Nr. öa Donnerstag den 6. Juni 1895. LmilisMsUel- iesei;er .UktkrhaUnngsblaN jum Girßrnrr Ameiger (General An;ekger). !& Die Tochter des Meeres. Roman von A. Rieola. (Fortsetzung.) Aber Lord Belfort zögerte noch immer, der Aufforderung Coras Folge zu leisten, nur seine Augen waren auf ihr bittendes Gestcht gerichtet. „Cora, sprechen Sie deutlich; sind die Gerichtsbeamten im Hause?" ja," rief sie voll Ungeduld, „und Sie versäumen die kostbaren Minuten. Um Lady Marians willen beschwöre ich Sie, seien Sie nicht so thöricht, so unüberlegt, zu zögern." Er schüttelte traurig mit dem Kopfe. »Cora, glauben Sie, das Leben hat um einen solchen Preis Werth für mich ... ein belastetes Gewiffen, vernichtete Hoffnungen, für immer verlorene Freunde I Nein, nein, lassen Sie mich sterben und vergessen sein," setzte er hinzu und ließ sich wieder auf den Stuhl fallen, von dem er sich bei ihrem Eintreten erhoben hatte. „Gehen Sie; Sie müssen, Sie werden gehen," rief sie erregt aus; „Lord Belfort, das ist eine Schwäche. Ich be- schwöre Sie bei Allem, was gut und wahr ist, folgen Sie Lady Marians Wunsch. Sie ist bereit, viel für Sie zu wagen. Dadurch, daß sie Ihnen Schutz gewährt, hat sie ihrem guten Namen vielleicht schon geschadet. Wollen Sie ihr das aus Furcht vor Schmerz oder Schande so lohnen? Das wäre ein feiges Verfahren!" Er blickte sie bewundernd an. „Sie sind eine edle Seele, Cora. Es gibt nur noch ein Wort, das Sie hinzufügen sollten, mich zu bestimmen, und dieses Wort würde mich am ersten bewegen. Wollen Sie mir sagen, daß Ihnen selbst an meiner Sicherheit gelegen ist? Wollen Sie sagen: Thu' es mir zu Liebe, Ernst?" Heiße Gluth stieg ihr in die Wangen. „Das hängt davon ab, wie Sie diese Worte auffassen, Mylord. Es wäre mehr als anmaßend von mir, wenn ich nur ein Recht aneignen wollte, das ich weder habe, noch zu haben wünsche. Aber wenn Sie meinen, ob ich von ganzem Herzen Ihre Sicherheit wünsche und Ihre Verhaftung fürchte, so will ich aus vollem Herzen sagen: Gehen Sie um meinetwillen!" Während sie so sprach, glitt ein Strahl der Freude über sein Gestcht, aber er verschwand rasch wieder- „Dann bin ich in Ihrer Hand, Cora," sagte er, „und wenn die Menschen mich feig nennen, werde ich mich mit dem Gedanken trösten, daß Sie mich baten, die Vorwürfe zu ertragen- Das genügt mir und wenn die ganze übrige Welt mich deshalb verspotten sollte!" Selten bleibt ein Mädchen von solchen Worten, wenn sie von den Lippen eines so edlen, hochgeborenen Mannes wie Ernst Belfort kommen, ungerührt. Und Cora ließ es zu, daß er ihre Hand in die feinige nahm und sie einen Augenblick an fein Herz drückte, während ihr scharfes Auge das Zimmer durchflog, die Stelle suchend, welche Lady Marian ihr beschrieben hatte und die auf den bestaubten und verblichenen Wänden schwer zu finden war. Aber endlich glaubte ste einen geringen Farbenunterschied in dem Getäfel zu bemerken. „Hier, Mylord!" sagte sie athemlos. „Schnell! Sie sind stärker als ich. Versuchen Sie, ob das nicht das verschiebbare Feld ist, von dem Lady Marian sprach." Der junge Mann folgte mechanisch ihren Worten. Anfangs widerstand die Wand sowohl seinen als Coras angestrengten Bemühungen, aber endlich gab das lange unbenutzt gebliebene Fachwerk nach und stellte einen viereckigen Hellen Raum frei, in dem gerade ein erwachsener Mensch Platz hatte, wenn auch ohne sich darin umdrehen zu können. Lord Belfort trat rasch zurück. „Das ist unmöglich!" sagte er. „Ich will nicht wie eine Ratte in diesem Gefängniß sterben. Cora, lassen Sie die Polizisten kommen! Ich will sie nicht fürchten." „Halten Sie so Ihr Versprechen, Mylord?" sprach sie vorwurfsvoll. „Dann will ich nie wieder einem verpfändeten Wort trauen." Das genügte, um den jungen Lord zu bewegen, in dis Nische zu treten, aber es glitt ein Blick des Abscheus über sein Gesicht, als er in den engen Raum trat. „Verlassen Sie sich auf Ihre Freunde!" flüsterte sie hastig. „Sie sollen sobald wie möglich wieder befreit werden- Nur dürfen Sie sich, was auch geschehen möge, durch keinen Laut, nicht durch die geringste Bewegung verrathen." Und ehe er Zeit hatte, zu antworten, schloß ste mit sicherer Hand wieder die Wand, und er blieb allein, ab« geschloffen von der Außenwelt. Es war eine harte Probe für den jungen Herrn, sich in so hilfloser Lage zu befinden, so ganz von der Barmherzigkeit Anderer abzuhängen, aber ehe Lord Belfort Zeit hatte, sich über seine traurige Lage richtig klar zu werden, wurde seine Aufmerksamkeit durch ein heftiges Klopfen an der Thür anderen beunruhigenden Gegenständen zugewendet. Cora öffnete die Thür. Zwei Männer, ihrem Aeußern nach Gerichtsbeamte, traten ein. Ihnen folgte Lord Marstons Diener, offenbar sehr entrüstet über das Amt, das man ihm übertragen hatte. „Ich bedauere, daß wir Sie stören muffen," sagte der ältere der beiden Männer gebieterisch. „Wir sind beauftragt, jedes Zimmer zu untersuchen, indem der Lord möglicherweise verborgen sein könnte ... und das scheint mir allerdings ein gutes Versteck für einen Flüchtling zu sein. Ich sollte meinen, daß es doch sonderbar ist, daß Sie gerade hier in diesem alten halbverfallenen Flügel des Hauses sind." „Wenn aber auch ich eine Flüchtige wäre?" sagte das Mädchen kalt. „Was dann?" „Nun, so junge, hübsche Damen wie Sie pflegen nicht ost allein davon zu laufen," antwortete der Gerichtsbeamte spöttisch. „Das ist vielleicht der beste Beweis, daß wir noch Jemand in Ihrer Nähe finden." „Wenn Sie glauben, es hätte mich Jemand begleitet, als ich Villa Faro verließ und Lady Marians Gastfreundschaft in Anspruch nahm, so kann ich Sie bald beruhigen," sprach das Mädchen stolz. „Sowohl Lady Marian als Frau Aston, die Haushälterin, können bezeugen, daß ich allein hierher kam." „So waren Sie auf Villa Faro und kannten den ganzen entsetzlichen Mord und verhalfen Lord Belfort vielleicht gar zur Flucht?" sagte der Beamte mißtrauisch. Cora antwortete hierauf nur mit einem Blicke der Entrüstung, der den erfahrenen Beamten vielleicht mehr überzeugte, als Worte. „Nun, Sie können ebenso gut antworten, junge Dame! Höfliche Worte kosten nichts," bemerkte der andere Beamte zornig. „Ich hatte so wenig Kenntniß von Lord Belforts Flucht, — weder wann, noch wohin er flüchtete, — als Miß Faro selbst," entgegnete Cora. „Ich bin bereit, das zu beweisen, nur seien Sie so gut und beeilen Sie sich mit Ihrer Durchsuchung, denn ich bin müde und kam hierher, um vor der traurigen Angelegenheit Ruhe zu haben." „Ich gestehe, daß Sie müde und erschöpft aussehen," sagte der erste Beamte mitleidiger, „und wie mir scheint, gibt es hier nicht viel zu durchforschen. Wir werden Sie nicht lange stören, Fräulein." Darauf gab er dem anderen Beamten einen Wink und trat in das Zimmer. Sie fingen mit ihrer Durchsuchung an, während Cora sich tapfer bemühte, eine kühle Gleichgiltigkeit zu bewahren. XVII. Zur Eröffnung des Testamentes des Lord Faro waren Miß Netta und deren Tante mit den Gerichtsbeamten und einigen Zeugen in dem Bibliothekzimmer versammelt. „Es liegt mir heute eine sehr unerwartete und schmerzliche Pflicht ob," sagte Herr Price, der Familienanwalt. „Lord Faro war so gesund und für seine Jahre so frisch, daß ich nie daran gedacht habe, er könnte vor mir sterben. Darum ist es mir, offen gestanden, nie in den Sinn gekommen, ihn zur völligen Ordnung seiner Angelegenheiten zu drängen. Aber er ist tobt, der gute, großherzige, geliebte Mann, und es liegt uns nun ob, feine Wünsche in jeder Weise zu respectiren, soweit wir dieselben kennen. Und darum ist es jetzt mein erstes Geschäft, des Herrn Lords Testament zu verlesen. Daran schließen sich jetzt auch noch einige Papiere, die wohl seine letzten Gedanken und Eindrücke enthalten. Ich würde dieselben für vollständig bindend halten," fuhr er mit einem bedeutungsvollen Blick zu Lady Emily fort. „Ein Mensch, welcher im Sterben liegt, steht die Dinge meist so, wie er sie wirklich empfindet, ohne Vorurtheil. Und das, glaube ich, ist auch bei Lord Faro der Fall gewesen." Herr Price nahm einen Schluck Waffer und die kleine Gruppe wartete ungeduldig auf seine nächsten Worte. „Herrn Faros Testament ist kurz, aber klar," fuhr er fort. „Ich will es den hier Versammelten vorlesen." Hierauf setzte sich Herr Price die Brille auf und fing an, die gewöhnlichen Formeln zu lesen. Dann ging er auf den intereffanteren Theil des Testamente» über. ,,Meine Tochter Netta," lautete dasselbe, „wird, wenn sie das siebenzehnte Jahr erreicht oder eine angemessene Heirath geschlossen hat, in den Besitz des großen Vermögens ihrer verstorbenen Mutter treten. Dieses Vermögen wird ihr Haupt- erbtheil fein, es sei denn, daß der Himmel mich so lange am Leben erhält, um den Titel und den Reichthum meines älteren Bruders zu erben- Gleichzeitig ist es mein Wunsch, daß ein Theil des reichen Vermächtnisses einer Person, deren Vertrauen und Großmuth vielleicht wenig verdient und erwidert wurde, an einige meiner eigenen Verwandten zurückfalle. Wenn ich daher sterben sollte, bevor ich den Grafentitel und Reichthum geerbt habe, ist es mein dringender Wunsch und Befehl, daß meine Tochter und ihre Tante Emily ihren Wohnort in oder nahe der Besitzung meines Bruders, des Grafen Treville, aufschlagen und sich in ihren Plänen und Absichten von ihm leiten lassen. Und ohne Lady Emily» Autorität oder dar Glück meines Kindes beeinträchtigen zu wollen, ist es doch mein ausdrücklicher Wunsch, daß ste sich in Allem so viel als möglich der Führung des Grafen unterordnen, bis Netta dar Alter erreicht hat, um in die Welt eingeführt zu werden. Hieran füge ich die Bitte, daß er alle Differenzen vergessen möge, die einst zwischen uns bestanden und an meinem verwaisten Kinde die Stelle eines Vaters und Beschützers vertrete. Ausdrücklich verbiete ich jede Heirath, die Netta ohne des Grafen Segen eingehen sollte, bis sie das Alter erreicht hat, wo das Gesetz sie von jeder Vormundschaft als unabhängig erklärt. Und da die vom Vermögen ihrer Mutter ihr zukommende Summe zu ihrer Ausbildung und Erhaltung vollkommen ausreichend ist, bin ich nach langem, reiflichem Ueber« legen zu dem Entschluß gekommen, daß das kleine Vermögen, das ich hinterlaffe, so vertheilt werden soll, wie ich in einem kleinen Packet verfügt habe, das man versiegelt in meinem Schreibtisch finden wird. Villa Faro soll inzwischen mit derselben Sorgfalt wie zu meinen Lebzeiten verwaltet werden und die alten Diener, die mir treu gedient haben, in ihrer Stellung bleiben, bis meine Tochter siebzehn Jahre alt ist und das oben erwähnte Packet geöffnet wird." „Ein leichtverständliches Document," sagte einer der Anwesenden. „Ist dies das ganze Testament, Herr Price?" „Noch nicht," erwiderte der Anwalt. „Ich bin im Besitz de» Packetes, das Lord Faro in seinem letzten Willen erwähnt, und auch noch eines Briefes, den er wenige Stunden, bevor das traurige Loos ihn ereilte, geschrieben hat." Und er zog unter einem Haufen Papiere, der vor ihm lag, einen Brief hervor, der folgende wenige Zeilen enthielt: „Ich, Lord Faro, schreibe es am Abend, bevor ich mein Leb« in einem tödtlichen Kampfe auf'» Spiel setze, als letzten Wille« nieder, daß meine Tochter unter keinen Umständen an eine Verbindung mit Ernst Lord Belfort denke und daß ich hiermit jedes Vermächtniß in meinem Willen für null und nichtig erkläre, wenn die Empfängerin desselben Lord Belforts Gemahlin wird . . . obgleich ich voraussetze, daß Liebe und Dankbarkeit allein schon genügen, daß Beide nicht den Fluch auf sich laden werden, den ich ihm in solchem Falle als mein Vermächtniß zuertheile." „Diesem Passus nach scheint es, daß meinem verstorbenen Freunde mehr an der Heirath seiner Tochter, als an der Ver- sügung über sein Vermögen gelegen war," bemerkte Derjenige, der schon vorher gesprochen hatte. „Nun, das Packet, von dem er in seinem letzten Willen spricht, wird wohl Alles, war dunkel in diesem Document ist, aufklären." „Davon bin ich überzeugt," erwiderte der Testamentr- 263 - Vollstrecker und nickte bedeutsam dazu, „und da Miß Netta sich erst in zwei Jahren entscheiden soll, hat sie vollkommen Muße, inzwischen eine freie, ruhige Wahl zu treffen." „Und was wäre die Strafe dafür, wenn sie thöricht und unüberlegt genug wäre, eine leichtsinnige Verbindung ein* zugehen?" fragte der alte Herr neugierig. „Dieselbe wäre einfach bis zur festgesetzten Zeit nicht legal," lautete die Antwort, „und deshalb läßt es sich hoffen, daß Niemand so thöricht sein wird, sie zu einer Verbindung zu verleiten, die nur mit Jammer und Unehre enden könnte. Außerdem," fuhr er fort und wandte sich Netta zu, deren Gesicht entweder von Kummer oder Aerger umschleiert war, „außerdem bin ich überzeugt, daß diese junge Dame eine zu gute Erziehung genoffen hat, um sich der Gefahr einer leichtsinnigen Verbindung auszusetzen. Doch ist es nicht meine Sache, über die weisen Verfügungen meines verstorbenen Clienten zu urtheilen," fuhr Mr. Price fort, „ich habe nur dafür zu sorgen, daß sie bis auf den Buchstaben befolgt werden. Habe ich nicht Recht, Lady Emily?" wandte er sich höflich zu der alten Dame. „Das weiß ich wirklich nicht. Nur so viel weiß ich, daß es ein sehr sonderbares, ungerechtes Testament ist," entgegnete Lady Emily mürrisch. „Bis ich bessere Beweise für das Gegentheil habe, bleibe ich bei der Ansicht, daß meine Nichte in der ganzen Angelegenheit sehr schlecht behandelt worden ist. Komm', Netta," fügte sie aufstehend hinzu. „Wir haben hier nichts mehr zu thun. Ich denke, je früher wir dieses Haus verlassen, um so besser." Lady Emily reichte ihrer Nichte den Arm und rauschte mit stolz erhobenem Haupte aus dem Zimmer. „Was in aller Welt hat sich Papa bei alledem gedacht, Tante Emily?" fragte das Mädchen, als sie sich wieder in ihren eigenen Gemächern befanden. „Was er sich gedacht hat? Nun, was ich stets von ihm erwartet habe. Er hat sich von dem koketten Mädchen vollständig umstricken lassen, starb aber nur zu früh, um das ganze Unheil herbeizuführen. Es sollte mich auch gar nicht wundern, wenn er ihr noch sein ganzes Vermögen hinterlassen hat, nachdem er Dir den Geliebten geraubt hat, der eine so gute Parthie für Dich gewesen wäre. Sie ist ein abscheu* liches, listiges Ding ... das steht fest und . . . der einzige Trost, den mir Deines Vaters Tod gewährt, ist, daß dadurch das Schlimmste zwischen den Beiden verhütet wurde." „Nun, wenn mir nichts an Ernst gelegen ist, sehe ich auch nicht ein, was es Andere kümmert," erwiderte Netta gereizt. „Es ist mir durchaus nicht bange, daß ich noch eine gute Parthie machen werde, wenn ich erst in die Welt ein- geführt bin. Bi» dahin werde ich mich allerdings zu Tode langweilen." „Das wird sich ja finden," sagte die Tante ruhig. „Jedenfalls halte ich es für das Beste, das Haus hier sobald als möglich zu verlassen und nach Cannes zu Deinem Onkel Trevllle zu gehen. Wir müssen bemüht sein, die Kälte, die zwischen ihm und Deinem armen Vater bestand, bald vergessen zu machen." , Netta stimmte ihr hastig bei, erklärte, sie fühle sich von der Schwüle in den Zimmern matt und abgespannt, hüllte sich in ihren Schleier ein und begab sich in's Freie. ^anlÖon wal r,er Magnet, der das eigensinnige Mädchen an sich zog und sie eilte rasch vorwärts, bis sie sich im Schutz dieser romantischen Laube befand. War sie allein? Hatte sie ihm aus freien Stücken ein Nendez-vous gegeben? Einen Augenblick trieb diese Befürchtung eine flammende Zornesröthe auf des Mädchens Wangen, und sie stampfte mit dem kleinen Fuße vor Aerger über die Beleidigung, die man ^ meinte, zugefügt hatte. Aber im nächsten Augen* vor Freude, denn es zeigten sich ihrem Blicke die hübschen Züge ihres seltsamen Bekannten. XVIII. Es erforderte wohl mehr Festigkeit und Ruhe, als man bisher von Cora verlangt hatte, ruhig und unentwegt zu bleiben, während das Leben des jungen Lord in höchster Ge- fahr schwebte. Aber sie hatte ein tapferes, stolzes Gemüth und hätte sich selbst verachtet, wenn sie durch die geringste Schwäche ihr kostbares Geheimniß verrathen hätte. Die Beamten öffneten die Thür, die nach dem inneren Zimmer führte, und guckten in jeden Winkel, in jede Ecke, in der sich kaum eine Ratte, geschweige ein menschliches Wesen hätte verbergen können. Mehr al» einmal gingen sie dicht an der Nische vorbei. Cora war e», als könnten sie den darin verborgenen Flüchtling athmen hören, so hatte die Angst sie fieberhaft erregt. Der geringe Farbenunterschied in dem Getäfel kam ihr in dem Augenblick so auffällig vor, daß sie nicht begreifen konnte, wie er dem geübten Auge der Beamten entgehen konnte. Aber nachdem sie noch einen forschenden Blick auf sie geworfen hatten und mit der Hand leicht über die Wände hingeglitten waren, begaben sich die Beamten in die nächsten Zimmer. „Merken Sie wohl auf, mein junges Fräulein I" sagte der Aeltere von Beiden in strengem Tone. „Sie sind jung und hübsch genug, um einem hartherzigeren Mann, als ich bin, das Herz zu rühren, aber trotzdem lasse ich mich nicht von Ihnen täuschen und werde ein Auge auf Sie haben, wenn Sie es am wenigsten erwarten. Ich warne Sie davor, keine weiteren Streiche zu spielen und in den nächsten Tagen, bis der Flüchtige gefunden ist, nicht heimlich das Haus zu verlassen. Es möchte Ihnen allerdings auch schwer werden, denn das ganze Haus ist von Wachen umstellt. Also wenn Sie meinen Rath befolgen wollen, setzen Sie sich nicht der Gefahr aus, festgenommen zu werden, gleichviel, ob Sie schuldig sind oder nicht." Darauf folgte er seinem Kameraden mit unzufriedener Miene in das andere Zimmer. Es entstand eine athemlose Stille. Cora stand regungslos da, fürchtend, das geringste Geräusch könne die Beamten zurückrufen. Aber der verborgene Gast war weniger vorsichtig. Ein leises Geräusch hinter dem Felde warnte Cora, daß er vielleicht in anderer Gefahr als jener der Entdeckung schwebte und nach einem raschen, angst- vollen Blick ringsum schob sie leise das Feld zurück, doch nur weit genug, um ein paar Worte mit dem ungeduldigen Ernst wechseln zu können. (Fortsetzung folgt.) Madame Sans Gsne. Roman »ach Victorien Sardou und F. Morreau. Deutsch von Adele Berger. (Fortsetzung.) „In drei Monaten?" „Ja, am 6. November; diesen Tag hat er festgesetzt." „Ah, er ist jetzt nicht so pressirt, der Herr Baron!" ^Von den Ereignissen erschreckt und an den Fortschritten der Revolution nicht zweifelnd, hat Baron Lowendaal gestern Abend vor Schluß der Thore Pari» verlassen und sich auf seine Güter begeben. Sein Schloß bei Jemappes an der belgischen Grenze bestimmt er zur Feier dieser un* möglichen Hochzeit." „Und wirst Du nach Jemappes gehen?" „Mein Vater, der ebenfalls etwas erschrocken ist, hat die Absicht, sich in das Schloß des Barons zu begeben. Wir sollen fort, sobald die Straßen wieder frei sind." „Du wirst ihn begleiten?" „Ja, aber sei ruhig, ich bin fest entschlossen. Niemals werde ich die Gattin des Barons." „Du schwörst es mir?" „Ich schwöre es Dir!" „Aber woher wirst Du die Kraft nehmen, in Jemappes zu widerstehen, nachdem Du hier nachgegeben hast?" - 264 „Vor seiner Abreise hat der Baron einen Brief erhalten, den ich, ach, unter tausend Thränen schrieb. Sein Bedienter, von mir gewonnen, durfte ihm diesen Brief erst übergeben, wenn er die Grenze hinter sich hatte." „Er weiß also?" „Die Wahrheit. Er weiß jetzt, daß ich Dich liebe, und daß unser kleiner Henriot keinen änderen Vater haben kann, als Dich." „O, meine geliebte Blanche, meine angebetete Frau, Du gibst mich dem Leben wieder! Mir scheint, daß ich jetzt wieder die Kraft haben werde, aufzustehen und den Kampf gegen die Sansculotten wieder aufzunehmen!" Und Neipperg machte in seiner Ueberreizung eine so heftige Bewegung, daß der Verband von seiner Wunde verschoben ward, die Wunde sich öffnete und ein Strom von Blut herausfloß. Er stieß einen lauten Schrei aus, der Catherine herbeilockte, und die beiden Frauen ordneten so gut sie konnten, den Verband und preßten die Wunde wieder zusammen. Neipperg war in Ohnmacht gefallen. Nur langsam kam er wieder zu sich, und seine ersten abgebrochenen Worte ließen sein Geheimniß entschlüpfen. „Blanche — ich sterbe — wache über unser Kind," murmelte er. Als Catherine diese Enthüllung vernahm, machte sie eine Geberde höchsten Erstaunens. „Wie, die arme Blanche hat ein Kind!" dachte sie, aber gleich darauf wandte sie sich zu der jungen, beschämt die Augen niederschlagenden Frau und sagte lebhaft: „Fürchten Sie nichts; was ich da hörte, ist zu einem Ohr herein- und zum andern hinausgegangsn. Wenn Sie aber meiner bedürfen, so wiffen Sie, daß Catherine Ihnen vom Kopf bis zu den Füßen gehört. Seien Sie doch nicht so verzweifelt. Ist das Engelchen schon groß? Ich bin überzeugt, daß es sehr herzig ist." „Er ist bald drei Jahre alt." „Und wie heißt er?" „Henri — wir nennen ihn Henriot." „Das ist ein hübscher Name. Könnte ich ihn sehen, Fräulein?" Blanche überlegte. „Höre, meine gute Catherine, Du könntest mir einen großen Dienst erweisen und so beenden, was Du so gut begannst, indem Du den Grafen Neipperg aufnahmst und pflegtest." „Reden Sie — was habe ich zu thun?" „Mein Sohn befindet sich in der Umgebung von Paris bei einer braven Frau, der Mutter Hoche, in Versailles." „Mutter Hoche, die kenne ich ja! Ihr Sohn ist ein Freund von Lefebvre. Lefebvre, das ist mein Geliebter, besser gesagt, mein Mann, denn ich werde auch heirathen und einen kleinen Henri haben — viele kleine Henris . . ." „Ich wünsche Dir Glück! Du wirst also Mutter Hoche aufsuchen . . ." „Wie sich das trifft, ich habe gerade einen Auftrag an sie von ihrem Sohn Lazare, der mit Lefebvre bei der französischen Garde war — Lefebvre hat ihn einexerziert, sie haben zusammen die Bastille gestürmt . . . Und was soll ich der Bürgerin Hoche sagen?" „Du mußt ihr dies Geld und diesen Brief übergeben," sprach Blanche, indem sie Catherine eine Börse und ein Papier reichte. „Dann wirst Du das Kind nehmen und zu Dir schaffen ... Ist das zu viel verlangt, Catherine?" „Warum nicht gar! Sie wiffen, wenn Sie mir befehlen, ganz allein die Tuilerien wieder einzunehmen, falls die Schweizer wieder zurückkommen, so thäte ich es für Sie! Zu viel verlangt! So eine Dummheit! Verdanke ich es nicht Ihnen, daß ich dieses Geschäft kaufen, mich etabliren konnte und nun bald die Bürgerin Lefebvre fein werde? Nein, Sie müssen mir ganz etwas anderes auftragen, das genügt nicht! Und was habe ich zu thun, wenn ich den Kleinen von Versailles fortgenommen habe?" „Dann wirst Du ihn mir bringen . . ." „Wohin?" „In das Schloß Lowendaal bei dem Dorfe Jemappes. Das ist in Belgien an der Grenze. Könntest Du dort hin- kommen?" * „Für Sie setze ich mich allem aus! Wann habe ich mit dem Kinde in Jemappes zu sein?" „Spätestens am 6. November." „Gut, ich werde dort sein. Lefebvre muß mich fortlassen — übrigens werden wir dann schon verheirathet sein, und wer weiß, vielleicht kommt er mit — es wird dort zu thun geben." „Umarme mich, Catherine! Möge ich Dir eines Tages für das, was Du an mir thust, dankbar sein können!" „Sie haben Alles schon im Voraus gethan, rechnen Sie auf mich." „Also in Jemappes!" „In Jemappes, am 6. November." Dann deutete Blanche von Lavaline auf Neipperg. „Er schläft, ich werde bei ihm wachen. Geh' an Deine Arbeit, Catherine, denn wir haben Dich gewiß sehr gestört." „Ich habe es Ihnen bereits gesagt, Sie sind hier zu Hause. Aber sehen Sie, er erwacht," fügte sie hinzu, da der Verwundete langsam die Augen aufschlug. „Sie haben einander gewiß noch viele Dinge zu erzählen, und dabei bin ich überflüssig." „Wie, Du gehst fort? Du läßt mich allein?" „O, ich bleibe nicht lange aus. Ich will bloß einem Kunden, der nicht weit wohnt, seine Wäsche hintragen, d/rnn komme ich wieder- Oeffnen Sie Niemandem, als dem Arzte, den ich Ihnen schicke! Auf Wiedersehen." VII. Der Miether im Hotel de Metz. Während Graf Neipperg und Blanche von Lavaline in einem köstlichen tete-ä-tete Zukunftspläne machten und von ihrem Kinde sprachen, hätte Catherine einen mit Wäsche gefüllten Korb über den Arm gehängt und schickte sich zum Fortgehen an. Sie wollte die Zelt benützen. Die Liebenden plauderten, würden also ihre Abwesenheit nicht Übelnehmen, und ohnehin war der ganze Vormittag für die Wäscherin verloren gegangen. Freilich werden nicht jeden Tag die Tuilerien eingenommen, aber ein bischen mußte der Zeitverlust doch eingeholt werden. Sie dachte über die Ereignisse nach, die sich an diesem Tage vollzogen hatten. Fortan hatte sie die Sorge für Andere übernommen- Neipperg billigte nach seinem Erwachen vollkommen das Vertrauen Blanches, die sie beauftragte, den kleinen Henri von der Mutter Hoche fortzunehmen und nach Jemappes zu bringen. Sobald er einmal genesen war, wollte er die Mutter seines Kindes aufsuchen, dem Zorn des Marquis von Lavaline Trotz bieten und Blanche dem Bars« Lowendaal streitig machen, wenn nöthig mit dem Degen w in der Hand. (Fortsetzung folgt.) V-rmMcht-s. Abwarten. A.: „Ist der Herr, der Ihnen die Cigarre gegeben hat, ein Freund von Ihnen?" — B.: „Dar weiß ich nicht, ich habe sie noch nicht angezündet." * • Ein Vorschlag zur Güte. Er: „Aber, Fräulein Elsa, wer wird wegen eines Kusses gleich so böse sein?" -- (Sie schmollt weiter.) — Er (küßt sie nochmals): „So, da haben Sie einen Versöhnungskuß! Nun seien Sie aber wieder gut!" Redaction: I. SB.: Hermann Elle. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen,