1895 Samstag den 11. Mai I amilknRäHer UnterhaUungsdlatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). KUMM leKeKCF Nr. 56. i -- - _ n ;'‘. ’ i j- x' n--Tc Die Tochter des Meeres. Roman von A. Nicola. (Fortsetzung.) „Auch ich will bemüht sein, Sie nicht zu ärgern," ant- wartete Faro in leicht gereiztem Tone, „und wenn Sie Rupert von Nutzen sein wollen, so hören Sie mich an und handeln Sie wie ein stolzes, großmüthiges Mädchen, wofür ich Sie halte. Frau Falkner hat mir gesagt, daß er Sie aus großem Jammer und Elend rettete, dieser Rupert . . . wollen nun auch Sie Ihrerseits ihm einen Dienst leisten?" „Ja, ja, von ganzem Herzen gern!" rief ste. „Er ist mein einziger Freund, der einzige, der mich jemals liebte . . . der gute, edle Rupert!" „Und könnten Sie ein kleines, momentanes Vergnügen opfern? Könnten Sie um seinetwillen einen kleinen Schmerz ertragen?" fragte Faro und beobachtete den Wechsel auf dem seltsam beredten Gesicht des jungen Mädchens. „Ja," entgegnete sie kurz, „Sie würden mich nicht fragen, wenn Ste mich kennten." „Dann werden Ste auf meinen Vorschlag eingehen — dann werden Sie mit mir kommen und Ruperts Haus verlassen," sagte er. „Hören Sie mich an, Cora, und versuchen Sie, ruhig zu bleiben, denn was ich Ihnen zu sagen habe, bringt Sie vielleicht in Aufregung und Hitze. Ich bin reich und ein englischer Lord, bin der jüngste Sohn des Grafen Treville, dessen Titel mein älterer Bruder trägt, während ich den Titel Lord Faro ererbte. Ich habe eine einzige Tochter, die ein wenig jünger ist als Sie, und es liegt mir ganz besonders am Herzen, sie glücklich und ihrer Stellung und dem Vermögen, das sie einst erwartet, würdig zu erziehen. Ich möchte Sie als Gesellschafterin meiner Tochter mit mir nehmen und verspreche Ihnen, sür Ihre Zukunft sorgen zu wollen, wenn meine Tochter Ihrer Dienste nicht mehr bedarf. Wollen Sie darauf eingehen?" „Als Dienerin?" fragte Cora mit einem stolzen Blick. „O nein, durchaus nicht!" erwiderte er- „Vielmehr als Gesellschafterin meiner Tochter und als Theilnehmerin an ihren Studien, sofern dieselben passend für Sie sind und Ihnen in Ihrem späteren Leben von Nutzen sein können." Sie schüttelte entschlossen den Kopf. „Nein, ich werde nicht mitkommen!" rief sie. „Rupert würde mich vermissen und nicht damit einverstanden sein." „Dann lieben Sie ihn nicht!" sprach er rasch. Sie antwortete nicht, aber es leuchtete in ihrem schönen Gesicht auf und dann spielte ein Lächeln der Verachtung um ihre Lippen, das mehr sagte als Worte. Lord Faros Interesse an dem seltsamen Mädchen mit ihrer romantischen Geschichte und ihren seltsamen Gaben wuchs mit jedem Augenblicke. „Ich will Ihnen erklären, was ich meine," sagte er fest, „wenn es Ihnen vielleicht auch weh thut und Sie erzürnt. Hier leben Ste von der Güte Ihrer Umgebung, bei mir würden Sie unabhängig fein und Dienst für Dienst leisten. Wenn Sie fort wären, würde Rupert rascher vorwärts kommen. Er würde dem Wunsche seiner Mutter nachkommen, würde seine Cousine heirathen und würde dann Geld genug haben, daß er keine so gefährliche und schwere Arbeit mehr zu thun brauchte. So lange Sie hier sind, wird er von seinem Berufe abgelenkt, weil er Mitleid mit Ihnen hat, Sie für seinen besonderen Schützling ansieht und es für unrecht hält, Sie seiner Cousine wegen zu verlassen. Wollen Sie das, Cora? Sind Sie zu einer solchen Selbstsucht nicht zu stolz, zu dankbar?" „Das ist nicht wahr! Das ist nicht wahr!" rief sie heftig. „Rupert liebt mich. Er hält es für keine Last, in mir feine jüngere Schwester zu sehen. Und Adele ist eitel und eifersüchtig. Nein, sie könnte er nie lieben — nie 1" „Dann habe ich mich geirrt. Sie werden von Ruperts Mildthätigkeit abhängen, zwischen ihm und seiner Mutter Unfrieden stiften und ihn an einem gedeihlichen Fortkommen hindern," sprach Faro kalt. „Es thut mir leid. Ich hätte Ihnen gern die Gewissensbisse erspart, die Sie eines Tages empfinden werden. Ich wäre Ihnen ein treuer Freund und Beschützer gewesen, so lange Sie eines solchen bedurften und ihn verdienten, und hätte Ihnen mein einziges Kind, meine theure Netta, als Freundin anvertraut. Sie haben mich enttäuscht ... ich hätte Sie sür edler gehalten." Große Thränen traten in der Mädchens Augen und in ihrer Stimme lag, als sie sprach, tiefer Kummer, während sie vor unterdrücktem Schluchzen kaum zu reden vermochte. 222 „Wünschte es denn Frau Falkner ? Stieß sie mich von sich und vertraute mich einem Fremden an?" frug sie dann langsam. „Ich bin ihr kein völlig Fremder ... sie kennt meine Familie ... sie kann für meine guten Absichten alle nöthigen Beweise erhalten," antwortete Faro freundlicher. „Doch wir haben nicht viel Zeit zum Ueberlegen. Ich reise heute Nacht nach England. Entweder Sie begleiten mich oder versäumen die Gelegenheit, Rupert Ihre dankbare Liebe zu beweisen. Und später kann ich ihm durch mein Interesse vielleicht noch von größerem Nutzen sein als jetzt, wenn Sie sich würdig zeigen, Ihnen dieses neue Glück zu bereiten, Cora, Kind eines räthselhasten Schicksals," fuhr er mit einem Lächeln fort, dem nur Wenige zu widerstehen vermochten, „Sie kommen ja nur nach Ihrer natürlichen Heimath und erfüllen die Bestimmung, die Ihnen vorgezeichnet ist. Ich entreiße Sie ja keiner Mutter, keinem Bruder, sondern der mißgünstigen Barmherzigkeit Fremder. Cora, liebes Mädchen, wollen Sie nicht mitkommen? Sie sollen er nie bereuen. Ich will Sie in eine Atmosphäre voll Liebe und Luxus, voll Behagen und Ruhe versetzen. Auch will ich Sie nicht Ihren Jugendfreunden entziehen. Sie sollen die Freude haben, ihre geringe Güte hundertfach zu erwidern. Würde Sie das nicht unendlich glücklich machen?" Seine Stimme klang so innig, aus seinen Augen sprach eine so rührende Sanftmuth. Und doch wich sie mit unerklärlicher Angst vor dem Schritt zurück, zu dem der Fremde sie einlud. „Und Ihre Frau," fragte sie plötzlich, „wird auch sie eine fremde Waise in ihrem Hause willkommen heißen?" Er fuhr buchstäblich vor dieser unerwarteten Frage zurück — so seltsam klang sie aus dem Munde eines jungen, unerfahrenen Mädchens. „Meine Frau ist in einem andern Land," erwiderte er ernst. „Ihre Heimath ist nicht mehr hienieden. Meine Schwester, Lady Faro, steht meinem Haushalt vor und sie wird bei uns bleiben, bi» meine Tochter ihre Stelle einnehmen kann- — Jetzt aber entschließen Sie sich, Cora," fuhr er ungeduldig fort. „Es ist keine Zeit zum Ueberlegen. Entweder Sie nehmen mein Anerbieten an oder Sie bleiben, um die bitteren Folgen Ihrer Thorheit zu kosten . . . Haß und vielleicht Vorwürfe von Denen, die Sie belästigt und vielleicht in den Staub hinabgezogen haben." Cora fuhr, wie von einem Dolchstich getroffen, zusammen. „Nein, nein, nein!" rief sie au«. „Das soll nicht sein — nimmermehr! Ich will gehen ... ja, und wenn es mein Leben kostete! Nur reden weder Sie mir zu, noch erlauben Sie, daß sie es thut. Das kann ich nicht vertragen!" Ernst und schweigend verbeugte er sich auf diese Bitte und rief dann Frau Falkner herbei. „Frau Falkner," erklärte jetzt Lord Faro, „Ihr Pflegling willigt ein und will sich unter meinen Schutz begeben. Er ist unnütz, Vorbereitungen für ihre Abreise zu treffen, da Alles, was sie braucht, leicht beschafft werden kann. Nur möchte ich die Kleider mitnehmen, von denen Sie mir sagten, e» seien die einzigen Andenken an ihre früheste Kindheit. Sie könnten doch vielleicht einst dazu verhelfen, ihre Angehörigen ausfindig zu machen." „Das vermag ich allerdings nicht, mein Herr," versetzte die Dame ängstlich. „Ich wage nicht, sie fortzugeben, bevor mein Sohn nach Hause kommt. Die Kleider sind sein, er hat sie bezahlt und würde gewiß sehr böse sein, wenn ich sie ohne seine Erlaubniß fortgäbe." „Würde er darüber mehr böse sein, als daß er die Trägerin der Kleider nicht mehr findet?" fragte Faro mit leichtem Spott- „Doch Sie müssen am besten wissen, welchen Werth er auf Beide legt. Vielleicht bin ich bei meinem nächsten Besuch in Bremen so glücklich, diesen irrenden Ritter zu treffen und seine Beute zu kaufen. — Noch ein«! Wie soll ich mein neues Mündel nennen?" setzte er mit fragendem Blick hinzu. „Mein Sohn nannte sie Cora vom Meere, weil sie bei Santa Cruz im Meere gefunden wurde," erwiderte die alte Dame kühl. „Und im Uebrigen können Sie versichert sein daß mein Rupert kein Goldjäger ist ... im Gegen theil! Er ist stets eher bereit, zu geben, als zu nehmen. Das werden Sie an sich selbst erfahren, wenn Sie ihn zu weit treiben," fügte sie mit einer vorwurfsvollen Kopfbewegung hinzu. „Also, die Tochter des Meeres ist bereit, mir zu folgen?" fragte Faro, ohne weitere Antwort auf dar soeben Gehörte zu geben. Frau Falkner bejahte diese Frage und schwieg dann einige Augenblicke wie überwältigt von dem plötzlichen Wechfel in des Mädchens Schicksal. Vielleicht war es aber so doch das Beste. Vielleicht machte die beleidigte Liebe, der angeborene Stolz für den Augenblick den tiefen Schmerz des Abschieds verstummen, und das Mädchen bewegte sich wie in einem schrecklichen Traum, als sie endlich zur Besinnung und zum Bewußtsein ihrer momentanen Lage kam. „Einen Augenblick," sagte sie, als Faro nach der Thüre wies. „Ich bin sogleich wieder da!" Sie eilte die Treppe hinauf nach dein Zimmer, in dem Adele saß. Dort warf sie sich dem erstaunten Mädchen an die Brust und küßte sie leidenschaftlich. „Adele, lebe wohl!" sagte sie schluchzend. „Ich gehe fort. Sage Rupert, daß er mich nicht Haffen möge und sei gut zu ihm. Mache ihn glücklich. Versprich mir das, Adele, und ich kann Alles — Alles ertragen!" Die stechenden Augen Adelens ruhten voll Erstaunen auf den erregten Zügen der Sprecherin. „Wirklich, Cora? Du mußt von Sinnen fein! Was soll das bedeuten?" sprach sie. kalt. „Um's Himmels willen, laß diese Thorheiten bei Seite und mich in Frieden." Cora erhob sich wieder — denn in ihrem Ungestüm mat sie vor Adele auf ihre Kniee gesunken — und zog sich lantz' sam zurück. „Gott nehme sich meines armen Rupert an," murmelte sie, „und stehe mir, seinem geliebten Findling, in der bitteren Scheidrstunde bei!" Arme Cora! Sie ahnte in ihrer kindlichen Unschuld nicht, wie Zeit und Trennung die heiße Liebe frühester Jugend ändern und schwächen, noch wie die Versuchungen und Prüfungen der großen Welt die Erinnerungen der Kindheit schnell in Vergessenheit gerathen lassen I Sie hatte den letzten großen Schmerz ertragen und hatte Ruperts Mutter, die bisher Mutterstelle bei ihr vertreten, Lebewohl gesagt. Stark und furchtlos ertrug sie die Liebkosungen der ihren Entschluß fast schon bereuenden Dame mehr, als daß sie dieselben erwiderte und verließ das Haus, da» ihr bisher Schutz gewährt hatte, mit einem kalten Schauder. Zum Glück für sie konnte Lord Faro ihre Stimmung würdigen, und ohne sie durch Trostworte zu belästigen, führte er sie schweigend nach dem Hotel und von dort auf das Schiff. II. „Netta, meine Liebe, hier sind Briefe von Deinem Papa,' sagte die stattliche Lady Emily Faro, in das Schulzimmer ihrer jungen Nichte tretend. „Was steht darin, Tante?" fragte die Angeredete, die sich gerade mit beii letzten Seiten einer Erzählung beschäftigte. „Wie Du mich durch Dein unerwartetes Eintreten erschreckt hast!" fügte sie dann ärgerlich hinzu. „Netta," sprach die Tante wieder und stellte sich zwischen ihre Nichte und da« Fenster, um das nur noch schwache Tageslicht möglichst zu verdunkeln, „wann wirst Du wohl dieses leichtfertige Wesen ablezen, das zu Deinem Alter und Deiner Stellung und Erziehung so schlecht steht? Mit vierzehn Jahren solltest Du doch ..." „Aber, Tante, ich bin ja in zwei Monaten fünfzehn und in einem Jahre, hoffe ich, führt Papa mich in die Gesellschaft ein. Ich habe keine Lust mehr zu dieser ewigen Lernerei I - Und wenn Du nur kamst, um mich zu tadeln, so bitte, laß 223 mich mein Buch zu Ende lesen," fuhr sie fort uud rückte ihren Stuhl so an'« Fenster, daß sie der Tante den Rücken zukehrte. „Vielleicht habe ich Dir eine Mittheilung zu machen, die Dich zur Vernunft bringt, Netta," sagte Lady Emily ärgerlich- „Du läßt mich allerdings meine Thorhe.t bereuen, daß ich bisher zu nachsichtig gegen Dich gewesen bin und diese @^roä®Men9ba8 hübscheste Mädchen am Ort, willst Du doch sagen, Tantchen," unterbrach sie die eigensinnige Schöne plötz- lich, indem sie aufsprang und sich ihrer Tante zu Füßen auf einen niedrigen Schemel setzte. „Du machst sie dann damit wieder gut, daß Du sehr streng und abgemeffen bist gegen Jeden, den Du kennst." „ „Kind, Kind, sei nicht so übermuthig," unterbrach sie Lady Emily. „Du würdest sowohl Dir als mir schaden, wenn Du die Pläne verriethest, die ich Dir anvertraut habe, mehr um Dich für einen so hohen Rang vorzubereiten, als um Dir solche Thorheiten in den Kopf zu setzen. Es genügt nicht, nur schön zu sein, Netta ... es bedarf auch noch anderer Gaben, um den Preis zu erringen, den ich für Dich bestimmt Habs." „Nun, ich glaube, es kann Niemand leugnen, daß ich hübsch bin," lachte das Mädchen, indem es wieder aufsprang und sich in dem langen Spiegel betrachtete. Lord Faros Tochter war in der That sehr reizend. Weiß wie eine Lilie, mit der Jugendfrische einer Monatsrose auf den Wangen, lebhafte blaue Augen, regelmäßige Gesichts- züge und ein paar Lippen, die mit bezauberndem Uebermuth lächeln, aber auch mit der Entrüstung eines verwöhnten Kindes schmollen konnten. Das schöne Gesicht war von üppig goldenem Haar umrahmt, das lose auf ihre kleine, anmuthige Gestalt herabsiel. Lady Emily, selbst eine große, stattliche Brünette, zollte dieser blonden Schönheit eine an Verehrung grenzende Bewunderung. „Ja doch, ja! Du bist hübsch genug, thörichtes Kind," sagte sie halb ungeduldig. „Aber jetzt gibt es Anderes zu thun und zu bedenken. Es steht uns ein Wechsel im Haushalte bevor, auf den ich mit großem Aerger und Verdacht blicke, bis ich eine nähere Erklärung dafür habe- Dein Vater schreibt, daß er morgen hier sein werde und daß er „eine Gesellschafterin für Netta" mitbringe. Das sind seine eigenen Worte und doch kann ich nach einem späteren Ausdruck in seinem Briefe kaum glauben, daß er es ernst mit seiner Ankündigung meint. Er wünscht, daß ein Zimmer einfach, aber hübsch für die junge Fremde bereit gehalten werde und spricht von einem Empfang der Neuankommenden gegenüber, als ob er es selbst nicht ganz in der Ordnung fände, sie in dieser Weise in unser Hau« zu bringen." Rettas Wangen bedeckten sich mit tiefem Roth. „Tante, ich werde sie Haffen und dafür sorgen, daß sie bald wieder aus dem Hause kommt," rief Netta. „Papa bringt sie als Spionin, als lästige Rivalin, um mich zum fleißigen Studiren anzutreiben, wie er mir schon öfter im Scherz drohte. Das will ich nicht haben. Sie soll nicht hier bleiben!" fuhr sie fort und stampfte leidenschaftlich mit dem Fuße. „Kannst Du nicht schreiben? Ist nicht noch Zeit, ihn zu hindern, daß er dieses Geschöpf mitbringt, das mich mit seinem hochfahrenden, spitzen Wesen rasend machen wird? Sicherlich ist sie so häßlich wie die alte Miß Lawton und ich kann häßliche Gesichter nicht um mich ertragen." Lady Emily bezweifelte vielleicht im Stillen, ob ihre Nichte wirklich eine rtvalistrende Schönheit großer Häßlichkeit vorziehen würde, aber sie hielt es für gerathener, den Sturm, den sie erregt hatte, zu beschwichtigen. „Netta, wie kannst Du Dich einer so unschicklichen Leidenschaft hingeben! Du darfst auch nicht vergeffen, daß Dein Papa keinen Widerspruch duldet, roenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat. Höre auf mich, liebes Kind," sügte sie leiser und mit schmeichlerischem Tone hinzu, „und wir wollen unsere Vorbereitungen zum Empfang dieses seltsamen, unwillkommenen Gastes ganz anders treffen, al« Dein Ungestüm es vorschlägt." III. „Cora, mein lieber Kind! Fassen Sie sich!" sagte Lord Faro während der stürmischen Ueberfahrt von Bremen nach London zu dem oft leise weinenden Mädchen. „Wir nähern uns jetzt rasch Ihrer zukünftigen Heimath. Sie sind begabt. Werden Sie sich selbst gerecht in Ihrer neuen Stellung und für das Uebrige werde ich sorgen." Dann nahm Faro die schlanke, schön geformte Hand Coras in die seine und drückte sie mit der freundlichen Zärtlichkeit eines väterlichen Freundes. Cora richtete den Kopf auf, den sie in ihrer Angst und ihrem Kummer hatte in die Hände sinken lassen, und ein lebhaftes Feuer, wie Faro es schon einmal gesehen hatte, als er ihren Muth und ihren Stolz aufzustacheln versuchte, leuchtete in ihren Augen auf. „Ich bin thöricht, schwach," sprach sie mit einer ungedul digen Bewegung, „aber es ist mir Alles so seltsam Auch meine Sprache wird Ihrer Tochter unangenehm sein, denn ich spreche nur gut deutsch und herzlich schlecht englisch. Außerdem ist Ihre Tochter eine feine Dame, ich ein unbekannter Findling. Sie besitzt viele Kenntnisse und ich bin unwissend. Was kann es da Gemeinsames zwischen uns geben? Doch ich will nicht verzagen. Ich will thun, was in meinen Kräften steht. Aber wenn ich nicht dem Erwarteten entspreche, werden Sie sich ärgern und bereuen, daß Sie Mitleid mit mir gehabt haben." „Ich kann wenigstens versprechen, daß ich Ihnen keine Vorwürfe machen werde, Cora, wie auch das Experiment ausfalle, das ich jetzt versuchen will," sagte er mit einem leisen Anflug von Ernst. „Es war mein Plan und ich kann Sie nicht tadeln, daß Sie meinem Zureden nachgegeben haben. Aber nicht wahr, meine Cora, Sie werden Alles thun, was in Ihrer Macht steht, um glücklich zu sein?" „Sagen Sie," Hub Cora, ohne auf seine Frage einzugehen, nach einer kleinen Weile wieder an, „soll ich Ihrer Tochter Dienerin sein?" „Durchaus nicht!" erwiderte er und die Unmuth stieg ihm bis an die Stirn. „Sie sollen Theil an Nettas Unterrichtsstunden, sowie an ihren Vergnügungen und Erholungen nehmen. Und wenn Netta in die Welt eintritt, werden wir einen andern Plan für Ihre Zukunft finden. Es bedarf Ihrerseits vielleicht Muth und Geduld, Cora, aber um meinetwillen werden Sie Ihre edle Natur zeigen, nicht wahr?" „Ja," sagte sie entschlossen. „Sie sind jetzt mein einziger Freund. Ich werde Sie befriedigen, wenn ich kann; gelingt es mir nicht, so kommt es wenig darauf an, was aus mir wird. Kein Mensch würde die arme Cora vermissen oder betrauern." Er erwiderte nichts und die Reise wurde weiter fortgesetzt. (Fortsetzung folgt.) Madame Sans Göne. Roman nach Bictorien Sardou und F. Morrsau. Deutsch von Adele Berger. (Fortsetzung.) Mittlerweile näherte sich ihm Bernadotte, der die Annäherung seines Kameraden an das hübsche Mädchen mit eifersüchtigem Auge verfolgt hatte und jetzt mit Vergnügen das Mißlingen der Sache sah, nahm ihn beim Arm und sagte: „Komm' mit, Du siehst, daß sie nicht mit Dir tanzen will, . . . Vielleicht kann Mademoiselle gar nicht Fricafföe." „Wer fragt Sie, wie viel Uhr es bei Ihnen geschlagen hat?" rief das muntere Mädchen lebhaft. „Ich kann Fri- cassäe tanzen und werd' sie tanzen, mit wem es mir paßt... mit Ihnen nicht, das steht fest! Aber wenn Ihr Kamerad mich höflich auffordern will .. . nun, dann will ich'« mit ihm probieren . . - ohne Groll, nicht wahr, Sergeant?" 224 Und das lustige, gute Mädchen, immer ganz seinem Im» puls folgend, reichte Lefebvre freimüthig die Hand hin. „Ohne Groll, gewiß Mademoiselle I Ich bitte Sie sogar nochmals um Verzeihung! Sehen Sie, an dem was jetzt geschehen ist, waren die Kameraden ein bischen schuld ... der Bernadotte da hat mich aufgehetzt '. . . ich habe bloß bekommen, was ich verdient habe!" Während er sich so aufs beste entschuldigen wollte, unterbrach ihn das junge Mädchen ungenirt: „Aber sagen Sie, Ihrer Aussprache nach muffen Sie ein Elsäffer sein?" „Ja, vom Oberrhein, von Ruffach!" „Potztausend, ist das ein Zufall. Ich, ich bin von Saint- Amarine . . •" „Also meine Landsmännin!" „Und Sie sind mein Landsmann! Wie man sich zusammenfindet!" „Und wie heißen Sie?" „Catherine Upscher . . . Wäscherin in der Rue Royale, an der Ecke der Rue Orties-Saint Honorö. „Und ich heiße Lefebvre, Exsergant bei der Garde, jetzt bei der Miliz ..." L „Run, Landsmann, wenn'» Ihnen recht ist, werden mir bald bessere Bekanntschaft schließen, aber jetzt ruft uns die Frlcafföe..." „ ,, Und ihn ungenirt bei der Hand ergreifend, zog sie ihn in den Wirbel der Tänzer. Während sie sich vor einem jungen Manne mit sehr blaffem, fast fahlem Gesichte, langen, wie Hundeohren fri- strten Haaren, mit diskreter, listiger Miene und einem langen, einer Soutane ähnelndem Rock drehte, sagte derselbe ziemlich laut: „Sieh' mal an! Catherine geht zur Garde über!" „Kennen Sie diese Catherine?" fragte der Sergeant Bernadotte, der diese Worte gehört hatte. „O, ganz in allen Ehren!" antwortete der junge Mann mit dem geistlichen Aussehen. „Es ist meine Wäscherin . . - ein gutes, wackeres, reinliches und munteres Mädchen . . . das Herz in der Hand und das Zünglein ordentlich geschärft . . . tm ganzen Viertel nennt man sie wegen ihrer freien Reden und ihrer ungezwungenen Manieren Mamsell Sans- Gone . . ." Der Lärm des Orchesters wuchs und der Rest des Gespräches verlor sich in dem frohen Tumult der Fricaffoe. II. Die Prophezeiung. Rach beendetem Tanz führte der Sergeant Lefebvre seine Landsmännin auf ihren Platz zurück. Der Friede war vollständig geschloffen. Sie sprachen wie ein Paar alte Bekannte miteinander und gingen Arm in Arm wie ein Liebespaar. Lefebvre schlug, um den Frieden gänzlich zu schließen, eine Erfrischung vor. „Angenommen!" antwortete Catherine. „Oh, ich pflege mich nie zu zieren ... Sie sehen wie ein guter Junge aus und ich schlage Ihre Höflichkeit nicht ab, umsomehr als die Fricaffse einen hübsch durstig macht . . . setzen wir uns!" Sie nahmen an einem der Tische Platz, die sich in dem Saale befanden. Lefebvre schien von der Wendung, welche die Angelegenheit genommen hatte, entzückt zu sein, trotzdem zögerte er einen Augenblick, ehe er sich niederließ. „Was haben Sie?" fragte Catherine geradezu. „Sehen Sie, Mamsell," antwortete er etwas verlegen, „bei der Garde, wie bei der Miliz haben wir nicht die Gewohnheit, uns abzusondern . . ." „Ah, ich verstehe . • • Ihre Kameraden? Run, laden Sie sie ein . . . soll ich sie rufen?" Und ohne die Erlaubniß abzuwarten, erhob sich Catherine, stieg auf die zrünbemalte Holzbank, die sich neben dem Tisch befand und rief, die Hände als Sprachrohr vor den Mund haltend, die drei Gardisten an, die aus der Ferne mit spöttischen Blicken das Paar betrachteten: „He, Jungens, kommt doch her! Man wird Euch nicht freffen ... und zusehen, wie Andere trinken, das macht einem den Pips!" Die drei Gardisten ließen sich nicht lange bitten, der familiären Einladung Folge zu leisten. „Du kommst nicht mit, Bernadotte?" fragte einer der Gardisten den Sergeanten, der zurückblieb. „Ich habe mit dem Bürger zu sprechen," antwortete in schlechtgelauntem Ton Bernadotte, der eifersüchtig auf j-den Vortheil eines Kameraden und ärgerlich über den Sieg, den Lefebvre über die schöne Wäscherin davongetragen, sich beiseite halten wollte, indem er sich stellte, als unterhalte er sich mit dem jungen Manne in dem langen Rock und mit der Hundeohrenfrisur. „O, der Bürger kann auch kommen!" rief Catherine. „Ich kenne ihn . . . er kennt mich auch, nicht wahr, Bürger Foucho?" Der so angerusene junge Mann näherte sich dem Tische, wo Lefebvre bereits Glühwein mit Spitzkuchen bestellt hatte und sagte grüßend: „Da Mademoiselle Catherine es wünscht, werden wir Platz nehmen .... ich bin entzückt, mich in der Gesellschaft der tapferen Vertheidiger der Stadt zu befinden!" Die vier Gardisten und der Civilist, der Fauche genannt wurde, setzten sich, und da die Gläser gefüllt waren, stieß man miteinander an. Catherine und Lefebve, die bereit» bei kleinen Vertraulichkeiten angelangt waren, tranken heimli h aus demselben Glase. Lefebvre faßte sogar Muth und wollte einen Kuß rauben, aber Catherine bog sich zurück. „Nichts da, Landsmann," sagte sie, „ich lache gern, so viel man will, aber nicht mehr!" „Eine tugendhafte Wäscherin, das haben Sie wohl nicht erwartet, Milizist?" fragte Fouchö. „Ja, ja, mit Mamsell Sans-Gone ist nicht immer zu spaßen!" „Sagen Sie doch, Bürger Foucho," rief Catherine lebhaft. „Sie kennen mich ja, denn ich besorge Ihre Wäsche seit den drei Monaten, die Sie au» Nantes zurück sind — ist etwas über mich zu sagen?" „Nein, nichts, absolut nichts!" „Ich mache gern einen Spaß oder tanze wie eben eilte Fricaffoe — stoße sogar mit ein Paar guten Jungen an, wie Ihr es zu sein scheint, aber Niemand, hört ihr, weder in diesem noch in einem anderen Viertel kann sich rühmen, je die Schwelle meines Zimmers überschritten zu haben - mein Laden, ja, der steht jedermann offen — aber den Schlüffe! zu meinem Zimmer bekommt nur einer ..." „Und wer wird dieser Glückspilz sein, fragte Lefebvre, seinen Schnurrbart zwirbelnd. „Mein Gatte!" antwortete Catherine stolz, und ihr Glas an das Lefebvre's anklingen lastend, fügte sie lachend hinzu: „Jetzt wißt Jhr's, Landsmann, was sagt Ihr dazu?" „Daß das gar nicht so unangenehm fein mag," antwortete der Sergeant, an seinem Schnurrbart zerrend, „man kann ja sehen ... auf Ihr Wohl, Mamsell Sans-Göne!" „Auf das Ihre, Bürger - in Erwartung Ihres An- träges I" Und die Beiden stießen lustig an, indem sie über diese freie Vereinbarung freimüthig lachten. (Forts, folgt.) Literarisches. Die durchweg auf das Practische gerichtete neue Monatsschrift Johanna von Sydows: »Die practische RM)t* (Verlag von Max Pasch, Berlin) verdient die weiteste Verbreitung. Was die Zeitschrift an unterhaltender und belehrender Seetüte bietet, ist gleich g<; biegen. In dem vorliegenden Mai-Heft behandelt W. v. Gehren das zeitgemäße Theina: „Soll die Frau sich mit Politik beschäftigen oder nicht?" — Dr. med. Franke gibt Verhaltungsmaßregeln für die Küche der Blutarmen. — „Der Einkauf im Mai", „Eine Plauderei über den Maitrank", „Ein kaltes Buffet für Gesellschaften" tragen den Bedur - nissen des Monats Rechnung. Der „Speisezettel", zahlreiche erprobte Original-Reeepte bieten wiederum eine Fülle von praetischem Stoff, w dem jede Hausfrau etwas für sie Geeignetes finden wird. Der Preis des einzelnen Monatsheftes ist 50 Pfg. Jährlich erscheinen 12 Hefte. fetadtai: A. Gcheyda. — Druck rm» SSerfag der vrühl'schm lkuoerktälEnch. trab Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in »ich«.