MeMss-rES-sMröex. amilfefißföHer isksnsr Mm Gießener Anzeiger (Geurml-AmciffM (Schluß.) Die feierliche Promotion war bald vorüber und der neugebackene Doctor gab den Commilitonen bei den Gorgonen den Doctorfchmaus. Die Tafel war auf fünf Uhr angesetzt. Zur bestimmten Zeit sammelten stch die Gäste bei den Jungfern Lauth, die diesermal ihre ganze kulinarische Kunst aufgeboten hatten, etwas Tüchtiges zu leisten. Man speiste mit dem besten Appetit, schonte auch der Weine« nicht und sprudelte bald über von Heiterkeit. Launige Trinksprüche auf den jungen Doctor, die Alm«, mater, das Professoren' SoUeflium lösten einander ab, Scherze und Witze flogen herüber und hinüber. Da ergriff Lenz, der zündend reden konnte, sein Glas und brachte ein Hoch auf die Musen unseres Lebens, auf die Jungfrauen, aus. Er hatte seinen Toast so mit Anspielungen auf Goethe gespickt, daß Herder und Salz, mann ihm strenge Blicke zuwarfen. Er schien ste nicht zu ehenl Aber Wolfgang erhob stch, flüsterte Salzmann zu, er komme sogleich wieder und trat dann hinaus. Im Vorzimmer nahm er Hut und Surtout, schrieb ein kleines Btllet an Salz» mann und ging fort. Beim Pferdeverleiher entnahm er ein schwang stch auf, wie er ging und stand, und schickte das Btllet durch einen Knecht nach den Gorgonen. Hier las der Actuar: »Mein Sokrates I , Z1 Die Tischgesellschaft soll ruhig und in aller Fröhlich, kett beisammen bleiben; ich bin fortgeritten, Abschied zu nehmen, Sie wissen wohl, wo l Behalten Sie lieb Ihren Wolfgang Goethe." mc Er Frühe de« anderen Tage» traf der Reiter im Psarrhause ein. Er sah lauter versteinerte Gestchter, aus« ^en.°^men bo8 Antlitz des Ehrenmannes Brion. Friederike lhat beim Anblick Wolfgang« einen lauten Schrei und fiel Mm dann um den Hals. Als man durch ste erfuhr, daß Wolfgang als junger Herr Doctor gekommen, da thaute die ! Wrrwta auf. Jedenfalls »ar er doch da, um jetzt, wo alle I Dichterfrühling. Historische Original-Novelle von Carl Cassau. t“8 geräumt waren, mit den Eltern Friederiken« zu sprechen. Nun, dazu war es ja auch hohe Der Vormittag vsrging also ganz leidlich, nach Tische aber wanderten die Beiden in'» Nachtigallenwäldchen hinaus, und hier fand der Abschied für'» Leben statt. 9 „Friederike," begann hier Goethe hochaufathmend und SrÄi”f6ftA0enb' Ä^ute zum letzten Male hier! Ä S,1' es muß ja geschieden !,n! Glaube nicht daß ich Deiner unwürdig, Deiner satt bin ; ich sehe nur kein Ende dieser Wirrniß ab! Mein strenger Vater, von dem ich in Allem abhängig bin, da mich mein eüK.” 41 ÖO“ßärRbi9 roftb, würde niemals seine Einwilligung zur Verschwägerung unserer Familien geben da Ruf seinen alten Patrizierstammbaum hält; ich w eAer solchen Verbindung meine Angehörigen, Du ,b 0 »clni9®n auf immer verlieren; könnte dieses ein Glück sein? Schau', noch mehr: Mein Weg ist weit, ich habe ein fernes Ziel vor mir; geebnet wird der Weg dahin nicht sein! Soll ich Deine zarte Gesundheit opfern? — Noch find wir nicht gebunden; laß uns scheiden!" Friederike starrte vor sich nieder. Sie gedachte der Zelt J’ü« dieTafel bestellt und er ihr seine Liebe er- klärt hatte. Und j-tzt? — Ste stand auf und sagte tonlos: Fa, laß uns scheiden, kurz und gut! Schon in Straßburg, baß sich D-inHerz gewandelt! Aber wa« versteht Ihr Männer auch von Frauenliebei" Sanfter fuhr sie dann fort: „Doch ich zürne Dir niLt renn ich liebe Dich! Ich halte er für eine Ehre, von Dir geliebt worden zu fein, und in meinem Herzen soll nie — Du magst glauben, was Du willst — ein anderes Bild Platz finden! Schon sehe ich Dich auf lorbeerbekränzten Höhen, denn ich kenne Deiner Genius! Daß ich einfaches Landmädchen Deinem hohen Gedankenflug nicht genügen kann, weiß ich: A wäre Dir doch nur eine Fessel! Nimm mit diesem letzten Kusse Gottes schönsten Segen und meine vollste Verzeihung!" Sie umschlangen stch, ste weinten zusammen. Mußte es denn sein? . So kamen sie herein, Friederike heiterer, als Wolfgang gedacht. Eigentlich wollte er nun aufbrechen, Friederike aber bat ihn, bi» morgen zu bleiben. feil 582 Die Abendtäfel wat, verstimmt wie man war, früher als sonst aufgehoben; Wolfgang ging aus fein Zimmer. Die Pfarrersleute hörten ihn die ganze Nacht weinen und im Zimmer umherschreiten. Ganz spät holte auch Salomea die Mutter herbei: Riekchen hatte einen Anfall gehabt. „War hat t» gegeben?" fragte Frau Maria Magdalena, als die Kranke wieder zu sich gekommen war. „D, frage nicht, Mutter!" entgegnete jedoch Friederike abweichend. Das sagte genug und die resolute Frau »ahm sich vor, dem jungen Doctor morgen früh ordentlich den Text zu lesen. Er erschien erst spät am Kaffeetisch und erklärte dann, daß nun geschieden sein müffe. Mit bewegten Worten dankte er der Familie für alle Liebe, die er hier genoffen, dann stand er auf. Da konnte Frau Maria Magdalena nicht länger an sich halten. „Schämen Sie sich, Herr Doctor," sagte sie, „daß Sie unserem Hause diesen Schimpf anthun l Von Ihnen hätte ich es nie geglaubt!" Der gute Pfarrer erhob die Hände begütigend, Friederike aber sagte: „Nicht so, Mutter; ich sehe selbst ein, daß ich dem Herrn Doctor nicht genüge; verkennt ihn nicht, wir geben Leide nur dem Drucke der Verhältniffe nach! Komm', Wolfgang, zum letzten Male begleite ich Dich auf den Hügel!" Auf diese» verschwand die Mutter, Salomea winkend, sofort, die Kinder zerstreuten sich, Brion allein reichte Wolfgang stumm die eiskalte Hand. Arm in Arm ging indeß das Paar zum Wirthshause, wo Goethe Befehl gab, sein Pferd durch einen Knecht auf den Hügel zu senden. Noch einmal sah er sich hier um, noch einmal umschlang er Friederike krampfhaft, dann schwang er sich auf da« herbeigebrachte Roß. Zum letzten Male reichte er Friederike die Hand und schluchzte: „Ade, meine Muse! Ich will Dich wie eine Heilige verehren! Heute sehe ich'«, daß ich Deiner nicht werth war! Ich habe fda» edelste, da« beste Herz schwer verletzt! Verzeihe mir!" Sie winkte nur, denn die Bewegung erlaubte ihr keine Worte; er drückte den Hut in die Stirn, gab dem Rosse die Sporen und flog die Anhöhe hinab, eben als Friederike der nachgeeilten Salomea ohnmächtig in dis Arme fiel. Al« letzten Gruß empfing die Verlassene zwei Tage darauf folgendes Blatt: „Ein grauer, trüber Morgen Bedeckt mein lieber Feld, Im Nebel tief verborgen Liegt um mich her die Welt; O, liebe Friederike, Dürft' ich zu Dir zurück, In einem Deiner Blicke Liegt Sonnenschein und Glück! Der Baum, in dessen Rinde Mein Nam' bei Deinem steht, Wird bleich vom rauhen Winde, Der jede Lust verweht. Der Wiesen grüner Schimmer Wird trüb wie mein Gesicht, Sie seh'n die Sonne nimmer, Ich Friederiken nicht. Bald geh' ich in die Reben Und herbste Trauben ein. Ringsum ist Alles Leben, Es sprudelt neuer Wein. Doch in der öden Laube, Ach, denk' ich, wär' sie hier. Ich brächt' ihr diese Traube, Und sie, was gäb' sie mir?" Al« Salzmann zwei Tage später den Freund besuchte, lag er krank im Bette, auf dem Schreibtische aber zeugte ein noch von der Tinte nasse« Gedicht von den Seelenkämpfen, welche der Kranke durchgefochten: „Laß mein Äug' den Abschied sagen, Den mein Mund nicht nehmen kann I Schwer, wie schwer ist er zu tragen! Und ich bin doch sonst ein Mann! Traurig wird in dieser Setimet Selbst der Liebe süß'stes Pfand, Kalt der Kuß von Deinem Munde, Matt der Druck von Deiner Hand. Sonst, ein leicht gestohl'nes Mäulchen, " O, wie hat es mich entzückt! So erfreuet uns ein Veilchen, Das man früh im März gepflückt! Doch ich pflücke keine Kränze, Keine Rosen mehr für Dich. Frühling ist eS, doch im Lenze Leider kalter Herbst für mich!" Als bald darauf das nach einem elsässischen Volkslieds von Goethe umgedichtete „Heidenröslein" bekannt ward, wußten Herder und Salzmann wohl, auf wen es deutete: „Und der wilde Knabe brach 's Röslein auf der Haiden; Röslein wehrte sich und stach, Half ihm doch kein Weh und Ach, Mußt' es eben leiden. Röslein, Röslein, Röslein roth, Röslein auf der Haiden!" Arme» Röslein! * * • Goethe war nach Frankfurt abgereist; er hatte Friederike Brion nicht vergessen und hat sie auch später wie eine Heilige unvergessen geehrt. Inzwischen weilte Reinhold Lenz im Pfarrhause. Da» Zimmer, welche» Goethe bewohnt, nahm jetzt er ein; die guten Pfarrersleute konnten sich ja nicht ander« als gastfrei erweisen. Es war wohl Allen klar, daß er um Friederikens willen kam, aber das Mädchen hielt sich kalt zurück. Da versuchte der Livländer sein Glück bei den Eltern und hielt um der Tochter Hand in aller Form an. Die Pfarrerin seufzte. Lenz war kein Goethe, dessen Bild im hellsten Lichte vor Aller Seelen stand. Dennoch nahm sie die Tochter mütterlich bei Seite und sagte: „Set nicht thöricht, mein Kind! Der Doctor Windbeutel kehrt nie zurück und eine alte Jungfer sollst Du nicht werden! Wenn Herr Lenz auch kein Goethe ist, so meint er es doch ehrlich und hält um Deine Hand an. Schlage ein!" Aber Friederike schüttelte den Kopf und sagte mit schmerzlichem Zucken auf den bleichen Lippen: „Komme e«, wie e» kommen mag; nie werde ich einen anderen Mann lieben!" Dieselbe Antwort erhielt Lenz, al» er im Garten seinen Antrag persönlich vorbrachte. „Sehen Sie," setzte sie dann hinzu, „Goethe ahnt nicht« von Ihrer Verrätherei, denn ich habe geschwiegen. Sehen Sie aber nicht ein, daß sein und Ihr Bild nicht in einem Herzen Platz haben können?" Da fiel er vor Leidenschaft rasend ihr zu Füßen und flehte: „Riekchen, so hören Sie mich doch! Ihr Verzicht auf Eheglück nützt ihm, der mir überall im Wege war, ja nicht«; mich aber stürzt Ihre Weigerung in Wahnfinns Nacht! Sie müssen, Sie sollen mich hören!" Er griff nach ihrem Kleide, aber da trat plötzlich der Herr Pfarrer, der jetzt auf einmal Muth in seinen Adern fühlte hinzu und brachte sein Kind in Sicherheit. Lenz mußte das gastliche Dach sofort verlassen. Er hatte wahr gesprochen: Er starb im Irrsinn! Goethe gedachte oft und gern seine« „Dichterfrühling«", den Friederike in seinem Herzen wachgerufen. Sie blieb ledig und starb achtuydfünfzig Jahre alt im Jahre.1813. „Ein Strahl der Dichtersonne fiel auf sie, So reich, daß er Unsterblichkeit ihr lieh!" Ihre resolute Schwester heirathete einen Geistlichen, ihr Bruder ward selbst Pfarrer, Sophie aber blieb wie ihre Schwester ledig. Auf dem Friedhof zu Sesenheim liegt Goethe» erste Liebe begraben. Fröhlich sei ihr Auferstehen! 888 Mark Gmain. Mark Twain hat im vorigen Jahre seinen 60. Ge- burtstag gefeiert und wurde bei dieser Gelegenheit al« einer der glücklichen Sterblichen gepriesen, dem er vergönnt sei, in Ästigem Alter im Kreise seiner Familie und im Besitz eines schöne« Vermögens auf ein bewegtes und erfolgreiches Leben sorgenfrei zurückzublicken. Aber er war damals weitfchauender und tiefblickender als andere. Er konnte im Scherze sagen, es ahne ihm, daß er noch einmal zum Bettler würde. Heute ist das zur Thatsache geworden. Vor Kurzem hat Mark Twain durch den Bankerott der Verlagsfirma von Webster in New-York, welcher er sein Vermögen anvertraut hatte, alle- verloren. Es geht ihm wie einst Walter Scott, mit daß letzterer in jüngeren Jahren und im Vollbesitz seiner Schöpfungskrast stand, al« das Unglück über hn kam, so daß er durch die Arbeit seiner fruchtbaren Feder M wenigen Jahren seine Schulden tilgen konnte, während Mark Twain am Ende seiner litterarischen Laufbahn ange. langt ist nachdem er der Welt jedenfalls da» Beste seines genialen Geistes und Humors gegeben hat. Um so heroischer und hochherziger ist Mark Twains Handlungsweise, der sich entschloffen hat, alles daran zu setzen, um seine Gläubiger bei Heller und Pfennig zu befriedigen. Da die Einnahme aus der schriftstellerischen Thätigkeit zu langsam für seinen Zweck voranginge, trotz der großen Honorare, die er zu be- ziehen gewohnt ist, so hat er sich zu einer mehrjährigen Vorlesungstour um die Welt entschloffen und bereits damit begonnen. In einer öffentlichen Erklärung hat er seinen Entschluß angekündigt. „Was die Vorlesungen einbringen," schreibt er, ist gleich meinem übrigen Vermögen für die Gläubiger bestimmt." Dann fährt er fort: „Ein Kaufmann, der alles hingegeben hat, was er besaß, kann sich für insolvent erklären und sein Geschäft zu eigenem Nutzen von Neuem anfangen. Die geistigen Fähigkeiten eines Menschen dürfen von den Gläubigern nach Recht und Gesetz nicht mit Beschlag belegt werden. Aber, ich bin kein Handelsmann und die Ehre ist ein strengerer Zuchtmetster als das Gesetz. Nur mit 100 Cents sür den Dollar läßt sie sich abfinden und ihre Schulden verjähren niemals. „Wäre die Verlagsanstalt, in der mein Kapital steckte, vom Glück begünstigt gewesen, so würde ich zwei Drittel de« Gewinne» erhalten haben. Die Schulden aber gedenke ich ganz zu bezahlen . . . . Im Augenblick steht die Angelegenheit so, daß ich mit Hllfe der Aktiva der Firma und dem von meiner Frau geleisteten Zuschuß so viel Geld zusammenbringen kann, um den Gläubigern 50 Prozent auszuzahlen. Ich werde sie bitten, sich mit dieser Theilsumme vor Gericht abfinden zu lassen und mir das Vertrauen zu schenken, daß ich die rückständigen 50 Prozent so schnell abtragen werde, als ich sie verdienen kann. Nach dem bisherigen Erfolg zu urtheilen, den ich auf meiner Vorlesungstour gehabt habe, hege ich die Zuversicht, daß ich, wenn mir Gott das Leben läßt, innerhalb vier Jahren den Rest abgezahlt haben werde. Dann kann ich mit 64 Jahren, völlig schuldenfrei, mein Leben neu beginnen." Soweit Mark Twain. Wir wünschen ihm Glück zu seinem edlen Wagniß und dauerhafte Gesundheit, um e» durchzuführen. Der amerikanische Humorist zeigt durch sein Verhalten, daß er nichts von seinen Eigenschaften ausdauernden und zähen Verharrens eingebüßt hat, die wesentlich zu seinen Erfolgen im Leben beitrugen. Er adelt durch sein Verhalten seine litterarischen Werke und beweist, daß die sittliche Kraft, die ihn zu denselben befähigte, ein Hauptmerkmal derselben sind. Mark Twain wird von Vielen, — wahrscheinlich solchen, die über ihn urtheilen, ohne ihn zu kennen — als ein bloßer Spaßmacher angesehen, allein «er Umschau hält über seine Werke wird bald finden, daß der amerikanische Humorist ebenso sehr ergötzt und erheitert, al« belehrt und erzieht. z Kein Mann wird Mark Twain lesen, ohne eine» nachhaltige!!, moralisch kräftigenden Einfluß au« seinen Schriften zu ae- «innen. Durch die im Verlag von Robert Lutz in Stutt- gart erschienene Ausgabe der ausgewählten humoristischen Schriften Mark Twain», welche das werthvollste und für deutsche Leser geeignetste in vortrefflicher Uebersetzung wieder- gibt, ist es uns nunmehr ermöglicht, Twain in seiner ganzen Fülle kenne« und lieben zu lernen. Die schöne sechrbändiae Ausgabe enthält folgende Meisterwerke Mark Twains: 1. „Abenteuer und Streiche von Tom Sawyer," 2. „Abenteuer und Fahrten von Huckleberry Finn," 3. „Skhzenbuch," 1 „Leben auf dem Mississippi" und „Nach dem fernen Westen," 5. „Im Gold- und Silberlande," 6. „Reisebilder und verschiedene Skizzen," nebst einer Lebensbeschreibung de» berühmten Humoristen. Diese sechs Bände enthalten einen Lesestoff, welcher berechtigt ist, viele nichtsnutzige neue Bücher zu verdrängen und in den weitesten Kreisen bekannt zu werden. Sie haben neben ihren großen geistigen Vorzügen auch noch den der Billigkeit. (Zu beziehen in 6 Bänden zu Mk. 10. — eleg. geb^!3.50, einzeln jeder Band Mk. 1.80, eleg. geb. Heber den Werth Mark Twains für deutsche Leser urtheilt ein Kritiker treffend wie folgt: ' «Leider scheinen bei uns die Humoristen ausgestorben, wenigstens jene, welche wie Fritz Reuter mit dem Herzen fühlen und darin da» Leben des Volkes aufnehmen mit seinen Schwächen und Gebrechen und Thorheiten, um Alle» das w eder heraurströmen zu lassen, nicht mit Bosheit und pikanten Würzen, aber mit der eigenen Gemüthstiefe und Herzensfröylichkeit durchmengt, die uns wieder von Herzen lachen macht. Amerika hat einen solchen Humoristen, das ist Mark Twain. In Hunderttausenden von Exemplaren sind nicht nur dort, sondern auch in England und anderen Ländern die Twain'schen Schriften verbreitet. Der Schriftsteller hat bei dem belesenen Publikum eine internationale Berühmtheit erlangt und verdient auch in Deutschland volkrthümlich zu werden, dem er sich durch verschiedene Besuche näher gebracht hat; auch liegt in de» Dichters Fühlen und dessen Wiedergabe eine Art, die der deutschen Volksseele so sympathisch ist, als wäre er einer der unseren. Deshalb ist e» mit großer Freude zu begrüßen, daß ein deutscher Verlag die Herausgabe der sorgsam gesichteten besten Werke der berühmten Humoristen übernommen hat und zwar in so practtscher Weise, daß auch dem ärmsten Manne, der Freude an herzerquickenden guten Büchern hat, die Anschaffung dieses köstlichen Humor-Schatzes leicht gemacht ist." „Mark Twain" ist fein bloßer Schriftstellsrnams und rührt daher, daß die Lotsen auf dem Mississippi beim Auswerfen de» Senkblei» ausrufen: Mark one — mark two oder twain u. s. w. In Wirklichkeit ist Mark Twain» Name Samuel Langhorne Clemens. Folgen wir einmal in flüchtiger Skizzirung dem Lebenslaufe unseres Samuel oder kurzweg Sam. Derselbe verlebte in Hannibal, Staat Mississippi, seine Jugendjahre; sein Vater John war daselbst seit 1840 Friedensrichter. Sam war ein gutherziger, wilder und muth- williger Knabe, der oft die Schule schwänzte und allerhand lose Streiche beging. Sowohl in „Tom Sawyer" wie „Huckleberry Finn" hat er seine Jugendzeit drastisch geschildert. Als Sam zwölf Jahre alt war, starb der Vater und er wie seine Geschwister mußten sich ihr Brod verdienen. Er wurde Buchdruckerlehrling beim „Weekly Courier" in Hrnntbal. Die» Blatt hatte 100 Abonnenten in der Stadt und 350 auf dem Lande; die städtischen bezahlten mit Colonialwaaren, die ländlichen mit Kohlköpfen und Holz — „wenn sie überhaupt zahlten", fügt Mark Twain hinzu. Es war eine ganz miss- rable Wirthschaft und ein kümmerliches Leben. Als der Lehrling, der wenig an den Setzerkasten gekommen war, 15 Jahre zählte, hatte er „ausgelernt" und ging auf die Wanderschaft, wobei er nach New-York kam, von da nach Philadelphia, dann nach Cincinati, nach Louisville und St. Louis. — Nirgends hielt er lange au». Er wurde Lotse auf dem Mississippi, war er im „Beben auf dem Mississippi" schilderte. Der Ausbruch de» Bürgerkriege« machte dieser Laufbahn ein Sude. Nun wurde er Goldsucher in Califvrnien, von wo au« er Skizzen für verschiedene Blätter schrieb und später eine Redacteurstelle erhielt, wa« ihm so wenig behagte, daß er wieder Lotse werden wollte. Der ihm befreundete General Mc Comb redete ihm die« au«, weil er Mark Twain» großes Talent erkannt hatte. Er blieb also der Feder treu und entschloß sich zur Herausgabe de» „Salifornier'; da aber das Blatt trotz der prächtigen Skizzen nicht ging, ging er selbst und zwar wieder nach den Bergen als Goldgräber. Dies Geschäft glückte nicht und Mark Twain ging al» Berichterstatter nach den Sandwich-Jnseln. Aber schon nach zwei Monaten war er wieder in San Francisco. Hier verlebte er bi« 1867 ein wahres Hungerdasein. Dann begab er sich auf Reisen, um Vorlesungen zu halten, wobei er vielen Anklang fand. In demselben Jahre erschien der erste Band seiner Skizzen, der in Amerika wie in England begierig gelesen wurde. Er kam wieder nach New-Dark, dann nach Washington. Mit Hllfe seine« Freunde» Mc Cvmb konnte er sich hieniächst einer Reisegesellschaft auf ihrer Fahrt nach Europa anschließen, von wo er Berichte an eine califv mische Zeitung schrieb. Nach der Rückkehr war er wieder in Washington, 1868 wieder in San Francisco, 1869 wieder in New-Dark, wo er vergeblich einen Verleger für sein neue» Werk „Harmlose auf Reisen" (Innocents abroad) suchte. Endlich druckte e» die Verlagsgesellschaft in Hartfort, e» wurden 200,000 Exemplare davon verkauft und 75 000 Dollars Reingewinn gemacht, wovon der Verfasser die Hälfte erhielt. Damit war sein Ruhm gegründet, er wurde ein gesuchter Autor- Ein großer Theil des Stoffes, den die „Harmlosen auf Reisen" behandeln — die Reise ging nach Frankreich, Italien und Palästina — ist natürlich der Veraltung unter- worfen, und die Lutz'sche Verlagshandlung hat demnach sehr wohl daran gethan, dieses Buch nicht vollständig in ihre neue deutsche Twain-Ausgabe aufzunehmen, sondern sich mit dem Abdruck einiger der gelungensten Skizzen (im sechsten und letzten Bande) zu begnügen. Mark Twains größere Schriften, welche den „Harmlosen auf Reisen" folgten, zerfallen in zwei Gruppen; die erste Gruppe schildert da» Leben im fernen Westen zur Zeit de» Edelmetall-Fieber» („Roughing it“, 1871) und da» Leben auf dem Mississippi (ersch. 1883), die zweite umfaßt die Jugendstreiche de» Tom Sawyer (1876) unr> de» Hackleberry Finn (1886). Bei Lutz füllen diese Arbeiten die Bände IV und V, bezw. I und II. Die Stoffe selbst geben er an die Hand, welche Seiten seiner schöpferischen Kraft der Autor in beiden Gruppen vorzüglich entfaltet: In der ersten spenvet er mit vollen Händen au» dem reichen Schatze seiner Erfahrungen und der Humor tritt ein wenig zurück; in der zweiten zeigt sich da» umgekehrte Verhältniß. Welcher Gattung man den Vorzug einräumen will, da» ist Geschmackssache. Die Welt von heute fühlt vor Allem das Bedürfniß, sich zu erheitern, und es wird deshalb Niemand Wunder nehmen, daß „Tom Sawyer" und „Huck Finn" ein wett glänzendere» finanzielles Ergedmß hatten, als die ernsteren Bücher. Aber gerade darum sei der hohe Werth dieser belehrenden, der Wirklichkeit abgelauschten Darstellungen besonder» nachdrücklich hervorgehoben. E» find hochinteressante Blätter der Eultur« geschichte, die man da zu lesen bekommt, und auch in Natmschilderungen — wir erinnern nur beispielsweise an va» Capitel vom Mono-See in Ealisornien — leistet Twain Vortreffliches. Den „specifisch-amerikantschen" Witz, welcher in Deutschland nicht allenthalben Cours hat, braucht der Leser wenig zu fürchten. Ersten» ist jener Bursche gar nicht so schlimm. Zum Zweiten aber darf man nicht glauben, daß ein echte» und vielseitige« Talent wie Twain mit fernem W tze auf diese Paradoxa beschränkt sei oder selbige auch nur begünstige. Man darf im Gegentheil sagen: Sein Witz im Besonderen ist ebenso vielseitig wie seine schriftstellerische Veranlagung im Allgemeinen. Darum find auch seine vorzug«- weife humoristischen Schriften „Tom Sawyer" und „Huck Finn" von überwältigender Wirkung bei Lesern aller Nationen. E« wäre höchst müßig, Untersuchungen darüber anzustellen, ob Twain hier und da die Farben zu dick aufträgt oder nicht. Mag das z. B. bei der famosen „Befreiung" de» Neger« Jim im „Hackleberry Finn" reichlich der Fall sein — dem Werthe de« Buche» geschieht dadurch kein Eintrag, diese» erfüllt seine Aufgabe als Sorgenbrecher in de» Wortes bester Bedeutung. Und ebenso steht es mit „Tom Sawyer", ein Buch, das nebenbei gesagt durch geschickte« Einstreuen rührender kleiner Züge in das sprudelnd heitere Ganze den Erfolg auf« glücklichste steigert. Wir schließen, indem wir nochmals die Hoffnung äußern, daß die neue, wirklich schön ausgestattete und dabei sehr wohlfeile Lutz'sche Ausgabe dem größten Humoristen der neuen Welt auch in Deutschland ein weitere« Publikum erobern werde. VeviiMehtes. Zweideutig. Vater, ein Viehhändler ist draußen! Er will den großen Ochsen mal sehen." — „Ja, sag ihm nur, ich komme gleich I" * Aus der Schule. „Weißt Du, Max, da sitzt man nun und büffelt und schwitzt, — weißt Du — e» gibt doch keine Gerechtigkeit auf der Welt! Die Lehrer werden bezahlt und wir müssen die Arbeit machen." Gut abgefertigt. Student: „Mein Fräulein, ich finde Sie wirklich reizend---." — Backfisch (schnippisch): „Leider kann ich da« nicht von Ihnen sagen." — Student: „O da« könnten Sie ebenso gut, wenn Sie sich, wie ich, einer Höflichkeitslüge bedienen." Sicherheit. Bankier:*„Wenn ich diese große Summe hergeben soll, müssen Sie mir selbstverständlich Bürgschaft stellen!" — Kunde: „Ich könnte ja zur Sicherheit Ihre Fräulein Tochter heirathen!" * Der BegrifssstÜtzige. Bräutigam: „Mit diesem Kusse, Engel, hab ich Dir alles gesagt." — Braut: „Ich hab'« nicht recht verstanden; bitte sag' mit’» noch einmal." Literarisches Mit Aufdruck ihres Namens ist für Hans und Grete, Fritz und Franz und rote sonst immer unsere Lieblinge heißen mögen, ein reizendes neues Märchendnch mit sieben entzückenden Märchen »on Lucie Jdeler und mit ebensovielen prachtvollen großen bunten Bildern nach Aquarellen von Fritz Bergen in der Schwabacher'schen Verlagsbuchhandlung in Stuttgart soeben erschienen. Martha Dienst «nd Maria-Sinn. Ein Leitstern auf dem Lebenswege für confirmierte Töchter aller Stände. Von BerthaMathö, geb. Hüff-ll, Verfasserin von „Jungfrauenb evier, Gebete in Freud' und Leid" rc. Neue, verbesserte Auflage. Eleg. geb. mit Goldschnitt Mk. 3. — Schwabacher'sche Verlagsbuchhandlung in Stuttgart. Wir wollen dieses, Carl Gerok gewidmete, schon viel verbreitete Buch bcn Müttern an's Herz legen. Es ist ein wahres Schatzkästlein für alle jungen Mädchen, die sich sowohl zu einem weiblichen Berus als für eine glückliche Ehe heranbilden wollen. Eine erfahrene Frau, die sich um die Herzensbildung der weiblichen Jugend schon so viele Verdienste erworben hat, giebt hier edle Mahnungen, nützliche Rathschläge und Winke in klarer, kurzer und faßlicher Weise. Wir führen von den zahlreichen, in herzigem Tone behandelten Themen folgende an: Ehre Vater und Mutter! — Verträglichkeit unter Geschwistern. — Verhältniß zu den Dienstboten. — Thätigkeit im Hause. — Am Nähtisch. — Kochkunst. — Seetüre. — Halte dich rein! — Sparsamkeit. — Eitelkeit und Putzsucht. — Wahrheitsliebe u. s. ro. Es wird jedermann inniges Vergnügen machen, dieses auch von Gerok und Fromme! in seinem Werte anerkannte kleine „Buch der Weisheit" zu lesen. „ Möge es als eines der vortrefflichsten Geschenkbücher für Mädchen bestens empfohlen sein! RedaNion: 8. Schehd». — Druck und »wieg der Brühl'schm UniverMtS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Tchetzd«) in ®ie»ett.