Untrchaltungsblatt jutn Gießener Anpigrr lGeneral-Anreiger) Auf japanischer Erde. Novelle von W. H. G einborg. (Fortsetzung.) Mit den rasch hervorgestoßenen Worten: „Schützen Sie die Damen, Herr Consul!' hatte sich Thomas Ellis, der nur um wenige Schritte von den Störenfrieden entfernt gewesen war, dem Matrosen entgegengeworfen. Auch er verfügte über keine andere Waffe, als über seine beiden kampfbereit geballten, mächtigen Fäuste; aber er wußte von ihnen einen Gebrauch zu machen, der selbst einem berühmten Meisterschaftsboxer Bewunderung abgenöthigt haben würde. Mit einem einzigen wohlgezielten Schlage zwischen die Augen streckte er den Mefferhelden wie einen vom Beil des Schlächters gefaßten Stier zu Boden. Und als nun einer der beiden Anderen seinem Gefährten zu Hilfe kommen wollte, traf ihn ein so wuchtiger Stoß in die Magengegend, daß er sich ächzend und stöhnend in gräßlichen Schmerzen krümmte. Der dritte aber, den das Schicksal seiner Kameraden und das Wuthgeschrei der Menge plötzlich ernüchtert haben mochte, setzte feiner Festnahme feinen Widerstand mehr entgegen. Innerhalb weniger Minuten waren allen Dreien die Hände auf den Rücken gefesselt und einige Samurei (bewaff. nete Edelleute), die jetzt zugleich mit mehreren japanischen Polizisten auf dem Schauplatz der tumultuarischen Scene erschienen, hatten nicht geringe Mühe, den noch immer halb ohnmächtigen Uebelthäter und seine Genossen vor dem gerechten Zorn ihrer Landsleute zu schützen. Mit seltsam gemischten Empfindungen hatte Georg dem blitzschnell verlaufenen Auftritt zugesehen. Auch er hatte die Absicht gehabt, sich den Excedenten entgegenzustellen; aber noch ehe es ihm gelungen war, die ungestüm zurückdrängende Menschenmaffe zu durchbrechen, hatte Thomas Ellis durch seine tapfere und kaltblütige Handlungsweise bereits jede weitere Einmischung unnöthig gemacht. Seine unerschrockene Verachtung der Gefahr nöthigte der ehrlichen Natur des ungen Deutschen aufrichtige Bewunderung ab und er wäre in diesem Augenblick sicherlich geneigt gewesen, all' seinen persönlichen Groll gegen den hochmüthigen Engländer zu ver« gessen, wenn er nicht unglücklicherweise auch den leuchtenden, dankbaren Blick wahrgenommen hätte, mit dem Maud Donald- son Mt zu dem Sieger aufsah. Natürlich mußte er ihr nach solcher That im Lichte eines Helden erscheinen und wenn es ihm etwa bis zu dieser Stunde noch nicht ganz gelungen war, ihr Herz zu gewinnen, so mußte ihm unzweifelhaft jetzt dieser gefällige Zufall, der ihn in ihren Augen zu dem ritterlichsten und bewunderungswürdigsten aller Männer machte, dazu verhelfen. Mit dem scharfen Jnstinct des Eifersüchtigen glaubte Georg zu erkennen, daß Ellis ganzes Benehmen nur darauf berechnet fei, Maud zu i nponiren und den günstigen Eindruck seiner muthigen Handlung zu verstärken. Die vornehm freundliche Art, wie er den Dank und die naiven Huldigungen der ihn umdrängenden Japaner zurückwies, entsprach ja durchaus nicht seinem sonstigen kalten und hochfahrenden Wesen. Und daß er sich nun gar mit dem armen Verwundeten, den man in sitzender Stellung an die Wand einer Verkaufsbude gelehnt hatte, zu schaffen machte, konnte sicherlich keinen anderen Zweck haben, als den, ihn obendrein mit der Gloriole des barmherzigen Samariters zu umgeben. Denn er war ja kein Arzt und er verstand von der Behandlung einer Wunde wahrscheinlich nicht viel mehr als alle die theilnahmsvollen Landsleute des Unglücklichen, die ihn lebhaft debattirend, aber offenbar völlig rathlor umdrängten. Trotzdem kniete er neben dem halb bewußtlosen Manne nieder, reinigte mit dem Wasser, das man auf seinen Befehl gebracht hatte, sein blutüberströmtes Gesicht und untersuchte die Verletzung so sorgfältig und behutsam, wie es nur irgend ein erfahrener Chirurg hätte thun können. Georg stand ihm nicht nahe genug, um alle seine Hantirungen genau verfolgen u können und um zu vernehmen, was er sprach. Aber er la« es von den Gesichtern der Japaner, die ihn unzweifelhaft ür einen großen Heilkünstler hielten, daß er ihnen irgend eine tröstliche Auskunft gegeben haben mußte. Und er sah nun mit rascher klopfendem Herzen, daß nun auch Maud zu oer Gruppe trat und daß sie Thomas Ellis auf eine an sie gerichtete Frage ober Bitte nicht nur ihr Taschentuch, son- dein auch den leichten weißen Seidenshawl reichte, den sie um die Schultern getragen. Abraham Norton, der noch einen Schritt weiter vorwärts gegangen war, um nichts von dem Vorgänge zu verlieren, wandte sich in diesem Augenblick zu seinem Begleiter zurück. „Finden Sie nicht, daß dieser Herr Ellis vielmehr ein Arzt als ein Kaufmann zu sein scheint?" fragte er. „Ich für meine Person habe niemals einen kunstgerechteren Verband gesehen, al« den, welchen er da um den Kopf dieses armen Burschen gelegt hat." Mtßmuthig zuckte Georg die Achseln. „Man muß wohl nachgerade anfangen, zu glauben, daß Herr Thomas Ellis ein Universalgenie ist und sich auf Alles versteht — auf die Kunst des Chirurgen nicht weniger, als auf die des Preisboxers. Für mich wird er dadurch zwar nicht liebenswürdiger; für die Leute hier aber war es jedenfalls ein Glück, daß der Zufall gerade ihn im rechten Augenblick herbeiführen mußte." Abraham Norton antwortete nicht; doch er fuhr fort, die Manipulationen des Engländers zu beobachten, bis Thoma- Ellis feine Arbeit als beendet anfah und sich erhob. Gerade in diesem Moment geschah es, daß Maud zum ersten Mal ihre Augen nach jener Stelle wandte, wo die beiden Männer standen. Georg hatte keine Möglichkeit mehr, stch vor ihr zu verbergen und für die Dauer weniger Secun- den ruhte ihr Blick voll auf seinem Gesicht, in das er das Blut heiß emporsteigen fühlte- Sie schien überrascht, ihn da zu sehen; aber das eigenthümliche Zucken in ihrem schönen Antlitz galt ihm als ein Beweis, daß ihre Ueberraschung keine freudige fei. Er las etwas wie einen stummen Vorwurf in den großen, dunklen Augen und mit schneidendem Weh fuhr ihm der Gedanke durch die Seele: „Sie verachtet Dich als einen Feigling, nachdem sie eben diese Probe echter Mannhaftigkeit erhalten hat. Und sie hat vielleicht sogar ein Recht, Dich zu verachten." Er zog grüßend seinen Hut; aber er schlug gleichzeitig die Augen nieder und flüsterte Abraham Norton hastig zu: „Lassen Sie uns gehen! — Und nehmen Sie mir's nicht übel, wenn mir für heute die Lust vergangen ist, den Tempel auzufehen. Ich kehrte am liebsten so rasch wie möglich nach Aokohama zurück." — Und diesmal war es ihm sehr lieb, daß in der Kuruma, die ihn wieder nach der Station Shibaschi brachte, nur für eine einzige Person Platz war; denn selbst ein so schweigsamer Gesellschafter wie der Amerikaner wäre ihm in dem bitteren Herzenskampfe dieser traurigen Stunde nahezu unerträglich gewesen. IV. Durch den Vorfall in Asakusa, der eine sehr umständliche criminalistische und diplomatische Action im Gefolge gehabt, war Thomas Ellis für eine gute Weile zur meistgenannten Persönlichkeit in der internationalen Fremdencolonie von Jokohama geworden. Und es bekundete eine Bescheidenheit, die ihm eigentlich Niemand zugetraut hätte, daß er sich seit jenem Tage viel geflissentlicher als zuvor von dem geselligen Kreise seiner englischen Landsleute fernhielt. Er erschien nur an den Posttagen im Club, um die angekommenen Zeitungen durchzusehen und er wählte dafür überdies stets gerade diejenige Stunde, wo er sicher fein konnte, möglichst wenig Bekannte im Lesezimmer anzutreffen. In seinem Hause hatte er ohnedies niemals Gäste empfangen und wenn man nicht gewußt hätte, daß feine Beziehungen zu der Familie des Con- fuls Elmrley neuerdings noch lebhaftere geworden waren, so würde man ihn unbedenklich für einen Menschenfeind erklärt haben. Aber die Folge dieser auffälligen Zurückhaltung war, daß man sich mit ihm und mit seiner That viel länger beschäftigte, als es ohne das der Fall gewesen sein würde. Das Geheimnißvolle in seiner Persönlichkeit und in seiner Lebensweise, das bis dahin höchstens hier und da ein Achselzucken hervorgerufen hatte, reizte jetzt, wo diese Persönlichkeit plötzlich zu einer gewissen Bedeutung gelangt war, die Neugier der - Leute und zeitigte allerlei Gerüchte und Geschichten, die um f so eifriger discutirt wurden, je abenteuerlicher sie klangen und ■ je unverkennbarer sie den Stempel der Erfindung trugen. Den meisten Glauben fand die Erzählung, daß Thomas \ Ellis feit dem Tage, wo er die beiden bärenstarken Matrosen s niedergeschlagen und ihr bedauernswerthes Opfer so kunst- ? gerecht verbunden hatte, für die unteren Klaffen der japanischen - Bevölkerung zu einem Wundermann, zu einer Art von höherem s Wesen geworden sei. Die Entfernung zwischen Deddo und j Aokohama war zu gering, als daß sich die Kunde von seiner ; Heldenthat nicht auch in den Gaffen der Hafenstadt hätte ver- ; breiten sollen und nun berichtete man, daß tagtäglich japanische i Handwerker und Kulis zu ihm kämen, um seine Hilfe für ' allerlei körperliche Krankheiten und Gebrechen zu erflehen. Es i hieß freilich auch, daß er die Leute durch seine Dienerschaft ! ziemlich unfreundlich abweisen laffe; aber eines der Clubmit- I glieder behauptete mit aller Bestimmtheit, daß es ihn zur l Zeit der Abenddämmerung im japanischen Viertel Iankiro : wiederholt in ärmliche Hütten habe eintreten sehen, die weder ! ein Theehaus noch eine Restauration enthielten. I Was in aller Welt hatte er dort zu suchen, wenn er : nicht etwa zu seinem Vergnügen wirklich angefangen hat, Cur- psuscherei zu treiben? Vielleicht schmeichelt es seiner Eitelkeit, ? von diesen armen, dummen Teufeln al« eine kleine Gottheit verehrt zu werden. Und er weiß am Ende recht gut, daß ‘ kein Hahn darnach kräht, wenn er dem Einen oder Andern > durch seine Behandlung etwas vorzeitig auf den Weg in’« Jenseits verhilft. Nach Verlauf einiger Wochen aber traten doch allgemach andere Ereignisse in den Vordergrund des allgemeinen Interesse« und man hörte auf, von Thomas Ellis und feinen rätselhaften Besuchen in Iankiro zu sprechen, als die Vorbereitungen zu dem großen Gartenfest begannen, das nach altem Brauch auch in diesem Sommer int Club veranstaltet werden sollte. Da es unter der Teilnahme der Damen oder vielmehr zu Ehren der Damen stattfand, wurde bei dieser Gelegenheit so viel Glanz und Pracht entfaltet, als sich unter den gegebenen Verhältnissen nur immer hervorzaubern ließ. Der Garten de« Clubhauses wurde für diese Nacht in ein Stückchen Märchenland verwandelt. Tausende von bunten Papierlaternen von den abenteuerlichsten Formen wurden zu schön geschwungenen und verschlungenen Linien vereinigt; alle nur erdenklichen Beleuchtung«' und Feuerwerks-Effecte wurden zu Hilfe genommen, um ein Gesammtbild von zauberhaftem Reiz zu erzeugen, und das große, luftige Speisezimmer, dessen mächtige Fenster sich nach der Seeseite hin öffneten, gestaltete sich unter den geschickten Händen japanischer Künstler innerhalb weniger Stunden zu einem Prunksaal, der selbst im Palast eines Daimio mit Ehren hätte bestehen können. Alle angesehenen Persönlichkeiten der Fremdencolonie wurden ebenso wie die Spitzen der einheimischen Behörden feierlich zu diesem Feste geladen, und es war selbstverständlich, daß sich auch Mr. Herbert Elmsley mit seinen Damen unter den Gästen befand. Gerade mit Rücksicht auf diesen Umstand hatte Georg lange gezögert, ob er der Veranstaltung ebenfalls beiwohnen sollte. Seit dem Ereigniß beim Tempel von Asakusa war eine Veränderung mit ihm vorgegangen, die ihm von Seiten seine» Chefs schon wiederholt die besorgte Frage eingetragen hatte, ob er sich etwa leidend fühle. Seine sorglose Fröhlichkeit war ganz dahin und der Eifer, mit dem er sich feiner Arbeit widmete, mußte in jedem unbefangenen Beobachter die Vermuthung erwecken, daß er den Wunsch habe, durch angestrengte Thätigkeit irgend einen nagenden Kummer zu über- täuben. In der That wußte er's eigentlich erst seit jenem Tage, daß er Maud Donaldson liebe — so heiß und innig, al» eine starke, ehrliche Natur nur immer zu lieben vermag, und daß es für ihn keine andere Vorstellung mehr gab von irdischem Glück, als die Vorstellung, sie zu besitzen. 531 Äber er wußte auch, daß dieses Glück nicht ihm vor- toaril ba& es wahnwitzig gewesen wäre, eine Hoffnung zu nähren, der aus mehr als einem Grunde niemals Erfüllung werden konnte- Und sein Mannesstolz verbot ihm, ne Ä^rung zu versuchen, die nur mit einer Demüthrgung hätte endigen können. Trotzdem vermochte er, als der bedeutsame Abend heran- ?er l0,4enbett Versuchung nicht zu widerstehen, das geliebte Wesen ein paar Stunden lang wenigstens aus der Ferne zu bewundern und sich noch einmal, vielleicht zum ?r?enÄ ,an Schönheit zu berauschen. Um so JSt «s möglich bemerkt zu werden, betrat er das Clubhaus erst, a sund?n ^e Gesellschaft schon nahezu vollzählig zusammen, gefunden hatte, und von einem Beobachtungsposten aus, auf dem er selber den Blicken der Anderen nahezu vollständig ent- zogen war, suchte er mit sehnsüchtigem Auge die theure, holde Gestalt. 7 E schwer gemacht, sie zu finden, denn unter den weiblichen Erscheinungen der Fremden-Colonie von Yokohama war keine, die Herbert Elmsleys Nichte an Anmuth zu stelle»^SenUöfattI verstrahlt hätte, um sie in den Schatten Sie war seit dem Augenblick ihres Eintritts die erklärte unbestrittene Königin des Festes gewesen und Frau Donald- sons Gesicht glänzte vor stolzer Genugthuung über alle die ritterlichen Huldigungen, die sie ihrem Töchterchen heute zu Theil werden sah. In den feinen Zügen des jungen Mäd- chen» aber war nichts von solchem Triumphgefühl zu lesen. Sie war auffallend ernst, und wenn hier und da ein Lächeln ihr Antlitz huschte, so schien es viel mehr ein erzwungener Tribut der Höflichkeit als der natürliche Ausdruck einer heiteren Gemüihsstimmung zu fein. Ein p°ar Mal hatte Georg den Endruck, als ob auch ihre Blicke etwas suchten, als ob sie in dem bunten Treiben nach Jemandem ausspähte, den sie schmerzlich vermißte; aber nrcht für einen einzigen Moment war er vermessen genug, glauben, daß sie dabei an ihn denken könnte - an ihn dem sie beim Tempel von Asakusa ihre Mißachtung seine- anscheinend unmännlichen und kläglichen Benehmens so wenig hatte verheimlichen können. Freilich mußte er zugleich mit einem gewissen Befremden wahrnehmen, daß cs selbst Thomas Ellis nicht gelang, den eigenthümlichen, fast schwermüthigen Ernst von ihrem Gesichtchen zu verscheuchen, wie angelegentlich er sich auch unverkennbar nach dieser Richtung hin bemühte. Bis zum Beginn d s Tanzes b ieb er beharrlich an ihrer Seite und als dann die Mustkcapelle eines im Hafen liegenden englischen Kriegsschiffes ihr lustigen Tanzweisen durch den zum Ballsaal urngewan» delten Speiseraum klingen ließ, als er es wohl oder übet geschehen lassen mußte, daß ihm Maud zeitweilig von einem anderen Cavalier entführt wurde, da hörte er doch nicht auf, sie mit seinen kalten, stechenden Augen zu verfolgen, und sie durfte sicher sein, ihn wieder hinter ihrem Stuhl zu finden, wenn sie dahin zurückkehrte. Daß er es wagen konnte, ste so vor aller Welt gewissermaßen als sein Eigenthum in Anspruch zu nehmen, mußte den längst umherschwirrenden Gerüchten von ihrer baldigen Verlobung in den Augen der übrigen Gesellschaft nothwendig einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit geben und daß Maud Donaldsons Aussehen so wenig als ihr Benehmen dasjenige einer glücklich Liebenden war, mochte wohl jedem anderen Blick verborgen bleiben, als dem von nagendem Schmerz und bitterer Eifersucht geschärften des jungen Deutschen. Obwohl er sonst derMdenschaftlichste und ausdauerndste Tänzer gewesen war, dachte Georg heute doch nicht daran, eine der jungen Damen, von denen ihm verstohlen mancher ermunternder Blick zu Theil geworden, zum Tanzen aufzufordern. Und zuletzt ging e« auch über seine Kraft, noch länger die Marter zu ertragen, die er sich da selber auferlegt hatte. Er verließ seinen stundenlang behaupteten Platz hinter der hohen Pflanzengruppe und schritt über die Veranda, dis sich unter den Fenstern des Speifesaals hinzog, in den magisch erleuchteten Garten hinab. Manches junge Paar lustwandelte da plaudernd und tändelnd unter den vom leisen Abendwinde geschaukelten Lain- pions und nur auf der niedrigsten Terrasse, die bei der Anordnung der Illumination etwas stiefmütterlich bedacht worden war, schien es einsam und still. Da lehnte sich der junge Mann an die hölzerne Brust, wehr der steil nach der Seeseite hin abfallenden Böschung und blickte gedankenverloren hinaus auf das martschimmernde Meer, lieber dem tiefen Weh, das in seinem Herzen wühlte, vergaß er das rauschende Fest, welches glücklichere Menschen- | kwder hinter seinem Rücken feierten. Und er vergaß auch, I daß es seine Absicht gewesen war, sich unbemerkt, wie er gekommen, wieder in feine Wohnung zurückzustehlen. Die Klänge der Musik, die weich und gedämpft bis zu ihm heraustönten, s wiegten ihn allgemach in schwermüthige Träume. Und er | dachte nicht einmal daran, den Kopf zu wenden, als er von Is einer süßen, melodischen Stimme — von einer Stimme, deren holden Wohllaut ihm seine Einbildungskraft in der Stille schlafloser Rächte so oft vorgetäuscht hatte — ganz leise und schüchtern seinen Namen nennen hörte. Auch das konnte ja nur ein Traum sein, wie alles Andere; und es war so schön, sich diesem schmerzlich-wonnigen Traume hinzugeben, dem doch bald das traurige Erwachen folgen mußte. I Aber die süße Stimme ertönte noch einmal, jetzt ganz S dicht an feiner Sette. Und dann — konnte dies in Wahrheit noch immer ein Traum fein ? — dann sagte sie klar und vernehmlich: „Was habe ich Ihnen gethan, daß Sie mir beharrlich wie etwas Feindseligem aus dem Wege gehen?" Georg fuhr auf. Und er starrte die zierliche, Helle Gestalt an feiner Seite mit weit aufgeriffenen Augen an, als habe sich plötzlich eine wundersame himmlische Erscheinung neben ihm niedergelassen- „Fräulein Donaldson," stammelte er. „O, mein Gott, wie können Sie glauben! — Nein, wahrhaftig, Sie haben mir nichts gethan! - Ich wäre ja so glücklich gewesen, wenn ich nur noch ein einziges Mal mit Ihnen hätte sprechen dürfen." Trotz der ungewissen Beleuchtung sah er, daß ein weh- müthiges, bitteres Lächeln um ihre feinen Lippen zuckte. »Und doch haben Sie sich beharrlich vor mir verborgen! Nicht einmal bei unserem zufälligen Zusammentreffen in Yeddo haben Sie mich eines Wörter gewürdigt." Er brachte irgend eine ungeschickte Entschuldigung vor, denn er konnte ihr Die Wahrheit ja nicht sagen, ohne damit zugleich das Geheimniß seines Herzens preiszugeben — dieses Geheimniß, das sie nach seinem unumstößlichen Vorsatz niemals errathen sollte. Und Maud fragte nicht weiter, obwohl er es ihrem ernsten Schweigen wohl anmerken konnte, daß sie von seiner Antwort keineswegs befriedigt war. Georg schalt sich in der Stille einen geistlosen Tölpel, da ihm so gar nichts einfallen wollte, womit er sie hätte unterhalten und aufheitern können. Und zuletzt, als er fühlte, daß er nun doch um jeden Preis irgend etwas sagen müsse, wenn sie ihre Großmuth nicht bereuen und sein Benehmen nicht geradezu als eine Beleidigung empfinden sollte, fuhr ihm halb wider seinen Willen just das Ungeschickteste heraus, indem er fragte: „Sind Sie nun in Ihrer neuen Heimath glücklich, Fräulein Donaldson?" „Glücklich?" Sie wiederholte bas Wort in einem Ton, der wahrlich an sich schon Erwiderung genug war. Und nach einem kurzen Zögern fügte ste mit leiser Stimme hinzu: „Nein! Von Ihren guten Wünschen an Bord der „Assyria" ist keiner in Erfüllung gegangen. Ich habe hier nichts von all' dem Schönen und Guten wiedergefunden, das ich drüben in der Heimath verließ — nichts! — Ach, meine Heimath — meine geliebte Heimath 1" (Fortsetzung folgt.) 632 Gemeinnütziges. Eine Bitte vom Thüringer Walde. Auf der höchsten Höhe des Thüringer Waldes, auf dem Höhenzug, der das Gebiet der Saale von dem der Werra scheidet, liegt am Rennsteig das Dorf Steinheid, dessen Kirchlein an freundlichen Sommertagen weit hinaus schaut ins Land, während im Herbst und Winter gewaltige Nebel und Schnee« massen den Ort einhüllen und brausende Stürme die kleinen Häuser der Bewohner erbeben machen. Aber ein fleißiges Völkchen arbeitet darin von frühen Morgen bis zur sinkenden Nacht, um an den Gasflammen den prachtvollen Christbaumschmuck aus Glas mit echtem Silberspiegel herzustellen, der dem Weihnachtsbaum den schönsten Glanz verleiht. Erst in der neueren Zeit hat in diesem Dorfe die vor 300 Jahren in Thüringen eingesührte Glasindustrie ihren Einzug gehalten, nachdem die frühere Holzwaarenindustrie durch die Entwicklung der Metallindustrie zum Erliegen gekommen war. Das fleißige, an Entbehrungen gewöhnte Völkchen kämpft einen schweren Kampf ums Dasein und um demselben abzuhelfen, haben sich einige Herren am Orte zusammengethau, um den Steinheider Christbaumschmuck zum Besten der Arbeiter direet zur Versendung zu bringen. An der Spitze dieses Comitees steht der Ortsgeistliche, Herr Pfarrer Roth und ist das Unternehmen der Controlle des Herzog!. Landraths in Sonneberg unterstellt. Auf Lager find besonders zwei Sortimente: 1. Weiß in Silber, matt «nd glänzend, feinste Ausführung, sehr begehrt, 2- Bunt, in den brillantesten Farben und mannigfachsten Formen. Ein Franco-5-Mk.« Kistchen enthält gewöhnlich: 100 Silber- oder Goldkugeln in 10 Ketten, 1 Engel, Spitze, Trompete, Glocken, Va Dutzend größte, 2 bis 3 Dutzend mittlere, 2 bis 3 Dutzend kleinere Sachen, Kugeln, Vögel, Nüsse, Zapfen u. s. w., Lamettasachen in verschiedenster Ausführung, 2/i* und ^-Kisten das 2» und 4-fache davon, dem Werthe nach, aber andere Sachen. Auch ein einfacheres Sortiment franco zu 3,50 Mk. incl. Verpackung, enthaltend: 200 Brillantkugeln in 20 Ketten, 2 Dutzend mittlere und 2 bis 3 Dutzend kleinere schönste Sachen, ist diesmal vorgesehen. — Möchten doch schon jetzt recht zahlreiche Aufträge auf oben bezeichnete Kistchen den Weg nach Steinheid finden zu dem Kassierer der vereinigten Glasbläser: Herrn Edwin Koch, Maler in Steinheid, oder auch direet zum Ortsgeistlichen, Herrn Pfarrer Roth. Zu der Freude über diesen schönen Christbaumschmuck im eigenem Heim gesellt sich sür die geehrten Besteller das freudige Bewußtsein, gleichzeitig dazu beigetragerr zu haben, daß ein Schimmer der Weihnachtsfreude auch in die Hütten der armen Glasbläser fällt — und diese Leute sind es werth. * * e Der Winter hat bereits sehr eindringlich sein Nahen angezeigt. Der Eintritt der rauhen Jahreszeit mahnt auch ernstlich daran, daß Weihnachten, das Fest der Freude, nicht mehr fern ist. Es beschäftigt schon jetzt die Gedanken Aller, welche in der glücklichen Lage sind, zu geben. Wohl Jeder weiß aus Erfahrung, welches Kopfzerbrechen oft die Auswahl paffender Geschenke beleiht. Es sei deshalb auf einen in dieser Beziehung wirklich practischen Rathgeber hingewiesen, welcher soeben in Gestalt des Weihnachts-Cataloges des Versand-Geschäftes Mey u. Edlich, Leipzig- Plagwitz, erschienen ist. Das uns vorliegende, mit vielen Hunderten von Abbildungen ausgestattete, bei aller Knappheit des Textes doch übersichtliche Preirverzeichniß enthält eine große Auswahl zu Weihnachts-Geschenken sich eignender Luxus- und Bedarfs-Artikel aller Art; dasselbe wird auf Verlangen Jedermann unberechnet und portofrei zugesandt. * * ♦ Unter den Zimmerpflanzen sind die Blattpflanzen nun fast ganz zur Ruhe gekommen. Sie brauchen in Folge dessen fast gar keine Nahrung mehr und müssen nur das Wasser, welches sie durch die Blätter verdunsten, ersetzen. - Man gieße sie deßhalb nur gerade soviel, daß die Erde gleich- mäßig schwach feucht bleibt. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß man den Pflanzen nun jeden Tag nur ganz wenig Wasser geben darf. Denn würde man so verfahren, so könnte es sehr leicht Vorkommen, daß die Erde obenauf wohl di« nöthige Feuchtigkeit hat, tiefer unten aber nach und nach vollständig austrocknet. Die Pflanze würde trotz der regelmäßigen Pflege austrocknen. Erde, welche einmal ganz trocken geworden ist, nimmt aber nur schwer und langsam Wasser an und es würde dann auch ein starker Guß wenig nützen, weil dar Gießwafler schnell wieder abläuft. Man gieße also nicht unbedingt jeden Tag, sondern warte mit dem Begießen, bis die Erde nur schwach feucht ist. Man erkennt dies nach einiger Uebung an zweierlei: Erstens daran, daß der Topf, wenn man mit dem Fingerknöchel anklopft, einen Hellen Klang gibt, während ein mit feuchter Erde gefüllter Topf beim Anklopfen dumpf klingt. Auf diese Weise kann man sogar feststellen, wie weit die Erde ausgetrocknet ist. Noch viel deutlicher erkennt man aber das Wafferbedürfniß der Pflanzen an ihren Blättern. Ist die Erde genügend naß, hat sie also noch mehr Wasser, als die Pflanze braucht, so sind die Blätter straff und strotzend. ♦ ♦ Teltower Rübchen nach französischer Methode. Damit die Rübchen ihre appetitliche Farbe behalten, werden sie erst kurz vor dem Zubereiten geputzt. Nachdem dies geschehen, röstet man in reichlich Butter 20 Gramm Zucker braun, fügt eben so viel Gramm Liebigs Fleischextract, etwas siedendes Waffer und das nöthige Salz hinzu und läßt die Rübchen in dieser Brühe langsam gar dünsten. Hierauf verdickt man die Brühe mit einer braunen Mehlschwitze, läßt die Rübchen in dieser Sauce noch einmal aufwallen und serviert sie mit der letzteren. Literarisches. Weih«achtsipi«le. Bilder aus der deutschen Geschichte, zu festlichen Aufführungen für Jung und Alt, vou Dr. Leopold Florian Meißner. Mit einem Titclbilde von I. Benk I. Hest. Aus der Zeit der Babenberger. Preis eines jeden Weihnachtsspieles 45 Pfg., des completten Werkes, broch. 4 Mk. 20 Pfg, geb. Mk. 5. — Verlag der Literarischen Gesellschaft, Geschäftsleitung M. Breitenstein, Wien 1896. Das erste Heft liegt bereits vor und gibt eine glänzende Probe von dem ganzen Werke; das erste Hest betitelt sich: Aus der Zeit der Babenberger. Eingeleitet durch einen sinnigen Prolog über das Weihnachtsfest, welcher am besten durch ein Mädchen vorgetragen wird, behandelt das erste Heft eine reizende Episode aus dem Leben des Dichters Walther von der Vogelweide. Herzog Leopold der Glorreiche reitet Weihnachten 1211 in Wien ein. Als Geschenk bringt er der Stadt wichtige Freiheiten und Rechte. Ein Bi.d mittelalterlichen, echt deutschen Städtelebens rollt sich da auf. Walther von der Vogel- weide tritt als Brautwerber für seinen Freund, den reichen Kaufherrn Marguard bei dem gefürchteten Stadtrichter von Wien auf und weiß dessen harten Sinn durch seiner Sprache Gewalt zu erweichen, so daß das Weihnachtsfest durch das Glück eines neugeschlossenen Herzensbundes verherrlicht wird. Von der ,Jü«str. Geschichte des Krieges 1870/71.* (Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart), dem verbreitetsten Werke über den deutsch-französischen Feldzug, sind bis jetzt 14 Lieferungen erschienen. Durch die frische, allgemein verständliche Darstellung, vor allem durch den überreichen Bilderschmuck und durch den fast unglaublich billigen Preis (die Lieferung kostet nur 25 Pfg.) hat das Werk seinen großen Erfolg auch reichlich verdient. Da die nächsten Lieferungen uns gerade in die Kämpfe um Orleans, in die Tage des denkwürdigen Winterfeldzugs an der Loire versetzen, machen wir aufs nene auf die „Jllustr. Geschichte des Krieges 1870/71" aufmerksam; Niemand wird es bereuen, sich das interessante und doch so beispiellos billige Buch an- geschasft zu haben. W. Heimburgs -«sammel!« Roma«« «nd Novellen. Die illustrirte Ausgabe der Werke von W. Heimburg, einer unserer beliebtesten Erzählerinnen, schreitet rüstig vorwärts. Es liegen uns die Lieferungen 19 bis 24 der neuen Auflage vor, in denen die Erzählung „Kloster Wendhusen" zum Abschluß gelangt und der fesselnde Roman „Ein armes Mädchen" beginnt. Infolge der trefflichen Ausstattung und des billigen Preises ist diese volksthümliche Ausgabe der Werke W. Heimburgs ganz besonders zu Geschenkzwecken geeignet und dürfte jeder Hausbibliothek zum Schmuck gereichen. Redaction: A. Gcheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Otcindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen-