LtMskßMsk L^r jiyN B -AHME WM •< ägg!!*.b Untechaltungstzlatt jum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger) Auf japanischer Erde. Novelle von W. H. G e i n b o r g. (Fortsetzung.) Der Engländer sah Stralendorf an und um seine schmalen, fest zusammengepreßten Lippen zuckte e» wie in leichter Ironie- »Ein entschlossener Mann weiß seine Pläne überall zur Durchführung zu bringen," sagte er kühl und zugleich mit einer nicht mißzuverstehenden Betonung. „Vorderhand bleibe ich jedenfalls hier." „Ah, das ist hübsch," rief Frau Donaldson lebhaft. „Wir werden dann also von vornherein einen alten Bekannten in Dokohama haben. Natürlich müssen Sie uns im Hause meines Bruders besuchen, Herr Ellis! — Auch er wird das Bedürfniß haben, Ihnen für alle Freundlichkeiten zu danken, die Sie uns während der Ueberfahrt erwiesen haben." Der Angeredete machte ihr eine kleine, englisch-steife Verbeugung. „Ich werde ohnehin genöthigt sein, mich dem Herrn Konsul vorzustellen," erwiderte er, „denn erst wenn ich ihm meine Legitimationspapiere vorgelegt habe und in seine Re« gister eingetragen worden bin, stehe ich auch auf japanischer Erde unter dem Schutze Ihrer britischen Majestät." Sie waren dem Lande j>tzt so nahe gekommen, daß sie auch mit unbewaffneten Augen das geschäftige Treiben und da» bunte Menschengewimmel am Strande unterscheiden konnten. Eine Unzahl von Ruderbooten bewegte sich in der Bucht und al» nun raffelnd die Ankerkette der „Assyria" niederging, schoß eine Menge dieser plumpen Fahrzeuge unter vielen unsanften Zusammenstößen aus den Dampfer zu. Die mageren, gelbhäuttgen Ruderer, deren Bekleidung nach europäischen Begriffen eine höchst unzureichende war, standen aufrecht in ihnen und tauschten mit freundlichen Ge« stchtern allerlei ermunternde Zurufe untereinander aus. Dem ersten dieser sogenannten „Sampan»", der an der Echiffstreppe anlegte, entstieg ein wohlgenährter, würdevoll aussehender Herr zwischen fünfzig und sechszig Jahren, um de« Kapitän, der ihn mit besonderer Achtung begrüßte, nach Frau Donaldson und ihrer Tochter zu fragen. Eine Minute später lag die kleine, aufgeregte Dame schluchzend an der Brust ihre» Bruders, und Georg Stralendorf hielt es sür taktvoller, diese» rührende Wiedersehen nicht durch seine Verabschiedung zu stören. Als er seinen Fuß auf die Schiffstreppe gesetzt hatte, konnte er sich'» freilich nicht versagen, noch einen letzten langen Blick nach Maud Donaldson zurückzuwerfen und er würde sich vielleicht noch schwerer von dem holden Bild losgeriffen haben, wenn er nicht zu seinem Mißvergnügen wahrgenommen hätte, daß Thomas Ellis hinter ihm stand und ihn mit dem fatalen, sarkastischen Zucken an den Mundwinkeln unverwandt beobachtete Niemals war ihm der Mensch so widerwärtig gewesen, al» in dieser letzten Stunde, und er war ehrlich genug, sich selber einzugestehen, daß nicht nur die ursprüngliche, beinahe instinctive Abneigung gegen die sonderbare Persönlichkeit des Engländers, sondern noch mehr eine Regung ingrimmiger Eifersucht seinem jetzigen Groll zu Grunde lag. „Natürlich wird er nicht zögern, Herrn Herbert Elmsley seine Aufwartung zu machen," dachte er. „Hat er doch nur um der schönen Nichte des Consuls willen seine Pläne so plötzlich geändert! Ich glaube gar, der Kerl trägt sich allen Ernstes mit der Absicht, das holdselige Kind für sich zu gewinnen." Und es war etwas so tief Verstimmende» sür ihn in dieser letzten Vorstellung, daß er während der Ueberfahrt kaum einen flüchtigen Blick hatte für seine bunte, fremdartige Umgebung und daß er an der Landungsbrücke mit auffallend finsterer Miene den japanischen Boden betrat. II. „Mr. Georg Stralendorf?" klang am Fuße der zu dem „Bund" hinauf führenden Treppe eine ruhige, kühle Stimme an das Ohr des jungen Deutschen und auf seine bejahende Antwort lüftete der kleine, magere Mann mit dem gelblichen Gesicht und dem nach amerikanischer Sitte geschnittenen, schon ergrauenden Bart steif und gemessen seinen Strohhut. „Abraham Norton vom Hause Conington und Blomfield I — Ich habe die Ehre, Sie im Auftrage unseres Chefs in Yokohama willkommen zu heißen. Sie werden mir gestatten, mein Herr, Ihnen Ihr« Wohnung zu zeigen." „Ich bin Ihnen für diese Freundlichkeit außerordentlich verbunden, Herr College," versicherte Georg, dem der merkwürdige Empfang bereit« einen Theil seiner unverwüstlichen guten Laune wiedergegeben hatte. „Bei meiner Unfähigkeit, eine japanische Eonoersation zu führen, befand ich mich schon in der größten Sorge, wie ich mich hier bis zu Conington und Blomfield durchfragen würde." Herr Norton hielt es für überflüssig, etwas darauf zu erwidern, aber er erwies sich trotz feiner Schweigsamkeit als ein sehr umsichtiger und gefälliger Mann, indem er dem Ankömmling bei der Erledigung der unvermeidlichen Zollrevision auf eine Weise behilflich war, die dem zwerghaften japanischen Beamten offenbar großen Respect einflößte- Während Georg noch damit beschäftigt war, seine Koffer zu schließen, fanden sich auch einige andere Passagiere von der „Aflyria" im Zollhause ein und Herr Abraham Norton unterbrach sein lange« Schweigen plötzlich durch die Frage: „Kennen Sie jenen großen Herrn dort, der eben mit den beiden Zollbeamten spricht?" Ein nachdenklicher Ausdruck war auf seinem Gesicht; aber als Georg nach einem raschen Blick auf die bezeichnete Persönlichkeit zurückgab: „Gewiß! Es ist mein Reisegefährte Thomas Ellis aus England. Sollten Eie ihm schon früher einmal begegnet sein?" — schüttelte er verneinend den Kopf und meinte: „Für einen Augenblick schien er mir so; aber ich war wohl in einem Jrrthum. Jedenfalls habe ich den Namen Thomas Ellis nie zuvor gehört." Als sie wieder in'« Freie hinaustraten, sahen sie sich von einer Menge häßlicher japanischer Kulis in kurzen blauen Hemden und eng anschließenden Beinkleidern umringt. „Jinriktscha! Jinrikischa!" tönte es ihnen von keineswegs wohllautenden Stimmen ein paar dutzend Mal entgegen und dabei schlugen sich die Leute mit affenartigen Bewegungen auf die Kniegelenke und die Wadenmuskeln, wie wenn sie dadurch die Kraft und die Ausdauer ihrer Beine pantomimisch hervorheben wollten. „Was in aller Welt bedeutet da« ?" fragte Georg lachend. „Pflegt man auf diese Art die Fremden in Japan zu begrüßen ?" „Nein!" lautete die Antwort. „Diese Leute vertreten hier in Yokohama die Stelle der Droschkenpferde. Sie bieten ihre Dienste an, um un« in den leichten Wagen dort an da« Ziel unseres Weges zu befördern." Der Ankömmling betrachtete die zierlichen, fein lackirten Gefährte mit den beiden hohen, wenig dauerhaft aussehenden Rädern und schüttelte bedenklich den Kopf. „Ich muß gestehen, College Norton, daß dies merkwürdige Beförderungsmittel nicht viel Verlockendes für mich hat. Die schmächtigen Burschen würden überdies ihre liebe Roth haben, einen Kerl wie mich von der Stelle zu bringen." „O, was das anbetrifft, dürften Sie ganz unbesorgt sein. Jeder dieser Kurumaläufer zieht Sie ohne sichtliche Anstrengung im Laufschritt, so weit Sie nur wollen. Aber da ich Befehl gegeben habe, Ihr Gepäck in unsere Wohnung zu schaffen und da wir nicht länger al« eine Viertelstunde zu gehen haben, ziehen Sie es vielleicht vor, den kleinen Weg zu Fuß zu machen." „Unbedingt! Man muß wohl erst einigermaßen hier acclimatisirt sein, um ohne Unbehagen so ein schweißtriefende« menschliches Zugthier vor sich hertraben zu sehen." Auf ihrer Wanderung durch die Fremden-Anstedelung hatte Georg natürlich hundert Fragen, auf die Mr. Norton bereitwillig, aber zumeist ziemlich lakonisch und mit einer gewissen Zurückhaltung Antwort gab. Soviel jedoch hatte der junge Deutsche neben den Auskünften über die bemerkens- werthesten Gebäude bei ihrer Auskunft immerhin erfahren, daß fein Begleiter von Geburt Amerikaner fei und feit fünf Jahren die Stellung eines Disponenten bei der Firma Conington und Blomfield begleite. Wenn feine kurze Bejahung der Wahrheit entsprochen hatte, war er mit dem Aufenthalte in Yokohama vollkommen zufrieden. Und er hatte in der Thai ganz das Aussehen eine« Menschen, den nichts in der Welt außer Fassung zu bringen ober ernstlich zu beunruhigen vermag. „Am Ende ist e« hier wie überall," meinte er ganz ernsthaft. „An diese ober jene kleine Sonderbarkeit hat man sich bald gewöhnt und es lebt sich in Yokohama immer noch angenehmer, als in manchem westlichen Territorium der Vereinigten Staaten." „Run, das ist immerhin ein Trost," dachte Georg, den die kleinen, schmalbrüstigen, krummbeinigen, ärmlich aursehen- den japanischen Bewohner der anscheinend sehr volkreichen Hafenstadt nicht eben mit besonderem Vertrauen erfüllt hatten. „So viel Civilisation, al« für befcheidene Ansprüche durchaus unerläßlich ist, wird also doch wohl zu finden sein." Der „Bungalow", der da« Ziel ihrer Weges bildete, war ein hübsches, einstöckiges Holzhaus in halb europäischem und halb japanischem Geschmack. Er lag mitten in einem ansehnlichen, wohlgepflegten Garten und gewährte einen schönen freien Blick sowohl auf dar Meer als über die grauen Dächer der alten, unregelmäßig gebauten Stadt in der Ebene. Die niedrigen Zimmer erschienen hell und luftig, da die breiten Schiebethüren zwischen ihnen überall weit geöffnet waren und ihre aus japanischen und englischen Gebrauchsgegenständen bunt zusammengesetzte Ausstattung, wie die dicken, weichen, teppichartigen Matten auf den Fußböden gaben ihnen einen durchaus behaglichen und wohnlichen Anstrich. „Wir werden dies Haus miteinander theilen," sagte Mr. Norton, „aber ich denke, es hat Raum genug für uns Beide und ich verspreche Ihnen, daß Sie durch mich sehr wenig geniert werden sollen. Die drei Zimmer auf dieser Seite hier stehen Ihnen für Ihren ausschließlichen Gebrauch zur Verfügung. Und in dem jungen Menschen hier stelle ich Ihnen Harn, Ihren Kammerdiener, vor, mit dessen Hilfe Sie sich jetzt zunächst vor Allem durch ein Bad erfrischen und umkleiden werden." Der kleine, schlitzäugige Japaner, dessen Gesicht ebenso häßlich und ebenso gmmüthig war wie alle die anderen, die Georg bisher gesehen hatte, warf sich auf die Äniee nieder und neigte den Oberkörper nach vorn, bis seine Stirn die Matte berührte. Dann stand er auf und wartete in ehrerbietiger Haltung der Befehle seines neuen Gebieters. „Es scheint, daß ein Handlungsgehilfe in Yokohama das Leben eines englischen Baronets führt," dachte Georg; „aber wenn das der Landessitte entspricht, so habe ich jedenfalls keine Veranlassung, mich dagegen zu sträuben." Während sich Abraham Norton mit steifem Gruße zurückzog, musterte der Ankömmling noch einmal mit jugendlicher Wißbegierde seine neue Umgebung und versuchte, sich von Harn über verschiedene Dinge unterrichten zu lassen, deren Natur und Bestimmung ihm vorläufig noch rätbselhaft war. Aber die Verständigung mit dem schmalschullrigen Javaner hatte trotz seines guten Willens ihre großen Schwierigkeiten, denn neben seiner Muttersprache verfügte er nur über wenige Brocken eines höchst sonderbaren Englisch, das Georg fast noch fremdartiger vorkam als das Japanische. Lachend gab er es endlich auf, sich anders als durch Zeichen mit ihm zu unterhalten, und die Geschicklichkeit, mit der Harn ihm bet der Toilette zur Hand ging, ließ ihn die vorläufige Unmöglichkeit eines mündlichen GedankenauSlausche« kaum noch als störend empfinden. Mit dem wohligen Behagen eines Mannes, der bett Wechsel seiner Umgebung ganz wie eine lustige Comödie auffaßt, hatte Georg sich nach Verlaus einer kleinen Stunde eben die erste Cigarre angezündet, als Abraham Norton von Neuem erschien, um ihm mitzutheilen, daß auf der Veranda ein bescheidenes Frühstück bereit sei. „Das Mittagessen nehme ich um sechs Uhr im Club," fügte er hinzu, „und ich möchte Ihnen empfehlen, diesem Beispiel zu folgen. Sie sind dort vorzüglich verpflegt und ersparen sich die lästige Nothwendigkeit, einen chinesischen Koch zu engagiren." Das „bescheidene" Frühstück bestand aus einer Pastete, kaltem Geflügel und Roastbeef, sowie aus einer Flasche treff- lichen alten Weines, und da man sich überdies kaum einen angenehmeren Platz zum Speisen denken konnte, als die schattige Veranda mit ihrer schönen, wetten Aussicht über den menschenbelebten Strand und das blahblaue Meer, so vermochte selbst die kühle Zurückhaltung seine» Hausgenossen der heiteren Stimmung Georgs keinen Abbruch zu thun. Welchen Eindruck sein munteres Geplauder auf Abraham Norton machte, ließ sich bei der undurchdringlichen Gleichmäßigkeit dieses faltigen Dankeegestchts nicht erkennen. „Vielleicht hält er mich für einen langweiligen Schwätzer." dachte Georg, als es ihm durchaus nicht gelingen wollte, dem Anderen auch nur ein flüchtiges Lächeln abzugewinnen. „Einen besonders amüsanten Stubennachbar scheint mir der Himmel da allerdings nicht gerade bescheert zu haben. Versuchen wir's also, von geschäftlichen Dingen mit ihm zu reden." Er fragte nach Diesem und Jenem und er hatte die kleine Genugthuung, daß Norton jetzt in der That um ein Geringes mittheilsamer wurde. Ganz zufällig fiel im Laufe des Gesprächs auch der Name Herbert Elmsley und er war, als wäre dabei ein electrischer Strom durch die Glieder des jungen Deutschen gefahren. „Herbert Elmsley — der englische Consul? Er ist also ebenfalls Kaufmann?" „Ja. Er ist Theilhaber der bedeutendsten Firma am hiefigen Platze und auch ohne seine amtliche Eigenschaft würde er eine sehr geachtete und angesehene Persönlichkeit in Yokohama sein." „Danach besitzt er vermuthlich ein recht bedeutendes Vermögen ?" „Es zählt sicherlich nach Millionen. Und daß er vielleicht etwas zu stolz ist auf seinen Reichthum, darf wohl al» seine einzige Schwäche gelten. Uebrigens müssen Sie ja unterwegs die Bekanntschaft seiner Familie gemacht haben, die ebenfalls mit der „Affyria" ankommen sollte." „Seiner Familie — das heißt: seiner Schwester und seiner Nichte, der holdseligsten, reizendsten und liebenswürdigsten jungen Dame, die zu dieser Stunde auf japanischem Boden weilt." Mit einem raschen, forschenden Blick sah Abrabam Norton zu dem Sprechenden hinüber. Georg aber war offenbar sehr glücklich, seiner schrankenlosen Bewunderung für Maud Donaldson gegen irgend einen lebendigen Menschen Luft machen zu können und er fuhr noch eine gute Weile fort, in den überschwänglichsten Ausdrücken von ihr zu reden. In tiefes Schweigen gehüllt und mit seiner undurchdringlichsten Miene hörte ihm der Amerikaner zu. Dann zog er plötzlich seine Uhr und stand auf. „Wenn Sie, wie ich vermuthe, die Absicht haben, Herrn Contngton Ihre Aufwartung zu machen, so würde ich Ihnen empfehlen, es jetzt zu thun. Sie treffen den Chef um diese Stunde in seiner Privatwohnung und ich werde mir mit Ihrer Erlaubniß die Ehre geben, Sie ihm vorzustellen." Er war noch steifer und förmlicher al« zuvor, so daß Georg etwas wie wirkliches Unbehagen fühlte; aber als sie ein paar Minuten später Sette an Sette durch den Garten gingen, wurde er nicht wenig überrascht, da Abraham Norton mit einem Mal ganz unvermittelt sagte: „Wenn Mr. Elmsley seine hetrathsfähige Nichte hat hierher kommen lassen, so geschah es ohne Zweifel, weil er einen Gatten für sie in Bereitschaft hat. Sie wird da eine glänzende Partie machen, wie ich denke, denn den Consul würde sich gewiß niemals entschließen, sie einem Manne ohne Vermögen und gesellschaftliche Stellung zu geben." Sein unbewegliches Antlitz verrieth nicht, ob er mit dieser Bemerkung eine besondere Absicht verfolgt hatte; aber auf ihrem Wege bis zu der Wohnung des Herrn Contngton wurde jedenfalls nicht» mehr zwischen den beiden Männern gesprochen. Denn auch dem jungen Deutschen war seltsamer Weise plötzlich alle Lust zum Reden vergangen. (Fortsetzung folgt.) Einiges üöer die Weisen. E» gibt in Deutschland acht verschiedene Arten von Meisen, und wollte ich über alle Bericht erstatten, so würde dies zu weit führen. Vorerst will ich daher nur die Kohl« und Blaumeise einer nähern Betrachtung unterziehen. Man sollte meinen, daß dieses so rührige, kleine Völkchen jedermann kenne, allein da dies nach meiner ganz bestimmten Wahrnehmung durchaus nicht der Fall ist, so halte ich es für geboten, eine kurze Beschreibung derselben vorauszuschicken. Die Kohlmeise ist schwarz gescheitelt, ebenso sind Kehle und ein Strich, der bis auf die Gurgel herabzieht, schwarz. Die Wangen und Schläfe sind weiß. Der Oberkörper ist grün, unten am Leibe ist sie gelb, und das Männchen ist von einem vorn Halse bis zum Schwänze gehenden, schwarzen Streifen geziert- Die Blaumeise trägt einen schönen hellblauen Scheitel, Schwanz- und Schwungfedern, die theilweise mit weißen Spitzen versehen, sind ebenfalls schön hellblau. Der Rücken ist blaugrou, und der Unterkörper, mit einem dunkelblauen Flecken auf der Kehle, hat eine blaßgelbe Farbe. Diese sehr schönen, lieblichen und munteren Vögelchen bewohnen unsere Gärten und Felder und entwickeln hier den ganzen Tag von früh bis spät ihre in hohem Grade nutzbringende Thätigkeit- Dieselben fliegen von Baum zu Baum, häkeln sich da sogar umgekehrt bald an die dünnsten Aestchen, bald an den Stamm und suchen sehr emsig nach den in hohem Maße für die Obstbäume schädlichen Jnseclen, deren Eier, Raupen und Puppen. Sie vernichten, da sie auch im Winter ihr überaus nützliches Geschäft fortsetzen, Millionen und abermals Millionen schädliches Ungeziefer und der berühmte Naturforscher Dr. K. Ruß behauptet daher mit Recht; daß die Meisen im wahren Sinne des Wortes als „Garten-, Feld» und Waldhüter" zu betrachten seien- Um nun die große Nützlichkeit meiner obengenannten Meisen recht genau zu veranschaulichen, so lasse ich jetzt meine Beobachtungen, die ich mit der Uhr in der Hand genau und gewissenhaft gemacht habe, folgen. In dem Garten de» Herrn Dr. Ploch hat ein Blaumeisenpaar, da» sich, wie alle Meisen, sehr stark vermehrt, indem das Weibchen 10 bis 12 Ster legt, zweimal jährlich Brut hält, in einem von mir ausgehängten Nistkästchen feine Wohnung aufgeschlagen. Nachdem nach etwa 15 Tagen Männchen und Weibchen die Brut gemeinschaftlich vollendet, da saßen 12 liebe Jungen mit stets hungrigen Schnäbeln im Neste, und nun sah ich mit Rüdrung, wie Männchen und Weibchen in der Liebe zu ihren Jungen wetteiferten, denn sie stürzten in der größten Hast aus die nahen Odstdäume und holten schädliche Jnsecten herbei sür ihre hungrigen Kinderchen. Jede Minute, oft jede halbe Minute, kehrte eine der Meisen mit vier bis fünf Räupchen im Schnabel zur Fütterung in das Nest zurück. Rechne ich nun, um es ja nicht zu hoch zu greifen, auf die Stunde 240 und auf einen Tag bei vierzehnstü diger Fütterungszeit 3360 Raupen, so beträgt dies sür die ganze Fülterungszeit, die etwa 15 bis 16 Tage dauert, 50,400 schädliche Kerb» thiere ober sonstiges Ungeziefer. Bei der zweiten Brut, die in der Regel nur aus 8 bis 10 Jungen besteht, wird sich jedoch die angegebene Zahl um einige hundert vermindern. An einem Nistkästchen, in das sich ein Kohlmeisenpaar häuslich niedergelassen, habe ich bei der Fütterung fast ganz genau dieselbe Beobachtung gemacht, wie die oben näher beschriebene, und wer auf seinem Felde ober in seinem Garten nur während eines einzigen Sommers das rührige Treiben eines Kohlmeisenpärchens beobachtet hat, wie es Obstbäume, Fruchtsträucher, Hecken und Gemüse von Ungeziefer reinigt, der wird auch diese Meise in Beziehung der Nützlichkeit der Blaumeise vollständig anreihen, und er wird zugeben müssen, daß der kleine Schaden, den sie dem Bienenzüchter zusügt, gegen den großen Nutzen, den sie schafft, gar nicht in Betracht zu ziehen ist. Es unterliegt demnach gar keinem Zweifel, daß die Blau- und Kohlmeise, sowie überhaupt alle -» 524 - Meisen zu den nützlichsten aller unserer einheimische« Bügel gezählt werden müssen, die daher auch mit Recht verdienen, von allen Menschen in den größtmöglichsten Schutz genommen zu werden. Aber wie dankt man noch oftmals den Meisen die überaus großen Dienste, die ste in jedem Jahre den Menschen durch Vertilgung von Millionen und abermals Millionen schädlichen Ungeziefers erweisen? Es gibt leider noch eine ziemlich große Anzahl roher und gefühlloser Menschen, die denselben die Nester ausheben, die alten Meisen im Wmter vermittelst Fallen und Leimruthen häufig wegfangen, ohne dabei gar nicht zu bedenken, daß ste durch ein solche» ab» scheultche Verfahren dem Haushalte der Natur einen entsetzlich großen Schaden zufügen, den ich doch oben so klar und deutlich bewiesen habe, daß ich e» nicht mehr nöthig habe, e» hier nochmals zu wiederholen. Es gibt aber auch, Gott sei Dank, noch viele gute, edle Menschen, die ein warme«, mit* leidiges Herz für alle nützlichen Vögel im Busen tragen, und diese versäumen gewiß nicht, denselben für die erwiesenen Wohlthaten einigen Dank abzustatten. Ganz besonder» bietet der strenge Winter dazu Gelegenheit, denn wenn die Erde mit tiefem Schnee bedeckt ist, wenn alle Bäume, Gebüsche und Sträucher dick mit Reif und Duft überzogen find, dann gerathen die Messen und auch anvere überwinternde Vögel in die größte Noth, die ste dem gräßlichen Hunger* tode preisgibt. Jetzt ist es hohe Zeit, denselben auf Futterbrettern ober sonst geeigneten Futterplätzen täglich, reichliche Nahrung zu gewähren, die bestehen kann au« Hanfsamen, vermischt mit geschältem Hafer, Lein-, Mohn- und Rübsamen, au« Sonnenblumensamen, au« kleinen Speiseresten von Fleisch, die für die Meisen wahre Leckerbissen find, au« Aepfel* und Birnkernen, aus zerhackten, frischen Knochen, in denen da« Mark bloß gelegt ist, au« Abfällen bei Dreschmaschinen, au« kleingeschnittenen Nußkernen, au« geriebenem, trockenen Schwarz« brod oder Semmeln, aus gequellten, zerdrückten Kartoffeln, aus Talg, aus getrockneten Wachholder*, Vogel* und Hollunderbeeren u. f. w. Die Blau- und Kohlmeise find Höhlenbrüter, und da aber die Herren Forst- und Landwirthe unter den hohlen Bäumen immer noch gewaltig aufräumen, so ist bei den benannten Vögeln große Wohnungsnoth eingetreten; es fehlt denselben an natürlichen Brutstätten, die wir ihnen, als Hauptsache betrachtend, sofort durch künstliche Nistkästchen in großer Anzahl gewähren müssen. Die Nistkästchen werden in verschiedenen Größen angefertigt, die für Meisen 18 Centim. hoch, 7 bis 8 Centim. weit, Flugloch 2V2 bis 3 Centim. (also möglichst eng, damit fich nicht Spatzen eindrängen), und dieselben find an Baumstämmen ober dicken Besten, die fich vom Winde nicht zu leicht bewegen lassen, 2 bis 3 Meter hoch fest anzubringen. Mancher Landmann hält vielleicht das Aufhängen van künstlichen Ntstkästchen durchaus nicht für so dringend nöthig, weil er steht, daß sich namentlich unter seinen alten Obstbäumen immer nach eine große Anzahl befinden, die hohl sind, und kein Mensch die Meisen daran hindert, ihr Nestchen da hinein zu bauen. Ich möchte nun darauf bemerken, daß diese Löcher in der Regel viel, viel zu groß sind, daß sie durchaus nicht gegen Regen geschützt und daß die Aushöhlungen viel zu weit nach unten gehen. Jedoch mit leichter Mühe kann hier, um den Meisen recht zweckmäßige, billige Wohnungen zu verfertigen, helfend eingegriffen werden. Man fülle die zu tiefen Löcher mit Sand ober trockener Erde aus und nagele ein feste« Brett darüber, das oben mit einer runden, kleinen Oeffnnng (2Va bi« 3 Centim. weit) versehen ist. lieber dieser Oeffnung bringt man ein Brett in schiefer Richtung al« Wetterdach an, unter derselben wird ein kleine« Hölzchen zum Anklammern wagrecht befestigt, und wenn nun vielleicht nach Ritze vorhanden sind, so verschmiert man dieselben sorgfältig mit Glaserkitt ober einer sonstigen haltbaren Masse. Werben bann noch die Brettchen am besten mit grauer Oelfarbe angestrichen, so find dieselben auf lange Zett haltbar und dauerhaft, und wenn da« kleine Werk glücklich vollendet ist, f« hat man, wie man zu sagen pflegt, zwei Mücken mit einer Klappe geschlagen, denn da Regen und Schnee in den hohlen Baurn nicht mehr eindringen können, so ist gewiß durch diese» nützliche Werk da» gefährliche Fortschreiten der Fäulniß verhindert, und e» gibt dabei zugleich einem Paar nützlicher Vögel sichere Gelegenheit zum Risten. Die Meisen haben sich in der That sehr vermindert, denn in dem vergangenen, strengen Winter find sehr viele elmdiglich zu Grunde gegangen, und ich bitte daher, um eine Vermehrung derselben herbeizuführen, wieder freundlichst meine verehrten Herren College», ihren Schulkindern und auch allen Erwachsenen die große Nützlichkeit der Meisen recht eindringlich vor die Augen zu führen. Dieselben werden fich auch gewiß dann veranlaßt fühlen, die Meisen und auch die sonst nützlichen, überwinternden Vögel in der oben angegebenen Weise zu pflegen und zu hegen. Gießen, im November 1895. H. Curschman«, Lehrer i. P. Literarische» SitkKfamtnlltni in. Heft. Zehn Lieder für eine hohe Eingstimme mit Begleitung des Pianosorte. Verlag von Siegismund u. Volkening in Leipzig. Preis 1,50 Mk. Das vor uns liegende dritte Heft dieser prächtigen Liedersammlung enthält zehn Lieder für eine hohe Stimme und zwar hervorragende Compositionen von Julius Püschel, Robert Graner, I. W. Kalliwoda (das herrliche Lied: Wenn sich der Geist auf Andachtsschwingen zum Himmel hebt), Jos. Abenheim, Franz Abt, Arthur Schott, sowie von Friedrich Curschmann, Robert Schumann und Friedrich Silcher. Wie schon in den beiden ersten Heften, welche für tiefe Stimme berechnet sind, so finden wir auch in diesem dritten Hefte eine Auswahl sehr ansprechender Lieder vorzüglicher und namhafter Tondichter vereinigt und nehmen gern Veranlassung, diese Liedersammlung, welche fortgesetzt werden wird, allen Freunden des edlen Gesanges hiermit angelegentlichst zu empfehlen. Die Lieder sind auch einzeln und in tiefer Stimmlage zu haben. * * * In ein überaus prächtiges Gewand hat zu Beginn des neuen Jahrganges 1896 die Großfolio-Ausgabe der illustrirten Familienzeitschrift »Uever Land tttt> SReet' (Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart) sich gekleidet, und mit der schimmernden Augenweide verbindet sich ein auserlesener Inhalt. Schöpfungen zweier unserer berühmtesten Dichter eröffnen den Jahrgang: die Novelle „Abenteuer eines Blaustrümpfchens" von Paul Heyse und „Maximum," Roman aus Monte Carlo, von Ossip Schubin. Hierzu gesellt sich in dem uns vorliegenden ersten Hefte ein reichhaltiges Feuilleton, das, aus der frischen Gegenwart schöpfend, dem Namen der Zeitschrift in vollem Maße entspricht, indem es die Leser durch die verschiedensten Gegenden der bewohnten Erde geleitet. Besondere Beachtung dürfte ein Aufsatz über Conrad Ferdinand Meyer finden, der, von Abbildungen begleitet und dem berühmten Dichter zu seinem 70. Geburtstage huldigend, ganz neues Licht auf sein Leben und Schaffen wirst; ferner der Artikel „Neue Goethe-Bilder," der uns in den Familien- und Freundeskreis des Altmeisters versetzt und manches Porträt vorführt, das hi r zum ersten Male in der Wiedergabe erscheint. Abgesehen von diesem farbig getönten Tableau, bringt das Heft eine Folge polychromer Darstellungen, die als Musterleistungen der Technik gelten müssen. Neben dem doppelseitigen Kunstblatt „Üeberraschung" nach dem Gemälde von Paul Thumann, das, in den Rahmen gefaßt, einen hervorragenden Wandschmuck bilden wird, finden wir ein reizvolles Blumenstück: „Oleander" von Katharina Klein, ferner ein drolliges Genrebildchen von M. Wunsch, endlich auch im Text noch eine Reihe farbiger Abbildungen, ganz zu geschweigen von der Menge der übrigen Illustrationen, alle in technischer Vollkommenheit ausgeführt. Ein erhöhtes Interesse beansprucht auch die Abtheilung „Zeit und Leben," die auf zwei Tafeln die Porträts von 26 deutschen Prinzen und Prinzessinnen nach neuster photographischer Aufnahme veranschaulicht — also ein Stückchen genealogischen Kalenders im Bilde. Bis auf den Umschlag erstreckten fich die glücklichen Neuerungen der Heftausgabe von „Ueber Land und Meer." Ebenfalls farbig getönt, zeigt er in idealisirter Gestalt die moderne Fama, die, den Griffel in der Hand, gespannten OhreS lauscht, was ihr von fern und nah die Genien von bemerkenswerthen Dingen zutragen. So erscheint im 38. Jahrgange „Ueber Land und Meer" in verjüngter und wesentlich vervollkommneter Gestalt. Allen unseren verehrlichen Lesern empfehlen wir, sich das erste Heft von der nächsten Buchhandlung kommen zu lasten, um sich von dem, was „Ueber Land und Meer" für seinen billigen Abonnementspreis (3 M. 50 Pfg. vierteljährlich, 60 Pfg. für das Istägige Heft) bietet, selbst zu überzeugen. Redaktion: A. Eck-hda. — Druck mrd Verlag ta «rithl'fchm UniverfitLtS-Bvch- ** (Pietsch & Schechd») in Gießen.