1895 BMI Er Untrchaituiigsbiatt zum Meßmer Anzeiger (General-Anzeigers W Auf japanischer Erde. Novelle von SB. H. Geinborg. (Fortsetzung.) III. Nun befand sich Georg Stralendorf schon seit mehreren Wochen in Yokohama und er war zu dem Schluß gekommen, daß es sich unter dem Himmel Japans in der That ganz er* träglich leben lasse. Er durfte mit seiner Stellung vollauf zufrieden sein, denn sie ließ seinen Fähigkeiten den weitesten Spielraum und gewährte ihm zugleich eine Selbstständigkeit, die ebensowohl eine schmeichelhafte Auszeichnung als ein sehr wirksamer Sporn für ihn war, sich des geschenkten Vertrauens würdig zu er* weisen. Allerdings hatten ihn seine früheren englischen Prinzipale den Herren Conington und Blomfield auf das Eindringlichste empfohlen und allerlei glückliche Zufälle hatten ihm schon in den ersten Tagen Gelegenheit gegeben, seine Umstcht und Tüchtigkeit zu erweisen. Immerhin aber war es ein für seine Jugend ungewöhnlich verantwortungsvoller, überaus schwieriger Posten, auf den man ihn da gestellt hatte und es schien nur natürlich, daß ihn seine Chefs ebenso wie die übrigen Be* diensteten des Hauses mit mehr Achtung und Zuvorkommenheit behandelten, als sie ein einfacher Clerk unter gewöhnlichen Verhältnissen zu beanspruchen pflegt. Nicht geringere Befriedigung gewährte ihm der Umgangskreis, in den er sich auf dem fremden Boden versetzt sah. Mit den Angehörigen der deutschen Colonie in Yokohama zwar war er bis jetzt nur wenig in Berührung gekommen, wie lebhaft es ihn auch anfänglich zu seinen Landsleuten hingezogen hatte. Durch seine Stellung in einem englischen Handelshause war er vielmehr auf die natürlichste Weise jenen Cirkeln zugeführt worden, deren Angehörige durchweg zu den Unterthanen Ihrer britischen Majestät gehörten- Und er hatte keine Veranlassung, es zu bedauern, denn die Herren, mit denen er regelmäßig zur Dinerstunde im Club zusammen« traf, waren angenehme, liebenswürdige Männer von guter Erziehung und tadellosen Umgangsformen. Keiner von ihnen ließ es den Neuling empfinden, daß er hinsichtlich des Ranges, den er auf der gesellschaftlichen Stufenleiter einnahm, eigentlich nicht ganz ihresgleichen war und zu einigen von ihnen stand Georg bereits in einem nahezu freundschaftlichen Ver» hältniß. Nur der Umstand, daß auch Thomas Ellis zuweilen im Clubhause erschien, beeinträchtigte ein wenig das Behagen, welches er an diesen heiteren Plauderstunden nach vollbrachtem Tagewerk fand. Denn sein ehemaliger Reisegefährte von der „Affyria" gab ihm keinen Anlaß, die ungünstige Meinung zu ändern, die er seit dem ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft von ihm gehegt. Wenn er sich schon den anderen Clubmitgliedern gegenüber nicht bemühte, den liebenswürdigen Gesell- schafter zu spielen, so nahm er vollends bei jeder neuen Berührung mit dem Clerk der Firma Conington und Blomfield eine geradezu beleidigend hochmüthige Miene an. Er gefiel sich darin, den jungen Mann ganz wie leere Luft zu behandeln und wenn sich einmal den Umständen nach die hergebrachten Höflichkeitsformen durchaus nicht vermeiden ließen, so genügte er ihnen in einer Weise, deren kränkende Absicht völlig unverkennbar war, wenn sie Georg auch keinen greifbaren Anlaß bot, diesen Mann, der im Herzen unzweifelhaft sein Feind war, gerade heraus zur Rede zu stellen. Seinen Besuch im Hause des Consuls mußte Ellis wohl sehr bald nach der Ankunft gemacht haben, denn gelegentliche Aeußerungen seiner neuen Bekannten ließen Georg nicht da» rüber im Ungewissen, daß er bereits unter die vertrauten Freunde des Herrn Elmsley und seiner Damen gezählt werde. Zwar vermied er es geflissentlich, sich in die Gespräche zu mischen, die zuweilen in seiner Umgebung über diesen Gegenstand geführt wurden, aber er hörte doch mitunter halb wider seinen Willen genug davon, um in bet? Stille seines Herzens recht bittere und schmerzliche Regungen zu fühlen- Nach der Art seines Auftretens und nach seiner ganzen Lebensweise hielt man Thomas Ellis für einen sehr reichen Mann- Er hatte ein reizend gelegenes Haus am äußersten Ende der europäischen Anstedelung bezogen und es hieß, daß er mit dem Besitzer wegen des Ankaufs in Unterhandlung stehe- Er hielt sich eine, selbst für japanische Begriffe überflüssig zahlreiche Dienerschaft und einen kleinen Marstall jener flinken, ausdauernden Ponnie», die hier ausschließlich al« 626 de > 01 S sa eb 01 Li A fei O W A bn kö L gr TOi bl gr B vl fr zu D ve m de eii ro Z E O lo in ui de tii ui M B da so S Hi sti di de ve m S 96 be A toi bu pc fie ge N ot ri fe Reitpferde benutzt wurden Obwohl sich aber aus alledem mit Sicherheit schließen ließ, daß er seine ursprünglichen Pläne aufgegeben habe und daß es seine Absicht sei, dauernd in Dokohama zu bleiben, hatte doch Niemand etwas von einer kaufmännischen oder irgend einer anderen Berufsthätigkeit des neuen Einwanderers wahrgenommen. Man erzählte vielmehr, daß er das Leben eines Grandseigneur« sühre und sich einzig mit dem Zureiten feiner Pferde oder mit Ausflügen beschäftige, die zumeist in Gesellschaft des Eonsuls und seiner Damen unternommen wurden. „Vielleicht wartet er nur den Zeitpunkt ab, wo er auf dem Wege verwandtschaftlicher Verbindung der geschäftliche Compagnon des Herrn Elmsley werden wird," hörte Georg gelegentlich eines der Clubmitglieder sagen, und diese Worte gaben ihm einen so schmerzlichen Stich in'» Herz, daß er sogleich aufstand, um den fröhlichen Kreis zu verlassen und einen langen, einsamen Spaziergang am Strande zu unternehmen. Ein einziges Mal nur hatte er Maud Donaldson wiedergesehen, als sie mit ihrer Mutter in einer von drei Läufern gezogenen zweisitzigen Kuruma an ihm vorüberfuhr. Es war mitten im Gewühl der Mainstreet, der einzigen großen Geschäftsstraße von Yokohama gewesen, und er hatte sich auf dem engen Bürgersteig gerade in einem so dichten Gedränge eilfertig durcheinander hastender Japaner befunden, daß die Damen ihn und seinen ehrerbietigen Gruß überhaupt nicht wahrgenommen hatten. Ihm aber war es nicht entgangen, daß Maud viel bleicher und ernsthafter ausgesehen hatte, als während jener unvergleichlichen, glückseligen Tage an Bord der „Affyria". Ein träumerischer, fast schwermüthiger Zug, den er damals nie bemerkt, war auf ihrem reizenden Gesichtchen gewesen und unablässig hatte er sich seitdem mit der grübelnden Frage gequält, wodurch fie wohl verhindert werden könnte, sich in der neuen Heimath glücklich zu fühlen. Eine Zeit lang hatte er sich ganz ernsthaft mit der ver- meflenen Absicht getragen, den Damen unter Berufung auf ihre Reisebekanntschaft ebenfalls seine Aufwartung zu machen. Aber er war mit den Gesetzen englischer Etiquette zu wenig vertraut, um einen solchen Schritt ohne vorherige Besprechung mit einem Kenner der herrschenden Gepflogenheiten zu wagen. Und mit einiger Beklemmung hatte er deshalb eines Morgens scheinbar ganz beiläufig eine dahingehende Frage an Abraham Norton gerichtet. Der Amerikaner war ein paar Secunden lang in nachdenklichem Schweigen verharrt, um dann durch sein Kopfschütteln alle die kühnen, himmelanstrebenden Luftschlösser zu zerstören, die in Georgs Fantaste auf der schwanken Grundlage dieses geplanten Besuches bereits entstanden waren. „Wenn Sie dazu von Niemandem aufgefordert worden find, würden Sie sich durch solche Visite eine» groben Verstoßes gegen die gute Sitte schuldig machen," lautete die vernichtende Auskunft. „Und ich zweifle sehr, daß man Sie im Hause des Herrn Elmsley überhaupt annehmen würde." Damit war der verwegene Gedanke für Georg endgiltig abgethan, denn wie geringe Fortschritte auch sein Verhältnis zu Abraham Norton gemacht haben mochte, sein Vertrauen in die Einsicht, Rechtschaffenheit und Ehrenhaftigkeit dieses merkwürdigen Mannes war doch in der kurzen Zeit ihres Zusammenlebens bereits zu einen, völlig unerschütterlichen geworden. Seine Schweigsamkeit hatte nichts Mürrisches, seine Zurückhaltung nichts Verletzende» mehr für Georgs Empfinden; und wenn er stch auch durchaus nicht vorzustellen vermochte, daß in seinen Beziehungen zu dem wortkargen Hausgenossen jemals ein wärmeres, echt freundschaftliches Gefühl zum Durchbruch gelangen könnte, so kostete es ihn doch keine Ueber- Windung mehr, mit achtungsvoller Rücksichtnahme auf feine kleinen Sonderbarkeiten einzugehen und dadurch ihren Verkehr zu einem durchaus harmonischen zu machen. Es war am Morgen eines jener sogenannten Bankfeiertage, die von englischen Kaufleuten auch im Auslande respec- tirt werden, al« Abraham Norton beim Frühstück sagte: „Ich habe gehört, daß Sie wiederholt nach Yeddo gefahren find — aber waren Sie auch schon in Asakusa?" Georg verneinte, denn er hatte den Namen des Ortes bisher nicht gehört. „So möchte ich Ihnen einen gemeinsamen Ausflug dahin vorschlagen, vorausgesetzt natürlich, daß Sie nicht bereits andere Verabredungen getroffen haben." Wie groß auch die Ueberrafchung be« jungen Mannes bei diesem Anerbieten war, zögerte er doch nicht einen Augenblick, es anzunehmen, und eine halbe Stunde später befanden sie sich bereits auf dem Perron des schmucken Stationsgebäudes, das den Anfangspunkt der im Jahre 1872 erbauten Eisenbahn zwischen Yokohama und der Hauptstadt Tokio oder Yeddo bildet. Georg war noch Neuling genug, um sich an dem bunten Gewimmel auf dem Bahnhose und an dem wenig anmuthigen Geklapper von einigen hundert japanischer Holzfchuhe zu ergötzen; aber al« sie dann endlich in einem der behaglich eingerichteten Waggon« saßen, konnte er stch nicht enthalten, zu fragen, welche Bewandtntß e« mit dem von Norton genannten Orte habe. „Asakusa," erklärte der Amerikaner in seiner etwas pedantischen Weise, „ist eine« von den zahllosen Dörfern, au» denen im Lauf der Jahrzehnte da« heutige Tokio entstanden ist. Ich möchte e« Ihnen zeigen, weil ich annehme, daß es Sie tnteressirt, einen buddhistischen Tempel kennen zu lernen und weil der Tempel von Asakusa einer der sehenswürdigsten ist. Er ist der tausendarmigen Kwannon, der Göttin der Barmherzigkeit, geweiht und bildet einen beständigen Wall- fahrtsort namentlich für die unteren Klassen. Man kann das japanische Volksleben kaum irgendwo besser kennen lernen, als gerade dort." „So haben Sie mir einen wirklichen Dienst erwiesen, indem Sie mir diesen Feiertag zum Opfer brachten," versicherte Georg aufrichtig. „Es gibt für mich gar nichts Ergötzlichere», als dies harmlos gutmüthige Völkchen in feinem intimen Treiben zu belauschen." Der Amerikaner schüttelte den Kopf. „Die Gutmüthigkeit lasse ich gelten; was aber die angebliche Harmlosigkeit der Japaner betrifft, so möchte ich Ihnen doch rathen, fie nicht allzu oft auf die Probe zu stellen. Diese kleinen Kerle, deren Übergroße Höflichkeit beinahe etwa» Lächerliches hat, find oft heißblütiger, als man glauben sollte. Und fie entwickeln, wenn ihr Zorn einmal gereizt ist, eine ganz verteufelte Couräge. Ich habe Scenen erlebt, die mir aufrichtigen Respect vor ihrer Tapferkeit eingeflößt haben." Auf der Station Shibachi, dem Haltepunkt für Tokio, verließen die beiden Herren den Zug, um für die Dauer der nächsten Stunde getrennt zu werden; denn Jeder von ihnen mußte sich für den ziemlich weiten Weg nach Asakusa einem der Jinritrischa anvertrauen, die mit ihren zierlichen Gefährten vor dem Bahnhofe in hellen Haufen auf Beute lauerten. Ans der Umgebung der hohen, nüchternen Ziegelhäuser amerikanischen Anstrich», welche dem neuesten Stadttheil von Tokio ein zwar großstädtische», aber keineswegs anmuthiges Gepräge verleihen, gelangten sie dank der flinken Beine ihrer unverwüstlichen Kurumaläufer bald in jene interessanteren Viertel der weitläufigen Residenz, die sich noch immer ihren eigen- thümlichen nationalen Charaeter bewahrt haben. Auch die europäische Kleidung, die sich auf den verkümmerten Gestalten der Japaner und namentlich der Japanerinnen so wenig vor- theilhaft ausnimmt, wurde hier nur noch ganz vereinzelt sichtbar. Der Kimono, das bis auf die Füße herabfallends Oberkleid aus Baumwollen- oder Seidenstoff mit den weiten, dütenförmigen Aermeln und dem unvermeidlichen Gürtel, dem Obi, der bei den Frauen oft zu gewaltiger Länge und Breite anwächst, war hier glücklicherweise noch die herrschende Mode für beide Geschlechter geblieben. Und dieselben weiblichen Wesen, die wie wandelnde Carricaturen erschienen, wenn sie ihre schmächtigen Körper in ein französische» Schnürleibchen und eine Robe nach Pariser Schnitt einzupreffen versuchten, waren in dieser luftigen, faltigen Gewandung häufig von einer ganz eigenen Zierlichkeit und Anmuth. Mancher freundliche Blick au» hübschen dunklen Augen 527 wurde dem stattlichen Deutschen auf seiner Fahrt zu Theil. Aber da er seinen Widerwillen gegen Personenbeförderung durch Menschenkraft noch immer nicht ganz hatte überwinden können, war Georg doch herzlich froh, als sie das Ziel ihres Weges erreicht hatten und als er am Eingänge der breiten, gut gepflasterten Tempelallee, die nur von Fußgängern passirt werden darf, seine Kuruma verlassen konnte. Von dem Leben und Treiben in der nächsten Umgebung des Heiligthums hatte ihm Abraham Norton nicht zu viel verheißen. Es war da ein Lärm und ein Gewühl, als ob man sich auf der Kirchweihe in einer kleinen süddeutschen Stadt befände. Und die leicht gebauten, abenteuerlich au»« geschmückten Verkaufs- und Schaubuden, welche die Allee zu beiden Seiten einfaßten, machten die Aehnlichkeit vollständig. Alle erdenklichen Gegenstände für religiöse und profane Zwecke wurden da von beredten Händlern feilgeboten. Es gab Spielbuden, Buden mit bedenklich aussehenden Süßigkeiten, transportable Speiseanstalten und hundert andere Dinge, wie man sie auch auf europäischen Jahrmärkten anzutreffen pflegt. Eine s geräuschvolle Fröhlichkeit, die nirgends durch einen störenden \ Mtßton beeinträchtigt wurde, herrschte überall und übte ihre ansteckende Wirkung allgemach auch auf den Fremden, der rings um sich her nur sorglos vergnügte, lachende und grin- 1 sende Menschengesichter sah. - In bester Laune hatte Georg seinen Arm in den des Begleiters geschoben; plötzlich aber zuckte er so heftig zusammen, | daß Abraham Norton verwundert aussah, um dann freilich ä sogleich die Ursache jener auffälligen Bewegung wahrzunehmen. Sie waren nur noch ein paar Dutzend Schritte von dem Haupteingange des eigentlichen Tempelreviers, einem zweistöckigen, roth angestrichenen Thorbau, entfernt, und unter! diesem Eingang wurde soeben eine kleine Gruppe bekannter l Personen sichtbar, die augenscheinlich von einer Besichtigung \ des Heiligthums zurückkehrten. Voran ging Thomas Elli«, der Frau Donaldson am s Arme führte, und unmittelbar hinter ihm tauchte Maud» hold- i seliger Köpfchen neben der steifen, würdevollen Gestalt ihre» Oheims aus dem Gedränge auf. „Lassen Sie uns ihnen au»weichen!" sagte Georg. „Der bloße Anblick dieses Herrn Ellis reicht hin, mir die Stimmung gründlich zu verderben." Abraham Norton war ohne Weiteres bereit, seinem § Wunsche zu entsprechen, und sie mischten sich in dar Gewühl । vor einer der Gauklerbuden, die ganz besondere Anziehungs- krast auf die frommen Verehrer der barmherzigen Kwannon zu üben schienen. Schon in der nächsten Minute aber wurde ihre Aufmerksamkeit wieder nach jener Seite hingelenkt, von der sie sich eben abgewendet hatten; denn ein wüstes, wildes Geschrei aus rauhen, heiseren Kehlen schlug über all' den fröhlichen Lärm hinweg mißtönend an ihr Ohr. Und ein einziger Blick ließ sie erkennen, daß sich hart an dem Tempeleingang eine überaus ernste und bedrohliche Scene zu entwickeln begann. Drei englische Matrosen, deren gläserne Augen und deren rothe, gedunsene Gesichter genugsam verriethen, in welchem Zusiande sie sich befanden, bildeten den Mittelpunkt eine» von Secunde zu Secunde anwachsenden dichten Menschenknäuels. Offenbar hatten sie, während sie sich mit brutaler Rücksichtslosigkeit durch die Menge drängten, ein japanisches Mädchen insulttrt; denn da» arme Ding in seinem grellrothen Kimono und seinem zerzausten Feiertagsputz lag bitterlich weinend an der Brust eines alten Mannes, während ihr in einem schmächtigen jungen Burschen, der den drei betrunkenen Raufbolden unerschrocken den Weg vertreten hatte, ein ritterlicher Beschützer erstanden war. Es schien, daß der Jüngling sich darauf beschränkte, den Matrosen in seinem schlechten Englisch ihr rohes Betragen zu verweisen. Die wilden Gesellen aber, denen e» vielleicht nur um eine Herausforderung zu thun gewesen war und die von dem persönlichen Muthe der verachteten Japanesen offenbar eine sehr geringe Meinung hatten, fuchtelten unter wüsten • z Schimpfreden mit den Armen wie Wahnwitzige in der Lust j herum und in der Hand des Ungeberdtgsten von ihnen, eines s baumlangen, herkulisch gebauten Gesellen, sah man plötzlich I die Klinge eines Messer» blitzen. Mit einem Wehruf taumelte der von dem Dolchstoß dicht über dem Auge getroffene Japaner zurück und der Todt« schläger, dessen stiere, blutunterlaufene Augen kaum noch denen eine» menschlichen Wesen» glichen, stürzte sich mit hochgeschwungener Waffe mitten in den dichten Knäuel hinein, offenbar entschlossen, Alle» niederzustechen, was sich ihm in den Weg stellen wollte. Entsetzt suchten sich die Waffenlosen vor der Wuth de» Rasenden in Sicherheit zu bringen; aber das Gedränge machte eine rasche Flucht unmöglich und der Trunkene würde vielleicht ein förmlicher Blutbad angerichtet haben, wenn er nicht unerwartet einen Gegner gefunden hätte, der ihm, wenn nicht an körperlicher Kraft, so doch jedenfalls an Gewandtheit und Entschlossenheit mindestens ebenbürtig war. (Fortsetzung folgt.) Freimrse für stotternde Zöglinge der höheren Schulen. Der Kampf um die materielle Existenz ist in unserer Zeit der Uebervölkerung und der einem Emporkommen mif- günstigen, mit erlaubten und unerlaubten Mitteln vorgehenden Concurrenz ein sehr schwerer geworden I Es ist nicht nur die „Arbeiterbevölkerung," die nach Lösung der socialen Frage sich sehnt; der Kampf spielt sich vielmehr in rücksichtsloser und unaufhaltsamer Weise gerade unter den Vertretern unserer sogenannten besseren Stände ab, die au» den höheren Schulen und au» den Universitäten hervorgehen. Wer heute, diesen Ständen angehörend, nicht seine sämmtlichen Kräfte entfalten kann, der unterliegt! Es ist daher ein edles und dankens« werthes Werk der Nächstenliebe, uns Derer anzunehmen, die hier unter erschwerenden Umständen kämpfen müssen und zu diesen letzteren gehören vor allen Dingen die mit dem liebel de» Stotterns Behafteten. Nur der, der selbst stottert oder gestottert hat, sowie der, welcher sich Jahre lang wissenschaftlich durch eingehende» Studium und durch läglichem Umgang mit Stottern mit diesem liebel, seinem Wesen und seiner Bekämpfung beschäftigt hat, vermag zu beurtheilen, wie tief einschneidend in das innere und äußere Leben eines Menschen es ist, wenn er nicht jederzeit, wann und wo er will, von seiner Sprache Gebrauch machen kann. Es ist nicht nur dis Kunst (oder vielmehr das angeborene Talent), von der Kanzel herunter, oder in der Volksversammlung oder im Parlament eine schwungvolle Rede zu halten, die dem Stotterer nicht beschieden ist: dieses Nichtvermögen könnte er wohl schließlich, wie so mancher andere, leicht verschmerzen! Nein, es ist vielmehr gerade die kurze Rede im tagtäglichen Leben, bei Fragestellen und Antwortgeben, im Beruf wie im Kreise der Freunde und der Familie, die dem bedauern«- werthen Stotterer nicht „von den Lippen geht." Der Gedanke, daß er da», was jedes Kind, was jeder Schwachkopf spielend und meschanisch vollbringt, nicht vermag, und zwar trotz seiner besten Willens, trotz der unglaublichsten, sämmtltche Kräfte erschöpfenden, ja vernichtenden Anstrengungen nicht vermag, der ist'«, der den Stotterer zur Verzweiflung bringt! Daß er seinen Namen nicht nennen kann, daß er am Postschalter das Wort „Postkarte" nicht herausbringt, daß er in der Schule seine guterlernte und zu Hause im einsamen Kämmerchen fließend gesprochene Aufgabe nicht aufsagen kann, daß er beim Examen, später im Beruf vor dem Vorgesetzten und dem Untergebenen, im Verkehr mit Freunden und Familienangehörigen, in der freien Natur an der Familientafel, am Biertisch, im Theater, im Tanzsaal, an der Festtafel, kurz überall und stündlich oft nicht ein Wort heraus- zupreffen vermag, und daß er bei all' diesem Gemüth bi» in» - M - Literarisches wird und daß sich Wohlthäter finden werden, die in Gestalt AEste erschütternden Ungemach im Hintergründe unter seinen Mitmenschen immer das Zischeln der Auslacher, Spötter und Nachahmer hören muß und sich dadurch zu einem ge« wiffermaßen minderwerthigen Jndiduum gestempelt steht, welches die Rolle des „Dummen" unfreiwillig spielt, — ja, das ist's, was den Stotterer und vor allen Dingen den, der den ge. bildeten Ständen angehört, in seinem ganzen Jammer und Elend kennzeichnet! Man braucht wohl nicht daran zu zweifeln, daß nach dem eben Erwähnten einem Stotterer der Kampf ums Dasein nach beruflicher wie gesellschaftlicher Richtung hin vom erste« Momente an, wo der Mensch zu sprechen beginnt, in vom Nichtemgeweihten kaum geahnter Weise erschwert, ja zuweilen unmöglich gemacht ist! Und hält er den Kampf auch wirklich aus: die Wunde in seinem Innern, die täglich von Neuem aufteißt und blutet, verheilt nicht! ■ c * $a?t-er2,?rber;. Wer hätte es geahnt, daß der Vater- morder leine Auferstehung feiern wird? Wohl nicht bei den Männern aber die Damen stecken ihre Köpfchen zwischen diese hohe Hülle, die sie pikant und allerliebst kleidet. 7" ™ ' " ■ • ' 1 «ebBCtlon: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfikAS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Schcyd«) in «ießen. von Geldstiftungen dieses opferfreudige Unternehmen gern unterstützen werden. Zur Entgegennahme von Beiträgen sind Herr Professor vr Richard Richter, Rector des königl. Gymnasiums zu Leipzig, Parthenstraße 1, die Buchhandlung von Franz Ohme, Leipzig, Universttätsstraße 5, sowie die Buchband, lung von Gustav Brauns, Leipzig, Goethestraße 7, und der Unterfertigte gerne bereit. Ueber die aus diesen freiwilligen Fond» Behandelten wird den gütigen Wohlthätern in regelmäßigen Zwischenräumen A^?"»3nstituts.Organ „Blätter für Gesundheitspflege" Bericht erstattet werden. 0 Dr. med, Paul Müller, Altenburg (@.#8L). Es genügt daher nicht, den Armen, Unglücklichen durch Trostworte die Thränen zu trocknen und ihnen den land, läufigen Rath zu geben: „Gieb Dir doch Mühe!" Nein, es iflt ein 8tct ber Menschenliebe, eine heilige Pflicht, mit aller Energie und Sachverftändniß daran zu gehen, dem Stotterer wirklich zu helfen, ihn von seinem Uebel, welches wie ein Alp auf ihm lastet, zu befreien und ihn zu heilen! I pikant und allerliebst £2»«' w7rden"^dem Seitdem in den Volksschulen einer größeren Anzahl I 8