Nr. M 1895 Wi •• VV »ivM- MG % Unterhaltungsvlatt zum Gießener Anzeiger (OeneralAnzeiger). SSMW Die Tochter des Meeres. Newm Mn Ä. *!«•!«. (Äertfetam.) „Das brauchen Sie nicht zu fürchten," antwortete der Herzog von Dunbar lächelnd. „Ich ließ Frau Digby und ihre Tochter ganz entzückt von der Vorstellung in der Loge unter dem Schutze eines ausgezeichneten Stellvertreter» meiner eigenen Person zurück. Liebe Cora — wenn das Ihr Name ist — gönnen Sie mir einige Minuten! Könnten Sie mir nicht während eines kurzen Besuches vertrauen?" „Ich? O gewiß!" sagte sie lächelnd. „Ich fürchte nur, meine Beschützer grundlos beleidigen zu können." „So sind Sie Frau Digbys Schützling?" fragte er hastig. „Ich sollte mich wohl eher Sir Fulkes Schutzbefohlene nennen," versetzte sie, „denn auf seinen Wunsch bin ich hier." „Haben Sie keine nahen Verwandten?" fragte der Herzog- „Ich bin eine Waise!" sagte sie rasch. „Noch eine Frage! Es ist nicht Neugier, die mich dazu veranlaßt. War es nicht irgend ein Verwandter, den Sie in den einsamen Bergen so sorgsam pflegten?" Coras Wangen rötheten sich. „Ich sehe mich nicht veranlaßt, diese Frage zu beantworten," entgegnete sie stolz. „Sie mögen recht haben! Doch wenn ich die Frage um meines eigenen Glückes sowohl wie um Ihres Wohlergehen» willen an Sie richte, verzeihen Sie mir dieselbe vielleicht?" „Eure Hoheit sind sehr gütig, aber die einzige Gunst, die Sie mir erweisen können, ist, mich zu verlaffen," versetzte sie ungeduldig. „Für Sie selbst kann es ja nicht das geringste Interesse haben, hier zu bleiben." „O doch, Fräulein Cora! Ich bin auch einsam und verwaist und habe Niemand, dem ich vertrauen könnte," sagte er in ernstem Tone. „Warum wollen wir uns nicht gegen diese kalte, herzlose Welt verbinden?" Cora sprang mit einem Blick leidenschaftlicher Ent» rüstung nach der Thür. „Sie vergessen sich selbst, wenn Sie ein Mädchen, dar Ihnen nie Grund gegeben hat, e» zu verachten, mit einem solchen Anerbieten beleidigen," rief sie, vor Zorn kaum ihrer Sprache mächtig. „Sie sind im Jrrthum ... auf Ehre, Sie sind im Jrrthum!" erwiederte er feurig. „Ich dachte nicht daran, Sie zu beleidigen. Ich wollte damit nur sagen, daß ich mich zu Ihnen hingezogen fühle, daß ich von der conven- tionellen vornehmen Welt enttäuscht und ihrer müde bin, daß mehr an einem Wort, einem Blick der Achtung und des Vertrauens von Ihnen liegt, als an der angeblichen Liebe der vornehmen, aber alltäglichen Naturen." „Sind Sie enttäuscht, betrogen worden?" fragte sie zögernd, denn es lag nicht in dem Character eines empfänglichen jungen Mädchens, gänzlich unempfindlich gegen derartige Worte von den Lippen eine» Herzogs, der so jung, so reich und von so gewinnendem Aeußern war, zu sein. „Ja!" antwortete er, „aber Fräulein, die Zeit ist jetzt zu kurz dazu, um auf die schmerzlichen Einzelheiten der Vergangenheit einzugehen. Ich bitte Sie jetzt nur um das Versprechen Ihres Vertrauens und Ihrer Freundschaft, und daß Sie mir nicht die Gelegenheit abschneiden wollen, Sie wiederzusehen. Wollen Sie mir nur das versprechen? Erleichtern Sie mir mein Herz damit, und ich befreie Sie von meiner Gegenwart." Cora zögerte, denn ste fürchtete, stch durch diese Zusage in den Augen ihrer jetzigen Wohlthäter zu compromitttren. XLIV. „Ach, Miß Netta, ich wünschte, Sie gäben diese Herumstreifereien auf," sagte die Jungfer in ernstem Ton, während sie Miß Faro die Hutbänder unter den glänzenden Flechten band. „Was soll ich aufgeben? Meine Herumstreifereien? Sie sind wahrhaftig ebenso thöricht wie mein gutes Tantchen," entgegnete das junge Mädchen. Die Jungfer schüttelte bedenklich den Kopf. „Nein, nein, Miß! Sie können ein Mädchen, das auch ein Herz in der Brust hat, nicht so täuschen," sagte die Jungfer, „und hier sehe ich nicht, was Sie hoffen können, wenn Ste nicht fest entschlossen sind, ihn um jeden Preis zu gewinnen." Netta schaute sie betroffen an. „Und woher wissen Sie, daß ich ihn treffe oder daß es sich überhaupt um einen jungen Mann handelt?" O Die Jungfer lachte. i K „Nun, Miß Netta, so weit habe ich meine Augen doch offen," sagte ste. „Ich bin selbst einmal jung gewesen und ich habe auch früher schon bei jungen Damen gedient und kenne ihre Gewohnheiten zu gut, um mich leicht täuschen zu lasten. Sowohl um Ihrer selbst äls um des jungen Herrn willen wäre es viel bester, wenn Sie mir Vertrauen schenkten, Miß Netta." „Und wenn Sie nun Recht hätten .... was könnten Sie für mich thun?" fragte Netta. „Nun, Miß, es heißt : Wahre Liebe führt zur Ehe und ich würde viel lieber einer jungen Frau aufwarten, als einem unverheiratheten Mädchen, das von Lady Emily und dem alten Grafen abhängig ist, der ein recht grämlicher Herr ist." „Aber Sie vergessen, daß ich noch zu jung bin. Ich bin ja erst siebzehn Jahre alt." „Mein Gott, Miß Netta, wie können Sie so reden! Sie haben gewiß schon manchmal von jungen Damen gehört, die sich mit siebzehn Jahren verheirathet haben und erst al» junge Frauen in der Gesellschaft glänzten." Netta lachte munter. Solche Ansichten paßten so recht zu ihren Phantasien. „Aber wenn ich nun gar nicht heirathen wollte?" „Wenn Sie überzeugt find, daß der junge Mann gar nicht für Sie paßt, so ist da» überhaupt etwa» ganz Anderes," entgegnete die Jungfer zögernd. „Dann könnte ich es vor meinem Gewissen nicht verantworten, die Sache zu unterstützen. Aber da» ist ja nicht möglich. Sie können nicht für Jemand Interesse hegen, der Ihnen an Bildung nicht gleichsteht." „Davon können Sie überzeugt sein, Susy," erwiderte Netta voll Stolz, „daß mich nur ein feingebildeter und ein junger Mann zu solchen kleinen Promenaden verleiten könnte, wenn da» — wie Sie vermuthen — der Fall wäre." „Ich vermuthe nicht nur, sondern ich weiß es," entgegnete die Jungfer ruhig. „So? Und woher?" fragte Netta erröthend. „Das thut ja nicht» zur Sache. Ich verfichere Ihnen nur, daß ich keine Lüge sage. Ich will Ihnen ja auch nur beweisen, daß Sie mir vertrauen können." Netta nahm schweigend ihre Handschuhe von der Jungfer in Empfang und mit freundlichem Kopfnicken, da» vielleicht mehr ausdrückte als Worte, verließ sie das Zimmer. Die Jungfer blickte ihr spöttisch lächelnd nach. „Sie weiß auch nicht ein Viertel von der Wahrheit," murmelte sie. „Sie hat keine Ahnung davon, daß ich sagen könnte, war zu wissen sie mit der Hälfte ihres Vermögens bezahlen würde. Soll ich es so fortgehen lassen? Warum auch nicht? Soll ich mich immer nur um Andere sorgen und nicht auch einmal an meine eigene Zukunft denken? Ich bin nun sechrunddreißtg Jahre alt und noch nicht verheirathet. Wenn ich überhaupt heirathen will, da wäre es nun wohl an der Zeit ... hm! Da ist Ponsford, der mich immer bewundert und Alles thut, um mir Interesse für sich einzuflößen. Freilich ist er bedeutend älter als ich und im Grunde auch nicht so ganz nach meinem Geschmack. Und doch ist er eine gute Partie und e« hängt nur noch von mir ab. Er wird mir Alles sagen, was ich wissen möchte und dafür sorgen, daß ich einen guten Lohn für meine Mittheilungen bekomme, und wenn ich mich nicht sehr irre, wird er auch einen guten Ehemann geben." Da aber wurde die Jungfer in ihrem Ueberlegen durch dar Geräusch von Schritten auf dem Kiesweg unter dem Fenster unterbrochen und eine Stimme rief: „Bst! Susy! Kommen Sie heraus, wenn Sie allein find!" Rasch legte ste die Arbeit bei Seite und stieg die Stufen hinab. Der Diener Ponsford begrüßte ste mit, freundlichem Lächeln. „Nun, Susy, was gibt es Reue» heute? Ist meine Herrin wieder an den gewöhnlichen Zusammenkunftsort gegangen?" Die »geredete warf kokett den Kopf zurück. „Sie verlangen wirklich zu viel, Ponsford. Ich kann Ihnen doch nicht Alles sagen." „Warum nicht, mein guter, treuer Schatz?" unterbrach sie der Diener und schlang seinen Arm um Susy» Taille, eine Freiheit, der diese sich kokett entzog. „Wie ich schon sagte, ohne wirklich guten Grund ver- rathe ich meine liebe junge Herrin nicht." Ponsford lächelte überlegen und sagte: „In dieser Beziehung verstehen wir einander. Ich werde doch gewiß auch nichts thun, was Miß Netta schädlich sein wird. Susy, sagen Sie mir, was Sie von Miß Netta wissen, dann will auch ich Ihnen ein kleines Geheimniß anvertrauen, wenn ich sicher sein darf, daß Sie es geheim halten." „Erst erzählen Sie, Ponsford, und dann können Sie sich darauf verlassen, daß ich meinen Theil nicht schuldig bleibe," erwiderte sie vorsichtig. „Nein, das geht nicht, weit, um Ihnen die Wahrheit zu sagen, es gar kein Interesse für Sie haben könnte und weder Sie noch meine junge Herrin etwa» angeht, wenn e» nicht wahr ist, daß ste geheime Zusammenkünfte mit ihm hat." „Zusammenkünfte? Mit wem?" fragte die Jungfer. „Natürlich mit einem jungen Mann. Hat denn ein junges Mädchen für etwa« Anderes Interesse, als für einen jungen Mann, der vielleicht auch noch recht hübsch ist." „Sie Haben ganz Recht! Nach dem einzigen Blick, bett ich auf ihn werfen konnte, ist er außergewöhnlich hübsch," erwiderte Susy unbedacht. „Wie? Wollen Sie damit sagen, daß Sie Miß Netta nie begleitet oder nie unterstützt haben, ihn zu treffen?" flüsterte Ponsford. „Nun, jetzt weiß ich, daß Sie viel für das Geheimniß geben würden, das ich Ihnen mittheilen kann. Und da wir doch einst ein Paar fein «erden, kann es nicht Unrecht fein, wenn ich es Ihnen sage, vorausgesetzt, daß Sie mir ebenso vertrauen wollen." Und er sah ihr sest in die Augen mit einem bedeutsame« Blick, daß die Jungfer ihm antwortete: „Run ja, ich nrrdr Ihnen den Beweis geben, daß eins Frau ein Geheimniß bewahren kann, wenn Sie mir vertrauen wollen. Und wenn ich Ihnen gesagt habe, was ich schon weiß, werden Sie einsehen, daß ich nicht so einfältig bin, auszuschwatzen, was Sie mir anvertrauen werden. Nur vergessen Sie nicht, daß ich nicht als willenloses Werkzeug dienen will, ohne einen Grund zu wissen, warum ich so handeln soll." „Meine liebste Susy," erwiderte Ponsford innig, „können Ste glauben, daß ich meiner zukünftigen Frau so wenig Vertrauen entgegenbringe, daß ich sie zu einem willenlosen Werkzeug machen möchte? Nein, Susy, Sie sollen meine treue Gehilfin bei meinen Plänen sein, und ich werde meine Belohnung getreulich mit Ihnen theilen." Die Jungfer nickte mit dem Kopfe. „So sind wir einig," sagte sie. „Und nun das Geheimniß! Ponsford zögerte. „Susy, glauben Sie nicht, daß ich an Ihnen zweifle, wenn ich Bedenken hege, Ihnen das Geheimniß anzuvertrauw Es kann leicht mich und Sie dazu verderben. Ich wage nicht, es auszusprechen." „Das werden Sie nun wohl müssen oder wir sind für immer geschieden, Ponsford," entgegnete die Jungfer entschlossen „Nun, ich werde es wie Adam machen und mich meiner Eva unterwerfen," sagte ihr Bewerber mit einem schweren Seuszer. „Aber Susy, es trifft Sie ein schwerer Fluch, wen» Sie ein Wort davon verlauten lassen!" „Sie können mir vertrauen," antwortete Susy, „aber nun reden Sie!" , „Kommen Sie näher und ich will es Ihnen so kurz a» möglich erzählen," sprach Ponsford, indem er die Jungfer em wenig zu sich heranzog und den Kopf zu ihr niederbog. Sie wissen, stehe ich seit fünfundzwanzig Jahren in Mylords Dienst. Nie habe ich ein Geheimniß verrathen, das meinem Herrn gehörte. Die Folge davon war, daß Mylord mir auw ** 323 bas wichtigste Geheimniß seines Leben« anvertraute, da« ich ° auch bis zu dieser Stunde getreu in meiner Brust bewahrt habe." „Wo Sie es mir anvertrauen wollen," sagte sie schmeichelnd. Ja, ja," erwiderte er etwa« ungeduldig, „aber auch jetzt noch scheue ich den Schritt, den ich zu thun im Begriff stehe. Nun es ist nichts mehr und nichts weniger, als daß Mylord, als er noch jung und unerfahren war, den tollen Streich be- aina. sich heimlich zu verheirathen." B Wie? Sie nennen eine Heirath einen tollen Streich?" „Nicht immer . . . aber bei meinem Herrn war es der Fall, wie Sie gleich sehen werden, denn er traf eine sehr unglückliche Wahl, die, glaube ich, bis auf den heutigen Tag wie ein Fluch auf ihm gelastet hat- Eine schöne Spanierin, die er im Süden sah, wurde sein Ruin. Er wagte nie, seine Vermählung einzugestehen, und so lange er das nicht that, konnte die Ehe nicht als legal betrachtet werden. Wie es heißt, ist ein Kind da und die Mutter wurde der Obhut einer jetzt in Bremen lebenden Frau anvertraut. So hieß es wenigstens, obgleich ich glaube, daß die ganze Angelegenheit ein großes Geheimniß umgibt und diese Frau will nun nicht etngestehen, wann, wie und wo die Spanierin ihrer Obhut übergeben wurde. Ebensowenig will sie sagen, ob das Kind ein Knabe oder ein Mädchen war und ob es überhaupt noch am Leben ist." „Jene müssen sehr einfältig gewesen sein, die das Räthsel nicht rathen können," sagte Susy. „Ich würde gern die Hälfte meines Lohne« darauf wetten, daß ich sagen könnte, wer e« war und ob sie lebt und wo." „Sie! ... So glauben Sie, daß e« eine Tochter ist?" entgegnete der Diener. „Vielleicht bin ich dessen gewiß. Jedenfalls können Sie sich darauf verlassen, daß ich Sie nicht irre führe," sprach sie. „Ich will Ihnen vertrauen, wie Sie mir vertraut haben, Susy," erwiderte der Diener. „Es ist ja auch noch sehr ungewiß, ob es besser ist, die Wahrheit zu sagen oder dar Geheimniß zu bewahren. Aber nicht wahr, unter allen Umständen halten wir zusammen?" „Vielleichti" erwiderte ste . . . „Nun, ich darf wohl sagen: ja, wenn alles klar zwischen uns ist. Ich gestehe, ich wünschte Miß Netta, daß ste zu ihrem natürlichen Recht gelange, und ich muß sagen, es wäre sehr hart, wenn e« ihr genommen würde." „Sie haben ganz Recht, wenn auch Mylord die Sache von einer andern Seite betrachtet, und gern die Hälfte seines Vermögens hergeben würde, wenn ihm damit sein Sohn oder seine Tochter zurückgegeben werden könnte. Außerdem hat er Miß Netta auch nie aufrichtig lieb gewonnen, was mich allerdings meinestheils nicht so sehr wundert." „Und warum?" fragte Susy. „Weil ste für die Erbin einer alten vornehmen Familie etwas leichtfertig ist," lautete die Antwort. „Und wenn die Erbin nun ein anderes Mädchen wäre? Was würden Sie dann sagen,, Ponaford?" fragte ste. „Es thäte mir leid, aber vielleicht besäße die Andere etwa» mehr Verstand und Ernst als diese," entgegnete der Diener kühl. „Jedenfalls ist sie sehr klug," bemerkte die Jungfer, „und hat bereits sehr viel Unheil angestiftet, wenn es nämlich Jene ist, die ich meine, denn sie war schuld am Tode ihre» eigenen Onkels und war der Grund, daß ihre Cousine ihren Verlobten verlor . . . vorausgesetzt, daß ich Recht habe, woran ich jedoch nach dem Gehörten kaum noch zweifle." „Erzählen Sie mir, was Sie wissen . . . dann kann ich leicht urthetlen," sprach Ponsford entschlossen, und Susy berichtete von Coras Ankunft und Aufnahme in der Villa Faro und von den darauf folgenden Ereignissen. Ponsford erwog das eben Gehörte mit ernster Miene. „Und dieses Mädchen halten Sie für Graf Trevilles Tochter?" fragte er daun mit erstauntem Gesicht. „Ich weiß es nicht, doch scheint es fast so," antwortete sie. „Sie kam von Bremen, und wenn ich mich nicht sehr irre, hieß die Frau, von der sie erzogen worden, auch Falkner." „Sie haben Recht, Susy!" sprach Ponsford nach kurzem Bedenken. „Es wäre unvorsichtig, dieses Mädchen, außer unter ganz besonderen Umständen, in Miß Nettas Nähe zu bringen. Wissen Sie, wo sie jetzt ist?" „Ich hörte, sie fei mit dem jungen Lord Belford entflohen, der Miß Netta heirathen sollte, wenn er ihren Vater nicht erschossen hätte. Da sehen Sie, daß sie die rechte junge Dame sür eine Grafentochter ist!" Ponsford nickte. „Sie wäre nicht die erste, die fo etwa» thut," sagte er ruhig. „Doch wir wollen un» nicht übereilen, und vor Allem wollen wir bei der Sache an unsere eigenen Interessen denken." Sie wechselten noch einige Worte, dann trennte sich das Paar, vielleicht fest überzeugt, daß Cora eine Lady Cora Treville sei und doch entschlossen, tiefe» Schweigen über dieses Geheimniß zu beobachten. (Forts, folgt.) Madame Sans Gdne. Roman «ach Victorten Satbou und F. Morr«««. Deutsch von »del« Bor«««. (Fortsetzung.) Hoche antwortete nicht. Er war damit beschäftigt, seine gute Adoptivmutter zu beruhigen, indem er dabet Wasser verlangte, um eine rothe tiefe Schramme zu waschen, welche seine Stirn theilte und gerade bei der Nasenwurzel endigte. „Hoche war immer tapfer," sagte Lefebvre. „Stellt Euch vor, da stand ehemals in der Garde und zuletzt noch in der Miliz ein Lieutenant Namens Serre, den ärgsten Taugenichts, den es je auf der Welt gegeben. Er trug Hoche immer einen Groll nach wegen eine» Streites, der in der Schänke stattgefunden und bei dem Lazare für die einfachen Garden, feine ehemaligen Kameraden eingetreten war. Der Elende hatte ihn denunziert und ihm drei Monats Gefängniß eingetragen, weil er sich geweigert hatte, die Namen von Verdächtigen anzugeben. Als Lazare au» dem Gefängniß kam, wurde zwischen ihm und Serre ein Duell verabredet. Ihr müßt wissen, daß Serre sür eine ausgezeichnete Klinge gilt; er ist der Schrecken des ganzen Stadtviertel« und hat bereits Mehrere im Duell getödtet oder verwundet." „Und mit einem solchen Raufbold hast Du Dich geschlagen?" sagte Mutter Hoche, ganz bewegt über die Gefahr, in der sich ihr lieber Lazare befunden hatte. „Aber das Duell konnte nicht stattfinden," fuhr Lefebvre fort, „Lazare war nur Lieutenant und Serre bereit« Kapitän." „Er hat sich trotzdem geschlagen?" „Ja, nachdem er seinem Gegner gleich geworden war." „Aber wie konnte er, der so tapfer und geschickt ist, einen so furchtbaren Hieb bekommen?" „Auf die einfachste Weise, Mama," sagte Hoche lächelnd. „Wenn ich auch kein Anhänger der Einzelkämpfe bin, denn ich bin der Meinung, daß ein Soldat desertirt, wenn er sein Leben für einen besonderen Streit einsetzt, war es mir nicht möglich, den Drohungen und den Beleidigungen diese» Narren ruhig standzuhalten. Die Rekruten zitterten vor ihm und außerdem hatte er die Fra« eines abwesenden Freunde» beleidigt." Lefebvre ergriff die Hand Hoche» und drückte ste warm, mit thränenden Augen. „Um meinetwillen, um unseretwillen hat er sich geschlagen," sagte er, sich zu Catherine wendend. „Hatte doch dieser Serre behauptet, daß Du am 10. August einen Liebhaber in Deinem Zimmer verstecktest." «°» 324 — et-Meuss charaeterisirte. in. Da« Fräulein von Saint-Cyr. Nach beendigter Mahlzeit ordneten Mutter Hoche und Catherine aller für die Abreise der kleinen Henriot an. Seine bescheidenen Kleidungsstücke wurden zusammengesucht, und in einen Koffer gepackt, während die Obsthändlerin Gläser mit Eingemachtem, kleine Kuchen und Zuckerwerk hinzusügte. Da« Kind wohnte diesen Vorbereitungen passiv, sogar befriedigt bei. Die Kindheit liebt die Veränderung und ganz entzückt von der goldenen Quaste des Säbels Hoches, mit dem er gespielt hatte, begann der kleine Henriot an dieser Abreise Vergnügen zu finden. Er sah bereit« die Freuden der Reise voraus, und außerdem hoffte er, dort, wohin man ihn führen würde, Soldaten, sehr viele Soldaten zu sehen, die exerzieren, und mit deren Säbelquasten man ihn gewiß spielen lassen würde. , „ . Er vergaß alle Zärtlichkeit und alle Sorgfalt der guten Mutter Hoche. Der Gedanke, weit, sehr weit fortzugehen, betrübte ihn nicht nur nicht, sondern gab seinen jungen Träumen eine gar nicht unangenehme Wendung. Die Kindheit ist undankbar und ihrer bewunderswerthen Unschuld wird durch einen mächtigen, übrigens nothwendigen und nützlichen Egoismus das Gegengewicht gehalten, der da» schwache Geschöpf beschützt und festigt und ihm erlaubt, seine Aufmerksamkeit, seinen Erhaltungstrieb und seinen Willen zum Leben auf fich selbst zu concentrteren. Hoche und Lefebvre ließen die Frauen schalten und setzten sich rücklings auf ein paar Seffel, indem sie von der bereits grollenden Revolution und von dem Kriege sprachen, der sich an allen vier Ecken der Grenze zu ent- zünden begann. „ _ _ Später verließen sie den Laden und stellten ihre Seffe vor den Obstladen auf der Straße von Montreuil auf. Boller Leben und Jugendlust, die Seele von Hoffnung ge- schwellt, betrachteten diese beiden künftigen Helden der re- publikanifchen Armee, indem sie das ausgezeichnete Frühstück Mutter Hoches verdauten, rauchend, plaudernd und lächelnd die Vorübergehenden. „Dar Ungeheuer!" rief Catherine wüthend. „Wo ist er? Jetzt wird er es mit mir zu thun haben. So sagt mir doch, wo der Elende ist!" „Im Spitale, mit einem Degenstich im Leibe. Für sechs Monate hat er genug," sagte Lefebvre. „Wenn er gesund wird, werde ich ihn vielleicht wieder finden und zu gleicher Zeit seine, meine und Hoches Rechnung regeln." „Wir werden andere Gelegenheiten haben, unsere Säbel zu benützen, Freund Lefebvre," sagte Hoche mit Energie. „Dar Vaterland ruft uns. Laffen wir diese persönlichen Streitigkeiten. Mein Gegner hat meine Freunde beleidigt und geschmäht und außerdem behauptet, daß ich mich zur Nordarmee schicken ließ, um vor ihm zu fliehen, und da mußte ich trotz meine» Widerwillen» den Säbel in die Hand nehmen und diesem Rausbold zeigen, daß tapfere Männer sich nicht vor ihm fürchten. Ich habe ihm eine Leetion gegeben, die er sich wohl merken wird. — Jetzt reden wir von anderen Dingen und wenn da» Fricasise fertig ist, setzen wir uns an den Tisch." „Aber diese Wunde," sagte die Obsthändlerin noch immer zitternd, indem sie die Suppenterine, aus der ein köstlicher Dampf aufstieg, auf den Tisch setzte- „Pah," sagte Hoche heiter, indem er sich niedersetzte und seine Serviette entfaltete, „die Oesterreicher und Preußen «erden mir wahrscheinlich noch andere Schmarren versetzen. Eine mehr oder weniger, daran liegt schon nichts mehr. Uebrigens ist fie ja schon trocken, seht nur her." Und sorglo» nahm er das Taschentuch ab, das ihm als Binde diente und enthüllte die Schmarre, die seither die martialische Physiognomie de» künftigen Generals von Sambre- Nur nobel! Commercienräthin: „Ich möchte meinen Sohn eine fremde Sprache lernen laffen." — Sprachlehrer: „Bitte, wünschen Sie französisch, englisch, italienisch, spanisch? - Commercienräthin: „Welche ist die theuerste?" Schonend. Junger Ehemann (Mittags): „Du hast etwas wenig Salat heute genommen, Frauchen!" — Frau (erstaunt): „Wenig?" - Männ: „Ja, ich meine nämlich, im Verhältniß zum Essig, den Du, dazu gebraucht hast! ♦ Um der leidigen Concurrenz die Spitze zu bieten, erließ ein Geschäftshaus in Regen im „Regener Wochenblatt folgendes humoristische Inserat: „Wir verschenken von heute ab Zwetschen. Bei Abnahme eine» Viertelcentner» noch billiger." Immer derselbe. Notar (zu seiner Gattin); „Wie kannst Du denn dem Willy Gabel und Meffer wegnehmenr Da» Eßzeug gehört ihm — er wurde ihm von seinem Patyen geschenkt. Du bekommst Unrecht, Margarethe, wenn M Willy auf den Rechtsstandpunkt stellt!" Redaktion: S. Scheyda. —- Druck und Verlag der Brühl'schen UniverffkLtS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & ©djefiba) in Gieß Die Straße von Montreuil, heutzutage Avenue de Saint-Cloud genannt, war der gewöhnliche Weg der Fußgänger, die von Paris kamen, der Gemüsegärtner, Soldaten und kleinen Bürger. Aus Sparsamkeit nahmen viele dieser schlichten Reisenden beim Pont-Neuf das Marktschiff, und gingen vom Pont de Sövres zu Fuß nach Versailles zurück. Inmitten des Kommens und Gehen« dieser bescheidene« Fußgänger bemerkte Lefebvre plötzlich einen jungen mageren Mann mit langem Haar, dessen verschossene Uniform die eines Artilleristen war. Dieser Vorübergehende, der e« sehr eilig zu haben schien, begleitete ein junges Mädchen in einem schwarzen Wollkleids, das eine kleine Schachtel in der Hand trug. Beide wanderten nachdenklich in dem Staube der Landstraße dahin. , Plötzlich sagte Lefebvre, indem er fie aufmerksam be- trachtete: „Ich täusche mich nicht, das muß Kapitän Bonaparte sein." „Wer ist das, Bonaparte?" fragte Hoche. „Ein guter Republikaner, ein ausgezeichneter Artillerist und ein hitziger Jakobiner," sagte Lefebvre. „Er ist ein Corse. Man scheint ihm seinen Rang weggenommen zu haben, weil er dort unten seine Ansichten zu laut werden ließ. — Auf dieser Insel gibt es lauter Aristokraten, die von Priestern geleitet werden. Aber ich will meine Frau rufen, die kennt ihn besser als ich." Er rief Catherine herbei, die ganz überrascht herbeilief. „Was gibt's, Mann?" sragte fie, indem sie beide Fäuste in die starken Hüften stemmte, eine Lieblingsstellung, welche später, als sie Marschallin und Herzogin war, allen Tanzlehrern, Despreaux voran, viele Mühe machte, ihr ad- zugewöhnen. „Ist das dort nicht der Kapitän Bonaparte, der mit dem jungen Mädchen auf der Landstraße geht? fragte ßcfcbvtc» „Gewiß, den würde ich unter Zehntausenden erkennen — er schuldet mir ja Geld — aber er gefällt mir, der Kapitän Bonaparte! Was kann er doch mit der jungen Dame in Versailles machen. Höre, Lefebvre, ich habe eine Idee —" „Sprich, meine gute Catherine." „Wenn wir ihn ohne Umstände einladen würden, mit dem Fräulein eine Erfrischung zu nehmen? Es ist heiß und der Staub trocknet aus." (Fortsetzung folgt.)