as Wi amilk’R^läfkr LluterhaUungsblaN jum Gießener Adriger (Oeneral-An?eiger). Unebenbürtig. Roman von H. von Ziegler. (Fortsetzung.) Rudolf stöhnte qualvoll, seine Lippen preßten sich auf ihre Wangen, ihre Stirn, Thränen standen in seinen Augen, dann machte er sich plötzlich rauh von ihr los. „Geh' hinaus zu ihm, den Du uns vorzogst. Ich habe keine Schwester mehr, aber ich werde ihrer dennoch voll unendlicher Liebe gedenken — wie einer Tobten I" „Rudolf," sagte fie sanft, innig, „auch das ist mir genug. Ich werde zu Gott beten, daß er uns doch noch einst auf Erden zusammenführt." „Nimmermehr," unterbrach er sie scharf, „hast Du ver- geffen, daß ich gestern erklärte, an dem Tage, da Du Deine Grafenkrone niederlegst, um den Namen jenes — Sängers anzunehmen, werde ich Dich streichen aus der Stammtafel der Wildensteiner." Vor dem flammenden Blick seiner Augen brach fie zusammen, gerade als unten ein Wagen vorfuhr; gleich darauf trat Hohenthal ein, sich tief wie vor einer Fürstin verneigend. „Es ist Zeit, Comteß," sagte er ruhig, obschon seine Lippen bebten, „darf ich um Ihren Arm bitten? Lebewohl, Rudolf, Du kommst doch bis zum Wagen mit — der Leute wegen I" „Ich komme," sagte der Gras klanglos und nun war er'«, der noch einmal zur Schwester trat und sie küßte. „Lebe wohl, ich habe Dich unendlich geliebt — und werde Dich nie vergeffen." Schweigend schritten fie die breiten Treppenstufen hinab, es war der lebende Leichenzug der Tochter der Wtldensteins. Drunten half Hohenthal der Gräfin beim Einsteigen und schüttelte nochmal« Rudolfs Hand. „Gott helfe uns Allen!" sagte Hohenthal beim Abschied, dann zogen die Pferde an, regungslos wie eine Statue stand der Graf, und Therese hatte da« Vaterhaus für immer verlassen. Droben hinter den Vorhängen de» Wohnzimmers lehnten die Wtldenstein'schen Gatten, wortlos aufgelöst in Schmerz und Jammer. „Lebe wohl," murmelte die Gräfin erschüttert, „o,^m»ine Therese, mein liebes Kind, muß ich Dich lassen, ehe der Tod meine Augen bricht! Alexander, wie soll ich den Schlag überwinden?" „Mit Gott und meiner Liebe," entgegnete der Graf, ihr mildes, schmerzzuckendes Antlitz an sich pressend; „ich kann nicht anders handeln, wenn auch mein Herz beinahe bricht z/ — ich bin’» meinem Geschlechte schuldig." z „Horch," unterbrach ihn seine Gemahlin mit versagender/^ Stimme, „der Wagen — rollt davon — sie ist fort!" —— • . • ' // Das Haus des Grafen von Wilbenstein war in den folgenden Tagen recht still geworden; die Gräfin lag an einer heftigen Gehirnentzündung schwer krank darnieder und zwei ' Aerzte boten all' ihr Wissen auf, fie am Leben zu erhalten. Erst nach langen bangen Tagen und Stunden wich die Gefahr — mit völlig weißgewordenem Haar verließ fie dar Krankenzimmer, zu lächeln vermochte sie nie wieder! Auch Rudolf war ein Anderer geworden; er vermied das Zusammensein mit den Kameraden und Standesgenoffen, schon um deren Fragen nach seiner Schwester zu entgehen- Ruhelos schritt er oft stundenlang in seinem Zimmer umher, und ein zauberschönes Frauenbild mit rothflimmerndem Haar stand lockend vor ihm. „Sie hat kein Herz," murmelte er vor sich hin, „und dennoch liege ich in ihren Landen — vielleicht kann sie allein dis Wunde heilen, welche in mir blutet." Und dann am Tage, nachdem seine Mutter zum ersten Male aufgestanden war, legte er Gala an und begab sich sporenklirrend in die Wohnung der Frau von Roden. „Die gnädige Frau ist nicht zu Hause, nur da« gnädige Fräulein," hieß es — und er war gar nicht unzufrieden darüber. Alder Diener in den Salon ging, um ihn zu melden, tönten leHte, tändelnde Melodien ihm entgegen und er hörte Melanie« Stimme: „Äch, sehr angenehm, ich lasse bitten." Gleich darauf stand er vor ihr und sie neigte lächelnd das rothflimmernde Köpfchen zum Gruße. „Steht man Sie auch einmal, Graf Wildenstein? Man meinte schon, Sie seien verschollen au« unserer Mitte, denn Niemand von Ihnen Allen ließ sich sehen." „Meine Mutter war sehr krank —" „Und Therese ist so plötzlich verreist, wie ich höre?" 186 — „Allerdings — zm Gräfin Western, der Schwester Hohenthals." „Aber wollen wir uns nicht setzen, Herr Graf? Mama mnß jeden Moment wiederkommen." Wildenstein zog sich schweigend einen Seffel hervor, dem schönen Mädchen gegenüber. Es lag wie ein Alp auf seiner Brust, der Patchouligeruch des Boudoirs betäubte ihn, Melanies Lächeln sah so spöttisch aus, und all' die Worte, welche er sich so oft zurechtgelegt, schwanden aus seinem Gedächtniß. Erst als nach einer Weile das mühsam gepflogene Gespräch zu stocken begann, raffte er sich auf und sagte feierlich: „Sie wissen, gnädiges Fräulein, daß mich ein ganz bestimmter Grund hierher führt — es gilt mein Lebensglück." „Ah, Sie machen mich neugierig, Graf; Reden Sie deut' sicher, wenn ich bitten darf." „Melanie," fuhr er leidenschaftlich auf, „spielen Sie nicht Comödie; Sie wissen seit langer Zeit, wie es in meinem Herzen ausfieht, wissen, daß ich — Sie liebe und nur durch Sie glücklich werden kann. Nun bin ich gekommen, Sie um Ihre Hand zu bitten." Er schwieg athemlos, tief erregt, während Fräulein von Roden sehr kaltblütig mit den Schleifen ihres blauseidenen Kleides spielte. „Aber, bester Graf," sagte sie nach einer Weile zögernd und anscheinend sehr unbehaglich, „wie können Sie nur daran denken, eine solche Frage an mich zu richten? Sind Sie denn der Einzige in der Residenz, der nicht weiß, daß — daß — ich mich verlobt habe?" Graf Rudolf meinte nicht recht gehört zu haben, aber ihre Worte fielen langsam, deutlich von ihren Lippen, sie wies auf den funkelnden Brillant am Finger der linken Hand. „Ich weiß von nichts," gab er rauh, athemlos zurück, „ich habe nichts gehört, denn der Jammer in unserer Familie hat mich bisher völlig absorbirt." „Ich bin seit mehreren Tagen Fürst Porscus Braut," lächelte Melanie kokett, „und bitte nur um Entschuldigung, wenn bei all' dem Wirrwarr die Anzeigen noch nicht bei Ihnen abgegeben wurden. Sie zürnen doch nicht darüber?" „O nein," sagte Wildenstein eiskalt und erhob sich, „ich zürne nicht. Ich wünsche Ihnen alles Gute, gnädiges Fräulein, aber Therese hatte Recht, als sie meinte, Sie besäßen kein Herz, sondern nur viel Berechnung! Leben Sie wohl, hoffentlich sehen wir uns nie wieder, denn durch Sie habe ich den Glauben an Frauenliebe und Treue verloren." ♦ » ♦ Vier Jahre sind vergangen, vorübergerauscht in die Ewigkeit, und wie Vielerlei hat sich geändert! Graf Rudolf von Wildenstein hing den bunten Rock an den Nagel und wurde Landwirth, er schaffte den Pächter ab und bewirthschaftete das Gut für seinen Vater mit der größten Umsicht und Energie. Was ihm an Erfahrung abging, ergänzte Baron Hohenthal, dessen Besitzung ja an diejenige Wildensteins grenzte und mit dem ihn treueste Freundschaft verband. Rudolf war sehr ernst geworden, nachdem sein holdester Jugendtraum jäh und mitleidslos zerrissen, und so blieb es denn still und eintönig in dem großen, alten Grafenschlofle. Das Helle Mädchenlachen von ehedem war verklungen, das heitere, gesellige Leben vorüber — aber der Wappenschild der Wildensteiner zeigte keinen Flecken. Die Gräfin hatte sich nie von dem Schlage erholt, den sie beim Abschiede der Tochter vom Schicksal erhalten, sie kränkelte fortwährend und als vor nun fast zwei Jahren eine große Typhusepidemie im Dorfe auftrat, war die Gräfin das Opfer derselben. Ihre Krankheit war kurz, aber entsetzlich; mitten in den heftigen Fieberanfällen hörte die pflegende Dia- conissin wieder und wieder die jammernden Worte: „Therese — mein Kind! Mein — Liebling!" Gatte und Sohn wichen nicht aus dem Krankenzimmer, sie scheuten nicht die Ansteckung, sie wollten bis zuletzt die Theure sehen, denn daß keine Hoffnung war, sahen selbst die Laien. Und endlich ging die arme Dulderin ein in den ewigen Himmelsfrieden, tieferschüttert knieten die Ihrigen am Todten- bett; sie dachten wohl Beide im Innern an Diejenige, die jetzt hier fehlte und die so fern von dem Vaterhause weilte. Baron Hohenthal hatte, als die Krankheit der Gräfin eine schlimmere Wendung nahm, an Therese geschrieben, deren Mann noch immer in Rußland engagirt war; nach dem Eintritt des Todes telegraphirte er sofort, es war feine Pflicht als ihr einziger Freund in der Heimath! Umgehend erhielt er abermals ein Telegramm: „Bitte, bringen Sie Mama von mir einen Kranz! Therese." Er that es; am Tage der Beisetzung brachte er, nachdem seine eigene Blumenspende bereits abgegeben, einen wundervollen Kranz zartester Gardenien und legte ihn der Verklärten auf's Herz. „Es ist das letzte Liebeszeichen Therefens," sagte er leise, tieferschüttert zu Graf Rudolf, der einigermaßen erstaunt diesem Beginnen zusah; „laß die Blumen liegen, Freund, ste verdüstern Dein Wappenschild nicht, denn die Liebe allein hat sie gesandt." Und der Graf nickte nur schmerzlich; Niemand sah, wie seine Hand späterhin über die Blumen glitt, Niemand vernahm den bebenden Laut von seinen Lippen: „Therese!" Seitdem war Jahr und Tag vergangen und nun mit dem beginnenden Frühling fing auch der alte Graf an, zu kränkeln. Er wurde schwächer und hinfälliger, die Füße versagten ihm den Dienst und endlich mußte man ihn im Rollstuhl hinausfahren, um die milde Mailuft einzuathmen. Der Arzt erklärte das Leiden für Wassersucht und meinte, Hoffnung sei kaum noch vorhanden, den Patienten noch ferner zu erhalten, doch könne sich der jetzige Zustand noch Tage und Wochen hinziehen. Auch diesmal schrieb Baron Hohenthal sofort an Frau zur Stetten und zwar mit der Bitte, sogleich zu kommen, um den sterbenden Vater wiederzusehen und sich wenn möglich mit ihm zu versöhnen. Eines Tages kam er auf den Wlldenstein und suchte Rudolf auf, einen Brief in Händen haltend. „Mein Freund," sagte er ernst und bewegt, „ich bringe Dir eine Nachricht, die vielleicht uns Allen ein Segen werden kann. Du weißt, daß Dein Vater nicht mehr lange zu leben „Ich weiß es," bestätigte Rudolf düster, „er ist heute nicht mehr aufgestanden, sondern liegt im Bette, die Schwäche nimmt erschreckend zu." „Der Arzt wies darauf hin, daß — man die nächsten Anverwandten herbescheiden müsse," sagte Hohenthal leise. „Wir haben keinen solchen!" fuhr Rudolf heftig empor, aber der Baron legte mit ernstem Blick seine Hand auf des Freundes Arm. „Du hattest einst — eins Schwester," sagte er schwer betonend, „oder solltest Du es ganz vergeffen haben?" „Nein — ich weiß es noch wie heute! An dem Tage, da sie — für uns starb, hat meine Hand ihren Namen durchstrichen in der Geschlechtstafel — es gibt lerne Co Meß Wlldenstein mehr I" „Rudolf — Du bist furchtbar in Deiner starren Con- fequenz!" „Meinst Du, ich habe es grollend wie ein Schulbube gethan? Nein, Eduard, es ist mir sehr schwer geworden, mich von Therese loszusagen, und was ich in jener Nacht empfand und litt, weiß nur Gott allein." „Und Du meinst, er, der Allgütige, habe Deine That gebilligt? Bist Du denn glücklicher geworden mit Deinem fleckenlosen Wappenschild, als sie, die einen aufopfernden liebenden Gatten besitzt und ein fast dreijähriges Kind?" Augenscheinlich überrascht hörte Graf Rudolf zu, dann aber sagte er fest: „Wozu alte Schmerzen von neuem aufwühlen, Eduard? Du wolltest mir eine Nachricht bringen? „Sie hängt mit den Angelegenheiten Theresens zusammen. Lies diese Zeilen!" 167 Und er hielt dem Freunde dä» feine Briefblatt entgegen, welche» die wenigen Worte enthielt: „Mein theurer Lohenthal I Wie foll ich Ihnen für diesen Liebesdienst danken? Ja, ich komme natürlich, um den geliebten Vater noch einmal zu sehen und nehme Ihre Gastfreundschaft für mich und meinen kleinen Liebling an. Mein Mann dankt Ihnen für diese Großmuth ebenfalls ganz besonder». Gott lohne e» Ihnen I In alter Freundschaft stet» Ihre Therese." Schweigend trat der Graf zurück, sein Antlitz war asch- fahl geworden und er sagte mit heiserer Stimme: „Der Vater wird es nicht wollen!" „O doch, Rudolf, laß mich er ihm sagen! Sei barmherzig, Freund, denn er ist eine ernste Sache und selbst der Sohn hat nicht da» Recht, die Tochter vom Herzen der Vater» zu reißen, welcher bald im Tode erkalten soll!" „Hohenthal, Du bist ein edler Mensch, ein treuer Anwalt! Laß — sie kommen, vielleicht kann der arme Vater dann leichter sterben, als meine Mutter." „Der Himmel lohne es Dir, Rudolf! Meinst Du denn, ich hätte schon nach diesen paar Jahren mein Herzeleid überwunden? O nein, er wird von neuem aufleben, wenn ich — sie sehe und ihr Kind." „Ist er — ein Knabe?" „Rein, ein Mädchen; sie heißt Nora, wie Deine verstorbene Mutter und muß dem Bilde nach ein schönes Kind sein." „Aber ich kann sie nicht sehen," fuhr der junge Graf rauh dazwischen, „und sie wird es auch nicht wollen. Das Band zwischen uns ist zerrissen." Lange, lange saß Hohenthal am Krankenlager des alten Grafen und kämpfte schwer mit dem unvelsöhnlichen Groll de» alten Aristokraten, der sein Kind lieber gar nicht, als als Gattin eines Sängers wiedersehen wollte. Und endlich gelang Hohenthal» schönes Werk; mit überströmenden Augen reichte ihm der Kranke die welke Hand und sagte feierlich: „Bringen Sie mir mein Kind, damit ich mich mit ihm versöhne! O, Hohenthal, was sind Sie für ein edler Mann." „Das bin ich nicht," entgegnete der Baron, „nur ein recht einsamer, stiller Mensch, der, nun sein eigen Glück in Trümmern liegt, wenigstens Anderen es zurückgeben möchte." Am anderen Tage kam noch ein Telegramm an Hohenthal an, es lautete kurz: „Ich komme heute Abend acht Uhr. Therese." Der Baron fuhr selbst den offenen Wagen, um die einst so Heißgeliebte von der Bahn abzuholen; er sah um Jahre gealtert, erregt und dennoch zufrieden au». Rach einer genauen Musterung der sorgsam hergerickteten Gastzimmer war er in den Wagen gestiegen und dahin gefahren in dem lauen, köstlichen Maiabend. Also nach vierjähriger Trennung sah er Therese wieder und zwar als seinen Gast! Ihm stockte der Athem, wieder erwachte das alte Weh in seiner Brust, aber er wollte muthig sein, höher richtete er sich auf, die Lippen preßten sich übereinander und als er in den Bahnhof einlenkte, hatte er seine volle Selbstbeherrschung wieder erlangt. Brausend und mit schrillem Pfeifen jagte der Zug einber; aus dem Damencoupse der zweiten Klaffe bog sich ein schöne», ach, so wohlbekannte» Antlitz, umrahmt von goldenen Flechten, blaue Augen blickten herzlich dem harrenden Manne zu, aus dessen gebräunten Zügen jede Spur von Farbe gewichen war. „Therese!" murmelte er vor sich hin, als er mit gezogenem Hute näher trat. Die junge Frau eilte ihm hastig entgegen, ein kleines, gleichfalls blondes Mädchen an der linken Hand führend. „Eduard, mein lieber treuer Freund, willkommen," rief sie feuchten Auges, tiefbewegt, „so müssen wir uns wieder sehen! Wie geht es auf dem Wildenstetn?" „Richt gut, gnädige Frau," sagte der Baron, nahm die schlanke Hand Theresens und führte sie ehrerbietig an die Lippen, „aber Sie kommen noch zur rechten Zeit, ihn am Leben zu finden." „Gott sei's gedankt! Baron Hohenthal, hier sehen Sie meine kleine Nora! Liebling, gib dem Onkel ein Händchen!" Der stattliche Mann beugte sich nieder zu dem Kinde, welches ganz zutraulich beide Aermchen um seinen Hals schlang. „Lieber Onkel," rief eine feine Kinderstimme, „Nora will Dich lieb haben und sehr artig sein." „Mein Engelchen," murmelte er zärtlich und aus den blauen, fröhlichen Kinderaugen blickten ihn der Mutter Märchensterne an. Der Wagen flog dähin durch den dämmernden Abend zum Hellen Entzücken Nora's; in Hohenthal'« Seele fluthete und brauste eine mächtige Erregung, und auch Therese blieb schweigsam. War's doch die Heimath, durch die sie fuhr, die sie vor Jahren verlassen und nun erst wtedersah in schwerer, ernster Stunde; sie trug schwarze Gewänder, ein dichter, kurzer Schleier verhüllte ihr Antlitz und kopfschüttelnd blickten die Leute in Schloß Hohenthal ihr nach, als sie an des Barons Seite, ihr Kind führend, die Treppen hinaufstieg. „Ich weiß, wer es ist." flüsterte geheimnißvoll der Kutscher, „die Wildensteiner Comteß, welche unser Herr Baron damals fortbegleitete und die nie wiederkam. Aber sie sieht sehr ernst und blaß aus und der Herr nannte sie „gnädige Frau", wie jede andere Dame. Na, ich hab'« schon längst gesagt, daß es mit der Verlobung aus war." Am nächsten Morgen ritt der Baron schon zeitig nach dem Wildenstein, wo er Alles in Angst und Schrecken traf, denn der Graf lag im Sterben. „Wo ist Graf Rudolf?" fragte Hohenthal hastig. „Ich muß ihn sprechen." „Im Krankenzimmer, der Arzt ist da," berichtete ehrfurchtsvoll ein Diener. Im selben Moment traten der junge Graf und der Arzt auf den Corridor, ein Blick in de» Grafen entstelltes Antlitz sagte dem Baron genug. „Es geht zu Ende," sagte dieser tonlos, „willst Du zu ihm, Eduard? ' „Nicht ich allein," entgegnete dieser erschüttert, „sondern — eine nahe Verwandte, die bei mir sich befindet. Darf fie kommen, Herr Doctor?" „Gewiß," sagte dieser hastig, „wer weiß, wie lange die Besinnung noch anhält. Jedenfalls — sind die Stunden de» Herrn Grafen stark gezählt; bis zum Abend — mag Alles vorbei fein." Als der Doctor sich verabschiedet, wandte sich Rudolf traurig an den Freund und sagte: „So — laß sie kommen, vielleicht ist es gut so." „Und Du, Rudolf, bist Du unversöhnlich?" Eine Weile blieb es still, des Grafen Hand bedeckte feine Augen, dann sank sie herab, sein Gesicht war reglos, wie aus Stein gehauen. „Ja," gab er zurück, „ich habe gestraft — ich kann nichts zurücknehmen." „Armer Freund! Nimm in Deinem Zimmer das Buch aller Bücher hervor, in welches eine edle Mutter sich eingeschrieben und schlage es auf; weißt Du, was darin steht? Selig sind die Bamherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!" „Ich bin barmherzig, — aber ich kann nicht vergessen, was zwischen uns liegt," erwiderte Graf Rudolf. Er ging nvt schleppenden Schritten und Hohenthal trat leise bei dem Sterbenden ein; sehnsüchtig blickte dieser zu dem Sterbenden auf. „Wo ist sie?" fragte "er mühsam. „Sie haben mir versprochen, daß — sie kommen solle und nun — geht'» mit mir zu Tode, ohne daß Therese da ist." „Sie ist da, Herr Graf. Sie fragt, ob fie kommen und Ihre Vergebung holen darf." Da leuchtete ein heller Schein über das welke, farblose Antlitz des alten Herrn, die Vaterliebe brach siegend hindurch, und er stammelte, Thränen in den matten Augen: „Therese, - 168 sie soll kommen, aber rasch — rasch — ehe ich sterbe I ®» wird bald dunkel werden — um mich — und ich muß ste zuvor sehen." „Ich eile, Ihre Tochter zu holen," sagte der Baron er» griffe«, „sie bringt Ihnen ein herziges Enkelkind, das Ihren Segen ersehnt/ (Fortsetzung folgt.) Gemeinnütziges. Seide wird mit kaltem Regenwasser, dem auf 12 Theile Waffer 1 Theil Salmiakgeist beigemtscht ist, ohne Seife gewaschen und zwei Mal kalt gespült. • Um den Glanz von schwarzem Kammgarn zn entfernen, koche man eine Rindergalle mit etwas Soda nebst einer Messerspitze Salmiak auf einen Liter Waffer. Nach halbstündigem Kochen wird die Maffe durch ein feines Sieb gegossen, und nachdem Alles kalt geworden, bürstet man die glänzenden Stellen des zu reinigenden Kleides mit einer scharfen Bürste und läßt dann dasselbe hängen, bis es trocken ist. Dieses Verfahren wird, wenn noch nicht aller Glanz heraus ist, 2 bis 3 Mal wiederholt, aber die Kleider müffen nach dem Bürsten stets trocknen. * Nadeln vor Rost zu schützen. Reibt man die Nadeln' mit Vaseline oder irgend einem Oel ein, so bleiben sie nur kurze Zeit vor Rost geschützt. Neuerdings empfiehlt man als sicherer Schutzmittel, die Nadeln in einer mit eingeschliffenem Deckel versehenen Glasdose in flüssiger Kaliseife aufzubewahren. ♦ Um zu erkennen, ob et» Gegenstand ver° stlbert, vernickelt oder verzinnt ist, gibt es ein äußerst einfaches Mittel und braucht man nur den zu untersuchenden Gegenstand in eine Kochsalzlösung zu geben. Wie uns das Internationale Patentbureau von Heimann u. Co- in Oppeln mittheilt, wird das Aussehen versilberter Gegenstände hierdurch nicht verändert, vernickelte nehmen nach etwa 10 Minuten eine violette Färbung an und verzinnte Gegenstände werden mit der Zeit mattgrau. Gewiß ein äußerst einfaches Mittel, um sich vor Uebervortheilung zu schützen- SpargelbrSdchen. Die in Stücke geschnittenen zarten Theile von Spargeln kocht man in Salzwaffer gar, schwitzt hierauf 20 Gramm Mehl in 50 Gramm Butter hellgelb und verkocht diese Mischung mit dem Spargelwaffer, würzt sie mit etwa» Petersilie und kräftigt sie mit */z Thee« löffel Liebigs Fleischextact. In dieser Sauce erhitzt man den Spargel, quirlt die erstere mit 4 Eidottern ab und stellt da» Ganze warm. Kleine, längliche Brödchen höhlt man au», füllt sie mit den Spargeln, bindet den Deckel mit Bindfaden fest, weicht die Brödchen einige Minuten in Milch und bäckt sie in Butter braun. ♦ Großer Semmelklotz. Beigabe zu Braten» oder Saucengerichten. Man weicht 250 Gramm altbackene Semmel in Milch, bi« sie durchgeweicht ist, drückt sie lose aus, verrührt sie mit 70 Gramm zerlassener Butter, 3 ganzen Eiern, Salz und Mußkatnuß und schlägt die Maffe etwa 10 Minuten, daß sie leicht und locker wird. Eine gut ausgewaschene Serviette wird mit Butter verstrichen, die Semmel» maffe hineingebunden und in einem Gefäß mit siedendem Salzwaffer 40 Minuten gekocht. Man läßt den Kloß behutsam aus der Serviette auf eine paffende Schüssel gleiten, macht auf die Oberfläche einen tiefen, kreuzweisen Einschnitt und streicht diesen mit Kräuterbutter aus. — Denselben Kloß kann man auch zu Backobst geben, man bestreicht ihn dann mit Sahnenbutter und bestreut ihn mit Zucker und Zimmel. Leverklöse (für 8 Personen). Acht altgebackene Semmeln werden in feine Scheibchen geschnitten, mit einem Schoppen heißer Milch oder Wasser übergossen; die Flüssigkeit muß ganz aufgesaugt werden. Zwiebeln, Petersilie nebst einigen Händen rohem Spinat werden fein gewiegt, in einem großen Stück Butter gedämpft, mit den Semmeln verrührt; — ferner 8 bis 9 Eier, Salz, Muskatnuß und ein Pfund gehäutelte, fein gehackte ober auf dem Reibeisen geriebene Kalbsleber damit vermengt. Die Maffe darf etwas naß fein, nöthigen» falls nimmt man geriebenes Weckmehl oder weißes Mehl, wenn das Probeklößchen zerfallen sollte. Die Klöße werden in kochendem Salzwaffer gesotten und mit in Butter geröstetem Brod geschmälzt. Vermischtes. Naiv er Bescheid. Oscar (zu seinem Bruder Fritz): „Warum heißen denn die Stiefel, die unser Chambregarnist, der Student, trägt, eigentlich Kanonen?" — Fritz: „Weil er sie Nachts beim Ausziehen immer an die Thür feuert.” • * 0 Intime Bekanntschaft. (Enthusiast vor einem Gemälde): „Das ist ein Künstler! Seinen Pinsel hat er der Natur, seine Farbe der untergehenden Sonne entlehnt!" — Bekannter: „O, mein Lieber, da» ist mir längst bekannt; der Kerl pumpt ja alles!” • Gekränkter Ehrgeiz. Gauner (eine Zeitung lesend): „Was ist denn das für ein SchmierblattI Da steht ja nicht einmal mein letzter Einbruch drin!" Voraussicht. Studiosus: „Wir wollen unser Stammlocal hierher verlegen; haben Sie einen genügend großen Tisch?” — Wirth: „Sehen Sie sich diesen 'mal an ... . unter dem können bequem fünfzehn Mann liegen!” • < ♦ Parirt. Wirth: „Da haben Sie aber einen Gänsebraten, vor dem können Sie den Hut abnehmen I” — Gast (nachdem er gekostet hat): „Stimmt, da» Alter soll man ehren!” ♦ Ein Vorschlag zur Güte. „Mama, Du sprichst ja beim Backen kein Wort!” — „Junge, «a» soll ich den« sagen?" — „Na, sage doch zum Beispiel: Max, willst nich' en Stück Kuchen haben?" ♦ Die verstand etwa» davon. Junge Frau (zu« Metzger, welcher eine von ihr bestellte Leber bringt): „Ach, welch eine wunderschöne Leder! Da bringen Sie mir doch gleich noch eine — aber ja von demselben Kalb!” Literarisches Die neue Monatsschrift für das deutsche Hau« „Die Prattischt herauSgegeben von Johanna von Sydow (Verlag von Max Pasch, Berlin), hält mehr, als der Titel verspricht. Das soeben erschienene Heft 2 (April) bringt wiederum, neben fesselnder Unter- Haltungs-Lectüre, für jede Hausfrau beachtenswerthe Aufsätze, unter anderen: „Häusliche Creditwirthschast," „Der Schmuck der Tafel, „Chemisches für die Hausfrau." Die Küchen-Abtheilung enthält eine zeitgemäße Plauderei über die Küchen-Bedürfnisse: „Der Einkauf tm April," den übrigen Speisezettel für die einfache und feinere Küche für April, die Artikel „Culinarisches Oster-Allerlei," und „Reste in der Küche," begleitet von zahlreichen erprobten Original-Reeepten, unter denen die Hausfrau nur zu wählen brancht. Die „Praetische Küche erweist sich somit als ein allen wirklichen Bedürfnissen der Frauen entsprechendes Blatt und kann auf das beste empfohlen werden, -ve Preis beS einzelnen Monatsheftes ist SO Pfg. Jährlich erschein - 12 Hefte. «. Echeyda. — Druck und Verlag der Vrühl'schen llnu-erfitätS^Such- und -Steindruck«« (Pietsch & Sch «y da) ht «4*-