6**#«gk*llCd«6tt 1895 Lmiliekßlättsk WNAÄDm dd^k^MLKsS ^K v. MnterhMWgMM zum Gießener Anzeiger (General-Anzerger). -«an Ihr Vermächtniß. 9tom«» ven Maximilian SSeegelte. (Schluß.) Ein Jeder ging von der Weihnachtsbescheerung beglückt nach Hause, aber vom Geber war keine Spur und nur die Wenigsten wußten, woher der Segen kam. Wenn Heyd durch da« Dorf ging oder fuhr, so war ihm am wohlsten, wenn ihn Niemand beachtete. In der ersten Zeit war e« auch theilweise der Fall. Nur wenige Leute eilten verschämt zum Fenster oder nach der Thür und blickten ihm neugierig nach. Im zweiten Jahre war e« aber schon anders; wenn er dann durch'« Dorf kam, wurde er ehrfurchtsvoll von allen Bewohnern ohne Unterschied begrüßt und diese Ehrerbietung kam au« dankbarem Herzen — e« ging ihm so wie einst dem seligen Sandow, wenn er durch die Stadt ging, die er zum Wohle vieler Menschen gebaut. Mit wehmüthigem Herzen mußte Heyd an ihn denken- — Der Frühling war wieder in'« Land gezogen und die erwärmende Sonne sandte ihre Strahlen in dar Zimmer de« Forstmeister«, al« wollte sie sagen: Steh' auf, steh' auf, mein Lieber; die Lerche steigt schon hoch. Sieh' nur, wie gut ich'« mit Dir meine. Froher Sonnenschein sei Dir noch viele Jahre beschieden, aber ob Du diesen Tag noch oft erleben wirst — da« können wir Dir freilich nicht sagen, aber der Himmel gebe es. , Auf seinem Tische fand der Forstmeister eine Menge Briefe; sie kamen von Nah und Fern, um ihm die Glückwünsche darzubringen zu seinem 60. Geburtstage. ... Leise öffnete Arthur die Thür; er schob die dicken Por- twren zur Seite und er und seine Familie brachten nun dem Alten ihre Segenswünsche. Einen Veilchenstrauß hielt der netae Karl in seinen Händen, und wenn er auch noch keine Wünsche sagen und nichts zum Großpapa sprechen konnte, al« „Komm', lieber Mai, und mache Die Bäume wieder grün," fo nahm ihn doch der Alte auf seine Kniee und drückte ihn an sich. Ihm schlug da« Herz höher und freudig sah er auf den jüngsten Sproß des Hauses. In des Forstmeister« Augen konnte man es lesen — er hatte den Himmel auf Erden. Friedlich sahen wieder die schrägen Sonnenstrahlen durch die hohen Bogenfenster, als wollten sie noch einmal sagen: diesen Tag noch oft erleben wirst, das können wir Dir freilich nicht sagen. «Nun, mein lieber Vater, werde ich zur Bahn fahren, um unsere Gäste zu holen, die Wagen sind schon fertig," sagte Heyd nach einer Weile und verabschiedete sich. . Und als er dann längst fort war, ging der Forstmeister in den Wirthschaftshof. Er ging nicht, um Ovationen zu empfangen zu diesem Tage - nichts lag ihm ferner al» das. Aber feine Leute konnten eine Nichtachtung darin erblicken, wenn er sich gerade heute von ihnen fern hielt. In ihrem besten Staate traten ihm die beiden Jnfpec- toten und die Vögte entgegen und brachten ihm ihre Glückwünsche und die der ganzen Leute. Herzlich dankte der Forstmeister Allen und reichte den Anwesenden freundlich die Hand. Von vielem Arbeiten wäre ja an diesem Tage so wie so nichts geworden, aber heute, an einem Sonntage, da sollten auch Alle diesen Tag festlich begehen. Auf der kleinen Station, die nur eine Haltestelle war, stiegen heute viele Leute au«, wie es sonst nur im Frühjahre "ach dem Eisgange geschieht, wenn au« allen Dörfern die Flößer herbeikamen und an ihre Arbeit gehen, oder im Herbst, wenn sie wiederkehren nach den Stätten, wo inzwischen die Frauen für ihr bischen Land und die Erziehung der Kinder gesorgt haben. Heute war wieder ein lebhafter Tag und verwundert schaute der Telegraphist und der Bahnwärter der Gesellschaft nach, die auf den Wagen nur langsam den sandigen Weg zur Höhe fuhren. »Auf dem Schlosse muß heute etwa» Besonderes los sein," sagte der Rothbemützte zu dem Bahnwärter, der noch immer an seiner zurück geschobenen Barriere stand. „Seit der neue Herr dort eingezogen ist, hört man nur Gute» von da oben. Stolz scheint er nicht zu sein, denn e« waren auch einfache Leute bei der Gesellschaft — ja sogar ein Bahnwärter oder Weichenstelleri" erwiderte der Andere. „Und drüben im Dorfe scheint nun auch Ruhe zu Herr» scheu, denn von dem vielen Auswändern hört man jetzt gar nichts mehr!" Als sich die Wagen dem Schlöffe näherten, hielten die beiden letzten, um die Gäste absteigen zu lassen, die nun zu Fuß gingen. Am Parkeingange empfing der Forstmeister und seine Tochter ihre lieben Bekannten. Nun gab es ein frohes Wiedersehen, ein freudiges Be- grüßen und Glückwünschen. Wieder hatte fich die ganze Mittwochsgesellschast eingefunden, auch Hellmuth und Familie fehlten nicht. - „Mein lieber Oberförster," sagte der alte Amtsvorsteher voller Rührung, „nun sind wir wieder einmal gesund und froh beisammen —" „Und wollen nun auch froh und lustig sein," ergänzte von Wildenau. „Natürlich, natürlich, und wenn wir Scat spielen — dann bleibe ich auch morgen noch hier," meinte Ribold, der inzwischen noch ein wenig an Umfang zugenommen hatte. Alle fingen laut an zu lachen und Hellmuth wurde am letzten damit fertig. „Nein, diese Beharrlichkeit des Ribold beim Scatspielen I" sagte der Ingenieur und klopfte seinem alten Freund Arthur auf die Schulter. „Und wie sie Alle so wohl aussehen, das ist mir wirklich eine große Freude; doch nun laßt uns hineingehen, damit wir uns stärken, denn das Eisenbahnfähren macht Appetit," meinte der Oberförster, seine Gäste vorwärtsdrängend. Am Eingänge begrüßte Tante Doclor die ganze Gesellschaft und führte sie dann in den grünen Saal nach der gedeckten Tafel. Vordem machten sie aber noch einmal Halt; sie kamen durch das Jagdzimmer, dessen wundervolle Einrichtung der Bauinspector seinem Schwiegervater zum Geschenk gemacht. Herr von Wildenau war wieder ganz weg — das war er immer, wenn er dergleichen auch bei Anderen sah, denn sein Jagdzimmer war ebenfalls großartig eingerichtet. Nun war er als echter Nimrod wieder ganz begeistert, denn er sah mancherlei Neues. Stylgerecht waren alle Wände mit Jagdtrophäsn und Jagdstücken geschmückt. Das auf der letzten Kunstausstellung so viel bewunderte Gemälde „Elche beim Morgengrauen" hing in einem kostbaren Rahmen, umgeben von starken Geweihen von Damwild und Rothhirschen. Zwei Steinadler breiteten ihre mächtigen Schwingen aus über zwei Achtzehn- ehnder, die wieder einen Theil von Gruppen bildeten, in deren Mitte sich die Auerhahn- und Fasanenjagd, ebensalls kostbare Gemälde, befanden. Tante Doctor nöthigte wieder und so faßte denn der Forstmeister seinen Freund von Wildenau unter dem Arm und führte ihn zur Tafel. Mit ausgelassener Fröhlichkeit setzten sie sich zu Tische und Alle waren ein Herz und eine Seele. Der Ingenieur war heute ganz besonders bei der Sache. Seit seinem letzten Hiersein gab es ja wieder eins Menge interessanter Neuigkeiten und Erlebnisse, und durch alle ging Frohsinn und Humor und es schien wirklich so, als wäre das Leben eine Kette froher und heiterer Stunden. Al« ältester Gast brachte der alte Thielemann alsbald das Hoch auf den Forstmeister, seinen alten lieben Oberförster, aus, in das Alle mit frohen Herzen einsttmmten und das wohl als ein verabredetes Zeichen nach außen drang; denn als das dritte Hoch verklungen, tönte von unten herauf der treffliche Sang: „Gott grüße Dich, kein andrer Gruß." Mit bewegtem Herzen hörte es der Forstmeister; er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und das Herz wurde ihm weit. Als dann der letzte Vers verklungen war, stand er auf und schritt zum Fenster. Aber welch' freudiges Erstaunen la» man in seinen Augen, als er seine lieben alten Bekannten und seine grüne Farbe erblickte, die Farbe, der er so lange Jahre angehörte und der sein Herz immer angehören wird, so lange er lebt. Herzlich begrüßte er nun die Sägner und dankte für die freudige Ueberraschung, die sie ihm gemacht. Jetzt wurde die Tafel erst vollständig und in ungezwungener Fröhlichkeit plauderte man bei Tisch, als wäre es nur eine Familie. Man erzählte von Wald und Flur, von dem lieben Lindenheim und dem Resultat der letzten Treibjagd im Belauf Birkheim. Alle waren begeistert bei der Sache, nur der dicke Ribold nicht; er sagte zwar immer Ja und Nein, aber beim Effen — zumal wenn es was Besonderes gibt — konnte ihn so leicht nichts stören. „Wo nur der Steuer diese wundervollen Lachsforellen her hat; das möchte ich wohl wissen," so fragte er sich. „Vielleicht hat fich ein Zug aus den Karpathenbächen in unsere Weichsel verirrt, da» kommt ja vor, freilich nur sehr selten. Und diese prächtige Krebsmajonaise, da muß ich mir nachher doch das Rezept ousbitten." „Herr Forstmeister, bet mir stehen jetzt zwei Kapitalböcke, da sollten Sie mich doch wirklich einmal beehren," sagte von Wildenau. „So — wohl wieder bei der Eichenschonung an Jagen sechsundachtzig?" entgegnete der Forstmeister lächelnd. „Aber das Vergnügen will ich Ihnen schon nicht rauben, mein lieber Wildenau. Aber zur Rebhühnerjagd müssen Sie herüber kommen, denn nirgends sah ich so viele Hühner als hier! Herr Oberinspeetor l" rief er zum anderen Ende der Tafel hinüber. „Wie viel Hühner haben wir wohl auf unseren Wiesen und Feldern?" „Nun, es mögen wohl an achtzig Volk sein," gab der Oberinspector trocken zurück. „Nun hören Sie es, mein lieber Wildenau, an achtzig Volk zählte der Herr Oberinspector," sagte der Forstmeister vergnügt. „An achtzig Volk," wiederholte von Wildenau. „Um's Himmels willen, heiliger Hubertus, nun ist es aber genug." „Und immer fünf auf einen Schuß — fchrumm — ist das 'ne Jagd," ergänzte der alte Förster Rudow, der sich laut lachend in seinen Stuhl zurücklehnte und das linke Auge zukniff. Die ganze Gesellschaft brach in ein homerisches Geläckter aus, denn Alle waren ganz bei der Sache, besonders die grüne Farbe. So war man in der besten Stimmung und lebhaft Unterhaltung, als der Forstmeister an sein Glas klopfte. „Meine lieben Anwesenden!" begann er. „Aus meinem Lebenswege, der ja längst bergab geht, waren mir in den letzten Jahren so viele Freudentage bescheert, wie ich sie nie erwartet und auch nie verdient habe, und ich bin dem Ur- ewigen sehr dankbar für den Segen, den er mir verliehen. Aber von all' den Tagen ist mir der heutige einer, welcher meinem Herzen besonders wohlgethan. Sie Alle hier sind hergekommen, um mich mit Aufmerksamkeit zu überhäufen. Mehr denn jemals empfinde ich heute die Worte: „Seid um- fchlungen, Millionen". Ihre Anwesenheit hat mich so freudig gestimmt, daß ich nicht nur Sie, meine Lieben, sondern die ganze Welt umarmen könnte. Nehmen Si- in wenigen Worten meinen innigsten Dank. Der Himmel aber gebe Ihnen noch viele Jahre Gesundheit, er erhalte Sie noch lange zum Segen der Ihrigen, besonders aber Ihrer Nachkommen, die Ihnen Freude machen mögen jetzt und immerdar. Und mit diesen Wünschen erhebe ich mein Glas und trinke auf das Wohl aller Anwesenden, insonderheit aber meiner lieben Gäste!« Nach aufgehobener Tafel begaben fich die Herren in den Park, die Wirthschaftsgebäude und in den Tannenforst. „Alls Achtung vor Ihrer Wirthfchaft, mein lieber Oberförster; wahrlich, in solchem Zustande wird man weit und breit keine zweite finden. Wie einfach und dennoch schön die Leutewohnungen aussehen." „Ja, lieber Thielemann, das ist auch meine« Baumeisters Werk. Und Ihnen, meine Herren," sagte er und wendete 483 stch zum Bühnenmeister und zum Bahnwärter von Bude 114, »Murn möchte ich noch die Mittheilung machen, daß stch Ihre Söhne sehr wohl befinden. Beide sandten mir ihre Glück- wünsche zum heutigen Tage. Sie sind nach Tertia versetzt, was Sie wohl schon erfahren; und ich hoffe, sie werden Ihnen noch viele Freude machen." „Das ist auch unsere Hoffnung, Herr Forstmeister, aber wie sollen wir Ihnen nur dar Alles danken," entgegnete der Bühnenmeister. „Viel sprechen kann ich nicht," ergänzte dann der Bahn- Wärter von Bude 114 und er legte seine Hand auf's Herz, „aber meine Frau läßt Ihnen auch vielmals danken." «Nun, meine Lieben, der Dank gebührt ja meinem Schwiegersohn; doch gebe Gott, daß wir noch einige Jahre leben und immer Freude an unseren Kindern haben." Als die Gesellschaft aus dem Walde zurückkehrte, fing es gedeckt °B' bunteI werden und der Abendtisch war schon In heiterer Weife verging nur zu schnell die Zeit und die Stunde des Aufbruches mahnte, denn der Zug durfte nicht versäumt werden. »Herr Forstmeister," sagte der Lehrer Hoffmann, „wir haben Sie heute mit Gesang begrüßt und wir möchten auch so von Ihnen scheiden." Freundlich nickte der Forstmeister und ließ sich im Kreise seiner alten, lieben Freunde nieder. Lautlose Stille trat nun ein und froh bewegt erschallte in dem weiten Saal: „Das theure Vaterhaus". Hertha, die an der Seite ihres Mannes P' *<> mit inniger Rührung der Stunde, in welcher ? .< heim Abschied nehmen wollte. Wieder f ..olick vor ihrer Seele, in dem ihr Herz ihr sagte. „«r nicht „Des Seemanns Abschied von seinem Lieb", , auch nicht «Das theure Vaterhaus", auch „Dein Lied" nicht, — aber bleib bet mir. Mit ihren treuen Augen sah sie hinauf zu ihrem Gatten, dem wieder ein ganzes Himmelreich entgegen» strahlte wie zu jener Stunde, da sich ihre Herzen fanden. Zwei Monate nach dieser Zeit erhielt der Forstmeister >er Lmdenheim einen Brief aus Australien von Curt Walten - wie er jetzt hieß. Bittere Reue empfand er über seinen Leichtsinn, den er s.r gar zu schwer hatte büßen müffen. Es waren ihm nicht trübe Erfahrung en, bittere Stunden und schwere Tage harter Arbeit erspart geblieben; ja, er hatte den Kelch leeren müffen bis auf die Neige. Nach unsäglichen Mühen und anstrengenden Arbeiten beim Löschen der Schiffe im Hafen von Victoria gelang es ihm endlich, in Crafton in New-Südwales als Comptoirist im Hause Stevenson u. Co., einem großen Woll- exportgeschäft, Stellung zu finden. Curt bat den Onkel in- ständigst, ihn wieder mit seiner Mutter zu versöhnen und bat auch ihn um Verzeihung für die bitteren Stunden, die er ihm bereitet. Der Forstmeister sandte seinem Neffen sogleich die Antwort, aber nach kaum drei Monaten empfing er abermals einen Brief aus Crafton, in dem Curt tiefe Reue und bitteren Schmerz über den Tod seiner Mutter empfand. Er sehnte stch nicht mehr zurück nach dem Lande, wo seine Wiege stand, denn er hatte ein zweites Vaterland gefunden. Durch seine Begabung und sein Wesen gelang es ihm bald, das Vertrauen seines Herrn Stevenson zu erwerben, mit dessen zweiter Tochter er zum Weihnachtsfeste die Hochzeit zu feiern gedenkt. Er bat seinen Onkel nochmals um Beleihung und schloß mit den aufrichtigsten Grüßen und Wünschen für den Onkel und sein Haus. — Das Gymnasium zu Marienwerder besuchen zwei Freunde, des Bauinspectors Heyd Schützlinge. Emil Winter ist ein stiller Mensch, der unverdrossen bei seinen Arbeiten fitzt und sich kaum die nöthige Ruhe gönnt. - Aus seinem Bücherregal stehen verschiedene Werke, die ihm Heyd gesandt. Nach Absolvirung dieser Schule wird er stch dem Baufache widmen, wozu er grobe Lust hat. Friedrich Weidner ist auch ein fleißiger Schüler, auch ein guter Mensch, aber einer von den Wilden, der zur Marine gehen will, sobald er erst die Schule hinter sich hat. Seit jenem Tage, an dem er dem Tode in's Auge geschaut, hat er noch öfter in dem Fluß gelegen und unfreiwillig Wasser getreten, aber es hat ihm nichts mehr geschadet. Sein Vater war ein strenger Mann, der ihm schön heimgeleuchtet bätte, würde er öfter von dem Treiben seines Erstlings er* «ähren haben. Aber unser Friedrich kam dann immer von hinten herum in's Haus und meistentheils war ja auch der Bühnenmeister abwesend. Sobald die Schulstunden vorbei waren, war Friedrich stets mit einigen Gleichgesinnten am Wasser zu finden. Mit besonderem Vergnügen sprang er im Sommer vom Buhnenkopf in die Tiefe, schwamm unter dem Flößholz hinweg j und tauchte in ziemlicher Entfernung wieder auf; oder wenn im Frühjahre das Eis kam, schwamm er auf demselben den Strom hinab und sprang mit großer Kühnheit von einer Scholle zur anderen. Das Wasser war sein Element, seine Freuds war die Weichsel und sein Sinnen und Trachten dar weite, wette Meer. * ♦ ♦ Auf ihrem Zimmer sitzt Tante Doctor — nunmehr eine alte Matrone, — deren Thätigkeit auf Walten nicht mehr in Anspruch genommen wurde. Täglich zählte sie ihr Geld und zählt es immer wieder. Aus ihren Händen hat sie es nie mehr gegeben, das sie an dem Tage, als sie es wieder erhalten, hocherfreut an ihr Herz gedrückt. In ihrer weiten Tasche verbirgt sie ängstlich den Schlüssel, sobald sie ihr Zimmer verläßt, das sie stets gewissenhaft verschließt. Ja, dieses Geld, das ist ihr Glück, ihre Freude, ihr Leben — fie wird es bald nicht mehr brauchen. — Im Mittelzimmer des rechten Parterres saß der Forstmeister in seiner Sopha-Ecke, er rauchte seine Pfeife und lauschte den Klängen des Lieblingsliedes seiner Tochter. Die laue Abendluft strömte durch die offenen Fenster und Sterne glänzten am hohen Himmelszelt. Wieder sind es vier Hände und zwei Stimmen eine« glücklichen und zufriedenen Paares, die „Sein Lied" herausschwingen: „Was das Meer erzählt und uns die Welle sagt, Wie viel Schmerz und wie viel Leid ist Dir geklagt; Trägst im Sturme stolz Dein schaumgekröntes Laupt, Dein schaumgekröntes Haupt. Speist verderbenbringend Noth und Trübsal aus, Noth und Trübsal aus. Was gleicht Dir in stiller Sternennacht? In der Tiefe Deines Reichthums Pracht? Wenn die Sonne majestätisch untergeht, Dann ladet Gott der Herr uns zum Gebet. Wenn die Sonne majestätisch untergeht, Dann ladet Gott der Herr uns zum Gebet." Das Geschichtliche der Kochkunst (Schluß.) "Sn dieser Entwickelung der Kochkunst haben nicht nur die Köche und Köchinnen gearbeitet; in frühem Zeiten nahmen die großen Herren selbst ebenso wie auch Dichter und Philosophen thätigen Antheil an der Förderung dieser Kunst. Richelieu, Marzarin, der Conno-table Montmorency erfanden neue Gerichte, die heute noch deren Namen führen, und d r Philosoph Montaigne (1533 bis 92) hielt es nicht unter seiner Würde, ein Buch über die Wissenschaft des Essens („Science de \a gueule“) zu schreiben. Papst Pius V. ließ durch seinen Leibkoch Bartolommeo Scuppi ein Kochbuch des Papste« publizieren (1570), und Ludwig XIII. legte besonderen Werth auf seinen Ruhm als Verfertiger feinerer Confitüren. Unter' Ludwig XIV. erfand Conde die berühmte, nach ihm benannte Bohnensuppe und der Minister Colbert die vortreffliche Sauce 484 Colbert. Ebenso sührte der Haushofmeister des Königs, Herr v. Mchamel, Marquis von Nointal, die weitgehendsten Verbesserungen in der Zubereitung der Speise«, namentlich der Fische ehb erfand die heute noch als unübertroffen geltende sauce ä la BSchamel und das vol-au-vent, um schließlich die Summe sein r Erfahrungen unter dem Pseudonym Le Bas in dem Buch „Sur l’art du cuisinior“ nieder» zulegen. Ein 1655 in Paris erschienener Buch: „Le pätis- sier Elzepries,“ ist heute noch von practischem Werth und wurde 1867 in einer Auction mit 1050 Francs bezahlt. So hoch wurde damals der durch die Küche erworbene Ruhm gestellt, daß ein namhafter Mißerfolg den Leibkoch des Königs, Vatel, zum Selbstmord treiben konnte(1671). Auch in Deutschland erschienen zu dieser Zeit die ersten nennenswerthen Werke über die Kochkunst, z. B. 1643 in Hamburg der Jugend- spiegel von Christ. Actatius Hageriur Francommont Miss». („Ueber die Art zu essen") und 1655 das „New köstliche und nützliche Kochbuch der Fraw Annä Wecker"; endlich in Nürnberg 1702 der aus Parnaffe ehemals entlaufenen vor» trefstichen Köchin Gemerkzettel, woraus zu erlernen, wie man 1928 Speisen wohlschmeckend zubereiten solle." Unter Ludwig XV. förderte namentlich der Sieur de la Varenne, Küchen» meister des Marquis d'Uxeller, die Weiterentwickelung dieser Kunst durch sein epochemachendes Werk „L’ecole des ra- gouts“ (1730). Gleichzeitig erschien in Nürnberg (1734) »Die in ihrer Kunst vortrefflich geübte Köchin, oder auser- lesene» und vollständig vermehrtes Nürnbergisches Kochbuch." Selbst Friedrich d. Gr. wendete der Prüfung und Correctur der täglichen Speisezettel eine ganz besondere Aufmerksamkeit zu, und sein Koch Noe, genannt der Saucenkttnstler, war eine einflußreiche Person. Montier, der Leibkoch Ludwigs XV., hatte, um sich in seiner Kunst zu vervollkommnen, Mediein und Chemie studirt. Der Prinz von Soubise hat durch die Hammetkoteletten mehr Ruhm erworben als durch seine Feld- herrnthaten: wer Truthahn ä la Kegence oder pains ä la d’Orleans ißt, denkt milder über den Regenten, ebenso über die Frau, wer filets ä la Pompadour genießt. Zur Regierungszeit Ludwigs XVI. glänzen als Sterne erster Größe am Firmament der Küche die Marschälle von Richelieu und Dura«, der Herzog von LavaWre, der Marquis von Brancas und Graf Tesse. Kaum waren die Schrecken der Revolution vorüber, so begann in Frankreich die eigentliche Blüthezeit der Kochkunst; sie wurde sogar eine politische Macht. Der Anfang des Jahrhunderts brachte zunächst einen Dichterkoch, Barchoux, welcher ein didaktisches Gedicht: „La Gastronomie,“ in der Hauptsache eine Uebersetzung der Hauptstücke des Werkes von Quintus Ennius (s. rorher), herausgab. Es entstanden damals zwei sich scharf bekämpfende Richtungen, die romantische und die klassische Schule. Als Vertreter der erster« gilt Beauvtllers' »L’art de la cuisine" (grundlegendes Werk), der letztern M. A. Carome, der, wie auch Montmireil, al« der historische Koch des Wiener Congreffes zu nennen ist. Der Herzog-Kanzler Cambaleräs, von der Ansicht ausgehend, daß man zum großen Theil durch die Tafel regiere, und daß also ein Staatsmann, der keinen guten Tisch führe, überhaupt keine diplomatische Erfolge erringen könne, beherrschte mit seinem Küchenchef Benaud einen Theil Europa«. Auf gleichen Bahnen wandelte Talleyrand mit seiner berühmten Küchenbrigade (Very rc.). Ueber den Parteien aber thronte al« allseitig anerkannte Autorität Alexander Balthasar Laurent. Diese gute Zett hielt auch nach der Restauration an, denn Ludwig XVIII. war zugleich Feinschmecker und Vielesser (vgl. Vard, Le cuisinier royal, 1815), In Deutschland war man in dieser Zett auch in. Bezug auf die Küche ganz unter französischer Herrschaft; selbst eine Kant gehörte zu den Gourmands und pflegte sich eingehend über das Essen und dessen Zubereitung zu unterhalten. Erst Königs „Geist der Kochkunst" (deutsche Ausgabe von Rumohr, 1822; 2. Aufl-, Stuttgart 1832) brachte den deutschen Namen auf diesem Gebiet wieder zu Ehren. Freilich wurde dieser bald wieder verdunkelt durch Brillat-Savarln« weltberühmte«, bisher unerreichtes Buch „La physiologie du gotit“ (1825 • deutsch von K Vogt, 5. Aufl., Braunschw. 1888). Hiermit gelangte die Entwickelung der Kochkunst zu einem vorläufigen Abschluß. Die später» Werke, unter denen die „Gastrosophie" des Barons Vaerst (Leipz. 1851) und „Das Menü" von E. v. Malortie (3. Aufl-, Hanover, 1887, 2 Bände) besonders hervorzuheben find, bauen sich in der Hauptsache auf den Resultaten der klassischen Periode auf. Ganz originell ist das „Grand dictionnaire de cuisine“ von Mer. Dumas dem älter«, Parts 1873). Gemeinnütziger. Französischer Senf. Man nehme 500 Gramm feinstes, gelbes Senfmehl, 200 Gramm Oliven- oder Mandelöl und rühre bas Oel mit dem Senf an. Hierauf werden 125 Gramm Sardellen, 50 Gramm Kapern, 30 Gramm Schalotten und 10 Gramm Knoblauch zu einem ganz seinen Teig gewiegt (zerhackt), durch ein Haarsieb getrieben und dem obigem Mehle beigemischt. — Man übergieße nun in einem Glase 10 Gramm schwarzen Pfeffer, 5 Gramm Kardamom, 2 Gramm Nelken, 5 Gramm Mußkatnuß, einen zerschnittenen Hering, 10 Gramm Selleriewurzeln, 15 Gramm Estragonkraut und einige Lorbeerblätter mit einem Liter guten Weinessig, setze das Gefäß 5 bis 6 Tage gelinder Wärme au», filtriere den Essig von den Substanzen und rühre denselben dann dem Senfmehlbrei bei. Längere Aufbewahrung macht diesen Senf besser. * L ‘ «rikanischer Catsup-Senf. Man kocht geschälte und in -.ücke geschnittene Aepfel, welche sich gut zu Brei eignen, mit etwas Wasser weich. Man nimmt gleiche Theile von diesem Mu« und Weinessig, fügt auf2 Killogramm Aepfel 5Oo Gramm Zucker bei, versetzt die Masse mit einem Eßlöffel voll gemahlenen Zimmet, Gewürznelken, Pfeffer, Salz und nach Belieben ebenso viel geröstetem Senfmehl und kocht Aller zusammen eine Stunde. Ist der Brei fertig, so wird er, nötigenfalls mit Essig verdünnt, durch ein feines Sieb getrieben und dann sofort in weithalsige kleine Flaschen gefüllt, welche gut verkorkt werden. Allerdings wahr. Steinalter Mann (in da« Bureau einer Lebensversicherung tretend): „Ich möchte mich versichern lassen." — Beamter: „Wie alt sind Sie denn?" - Stein» alter Mann: „Vierundneunzig Jahre." — Beamter: „Ja, dann sind Sie zu alt, dann können wir Sie nicht mehr aufnehmen." — Steinalter Mann: „Aber erlauben Sie mal, es ist doch statistisch nachgewiesen, e« sterben viel mehr Leute vor dem vierundneunzigsten Jahre als nachher!" Ein Pessimist. (Zwiegespräch auf der Promenade.) „Ich würde es bei Ihrem chronischen Husten einmal versuchen, Ziegenmilch zu trinken." — „O, hören Sie mir auf, im vorigen Sommer habe ich so viel davon getrunken, daß ich statt des Hustens ein chronisches Meckern bekommen habe!" * • Frech. Herr: „Warum«gehenSie denn nicht arbeiten, warum bringen Sie Ihre Zeit mit Betteln hin?" — Bettler: „Haben Sie schon einmal gebettelt?" — Herr: „Nein, selbstverständlich nicht." — Bettler: „Na, dann wissen Sie ooch «ich, wat Arbeit is!" ♦ e Oha! «Junge Frau: „Herr Postrath, diese Mayonnaise habe ich selbst zubereitet!' — Gast: „Ach, das macht ja nichts, gnädige Frau!" Rebaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schrn NniverfiMS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch 4 Scheyda) in «ießen.