widmete ihr aber, wie es heißt, L^be eines Vaters. Ihre Geburt und ihre Herkunft sind mir gänzlich unbekannt und wie ich glaube, waren sie auch Ihrem Bruder nicht bekannt. Sie soll die namenlose Waise einer im Schiffbruche umgekommenen Familie sein." „Und wo ist sie? Wo ist sie jetzt?" rief Lord Treville yastig. ,, "Ach weiß es nicht," erwiderte Meynard. „Sie verließ die Villa gleich nach dem Duell, noch vor Ihres Bruders Tode. Das gab Veranlassung zu allerhand Gerede, da sie und der schuldige Flüchtige gleichzeitig verschwanden und sich daraus mancher Schluß ziehen läßt." , , .««®j* wuß gefunden werden, sie muß gefunden werden!" r ef der Graf erregt. „Ich stimme Ihnen bei," setzte er hinzu, als er Herrn Meynards erstaunten Blick bemerkte. „Der ■ Schlüssel zu diesem Geheimniß ruht jedenfalls in der Brust dieses unglücklichen Mädchens. Sie muß aufgesucht werden. Meiner Ansicht nach ist sie viel tadelnswerther, als Lord Belfort. Jedenfalls ist sie ein leichtfertiges Ding, das ich schon zu behandeln wissen werde. Wenn sie nur erst hier wäre." „Das soll geschehen, sobald wir sie entdeckt haben, Mylord. Doch, wie ich Ihnen schon sagte, vorläufig weiß man noch nichts über ihren und Lord Beiforts Aufenthalt. Gerichts- beamte sind ihnen auf der Spur, und wenn sie zusammen ge- funden werden sollten, würde sie sicherlich verdächtigt werden, dem Uebelthäter zur Flucht behilflich gewesen zu sein." „Das räthselhafte Mädchen muß gefunden werden," sagte der Graf mit erstickender Stimme. „Wie heißt sie?" „Sie wurde Cora vom Meere genannt. Das ist aber nicht ihr wirklicher Name, sondern man nannte sie nur so, weil man sie aus dem Meere gezogen hat und ihren wirklichen Namen nicht kannte. Die Familie, in welcher sie früher lebte, hieß Falkner und wohnt in Bremen." „Herr Meynard, ich muß sie sehen!" rief der Graf erregt. „Aber meine Schwester weiß vielleicht Genaueres darüber. Allerdings hat es wenig mit der fraglichen Angelegenheit zu thun — ich meine die Vormundschaft über meine Nichte — aber doch bin ich, wenn ich dieselbe übernehme, verpflichtet, mich genau nach der Ursache des Todes meines Bruders zu erkundigen." „Sie mögen Recht haben," antwortete Meynard kühl. „Doch Eines von dem Andern abhängig machen, heißt fast, die Sünden der Väter an den Kindern Heimsuchen." „Und wenn dem so wäre?" entgegnete der Graf bitter. „Wenn dem so wäre? . . . Ist Netta die Einzige, die einem solchen Loose ausgesetzt ist? Es gibt viel Bemitleidens werthere, als diese Erbin, auf die ein solcher Fluch fällt. Sparen Sie Ihr Mitleid auf diese auf." „Das Alles löst sich durch die Beantwortung einer Frage," entgegnete Herr Meynard mit einer Miene, als ob er des Widerspruches müde sei- „Sind Sie gewillt, die Vormundschaft über Ihre Nichte zu übernehmen? Das ist die Frage, die mich herführte und ich muß eine entscheidende Antwort zurückbringen, bevor Lady Emily die Villa verläßt." (Fortsetzung folgt.) Madame Sans Gone. Roman nach Victorien Sardou und F. Morrea«. Deutsch von Adele Berger. (Fortsetzung.) Bonaparte aß sehr sparsam in seinem Hotel und dinirte so ost als möglich in der Stadt bei Herrn und Fran Permon, die er in Valencia kennen gelernt und deren Tochter Junot heirathen und Herzogin dMrantss werden sollte. Später hatte Bonaparte die Absicht, die Hand der Frau Permon's zu erbitten, die mit einem hübschen Vermögen Wittwe geworden war. Trotz seiner Sparsamkeit hatte er in jener Epoche einige Schulden. Er schuldete fünfzehn Francs seinem Garkoch, und, wie wir sehen, eine Rechnung von fttnfundvkerzig Francs seiner Wäscherin Sans-GZne. Seine Bekannten waren spärlich, bloß mit Junot Marmont und Bourrienne lebte er in täglicher Vertrautheit. Alle drei waren gleich ihm arm an Geld und reich an Hoffnungen. Am Morgen des 10. August hatte sich Bonaparte beim Klang der Sturmglocke erhoben und war, zu Fauvelet de Bourrienne geeilt, dem älteren Bruder seines Kameraden, der am Place de Caroussel einen Pfandleiher- und Antiquitätenladen besaß. Er brauchte Geld, und da er am Tage einer Revolution nicht ganz mittellos fein wollte, verpfändete er bei Fauveler seine Uhr, der ihm dafür fünfzehn Francs vorstreckte. Von diesem Laden aus, den man, weil der Kampf be- 276 -ff- göwnett Ifttte, nur schwer verlassen konnte, verfolgte Bonaparte die Entwicklung der Schlacht. Zu Mittag, als der Sieg sich dem Volke zugeneigt hatte, kehrte er in seine Wohnung zurück. Durch den Anblick der Leichname traurig gestimmt und durch bett Geruch des Blutes angewidert, schritt er nachdenklich dahin, und noch viele Jahre nachher erinnerte sich der große Schlächter von Europa, die furchtbaren Blutverluste seiner Völker und die Haufen von Leichnamen, die sich als Trophäen unter seinen Füßen bildeten, vergessend, an das grauenvolle Schauspiel: auf dem Welsen ™ Ä brückte er seine Empörung und Erregung über den Anblick der unzähligen Opfer der Schweizer und Ritter vom Dolche aus, die er auf dem Rückweg in hatte ftn bem Morgen des 10. August angetroffen Das Frauenauge. Das reine, schöne Frauenauge Gleicht im Gebirg dem klaren See, Durch dessen wunderbaren Spiegel Ich in der Seele Tiefe seh'. Ob Lebensfreud' das Herz durchgliihe, Ob Leidenschaft es wild durchbraus' Ob es^in stillem Wehe traure — ' Das Frauenauge spricht es aus. Und was an Gold und Edelsteinen Die Frauenseel' birgt auf dem Grund — Em Herz voll Liebe und voll Treue, Das Auge spricht es — nicht der Mund. O, laß mich tief iu's Äug' Dir blicken, Jn's Äug', so himmlisch rein und blau, Darin die Treue Deines Herzens Als schönsten Edelstein ich schau'. VIII. Der hübsche Sergeant. Das war der Mann — noch unbekannt, unberühmt und mysteriös — bett Catherine Sans-Gone in seinem Hotel- zimmerchen> aufsuchen wollte, wo er ungebulbig bas Glück er- wartete, bisse launige, zögernbe Göttin, bie sich nicht ent- schließen wollte, an seine Thür zu klopfen. f6m Ml*'“«« i« -ch-n, nicht- g-Im, ihm, bas Unglück verfolgte ihn. £ ^mblutigenMorgen des 10. August hatte er nach der Rückkehr aus dem Carouffel in der Arbeit, der Ästigen Ruhe Zerstreuung seiner Sorgen und Vergessenheit des tragischen Schauspiels suchen wollen, dem er von dem Laden des Pfandleihers aus beigewohnt hatte. I Er breitete eine Landkarte vor sich aus und begann aufmerksam die südlichen Regionen, die Küste des Mittel- meeres, Marseille und vor allem den Hafen von Toulon m c, en- w° die royalistische Reaction thätig war und den die englische Flotte bedrohte. » M Zeit schob er die Karte von sich, legte den Kopf in die Hände und träumte. Gleich dem Rufenden in dex Wüste sah er feenhafte, wunderbare Bilder, an sich vorüberziehen ... | Eroberte Städte, in die er als Sieger einzog, auf I einem weißen Pferde sitzend, inmitten einer erreaten Menge, I der jubelnden Zurufe der Soldaten gewiß. Eine Brücke, von I Kartätschen gefegt, die er, eine Fahne in der Hand, durch- I schütt, die Bataillone mit sich ziehend und den Feind I zurücktreibend . . . Fremde Reiter, in reichen Gewändern I öus goldgesticktem Wollstoff, die mit erhobenem Krummsäbel | um ihn, den Unbeweglichen wirbelten und plötzlich inne- | hielten , die Waffen von sich warfen und die Turbane I von seinem Zelt neigten . . . Dann Triumphzüge, zwischen I Kufen besiegter Soldaten, in ferne, verschiedene, wechselnde I «ander . . . Die glühende Sonne des Südens über feinem Haupte, der Schnee des Nordens seinen Mantel bedeckend I ok i 8' Ehrengeleits . . . Besiegte, unterworfene I Könige . . . Rausch, Ruhm, Apotheose . . . .... Dieser ganze phantastische Traum schwand dahin und | bildete sich von Neuem, um abermals zu erbleichen, während I er die glühende Stirn in bett Händen kühlte. 9 I .. Wenn er dis Augen wieder öffnete, erschien vor ihm ! £ SS «Ä ??Eche Wirklichkeit seines Hotelzimmers. Gin bitteres Lächeln irrte über seine Lippen, aber sein positiver | gewann die Oberhand, und er verscheuchte das trügerische I ^atifottt; nachdem die Fata morgana verschwunden war I n flftrern! a3Ii<$e8 seine Umgebung und prüfte mit I Erstände seine peinliche Situation, die böse Gegen- K' suahrscheinltch noch schlimmere Zukunft. SeineI Lage war in der That kläglich und an eine Veränderung I nitft zu denken. Kein Geld, keine Anstellung, der Minister | »k-»^^ine Reclamationen, die Beamten feindlich gesinnt, j gar kein Freund, gar kein Beschützer! Er sah sich in eine I „Vielleicht Vater Mangeard mit der Rechnung!" dachte Bonaparte erröthend. „Herein !" rief er dumpf. Eine Minute verstrich. „Herein doch!" wiederholte er ungeduldig und dachte überrascht: „Der Hotelier ist es nicht. Junot oder Bourienne würden mit dem Hereinkommen nickt zögern — wer kann also heute kommen?" Mehr erstaunt als beunruhigt, denn er empfing niemals Besuche, hob er neugierig den Kopf, um den Eindringling zu betrachten. (Fortsetzung folgt.) i »“nntaM0e®ttÄ^t.0e‘tleie"; »""-End-. Elend rni I Seine ehrgeizigen Träume waren von dem brutalen | Sturm des Lebens verscheucht worden — seine Zukunfts- I ÄLM-J Ä^sch Kartenhäusern zusammen. Der eifige I Schauer der Enttäuschung begann über seinen Nacken zu I einer ’wLS“ L®lnen Augenblick hatte er im Durchschreiten I SLSS bt6, ^wals im Bau befindlichen Viertels I ShS« rQtt-Ce#? e gehabt, Häuser zu miethen und sich I H-b8r Vermtethung möblirter Wohnungen zu befassen. Er I deStürkisS^m"' Frankreich zu verlassen und Dienste in ' I der türkischen Armee zu nehmen. ! war er sich bewußt, etwas im Gehirn zu | .u?tinJ£nen Adern lief das Blut so stürmisch, so । rasch rote die Rhone ... ! - „ Da machte er sich wieder an die Arbeit und ver- | sH in das Localstudium des Mittslmeeres, seiner I Sb Äanonen donnern sollten. O, wenn er theidigt^roard!" m° 8efämpft' roo bie Nation ver- ^rarm toar erfüllbar, und wenn er eine I d'Ere blieb, so war es, weil der arme Corse allein, ! glaubte dnssand, und Niemand existirte, der an ihn ! r, Abermals beugte er sich über die Karte, um das durch unterbrochene Studium fortzusetzen und um .Muthlosigkeit zu besiegen, die sich in seine Adern zu Mch^n begann - jenes feine, gefährliche Gift, das auch die stärkste Energie erstarren macht. Zwei leichte Schläge ertönten an der Thür. Er fuhr auf, eine leichte Angst drückte ihm das Herz zusammen. Die tapfersten Menschen zittern, wenn ihre Duschen leer sind und plötzlich Jemand kommt. Das Unbekannte erschreckt, lähmt sie. Sie würden mit ex^obwsr ©tun unö festem Auge den Tod empfangen, der sie mit seiner Sense berührt, aber bei dem Gedanken an den Gläubig«, der mit der Rechnung in der Hand erscheint, sind sie feige und beben. Es klopfte abermals, etwas lauter. Sfctarth»: W. Gch-Yd«. - »*«nfaß Mld Strindrmkerei (Pi-tsch