5?« Nr. ■ T7 iLm Ms ■ .'!'l'^^^^- ..£,■■—J—vL^j \ ^V•• VV amtltöolaner t MR3 w« ■XfX' r\<-7 KHM MWMH- D^M^WUHM MMMß JWw M-rZ^dMÄM; ü-sÄÄKT-iv.-'A-rw. vM UnterhaUungsblatt ;um Gießener Amriger (Orneral-AHeiger). Ihr Vermächtniß. Roman von Maximilian Margeli». (Aortsrtzung.) „Sag' einmal, Curt," begann Hertha nach einer Weile, „wonach ich Dich schon damals fragen wollte: Was hattest Du denn mit Tante Doctor so viel zu verhandeln, als wir in Danzig waren? Es schien ja von besonderer Wichtigkeit zu sein." „Besondere Wichtigkeit!" sagte Curt fragend. „Ach, nun fällt mir's ein; Tante Doctor fragte mich wegen ihrer Geldangelegenheit — nämlich wie man Geld am besten anlegt und so weiter „So — so!" erwiderte Hertha gedehnt. „Ich denke, sie hat ihr Geld auf der Sparkasse sicher angelegt!" „So ist ee auch, Coustnchen! Aber die Zinsen müssen doch erhoben werden und eben deshalb informirte ich sie." Curt summte seinen Marsch weiter und seine Gedanken waren nicht bei seiner Verlobten, die schweigend neben ihm ging und Parallele zog zwischen ihrem Bräutigam und dem Baumeister Heyd, sondern sie waren im Clubhause zu Danzig. Schweigend kehrten sie um, denn Curts Ruhe war schon längst dahin; er dachte an das Spiel, bei dem er heute Abend nicht dabei sein konnte, und wie er morgen Nacht wiedergewinnen wollte, was er kürzlich verloren. Nach einer Weile legte Curt seinen Arm auf Herthas Schulter und zog sie an sich. „Finde, flehst heute angegriffen aus, Schatz, hattest doch nicht wegen Eures Patienten zu leiden?" „O nein, Curt, der Vater und der Secretär theilten stch die Sorgen um diesen edlen Mann." „Hm," sagte Curt, „scheint recht stiller Mensch zu sein." „Ein Mann, der für sich spricht," erwiderte Hertha, „ernst und gesetzt, von tmponirender Ruhe und von größter Bildung." „Ach, was Du sagst! Das hätte ich kaum geglaubt," sagte Curt überrascht. Als sie am Hause ankamen, trieb Curt bald zur Abfahrt, derrn^er durste den Zug nicht versäumen, and wiewohl es noch lange Zeit war, so ließ der Oberförster doch anspannen. Curt verabschiedete sich dann bald, winkte noch einmal zurück, pfiff dann halblaut etwa« aus der Ouvertüre zur Oper „Leichte Cavallerie" und nahm ein froheres Herz mit auf den Weg, als er heute nach Lindenheim gebracht. Sechstes Capitel. Als der Baumeister in seine Wohnung trat, fand er unter anderen Briefen auch einige Zeilen von seinem Freunde Hellmuth, der ihm seinen Besuch zum Mittwoch anmeldete. Dann machte sich Heyd fertig und inspizirte sofort seine Bauten. Er fand alle Arbeiten zu seiner Zufriedenheit und wenn er auch überall vermißt wurde, so glaubten doch die Meisten, daß er anderweit dienstlich beschäftigt war. Als er am Brückenbau eintraf, ging eine freudige Bewegung durch die Arbeiter. Heyd war erstaunt über die Riesenarbeit, die in so kurzer Zett geleistet war. Auf allen Gesichtern la» er Zufriedenheit und es war ihm unklar, einen Grund dafür zu finden. Da trat der alte Maurer an ihn heran, drehte verlegen seine Mütze und sprach: „Herr Baumeister, wir Alle haben erfahren von der guten That, die Sie vollbracht und wir Alle, die Zimmerleute, die Maurer und die Arbeiter, wären Ihnen einmüthig gern zu Hilfe geeilt. Wir haben daher diesen Tag herbeigesehnt, an dem wir Sie gesund Wiedersehen; daher ist uns dieser Tag ein Freudentag und unser Herrgott nehme Sie in seinen Schutz jetzt und immerdar." Der Baumeister, der am liebsten gesehen, daß von dieser Sache Niemand Notiz genommen hätte, war tief gerührt. Er reichte dem Alten die Hand und dankte ihm: „Sagen Sie auch, bitte, all' den Anderen meinen herzlichsten Dank." Und Heyd entfernte stch, aber wa» ihm am wohlsten that, das war die Zufriedenheit, die er hier erblickte, denn gerade sie ist die Eigenschaft, die man doch so selten im Leben und besonders bei den Arbeitern in unseren Tagen findet. Al« der Ingenieur Hellmuth zu seinem Freunde kam, fand er diesen vor einem großen Reißbrett. Beide begrüßten sich nach alter Weise und Hellmuth sah Arthur prüfend an. „Siehst noch etwa» angegriffen au», lieber Sohn, mußt Dich mehr schonen, mir scheint, Dein ganzes Sinnen und - 426 - Trachten ist einzig und allein auf Arbeiten gerichtet, aber sage mir, Arthur, leidest Du öfter an diesen Anfällen?" Heyd lächelte. „Nun, so schlimm ist es nicht, lieber Karl, ich hoffe, es wird nicht wiederkommen; jetzt hatte ich mich auch wohl ein wenig erkältet, die Weichsel mußte wohl schuld daran sein, aber sage mir, Karl, wie lange hast Du Zeit?" „Bis morgen Mittag, Arthur. Ich dachte, wir streifen einmal nach alter guter Weise durch die Felder, durch die Wälder, wo das frohe Echo schallt." „Und das dachte ich auch, Karl, und am Nachmittag kommst Du mit nach Lindenheim; ich habe nämlich dem Herrn Oberförster meinen Besuch versprochen." „Ei, seht doch, seht doch l" sagte Hellmuth. „Ich dachte, Du arbeitest von früh bis spät und nun hast Du schon ordentlich Bekanntschaften in der Umgebung gemacht." „So ist es, Karl, doch Du weißt ja wohl am besten, wie man im Leben mit den Leuten bekannt wird." Heyd bestellte zur bestimmten Stunde einen Wagen, der sie zur Oberförsterei bringen sollte und dann machten die Freunde einen Spaziergang nach dem nächsten Dorfe. Zur rechten Zeit waren sie wieder zurück und bestiegen den Wagen, der bald den herrlichen Buchenwald erreichte. Hellmuth war wieder ganz ausgelassen, was auch wohthuend auf Heyds Stimmung wirkte. „Warst Du lange nicht mit dem Baron von Walten zusammen, den ich damals zwar flüchtig, aber doch genügend kennen gelernt?" fragte Arthur, als die Braunen den Wagen nur langsam emporzogen. „Nein, Arthur, aber im Clubhause soll kürzlich eine selige Nacht gewesen sein. Ganze Batterieen von Sect sollen aufgefahren worden sein, wie der dicke Doctor sagte, und hernach wurde haarig gespielt. Aber Fortuna war nicht auf Waltens Sette. Fünfzigtausend Mark hat ihn der Spaß gekostet und wo er es nur hernimmt? — Mir ist es schleierhaft, doch die Mama Baronin soll sehr reich fetal Aber was kümmert das uns und wie kommst Du nur darauf?" „Nun siehe, Karl, der Baron von Walten ist nicht meta Mann und würde mich auch gar nicht interefsiren, aber ich bedauere feine Braut." ___ „Seine Braut, Arthur? Kennst Du sie vielleicht? „Ja, Karl, und auch Du wirst sie heute kennen lernen, sie ist die Tochter des Oberförsters Steuer auf Lindenheim, dessen gastliche» Dach wir bald sehen werden. Vater und Tochter find aus einem Holz, selbstlos und ehrenwerth. Ich bin den Leuten zu größtem Danke verpflichtet, denn ihnen danke ich es, daß ich jetzt an Deiner Sette sitze." „Aber Arthur, davon hast Du mir ja nichts gesagt! So bitte, erzähle doch!" bat Hellmuth, auf's Höchste überrascht. Und Heyd erzählte ihm nun den Vorfall, aber er sprach von seiner Person al» Retter der Knaben in so bescheidener Weise, als handelte er sich um das Herausholen einer Klobe Holz, die von ungefähr nahe dem Ufer schwamm. „Und als ich mich auf Lindenheim wiederfand, waren es eben jene braven Menschen, die mich pflegten und mich dem Leben Wiedergaben." „Also das hat Dir die Weichsel angethan, freilich, nun verstehe ich, von alledem hat man kleine blaffe Ahnung. Nun Gottlob, daß es so gekommen, aber jetzt sei wenigstens so gut und laß Deine Privatarbeiten ruhen. Morgen werde ich die Sache in die Hand nehmen, damit Du es auch erhältst," und er zeigte auf das unscheinbare Bändchen im Kopfloche. „Nein, Karl, laß das, ich bitte Dich darum; Du weißt, daß ich dafür nicht bin, habe ich doch drüben sogar meinen Baronstitel abgelegt." „Nun, so will ich wenigstens ein kleines Ding darüber schreiben, und da Du das Menschenretten so harmlos hinstellst, als wäre dasselbe eine Plötze aus dem Wasser zu ziehen, so weißt Du, werde ich es ein wenig humoristisch schreiben." Arthur lachte. „Du bist doch immer derselbe, aber bitte, laß auch dieses sein." Langsam fuhr der Wagen den Berg hinauf und an der Stelle, wo de» morschen Wegweisers Arme nach Finkenstein und Hägermühle zeigten, trat der alte Förster Rudow au» dem Gehölz und rief dem Kutscher zu: „Laß die Pferde erst ver- chnaufen, Kerl, Du schaffst den Berg ja doch nicht und hernach — schrumm, dann geht es besser. Und guten Abend auch, meine Herren, guten Abend, Herr Baumeister!" „Guten Abend, Herr Förster, aber ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen." „Mein Name ist Rudow." Heyd stieg vom Wagen und Hellmuth that mit einem Satz dasselbe. Nun begrüßten sie sich mit einem kräftigen Händedruck und Arthur stellte seinen Freund vor- „Ich habe Ihren Namen da unten oft gehört, Herr Förster, und freue mich sehr, Sie kennen zu lernen; in den nächsten Tagen hätte ich Sie ausgesucht, um Ihnen Dank zu agen für „Fehlte auch noch," unterbrach ihn der Alte. „Sehen ja Gottlob ganz munter aus, aber so was" — und er ahmte ,as Schwimmen nach — „wollen wir nun vorläufig bleiben lassen, denn hätte der Himmel nicht Einsehen gehabt, dann — schrumm — na, ich danke schön," und er zeigte mit dem Finger auf die Erde- Karl bestärkte den Förster in seinen Worten und befreundete fich bald mit ihm- „Sehen Sie einmal da» Gestell hinunter, meine Herren," sagte der Alte, „da wo die beiden Baumkronen hervorsehen und der Rauch gerade emporsteigt, dort ist Forsthaus Birk» heim und da wohnt der alte Rudow. Und nun Gott besohlen, meine Herren, und auf Wiedersehen." „Auf Wiedersehen, Herr Förster, in Birkheim." — Hertha kam aus dem Walde und brachte ihrem Vater den ersten Waldmeister. „Ah — das ist ja schön, meine Tochter, den können wir heute gut gebrauchen, denn zu was ließ auch der Herrgott diese edlen Kräuter wachsen!" Der Herr von Wildenau war der erste, der mit seiner Familie eintraf. Gertrud von Wildenau und Hertha begrüßten sich herzlich, denn sie waren die besten Freundinnen. Gertrud, die in Bekanntenkreisen nur die „wilde Trude" hieß und im gleichen Alter mit Hertha Steuer stand, war ein heiteres, lebenslustiges Mädchen, und wenn sie auch nicht ihrer Freundin an Schönheit gleichkam, so war sie immerhin schön und nicht minder geistreich und liebenswürdig. „Wie herrlich Euer Garten schon ausfieht, Hertha, und natürlich wieder vorherrschend Schneeglöckchen, Deine Lieblingsblumen." Gertrud pflückte einige, sang vor sich hin: „Nur einmal blüht im Jahr der Mai, nur einmal im Leben die Liebe —" und steckte die Blumen an ihren Busen. „Trude, Du wirst heute noch eine Ueberraschung haben, wir bekommen noch Extrabesuch!" „So 1" sagte Gertrud neugierig. „Ach, wohl Dein Bräutigam, Hertha?" „Nein, Trude, ein freundlicher Herr und da bin ich auf Deine Kritik gespannt." „Ach! — Es kommt wohl der Herr Baumeister, der als Patient in Euer» Mauern war?" fragte Gertrud lächelnd. „Ja, Trude — aber woher weißt Du nur davon?" fragte Hertha überrascht. „Nun, Hertha, Wildenau liegt doch nicht so weit von hier, als daß es nicht die Spatzen hinüberpfissen. Also heute Abend! Nun, das macht mich neugierig," erwiderte Gertrud und sah ihre Freundin schalkhaft an. „Und was gibt es bei Euch Neues, Trude?" „Nichts von Bedeutung, Hertha 1 — Doch ich erhielt einen Brief von der Clara Reinhard, die, wie Du Dich wohl erinnern wirst, vor vier Jahren bei uns auf Besuch war. Denke Dir nur, sie hat sich vor drei Wochen verheirathet! „Ach, was Du sagst! Haben es ihre Eltern also zugegeben ?" fragte Hertha erfreut- „Ja, aber wie sie schreibt, soll es noch ein großer Krieg gewesen sein; und natürlich nur — des leidigen Geldes wegen, doch jetzt ist sie um so glücklicher — leider vergaß ich de» Brief mitzunehmen, nun, Du kannst ihn ja am nächsten Mitt- - 427 — woch lesen! Denkst Du noch daran, wie wir uns damals unsere Ideale ausmalten in dem Eichenwalde an unserer Grenze und ein andermal den „Lichtenstein" lasen im Schilf des kleinen Weihers in Deinem Boot?" „Ach ja, Trude," seufzte Hertha leicht, „damals war ich noch glücklicher wie heute." „Aber wieso, Du Närrchen I Siehe, die Clara hat ihr Ziel erreicht und wie sie ihr junges Glück beschreibt, muß es ein wunderbarer, himmlisches Gefühl sein, in der Liebe zu leben; Du, Hertha, bist nun diesem Ziele auch sehr nahe, nur ich — ich ganz allein, ich steh' noch immer einsam auf der stillen Flur! Doch darüber bin ich nicht trostlos, ich sage mir: Was Dir beschieden ist, dem entgehst Du nicht, übrigens wenn man Claras Briefe zusammenstellt und bedenEt, wie er gekämpft und sie gelitten hat, dann ist der schönste Roman fertig — ja, der schönste Roman, weil da» Ende gut ist. Ich würde einen Roman auch gewiß nicht lesen, wenn ich vorher wüßte, daß sie sich nicht kriegen." Hertha athmete tief, als das Geräusch eines vorfahrenden Wagens nach dem Garten drang. Familie Ribold aus Heidefließ kam vorgefahren und von der anderen Seite der alte Amtsvorsteher nebst Frau. Rach der Begrüßung nöthigte Tante Doctor zum Kaffee und man begab sich in das große Zimmer, besten Wände mit vielen Hirschgeweihen und Rehkronen um Jagdstücke gruppirt waren. Vor den Bildern „Auf der Auerhahnbalz" und „Die Entenjagd" war der Herr von Wfldenau stets zu finden, sobald er in dies Zimmer trat, denn hier hingen die stärksten Rehgehörne, unter denen viele „monströse" sich befanden, und er als großer Nimrod hatte stets von Neuem seine Freude daran. „Herr Oberförster," sagte von Wildenau, nachdem er Platz genommen, „bei mir steht jetzt ein mächtiger Kapitalbock — mit starkem, prächtigem Gehörn, hoffentlich hat er nicht die Güte, wieder zu Ihnen herüber zu laufen." Der Oberförster lachte. „Kann mir schon denken, lieber Wildenau — wohl bei Jagen sechsundachtzig!" „Sage ich nicht!" „Nun, ich gratulire Ihnen, aber halten Sie den Burschen auch gut fest." Und Beide drückten sich lachend die Hand. Es fing bereits an zu dämmern, als Hellmuth und Heyd in Lindenheim vorfuhren. Der Oberförster begrüßte sie vor der Thür und freute sich aufrichtig, den Baumeister so wohl zu sehen und die Bekanntschaft des Ingenieurs zu machen. „Ah, Sie haben wohl heute Gesellschaft, Herr Oberförster?" fragte Heyd, der verschiedene Stimmen aus den ausstehenden Fenstern der hellerleuchteten Zimmer hörte. „Nur einige bekannte Familien der Umgegend, Herr Baumeister, mit denen wir die Geselligkeit pflegen und da sind Sie mir, meine Herren, doppelt lieb." Nun führte er sie in das große Zimmer, wo die ganze Mittwochsgesellschaft beisammen war, und stellte sie den Anwesenden vor. Karl Hellmuth, der fest in jedem Sattel saß, fühlte sich in dieser Gesellschaft recht bald behaglich und fand auch zur nicht geringen Freude in dem Herrn von Wildenau einen Jugendfreund seines seligen Vaters. Der Baumeister überreichte Hertha einen Blumenstrauß von Schneeglöckchen und Veilchen, den sie erfreut annahm. „Und Deine Lieblingsblumen, Hertha," sagte Gertrud. „Nun, Sie konnten es doch nicht wiffen, Herr Baumeister," erwiderte Hertha. „Aber ich bin dem Zufall sehr dankbar, Fräulein Steuer; ich brachte Ihnen die Blumen, die ich zuerst begrüßte, als ich zum neuen Leben erwachte, sie sollen mich immer an Sie und an Ihr sreundltches Haus erinnern zu aller Zeit und wo es auch sein mag." In die Gesellschaft kam nun eine fröhliche, heitere Stimmung; man sprang von einem Thema zum anderen, bis Tante Doctor zum Abendeffen nöthigte und Hertha eine Bowle in die Mitte des Tisches stellte. „Ah — der Herr Oberförster beginnt wieder den Reigen — natürlich mit dem Waldmeister!" sagte Herr Ribold. „Und was macht denn Ihre Erdbeerencultur, lieber Wildenau?" „Na, ich danke, Riboldchen, ich hoffe am nächsten Mitt» woch schon mit aufwarten zu können." „Und ich," sagte der alte Amtsvorsteher, „ich werbe Euch Herrschaften bei mir etwas ganz Besondere« vorsetzen, Ihr Herren der Schöpfung, die Ihr ja Alle einen guten Tropfen liebt." „Na, Thielemann, was hast Du denn Gutes? ' fragte Ribold, ein kleiner, untersetzter Herr, der ein großer Freund von gutem Effen und Trinken war. „Wird nicht vorher erzählt, mein Lieber, ab warten — immer abwarten," entgegnete der alte Thielemann schmunzelnd. „Und Sie, meine Herren," — und er wandte sich an die beiden Freunde — „Sie werden uns doch auch die Ehre geben; wir haben nämlich alle Mittwoch diese Zusammenkunft und zwar der Reihe nach." „Und am nächsten Mittwoch habe ich das Vergnügen," sagte Wildenau; „um vier Uhr soll mein Wagen vor dem Deutschen Hause stehen, um Sie, meine werthen Herren, abzuholen." „Zu viel Ehre, meine Herren," erwiderte Heyd, „aber wir nehmen Ihre freundliche Einladung dankbar an," bemerkte Hellmuth. Bald wurde die Tafel aufgehoben, und da der Skat heute nicht in Gang kam, so machte der alte Amtsvorsteher den Vorschlag, daß die junge musikalische Welt etwas vortragen möchte. Hertha öffnete das Klavier, aber es wollte niemand den Anfang machen, da der eine den andern für einen bessern Spieler hielt. Als von Wildenau diese Verlegenheit bemerkte, sagte er: „Da in Ihrer großen Bescheidenheit keiner den Anfang machen möchte, so habe ich hier vier Papierstreifen von verschiedenen Längen, und wer von Ihnen nun den kürzesten zieht, der wird uns zuerst die Ehre geben." So wurde es denn auch gemacht- Der Ingenieur war nun der Erste, dann folgte Fräulein Steuer, dann Gertrud von Wildenau und den Schluß machte der Baumeister- Hellmuth schritt sogleich zum Piano und spielte den Hohenfriedberger Marsch. Er spielte ihn mit Tact und Feuer, denn ihm war es, als führte er seine Compagnie zu frischem, fröhlichem Manöver. Aber auch Herr von Wildenau kannte diesen Marsch nur zu gut, hatte er ihn doch lieber wie viele andere, denn als er aus dem siegreichen Feldzuge als Rittmeister an der Spitze seiner Escadron in die jubelnde, reich geschmückt Garnison einrückte, war e« eben jener Marsch, den die Musik sei«c Dragoner spielte. Und wie Hellmuth mit Leib und Seele Soldat war, so fühlte sich auch von Wildenau sogleich im Sattel, wenn ein Signal ertönte ober ein Marsch im militärischen Tact. Als der Jngeneur aufstand, da klirrten fröhlich die Gläser und von Wildenau drückte seinem jungen Kameraden tüchtig die Hand. Nach einer Pause nahm nun Hertha am Piano Platz und spielte „Lumbys Traumbilder", und sie spielte so meisterhaft und gefühlvoll, als wäre sie ein Echo ihrer edlen Seels. Der Baumeister stand am Fenster und sah hinauf zum Sternenzelt und eine tiefe Trauer beschlich sein müdes Herz. Ihm waren es Töne längst verfloffener glücklicher Stunden. Er drückte seine heiße Stirn an die Scheibe, betrachtete sinnend die flimmernden Weltkörper, und Ruhe und Friede kehrten zu ihm zurück. Als Hertha aufstand, brachten ihr der alte Amtrvsrsteher und auch Hellmuth ihre Anerkennung dar und sie dankte in ihrer bescheidenen Art, aber Der, von dem sie am liebsten ein Wort vernommen hätte und wäre es auch kein Wort der Anerkennung, der stand unbeweglich am Fenster. Wieder klangen die Gläser, die Tante Doctor inzwischen gefüllt hatte, und der alte Thielemann stieß mit seinem Pathchen, der Tochter des Oberförsters, an. (Fortsetzung folgt.) 428 Quer durch's „Teufelsmoor". Bon Hendrik Wellersoe. (Nachdruck verboten.) Die Reisenden, welche von Hamburg aus nach Bremen fahren und somit die ersten Anfänge der Elb- und Weser- Mündungen in Augenschein nehmen können, sind gewöhnlich übler Laune. Sie finden des Räsonnirens kein Ende, das sich in erster Linie gegen die „öde Gegend" und dann gegen die schlechte Bahnverbindung richtet. Es kann ohne Weiteres zugegeben werden, daß die Gegend, welche vom Fenster des Wagenabtheils aus dem Auge sich bietet, thatsächlich „öde" ist: Haide, Moor, — Moor, Haide. Das wird mit der Zeit wirklich langweilig und der geärgerte Reiseonkel findet erst dann seine Laune wieder, wenn er im Bremer Rathskeller nach der Weinkarte greift. Und dabei hat der für in- tercsiante Naturschönheiten leider blinde Geschäftsmann einen Theil des Reiches durchfahren, wie er ihm in seiner Eigenartigkeit wohl nie mehr vor Augen treten wird. Bet den unbedeutenden Haltestellen Tostedt, Scheeffel, Ottersberg lagert das Moor, das sich nach Norden zu bis Bremervörde zum „Teufelsmoor" gestaltet hat. Da« Teufelsmoor ist der größte Moordistrikt der Landdrostei Stade, der erst eine Grenze findet an dem Bahndamm der Hamburg-Bremer Bahnstrecke. Als die Grenze des etwa 5 Quadratmeilen großen Moorbezirks können die Ortschaften Bremervörde, Fischerhude und Osterholz bezeichnet werden. Das „Düwelsmoor" liegt in einer weiten, von flachen Hügeln besetzten Niederung der Geest. Die Hügel waren vor Jahrhunderten Dünen, sie ragen als niedrige Erhebungen aus der Moorebene hervor und werden als „Berge" bezeichnet. Unter den Blinden ist ja auch der Einäugige König. Den weiten Raum, welchen jetzt da« Moor einnimmt, haben vor Jahrhunderten die Fluthen der See gefüllt. Eine Dünenkette legte sich einem Riegel gleich vor und schloß end- sich den Meerbusen von der offenen Fluth ab, sodaß eine Verbindung zwischen dem so gebideten See und dem offenen Meer nicht mehr möglich war. In dem seichten See sprossen bald Algen und Moose üppig empor, dann folgten auch höhere Pflanzen. Im Laufe der Jahrzehnte gedieh der Pflanzenwuchs, durch die klimatischen Verhältnisse begünstigt, derart, daß sich der See allmählich in ein Moor verwandelte, aus welchem nur noch die durch Sandanhäufungen hervorgerufenen Bodenerhebungen als „Berge" hervorragen. Fast in der Mitte des Moores liegt der 1 km lange Weyerberg, etwa 50 Meter hoch, der von dem ganzen Moore aus stchbar ist und die Warte des Landes bildet. Das Moor gewährt einen trübseligen Anblick. So weit das Auge reicht, erblickt es das dunkel gefärbte, mit trüben Wassertümpeln bedeckte Land, auf welchem kein Baum, kein Strauch, höchstens eine inselähnliche Gruppe von Wachholder- und Heidegebüsch und in weiten Abständen die mit Schilfgras bedeckten Hütten der Torfgräber eine Abwechselung gewähren. Die Natur scheint wie ausgestorben, der Ruf eines auffltegenden Kiebitzes oder das Krächzen eine» Moorhuhnes find die einzigen Zeichen, welche die Anwesenheit von lebenden Wesen kundthun. An den Stellen, an welchen der Dünensand bi« an die Oberfläche de« Moores stößt, hat sich ein Zug von Hetdedicktcht gebildet, das in dem von einer dünnen Torfrinde überzogenen Sande Wurzel schlägt. Diese Hügelreihen bilden die gangbaren Wege über die Moorfläche, — wer sie nicht gänz genau kennt, soll ohne kundigem Führer den Weg über das Moor nicht antreten, er kann bet der geringsten Abirrung rettungslos im Schlamm versinken . . . ^UDie Tiefe des Moores richtet sich ganz danach, wie weit der ursprüngliche Dünensand von der Oberfläche entfernt ist. An den tiefen Stellen lassen sich drei Moorfchichten unterschÄden. Die erste derselben, der „weiße" Torf, steht hellbraun aus, brennt leicht, entwickelt aber wenig Hitze. Er besteht sast.ausschließlich au« verwesten und in der Verwesung begriffenen Torfmoosen. Darunter liegt der „schwarze" Torf, der eine bedeutend dunklere Färbung hat wie die erste Lage, schon schwerer brennt, aber bedeutend mehr Hitze entwickelt. Verkohlte Pflanzenreste bilden seine hauptsächlichsten Bestand- theile. Ein allmählicher Uebergang führt zu dem „blauen" Torf, der besten Qualität, die, an der Sonne getrocknet, eine bedeutende Heizkraft entwickelt. Die Torfgewinnung wird jetzt rationell betrieben und ergiebt leidliche Ausbeute. Mit der Colonisation des Moores ist erst in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts begonnen worden, bis dahin wurde das herrenlose Gut von den Bewohnern der Geestränder zu Viehweiden und zur Torfgewinnung benutzt. Als die Colonisation in's Leben gerufen wurde, erhielten die Colonisten außer genügendem Moorland auch noch Ackerland; als Ansiedelungen dienten die „Berge". Im Jahre 1750 wurde eine größere Zahl von Colonisten gewonnen und seit dieser Zeit datiert sich ein zielbewußtes Vorgehen. Der Führer der Colonisten war ein „im Moor" Großgewordener, der frühere Tischler Jürgen Christoph Findorf, der später den Titel „Königlicher Moor-Commissar" erhielt. Während seiner Dienstzeit entstanden 40 Colonien; unter seiner Leitung wurde die Kirche zu Worpswede (am Weyerberg) erbaut. Am Südabhange des Weyerberges ist Findorf, dem „thätigen Förderer der Moor«Colonien", ein Denkmal errichtet worden. Am Werke Findorf« ist seit seinem Tode (1792) unausgesetzt weiter gearbeitet worden. Es ist ohne Zweifel auch bedeutend gefördert worden, obgleich man den Stimmen, welche behaupten, daß die Colonisation regierungsseitig mit mehr Eifer betrieben werden müßte, nicht so ganz unrecht geben kann. Die bisher erzielten Erfolge spornen zur Nacheiferung wohl an. Früher konnte das Moor nur durch Brennen zum Ackerbau vorbereitet werden, allmählich sind Canäle und Wasserstraßen angelegt worden, welche als Sammelbecken dienen und zur Austrocknung immerhin beitragen. In den abgetorften Gründen sind üppige Wiesen entstanden, die Zahl der Colonisten ist bedeutend gewachsen und sie schlagen sich schlecht und recht durch's Leben. (Schluß folgt). Vevinisehtes. Klatsch. Frau Räthin: „Heute kann ich nicht kommen, morgen unmöglich, — nächste Woche auch nicht . . — Frau Assessor: „Nun, Frau Rath, kommen Sie halt, wann Sie wollen." — Frau Räthin: „Ja ganz recht — da habe ich auch am Besten Zeitig Eine genaue Auskunft. Dame: „Ach, Herr Doctor, Sie sind doch ganz gewiß ein Mann, der tief in die Geheimnisse der medizinischen Wissenschaft eingedrungen ist, war machen Sie denn, wenn sie mächtigen Schnupfen haben?" — Arzt: „Ich niese, gnädige Frau l" Literarisches. Soviel auch schon über die Dienstbotenfrage geschrieben worden, der Stoff bleibt ewig neu, und gute Rathschläge, namentlich für junge Hausfrauen, sind hier niemals verloren, besonders wenn sie auch den Herrschaften zu denken geben, denn: „Dienstboten sind auch Menschen." Von diesem Standpunkt aus behandelt W. Gleim, der auf hauswirth- schaftlichem Gebiete rühmlichst bekannte Autor, das vielberedete Thema im Septemberheft der „Praktisch«« , herausgegeben von Johanna vo n Sydow (Verlag von Max Pasch, Berlin, Ritterstr. 50). Die empfehlenswerthe Zeitschrift bringt in diesem Hefte einen interessanten Plauderartikel über „Englische und amerikanische Küche," für Unterhaltung sorgt der Schluß der fesselnden Novelle: „Ein Experiment" von B. Herwi, und „Tante Jehnchen," ein Familienbild von der Herausgeberin. Der practische Theil enthält eine Fülle lehrreicher Aufsätze: „Der Einkauf im September"; den üblichen „Speisezettel" für die einfache Tafel; „Die Poesie der Kochkunst": „Reste in der Küche"; „Der Garten im September." — In einer Nachricht an die Leserinnen theilt die Redaction mit, daß die Zeitschrift vom October ab den besser den Inhalt kennzeichnenden Artikel: „Mein Haus mein« Welt- Monatsschrift für das geistige und wirthschaftliche Leben der Frau." — führen wird, womit gewiß jede Leserin des trefflich geleiteten hauswirthschaftlichen Blattes einverstanden ist Redaction: A. Scheyda, — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitLts-Buch- und Steindruckcrei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.