Untechaltungsblatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). <ä , DimNaz dm 12 Mmnier. **' 11 ------irmrii -irr'i Wx AMW : rr r-u:*.-.- WWWWW MWW^WW fMiWRäM WMMW "E^S-rS-SiESKLNS Auf japanischer Erde. Novelle von W. H. Geinborg. (Fortsetzung.) Georg wußte kaum, war er ihr zur Antwort gab; aber ^$e^'tba8 öon ^ißem Mitleid mit dem Schmerz des qe. üebten Wesens übersloß, hatte ihn nun doch wohl den rechten Ausdruck finden lassen, denn jetzt gab es kein neues, drücken« des Schweigen zwischen ihnen, sondern sie sprachen zu einander, S ne es jwährsnd der langen Seefahrt so oft gethan, nur daß ihre Unterhaltung ernsthafter und wärmer war, als das harmlos heitere Geplauder jener glücklichen Tags. Wie Jemand, der es als befreiende Wohlthat empfindet, endlich einer mitfühlenden Seele seinen Kummer offenbaren zu dürfen, sprach Maud von ihrem Heimweh nach dem stillen, weinumrankten Häuschen in Guildford, nach den Gespielinnen ihrer Jugend und nach all' den unzähligen lieben und ver. trauten Dingen, die sie für immer hatte aufgeben müssen. Sie erzählte ihm von den sonnigen Tagen ihrer Kind, heu und von den bescheidenen Freuden ihrer Mädchenjahre, wie wenn ihr Georg nicht ein Fremder, eine oberflächliche Reisebekanntschaft, sondern ein alter, vertrauter Freund ge- wesen wäre. Und es geschah auf die natürlichste Weise, daß auch er von seiner Vergangenheit zu sprechen begann, daß er ihr die Geschichte seines Lebens erzählte, die so einfach klang und doch so viel frühe Kämpfe, so viel harte Roth und so viel schmerzliche Entsagung in sich schloß. Er schämte sich seiner niederen Herkunft und der Armuth eines Vaterhauses nicht; aber es war auch nichts Prahlerisches m der Art, wie er von seinem unermüdlichen Ringen und Streben, von der zähen, unerschrockenen Beharrlichkeit sprach, mit der er sich aus Elend und Dürftigkeit emporgearbeitet halte. Was er geworden war, verdankte er ausschließlich der eigenen Kraft, denn der glückliche Zufall, der Anderen mit spielender Leichtigkeit zu ihren Erfolgen verhilft, war ihm raum jemals ein williger Bundesgenosse gewesen und tückische Fügungen hatten ihn vielmehr oft genug genöthigt, den dornen. I »offen Weg, den er bereits überwunden geglaubt, noch einmal fast von Neuem zu beginnen. Aber er rühmte sich dessen nicht, sondern er erzählte davon nur wie von etwas Selbstverständlichem, das einem armen Jungen gewissermaßen schon an der Wiege gesungen wird und eines von den ehernen Gesetzen der bestehenden Weltordnung bildet. Die ganze Liebenswürdigkeit eines recht- fchaffenen Characters und eines goldreinen Herzens offenbarte sich in seiner schmucklosen Schilderung. Und dann hielt er mit einem Male betroffen inne, weil er meinte, daß er sich zu weit habe hinreißen lassen und daß er seine schöne Zu- Hörerin mit der Geschichte seines kleinen, unbedeutenden Da- seins nothwendig über Gebühr gelangweilt haben müsse. , Maud aber beruhigte ihn darüber mit Worten, deren Herzlichkeit ihn wohl überzeugen mußte, daß sie aufrichtig gemeint seien und dann sagte sie wehmüthig: „Wie beneidens, werth waren Sie trotz alledem I Denn Sie hatten ja die lich Jhr Schicksal selbst zu gestalten. Uns armen weiblichen Geschöpfen wird es nicht so gut. Wir müssen ohne Widerstand das Loos hinnehmen, das uns der Himmel be. stimmt hat, gleichviel, ob wir damit zufrieden sind oder nicht. Und die einzige Stärke, die uns von der Natur verliehen wurde, ist unsere vielgerühmte Stärke im Leiden und Er. dulden." Es zerriß ihm das Herz, solche Worte aus ihrem Munde N Unb bie Lebhaftigkeit seines Empfinden« ließ ihn Vorsicht vergessen, die er ihr gegenüber im Ausdruck feiner Gefühle hatte beobachten wollen- „Wohl mögen die Frauen nicht für den Kampf geschaffen sein, entgegnete er rasch, „aber es ist ja auch die Pflicht des Mannes, ihnen diesen Kampf zu ersparen. Wahrhaft unglück- "4 find doch nur Die zu nennen, denen im Augenblick der Noth kein stützender und schirmender Arm zur Verfügung steht. Und Sie, Fräulein Donaldson, Sie, die von so viel Liebe umgeben sind, Sie brauchen sich ja sicherlich nicht zu diesen Bedauernswerthen zu zählen." Er lauschte mit stürmisch klopfendem Herzen auf ihre Antwort; aber diese Antwort ließ merkwürdig lange auf sich warten. Und als sie endlich erfolgte, klang sie nicht wie eine Bestätigung seiner zuletzt ausgesprochenen Zuversicht. „Ich habe meinen theuren »ater viel zu früh verloren, 534 und einen Bruder habe ich nie gehabt. Ach, ich wollte, daß ich jetzt einen Bruder hätte, der mich liebte und der ein ganzer Mann wäre — stolz und muthig, mit einem starken, ehrlichen Herzen." Ihm selber war es später ein Räthsel, woher er in diesem Augenblick den Muth genommen hatte, ihr ohne Zögern und Besinnen in die Rede zu fallen: „Wenn Sie eines solchen Bruders bedürfen — können Sie denn nicht mir gestatten, an seine Stelle zu treten? Ich darf mich wahrhaftig keiner glänzenden Eigenschaften rühmen; aber daß ich Muth genug hätte, Sie zu schützen und für Sie zu kämpfen, gegen wen es auch immer sei — daß ich zu jeder Stunde bereit sein würde, für Sie einzutreten mit Allem, was ich bin und habe, deffen dürfen Sie sich bei Gott versichert halten." Maud hatte bei seinen ersten Worten traurig den Kopf geschüttelt; nun aber reichte sie ihm plötzlich die Hand und mit leuchtendem Blick erhoben sich ihre Augen zu seinem Gesicht. „Wie gut Sie sindl — Ich danke Ihnen — ich danke Jhnea von ganzem Herzen. Und wenn ich auch in diesem Augenblick nicht sagen kann: Ja, ich nehme Ihren Beistand an — so weise ich doch auch das großmüthige Geschenk Ihrer Freundschaft nicht zurück. Wenn man so allein und verlaffen ist wie ich — doch nein — ich will nicht davon sprechen; denn noch habe ich vielleicht keinen Grund, zu verzweifeln. Wenn jemals der Tag kommen sollte, an dem ich mir selber nicht mehr zu rathen und zu Helsen weiß — wen« ich einen Beschützer, einen Bruder brauche, — dann, ich verspreche e» Ihnen, Herr Stralendorf, dann werde ich mich an Sie wenden und werde Sie an diese Stunde erinnern-" Ein Geräusch wie das Knirschen von steinigem Kies unter einem Menschentritt wurde ganz in ihrer Nähe laut und veranlaßte sie, sich hastig umzuwenden. Sie gewahrte den schattenhaften Umriß einer hohen, hageren Männergestalt, die sich aus dem Dunkel der Gebüsche hinter ihnen loslöste, und wenige Augenblicke später stand Thomas Ellis neben ihnen auf dem Vorsprung der Terrasie. Als hätte er die Anwesenheit Georgs gar nicht bemerkt, wandte er sich mit ruhig klingender Stimme gegen Maud. »Ich suchte Sie überall; denn Ihre Frau Mutter und Ihr Onkel befinden sich in großer Sorge wegen Ihres räthselhaften Verschwindens. Gestatten Sie mir, Sie daraus zu befreien, indem ich Sie zu ihnen zurückführe." Er machte eine Bewegung, als wollte er ihr feinen Arm reichen, doch sie wich, trotzig das feine Köpfchen erhebend, vor ihm zurück und legte ihre Hand auf den Arm des jungen Deutschen. „Geleiten Sie mich in den Saal, Herr Stralendorf," bat sie. „Und erlauben Sie mir, daß ich Sie mit meinem Oheim bekannt mache. Meine Mutter und ich, wir haben ihm schon oft von Ihnen gesprochen." Von einer Empfindung namenloser Seligkeit durchsträmt, leistete Georg ihrer beglückenden Aufforderung Folge und er warf ebensowenig wie seine schöne Begleiterin einen Blick nach dem Engländer zurück, der mit verschränkten Armen an der Brüstung der Terrasse stehen geblieben war. V. Mit vollkommener Höflichkeit zwar, doch mit erkältender, echt englischer Zurückhaltung hatte der Consul die Vorstellung des jungen Mannes entgegen genommen. Nach einigen con» ventionellen, nichtssagenden Worten glaubte er die Förmlichkeit offenbar vollständig abgethan, und eine fühlbare Strenge war in seinen Worten, als er sich gegen Maud mit der Bemerkung wandte: „Du bist nicht sehr artig gegen Herrn Ellis, mein Kind! Seit ungefähr einer halben Stunde lässest Du Dich vergebens von ihm suchen." „Herr Ellis hätte sich diese Mühe sparen können," gab sie statt aller Vertheidigung mit erzwungener Ruhe zurück, „beim ich bin meines Wissens weder seiner Obhut anvertraut worden, noch habe ich ihm ein Recht gegeben, sich um meinen Verbleibs» kümmern." Der Consul zog die Augenbrauen in die Höhe. Etwas wie eine zornige Zurechtweisung schien ihm auf den Lippen zu chweben. Aber Frau Donaldson, die ihres Bruders Gesicht mit ängstlicher Aufmerksamkeit beobachtete, kam seiner Aeuße» rung zuvor. „Wahrscheinlich hat es irgend ein kleine» Mißverständniß zwischen ihnen gegeben," raunte sie ihm zu, flüsternd zwar, doch immerhin laut genug, um ihre Worte auch für Georg verständlich zu machen. „Rege Dich darum nicht auf, denn es löst stch ohne Zweifel ganz von selbst" Herr Robert Elmrley zwang denn auch seinen Aerger nieder und begnügte stch, mit einigem Nachdruck zu sagen: „Ich hoffe, daß Du Herrn Ellis wenigstens ein paar freund» liche Worte gönnen wirst, wenn er zurückkehrt. Es ist das doch wohl die geringste Entschädigung, welche er erwarten darf" Maud mußte fühlen, wie namenlos peinlich diese Scene für Georg war und sie machte ihr deshalb kurz entschlossen ein Ende. „Was Herr Ellis beanspruchen darf, soll ihm zu Theil werden," erwiderte sie. „Aber Du wirst nicht verlangen, Onkel, daß ich um seinetwegen Schmerzen leide. Ich ging in den Garten hinaus, weil ich mich unwohl fühlte und meine Migräne hat sich seitdem so sehr verschlimmert, daß ich nur noch den Wunsch habe, so schnell al» möglich nach Hause zu kommen." Ihr angegriffenes Aussehen sprach so überzeugend für die Wahrheit dieser Mittheilung, daß es geradezu eine Grau« samkeit gewesen wäre, ihr die Erfüllung dieses Wunsches zu versagen. Mit recht verdrießlicher Miene zwar, doch ohne jede Einwendung reichte ihr denn auch der Consul seinen Arm. Der Gruß, den er Georg zu Theil werden ließ, war ganz so herablassend und kühl, wie es dem gewaltigen gesellfchastltcheu Rangunterschied zwischen einem Consul Ihrer britischen Majestät, der obendrein ein Millionär ist, und dem mittellosen.Clerk irgend eines Handelshauses entsprechen mochte. Auch Frau Donaldson neigte mit einem recht sauersüßen Gestcht zum Abschied den Kopf. Maud aber wandte ihm voll ihr liebreizendes Antlitz zu und reichte ihm, unbekümmert um die Billigung ober Mißbilligung der Anderen, noch einmal ihre kleine, weiche Hand. „Auf Wiedersehen!" sagte sie leise und ihre wundersam tiefen Augen, in die er für einen Moment wie in einen offenen Himmel blicken durfte, schienen diesen beiden verheißungsvollen Worten noch etwa« hinzuzusügen, dar zu wonnevoll und köstlich war, al» daß sich nicht eine Empfindung zagenden Zweifels in feine junge Seligkeit hätte mischen sollen. Er folgte dem geliebten Mädchen mit den Blicken, bi« sie am Arm ihre« Oheim« den Saal verlassen hatte und dann sah er sich um wie Jemand, der au« einem herrlichen Traume erwacht, unfähig, seine Gedanken und Vorstellungen sogleich wieder der nüchternen Wirklichkeit anzupaffen. Auch er hätte sich jetzt auf dem kürzesten Wege au» dem Festgewühl, da» jeglichen Reiz für ihn verloren hatte, entfernt, wenn ihn nicht einer feiner Clubfreunde halb gewaltsam fest- gehalten hätte, um ihm ausführlich eine Neuigkeit zu berichten, die dem Erzähler selbst über alle Maßen interessant erschien- Al» es ihm endlich gelungen war, loszukommen, wollte er, um neuen Hindernissen auszuweichen, die kürzere Richtung über die mit kleinen Tischen und leichten Bambusstühlen besetzte Veranda nehmen. Doch er hatte die in den Garten hinabführende Treppe noch nicht erreicht, als er sich abermal« angerufen hörte und diesmal von einer Stimme, die ihn veranlaßte, hastig den Kopf zu wenden, weil er allen Ernster glaubte, das Opfer einer Täuschung geworden zu sein- Doch er mußte sich überzeugen, daß sein Ohr ihn nicht betrogen habe. Es war wirklich kein Anderer, als Thomas Ellis, der feinen Namen in einem so jovialen Ton gerufen hatte, wie er sonst nur unter vertrauten Freunden üblich in- An dem letzten der kleinen Tische, in einem ziemlich versteckte» 53s Winkel der Veranda, hatte sich der Engländer ganz allein niedergelassen, und nun, da er Georgs unschlüssiges Zögern bemerkte, stand er auf, um ihm ein paar Schritte entgegen« zugehen. „Bereiten Sie mir das «Vergnügen, Mr. Stralendorf, ein Glas Champagner mit mir zu trinken/ sagte er und auf seinem hageren Gesicht war ein Lächeln, das die scharfen Züge keineswegs verschönte. „Ich finde, daß es sehr närrisch ist, wenn wir uns noch immer mit grimmigen Blicken messen, weil es vielleicht vor so und so viel Wochen auf dem Schiffe mal eine kleine Mißhelligkeit zwischen uns gegeben hat. Da ich ohne Zweifel der Aeltere bin, kommt es mir zu, als der erste die Hand zur Versöhnung zu bieten. Und ich hoffe, mein werther Herr, daß Sie sie nicht ausschlagen werden." Auf den Einsturz des Himmels wäre Georg eher vorbereitet gewesen, als auf diesen Schritt eines Mannes, dessen feindselige, ja haßerfüllte Gesinnung sich so ost und so unzweideutig bei ihren zufälligen Begegnungen kundgegeben hatte. Seine erste Eingebung war, das sonderbare Versöhnungs- anerbieten kurz und bestimmt zurückzuweisen; aber seine natür- liche Gutherzigkeit im Verein mit der glückseligen Stimmung des Augenblicke», die ihn nachsichtig gemacht haben würde selbst gegen seinen schlimmsten Feind, hielt ihn davon ab, diesem Impuls zu gehorchen. Die Grohmuth des Siegers war es, die sich in ihm regte und dann erinnerte er sich auch der Scene am Tempel von Asakusa, jener Scene, die ihn davon überzeugt hatte, daß Thoma» Elli» auch edler und selbstloser Handlungen fähig sei. Gewiß war es dem hochmüthigen Engländer nicht leicht geworden, sich den Entschluß dieser Aussöhnung abzuringen, und Georg war nahe daran, sich seines ersten, halb instinc- tiven Mißtrauen« gegen die Lauterkeit der Beweggründe, die Elli» zu solcher Selbstüberwindung bestimmt, als eines unedlen Empfindens zu schämen. Etwas zaudernd wohl, doch ohne jeden hinterhältigen Gedanken, legte er seine Hand in die dargebotene Rechte des Anderen und es klang schlicht und aufrichtig, da er sagte: „Ich habe keinen Grund, einen Groll zu nähren, den Sie beseitigt zu sehen wünschen- Auch mir ist es sicherlich angenehmer, mit aller Welt in Frieden zu leben." „So lassen Sie uns ein Glas miteinander trinken. Ich liebe es nicht, halbe Arbeit zu thun und es sollte mir ein Vergnügen fein, wenn wir recht bald gute Freunde wären." Es war unmöglich, diese Einladung auszuschlagen, ohne der auf so sonderbare Weise zu Stande gekommenen Versöhnung sogleich wieder einen Tropfen neuer Kränkung beizumischen. Auch stand die rothhalsige Flasche im silbernen, eisgefüllten Kübel bereit« auf dem Tische, von dem sich Thomas Ellis soeben erhoben, und Georg hoffte, daß sich die Sache sehr schnell abthun lassen würde. Sogar die beiden schlanken Krystallkelche waren schon da, als hätte der Engländer vor langer Hand alle Vorkehrungen für diesen Friedenstrunk getroffen. Aber es erwies sich, daß sie nicht ausreichten, denn in dem Augenblick, wo sich die beiden Herren auf den seichten Bambussesseln niederlassen wollten, stand wie aus der Erde gewachsen Abraham Norton mit seinem undurchdringlichen, faltigen Yankee-Gesicht neben ihnen. „Gestatten Sie mir, mich zu Ihnen zu setzen?" fragte er, sich mit gemessener Höflichkeit an Elli« wendend, und es war selbstverständlich, daß ihm darauf eine bejahende Antwort zu Theil werden mußte. Georg war ein wenig erstaunt, denn er hatte bisher immer den Eindruck gehabt, daß Norton nur sehr geringe Sympathieen für den Helden von Asakusa hegte und diese beinahe aufdringliche Annäherung entsprach sehr wenig seinem sonstigen, kühl reservirten Wesen. Aber er freute sich nichtsdestoweniger aufrichtig de» unverhofften Gesellschafters, dessen Gegenwart ihn der Nothwendigkett eines immerhin peinlichen täte-ä-tete mit seinem bisherigen Feinde überhob. Thomas Elli» nahm vom Nebentische eines der dort i aufgestellten unbenutzten Gläser für seinen zweiten Gast und i füllte dann die drei Kelche rasch mit dem goldigen, schäumenden Trank. „Auf gute Freundschaft also!" sagte er, seinen Pokal erhebend und mit einem vertraulichen Kopfnicken gegen Georg. Doch gerade in dem Moment, da der junge Deutsche sich eben anschickte, ihm Bescheid zu thun, ereignete sich ein fataler kleiner Zwischenfall, der ihm die Ausführung seiner Absicht unmöglich machte. Abraham Norton hatte sich nämlich mit einem bei seinem natürlichen Phlegma höchst merkwürdigen Ungestüm erhoben, um seinen Oberkörper über den Tisch zu neigen und nach etwas auszuspähen, das unten im Garten feine Aufmerksamkeit erregt haben .nutzte. Diese Bewegung aber hatte er obendrein mit so hochgradigem Ungeschick ausgeführt, daß Georgs Glas dabei zu Boden fiel und auf der Holzdiele der Veranda klirrend zerbrach. Der Vorfall, der jedem Andern sicherlich höchst unangenehm gewesen wäre, schien ihn übrigens nicht im Geringsten aus der Fassung zu bringen, denn er entschuldigte sich nur ganz obenhin und nahm seinen Platz wieder ein, als ob durchaus nichts geschehen wäre- Hätte Georg nicht seine Aufmerksamkeit in dem kritischen Moment einzig dem fallenden Glase zugewendet, so würde es ihn gewiß befremdet haben, zu sehen, eine wie abstoßende und widerwärtige Grimasse höchster Wuth das an und für sich so unbedeutende Ereigniß für die Dauer eine« Augenblicks auf dem Gesicht des Engländers machte. Ein paar Secunden später war davon freilich nichts mehr wahrzunehmen und jetzt fand Thoma« Ellis sogar ein freundliches Scherzwort von jener Art, in der liebenswürdige Wirthe solche Ungeschicklichkeiten eines Gastes abzuthun pfiegen. Georg empfing ein neues Glas und man trank einander zu, um dann eine etwas gezwungene und schleppende Conversation zu beginnen. Es war fast ausschließlich der Gastgeber, welcher ihre Kosten bestritt, denn Abraham Norton hüllte sich in tiefes Schweigen und Georg, der sich in bet wenig natürliche» Situation mit jeder Minute unbehaglicher fühlte, war zufrieden, daß ihm Suleika, die große Angorakatze des Clubhauses, durch ihr drolliges Gebühren Gelegenheit gab, seine Zerstreutheit und Befangenheit einige maßen zu verbergen- Das schöne, überaus zutrauliche Thier, der verhätschelte Liebling aller Clubmitglieder, war langsam näher gekommen, um sich erst eine Weile schnurrend an dem Fuße Georgs zu reiben und um dann äußerst vorsichtig seine spitze rothe Zunge in die kleine Lache zu tauchen, die der aus dem zerbrochenen Glase geflossene Champagner in einer flachen Höhlung des Fußbodens gebildet hatte. Die prickelnde Kohlensäure scheuchte die Katze wohl zuerst wieder zurück; aber die angenehme Süßigkeit de« unbekannten Getränks übte auf die Näscherin dann doch wieder eine so unwiderstehliche Anziehung, daß sie den Versuch erst noch ein paar Mal mit dem gleichen Effect wiederholte, um zu gutir- letzt mit augenfälligem Behagen da« köstliche Naß bis auf den letzten erreichbaren Tropfen aufzulecken. „Suleika wird sich zum ersten Mal in ihrem jungen Leben einen Rausch antrinken," meinte Georg lachend, indem er Ellis auf das komische Benehmen des Thieres aufmerksam machte. Der Engländer aber kniff die dünnen Lippen zusammen und stieß mit dem Fuße nach der Katze, daß sie sich erschrocken und fauchend zurückzog. Als er die Mißbilligung seiner Rohheit aus Georgs Mienen las, sagte er mit seinem unangenehmen, erzwungenen Lächeln: „Ich kann das schleichende Gezücht nun einmal nicht ausstehen und ich will lieber einem Tiger oder Panther begegnen, al« einer solchen jämmerlichen Carricatur. Nichts ist mir so widerwärtig, als eine ohnmächtige Wuth, die nicht Muth und Kraft genug hat, sich an den Gegenstand ihres Hasses zu wagen." (Fortsetzung folgt.) 536 Vermischtes. Perfeet. Dame: „Ich kann Ihnen aber nicht mehr wie vierzig Thaler geben." — Dienstmädchen: „Was, vierzig Thaler für ein perfectes Mädchen? Soviel zerschlage ich ja allein jährlich I" * ♦ * Parirt. Gatte (Jägerianer): „Ekelt es Dich denn nicht, das Haar eines andern zu tragen?" — Gattin: „Sehr gutl Trägst Du denn nicht die Wolle eines anderen Schafes?" ♦ ♦ • Erfreulicher Fortschritt. Fremder: „So, so, der Friedhof ist auch vergrößert worden." — Ortsschulze: „Ei jo, mer sein jetzt ä Kurort!" * » * Generös. Tourist (beim Verlassen eines Hotels): „Ist das Service in der Rechnung mit einbegriffen?" — „Nein, mein Herr, das bleibt der Generosität der geehrten Gäste überlassen." — Tourist : „Ich bin aber nicht generös!" — „Ach so, dann kostet es 2 Mark pro Tag also zusammen 10 Mark!" — Tourist: „Alle Wetter! Da will ich doch lieber generös sein, hier haben Sie 3 Mark!" * # * Im Hochgebirge. Eine Dame aus dem Flachlands steht in voller Bewunderung vor einem mächtigen, aus dem See aufstetgenden schneebedeckten Bergriesen. Endlich ringt ihr der großartige Anblick die Worte ab: „Ach, wie niedlich!" • » Das richtige Mittel* Mann: „Wenn Du wirklich krank brst, werde ich zum Arzt schicken..." — Frau: „Mach doch mal einen anderen Vorschlag!" ♦ ♦ ♦ Ein Kenner. Johann (dem ein Gast bei der Ab» reise eine Mark in die Hand gedrückt, schmunzelnd): „Char« manter Mann! Und welch' ein markiger Händedruck!" Literarisches An den rauhen Herbstabenden, die sich jetzt eingestellt haben, ist'S nirgends so traulich und gemüthlich wie im eigenen Heim. Da greift dann Jedermann gern nach einer guten Seetüte, um aus ihr Unterhaltung, Anregung und geistige Erholung zu schöpfen. Eine solche bietet die bekannte und beliebte „De«tsch« Roma«biVNo1hek* (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt), die soeben einen neuen, ihren 24. Jahrgang begonnen hat. Diesen Anlaß benützend, hat sie ein neues schmuckes Gewand angelegt, und auch inhaltlich macht sich manche Vervollkommnung bemerkbar. Der neue Jahrgang wird mit den Werken zweier unseren beliebtesten Romandichter eröffnet, die ihre Stoffe aus dem vollen Leben der Gegenwart geschöpft haben. In seinem Roman „Der Herr Stationsches" behandelt Karl von Heigel ungemein wirksam -das Thema vom engherzigen und egoistischen Ehegatten, der außerhalb seines Hauses der liebenswürdige Schwerenöiher ist und als guter Kumpan von Jedermann geschätzt und gesucht wird, während er daheim den übellaunigen und rücksichtslosen Tyrannen spielt. Nicht minder lebenswahr wie diese Figur ist diejenige der duldsamen Gattin, in der mehr und mehr das Gefühl der Empörung aufsteigt. Jeder Leser wird gespannt sein, wie der Dichter, der übrigens den herben ©eenen solche voll kräftigen Humors gegenüberstellt, den Eonflict löst. Der zweite Roman: „Schule des Lebens" von Marie Bernhard behandelt, soweit die Erzählung bisher erkennen läßt, die Schicksale eines jungen Mädchens, das ein unwürdiger, lange verschollen gewesener Vater, auf den Buchstaben des Gesetzes pochend, dem glücklichen Idyll der großmütterlichen Pflege entreißt, um sie in die „große Welt" einzuführen — eine Welt des falschen Scheins und der schlimmen Neigungen. Die Dichterin, die binnen kurzer Frist sich den ersten deutschen Erzählerinnen angereiht hat, bietet hier, nach den vorliegenden Proben zu urtheilen, ihr reifstes und bedeutendstes Werk. Nach der Sitte der „Deutschen Romanbibliothek" sind dem Hefte die Biographien und Bildnisse beider Dichter beigegeben. Mit besonderem Vergnügen gewahren wir noch, daß der Redaetion die Entdeckung eines neuen Dichters gelungen ist, und zwar eines, der schon um seiner Persönlichkeit willen erhöhtes Interesse verdient. Ludwig Palmer, ein schlichter Eisenarbeiter zu Schorndorf in Schwaben, ist ein echter Poet, dessen Gedichte sich weit über den seichten Klingklang der landläufigen Lyrik erheben. Endlich ist noch zu erwähnen, daß die amüsanten Miscellen jetzt auf den Umschlag verwiesen find, also noch weiterer Raum für die Erzählungen gewonnen fft. An die genannten beiden großen Romane von Karl von Heigel und Marie Bernhard werden sich im Laufe des Jahrgangs die neuesten Werke von Autoren wie Fr. Jacobsen, Wolfgang Kirchbach, Amölie Linz-Godin, Ernst Remin, Bertha von Suttner, Olga Wohlbrück u. s. w. anschließen. So verheißt die „Deutsche Romanbibliothek" für den billigen Preis von nur 35 Pfennig pro Heft (oder Mk. 2. — vierteljährlich) ihren Lesern eine reiche Fülle der mannigfaltigsten Unter» haltungSlectüre, die den verschiedensten Wünschen gerecht werden wird. DaS erste Heft ist durch jede Sortiments- und Colportage-Buchhandlung zur Ansicht zu erhalten. » * » »Der ettin der Weisen" enthält in seinem zuletzt erschienenen 22. Hefte eine ausführliche und spannende Abhandlung über die in letzter Zeit in Deutschland unternommenen Ballon-Hochfahrten, die, von berufener Feder geschrieben, allgemeines Interesse hervorufen wird. Mehrere Abbildungen dienen zur Erläuterung der textlichen Ausführungen Bemerkenswerth ist ferner eine Studie über die physikalische Beschaffenheit des Kometen Rordamme, wobei zwei hochinteressante photographische Aufnahmen desselben, von Huffey auf der Lick-Sternwarte bewerkstelligt, werden; unseres Wissens die ersten Photographien dieser Art, die ihren Weg in eine deutsche Zeitschrift gefunden haben. Andere lesenswerihe Aufsätze, welche dieses Heft der beliebten populär-wissenschaftlichen Zeitschrift (A. Hartleben's Verlag, Wien) enthält, sind: Mechanik der Herzpumpe, die Eisverhältniffe der Donau (mit interessanten Abbildungen und Dragrammen), die Harze und eine ganze Reihe illustrirter Notizen, unter welchen „ein neues Luftschiff" besonders hervorzuheben ist. Die „Städtepläne aus allen Weltheilen" sind bis Nr. 48 fortgeschritten. Wie man sieht, ist der Inhalt des vorliegenden Heftes wieder besonders reich und vielseitig gerathen. Ein sehr ernsthaftes Scherzgedicht veröffentlicht die „Straßb. Post" unter dem Titel: Förstergelehrsamkeit. (Melodie: Keinen Tropfen int Becher mehr.) Unsre Förster sind fürwahr An Gelahrtheit wunderbar, Muster ohnegleichen; Geht's so fort, so wachsen bald In dem deutschen Eichenwald Querens nur statt Eichen. Bald giebt es nicht Kiefernforst, Tannenwald und Fichtenhorst, Wälder nur von Pinus. Auch die Buche ist nicht da, Fagus nur sylvatiea Und ein paar Carpinus. Unbekannt wird Haselnuß, 'S wächst im Wald nur Corylus, Speeies Avellana. Frißt ’ne Raup' im Eichenwald, Heißt schon jetzt es alsobald: „Fraß von vividana!“ Regnet's von den Kiefern Koth, An dem Werke ohne Roth Wird erkannt der Thäter, Gleichviel ob Gastropacha, Loptiyrus, Fidoma, Heißt der Attentäter. In dem Walde auf Latein Wissen sie jed' Käferlein Richtig zu benennen. Heute ist's ein Bostrychus, Morgen ein Hylesinus, Den sie flott erkennen. Zeiget an dem Tannenstamm Wuchernd sich ein fauler Schwamm, Heißt's gleich: elatinum. Kurz: die Förster uns'rer Zeit Trogen von Gelehrsamkeit, Sprechen nur latinum. Fürchte fast, der Förster sitzt, Weil am Buch er lernend schwitzt, Viel zu viel im Zimmer. Stubenhocker sind dem Wald, Ob in der, in der Gestalt, Schädlich aber immer! Redaetion: A. Scheyda. — Druck und Berlag der Brühl'schen UniverfikSks-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen. bis und frag Herr wert der schaf mich mich zusch! ich w läufig entsp, wenn trauei lieber Inter ganze zeitig einige hastig er dar 8 Ellis Ameri Uebeti führte» Ausgai B Fuße