p Nr. S4. j aL&X - ' o. .-^rS? - WM MWeLM Unterhaltungsblatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). Dora. Novelle von Marie Treuter. (Fortsetzung.) Eines Nachmittags unternahmen wir einen Ausflug zu einer Burgruine. Bald hatten wir den auf einem mäßig hohen bewaldeten Berge liegenden Zielpunkt erreicht. Ur» plötzlich, ohne daß wir die Vorzeichen beachtet hatten, zog sich ein Gewitter über unseren Häuptern zusammen. Schon auf unferm eiligen Rückzüge brach es los. Es war ein Tosen und Brausen in den Wipfeln der Bäume, Blitze zuckten, und prasselnd stürzte der Regen vom Himmel. Bis auf die Haut durchnäßt, langten wir an der Fahrstraße an. Um die Krümmung des Weges kam eine große, schwerfällige Reisekutsche. Wir gingen dem Gefährt entgegen und winkten dem Kutscher, zu halten. Während wir noch mit ihm verhandelten, bog sich der Kopf eines Herrn aus dem Wagenfenster. Ein Blick auf unsere durchweichten Gestalten ließ ihn unser Begehren errathen. Mit einem Ruck wurde die Wagenthür geöffnet, und nach einer Sekunde stand ein großer Mann vor uns. Er verbeugte sich tief, half uns, die wir erschreckt und verwirrt unsere Bitte um einen Platz im Wagen stammelten, in den Wagen und nahm Dora gegenüber Platz. Es war eine kraftvolle Gestalt mit ausdrucksvollen Zügen, üppigem, lichtblonden Haar und Bart und blauen, ruhigen, vertrauenerweckenden Augen. Der Schnitt seiner Kleider verrieth den Geistlichen. In der That stellte er sich später im Laufe de» Gespräches als Prediger Wagener aus B. vor und theilte uns mit, daß er in unserem kleinen Badeorte ein Landhaus besitze und jeden Sommer daselbst einige Wochen zubringe. Da er sich vorstellte, so war ich gezwungen, auch unsere Namen zu nennen. „Emmy Wilkens, meine Tochter Dora," sagte ich mit möglichst fester Stimme. Er blickte mich an, ich weiß nicht, war es Schreck, Staunen oder Zweifel, genug ein seltsamer Ausdruck malte sich auf seinem schönen Gesicht, der mich verwirrte. Er nahm zerstreut Dora's vom Regen arg zugerichteten Hut, den sie vor sich auf der Decke liegen hatte und betrachtete ihn mit leisem Lächeln. „Da wird der Herr Papa wohl einen neuen kaufen müffen," sagte er und legte den Hut wieder auf seinen Platz. Dora lachte. „Die Mutter oder der Onkel," gab sie lachend zur Antwort, „einen Papa habe ich nicht mehr." Er fragte nichts weiter, er blickte mich nicht einmal an. Sein Blick schien sich traumverloren nach innen zu richten. Seltsam, ich hatte nie solche Augen gesehen, wie sie dieser Mann besaß. Blau, ruhig, aber kalt, ganz ohne Leidenschaft- Aber jetzt leuchtete plötzlich heller Glanz aus denselben. Ich sah den liebevollen Blick, mit welchem er mein Kind betrachtete. Wer sollte auch Dora nicht lieb haben? Mit einem Male kamen mir meines Bruder» Worte ins Gedächtniß zurück: „Hüte mir Dora, Dein Kind!" Der Fremde hatte meine Bewegung bemerkt. „Ist Ihnen nicht wohl, Madame?" fragte er mit dem Tone des Erschreckens- Ich schüttelte den Kopf, zu sprechen war ich nicht im Stande. Froh war ich, als wir unser Hau» erreicht hatten. Wir dankten dem Fremden für den großen Dienst, den er uns erwiesen hatte. Er lehnte jedes Dankeswort ab und küßte mir zum Abschiede ehrfurchtsvoll die Hand. Dora reichte ihm unbefangen beide Hände, die er herzlich schüttelte, indem er zugleich die Hoffnung auf ein Wiedersehen aussprach. Der auf diesen erlebnißreichen Tag folgende Sonntag brachte uns eine freudige Ueberraschung, den Besuch meines Bruders. Das Erste, was ihm Dora erzählte, war unser gestriges Abenteuer. Er hörte erst mit wachsendem Erstaunen dem Geplauder zu, doch als sie mit lebhaften Farben die Liebenswürdigkeit unseres Retters pries, umwölkte sich seine Stirn, und vorwurfsvoll traf mich fein düsterer Blick. Schweigend folgte er Dora, welche ihn bat, sie und Marianka zu einem nahen, romantisch gelegenen Wasserfall zu begleiten. 374 Ich sühlte mich tief unglücklich. Ich klagte mich an, mehr Interesse, als diese» kleine Erlebniß verdiente, dafür zu empfinden. Die blauen Augen de» fremden Predigers verfolgten mich, ste bannten meine Vorstellungen, daß fie nichts andere» sahen, als immer nur sie, im Wachen wie im Träumen. Erschreckt fuhr ich empor, als sich feste Schritte auf dem Kies vor unferm Hause vernehmen ließen. An dem von einer niederen Hecke begrenzten Eisengitter stand die hohe Gestalt de» Fremden, der bisher meine Phantasie beschäftigt hätte. In peinlichster Verwirrung ging ich ihm einige Schritte entgegen. Er begrüßte mich ehrerbietig und nahm mir gegenüber auf einem niedrigen Gartenstuhl Platz. Mechanisch und zerstreut antwortete ich ihm auf seine Fragen und vermied es, den blauen Augen zu begegnen. Mit Angst erwartete ich die Rückkehr meines Bruders. Da tönte schon die helle Stimme Doras vom Haufe her : „Mutter, Mütterchen, wo bist Du?" Gleich darauf flog ste zu mir und reichte mir einen Strauß Heckenrosen. Eine tiefe Gluth bedeckte ihr Antlitz, und ihre Arme sanken schlaff herab, al» sie den Besuch wahrnahm. „Wie lieb von Ihnen, daß Sie uns besuchen, Herr Prediger!" sagte sie, ihm treuherzig die Hand schüttelnd. In demselben Augenblick betrat mein Bruder den Garten. Ich stellte die Herren einander vor. Sie wechselten einige höfliche Worte, wobei mein Bruder eine feindselige Zurück-. Haltung zur Schau trug. Sehr froh war ich, als sich der Prediger bald verabschiedete. Ich hatte nicht den Muth, ihn zur Wiederholung seines Besuches aufzufordern. Mein Bruder stand an den Stamm einer Weide gelehnt und beobachtete Dora, die an das Gitter getreten war. Jetzt hob fie den Strauß grüßend empor. Wahrscheinlich hatte der Prediger bei der Biegung des Weges noch einmal zurückgefchaut- Mein Bruder machte eine heftige Bewegung, als wolle er dem Kinde den Strauß entreißen. Mein Blick hielt ihn davon zurück. Ich schickte Dora dann ins Haus, damit sie sich das Haar ordnen lasse. „Du bist ein Thor," sagte ich, als sie sich entfernt hatte, „Doras Herz ist das eine« Kindes und hat noch keinen Raum für ein anderes Gefühl, als kindliche Liebe. Gott weiß es, wie sehr ich es ersehne, daß sich ihr Herz dereinst in einer andern Liebe Dir zuwenden möchte. Glaube aber .nicht, daß dies geschehen wird, wenn Du sie von jedem Umgang mit anderen Männern fernhältst. Gerade im Verkehr mit Anderen wird Dora am besten erkennen, ob Du ihr mehr bist, al» nur ein lieber Verwandter." „Dieser Prediger," erwiederte er, „ist ein selten schöner Mann, und die Herzen der Mädchen in Dora» Alter sind unberechenbar. Er ist freilich wohl doppelt so alt als sie, aber da» ist kein Grund, daß er nicht seine Hand nach dieser süßen Knospe aurstrecken könnte. Ich wette zehn gegen eins, daß, wenn unsere alte Martanka anstatt Dora Dich begleitet hätte; er sich mit seinem Besuche nicht so beeilt haben würde." Heftig gab ich zur Antwort: „Muß es denn gerade Dora sein, der sein Besuch speziell galt; bin ich denn Luft oder eine alte Matrone, daß man nicht auch mir einiges Interesse mehr schenken könnte?" Ich erschrak über meine eigenen Worte und wollte mich schnell entfernen. Mein Bruder vertrat mir den Weg. „Vergieb, Emm,," sagte er ernst. „Ich vergaß, daß Du auch noch jung und wohl berechtigt bist, Huldigungen beanspruchen zu können." Er hatte mich bei diesen Worten fest umschlungen und blickte mir forschend in die Augen. „Wie dunkel seine Augen sind!" fuhr er fort. „Solche Blicke bezaubern, Emmy, nimm Dich vor ihnen in Acht!" Ich erschrak bis ins innerste Herz. Hatten sich nicht seine Augen verdunkelt, als Dora im Wagen mit ihm sprach? Gab es wirklich eine Liebe auf den ersten Blick? „Du phantasirst, Willi," .sagte ich ärgerlich. „Laß mich (oi, man kann uns von der Straße aus beobachten." Ehe er mich jedoch frei gab, küßte er mich stürmisch aus Mund und Wangen. (Fortsetzung folgt.) Madame Sans (Sone. Roman nach Bictorten Gardou und F. Morr««». Deutsch von «del» Bereit. (Fortsetzung.) Beaurepaire hatte sie bemerkt und beglückwünscht; dann, nachdem der Feind sich zurückgezogen hatte, war Catherine in ihre Kantine zurückgekehrt, die von den Kunden bereits gestürmt wurde. Während ste eben zwei Artilleristen Branntwein ein- schänkte, bemerkte sie in einiger Entfernung einen Civiltsten, der ihnen zusah. „He, Freund," rief sie ihm ohne Umstände zu, „warum willst Du Dich nicht auch mit einem Tropfen Schnick begießen, wie man bei uns sagt? Du bist ein Civilist, aber das thut nichts, morgen wirst Du wie die Andern unter Waffen stehen. Komm' her, Du kannst mit den Vertheidigern Deiner Stadt anstoßen." Da der Mann auf diese Einladung nicht antwortete und Miene machte, sich zu entfernen, rief sie ihn zurück. „He, Freund! So geht man nicht davon. Komm' nur her! Hast Du vielleicht kein Geld? Das thut nichts. Ich ; regalirs Dich heute und morgen zahlst Du. Was soll ich Dir geben, Bürger?" „Danke, ich trinke nicht," antwortete der Mann trocken. „Du hast keinen Durst und Du kämpfst nicht mit, was willst DU also hier?" Der Mann zögerte und sagte dann mit dumpfer Stimme: „Ich möchte mit dem Commandanten Beaurepaire sprechen." Catherine sah ihn überrascht an. „Du mit dem Commandanten sprechen? Was willst Du von ihm?" »Ich habe ihm etwas sehr Wichtiges zu sagen." Catherine zuckte die Achseln. „Du wählst die Zeit nicht gut, mein Freund." „Man thut, was man kann." „Möglich, aber im Augenblick ist der Commandant nicht zu haben." Der Mann kraute sich den Kopf und murmelte: „A muß ihn trotzdem unbedingt finden." Catherine betrachtete den Fremden mißtrauisch. Sein Drängen erregte ihren Verdacht und sie beschloß, ihren Mann zu benachrichtigen. Schon wollte sie einen Soldaten bitten, Lefebvre sofort aufzusuchen, als die Ordonnanz Beaurepairer herbeikam. Von dem Lärm des Kampfes erregt und die Zunge gelöst durch die reichlichen Libationen, die ein Mitglied der Munizipalität ihm angeboten, nachdem er ihn lange über seinen Ches ausgefragt hatte, begann die Ordonnanz zu schwatzen und erzählte trotz der bedeutsamen Blicke Catherinen», daß Beaurepaire bei einer Verwandten in einem Schlosse der Oberstadt ein wenig der Ruhe pflegte und daß die Ordonnanz den Befehl habe, ihn um vier Uhr Morgens zu wecken und ihm sei» Pferd dahin zu bringen. Catherine verlor die Geduld und schrie die Ordonnanz an: „Du schwätzest wie eine Elster. Geh' gleich schlafen, bei wird Dir gut thun, sonst wirst Du nie im Stande sein, de« Commandanten um vier Uhr zu wecken. Vorwärts! Kehlt gemacht oder ich lasse den Lieutenant Lefebvre kommen und der kennt keinen Spaß mit Schwätzern und Betrunkenen." - „Schön, ich schweige schon, ich gehe schon," brummte die Ordonnanz und entfernte sich taumelnd. Catherine machte sich wieder daran, ihre Soldaten zu bedienen, aber mechanisch warf sie einen Blick nach dem Manne, der mit Beaurepaire sprechen wollte. Er war verschwunden. Catherine glaubte zu sehen, wie er sich in Gesellschaft der Ordonnanz zu einer Schänke begab und blitzschnell dE 375 zuckte sie der Verdacht, daß dieser Mann etwas im Schilde sühre und Beaurepaire eine Gefahr drohe. Sie wollte ihm folgen und Lefebvre auf ihn aufmerksam machen, aber sie konnte nicht daran denken, in einem solchen Moment ihre Kantine zu verlassen. Die Bertheidiger von Verdun, die die Nacht damit zu« brachten, Schanzkörbe auf den Wällen aufzurichten, Palisaden auszuwerfen und Faschinen anzubringen, während die Kanonen ohne Unterlaß feuerten, hatten ein Recht darauf, die Kantine offen zu finden. Sie stampfte vor Ungeduld mit den Füßen und versuchte sich einzureden, daß sie sich thörichterweise beunruhige und daß Beaurepaire von Seiten dieses Mannes keine Gefahr drohen könne. Nichtsdestoweniger mußte sie fortwährend an Lowendaal denken. Der Baron sah wie ein Verräther aus; wer konnte wiffen, was er gegen den unerschrockenen Bertheidiger von Verdun im Schilde führte? Endlich konnte sich Catherine nicht mehr halten und als mit vorgeschrittener Nacht die Kunden seltener wurden, erklärte sie ungeniert, daß sie schläfrig sei und verabschiedete die wenigen noch anwesenden Soldaten, indem sie ihnen den Rath gab, sich, wenn sie keinen Wunsch nach Ruhe hätten, auf den Wällen zu zerstreuen, wo er ohnehin an Leuten mangelte, um die Schanzkörbe und Faschinen zu placiren. XIV. Dar Ende einer Helden. Nachdem Catherine ihre Kantine in Ordnung gebracht und dem friedlich schlafenden kleinen Henriot einen leichten Kuß gegeben hatte, drang sie in die düsteren Straßen der Oberstadt ein. Dar Mißtrauen verließ sie nicht, sie ahnte, daß in dem Schlosse der Frau von Blocourt, in jenem Hause, wohin der Commandant sie da» kleine Mädchen aus Jouy-en-Argonne bringen ließ, eine Gefahr für Beaurepaire drohte; sie witterte In dem Augenblicke, als sie sich dem Schlosse der Frau von Blocourt näherte, hörte sie die Detonation einer Feuerwaffe. Ein solches Geräusch konnte in einer bombardirten Stadt nicht überraschen. Aber dieser Schuß in dem isolirten fried» ltchen, von den Wällen entfernten und scheinbar schlummernden Stadtviertel erschreckte sie. Sie ahnte ein Unglück, ein Verbrechen. Am Ende einer Straße bemerkte sie die Silhouette eines fliehenden Mannes. Sie meinte den sonderbaren Frager zu erkennen, dessen Benehmen in der Kantine ihr Mißtrauen erweckt hatte. „He, Mann, nicht so schnell! Wer hat denn hier geschossen?" rief sie ihm zu. Aber der Unbekannte verdoppelte seine Schnelligkeit, ohne zu antworten, und verschwand in einer dunklen Gasse. Catherine zögerte einen Augenblick. Sollte sie dem Manne folgen? Aber sie bedachte, daß ein Mann, der in einer belagerten Stadt Nachts rasch fortläuft, nicht gerade ein Verbrecher sein müsse und dann, welche Beziehung konnte zwischen diesem Unbekannten und Beaurepaire bestehen? . . .Vor Allem mußte sie sich im Schlosse Blöcourt versichern, daß der Commandant wirklich ruhe. Sie machte sich daher wieder auf den Weg und schritt rasch auf das Haus zu, in welchem Herminie von Beaurepaire «einen Ali-- schlief und wo sich Beaurepaire, von Müdigkeit erschöpft, sicherlich auf ein Bett geworfen hatte, dt» man ihn wecken kommen würde, um in den Kampf zurück- zukehren. Während sie die Thürklingel ergreifen wollte, erhoben sich innen Geschrei und laute Rufe. Die Fenster öffneten sich lärmend, erschreckte Köpfe er- chienen und riefen nach Hilfe. Die alte Frau von Bläcourt tm Hemd und in der Nachthaube zeigte sich auf dem Balkon und bewegte mit verzweifelter Miene krampfhaft die Arme. 5 Zu gleicher Zeit warf ein rothes Licht seinen Reflex auf die Farade des Nachbarhauses. Schwarze Rauchwolken drangen durch die offenen Fenster und lange Flammenzungen fuhren über die Dächer hin. „Feuer! Feuer!" schrie Catherine. „Und das Thor wird nicht geöffnet." Die Bedienten, ganz den Kopf verlierend, liefen fchreiend und nach den Schlüsseln rufend durch das Haus. Endlich öffneten sie die Thür und stürzten auf die Straße hinaus. Einige Nachbarn, jäh aus dem Schlafe aufgeschreckt, stürzten herbei, aber schon hatte sich Catherine muthig in das brennende Hau» gestürzt. Die Gefahr zog sie an und sie sagte sich, daß er hier Menschenleben zu retten gab. Sie drang auf'» Geradewohl durch den Rauch vor, indem sie sich von der fahlen Helligkeit des Feuers leiten ließ. Im ersten Stockwerk stand die Thür eines Zimmers offen. Sie drang kühn hinein und rief: „Schläft hier Jemand?" Der Rauch hinderte sie, vorzudringen. Niemand antwortete. Plötzlich färbte eine Flammengarbe das Zimmer purpurroth und erhellte es. Catherine stieß einen Schreckensschrei aus. Auf dem Bette ausgestreckt lag Beaurepaire, anscheinend schlafend, bewegungslos und taub gegen den wachsenden Lärm. Sie stürzte auf ihn zu. „Herr Commandant, schnell, wachen Sie auf! Stehen Sie auf, es brennt!" rief sie. Der Commandant rührte sich nicht. Das Zimmer war wieder dunkel geworden. Der Rauch wirbelte immer dichter und erstickender. Catherine beugte sich herab und tastete sich durch den Rauch nach der Richtung des Bettes. Sie wollte den Comman- danten schütteln, denn sie dachte, daß er vielleicht ohnmächtig sei. Sie berührte den bewegungslosen Körper und horchte. Aber kein Athemzug stieg von dem Bette auf. „Was für ein seltsamer, tiefer Schlaf," dachte sie und Entsetzen ergriff ihre kühne Seele. Näher herantretend legte sie ihr Ohr an die Brust des Commandanten. „Sein Herz schlägt nicht mehr!" murmelte sie angstvoll. Eine furchtbare Stille erfüllte dar Zimmer. Sie hatte ihre Hand auf die Stirn des Commandanten gelegt und fühlte etwas Dickes, Klebriges ihre Finger befeuchten. Entsetzt fuhr sie zurück und fühlte, wie ein Schwindel, eine allgemeine Schwäche sie ergriff, so daß sie beinahe gefallen wäre. Das war der Tod. Aber sie raffte ihre ganze Energie zusammen. «Dar Fenster I" sagte sie bei sich, erstaunt, daß sie nicht früher daran gedacht hatte, es zu öffnen. Sie stürzte auf das Fenster zu und ließ rasch die Luft ein. Es war Zeit! Eine Secunde später wäre sie betäubt, vom Rauch erstickt, niedergesunken. Der Reflex des Feuers auf dem gegenüberliegenden Haufe erhellte das Bett, auf dem Beaurepaire lag. Der Commandant schien starr und gefühllos zu schlafen. Sein Gesicht war fahl, das Kiffen roth. Ein Loch in der Schläfe, aus dem ein feiner Blutstrom sickerte, offenbarte, welchen Schlaf der heroische Commandant schlief. „Die Elenden, sie haben ihn ermordet!" rief Catherine, indem sie aus dem Zimmer stürzte. Sie stieß einen verzweifelten Ruf aus, den in der allgemeinen Verwirrung Niemand hörte und der sich in dem Schrecken der Feuersbrunst verlor. Während sie sich auf der Treppe zu orientiren suchte, auf die Schutt, Stücke von Gebälk, Mörtel, halbverbrannte Schnitzereien inmitten eines Funkenregens niederpraffelten, hörte sie eine leise Stimme, die eine klagende Melodie sang. Ueberrascht suchte Catherine zu entdecken, woher dieser unerwartete Gesang kam. Was für eine blinde und taube Amme wiegte ihr Kind mit diesem friedlichen Liede inmitten dieser schrecklichen Nacht? L76 Die Stimme kam aus dem oberen Stockwerk. Kühn der Flamme trotzend, die von einem Momente zum anderen die Treppe hinter ihr ergreifen und ihr den Rückzug abschneiden konnte, lies Catherine durch den Rauch die Stufen hinauf. Sie stieß rasch die Thür eines Zimmers auf, aus dem die klagende Stimme kam. Bewußtlos, mit vagem Blick faß Herminie von Beaurepaire am Rande des Bettes und hielt auf dem Schooße die kleine Alice, die den schweren Schlaf der Kindheit schlief. „Rasch, rasch, Madame!" rief Catherine. „Es brennt!" Aber Herminie fuhr fort, zu singen und die kleine Alice zu wiegen. Bei dem Geschrei Catherinens war das Kind erwacht. „Es ist keine Zeit zu verlieren, schnell!" sagte Catherine gebieterisch und ergriff die Hand des Kindes, das vor Schreck zitterte. Herminie machte ihr eine ernste Verbeugung und sagte: „Guten Tag, Madame, Sie wissen nicht? Ich heirathe heute. Sie kommen zu meiner Hochzeit, nicht wahr? Sie werden sehen, wie schön ich sein werde." „Die Unglückliche ist wahnsinnig — o, die arme Frau!" sagte Catherine mitleidig. „Aber jetzt ist nicht der Moment da, um sich rühren zu lassen. Vorwärts. Sie müssen mit mir kommen!" fuhr sie fort, indem sie ihrer Stimme absichtlich einen rauhen Klang gab. Die Wahnsinnige setzte sich mit einem Ruck in Bewegung und folgte ihr mit starren Augen und herabhängenden Armen wie ein Automat. Catherine, die kleine Alice mit sich ziehend, stieg eilig hinab. Sie drehte sich um, um zu sehen, ob Herminie ihr auch folge. Diese ging steif und starr hinter ihr her, als sie jedoch an dem Zimmer vorbeikamen, wo Beaurepaire lag, streckte Herminie den Arm aus, stieß einen schrillen Schrei aus und rief: „Da, da, der Mann — die Pistole an der Schläfe, o, er will mich auch tödten!" Und sie fiel leblos auf die Diele nieder. Catherine hielt es für unmöglich, fie fortzutragen. Sie lief daher die Stufen des ersten Stockwerkes hinab, Alice immer mit fich ziehend, und sprang mit einem wilden Satz auf die Straße hinaus. Sie und das Kind waren gerettet. Soldaten, die auf das Signal der Feuersbrunst, welche man einer preußischen Granate zuschrieb, herbeigeeilt waren, begannen eine Kette zu organistren. Sie vertraute ihnen das Kind an, und die Mannschaft der Compagnie Lefebvres erkennend, flehte fie fie an, in's Haus zu dringen, um die noch lebende Herminie und den Leichnam des Commandanten den Flammen zu entreißen. Drei oder vier Männer stürzten willig hinein und wenige Augenblicke später brachte man den Körper Beaurepaires heraus, während zwei Soldaten die Wahnsinnige hielten, die fortwährend rief: „Laßt mich fort, ich muß mich ankleiden gehen! Ihr wißt nicht, ich verheirathe mich, seht doch, wie viele Leute gekommen sind und die Kerzen sind schon angezün« det! O, wie schön ist eine Kirche bei einer Hochzeit!" Und mit einer tragischen Geberde zeigte sie den vor Schreck starren Zuschauern die Flammen, welche an den bereits geschwärzten Mauern leckten. Frau von Blocourt hatte sich beim Herabspringen vom Balkon auf die Straße gefährliche Verletzungen zugezogen und starb wenigs Tage später. Herminie, deren Verstand nicht wiederkehrte, wurde zu einem Verwandten gebracht, der sich erbot, fie zu überwachen und zu pflegen. Der Körper Beaurepaires ward in's Stadthaus übertragen. Dort erklärten der Präsident und der Bürgermeister, daß sich der Commandant entleibt habe, um die Capitulation von Verdun nicht zu unterzeichnen. „Diese Absicht," sagte man, „sei von Beaurepaire am Vorabende, als man die Bedingungen der Uebergabe der Stadt besprach, mit lauter Stimme geäußert worden. Mehrere Zeugen bekräftigten dies und die Nachricht von dem heroischen Tode des Commandanten, der der Capitulation der Stadt, die er vertheidigen wollte, nicht lebend beiwohnen wollte, wurde von den Verräthern, die ihn ermorden ließen, verbreitet und von den Patrioten geglaubt. In der Folge wurden dem Andenken des heldenhaften Beaurepaire große Ehren erwiesen und die Convention accep- tirte diese Erklärung eines exemplarischen und glorreichen Selbstmordes. Die Feiglinge, welche den von Leonard ausgeführten Mord Beaurepaires bestellt hatten, öffneten am nächsten Tage die Thore der Stadt den preußischen und österreichischen Armeen kraft der Capitulationrurkunde, welche Lowendaal in's Hauptquartier des Herzogs von Braunschweig gebracht hatte. Der König von Preußen zog triumphirend in Verdun ein. Alle reichen Bürger acclamirten ihn. Der Präsident Termaux bot ihm ein Bankett im Stadthause an und der Bürgermeister Gossin verglich ihn beim Dessert mit Alexander dem Großen, wie er von Babylon Besitz ergriff. Junge royalistische Mädchen, die späterhin guillotinirt wurden und welche die Poesie als Märtyrer glorifizirte, beleidigten die Hingebung der Vertheidiger von Verdun, indem fie, ganz in Weiß gekleidet, dem König von Preußen, welcher ohne Kampf gesiegt hatte und durch Verrath Herr der Stadt geworden, Kränze überbrachten. (Fortsetzung folgt.) »eiter blickt der Morgenhimmel, Trillernd steigt empor die Lerche; Duftig glitzern Wald und Berge Und der Wiesen blumiges Gewimmel. Einjam taucht am Firmamente Auf ein weißes Wölkchen, Bald noch andere, und das Völkchen Schwellet, wachset, ballet sich oljn’ Ende. Frieden lag auf Deutschlands Gauen, Glück und Freiheit allerwegen. Neidisch aus den Gottessegen Droht der Nachbar, finster anzuschauen. Dräuend wirft er seine Schaaren An des alten Reiches Marken, An die längst verletzten Marken, Strebend, sich noch mehr zu wahren. Furchtbar ballen sich die Wetter. In dem Kampfe der Naturen Donnern Blitze, auf die Fluren Prasselnd niederfahrend. — Ist kein Retter? Ueber allen Welten richtet Gott: — Er schützet seine Kinder, Doch er straft den bösen Sünder: Machtlos liegt der Prahlende vernichtet. Auf die eig'ne Stärke bauend, Brüstet sich der Corse eitel. Ernstvoll mit entblößtem Scheitel Betet Preußens König, Gott vertrauend. Und von seinem schwachen Throne Stürzet Gott den stolzen Krieger, Und er krönt den greisen Sieger: Daß der Deutsche wieder sicher wohne. Rasch gekommen, rasch verschwunden Ist des Wetters wildes Wüthen; Nach dem Aufruhr scheint der Frieden Und die Elemente sind gebunden. Seht Ihr noch das ferne Leuchten? Hört Ihr fern das dumpfe Grollen? Wird man Ruhm und Frieden zolle» Ewig Denen, die den Sieg erreichten? Haltet fest, was Ihr errungen; Haltet fest mit tapfrer Wehre Freiheit, Tugend, Mannesehre l Bleibet edel, fromm und festumschlungen! Fr. Tr. Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Schehda) in Gießen.