-t-V* V •• v v amtl-Hokner srr 93. ^ Donnerstag den 8. August N fe’ M imE NntrrhaUungsblatl Ml Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). Dora. Novelle von Marie Treuter. Es war an einem trüben Novemberabende. Wir saßen im Wohnzimmer bei einander, mein Vater, meine Erzieherin und ich. Tiefe Stille herrschte in dem großen Gemach. Mein Vater arbeitete an einem wissenschaftlichen Werke, meine Er» zieherin strickte, und ich, die ich nach einer erst kürzlich über« standenen Krankheit noch schwach war, lag etwas abseits von der Lampe auf einer Chaiselongue und langweilte mich. Lange hatte ich auf den Sturm gehorcht, der um unser einsames Haus fegte, an den Läden rüttelte und mit der verrosteten Wetterfahne spielte, aber länger schon langweilte ich mich. Plötzlich unterbrach der schrille Klang unserer Hausglocke die bedrückende Stille. »Was bedeutet der Lärm, meine Liebe?" fragte mein Vater, unwillig über die Störung die Erzieherin. Aber ehe diese antworten konnte, wurde die Thür heftig aufgerissen, und in das Zimmer trat, hochroth int Gesicht, gefolgt von der kichernden Magd, unsere alte Haushälterin, ein kleines, zappelndes Wesen vor sich haltend, welches sie vor meinen Vater auf dis Erde fetzte- "Die Frechheit geht zu weit," pustete sie. »Da," und sie zeigte dabei auf das kleine, zitternde Wesen, „das faß mutterseelenallein auf der Schwelle, Herr Doctor, keine Menschenseele war zu sehen." r68«. 6e^ iu weit," unterbrach mein aSöter den Redefluß der Alten. „Erst vor wenig Wochen SLft gleicher S reich in der Stadt verübt worden. „Toni," Ä« M sodann an die Magd, „sagen Sie, Johann £ EL ? b,et SaJem bereit halten, ich will sofort aufs Amt und Anzeige erstatten." hatte inzwischen das kleine Wesen zu mtt auf die Chaiselongue gesetzt. Es war ein herziges Geschöpften, Q^2abre' Iein unb zierlich wie eine Prinzessin, E goldigen Löckchen und großen blauen Augen. Sein An« A beschmutzt und zerrissen, zeugte aber von ehemaliger Der Zorn unserer alten Haushälterin war längst verflogen. „Ach Emmychen," sagte sie mitleidig, „sieh, was für blaugefrorene Bäckchen der kleine Wurm hat, ich werde ihm gleich warme Milch und Zwieback bringen- Pfui über so eine Rabenmutter," fuhr sie wieder zornig werdend fort, „so einen herzigen Balg in Sturm und Wetter seinem Schicksal zu überlassen I" Damit schlorfte sie, so schnell es ihre Beleibtheit erlaubte- hinaus. Ich hatte die Kleine in meine Arme genommen und hüllte den zitternden Körper in mein warmes Tuch. Sie ließ, ohne einen Laut von sich zu geben, Alles mit sich geschehen. Erst als mein Vater das Kind von meiner Seite nehmen wollte, klagte es: „Willi bei Mammi bleiben." Mein Vater hatte sich abgewandt. Die Worte des unschuldigen Kindes hatten eine schmerzliche Wunde in seiner Brust berührt. Er war lange her, seit der Name Mutter in unserm Hause genannt worden war. Meine Mutter war, als ich kaum das Wort Mutter lallen konnte, bei der Geburt meines Bruders Willi gestorben. Als mein Vater sich jetzt zu mir wandte, war sein Antlitz blaß und bewegt. Er küßte mir wortlos die Thränen von den Wangen und verließ dann das Gemach. Alle Bemühungen, welche mein Vater, vereint mit der Polizei, anstellte, um etwas über das Vorleben des Kindes in Erfahrung zu bringen, blieben erfolglos. Wir gewannen allmälig die Ueberzeugung, daß das Mädchen nicht das Kind ärmer Eltern, sondern vielmehr gestohlen war und von den Verbrechern aus Furcht vor Entdeckung ausgesetzt wurde. Hierauf paßten auch die natürlich sehr unvollkommenen Erinnerungen meines Kindes. Die Kleine nannte mich von Anfang an Mutter, sodann schien ihr die vornehme Einrichtung unseres Hause« nicht ganz fremdartig, ein Beweis, daß sie die kurze Zeit ihres bisherigen Lebens in ähnlicher Umgebung zugebracht haben mochte. Mein Vater ließ das Kind, welches bei der Taufe den Namen: „Emmy Theodora," meine eigenen Namen, erhielt, auf seinen Namen adoptiren. Sie selbst nannte sich zu Anfang Willi. Da aber Willi kein paffender Name für ein kleines Mädchen und zudem auch derjenige meines Bruders Liebe einer Schwester? (Fortsetzung folgt.) Sie den jungen, ritterlichen Onkel, der oft noch als Primaner ' Lowendaal passiven zu lasten. nun ent« Ahnte sie, was in ihm vorging, als er wieder und wieder den ihm willig dargereichten Mund küßte? Sie liebte war, fo hatten wir in dieser Rückficht in obiger Weise verfügt, nur mit dem Unterschiede, daß man mich Emmy, — das Kind aber Dora rief. Sie galt als mein unumschränktes Eigenthum, und ich, obgleich an Jahren selbst fast noch ein Kind, war stets darauf bedacht, mir die Würde und das Ansehen einer Mutter zu verleihen, ganz abgesehen von der grenzenlosen Liebe, welche ich sür dieses Mädchen empfand. Dora war der Liebling unseres ganzen Hauses, selbst mein Bruder, der das Gymnasium einer großen Stadt besuchte und nur die Ferien im Vaterhause verlebte, empfand eine große Zuneigung für die Kleine. Meine Würde als Mutter hielt auch er heilig. * * wachung unmöglich. Ich zähle auf Sie, Leonard. Wenn Sie mich verrathen ober Angst bekommen, fo gilt mein erster Besuch, wenn ich morgen nach Verdun zurückkomme, dem Prästdenten und der zweite dem Beamten, der die Galeerensträflinge zu seffelu hat, bis der nächste Trupp nach Toulon abgeht. Adieu, Leonard, bester gesagt, morgen aus Wieder« sehen I" Und Lowendaal entfernte stch ruhigen Schrittes gegen das Neue Thor, während Leonard bestürzt über den Auftrag stch fragte: „Wie kann man, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, in's Schloß der Frau von Blecourt eindringen? Wie kann man mitten in der Nacht ohne Escorte, waffenlos zu dem Commandanten Beaurepaire hineinkommen?" XII. Das Lager der Emigranten. Als Lowendaal Leonard verließ, murmelte er mit zw friedener Miene vor sich hin: „Der Narr wird thun, was ich ihm gesagt habe. — Er zittert zwar ein wenig, aber die Furcht vor der Galeere ist bei ihm größer als die Furcht vor dem großen Säbel dieses Beaurepaire. Wenn ein Mensch vor die Alternative gestellt wird, auf die Galeere zu kommen oder das Leben zu riskieren, bloß wenn er gefangen wird, fo wird jeder Intelligente — und Leonard ff kein Dummkopf — das Letztere wählen. Er wird es ein wenig ungern und mit zitternden Knieen thun, aber er wird es thun. Machen es die Soldaten nicht ebenso? Wenn man sie vor den Schlund einer Kanone schickt, so treibt sie i nicht immer die Liebe zum Ruhm hin, sondern auch die Furcht vor dem Füstliertwerden, wenn sie zurückweichen - ein Beweis dafür, daß man nur in Masten flieht, denn die Strafe, indem sie sich über die Häupter aller ergießt, kann nicht den Einzelnen treffen. Leonard ist allein, er wird also nicht zurückweichen und ich werde, wie der gute Talthybiot, der wachfame Herold de; Palastes der Atriden, vom Lager der Emigranten aus bald das erwartete Signal bemerken," fügte der Baron lächelnd hinzu, der, obschon in keiner Hinsicht vornehm denkend, es dennoch liebte, seine literarische Bildung und seine gelehrten Kenntnifle der alten Schrift« steller zu zeigen. , „ u Er schritt langsam durch die verlaffenen Theile der Stadt, auf die fernen Detonationen horchend und mit gleis giltigem Blick der leuchtenden Spur der Granaten folgen», die wie rasche Meteore stch auf dem schwarzen Hintergrund! des Himmels kreuzten. , Auf btefer Seite der Stadt wurde nicht gekämpft. Einige Posten bewachten die Wälle, und ihre Rufe: „Achtung, Schildwachei" störten nur die Umgegend des Neuen Thore», dem der Baron zufchritt. Er fand an diesem Thors Nationalgarden vor, denen, wie es bei seiner Entfernung aus dem Stadthaufe abgemaan worden, der Befehl ertheilt worden war, den Baron von mit ihr Ball und Haschen gespielt hatte, mit der reinen Liebe eines ahnungslosen Kinderherzens, aber war dies nicht die Jahre vergingen. Veränderungen, traurige und freudige, hatten ste gebracht. Zuerst, als mein Kind kaum zehn Jahre zählte, war mein Vater gestorben. Mein Bruder hatte fein Studium beendet und sich in einer Residenzstadt als Arzt niederge- laffen. So lebten wir denn, meine alte Erzieherin, mein Kind und ich nur mit der nöthigen Dienerschaft versehen, acht Jahre nach des Vaters Ableben ebenso abgeschieden, wie all die Jahre bisher. Nie dachte ich daran, mich zu vermählen. Mein Kind und ich, so träumte ich, sollten bei einander bleiben, bis uns der Tod einst trennen würde. Es sollte anders kommen. Ich wurde plötzlich von einem heftigen Nervenfieber ergriffen, welches mich wochenlang an das Bett festelte. Mein Bruder, der sofort an mein Lager geeilt war, hatte mich nicht verlassen, bis ich außer Gefahr war. Er begleitete uns, da er eine Luftveränderung für nothwendig hielt, nach einem der entzückenden Badeorte Thüringens, wo er ein kleines Landhaus für uns gemietet hatte. Wir benutzten die fchönen Tage zu Ausflügen in die nächste Umgebung des kleinen Badeortes. Mancher verwundernde Blick folgte uns, wenn Dora in ihrer lebhaften Weife ausrief: „O Mütterchen, sieh diese reizende Fernsicht, oder „Mammi, wie himmlisch schön ist der Wasserfall!" Es war mir oft selbst sonderbar, dieses große Mädchen, das meine Figur überragte, nannte mich Mutter und ich dasselbe mein Kind! Wie schnell waren doch die Jahre dahingeschwunden, die das kleine Wesen zur blühenden Jungfrau herangebildet hatten- Sie mochte nunmehr nach unserer Rechnung achtzehn Jahre zählen und war groß und schlank. Ihr Antlitz, welches ■ von dichten, lichtblonden Flechten umgeben war, war von bezauberndem Liebreiz, und aus den großen, blauen Kinderaugen strahlte Unschuld und eine große Fülle von Herzensgüte. Niemand, außer Dora selbst, glaubte daran, daß sie meine leibliche Tochter hätte sein können. Sie kannte nur eine Mutter, und daß diese den natürlichen Gesetzen nach ihre leibliche Mutter sein konnte, darüber nachzudenken, hatte ihr kindlicher Sinn noch nie Veranlassung gesunden, gleichwie sie nie gefragt hatte, ob der tobte Vater, an ben sie mit kindlicher Verehrung glaubte, mein Gatte gewesen. Nachdem mein Bruder abgereift war, lebten wir wieder, auch hier in unferm zeitweiligen Heim, fo abgeschieden wie bisher. „Hüte mir Dein Kind," hatte er beim Abschiede zu mir gesagt, „gib es, wenn es nicht unbedingt nothwendig ist, nicht den dreisten Blicken der Welt preis, damit nicht ein leichtfertiger Schmetterling den Thau meiner holden Knospe trinke." Die Worte sollten scherzhaft klingen, aber fein Gesicht war ernst und bewegt, und wie Schuppen fiel es mir urplötzlich von den Augen. Ich erkannte, was ich längst hätte erkennen müssen, daß mein Bruder Dora liebte. gegennehmen." „Ich werde mich bemühen, Herr Baron, aber was verlangen, ist nicht leicht und ich habe Angst, daß die Post« chaife mich vergeblich beim Neuen Thor erwarten wird." „Dummkopf! In einer Stadt, die von allen Seiten bombardiert wird und wo es überall brennt, ist eine lieber» Madame Sans Gsne. Roman »ach Stetorten Sardou und F. Morre«». Deutsch von Adele Berger. (Fortsetzung.) Leonard fuhr zusammen. „Ich werde Acht geben, Herr Baron." „Schön, Sie haben also verstanden. Gehen Sie und im Lager der Emigranten will ich Ihre Nachrichten Ohne Schwierigkeiten ließ ihn der Postenführer durch dar Ausfallsthor, indem er ihm Glück wünschte. Der Baron erreichte bald einen kleinen Wald, dessen mageres Gehölz er durchschritt, und begab sich direkt zu einem Feuer, das in einiger Entfernung in der Ebene brannte — wahrscheinlich ein Bivouac von Vorposten. Ein „Qui vive?“ in französischer Sprache bewog ihn, stehen zu bleiben. „Ich habe mich nicht geirrt," murmelte er, „das sind Franzosen." Er blieb unbeweglich stehen, nachdem er geantwortet hatte: „Ein Freund, Abgesandter der Municipalität von Verdun!" Eine Stille folgte, dann sah er eine dunkle Masse sich loslösen, begleitet von einem Geklirre von Eisen. Ein Licht schwankte und bewegte sich auf ihn zu. Vier Männer mit einem Fackelträger kamen ihm entgegen. Nachdem er das Ersuchen gestellt hatte, zum General en Chef geführt zu werden, wurde der Baron sehr höflich gebeten, am Bivouac Platz zu nehmen, bis man ihn in's Hauptquartier führen könnte. Er nahm dies gern an, denn die Nacht war frisch, er setzte sich neben den königlichen Freiwilligen vor die brennenden Scheite nieder. Seine Ankunft hatte das Lager in Aufruhr gebracht, und viele Schlafende waren erwacht, um herbeizueilen und von dem Ankömmling zu erfahren, was in Verdun vorging. Dieses Lager der Emigranten war sehr seltsam und bunt. Die Armee Condes bestand aus Freiwilligen, die aus allen Theilen Frankreichs, besonders dem Westen, herbeigeeilt waren, um gegen die Armee des Landes zu kämpfen, die weiße Fahne zu vertheidigen, den König wieder einzusetzen und die Revolution niederzuschlagen. Viele dieser Freiwilligen waren etwas gezwungen gekommen: die einen angetrieben von ihren Familien, angeeifert durch das Beispiel, nicht im Stande, auf ihren zerstörten Besitzungen zu bleiben, andere durch Fanatismus, viele jedoch in der Hoffnung, im Triumphe und mit Beute nach Frankreich zurückzukehren und so fünfundzwanzig Jahre vorher die berühmte Milliarde der Emigranten zu escomp- Heren. Diese Armee von Rebellen und Verräthern theilte sich nach Provinzen, die Edelleute behielten ihre Privilegien und ihren Hochmuth bei, sie mischten sich nicht mit den Bürgerlichen. So hatte die Bretagne sieben Compagnien Adeliger beigestellt und eine achte wurde den aus dem dritten Stande hervorgegangenen Vertheidigern reservirt. Die Tracht betonte diesen Unterschied der Kasten noch mehr; die Bürgerlichen trugen eine eisengraue Uniform, die Adeligen das blaue Gewand des Königs mit Aufschlägen. So bemühten sich die in derselben Sache versammelten und sich denselben Gefahren aussetzenden Insurgenten, unter ihren Anhängern die Hierarchie und socialen Kategorien aufrecht zu erhalten, welche bereits nur der Vergangenheit angehörten. Die Bürgerlichen mit ihren eisengrauen Casaques besaßen trotzdem mehr Selbstverleugnung und wahre Hingebung als die Adeligen, indem sie für die Vertheidigung von Privilegien kämpften, auf welche sie gar kein Recht besaßen. Einige Deserteure, die die Uniformen der Corps beibe- hielten, und Marineoffiziere in sehr großer Anzahl bildeten das einzige wirklich militärische Element der Emigranten. Das Marinecorps, tapfer, aber abergläubisch und dem Königthum sehr ergeben, relrutirte sich hauptsächlich au« den Familien der bretonischen Küste, die alle der Revolution feindlich gesinnt waren. Die Desertion dieser Offiziere schwächte für lange hinaus die französische Seemacht und sicherte trotz des Muthes der Matrosen den Engländern den Sieg über die französische Flotte und bewahrte ihnen die Herrschaft zu Wasser. Man hat diesem Verrath der Offiziere der königlichen Flotte nicht genug Rechnung getragen, als man bte strengen Maßregeln, dis die Convention im Westen traf, auszählte. " 5)er heroische Widerstand der fanatisirten Chouans war für das Vaterland weniger verhängnißvoll, als die Flucht dieser erfahrenen Offiziere, der Gefährten La Perouses und d'Estaings, dieser glorreichen Gegner der Engländer während des amerikanischen Krieges, welche ihre Schiffe verließen, um sich in lächerlicher Weise hinter einem preußischen General zu tummeln und stch von den Nationalgarden schlagen zu lassen Die königlichen Freiwilligen waren schlecht equipirt, schlecht bewaffnet und in jeder Hinsicht schlecht verproviantirt. Ihre Gewehre, deutsche Erzeugnisse, waren sehr schwer, und viele Edelleute hatten nur ihre Jagdgewehre. Baron Lowendaal hörte mit feinem spöttischen Lächeln die Confidenzen, Prahlereien und Anklagen der Freiwilligen an. Da er von Paris kam, bestürmte man ihn mit Fragen über den Zustand der Hauptstadt und um günstige Prophezeiungen über die triurnphirende Rückkehr des Königs. Der Baron antwortete ausweichend, während er fortwährend aus dem Augenwinkel über die rothen Flammen des Bivouacfeuers hinweg einen dunklen Punkt über den Wällen von Verdun, in der Richtung des Thores St. Victor, betrachtete. Er schien von einem Augenblick zum andern ein Signal zu erwarten, das nicht erfolgte. Jeden Augenblick zog er die Uhr hervor, fah sie an und beobachtete ängstlich, auf den Wortschwall der Edelleute nur zum Schein hinhörend, den noch dunklen Himmel über der Stadt. „Was macht denn dieser Leonard?" murmelte er. „Sollte er mich verrathen haben, oder hat ihn der Muth im letzten Moment verlassen? O, ich werde mich schrecklich rächen; wenn er mich getäuscht hat, schicke ich ihn auf die Galeere." Endlich meldete man ihm, daß der General Clerfayt ihn erwarte und sofort in feinem Zelte empfangen werde. Der Baron erhob stch und folgte der Ordonnanz, die ihn führen sollte, nicht ohne zum letzten Mal einen unruhigen Blick auf die Häuser von Verdun zu werfen, die in der höher gelegenen Stadt über die Wälle emporragten. Im Zelte des Generals en chef fand der Baron den Adjutanten vor, der im Stadthaufe erschienen war. Er schnitt eine Grimasse, indem et trotzdem höflich den Grafen von Neipperg begrüßte. Dieser erwiderte kalt feinen Gruß. Die Unterredung war kurz. Der österreichische General erkundigte stch über die Dispositionen der Stadt Verdun, und da der Baron ihm versicherte, daß sie ausgezeichnete und einer Uebergabe günstig seien, antwortete der General mit einer stummen Geste, indem er den Vorhang seines Zeltes aufhob, wie um die brennenden Granaten über den Wällen zu zeigen. Der Blick des Barons folgte mechanisch der Geste des Generals. So sehr er stch auch zu beherrschen vermochte, konnte er einen raschen Ausruf des Triumphes und der Erleichterung nicht unterdrücken. Er hatte soeben im nördlichen Theile der Stadt eine brennende Röthe bemerkt. Flammen und Rauch zeigten sich in jenem Theile von Verdun, der bisher von dem Feuer der Belagerer verschont gewesen zu sein schien. „Was haben Sie?" fragte der General, erstaunt übet die außerordentliche Bewegung, welche der Gesandte der Munizipalität zeigte. „Nichts, Herr General, nichts, nur die Müdigkeit, die Unruhe — auch die Freude, zu wissen, daß die Schrecken einer Belagerung dieser schönen Stadt erspart werden," sagte er, indem er sich bemühte, ruhig zu erscheinen- „Sie glauben also, daß die Stadt die Thore morgen öffnen wird?" fragte Clerfayt. „Exzellenz, ich bin davon überzeugt. Ein mir ergebener Mann wird noch heute früh die unterzeichnete Capitulation bringen." „Warum haben Sie sie nicht selbst gebracht? Warum ist mein Adjutant, der Graf Neipperg, zurückgesandt worden, — 872 der von mir und seiner Hoheit dem Herzog von Braunschweig beauftragt wurde, die Capitulation zu verlangen?" „General, ich war nicht sicher, daß die Stadt morgen capituliren könne — „Ah, und was war das Hinderniß?" „Ein Wahnstnniger, ein Brigantenführer, der Com« Mandant Beaurepaire überrumpelte gestern die Stadt und konnte unsere Pläne zu nichts machen, unsere Hoffnungen zer- stören." „Dieser Commandant ist ein tapferer Soldat und ein energischer Gegner," sagte Graf Neipperg zu Clerfayt. „Haben Sie ihn gesehen?" fragte Clerfayt mit Inte- reffe. „Ich habe ihn gesehen und sprechen gehört. Sie können ihn handeln sehen, denn er ist es, der Verdun so rasch in Vertheidigungszustand gesetzt hat. So lange er lebt, bin ich nicht der Meinung dieses Herrn. Verdun wird nicht capitu- Uten." Und Neipperg warf einen verächtlichen Blick äuf den Baron. „Was haben Sie darauf zu antworten?" fragte Clerfayt. „Sie versprechen mir das Oeffnen der Thore für morgen früh, mein Adjutant, der die Stadt gesehen und die Energie ihres Vertheidigers bestätigt, sagt, daß sie sich nicht so leicht ergeben wird. Antworten Sie!" „Pardon, Excellenz,'" entgegnete der Baron mit seiner schmeichelnden Stimme. „Ich widerspreche dem Adjutanten nicht- Habe ich ihm doch selbst dieses Hinderniß mitgetheilt und Ihnen mein Zögern, meine Befürchtungen erwähnt. Ich sagte Ihnen ja, daß ich nicht sicher war, ob Verdun capituliren würde." „Und jetzt halten Sie die Uebergabe für möglich?" „Für gewiß, Excellenz!" „Aber Beaurepaire?" „Beaurepaire ist tobt, Excellenz." „Todt? Woher wiffen Sie das? Wer hat Ihnen das mitgetheilt?" Der Baron verbeugte sich und sagte mit einem noch ausgeprägteren Lächeln als gewöhnlich: „Excellenz wollen mir gestatten, die officielle Bestätigung der Nachricht abzuwarten, deren Prophet ich bin. Der Mann, der die unterzeichnete Capitulation bringt, wird Ihnen auch gleichzeitig das Ende des Commandanten Beaurepaire, von dem ich überzeugt bin, melden." „Gut, wir werden warten," sagte Clerfayt kalt, indem er dem Baron ein Zeichen machte, daß die Unterredung zu Ende sei. Während Lowendaal sich zurückzog, sagte Neipperg zu dem österreichischen General: „Woher kann dieses Spions- gesicht wiffen, daß Beaurepaire nicht mehr lebt? Vor zwei Stunden, als ich Verdun verließ, war er noch am Leben — sollten sie ihn dort unten ermordet haben?" Clerfayt blickte seinen Adjutanten überrascht an. „Lieber Neipperg, wir Soldaten führen loyalen Krieg bei Hellem Tageslichte. Aber die Kaufleute, die uns die Hände Hinhalten und die Thore ihrer Stadt öffnen, sind feiger Thaten fähig. In der Küche des Sieges gibt es sehr viele unsaubere Abfälle und Ueberreste. Die Theilnehmer des Festes dürfen sich über die Art, wie die Gerichts zubereitet wurden, nicht allzu ängstlich erkundigen, sonst würde Niemand auf den Ruhm Appetit haben und Niemand in ihn hineinbeißen wollen. Beenden wir jetzt unsere Post, denn der Morgen erscheint und wenn der Baron die Wahrheit gesprochen hat, werden wir am Tage tüchtig zu thun bekommen: die Stadt besetzen, Posten aufstellen, die Behörden absetzen und überwachen, ohne an die Revue zu denken, welche Ihre Majestäten inmitten des Jubels und der Huldigung der Einwohner abhalten werden. An die Arbeit und thun wir, als hätte Lowendaal nichts gesprochen! Fahren wir fort, diesem Beaurepaire, der mir wirklich ein gefährlicher Gegner zu sein scheint, einige energische Boten zuzuschicken." Und während Neipperg sich vor den kleinen Tisch des Generals setzte, um nach seinem Dictat zu schreiben, rief Clerfayt, den Vorhang seines Zeltes aufhebend, einem feiner Artillerie-Offiziere zu: „Commandant, fetzen Sie das Feuer fort, bis Sie auf den Wällen von Verdun die weiße Fahne aufzishen sehen." XIII. Ein verdächtiger Manu- Als Leonards seinen Herrn verließ, begab er sich, von der Erinnerung an eine unangenehme Vergangenheit peinlich berührt, zum französisch.»! Thore. Auf dieser Seite donnerten die Kanonen ohne Unterlaß. Leonard war kein besonderer Liebhaber dieser Kanonenmusik, aber er hatte bestimmte Befehle empfangen und mußte sie ausführen. Dort, wo gekämpft wurde, dachte er den Gesuchten, den Commandanten Beaurepaire, zü finden. Ehe er sich jedoch dem Thore näherte, wo auf den Wällen mehrere Offiziere standen, unter denen Beaurepaire sich gewiß befinden würde, schlängelte stch Leonard durch die Gruppen der Neugierigen hindurch, welche den Wagen umgaben, vor dem ein Tisch mit Flaschen, Gläsern, einigen Brodstücken, Wurst und Würstchen standen. Das war die Cantine des 13. Infanterie-Regiments. Hinter dem von zwei rauchenden Fackeln erleuchteten Tische widmete sich Catheriiw Lefebvre flink, lustig und grob her Verkeilung der Lebensmittel und Erfrischungen, die kaum den wiederholten Anforderungen der Kanoniere und anderen Soldaten genügte, die während des Feuers herankamen, um einen Schluck zu trinken und auf die Befreiung Verduns anzustoßen. Von Zeit zu Zeit hielt Catherine im Einschänken oder Schneiden der Wurst inne, um einen Blick auf ihren Karren zu werfen. Dort schlief in dem unverwüstlichen Schlafe der Kindheit der kleine Henriot- „Die Kanonen wiegen ihn ein," sagte Catherine beruhigt und machte sich wieder an ihre Arbeit, nicht ohne einige energische Worte an die Adresse der Preußen vor stch hinzubrummen. Von Anfang der Schlacht an, als die Feinde sich schon den Thoren der Stadt näherten und Beaurepaire plötzlich auftauchte, sich zu verdoppeln schien, zu den Batterien lief, seine Tirailleure aufstellte, die Wälle des französischen Thores mit Schanzkörben und Faschinen versehen ließ, war Catherine, den Schutz ihrer Kantine verlassend, auf die Wälle geklettert, und wie eine Furie des Krieges die Säumigen antreibend, die Tapferen ermuthigend, die ersten Verwundeten fortschaffend und int gegebenen Momente selbst ein Gewehr ergreifend und auf die österreichischen Reiter abfeuernd, welche sich bis unter die Brüstung des Ausfallsthores heranwagten, hatte sie energisch dazu beigetragen, dis Panik zu steigern und den über diesen Empfang überraschten Feind aufzuhalten. (Fortsetzung folgt.) Gemeinnütziges. Tauben als Rebhühner. Man rupft die ge- töbteten jungen fetten Tauben, nimmt sie au» und wäscht sie sauber. Am nächsten Tage reibt man sie mit Wachholderbeeren und Salz inwendig ein, legt jeder Taube Leber und Herz mit etwas Butter in den Leib, näht denselben zu und spickt ihn gut. Dann beträufelt man die Tauben mit Citronen- saft, bedeckt sie mit Speckscheiben und brät sie in Butter unter fleißigem Begießen, zuletzt mit etwas Rahm, gar. Man ser- virt sie mit der Sauce, der man geröstetes Mehl, etwas Wasser, Liebigs Fleischextract und Salz beigesügt, und die man alsdann durch ein Sieb getrieben hat. Redaktion: A. Scheyda, Druck und Verlag der Brühl'schen UniversMs-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gieße».