Nt. 110. 1S05. smMkKLttsk Wß ZMZM . .UnterhaMngsblatt ?u»i OirßrnerAnMgerDrneral-AMiger). .........■■"'!' --------------ii . । Aber o Gott, wie sah diese Frau aus, wie hatte sie in kurzer Zeit gealtert, in welcher Heyd sie nicht gesehen. Mit bleichen Wangen und tiefliegenden Augen wankte fie wie gebrochen an Leib und Seele dahin. Dieser Anblick that dem Baumeister unendlich weh; er kannte die Ursache ihres Leibes S /hm gegenüber auch eine gewisse Zurückhaltung stets beobachtete, die er wohl zu deuten verstand, so hätte er hr diesen Kummer gern erspart gesehen, der sie vielleicht mehr schmerzte, als alle Leiden zusammen, die sie in ihrem Leben erfahren. Ehrerbietigst begrüßte sie Heyd und erkundigte sich theil. nehmend nach ihrem Befinden. v „Ich danke Ihnen, Herr Baumeister, für die gütige Nachfrage, doch mit meinem Befinden steht es leider nicht be- sonders. Den Verlust meines Geldes kann ich nicht überwinden, und so fühle ich es, es wird mein Ende fein/ sagte dis alte Dame kopfnickend und mit trauriger Miene. »Sie so leiden zu sehen, gnädige Frau, bedaure ich au- tiefstem Innern, doch hoffe ich und wünsche von Herzen, Sie bald wieder wohler zu wissen. An jenem Sonntage, als Sie Alle zur Verlobung auf Wildenau waren, hat mich Curt von Walten beauftragt, Ihnen, gnädige Frau, Ihr Geld mit Zins und Zinseszins wiederzugeben." ,"H«r Baumeister!" rief sie erregt und ihre zitternden Hände ergriffen seine Rechte. „Herr, habe ich recht gehört! Darf ich meinen Ohren trauen, daß ich mein schönes, schönes Geld Wiedersehen soll? O, sprechen — sprechen Sie, sagen Sie es noch einmal, Herr Baumeister!" rief sie aufs Höchste erregt und wie ein Fieber ging es durch ihren Körper. „Aus meinen Händen werden Sie es empfangen ebe noch ein Monat um ist; doch jetzt bitte ich Sie inständig, gnädige Frau, jebe Aufregung zu vermeiden!" Ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust, ein Seufzer, der eine schwere, schwere Bürde von ihrem Herzen nahm „Nie soll es mehr aus meinen Händen kommen, Taa und Nacht will ich darüber wachen, um nicht noch einmal in erleben, was ich in dieser Zeit empfunden." „Ist der Herr Oberförster oben?" fragte Heyd, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. „Im großen Zimmer ist er, Herr Baumeister. Wir erwarten Sie schon längst. Drüben am Bache sitzt meine Nicht? N»»« Hit »Otimiltan Gedankenvoll sah der Baumeister vom stillen Wasserspiegel hinauf zum hohen Himmelsdome. Feierlich ernst und zufrieden gestimmt, dachte er jetzt an seine Eltern, die er nicht gekannt und die ihm dennoch so nahe schienen, als wären sie seine steten Begleiter. „Aber auch Du, meine Hertha," sagte Heyd, „auch Du vtst meinem Herzen heute besonders nahe und dennoch bist Du so weit entfernt, wie der blaue Himmel von seinem Wider- im laubbekränzten See. O, Hertha, mehr denn jemals sehe ich Dich heute in Deiner Vollendung. Du sprichst nicht zu mir von der Vergangenheit, auch nicht von der Gegenwart und Zukunft, nur still - still und heilig gehst Du durch mein Herz; und dennoch ist es mir, als hättest Du mir heute mehr denn je zu sagen." Geräusch erschreckte Heyd. Es war der gleichmäßige Flügelschlag einer Schaar wilder Enten, die dicht an ihm vorüberzogen, die bald im Fluge einen Halbkreis be- schrieben und sich am jenseitigen Ufer im hohen Schilf nieder» ließen. Jetzt stand der Baumeister auf und ging nach dem Kahne. Von der Stelle, wo er denselben vor einer Stunde abgestoßen, sah er Jemand in den Wald zurückzehen. „Wenn mich nicht Alles trügt, so war das der Herr Secretär Herrmann, der wohl herüber wollte, und jene Fisch, teufen und Krebsnetze mögen wohl sein Privatvergnügen sein." Der Gottesdienst war längst vorüber, aber still und ein- «am war es auf dem schmalen Grenzwege auf der Höhe, der an der hohen Tanne vorüberführte. Nur ein kleines Mädchen 'wtitt quer herüber und kletterte den Berg hinab, um schneller ms Dorf zu kommen; um ihren Kopf hatte sie ein buntes -cuch und in der Hand trug fie einen Steinkrug — sie hatte wohl Beeren oder Pilze gesucht. . . Durch den Tannengang trat der Baumeister bald darauf m den Garten, wo ihm Frau Doctor Weiler mit einem Körb» chen in der Hand entgegenkam. U L74 und schaut den Weg hinauf, den Sie kommen sollen. Der Tisch ist schon gedeckt; ich will nur schnell noch Johannisbeeren pflücken. Entschuldigen Sie mich, bitte, einige Augenblicke, Herr Baumeister." Schnell eilte sie hinweg und bald war sie in den hohen Sträuchern verschwunden. Wie umgewandelt war sie nun. „Er hält Wort, das weiß ich, läßt doch Steuer nichts auf ihn kommen. Zwar kann er nicht so viele galante Worte machen, auch nicht so liebenswürdig sein wie die meisten Herren der Jagdgesellschaft, besonders aber wie dis Herren in Uniform; auch ist er nicht vom Adel, aber er scheint dennoch ein guter Mann zu sein. Aber wie lieb ist es mir doch, daß ich immer zu Curt gehalten, hat er doch in seiner Verzweif- lung wenigstens an mich gedacht." Heyd bog vom Wege ab und ging am Bache entlang. Er dachte an das soeben Erlebte. In den Tod wollte sie gehen ihres Geldes wegen — und das schien ihm unbegreif- sich. Er konnte wohl verstehen, daß Jemand bestrebt war, so viel Geld wie irgend möglich zusammenzuscharren, denn daraufhin ist doch mehr oder weniger heutzutage die ganze Welt zugeschnitten; aber daß eines Menschen ganzes Sinnen und Trachten, seine ganze Freude und sein ganzes Glück das Geld ausmacht und daß sogar der Verlust seines Geldes gleich seinem Tode ist, das war ihm auch beim besten Willen unverständlich. Langsamen Schrittes kam er mit diesen Gedanken an den Bach, wo er Hertha erblickte. Auf einer Bank saß sie und schaute über Wiesen hinauf nach der Richtung zur Stadt, der aber, den sie erwartete, kam heute von der anderen Seite nach Lindenheim. „An was sie wohl denken mag?" fragte er sich und beobachtete sie eine Weile, dann kam er langsam näher und sie erblickte ihn. Freundlich schritt Hertha dem Baumeister entgegen. „Sicherlich habe ich Sie gestört, Fräulein Steuer, denn Sie sahen so vertieft vor sich, als hätten Sie mit sehr ernsten Gedanken zu thun," sagte Heyd. „O nein, Herr Baumeister, Sie störten mich durchaus nicht, ich habe Sie schon längst erwartet I" „Und dasselbe that ich auf der Höhe an Ihrem Sieb* lingrplätzchen. Ich hörte die Kirchenglocken vom Thale herauf- tönen und hoffte Sie wieder zu begrüßen auf Ihrem Heimwege von der Kirche." „O, das bedaure ich sehr, aber ich war heute nicht zur Kirche." Fragend sah sie der Baumeister an. Hertha lächelte. „Am Kugelfang, Herr Baumeister, wo der Bach die Biegung macht, dort habe ich heute geseffen und im Stillen betrachtet die unzähligen Blumen in ihrer Pracht. Im dichten Buchenlaub sangen die liederreichen Finken und Droffeln und all' des Waldes Sänger fielen jubelnd ein. Aus dem Wiesengrunde stiegen froh die Lerchen empor und nie im Leben ist mir das Alles so erhaben erschienen, als gerade heute, heute am Tage des Herrn. Hören Sie nur, wie dis Bienen summend nach ihren Körben ziehen, sie kommen aus dem Haidekraut im Walde! Blicken Sie auf nach den Wipfeln unseres Laubwaldes und nach den immergrünen finsteren Tannen auf der Höhe, und überall, wohin wir auch sehen und hören, überall empfinden wir des Schöpfers Macht, empfinden wir Gottes Odem — das war heute meine Kirche. Andächtig habe ich seiner Predigt gelauscht und empfunden, was kein Sterblicher so herrlich wiedergeben kann!" Mit gerötheten Wangen blickte sie jetzt auf Heyd; er aber that dasselbe und erwiderte ruhig: „Ich freue mich mit Ihnen dieses Empfindens! — Wenn im Frühling die Natur erwacht, dann athmen wir freudig auf, wenn das frische Grün sich zeigt und des Waldes Sänger wiederkehren! Wenn wir im Sommer diese entfaltete und vollendete Pracht vor unseren Augen sehen, mit unseren Ohren hören, so herrlich wie zu dieser Stunde. Aber auch im Herbst ist die Natur schön und er gibt uns besonders Veranlaffung, ihn gern zu haben. Er wirst uns die reifen Früchte in den Schooß, wir füllen Kammern und Scheunen und dankerfüllt blicken wir am Erntefest zum Himmel. Nun folgt der lange Winter, welcher Dorf und Stadt so viele Freuden und Vergnügen bringt. Und der stille Wald, wie steht er da in seiner Pracht! Wie zum Schutze trägt er sein Schneedach und aus Millionen von Diamanten strahlt er uns entgegen, wenn ihn der Sonnenglanz erhellt. Sehen Sie, Fräulein, diesen wunderbaren Wechsel in der Natur, den uns ein Jahr bringt, empfinden wir jahrein, jahraus und Sie empfinden wohl an jedem Tage in dieser Stille den Geist des Schöpfers im waldumgrenzten Tempel; und dennoch waren Sie gewohnt, hinabzugehen in's Dorf, sobald ihr Herz Sie drängte und feierlich die Glocken riefen. Bleiben Sie Ihrer Gewohnheit auch ferner treu, Sie sind ein besserer Mensch als ich, und was sich für Einen schickt, schickt sich nicht für Alle." Hertha, die still des Baumeisters Worte vernommen, reichte ihm jetzt freundlich die Hand. Vom Haufe her kam der Oberförster. „Der Herr Vater sieht ja heute so verändert aus? In diesem Rocke habe ich ihn ja noch nie gesehen!" „Bei allen feierlichen und besonderen Angelegenheiten legt der Vater stets diese Jnterimsuniform an; gilt es doch heute Ihrem Abschied, Herr Baumeister. Das letzte Mal trug er diese Uniform vor zwei Jahren, als man den alten Waldwärter Herrmann, den Vater unseres Secretärs, zur letzten Ruhe brachte." Herzlich begrüßten sich nun die Männer und alsbald traten sie in die große Stube, in welcher der Mittagstisch längst ihrer harrte. Um seinen Stuhl erblickte Heyd ein Gewinde von Eichenlaub und vor seinem Gedeck stand ein prächtiger Strauß aus den schönsten Rosen und anderen Blumen, die nur der herrliche Garten von Lindenheim aufzuweisen hatte. Mit dankerfüllten Blicken sah Heyd auf den Oberförster und dann auf dessen Tochter, sie verstanden ihn aber und lasen mehr aus seinen Blicken, als viele Menschen sagen konnten. Ernst und ruhig verlief das Mittagsmahl. Wie Trauer lag es auf den drei Menschen und gern hätte der Baumeister eine bessere Strömung herbeigeführt, heute aber wurde er ihm besonders schwer. Er hatte hier Menschen gefunden, die ihn verstanden wie nur wenige auf der weiten Welt. Nur Tante Doctor, die seit jener unheilvollen Katastrophe still umherging und deren Worte man zählen konnte, war zu ihrer Verwandten größter Ueberraschung heute wie umgewandelt. Sie war so froh gestimmt und so liebenswürdig zu dem Baumeister, wie er diese Dame noch nie gesehen. Unaufhörlich nöthigte sie ihn zum Essen und Trinken, so daß es dem Oberförster unbegreiflich schien, was dieser plötzliche Wechsel in ihrem Benehmen gegen den Baumeister zu bedeuten hatte- Nach ihrer Anordnung mußte das Mädchen den Kaffee auf die Veranda bringen, weil es dort viel schöner sei, meinte sie, als in dem anstoßenden großen Zimmer. Hertha brachte dann verschiedenen Kuchen, den sie höchst eigenhändig gebacken und der Allen auch vorzüglich mundete. Nach dem Kaffee entfernte sich dann Tante Doctor und alsbald auch Hertha. Die Männer sprachen dann des Längeren von ihrer amerikanischen Erbschaftsangelegenheit. Der Oberförster sowie auch Heyd hatten sich zur Uebernahme derselben bereit erklärt und die erforderlichen Schriftücke beglaubigt an den Notar nach Chicago gesandt- „In drei Wochen können wir im Besitz unserer Reich- thümer sein," sagte Heyd lächelnd, „und jetzt, Herr Oberförster, bitte ich Sie, auch mich gütigst zu entschuldigen ; ich möchte mich nach Ihrer Fräulein Tochter umsehen, die uns so schnell verlassen." Der Oberförster ging zurück in das Zimmer, setzte sich in seine Sopha-Ecke und sah sinnend nach dem Rauch seiner Cigarre, der in der Luft verflog. Auf einer Bank am Bache, die zwischen Erlen und Hängeweiden versteckt lag, saß Hertha und sah dem Spiel der » A 6“r,™hT^', 1 ,?"b * » W* ~ dm etan Bunfft b«» f. 6iS L ° 7<Ä7 J*± ML.....- ________ *Ä.!*-as er bisher versucht habe, miß. I Hlückt sei. Und von Ahasverur heißt es: „So man ihm S? "«ehrt, habe er nicht über zwei Schillinge genommen, I doch alsobald wieder unter die Armen vertheilt, mit Ver- melden, er bedürfe er nicht, Gott werde ihn wohl ver. sorgen". ’ Die Lebensgeschichten der anderen nervenleiden Wanderer, welche Dr. Meige aus den Krankenjournalen zusammengestellt hafisind in ihren Hauptzügen der eben beschriebenen fast ganz gleich. Eine nervöse Ruhelosigkeit treibt diese Leute von Land zu Land, wie „jenen Ahasverur, der das Ite in orbem Universum langwierig praktizieret". Mächtig vom Wandertrieb ! ergriffen, werden sie immer nervöser, und ihre Nervosität steigert sich zur Wandersucht, zum Reisezwang. Sie reden sich ein und ihren Mitmenschen reden sie vor, sie müßten wieder einen anderen Specialarzt consultiren, um — ja — um eben ihre Wandersucht zu curiren. Unterwegs leben sie von Almosen. Die Physiognomie all' dieser nervenkranken Pilger drückt Leiden und Lebensüberdruß aus. Stets er- scheinen sie nervös ganz erschöpft, sie sind eben Neurastheniker, von denen sie alle physischen und psychischen Merkmale dar. vielen. M,?irJe^n daß der „ewige Jude" kein sagenhaftes Wesen oder eine Erscheinung nur der vorigen Jahrhunderte *Lt> er existirt vielmehr noch heute und wandelt unter uns. Seine Gestallt, seine Tracht und seine Gebahren haben sich von einem Menschenalter zum andern vererbt. Der ewige Jude der Legende und der w a n d e r n d e Jude der Kliniken haben ein und denselben Typus: den eines ruhelosen Pilgers, eine» ""vös Wandernden, heute auftauchend, morgen verschwindend, gefolgt über kurz und lang von einem andern, der ihm in allen Pnnkten gleicht, weil eben auch er von derselbe« Nerven- krankheit besessen ist. deutschen Volksbücher, gesammelt und in ihrer Frankfurt a M^1847 Ei>erhergestellt" von Karl Simrock. VI. Band