II I ** I ' ~ 9 -MLMRl'^MWch s»SXffiä?s;5*fe^“ ' .. ' ' - - ^ . -*-,5?/*' ' ~ ' ;.--*-^C?;/'.'. " — *' **' " ’.’ ' ■ ' - * * ' SS--E>-y.-..C :::..■ . .^L?'. U§VLLÄLVL!MMKL4LrKssrLs-^W>c-TÄM^.A^ s-^^MMWWA^K4W » *WS Erste Liebe. Novelette von Johanna Berger. (Schluß.) Es kamen trübe Tage voll schweren Kummers. Hanna- Vater, der würdige Seelsorger seiner kleinen Gemeinde, starb nach langem, schmerzlichem Siechthum- Ach, wie bitterlich die Kleine weinte, als sie Abschied nehmen mußte von dem traulichen Pfarrhause, das so lauschig zwischen den riesenhohen Lindenbäumen gelegen war und wie sehnsüchtig sie danach zurückblick-e, als sie mit der guten alten Tante Regina hinaus« ziehen mußte in das stille Magdalenenstift, das außerhalb vom Städtchen und weit entfernt vom Schlöffe am Rande des Hochwaldes lag. Die prächtige alte Jungfrau wußte sich auch im Kloster Verehrung, Liebe und Würdigung zu verschaffen, sie sprang überall mit Wort und That hilfreich ein, wo es fehlte. Für Hanna ging das Leben eintönig vorüber. Die Tante unterrichtete sie in Handarbeiten, feiner Wäsche und tm Kochen. Die übrige Zeit nahm die Schule in Anspruch. Sie sollte und mußte Vielerlei lernen, um später einmal auf eigenen festen Füßen zu stehen und sich dar Brod selbst verdienen zu können, denn Geld und Gut hatte der Herr Pastor nicht hinterlaffen. Der Verkehr zwischen beiden Kindern hatte jetzt gänzlich aufgehört. Der Landrath von Bartenstein fand es an der Zeit, seinem einzigen Sohne eine strengere, energischere Erziehung geben zu lassen, um ihn dem höheren Lebensberufe entgegenzuführen, zu welchem ihn seine aristokratische Geburt berechtigte. Ein wissenschaftlich gebildeter Lehrer wurde in'- Haus genommen, welcher den geweckten Knaben unterrichten muöte. Curt wurde nun nach allen Regeln der Pädagogik und Schulweisheit dresstrt und gemaßregelt. Er mußte von früh bis spät über den Lehrbüchern sitzen und hatte wenig Freistunden. Mitunter konnte er dem Verlangen und der Sehnsucht nach seiner kleinen Hanna nicht widerstehen, es drängte ihn stürmisch, zu ihr zu eilen, aber er durfte die herzige Gefährtin nicht besuchen. Es wurde ihm klar gemacht, daß zwischen einem großen, hochaufgeschossenen und wohlerzogenen Knaben und einem kleinen dummen Mädchen keine Freundschaft mehr bestehen könne — und daß es geradezu lächerlich sein würde, wenn er die alten Jungfern mit ihren großen blauen Schürzen und den beständig klappernden Stricknadeln in den welken Händen im Magdalenenstift aufsuchen wollte, um mit der kleinen. Hanna Zwiesprache zu halten. Der arme Curt fühlte sich anfangs unter der strengen Zucht seines Lehrers recht unglücklich, die Trennung von Hanna bereitete ihm großen Schmerz, aber er fügte sich stillschweigend in das Unabänderliche. Allmälig erwachte auch ein gewisser Jungenstolz in ihm und übte über sein Fühlen und Denken siegreiche Macht aus. Wenn er die ehemalige Gespielin »»fällig auf der Straße traf, vermied er es, mit ihr anzuknüpfen, er blickte scheu zu.r Seite und ging ihr aus dem Wege. Was in seiner jungen Seele vorging und daß er sie trotz alledem herzlich lieb hatte, durfte sie niemals ahnen, denn er schämte sich der weichen Regungen und drängte sie in sein tiefstes Innere zurück. Und diese widersprechenden Empfindungen machten ihn immer kälter, immer schroffer ihr gegenüber Die unschuldige Hanna, noch von keinem Zwiespalt des Herzens berührt und dem Jugendgefährten nach wie vor treu ergeben, konnte sich sein seltsames Benehmen nicht deuten. Sie weinte heimlich manch' heiße Thräne über den wanke!« müthigen Freund. Im raschen Fluge schwanden die Jahre dahin. Curt weilte schon längst nicht mehr in der Heimath. Ec studirte in Bonn und Göttingen die Jurisprudenz. Er besaß einen glühenden Ehrgeiz und hatte sich ein hohes Ziel gestellt. Darum besuchte er auf das Eifrigste die Hörsäle und Collegs der verschiedenen Universitäten, um überall aus dem Born der Belehrung und Weisheit das göttliche Jus zu schöpfen als feste Grundlage für eine segensreiche Zukunst. Trotzdem blieben ihm auch die Fechtböden und Kneipen, in welchen die Studenten verkehrten, nicht fremd, er war kein Pedant. Im Gegen« theil, er genoß sein Leben im jugendlichen Frohsinn und trank den sich ihm darbietenden Freudenbecher mit vollen Zügen. Doch mit klugem Sinn verstand er es, sich Herz und Seele rein und unberührt zu erhalten vor unlauteren, frivolen Genüssen und Vergnügungen. Seine ideal angelegte, feinfühlige Natur erkannte die Lügen, Jrrthümer und den falschen 214 - Manz der Wett und gab ihm Kraft, den Lockungen derselben zu widerstehen. So bewahrte er fich den inneren Frieden und die Achtung vor sich selbst. Die Jugendgefährtin hatte er nicht wiedergesehen, aber selbst in dem Wogen und Wallen seines reich bewegten Lebens hallten süße Melodien aus der Kinderzeit in seinem Herzen wieder; er konnte die süße Kleine niemals vergessen. Einmal, als er zu den Ferien nach Hause kam, folgte er willenlos dem geheimen Machtgebot seines Herzens, das ihn zu diesem Mädchen hinzog. Er schlich aus Umwegen, wo er hoffte, von Niemand gesehen zu werden, durch Wald und Wiesen zu dem Hügel, auf dem, umgeben von einem bäum« und buschreichen Garten, das Magdalenenstist lag, in welchem Hanna und Tante Regina eine Zufluchtsstätte gefunden hatten. Der Garten war mit einer dichten Hecke umgeben, er fand bald eine Lücke, durch welche er schauen konnte. Nur mit einem flüchtigen Blick wollte er sich an ihrem Anblick er» freuen und dann wieder gehen. Ob sie wohl ahnte, daß er hier draußen stand und wie sehnsüchtig sein Herz nach ihr verlangte? Der Zufall war ihm günstig, denn bald darauf trat Hanna aus der breiten Klosterpforte und schritt langsam den Kiesweg entlang, der an Rasenflächen und hübschen Gebüschgruppen vorbei zur Hecke führte. Wie eine Lichtgestalt schwebte sie daher und gelangte bald in seine Nähe. Curt stand regungslos, wie selbstvergessen im Anschauen versunken. Die Gefährtin seiner Kinderspiele war zu einer herrlichen Mäbchenblume herangereist, sie war hinreißend schön in unbewußter Anmuth und Lieblichkeit. Sein Herz klopfte mit stürmischen Schlägen und eine große, nie gekannte Seligkeit erfüllte ihn plötzlich mit Wonneschauern. Die freundschaftliche Zuneigung und alles das, was ihn bislang zu diesem holden Mädchen hingezogen, glich nicht im Entferntesten dem heißen stürmischen Gesü^l, welches jetzt jäh wie der Blitz in seinem Innern erglühte. In diesem Augenblick schwiegen alle Stimmen nüchterner und kühl überlegender Vernunft, die verborgenen Flammen einer starken Liebe loderten empor und er fühlte, daß er unauflöslich an sie gebunden war und eines Tages fein Schicksal mit dem ihrigen vereinigen mußte. Und fort- gerissen von der Gewalt der so plötzlich und leidenschaftlich aufwallenden Empfindungen und einem inneren Impulse folgend, riß er hastig eine Hand voll Vergißmeinnicht ab, welche zu seinen Füßen am Wegrande blühten und schleuderte sie über die Gartenhecke. Die blauen Blümchen flatterten dem Mädchen um Kopf und Schultern. Aber nun rannte er davon, Schamröthe im Gesicht und mit fiebernden Pulsen- Ec ahnte natürlich nicht, daß Hanna sein rothes Cereviskäppchen bemerkt hatte, welches grell durch das grüne Laubwerk der Hecke leuchtete und daß sie ihn erkannt und auch seinen schnellen, fluchtähnlichen Rückzug gesehen hatte. Dann hatte sie mit zitternden Fingern die kleinen Liebesboten von der Erde aufgesammelt, sie mit den blühenden Lippen berührt und an den zarten Busen gesteckt- Doch währenddem waren heiße Thränen unter ihren langen Wimpern hervorgequollen und langsam über die rosigen Wangen geflossen. Ach, sie hatte ihn so lieb, so unsäglich lieb und es war gewiß nichts Unrechtes, den Gefährten ihrer Kindheit so innig zu lieben, — aber er schien nichts mehr von ihr wissen zu wollen, er mied sie und lief wie gejagt über Stock und Stein, um nur au» ihrer Nähe zu kommen. Die arme Hanna war an diesem Tage wie im Fieber, sie konnte in der Nacht nicht schlafen, sondern weinte bis zum Morgen. Sie halte allen Glauben an Curt verloren und sah sich für alle Zeit von ihm verleugnet und verlassen. Am liebsten wäre sie gestorben, denn die Trennung war ihr bitter- schwer- Curt hatte keinen Versuch mehr gemacht, sich der still Geliebten noch einmal zu nähern. Mit keiner Silbe wollte er ihr seine leidenschaftliche Neigung offenbaren und sie an sich fesseln, ehe er ihr eine gesicherte Zukunft bieten konnte Er wußte die glühenden Gefühle in seiner Brust zu beherrschen, denn er war eine eigenartige, edle und tiefe Natur, ohne alle Selbstsucht und Egoismus. Erst dann, wenn er sich eine feste Stellung mit gutem Einkommen errungen, dann wollte er vor sie hintreten und sie fragen, ob sie sein Weib werden könnte. Und diesem schönen Ziele strebte er entgegen mit der ganzen Energie seines Wollens und Könnens und mit unerschütterlicher Consequenz. Doch darüber vergingen Jahre; die juridische Laufbahn ist langwierig und theilweise aussichtslos. Aus dem jungen, lebensfrohen Studenten wurde ein rastlos arbeitender, ernster 1 Mann, der schnell vorwärts kommen wollte. Er wurde an verschiedenen Amtsgerichten als Referendar beschäftigt, um später nach glänzend bestandenem Staatsexamen als unbesol- betet Assessor eine Stellung in Berlin zu finden- Aber da» war nicht das Ziel, das er ersehnte. Da er kein Vermögen besaß und sein Vater, der Herr Landrath von Brrtenstein, es niemals verstanden hatte, Schätze zu sammeln, war er aus fich selbst angewiesen, um seine Position im Leben zu behaupten und einen Hausstand zu gründen. So schien es ihm als hohes Glück, als er endlich nach langem Hoffen und Harren in einer kleinen, aber freundlichen ostpreußischen Stadt zum königlichen Amtsrichter ernannt wurde. Nun war er in Amt und Würden mit reichlichem Einkommen, nun konnte er seine Hanna heimführen an den eigenen Herd. Und es mar wunderbar, heute hatte der Zufall die beiden so lange Getrennten wieder zusam nengeführt und ste strebten einem gemeinsamen Reiseziele zu, dem kleinen, alterthümlichen Städtlein in den grünen, frischen Harzbergen, ihrer trauten Heimath, Aber ste saßen sich stumm und fremd gegenüber, und fanden keine freudigen Worte des Wiedersehens. Sie hatten sich verloren und konnten sich nicht wiederfinden. Curt hatte lange träumerisch vor sich hingestarrt, reguW- los, wie versteinert. Dann schaute er forschend zu Hanna hinüber- Ihre Blicke begegneten sich und senkten sich tief ineinander. Aber sch u und ängstlich ließ das Mädchen die langen Wimpern niederfallen, daß sie dunkle Schatten auf den erbleichten Wangen bildeten. Ein Schatten ging über die Stirn des jungen Mannes hin, er strich sich krampfhaft den dunklen Schnurrbart. Er wußte genau, daß er dieses feinfühlende Wesen durch sein langes Fernbleiben bitter verletzt und tief gekränkt hatte, « wußte auch, was in ihr vorging, denn jede Regung ihre» Innern spiegelte sich in ihren Blicken, in ihren reinen Zügen ab. Jetzt galt es, ihr ohne Säumen Aufklärung über sein räthselhaftes Verhalten zu geben, ihr Alles zu erzählen und ihre Verzeihung zu erlangen. Es war ihm unmöglich, diesen seltsamen Zustand, dieser Hangen und Bangen, das ihn zur Verzweiflung brachte, länger zu ertragen und die nächsten Minuten sollten entscheidend sein für seine ganze Zukunst, für sein Lebensglück. Und schnell entschlossen sprang er auf, warf sich vor dem erschrockenen Mädchen auf die Knies, ergriff ihre Hände und rief mit bebender Stimme: „Du mußt mich anhören, Hanna, Du mußt! Wende Dein Gesicht nicht ab, sondern blicke mir in die Augen. Und wenn Du Alles erfahren, dann wirst Da mir verzeihen und mich wieder lieb haben-" In sieberhafter Hast, aber klar, ohne Rückhalt und durchaus verständlich erzählte er ihr, wie Alles gekommen sei und warum er sie so lange gemieden hatte. In unsäglicher Verwirrung lauschte Hanna seinen Worten, sie zitterte wie Espenlaub. Sie war wie von schwerem Bann erlöst und alle Zweifel schwanden aus ihrem Herzen. Er liebte sie noch und unwandelbar hatte seine Zuneigung in ihm für sie gelebt, weder Raum noch Zstt hatte sie in Vergessenheit gebracht. Es überkam sie ein Gefühl der vollkommensten Glückes, bet süßesten Freude und als er geendet, da streckte sie ihm tief erschüttert und thränenden Auges beide Arme entgegen. Und Curt zog das geliebte Mädchen leidenschaftlich an seine Brust und küßte ihre Stirn, ihr; Augen und Lippen in trunkenem, glühendem Entzücken- „Hast Du mich lieb, Hanna," flüsterte er, „so lieb, wie ich Dich habe, unermeßlich, bis in alle Ewigkeit hinein? Willst Du mein Weib sein und Dich mir anoertrauen zum Bunde sür's ganze Leben? Nicht wahr, Du willigst ein und dann gehen wir wieder wie zwei gute Kameraden miteinander, in Leid und Freud, bis unser Auge bricht." „Ich bin Dem," stammelte sie. „Ich habe Dich immer geliebt, trotzdem ich mich von Dir vergessen glaubte. Ich hatte nur einen einzigen Gedanken und der warst Du. Ich gehöre Dir an, weit üb r das Grab hinaus!" Curt schloß sie noch fester in seine Arme- „Jetzt soll uns nichts mehr trennen," sagte er tief ergriffen. „Du bist meine Braut und wir wollen die Hochzeit beschleunigen." Hannas Haupt, sank leise an seine Brust herab, wie über» mannt von Freude und Rührung. Lange und stumm hielten sich Beide umschlungen in seliger Versunkenheit. Dann saßen sie dicht aneinandergeschmiegt in der Ecke des dämmerigen Coupes, vergaßen Zeit und Ort und wurden nicht müde, sich zu herzen und zu küffen und sich gegenseitig ihre grenzenlose Liebe zu betheuern. Da plötzlich machte ein schriller, Mark und Bein durch- dringender Pfiff der Locomotive dem süßen Kosen des jungen Paares ein gewaltsames Ende. Der Zug war auf der End' fiation angelangt, der Schaffner öffnete die Coupsthür zum Aussteigen, denn ihr Reiseziel war erreicht. Arm in Arm wandelten nun die beiden Brautleute der gemeinsamen Heimath zu, dem freundlichen Harzstädtchen, das heute zum morgigen Pfingstfest gar lieblich mit grünen Maien, bunten Fähnlein und frischen Tannenreisern geschmückt war. Sie durcheilten die Straßen mit elastischem Schritt, der kaum den Erdboden berührte, sie schwebten dahin wie auf Flügeln. Dann bogen sie in den Hochwald ein, um später nach dem Magdalenenstift zu gehen, wo Hanna für die Festtags von den alten Stifisdamen eingeladen war. Es war dunkler geworden, das Tagesgestirn verglomm langsam hinter rosenrothen und purpurnen Wölkchen, welche den westlichen Himmel säumten; über den hohen Granitkegeln schwebten silbergraue Nebel wie duftige Schleier. Ein leiser Windhauch ging durch die Bäume und flüsterte und säuselte in den Zweigen. Die weißen Birken, welche zwischen den riesenhoheu Tannen mit den langen, grauen Flechtenbärten standen, bogen sich und nickten mit den zartbelaubten Wipfeln. Der Gebirgsbach, vom letzten Strahl der Sonne übergossen, strahlte wie flüssiges Gold und die wilden Felsen spiegelten sich in seinem klaren Wasser. Er war wunderschön im stillen, einsamen Hochwald, in dem die Tannen würzigen Dust aushauchten und geheimniß- volle Dämmerung herrschte. Die Lust war köstlich rein und erfrischend und mit Wohlbehagen athmeten Curt und Hanna den herrlichen Waldesduft in sich hinein- Langsam schritten sie in dem einsamen Gehölz unter den großen Riesenbäumen dahin, bis der Vollmond am Himmel schwebte und sein Silberlicht über den dunklen Hochwald ergoß. Nm sie herum begann es zu zirpen, zu flattern und zu huschen, der feuchte Rand des Waldbaches belebte sich und Glüh, würmchen schwebten über die Farren und Moospolster. Im Dickicht saß ein Käuzchen und ließ schaurig seinen Ruf ertönen. Das selbstvergessene junge Paar merkte aber in dieser Stunde des wonnigsten Glückes nichts davon und vernahm nichts von den Stimmen der Natur- Doch jcht schlug es vom Kirchthurm des Städtchens zehn Nhr. Hanna fuhr erschrocken zusammen. Nun war es die höchste Zeit, nach H mse zu eilen. Das Magdalenenstift war schnell zu erreichen. Wenn man um die Waldecke ging, konnte man die Lichter desselben schon aufleuchten sehen , So traten sie den Heimweg an und nahmen vor der niedrigen Pforte des Klostergartens Abschied von einander. „Lebe wohl, mein Liebling, meine süße Braut I" sagte Curt. „Lebewohl bis morgen frühI Dann hole ich Dich ab, um Dich meinem Vater als Tochter zuzuführen und um feinen Segen zu bitten." „Deinem Vater? hauchte ängstlich das Mädchen und 215 schmiegte sich fester an seinen Arm. „Werde ich ihm will- kommen sein? Ach, Curt, wird er es gut heißen, daß Du Dir ein armer, bürgerliches Mädchen zur Braut erwählt, wird er es überwinden können, daß seine Schwiegertochter Stütze der Hausfrau bei fremden Leuten war und sich ihr Brod selbst verdienen mußte durch ihrer Hände Arbeit?" „Mein Vater weiß bereits, staß Du auf der ganzen weiten Welt das einzige Mädchen bist, das ich liebe und das ich immer zur Frau haben wollte und er billigt meine Wahl. Vor einer großen, starken und treuen Liebe müssen schließlich alle Vorurtheile und Standesrückfichten schwinden. Darum sei ruhig, Liebling meiner Seele, es gibt nichts auf der Welt, was uns noch einmal trennen kann, unser Bund ist fest ge* schlossen und besiegelt. Und nun nochmals Lebewohl bis morgenich werde die Minuten zählen, bis wir uns Wiedersehen r Endlich nach wiederholten stürmischen Umarmungen und zahllosen zärtlichen Küssen riß Curt sich los und verschwand auf einem Seitenwege, der zum Schlosse führte. Hanna ver- weilte noch minutenlang auf ihrem Platze und schaute dem Geliebten nach. Sie hielt die Hände gefaltet und in den schönen Blauaugen glänzte ein feuchter Schimmer- Sie weinte, aber es waren Freudenthränen, die sie vergoß, in ihrem Herzen war Frieden und he.lige Ruhs in ihrem Gemüth. Denn was sie so heiß ersehnt und schmerzlich für ewig verloren gewähnt, das hatte sie heute wiedergefunden. — G eM s iMNÄtziges. Bade-Neeefiaire. Das nachfolgend beschriebene Necessaire ist ungemein practisch für Damen, welche täglich zum Schwimmen gehen. Man schneidet aus grauem, groben und rauhen Stoff, wie er zu Brdehandtüchern genommen wird — wo er nicht zu haben ist, kann man ein abgepaßtes englisches Brdehandtuch dazu verwenden — ein Stück von 69 Centi- meter Länge und 26 Centimeter Breite und versieht 51 Cen- timeter davon mit einem Futter von Gummistoff. Die überstehenden 18 Centimeter Grundstoff werden übergeklappt und bilden die größte Tasche zur Aufnahme des Handtuches. Sämmtliche Taschen, sowie das ganze Necessaire werden mit rothem Woll- oder Seidenband von 2 Centimeter Breite eingefaßt. An dem der großen Tasche entgegengesetzten Ende werden zwei kleinere, 13 Centimeter hoch und 13 Centimeter breit, angebracht. Sie dienen zur Aufbewahrung von Schwamm und Seisenbeutel. Weiter setzt man noch Taschen für Kämme, Haarbürste, Schuhknöpfer u. s. w auf. Die Maße dafür richten sich nach den Gegenständen, welche man in den Taschen unterbringen will. Zum Verschluß näht man ein rothes Seidenband an, welches so lang sein muß, daß man es zwei Mal um das gefüllte Necessaire schlingen und zur Schleife binden kann. In eleganterer Ausstattung empfiehlt sich das Necessaire auch für die Reise. Man wählt zur Außenseite Filz oder Plüsch und bringt am Verschluß ein großes Mo.w- gramm an. Für den Schwamm und die Seife kann man kleine Beutelchen stricken. Man nehme dazu keine Baumwolle, sondern Häkelgarn und zwar in der Farbe des grauen Außenstoffes Auf einem Anschlag von zwanzig Maschen arbeitet man fortwährend dasselbe Muster; den Faden links vorgeschlagen, 2 Maschen rechts verschränkt zusammengestrickt. H it das Beutetchen die ausreichende Länge, so häkelt man eine Löcherreihe und dann eine Reihe Pikots. Durch die Löcher leitet man eine an den Enden mit Quästchen versehene Schnur. * ♦ Der Käfig der Stubenvögel sei möglichst groß und leicht zu reinigen. Form: viereckig, länger und höher als tief: vermeide thurm- und glockenförmige! Das Drahtgeflecht soll aus verzinntem oder verzinktem Eisendraht bestehen, nicht aus Kupfer- oder Messingdraht, da diese zu Vergiftungen Veranlassung geben können. Die Drahtstäbe sollen nie fo weit von einander entfernt sein, daß der Vogel, den Kopf hindurch- =- 216 - zwängen kann. Der Boden ist hoch mit reinem, trockenem Sand zu bestreuen. Die Sitzstangen seien von Holz — Rohroder Hollunderzweige sind weniger zweckmäßig — und nie so dünn, daß der Vogel sie mit den Zehen ganz umfaffen kann, da sonst sein Fuß nicht richtig ruht. Die Anlage der am Besten gläsernen Futtergeschirre geschehe in einem dreh» baren Erker, so daß man Futter und Wasser von Außen reichen kann. Zu Badenäpfen, die von den meisten Vögeln gern benutzt werden, nimmt man am Beste« glasirte Blumentopfuntersätze , da diese zu flach sind, als daß kleinere oder er- mattete Thiers darin ertrinken können, ihr Inhalt aber zugleich auch für größere Vögel genügt. Je nach Eigenart der Thiers sind im Käfig kleine Verstecke anzubringen, die denselben Schutz gegen lästiges Beschauen und andere Störungen gewähren. ♦ * * Eisblumen im Sommer. In einem Glase Bier löst man 200 Gramm Bittersalz auf und betupft mit dieser Masse vermittelst eines leinenen Läppchens die Fensterscheibe. Sobald dies trocknet, bilden sich Figuren, welche den Eisblumen sehr ähnlich sind. Dieses Verfahren kann man an Verschlußfenstern anwenden, wo Vorhänge das Licht zu sehr absperren. Man wäscht die Blumen, wenn sie schmutzig sind, mit warmem Wasser herunter. • ♦ Fettflecke aus Sammet zu entfernen. Fettflecke entfernt man aus Sammet, indem man ein Stückchen Baumwolle mit gereinigtem Citronenöl befeuchtet und dieses auf den Fleck legt, ohne den Sammet zu drücken. Man wiederholt dieses Verfahren so lange, bis der Fleck verschwunden ist, und bürstet ihn dann mit einer Samrnetbürste. Häufig gelingt es, Flecke aus Sammet zu entfernen, indem man ein weiches Tuch mit Terpentingeist befeuchtet und die befleckte Stelle vorsichtig nach dem Strich damit reibt. — Liqueur- flecke zu entfernen. Man behandelt die Flecke mit Wasser ober, wenn die Appretur nicht verletzt werden darf, mit verdünntem Spiritus. Bleibt bei gefärbtem Liqueur ein farbiger Fleck, so wende man für weißes Seinen und Baumwolle die Chlorbleiche, für Seide und Wolle die Schwefelbleiche an. Bei bunten, nicht waschbaren Stoffen wende man kochendes Wasser an- ♦ ♦ Billiger Nierenbeigutz. Ein Stück Fett oder Butter wird gebräunt, mit klein geschnittener Zwiebel und etwas Mehl eingerührt; geriebenes Brod, gestoßener Pfeffer, eine Prise Majoran, womöglich Lorbeerblätter, Salz und in Scheiben geschnittene Nieren werden mit der entsprechenden Menge Brühe oder Wasser ausgekocht und zu gerührten Kartoffeln gegeben. ♦ * * Bultermiich-Pfanneukucheu. Buttermilch, Mehl, ein wenig Salz werden zu einem dickflüssigen Teige e' en gerührt und ein wenig Bullrich'sches Salz (zu 5 Kuchen 1 Thee- löffel voll) dazu gethan. Die Kuchen werden von beiden Selten in Butter gebacken. Die Schleppe. Obwohl die Schleppe nicht modern ist, wirbeln doch viele Damen den Straßenstaub in beängstigender Welse auf. Man schreibt nun aus Wiener Fachkreisen, daß, um dieser Belästigung zu entgehen, besonders für Sommerfrischen und Curorte vielfach fußfreie Kleider componirt werden. Die Formen vereinfachen sich, auch die Farben werden weniger auffallend gewählt und als bevorzugtes Aufputzmaterial gelten Knöpfe und Bänder. Man hat nämlich die Wahrnehmung gemacht, daß die Ausländer in den österreichischen Badeorten, verleitet durch einzelne excentrische Erscheinungen, von den Wiener Moden ganz falsche Vorstellungen bekommen. Manche Wienerin trägt oft in Cur- orten eine Masche, einen Hut ober ein grellfarbiges Kleid, bas sie sich in Wien, der Heimath der einfachen Eleganz, nicht gestatten würde. Eine complette Curortavsstattung, wie sie fein fall, enthält nebst vielen anderen originellen Toiletten das eben erschienene Heft 15 der „Wiener Mode", dem auch eine „Wiener Kinder-Mode" gratis beiliegt. Aus den Fliegenden Blättern. Standes- g em ä ß. Doctor: „Nun, Frau Gräfin, wie befinden Sie sich nach der Cur? . . nicht wahr — wie neu hochgeboren?" — Aus der Kaserne. Unteroffizier: „Ihr Kerls habt auch gar keine Schneid mehr! Wie ich noch Rekrut war und konnte etwas nicht gleich recht, da hab' ich die Zähne zu- sammengebissen und gemurmelt: „Aut Cesar aut Nilpferd", und dann hat es nur so geklappt!" —Durch dieBlume. Zimmerherr: „Sagen Sie, gnädige "Frau, gibt es denn kein Mittel, um dem vierhändigen Spiel Ihrer Fräulein Töchter Einhalt zu thun?" — Mutter: „O doch — ein ganz probates : es dürfte nur Jemand um eine dieser vier Hände a n- halten!" — Doppelsinnig. „ . . Nun, wie lebst Du mit Deiner jungen Frau?" — „O, sie läßt nichts zu wü n s ch en übrig." — Kathederblüthe. Gymnasialproseffor (in der Botanikstunde): „Die Lerche ist gewissermaßen das Schneeglöckchen unter den Vögeln!" O ♦ Freundschaftliche Ermahnung Bauer (nachdem er seinen halsstarrigen Ochsen ordentlich durchgebrügelt hat): „Schau, wenn b' nit gar so bockbeinig wärst, — wir zwei könnten zusammenleben, wie zwei Brüder!" * ♦ * Triumph der Erziehung. Der kleine Georg ist ein sehr wohlerzogenes Kind und besonders gegen Damen sehr artig. Eines Tages sitzt er mit seinem Papa, der ihn auf den Änieen hält, in der Pferdebahn. Eine junge Dame steigt in den Wagen und findet keinen Platz mehr. Sofort springt das aufmerksame Kind herab, zieht seinen Hut und sagt: „Darf ich Ihnen meinen Platz anbieten?" ♦ * Allerdings. Fürst Bismarck pflegt sich alle AbÄ auf Anrathen Schweningers vermittelst einer im Schlad zimmer stehenden Wage zu wiegen. Schweninger hat aber seinem Patienten ausdrücklich verboten, zu sprechen, so lange er auf der Wage stehe, well seine Worte zu schwerwiegend seien. Menn Du noch eine ßmuath hast. Wenn Du noch eine Heimath hast, So nimm den Ranzen und den Stecken Und nmnb’re, wanb're ohne Rast, Bis Du erreicht den theuren Flecken. Und strecken nur zwei Arme sich In freud'ger Sehnsucht Dir entgegen, Fließt eine Thräne nur für Dich, Spricht Dir ein einz'ger Mund den Segen: Ob Du ein Bettler, Du bist reich, Ob krank Dein Herz, Dein Muth beklommen, Gesunden wirst Du alsogleich, Hörst Du das süße Wort: Willkommen! Und ist verweht auch jede Spur, Zeigt nichts sich Deinem Blick, dem nassen, Als, grünberast, ein Hügel nur Von Allem, was Du einst verlassen: O, nirgends weint es sich so gut, Wie weit Dich Deine Blicke tragen, Ms da, wo still ein Herze ruht, Das einstens warm für Dich geschlagen. A. Traeger. Hetactbn: A. Echeyda. — Druck und Vertag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen,