Ihr Vermächtniß. Roman von Maximilian Moegelin. (Fortsetzung.) „Nicht wahr, Kind," sagte Thielemann und klopfte Hertha freundlich die Wange, „nachher spielst Du uns noch das Lied, das Du bet Ribolds kürzlich so wunderbar vorgetragen." „Gewiß, Onkel Thielemann, von Herzen gern." Und wieder ließ sich Hertha nieder und spielte „Ein Sommertag in Norwegen", Fantasie von Wilmers. Der alte Amts« Vorsteher küßte ihr bewegt die Stirn, als sie ihr Spiel be- endet, und Frau von Wildenau winkte Hertha freundlich zu. Nun kam die Reihe an Gertrud, die sich lächelnd niederließ und die Noten weglegte. „Nur einmal blüht im Jahr der Mai, nur einmal im Leben die Liebe," spielte sie und sang das Lied so klar und glockenrein, wie es im rothen Salon auf Wildenau schon oft ertönte. Auf dem Gesicht ihrer Mama lag Mutterstolz und heiterer Sonnenschein, aber es erfreute auch alle Anwesenden und nicht zum wenigsten den Ingenieur, der kein Auge von der wilden Trude wandte, deren Schneeglöckchen am Busen auf« und niedergingen. Al« die letzten Töne verklungen, klangen wieder die Gläser und der Oberförster stieß mit der Frau von Wildenau an, denn er gönnte ihr diese Freude von ganzem Herzen, In heiterster Weise plauderte man von Diesem und Jenem, und man hätte fast glauben müssen, daß die Freunde schon'jahrelang in dieser Gesellschaft verkehrten. „Wenn ich nur wüßte, Thielemann, was Du so Besonderer in Deinem Keller hast, ich möchte am liebsten schon morgen zu Dir kommen," sagte der dicke Ribold. „Nun, dar würde Dir doch nichts nützen, liebes Heide- siieß — wird nicht früher verzapft, aber dann sollst Du Dich auch laben," erwiderte der Alte so sonderbar lächelnd, als wollte er sagen: „Die Nummer, die ich im Keller habe, ist gut, aber wehe dem, der zu oft den Boden sieht." „Womit wird uns nun der Herr Baumeister überraschen?" flüsterte Gertrud ihrer Freundin zu, die Beide jetzt am Fenster standen und in die friedliche Mondnacht sahen. «Vielleicht wird e» etwa« sein, war unsere Ohren noch Dornm-tak ötA 12. September Nr. 108 1805. ün;iliei;6K;lk'r lesencr Unterhaltungsblatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). <& "i-Äw- nicht gehört," sagte Hertha. „Aber wie gefällt Dir dieser Mann?" „Ueber alle Kritik erhaben, Herzchen, alle meine Erwartungen sind in den Schatten gestellt. Diese fast unheimliche Ruhe und Sicherheit in seinem Wesen, dieser freundliche, erhabene Blick seiner himmelblauen Augen, die übrigens den Deinen nicht unähnlich sehen, und seine Worte, wie Gold gewogen, wirken so überzeugend und wohlthuend wie die unumstößliche Wahrheit. Nun, Hertha, ich habe so einen Mann noch nicht gesehen." „Aber auch sein Freund, Gertrud, scheint ihm sehr ähnlich zu sein, wiewohl sein Wesen ja eher das Gegentheil ist. Frohsinn und Humor scheinen seine ständigen Begleiter zu sein. Sieh' nur, Trude, wie herzlich Dein Papa lacht und wie er nun vergnügt mit ihm anstößt l" In diesem Augenblicke ging der Baumeister zum Clavler und lautlose Stille trat ein. Sonderbare, höchst sonderbare Töne erklangen nun, fremde, ganz eigenartige Melodien ertönten, bald schien aus ihnen tiefe Trauer, dann einige Zufriedenheit, dann wieder Lust und Frohsinn zu sprechen. Es schien die Sprache einer fremden Volkes zu sein, die Niemand wußte, wo er sie hinbringen sollte. Und als der Baumeister dieses Vorspiel beendet, spielte er und sang die „Paloma". Es war ein Vortrag von größter Vollendung, und Alle lauschten begeistert diesem wunderbaren Spiel- Aber seine Gedanken weilten nicht in dieser Gesellschaft, nicht auf dem freundlichen Lindenheim mit seinen herrlichen Waldungen, sondern im epheuumrankten Farmhause in Wiskonsin, ihm war es, als fühlte er Jemand zu seiner Rechten, als spielten vier Hände und sangen zwei Stimmen. Der Baumeister sang den zweiten Vers mit derselben Wärme, mit derselben Ruhe, er sah den Mond am wolkenlosen Himmel gespenstisch seine Schatten in die Kronen der hohen Bäume werfen; er sang den driten Vers und ihm wurde wieder leicht, so leicht um's Herz, als wäre Trost und seliger Friede eingezogen. Weit hinaus erklang sein Lied durch die offenen Fenster in die laue Luft und Sternenlicht fiel in sein Gestcht. Als die letzten Töne verhallt, erhob er sich, Allen dankend, die ihm ihre Anerkennung für den seltenen Genuß brachten. Zuletzt trat der Oberförster zu ihm und drückte ihm freundlich die Hand. „Herr Baumeister," sagte er, „Sie können nicht ahnen, wie wohl Sie meinem Herzen mit diesem Liede gethan- Ich habe es in Mexiko und Vera-Cruz oft und gern gehört zu einer Zeit, als ich sinnetrunken dieses gottgesegnete, herrliche Land durchwanderte."! Und der Oberförster stieß mit ihm an, und sie stießen Alle an und leerten ihre Gläser. In bester Harmonie verlief nun schnell die Zeit, bis der alte Amtsvorsteher zum Ausbruch mahnte. „Ich werde meinen Wagen sogleich ansprnnen laffen, meine Herren," sagte der Oberförster zu den Freunden, als sie sich von ihm verabschieden wollten. „Aber tausend Dank, Herr Oberförster, wir sandten unser» Wagen fort, da es uns ein besonderes Vergnügen ist, in dieser schönen Nacht den uns hinlänglich bekannten Weg zu Fuß zu machen," erwiderte Heyd. „Nun, wie es Ihnen beliebt, meine Herren." Und „Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen" hieß es von allen Seiten. Siebentes Capitel. Arm in Arm schritten nun die Freunde langsam an der Seite der Fahrstraße unter den hohen Buchen entlang, durch deren junges Laubdach die Sterne schimmerten. Auf der anderen Seite des Weges zog sich dichter Tannenwald die Anhöhe hinauf bis zum Gestell nach Birkheim. Hinter leichten Wolken trat der Mond hervor, dessen magisches Licht die Schatten der hohen Tannen weit in den Weg warfen. Eine Nachtschwalbe flog fast zu ebener Erde in den Laubwald und der kurze Ruf einer Eule ertönte au« dem dichten Tannenhag. Schweigend schritten die Freunde nebeneinander. „Sagtest Du etwas, Karl?" fragte Arthur nach einer Weile. „Ich, Arthur? — Nein, ich sagte doch wohl nicht«." „Aber wo weilen denn jetzt Deine Gedanken, mein lieber Karl! Als wir unten im Thals waren, war Deine Stimmung auf der Höhe und nun wir auf der Höhe sind, scheint Deine Stimmung im Thal zu sein!" , , „Hm, Arthur — ich dachte nur an den schönen Abend, den wir heute verlebten und werde Dir ewig dafür dankbar sein." Wieder trat Schweigen ein. „Welch' eine herrliche Nacht heute! So ganz geschaffen, seinen Gedanken nachzuhängen!" sagte Arthur nach einer Weile. „Aber sage mir doch, Karl, wie gefiel Dir denn der Herr von Wildenau? Ist er nicht ein prächtiger alter Herr?" „Der Herr von Wildenau?" sagte Karl, wie vom Traume erwachend. „O — dieser Herr gefällt mir sehr gut, das heißt, die anderen Herren ebenfalls; ach ja — das kann man wohl nicht anders sagen." „Und die Damen, Karl?" „Ach, die natürlich auch, lieber Arthur. Ach, weißt Du, lieber Sohn," sagte Karl nach einigem Sinnen, „mir ist'«, als wäre hier das Echo von Lindenheim und alle die Sieber von heute Abend klängen hier wieder!" „O, wie poetisch, Karl! Fürwahr, ich hätte solch' eine innere Regung meinem lustigen Freunde gar nicht zugetraut! Und welches Lied gab Dir denn das Echo zurück, als Du so sinnend lauschtest?" „Ach, Arthur, ich hörte nur ihr Lied: Nur einmal im Leben die Liebe. — Ja, Arthur, jetzt verstehe ich, wenn Faust bei seiner Lampe Dämmerschein sich nach etwas sehnte, was sein Herz nie zuvor gekannt, daß er liebestrunken war, als er Margarethe im Sonnenglanz erblickte! Ja, es ist wahr, mein treuester Freund: Die Liebe ist kein leerer Wahn. — Wenn heute Morgen noch Jemand zu mir gesagt hätte: Hellmuth, halten Sie Umschau unter den Töchtern des Landes, die Liebe wird sich finden, dann hätte ich geantwortet wie schon oft zuvor: Nonsens, nonsens, glaube nicht an diesen Zauber! Aber jetzt, Arthur, ist mein Herz geöffnet und ein wunderbares Sehnen geht durch dasselbe. Immer wieder und 480 - immer wieder klingt es in meinen Öhren und dringt zu meinem Herzen: Nur einmal im Leben die Liebe." „Nun, mein guter Karl, laß nur die Thüren Deines Herzens offen stehen — bei Einem früh, bei Einem spät — was Dir befchieden ist, dem entgehst Du nicht! — Aber es entspricht auch so recht Deinem Wesen — sehen und lieben mit felsenfester Ueberzeugung ist bei Dir eins! Weißt Du, liebster Freund," sagte Arthur lächelnd, dem sonst so lustigen Ingenieur sanst auf die Schulter klopfend, „weißt Du, ich werde darüber ein kleines Ding schreiben, ich werde es recht humoristisch machen, vielleicht „Der Liebe Anfang" oder „War ich im Thale sah" — war meinst Du dazu?" „Hm, — schau wie Du heimzahlst, Arthur, aber da« wirst Du natürlich nicht thun!" „Nein, Karl, da kannst Du unbesorgt sein, denn war heutzutage zusammengeschrieben wird und was sich Alles dazu berufen fühlt, das ist nicht mehr schön. Freilich, es kann auch nicht Jeder einTurgenjff, ein Ohnet oder Spielhagen sein." Frohe Stunden waren es, welche die Freunde in dieser Gesellschaft verlebten. Zur bestimmten Stunde hielt stets ein Wagen vor dem „Deutschen Hause", der sie abholte. Oft richteten es auch die Herrschaften so ein, daß sie ihre Einkäufe und sonstigen Geschäfte, die sie nach der Stadt führten, an diesem Tage machten und fuhren dann stets in Gesellschaft zurück. Traf es sich einmal, daß die Freunde nicht bestimmt zu- sagen konnten, dann wurde lange debattirt, bis der Ribold stets sagte: „Meine Herren, Sie dürfen einfach nicht fehlen, schon wegen der beiden dritten Mann zum Skat." Aber heiter verliefen diese Abende, denn der Ingenieur, der von natürlichem und oft sprudelndem Humor war, brachte häufig die ganze Gesellschaft in heiterste Stimmung. Die alten Herren, die sonst ziemlich ernst waren, still ihren Skat spielten und ruhig jedes interessante Spiel kritisirten oder höchstens der Herr Mühlenbesitzer bei einem Grand mit Vieren, schmunzelnd hin- und hsrrückend, einige Bemerkungen machte, wurden bei diesem Frohsinn wieder jung. Ueber diesen Skattischen hätte man auch an die Wand schreiben können: „Humorlose Menschen sind uns ein Gräuel." Häufig drang ein schallende« Gelächter durch das Zimmer und der alte Amtsvorsteher, der zu seiner Zeit in Bonn und Heidelberg auch keiner von den traurigsten war, mußte ost so herzlich lachen, daß die hellen Thränen sein gefurchtes Gesicht herunterrollten. Eines Mittwochs traf Heyd seinen Freund schon auf dem Bahnhofe und sie gingen den weniger belebten Fußweg zur Stadt. Hellmuth, der wie gewöhnlich bei frohester Stimmung war, hielt sehr vorsichtig in seiner Linken einen Gegenstand, der sorglich in einer Seidenhülle geborgen war. „Was trägst Du denn dort mit so großer Vorsicht, Karl? Es sieht ja fast so aus, als hätte Flora Dich mit einer besonderen Mission betraut!" „Ja, Arthur, so ist es auch, steh' nur einmal her." Und er öffnete die obere Hülle. „Ah, welch' ein prächtiger Blumenstrauß; und wie sinnig, oben eine weiße Rose, umgeben von Vergißmeinnicht! Aber sage mal, ist auf Wildenau vielleicht heute Geburtstag?" „Nein, Arthur, daß ich nicht wüßte, aber mit diesen Blumen hat es seine eigene Bewandtniß!" „Nun, da bin ich doch neugierig, zu hören, was da kommen wird!" „Nun, so höre denn, Du Weiser, und stehe mir Rede und Antwort! — Bis vor Kurzem, Arthur, da bin ich de« Morgens so aufgestanden, wie ich mich des Abends nieder- legte; aber seit dem Tage, an dem ich das erste Mal dort unten war," — und er gab mit dem Finger die Richtung an — „da ist es anders geworden. Denke Dir nur, welch einen sonderbaren Traum ich in letzter Nacht gehabt: Ich schritt an einem reißenden Bach, dessen Quellen von steilen Felsen stürzten, und gelangte in einen Wald, viel schöner als jener von Lindenheim. Dort sangen die Vögel so herrlich/ wie ich sie nie zuvor gehört- Voll Bewunderung schritt ich 431 laitge unter Buchen- und Eichenriesen, deren Laubdächer so dicht waren, daß das goldene Sonnenlicht nur spärlich durch, drang. — Ich kam an einen schönen See, in dessen stillem Wasser der wolkenlose blaue Himmel sich wtederspiegelte. Wasserhühner schwammen darauf und verschwanden plötzlich, als tauchten sie in die Welt, die auf der stillen Wasserfläche lag. Bachstelzen und andere kleine Sänger zwitscherten im Schilf ihre Lieder oder schwankten auf dem hohen Rohre hin und her. Zwei Eisvögel spielten auf dem Wasser und ihr buntes Gefieder glänzte im Sonnenschein. Wie im Traum verloren stand ich an einer Eller gelehnt und schaute lange auf den blauen Waldsee, den Himmel preisend, der uns am Schöpfungstags so reich bedacht. Der Ruf einer wilden Taube erweckte mich, der vom jenseitigen Ufer kam; ich lauschte den mir aus meiner Jugendzeit bekannten Tönen und gab alsbald Antwort, denn ein alter Förster im Königsbergischen lehrte es mich damals. Vorsichtig schlich ich am Ufer entlang und kam so dem Ruf immer näher. Endlich stand ich vor einer mächtigen Eiche auf einem kleinen Platz, auf dessen grüner Moosdecke sich Brombeersträucher und Farnsträucher ausbreiteten. Dann war es still und all mein Locken war vergebens. Aber wie aus Wolken gefallen fand ich plötzlich am Stamme dieser Reicheneiche Fräulein von Wildenau schlafend. — Vorsichtig schritt ich näher. Wie im seligen Traume umspielte ein Lächeln ihren Rosenmund; an ihrem Busen trug sie eine weiße Rose, umgeben von Vergißmeinnicht. — Arthur — mit gefalteten Händen habe ich dies Bild be- trachtet, lange, lange Zeit. Auf meine Knies fiel ich und im Traum wollt' ich sie fragen: „Gertrud, liebst Du mich?" — Aber ich fand keine Worte und als ich dennoch sprechen wollte, klang es vom Ufer her: „Zirol, zirol" und dahin war dieser schöne Traum." „Aber das ist allerliebst, Karl, das ist ja reizend und das reine Pendant zum Käthchen von Heilbronn. Run, das ist ein gutes Zeichen zu „der Liebe Anfang", nur immer weiter." „Schau', Arthur, nun bringe ich ihr heute diese Blumen und werde einmal scharf aufpassen, wie die wilde Trude diese Gabe aufnimmt I" „Und wirst Du ihr nicht Deinen Traum erzählen?" „Rein, Arthur, erst muß ich in Erfahrung bringen, ob nicht ein Anderer bei ihr diesen Platz schon erobert hat," — und er legte die Hand auf'- Herz, — „und dann nachher, wenn's noch frei ist, dann — dann vorwärts mit frischem Muth." So kamen dann die Freunde bis zum Deutschen Hause, wo von Wildenaus Wagen mit den prächtigen Rappen schon ihrer harrte. Eines Sonntagrmorgens durchstreifte der Baumeister, wie schon ost zuvor, den Wald. „Ist doch ein sonderbarer Alter, dieser Förster Rudow," dachte Heyd, „aber eine gute Seele steckt in diesem Manne von echtem Schrot und Korn; ich wünschte, ich könnte täglich ein Stündchen mit ihm plaudern. Seine Walderlebnisse und Jagdabenteuer sind hochinteressant zu hören und man merkt es oft kaum, wenn der Wirklichkeit die Dichtung folgt; doch das machen die Jäger nun einmal nicht anders. Aber ich glaube, wenn der Alte „Schrumm" sagt, dann sängt er an zu flunkern, er blinzelt dann mit dem linken Auge so seelenvergnügt, als wollte er sagen: Du glaubst mir's doch." Unwillkürlich lenkte Heyd seine Schritte wieder nach Birkheim, aber er fand den Förster nicht zu Hause. „Wenn Sie nicht warten wollen, Herr Baumeister, so werden Sie meinen Alten auf der Cultur finden," sagte eine kleine, rundliche Frau und Heyd verfolgte den ihm beschriebenen Weg. An der Stein'rücke vorüber kam er durch einen Donen- strich in einen finsteren Tannenhag und von dort durch Jagen 58 und 59 an einen freien Platz, der umgeben war von einem Zaune aus rohen Fichtenstäben. Als er näher trat, gewahrte er den Oberförster, umgeben von einer Anzahl seiner Beamten. Der Oberförster, auf Heyd aufmerksam gemacht, eilte ihm freundlich entgegen. „Ah — guten Morgen, Herr Baumeister, mir sehr angenehm, Sie zu sehen, kommen just wie gerufen. Wir beschlossen nämlich am letzten Mittwoch, an dem Sie leider verhindert waren, zu erscheinen, bei mir ein Scheibenschießen an, kommenden Mittwoch zu veranstalten und wollte ich Sie und Herrn Hellmuth heute noch davon in Kenntniß setzen. Ich kann wohl annehmen, daß Sie Beide daran theilnehmen; Büchsen und so weiter finden Sie bei mir vor, Herr Baumeister." „Dieser Einladung folgen wir sehr gern, Herr Oberförster, doch ist es wohl gestattet, meine eigene Büchse mit- zubringen?" „Natürlich, natürlich, doch bitte ich schon um drei Uhr um Ihren werthen Besuch 1 Ich weise nämlich meinen Leuten die Kiefernpflanzen an, die in dieser Woche verpflanzt werden sollen, und da ich morgen dienstlich verhindert bin, so geschieht es ausnahmsweise einmal am Sonntagei" „So, so — ich glaubte schon, Herr Oberförster halten einen Gottesdienst unter freiem Himmel ab!" „Bewahre, Herr Baumeister, bei mir mag jeder nach seiner Fason selig werden, denn der Gottesdienst allein macht es ja auch nicht! Doch nun bitte ich Sie, mich einige Augenblicke zu entschuldgen; ich werde Ihnen den Förster Rudow schicken, mit dem ich schon fertig bin, damit er Ihnen unseren Pflanzgarten zeigt, aber bitte kommen Sie doch herein." — Während nun der Oberförster seine Anweisungen gab, begrüßte Heyd den alten Förster und den Secretär Herrmann per distance. — „Komme soeben von Birkheim, Herr Förster Rudow und bringe Ihnen Gruß von Ihrer Frau." „Ah — danke, habe gestern schon nach Ihnen ausgeschaut, machte Donenbügel im Garten, hätte Sie gern bei uns gehabt, denn in Gesellschaft — schrumm — dann geht es besser." »Ich ging auch durch Ihren Donenstrich, Herr Förster, aber wie ist denn der Fang bei Ihnen?" „O, ich kann nicht klagen, es gibt ja genug von dem Zeug und die Städter zahlen ja auch ganz gut. Es ist nämlich die Einnahme meiner Tochter, oder richtiger gesagt, deren Kinder, denn seitdem Marie den Gendarm geheirathet, wird die Theilung alle Jahr um eine Stelle größer. — Sehen Sie, Herr Baumeister, wir befinden uns hier in unserem Pflanzgarten, dem größten Schatz des Forstmannes. Diese Pflänzchen hier, wie dünne Grashalme, ist aufgegangener Kiefernsamen. Hier stehen Buchen und Birken und dort verschiedene Kiefern und Tannenarten nach Jahrgängen. Von hier ab bis ans Ende des Zaunes sehen Sie nur Eichen der mannigfachsten Sorten wieder nach ihren Jahrgängen geordnet. Diese hier sind schon verschult und sehen jene nicht prächtig aus? Wie sie alle so schön gewachsen sind zu unserer Freude, denn gerade die Eiche ist der Stolz des Forstmannes. Der Herr Oberförster selbst beschneidet sie und stundenlang kann er hier verweilen, sobald er vorüber kommt. Kommen Sie nur, bitte, hierher, Herr Baumeister, so hier ganz an's Ende, hier sieht und hört uns Niemand und das wollte ich gerade, denn, Herr Baumeister, auf meinem Herzen liegt eine Centnerlast und wären Sie nicht eben hier, so hätte ich sie morgen bestimmt aufgesucht. Herr Baumeister, Sie müssen helfen und Sie können helfen, denn Sie sind der Mann dazu," sagte der Alte mit trauernder Miene und seine bittenden Worte klangen so ernst, wie sie Heyd noch nie von ihm gehört, der den Alten ruhig ansah. „Sprechen Sie nur, Herr Förster, Sie setzen in mich ein große» Vertrauen und ich weiß nicht, ob Ihre Meinung nicht zu hoch ist, aber was in meinen Kräften steht, das soll gewiß geschehen," erwiderte Heyd und er reichte dem Alten die Hand. (Fortsetzung folgt.) - 4ß2 dem Wasser, so unter dem Lande ist, hin» und hergetriebeü, daß mancher Hausmann große Mühe haben muß, seinen Hos nebst den darauf stehenden Eichbäumen wiederum auf die vorige Stelle zu bringen". Und so ist es geblieben bi» auf den heutigen Tag. Wenn zur Zeit der Schneeschmelze das „Treiben" beginnt, wackelt ganz Waakhausen, für feine Bewohner beginnt die Zeit des ',Umsturzes", gegen den Gesetze nicht erlassen werden können. Es gewährt einen eigenthümlichen Anblick, wenn zu Beginn des „Umsturzes" die Aecker längs der Landstraße sich ausblähen, auseinauder bersten und ein lustiges Vaga- bondenleben antreten. Das giebt eine gewaltige Verschiebung im Lande, denn kein Grundbesitzer weiß, ob nicht der schönste Baum vor seiner Warf plötzlich von der Wanderlust ergriffen wird und vergnüglich seiner Wege schwimmt. Liegen Stege oder Brücken über den Gräben, so bleibt unserer Gott t Lochte und hc auch h ihre et Tochtei denke, schlecht könnte gründ!' wurde, greife dessen Schon denn sl Aber ; Baron spielt I lang e in zwe gar ni denn n besser Ordn», er hob tausend tausend ' E hervor in Gra macht Mark Quer durch's „Teuselsmoor" Von Hendrik Wellersee. Rbd«öti°N! A. TcheyH - Druckund Verlag der Brühl',chen UniversitSts-Buch- und Steindru-k-rei (Pietsch & Sch-Yda) m G'-M. (Schluß.) Sin Moorproduct der seltsamsten Art ist ein im Teufels» moor gelegener Landstrich. Vom Plateau der Lüneburger Saide aus zwischen Weser und Hamm breitet sich da» St. Jürgener Land aus, ein in Cultur befindliches Moorland, dessen fester Grund und Boden auf mächtigen Torflagern ruben Das ist da» „schwimmende Land bei Waakhausen". Da» Moor, durch die schlammige Masse der Wafferfäden schon zu großen Stücken zusammengefloch.en, bietet dem Torfmoos einen nährsamen Ansotzgrund. Bald haben sich dicke Pflanzenpolster gebildet, welche andern, mehr bolriaen Pflanzen einen willkommenen Anftedelungsplatz bieten. ~,„uv„ —„..... -- ... ■ . . Diese Polster schwimmen umher in dem Braakwasser, sie I ^eitn Hochwasser zuweilen das eine Ende derselben in der werden umfangreicher und breiten sich aus in die Tiefe; I Tiefe flecken, während das andre Ende sich hinauf schiebt, bald wuchern Schilfgräser ein, welche die schwimmenden I empot hebt und auf den schwimmenden Acker wie auf Bolster immer enger verketten und zu runden Wiesen umge- | eine Anhöhe hinaufführt. All diese» Unheil richten die Ge» stalten. Diese Wiesen sehen schön aus, - wer sie aber be- I wässer der sonst so ruhigen Hamme an, welche das Moor, tritt ist ein Kind des Todes, er versinkt fammt der Wiese in | g^iet durchfließt. Sie speist alle Canäle und Gräben dem' unergründlichen Moor. Das Moor bei Waakhausen i ^etcitt reichlich mit Wasser, daß dasselbe in das Moor tritt ba7 eine Tiefe von 25 bis 30 Fuß. Sand und Moorerde \ unb ou8 demselben eine schwammähnliche Blase bildet, deren bilden die ersten Ablagerungen, an welche sich die noch in der 8 06eter, 8 bis 10 Fuß dicker Rand sich abhebt und in tret- Verkohlung begriffenen filzigen Torfe fügen. Während der | hende Bewegung geräth. Die Torflage der schwimmenden Regentage des Herbstes saugt sich die Moorbodenlage voll I Wiesen ist oft so dünn, daß, wenn ein Wagen darüber fährt, von Wasser gleich einem Schwamm. Tritt nun Frost ein, I ber Boden sich unter den Rädern und den Pferden senkt, so erstarrt das Wasser zu Ei». Die obere Moordecke ist sehr I hinter dem Wagen sich aber wieder hebt. Man fährt „wie lose mit der braunen Unterschicht verbunden, es bedarf nur I auj Gummi". des Einflusses des Wassers und der Kälte, um sie von ein» i gRit ben Häusern (Wurten) sieht'» unter diesen Ver» ander zu reißen. Die Moorfchichten treiben hoch, haben nach I h^tnissen auch nicht zum besten au». Sie verändern in unten keinen Halt mehr und leisten sich ein vagabondierende» | j^ewFrühjahr ihre Grundlagen und müssen wohl oder Dasein. Die Gebäude der Bewohner find errichtet auf I beH Senkungen de» Bodens folgen. Die au» Fachwerk „Wurten", die allmählich aufgeworfen und erhöht worden I ^hauten Häuser kommen von Jahr zu Jahr mehr „aus dem find. Diese Wurten stehen fest, denn der aufgeschüttete Sand I @8 bleibt am Ende nichts übrig, als die Häuser und Ballast hat den Torfboden derart niedergedrückt, daß i QUj$ bem Sumpf herauszuheben und auf festere Basis zu er den Dünensandboden erreicht hat und auf demselben fest ^Aufgeschroben" werden die Gebäude, - ganz wie fitzt Ist einmal diese Bodenschwere erreicht, dann hört frei- I in amettta Unter das Haus werden hölzerne, etwa 1 Meter lich das Schwimmen auf. Aehnlich ist es auch mit den (ange Schrauben gesetzt und mit diesen wird es re nach Be- Landstraßen, die infolge der fortwährenden Aufschüttung von j bat| in bie $ö(je gehoben. Diese Prozedur ist mühsam und Sand fest liegen, während die Felder zu beiden Setten sich ] {ofi'fpie[ig und beschädigt die Häuser derart, daß sie nach heben. i „ I wiederholtem Aufschrauben neu gebaut werden müssen. Die Erscheinung des ''schwimmenden Landes war schon | also die Bewohner weder auf ihrer Scholle, in vorchristlichen Zeiten bekannt. Der römische SchrlflstellLr | ihren Häusern- Bringt der Frühling einen heftigen West- Plinius der ältere, ein „Weltrei ender s^» Zeit, gelangte b^n ^t’» im Moor ganz kunterbunt zu. Die Erde mit einer Flotte bis an die Mündung der Mde und lernte schwimmenden Inseln treiben gegeneinander „das Land der Chauken' au» eigener Anschammg kennen. l^b ^wickelt sich ein Bild, wie es der alte Plinius zu- Er schreibt von Ebbe und Fluth, von den auf Wurten be j geschildert hat. So wurde vor einigen Jahren ein legenenen Wohnungen der Chauken, von den Seefischen al» | @ ganb Don ber Größe eines halben Morgens, das mit ihrer Nahrung, dem Backtorf als einzigemBrennmaterial, | einem bi(||en Gehölz von Tannen, Birken, Erlen und Eichen dem Reeth, aus welchen Stricks geflochten werden, den Wasser | w burch den Wind von seiner Stelle getrieben und cisternen u. s. w. und erzählt auch von schwlmmendem Erd , ^’efncn 6reiten Canal geführt und es drohte dem Etgenthümer reich: „Bis an die Ufer stehen Eichen vom üpplOen Wachsthmn, eine8 werthvollen Thetles feines Besitzes. Dieser und durch die Wellen untergraben odervom Windegetrieen | murbe allerdings dadurch vermieden, daß man mit führen sie große Inseln durch die Verflechtung ihrer Würze n । ' Schrauben und Stricken unter großen Anstreng- mit sich fort, und also feststehend schiffen st- vermöge des «nse von Insel wieder in ihre frühere Sage Geräth» ihrer mächtigsten Aeste, sodaß of unsre Flotten ge- »ngen “Ä Ä" MH und I B-d-n 'n j-d°m Frühjahr «rgnüg. «--'Irr schwimmt.