NiNrrhiMungsblatt jitnt Gießener AMiger (Oeneral-Awriger). smilkskßlsltsk SamSAg dev 5 October & r* i<5> jJlSr I r. *" ' ~x™ ,, . ..I «n—.— ~ aM—lOTM»*—w«/ 0/ i ;< - < iA o-. W--K, (. j. T^q ' v ,... - «^MvErÄ^LiVWAMLL-brÄk-M^LKüK^K-W»« gaagwaai ^WK Wtz MWM ^E^rÄsEM M^ZE M8^M WKWWWM HMKUM.SD Ihr Vermächtniß. Roma» »on Maximilian Maegeli» tK-rtsetznng.» Schweigend legte der Oberförster den Brief zusammen und blickte den Baumeister an, der unbeweglich an einem Bücherregal gelehnt stand. „Und nun, Herr Baumeister," fuhr der Oberförster nach einigen Augenblicken fort, „nun wollte ich Sie eben bitten, mir jenen Herrn suchen zu helfen, denn Sie kommen ja oft nach Graudenz, wo er wohl schnell zu finden ist, wenn er überhaupt dort ist, im anderen Falle werden wir ja dann weiter sehen." Behutsam legte er die Briefe in das Schubfach und nahm etwas anderes heraus. „Diesem Briefe," sagte er und sah nach dem Baumeister, waren auch zwei Bilder meiner Verwandten (beige* fügt," und er überreichte ihm das Eine. Mit tiefer Wehmuth betrachtete Heyd lange das Bild wie traumverloren und nur mit Mühe konnte er seine Aufregung verbergen. „Ehre dem Andenken dieses edlen Mannes — Ruhe in Frieden," sagte der Baumeister mit bewegter Stimme und gab das Bild zurück. „Und hier ist das Bild seiner Tochter," sagte der Oberförster und reichte es ihm. Mit tiefster Rührung betrachtete es Heyd und Thränen fielen herab. Schweigend reichte er es dem Oberförster zurück, der des Baumeisters Rührung sah. Er wußte, daß Heyd ein weiches Gemüth hatte und hielt diese Theilnahme auf stch beziehend. „Werden Sie bald nach Graudenz kommen?" fragte er nach einer Weile- „Vielleicht bald," erwiderte Heyd und zog seine Brieftasche heraus. Aus einer inneren Tasche entnahm er ein Bild und reichte es schweigend dem Oberförster- — »Herr Baumeister," rief dieser erschreckt, „das ist ja das nämliche Bild meiner Nichte, woher haben Sie er!" Still ruhten die Blicke der Männer wenige Sekunden auf einander, dann sagte er ruhig: „Ich bin der Baron Dietrich Arthur von der Heyd, Hertha Sandow war meine Brauti" Erschrocken taumelte der Oberförster zur Sette, doch Heyd hatte ihn schnell erfaßt und beruhigte ihn. „O, Gott im Himmel, wie ist es nur möglich!" rief der Alte und faltete seine Hände. „Welch ein edler Mann!" — Thränen glänzten in seinen Augen. Er sah wie abwesend hinüber zu den alten Buchen, die still ihre Wipfel hin und herneigten. Schweigend fahen sich die Männer wieder ins Auge, dann reichte der Baumeister dem Alten die Hand und sagte: „Lasten wir diese edlen Menschen in Frieden ruhen — dem Auge fern — dem Herzen ewig nah I Wunderbar sind die Schicksalsfäden der Menschen, die oft verworren nach schweren Kämpfen und bitteren Enttäuschungen endlich zurückkehren zur Hand des Allmächtigen, von dem sie ausgegangen! — Fragen wir uns, warum der Schöpfer gerade jenen edlen Mann so schwer geprüft hat, den Mann, der seinen Mitmenschen so unendlich viele Wohlthaten erwiesen? Warum hat er ihn gerade so viel leiden lasten, ihn, der so oft seine Blicke nach oben richtete und auf den Höchsten baute? — das war ihm bestimmt, das war sein Vermächtniß — das war Gottes Wille — und sein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden." Der Oberförster wischte sich eine Thräne aus seinem ernsten Gesicht und blickte stumm auf Heyd. Dieser aber lächelte ein wenig und sah nach seiner Uhr. „Herr Oberförster, ich muß Sie nun vielmals um Entschuldigung bitten, so leid es mir auch thut, denn der Herr Baurath ist heute auf meiner Strecke, um mir die Bauten abzunehmen. Am Sonntag werde ich dann wohl für lange Zeit zum letzten Mal zu Ihnen kommen, um Abschied zu nehmen von Ihnen und dem trauten Lindenheim." Beide stiegen dann die Treppe hinab und Heyd sogleich in den angespannten Wagen. „Grüßen Sie mir, bitte, Ihr Fräulein Tochter und — ß auf Wiedersehen am nächsten Sonntage, Herr Oberförster," 470 rief Heyd und der Wagen fuhr den Berg hinauf, während die Teckel noch bellend ein Stückchen das Geleit gaben. — Der Oberförster ging durch den Garten am Bach entlang ; er dachte an das soeben Erlebte, und vor seinen Augen entrollte sich noch einmal die Zeit, die er auf Lindenheim verbracht. Er sah die Ehrenpforten von Tannengrün und Eichenlaub, die seine Förster angebracht hatten, als er mit seiner jungen Frau hier einzog. Er gedachte der traurigen Jahre, die er dann verlebt und vor seinen Blicken stiegen die Bilder auf bis zu dem Augenblicke, der nun gekommen. Am Wiesenrande, wo der Bach eine Biegung macht, ließ er sich auf die Bank nieder, die zwischen zwei Ellern stand, und dort spann er den Faden weiter, den er noch immer in seiner Hand hielt. Sonderbar, — wie sonderbar es doch das Geschick bestimmte. Das nämliche Leiden, das mir beschieden war, war auch das Seine, — gebe Gott, daß mein Ende nicht das Gleiche ist. Er hat gelebt und gestrebt für feine Tochter wie auch ich es gethan. Leider war es mir nicht gelungen, goldene Berge zu sammeln, und ihm, dem es gelungen, er hat es nur für mich gethan. Aber wie sonderbar auch, daß gerade jenen Mann das Schicksal in mein Haus führte, den ich suchen sollte, um ihm die frohe Botschaft zu bringen, daß er über Nacht ein reicher Mann geworden. — Hertha Sandow war seine Braut! Freilich jetzt verstehe ich, nun ist es mir klar, was er in wildem Fieberwahns in jener Nacht gesprochen, als er todtkrank in mein Haus kam. Ein Mann ist er in des Wortes ganzer Bedeutung, wie man unter tausenden nur einen findet — wie treffend er's in seinem Briefe schrieb. Und so alt ich auch geworden, mir ist ein zweiter nicht begegnet, der auch annähernd diesem Baumeister gleichkäme — fest in seinem Vorsatze, edel in seiner Ausführung und treu allweg! Welcher Mensch würde sich nicht freuen, wenn ihm un* erwartet eine reiche Erbschaft wird? Auf ihn aber machte sie nicht den geringsten Eindruck! er sprach nicht einmal davon. Und dennoch glaube ich, daß er längst seine Pläne | gemacht, wie er er anwendet und wo er es vertheilt, um | Armen zu helfen, Noth zu lindern und Zufriedenheit zu I säen; und für seine Person ist er die Anspruchslosigkeit j selbst. - 200,000 Dollars — welcher Reichthum, mein Kind; | jetzt ist für Dich gesorgt und eine große Last ist mir genommen. Nun kann ich ruhiger in die Zukunft sehen und ruhiger von dannen gehen. Aber von alledem werde ich ihr vorläufig noch nichts sagen, zu einer anderen Stunde will ich es ihr mittheilen. Durch ein Geräusch wurde der Oberförster in seinen Gedanken gestört. Er blickte fich um und sah seine Tochter auf sich zukommen. „Was schautest Du so sinnend über die Wiese, mein lieber Vater?" fragte Hertha und küßte seine Stirn- „Findest Du das Gras noch nicht hoch genug zum Mähen? Oder lauschtest Du, was die plätschernden Wellen erzählen, die so hastig vorübereilen?" „Nein, mein Kind, ich sah und hörte nach Beidem nicht, ich dachte nur daran, wie wir am Sonntage den Abschied des Baumeisters am würdigsten feiern werden." „Ja warum hatte er es denn nur fo eilig? Tante Doetor sagte mir eben, daß er vor einer Stunde hier war." „Des Baumeisters Arbeiten werden heute geprüft und seine hohen Vorgesetzten sind zur Stelle. Er war hier, um sich noch einmal an unserem schönen Walde zu erfreuen," sagte ihr Vater lächelnd, ihr starkes Wellenhaar streichelnd. „Er läßt Dich übrigens auch grüßen." Fünfzehntes Capitel. Von der Locomotivs her ertönte das bekannte Einfahrtssignal und bald darauf hielt der Zug auf der kleinen Station. „Auf Wildenau wird man schon überrascht sein, mich heute hier zu sehen," dachte der Ingenieur Hellmuth und bestieg eiligst den Hotelwagen des „Deutschen Häuser", in dem er mit diesem Zuge der einzige Fahrgast war. Das Gewitter hatte nachgelassen, aber es regnete jetzt, was vom Himmel herunter wollte. Als der Wagen vor dem Hotel hielt, verließ der Ingenieur schnell denselben und sprang in wenigen Sätzen die niedere Treppe hinauf. „Guten Morgen, Arthur, ich glaubte kaum, Dich noch anwesend zu finden, aber es ist mir doppelt lieb. Na, die Geschichte mit Walten war ja eine schöne Ueberraschung im Kreise seiner traurig Hinterbliebenen Kameraden. Und weißt Du, Arthur — ganz Israel zehn Meilen im Umkreise — na, ich danke schön! Und was ist aus ihm geworden? Erzähle, erzähle, lieber Sohn!" „Nimm nur erst Platz," bat Heyd. „Ja, wo denn, Arthur? Himmel — wie steht es bei Dir aus, das sehe ich ja jetzt erst! Du hast wohl heute großes Pfingstreinmachen, Mottenfest oder dergleichen. Da liegt ja Alles umher in tollster Harmonie: Kisten, Kasten, Zeichenrollen, Wäsche, Bücher, Strümpfe; himmlische Christine, solche Wirth« schäft! Sage mal, mein Junge, was treibst Du denn eigentlich ?" Und Hellmuth fing laut an zu lachen. „Nun, Karl, ich packe meine Habseligkeiten zusammen und am Montag -- dann reise ich zum Thor hinaus, ade; Karl, Du kennst doch noch das Lied. Uebrigens, bei Deiner Trude sah es gestern auch nicht viel besser aus, nur mit dem Unterschiede, daß dort noch mehr herumlag!" sagte Heyd und machte für seinen Freund ein Stuhl frei. „Ra, die werden da drüben schöne Augen machen, daß ich bei dieser Sündfluth komme," bemerkte Hellmuty, während es unaufhörlich an die Fenster goß. „Sie wollen nämlich heute Alle nach Zoppot reifen und da bin ich ihnen gleich ein Endchen entgegengefahren." „Ich dachte mir es schon, denn Dein Schwiegervater sagte mir, daß sie Alle auf einige Zeit dorthin wollten-" „Und ich habe eine prächtige Villa gemietet in der Nähe von Thalmühl, auch Alles entsprechend vorbereitet, mein Junge, und Du wirst Dich auch einmal sehen lassen!" „Nun, ich kann mir wohl denken, daß Du es beim Einrichten an Aufmerksamkeiten nicht hast fehlen lassen, und jetzt freust Du Dich, Du glücklicher Mensch, der schönen Stunden, die da kommen sollen. Eh bien, freut Euch nur und wandelt durch die herrlichen Fluren und Wälder. Lauschet den Nachtigallen am Louisenstein und versäumet auch nicht den Aussichtsthurm auf dem Karlsberge " „Ja, Arthur, da hast Du auch ganz recht, aber da gingen unsere Wege immer auseinander- Du konntest Dich lange Zeit an der Natur erfreuen, während ich inzwischen die nächsten Kneipen aufsuchte und mich am Stoff erfreute, der gerade am trinkbarsten war- Freilich kenne ich die schöne Umgebung von Zoppot und Oliva in« und auswendig und besonders die vielen Restaurants, aber bis auf den Thurm, mein guter Arthur — ich gestehe es zu meiner Schande — habe ich mich noch nicht verstiegen- Indessen, es steht schon auf dem Programm, sobald die Trude erst da ist." „Nun, es wird Euch auch nicht leid thun- Tief zu Deinen Füßen siehst Du das weite, weite Meer, dessen Fluthen sich ausdehnen, bis sie in weiter Ferne dem Auge entschwinden und seins Wellen den Horizont zu bespülen scheinen. Und auf der Landseite wieder wechseln schöne Waldungen mit freundlichen Ortschaften und grünen Fluren, und im Hintergründe erhebt sich malerisch das altehrwürdige Danzig mit seinen vielen Thürmen. Fürwahr ein wunderbarer Fernblick von dort, an denen unser liebes Vaterland doch so reich ist. Aber sage mir, Karl, wann gedenkt Ihr denn Hochzeit zu feiern ?" „Im nächsten Frühjahr, Arthur, dann lassen wir uns gleich vier Wochen von Italiens Sonne bescheinen. Wir gedenken nach dem schönen Palermo zu reifen. Erst fahren wir nach Lindau am Bodensee, dann durch die Schweiz, vielleicht bleiben wir auch dort — wer kann's wissen! Und wo wirst Du bleiben, mein lieber Baumeister?" „Vorläufig in Bromberg, doch können fich die Verhalt- 471 niffe bald ändern. Gestern nahm ich gleich Abschied von den Heben Deinen und es war Dein Schwiegervater so freundlich, mir einen Wagen nach Strakowo zu geben- Der alte Thielemann war sehr vergnügt und hatte nichts Eiligeres zu thun, als ein paar Flaschen von dem bewußten katalonischen Wein zu holen und da dachten wir so recht an Dich." „Und ich, Arthur, dachte damals beim sechsten Glase an meine gute Wirthin in Zürich, deren Geist mir plötzlich gegen» Überstand. O, Vaterland, hat die mir damals eine Epistel gelesen. Aber den Andern ist es auch nicht viel besser ergangen," sagte Hellmuth lachend. „Von den Alten fuhr ich dann gleich noch zu Ribold, der Dich am liebsten auch gesehen hätte, er hatte nämlich gerade drei Spiele neue Karten aus Thorn mitgebracht und da hätte er sie für sein Leben gern gleich einmal probirt l" be» merkte Heyd und blickte fragend auf seinen Freund. „Hör' mal, Arthur, dann bin ich eigentlich recht froh, daß ich nicht dort war. Ich habe ja auch eine ziemliche Ruhe beim Skatspielen, aber dieser dicke Ribold ist ja überhaupt nicht todt zu kriegen. Ich habe noch genug von damals — zweimal Petroleum auf die Lampe gießen und dann immer noch einmal rum — nein, das ist mir denn doch zu viel," erwiderte Hellmuth vergnügt und schritt zum Fenster- „Am Sonntag, Karl, nehme ich nun Abschied von Linden- heim!" „Ja so, Du solltest mir doch sagen, was aus dem von Walten geworden ist, denn da drüben haben ste doch sicherlich eine Ahnung," bemerkte Hellmuth, wieder Platz nehmend. Heyd erzählte nun die Geschichte, soweit er sie auf Lindenheim erfahren hatte, und der Ingenieur war ob diesen Nachrichten so überrascht, daß er ein über das andere Mal mit dem Kopf schüttelte. „Höre mal, Arthur," sagte Hellmuth nach einer Weile, „Alles, Alles dies hätte ich Walten ja noch schlimmsten Falls zugetraut, aber eine Feigheit I — Nun und nimmermehr!" „Nun, gerade in diesem Falle, Karl, muß ich ihn rechtfertigen. Als ich damals von Dirfchau wieder hierher zurückkam, fand ich wenige Zeilen von ihm vor, die mich vergeben und vergessen ließen. Er beklagte schwer fein Unrecht und bat dringend um Entschuldigung. Nicht Feigheit fei es, die ihn zu diesen Zeilen treibe, sondern Verhältnisse, von denen ich leider früh genug erfahren würde." Inzwischen hatte es aufgehört, zu regnen, und der Himmel klärte sich wieder auf. Unter des Nachbars Scheunendach, das halb mit Stroh, halb mit Ziegeln gedeckt war, kamen die Sperlinge hervor und sammelten sich aus der hohen Pappel. Sie zwitscherten so wild durcheinander, als hätten sie sich große Erlebnisse zu erzählen, als wollte Einer dem Anderen weiß machen, daß ihm solch' ein Gewitterregen gar nicht imponiren könne- Der folgende Sonntag sah den Baumeister unter der hohen Tanne, wo er so oft gestanden, wieder, um der liebgewonnenen Gegend Lebewohl zu sagen. Allmälig verflogen die Nebelgespinnste und auf Millionen von Thauperlen glänzte nun das Sonnengold. Es war ein herrlicher Morgen und die Tiefe zeigte wieder das Thal in seiner ganzen Pracht- Klar und deutlich schlängelten sich die Silberbäche dahin und in der Ferne zog ein Güterzug seine lange Wagenreihe langsam nach sich. Sinnend sah Heyd hinüber und setzte sich auf die Bank, von der die Bleistiftspuren längst verwischt waren. Und so langsam wie eben der Zug in der Ferne dahinzog, so zogen nun vor seinem geistigen Auge die Tage vorüber, die er hier verlebte. Gleichmäßig und ruhig, wie der Faden von der Spindel rollt, wollte er hier die Stille genießen. Er liebte die Zurückgezogenheit, um in feinen freien Stunden ungestört zu arbeiten oder zu wandern in Gottes freier Natur; und darum kam er hierher. Seine Station war Bromberg und von dort aus konnte er feine Arbeiten leiten, wie es ihm beliebte; auch an Zerstreuungen hatte es ihm dort wahrlich nicht gefehlt, denn in seinen Kreisen ward er gern gesehen und stets mit offenen Armen empfangen. Aber von alledem war er kein Freund und dennoch war fein Leben seit einem Jahre ganz anders geworden, als er es anfangs erwartet hatte- Trübe Stunden und Sonnenschein waren ihm hier beschieden und wenn er daran dachte, daß Lindenheim und immer wieder Lindenheim der Punkt war, von dem ein gut Theil seines ferneren Ge» schickes abhing, wurde es ihm klar, daß hier ein sonderbares Verhängmß gleich einem Vermächtniß obwaltete. „Warum," fragte er sich, „mußte ich gerade sie sehen und immer wieder sehen, warum mußte ich gerade diesen Menschen mein Leben verdanken und warum mußte ich gerade von dieser Stelle mit Reichthum überschüttet werden, an dem mein Herz nicht hängt?" Und wenn er sich fragte, ob er die Menschen lieb hatte, die ihm stets so selbstlos und aufrichtig entgegenkamen, so mußte er sich gestehen, daß dort der Rest seines Herzens geblieben war; und mochte er auch hinkommen, wohin er wollte, mochten es wiederum schöne Wälder, prächtige Thäler mit saftigen Fluren und wogenden Getreidefeldern fein, und mochten es wieder barmherzige und liebevolle Menschen fein, die er wiederfinden würde, so könnte ihm Alles zusammen das nicht sein, was ihm Lindenheim gewesen mit diesem in Ehren zu früh ergrauten Oberförster und seiner Tochter. — In den thaufeuchten Laubwohnungen war es schon längst lebendig und ein vielstimmiger Chor schmetterte seinen Morgengruß in die Höhe, Heyd aber hörte nur mit halbem Ohr, er sah jetzt das Farmhaus wieder, mit Epheu umrankt, er sah die Schneidemühlen an reißenden Bächen und gedachte jenes edlen Mannes, der einst sein Chef war, den er geliebt hatte wie einen Vater und den er verehrte wie einen Apostel der Liebe und Wahrheit. Heyd seufzte schwer, er blickte hinüber zu den matten Streifen am fernen Horizonte, dann streifte sein Blick den Kirchthurm im kleinen Dorfe. „Ob sie heute wieder zur Kirche fährt?" fragte er sich. „Ich werde wiederkommen — alsdann können wir zusammen nach Lindenheim gehen." Der Baumeister stand auf. Langsam ging er den Weg hinab bis zum nächsten Gestell; dann schritt er bergab und kam über den Fuchsbau durch den hohen Buchenwald nach dem großen See. Er sah hinüber nach der Insel. Hoch in den Lüsten flogen die Reiher, die hier ihren Stand hatten- Von dieser Insel aus machten sie ihre Streifzüge nach den vielen fischreichen Seen der weiten Forst. Der große Weiher, auf dem Hertha ihr Boot hatte, wurde besonders von ihnen beehrt, denn die goldgelben Karauschen, von denen dock viele vorhanden waren, sind diesen Vögeln eine besondere Delicatesse. Aber auch die Weichsel und weiter jenseits ist ihr Gebiet, denn einige Meilen im Fluge haben bei ihnen nichts zu bedeuten. An einer Eller im hohen Schilf erblickte Hryo einen Kahn, der nicht befestigt war. Er stieg hinein und ruderte nach der Insel hinüber- Rings um dieselbe, die eine halbe Stunde im Umkreise hat, standen Schilf und hohe Binsen, in denen Fischreusen und Krebsnetze lagen. An manchen Stellen zwar ziemlich gelüftet, bestand die Insel nur aus hohem Nadelholz. Am Ufer entlang ging nun der Baumeister, der heute zum ersten Male hier weilte- In der klaren, stillen Wasserfläche spiegelte sich das jenseitige Ufer wieder, an dem die grünen Laubkronen fast stufenartig sich die Höhe hinaufzogen. „Fürwahr, ein dankbares Object für einen Landschafter," sagte Heyd und ließ sich auf einen Baumstamm nieder. Die fahle Mondsichel, umgeben von leichtem Gewölk, spiegelte sich im ruhigen Wasser wieder. „Wie uns der Himmel so nah erscheint und doch so weit, so weit entfernt ist und auch Du mit Deinem matten Schein, Du treuester Begleiter unseres Wandelsternes, wie lange gehst Du schon Deine vorgeschriebenen Bahnen?" so fragte sich Heyd, der heute besonders zu stillen Betrachtungen geneigt war. „Und wie sahst Du aus, Erde, am ersten Schöpfungstage? Wie viele tausend Jahre sind es schon her? Geheimniß. voll ist die Kraft und unergründlich das Treiben, das Euch die Bahnen zeigt, all Ihr Himmelskörper im weiten All! 472 Und was habt Ihr erreicht, Ihr großen Geister, die Ihr Euch mit dieser Wissenschaft befaßtet? — Wenig — fast so gut wie gar nichts, denn es wird Euch ein Problem bleiben, so viel Ihr auch darüber nachsinnt! r k Schon der Gedanke, daß doch einmal ein Anfang sein müsse, führt uns plötzlich ein Halt vor unsere Augen und es ist gut, daß man abläßt vom thörichten Beginnen, ehe ss zu spät ist. Bis hierher und nicht weiter, Mensch, mit Deinen fünf Sinnen, hat die Natur gesagt, die ihm wohlweislich den sechsten Sinn versagt hat, mit dem er vielleicht eindringen konnte in das Reich der Unendlichkeit, die uns als Bewohner dieses Plansten unerreichbar bleiben wird, dis wir schauen werden nach vielen Kreuz- und Querfahrten unseres Lebens, wenn wir ermüdet den Wanderstab hinlegen, um auszuruhen von dieser Pilgerfahrt." - (Fortsetzung folgt.) OsMeinnÄtziges. Ueber die Wirkung von Liebigs Fleischextraet anf den menschlichen Organismus hat sich kürzlich Dr. C. Lehmann vom Hygienischen Institut in München wie folgt geäußert (Zürich, „Bl. für Gesundheitspflege"): „Es sind drei Gründe, aus denen wir Fleifchextract zu genießen pflegen: 1) Bei leichten Erschöpfungszuständen, wie sie durch längeren Hunger oder nach angreifenden Krankheiten eintreten und wo es uns darauf ankommt, rasch, wenn auch nur vorübergehend, die Kräfte zu heben. 2) Zur- Anregung der Verdauung im Beginne größerer Mahlzeiten. 3) Zur Erhöhung der Schmackhaftigkeit der Speisen als Gewürz." Die genannte Autorität führt dann aus, worauf die wohlthuende Wirkung der Fleischbrühe beruht, mit der die Hauptmahlzeit des Europäers zu beginnen pflegt: Vorbereitung des Magens zur Aufnahme der substantielleren und daher Beförderung der Verdauung. Auch bezeichnet Dr. Lehmann Liebigs Fleifchextract als eines der besten und jedenfalls unschädlichsten Gewürze, um die Schmackhaftigkeit von Fleischspeisen und Vegetabilien zu erhöhen. ♦ ♦ ♦ Endivien als Gemüse. Man benutzt hierzu nur die hellgelben Blätter, die man in siedendem Wasser blanchirt und hierauf sein hackt. Alsdann schwitzt man sie 5 Minuten in Butter, gibt etwas Mehl bei, gießt eine Taffe kräftiger Auflösung von Liebigs Fleifchextract darüber, würzt das Gemüse mit Muskat und Salz, läßt es 15 Minuten kochen und servirt es. * ♦ * Feinschmeckendes Nierenfett. Um ein feinschmecken- des Nterenfett zu erzielen, schneide man das Fett in kleine Würfel, die man 24 Stunden lang reichlich mit frischem Waffer bedeckt und letzteres an einem kühlen Ort öfters erneuert. Das Fett wird sodann fein gehackt und unter Hinzufügen von einer halben Taffe frischer Milch auf ein Pfund Fett, sowie einer Prise Salz auf gelindem Feuer so lange gekocht, bis es völlig klar ist. * * * Hühnersrieassee. Zwei junge Hühner werden nach ihrem Ausnehmen und Flammiren einige Minuten in kochende Fleischbrühe gelegt, in kaltem Waffer abgekühlt und auf folgende Art zerlegt: Zuerst werden die Schlägel möglichst groß heruntergeschnitten, das Bein oberhalb des Knies abgehackt und der Schenkelknochen entzwei gebrochen, dann die Brust mit dem Flügel abgelöst und der Rücken in zwei Theile geschnitten. Diese Stücke werden mit einer kleinen Zwiebel, welche mit Gewürznelken besteckt ist, nebst 60 Gramm Butter in eine paffende Kasserolle gelegt und einige Minuten lang auf ziemlich starkem Feuer gedämpft; alsdann werden die Hühnerstückchen herausgenommen. Die zurückgebliebene Butter wird mit zwei Eßlöffel Mehl verrührt, noch einige Minuten, geröstet, dann mit der nöthigen Fleischbrühe zu einer dünnen Sauce abgerührt, die Hühnerstücke dazu gethan und langsam in der Sauce gar gekocht. Rach ihrem Weichwerden kommen sie heraus und werden warm gestellt. Von der Sauce wird der Schaum und das etwa vorhandene Fett abgenommen, [mit Salz, etwas weißem Pfeffer und Muscatnuß gewürzt, bis zur gehörigen Dicke eingekocht und dann mit einer Liaison von vier Eigelb legirt. Der Geschmack wird mit dem Saft einer Citrone gehoben; bas Ganze muß durch ein feines Haarsieb über die Hühnerstücke gepreßt und gut untereinandergeschüttelt werden und wird schließlich in einer brodirten Schüssel angerichtet. Gewöhnlich kommen einige kleine Klöschen von Kalbfleischfüllsel, die besonders in Fleischbrühe weich gekocht wurden, unter das Fricaffee. * * ♦ Gefülltes Kohlrabi. Ausgewachsene, aber noch ganz zarte Kohlrabi werden zehn Miunten in Salzwasser gekocht mit dem Schaumlöffel herausgenommen und mit einem spitzen Messer ausgehöhlt, nachdem oben ein Deckel abgeschnitten wurde. Darauf füllt man die Kohlrabi mit einer Farce von feingehacktem Schweinefleisch, in Waffer eingeweichter und ausgedrückter Semmel, Muskat und Ei, Salz, legt den kleinen Deckel wieder darauf und bindet die Kohlrabi fest zu. Man thut ein gutes Stück Butter und Bouillon in einen niedrigen Schmortopf, stellt die Kohlrabi nebeneinander hinein und läßt sie weich schmoren. Dann schwitzt man etwas Mehl daran und begießt recht fleißig mit der sämigen Sauce, damit die Köpfchen recht glänzend aussehen. Man richtet sie ohne Fleischbeilage an. Ist die Sauce noch nicht kräftig genug, so kann man etwas Fleifchextract daran thun. ♦ ♦ • Kastoffel-Klöse. Man reibe die am Tage vorher nicht zu weich gekochten Kartoffeln, nachdem sie geschält sind, auf einem Reibeisen und gebe zu zwei Pfund Kartoffeln ein Zehntel Pfund geriebene Semmeln, ein Fünftel Pfund Mehl, zwei Fünftel Pfund in Butter geröstete Semmelwürfelchen, ein Ei, vier Löffel Rahm, sowie das nöthige Salz. Das Ganze wird sodann miteinander vermengt und daraus Klüse geformt, welche eine Viertelstunde in bereits kochendem Salz- waffer gekocht werden. Nachdem die Klüse auf einer Schüffel angerichtet sind, bestreut man sie mit in Butter gerösteten Bröseln. VenMehtes. Ein richtiger Jäger. Frau: „Was, Du bringst mir zwei Hasen, trotzdem Du Dein Gewehr vergeffen hast?" — Mann: „Meiner Seel, Du hast recht! Mir ist aber auch den ganzen Tag etwas abgegangen!" ♦ ♦ Ungemüthlich. Baron (wüthend über eine Jneue Dummheit, die sein Diener ausgeheckt hat): „Johann, hilf mir die Stiefel anziehen — ich muß Dir einen Fußtritt versetzen !" ♦ * Darum. Professor (der beim Angeln den Angelhaken sammt Köder am jenseitigen Ufer des Bache» liegen hat): „Na, heute will wieder einmal nichts anbeißen!" * * Beim Wort genommen. Gerichtsvollzieher (scherzend): „Jetzt werde ich Ihnen Ihre Frau pfänden." — Mann: „I-, ja, siegeln Sie ihr nur gleich den Mund zu!" * * Ein Practiker. Pfarrer: „Und abgesehen vom Laster — denkst Du denn gar nicht daran, daß Du auch Dein ganzes Geld im Wirthshaus brauchst?" — Hiesl: „Gar nicht, Hochwürden. Ich richt'» immer so ein, daß ich vor dem Zahlen 'nausg'schmiff'n werd'." Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univerfikats-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen..