HnterhaMngMatt MM Gießener AMiger^General-An^iger). 1895, Oä WEM '-""' " - - - V-, ~\P-- ' ♦V'»' ■ V^V •• affimeotamr WM . : .1/ s Ihr Vermächtniß. Roman von Maximilian Morgelt«. (Fortsetzung.) Der Förster Rudow war ein Mann, dem man seine 67 Jahre gar nicht ansah. Wenn seine Vorgesetzten wegen Pensionirung mit ihm sprachen, dann sagte er stets: „Das hat ja noch Zeit, ich kann mich von meinem Busch — wie er seinen Belauf nannte — noch nicht trennen." Wer den Alten mit den starken Augenbrauen in „seinem Busch" sah, der lief ihm am liebsten aus dem Wege, denn er trug das Aussehen eines Menschen zur Schau, von dem man sagen konnte: „Mit dem ist nicht gut Kirschen essen" und weit und breit nannte man ihn nicht anders, .als „den alten Knurrbaß". Aber wer diesen Mann näher kannte, der hatte eine andere Meinung von ihm. Er war der Typus eines echten Altpreußen. Kurz und bündig, wie er war, hielt ihn Mancher für grob, aber dies war nur sein Wesen — eine rauhe Außenseite und innen ein guter, ja sogar sehr guter Kern. Mit seinen Holz« und Wilddieben nahm er zwar wenig oder gar keine Rücksicht, denn „Ordnung muß sein" war sein drittes Wort, aber dies brauchte er nur, wenn er ärgerlich war. Seine linke Gesichts« feite zeigte eine große Narbe — ein souvenir, das ihm ein Wilddieb zur Erinnerung überreicht hatte. Holzdiebe, die sich mit Kleinigkeiten begnügten, sah er entweder gar nicht oder wenn sie ihm im Wege waren, ermahnte er sie und half ihnen das Holz auf den Buckel. Mit den Dieben, die Reisig erster Klaffe, ganze Stämme oder gar Bauholz holten, kannte er kein Erbarmen. Gar Mancher wähnte sich schon in Sicherheit, wenn er in der Abenddämmerung oder in finsterer Nacht die Stämme holen wollte, die er beim Morgengrauen so ziemlich durchgesägt und nun mit leichter Mühe umwarf. Wenn er ste dann glücklich bis zum nächsten Wege geschleppt hatte, wohin ste der Alte ruhig bringen ließ, dann sauste plötzlich der treue Begleiter durch die Luft und erschreckte den fleißigen Arbeiter beim friedlichen Thun. Wenn dieser „Treue" aber sprechen könnte von den Schwingungen, die er im Laufe der Jahre auf die getreuen Nachbarn und dergleichen gemacht, so würbe e« ein interessantes Kapitel sein — zur Warnung sür Holzdiebe und solche, die es werden wollen. Eine halbe Stunde später, nachdem der Arzt von Lindenheim abgefahren, kam der Alte zur Obersörsterei. „Schrumm," sagte er, indem er sich in Position stellte, „ist Alle» in Ordnung, Herr Oberförster." „Nun, Herr Förster Rudow, Sie bringen gewiß gute Nachrichten von den Knaben, denn ich sehe es Ihnen schon an," entgegnete der Oberförster und reichte dem Alten die Hand. „Gottlob ja, Herr Oberförster, und dem Himmel sei Dank. Hätte der Ribold nicht die ganzen Bauhölzer auf einmal gekauft, dann wären wir wohl zu spät gekommen." „Aber was ist mit den Jungen?" fragte Fräulein Steuer ängstlich. „Schlafen schon, sind in guter Hut, Fräulein Hertha- Nachdem Sie mich verließen, Herr Oberförster, wickelte ich die Knaben in meine Röcke und trug sie zusammen nach der Bahnwärterbude 114 zu den Eltern der einen Knaben. Da hätten Sie aber die Leute sehen sollen, wie sie mich ankommen sahen. Ihre Aufregung war so groß, daß sie mir auch nicht das Geringste helfen konnten, denn sie machten Alles verkehrt. Na, ich zog die Jungens aus und legte jeden in ein Bett; als dann schließlich unter vielen Thränen die Leute ruhiger wurden, da wußten sie ja selbst, was sie zu thun hatten." „O, diese armen Knaben," sagte Hertha mitleidig. „Ach, Fräulein, darum bangen Sie sich nur nicht, ist junges Leben, dis Sorte erholt sich schon und wenn das Glück gut ist, dann fahren sie in vierzehn Tagen schon wieder Kahn." „Aber, Herr Rudow, das werden die Eltern doch gewiß nicht mehr zugeben," sagte Hertha. „O, glauben Sie es mir, Fräulein," sagte der Alte, „die Jungens, die an der Weichsel groß geworden, das ist eine gesunde Rasse und hernach wird das Wasser ja auch wärmer. — Die Eltern begleiteten mich dann noch eine kurze Strecke. Mit ihrer groben Warpschürze konnte die Frau nicht genug Thränen abwischen und der Vater, der sagte erst gar nichts, dann drückte er mir kräftig die Hand und ging seine Strecke revidiren, auch gleichzeitig dem Bühnenmeister Bescheid sagend, daß sein Emil schon dreiviertel tobt war und - 418 sich nun bei ihm ausschlafe. Und, Herr Oberförster, mit Ihrem Kranken wird'» auch wieder werden, denn der Doctor Köster, den ich noch am Kreuzwege traf, hat große Hoffnung." Nun erst ließ sich der Alte herbei, seinen Thee zu trinken, den Tante Doctor schon längst für ihn hingestellt hatte. „Stärken Sie sich nur erst ein wenig und essen Sie auch tüchtig, Herr Rudow," sagte Hertha, „denn es war heute ein schwerer Tag für Sie —" „Und für Ihren Herrn Vater," ergänzte der Alte. „Ja, wie gern möchte ich meinem guten Vater die Wache abnehmen, aber dies geht leider nicht." „Beruhige Dich nur, meine Tochter, es wird mich nicht anstrengen." Der alte Förster empfahl sich bald darauf und trug ein frohes Herz nach Haufe, wie jeder Mensch, der uneigennützig eine gute That vollbracht hat. „Nun danke ich Ihnen, Herr Herrmann," sagte der Ober» förster, der nach einer Weile das Zimmer, in welchem der Kranke lag, betrat, zu seinem Secretär. „Gehen Sie nun, bitte, und stärken Sie sich." — Zu seinem Abendbrod hatte der Oberförster eine Flasche Wein gestellt. — „Bis zwei Uhr werde ich die Wache übernehmen und Sie dann wecken — gute Nacht." „Gute Nacht, Herr Oberförster." Der Kranke athmete schwer und fieberte stark. Der Oberförster setzte sich an das Bett und dachte an den vergangenen Tag. Er pries das Geschick, das zur rechten Zeit Hilfe sandte. Welch' ein edler Mann muß es fein, sagte er sich, der selbstlos in die kalte Fluth springt, zwei Menschenleben rettet und deren Eltern nun Freudenthränen weinen. — Er nahm ein Buch aus seiner Tasche, das er bei seinem Schützling gefunden hatte und las: „Baukalender" und unten in Gold eingepreßt: „Arthur Heyd, Regierungsbaumeister, Etfenbahnbetriebsamt Bromberg." „Also das ist mein Patient," sagte sich der Oberförster. „Nun, morgen früh werde ich an seine vorgesetzte Behörde schreiben, an Baurath Wiebe, meinen alten, lieben Schul- sreund." — Drei Stunden gingen dann langsam dahin, dann erwachte der Kranke und schlug mit den Händen wild umher, so daß der Oberförster Mühe hatte, ihn im Bette zu halten. Unverständliche Worte brachte er wild hervor, dann rief er laut und angsterfüllt: „O John, John — halt, halt — der Wagen — mein Gott — Hilfe, Hilfe. — O Gott — Himmel, sie stirbt, sie stirbt. — Leb' wohl — sei glücklich — mein — guter — Arthur. Mein Gott — Hertha — Hertha." Dann fiel er ermattet zurück. Dem Oberförster ging es durch und durch, als er den Namen seiner Tochter hörte. „Seltsam, höchst seltsam," sagte er und begrub die Worte wilder Phantafie in seinem Innern. Folgenden Tages — es war gegen 10 Uhr am Vormittage, als der Obersörster am Krankenbette mit gefalteten Händen saß — schlug der Bäumeister plötzlich die Augen auf und sah erstaunt umher. „Wo bin ich," hauchte er kaum vernehmbar. „In guten Händen," entgegnete der Oberförster, der fich über das Bett gebeugt hatte, „doch seien Sie, bitte, recht ruhig, Sie waren krank und werden bald gesund sein." „Aber wo war ich nur, Herr, und wie kam ich hierher? — Ach, vom Wasser! — Sind sie gerettet?" „Ja, Herr Baumeister, Sie haben das edle Werk vollbracht, doch nun bitte ich — recht ruhig." Der Oberförster gab dem Kranken zu trinken und Heyd schlief ruhig wieder ein. Der Arzt kam und ging und er kam wieder und ging, und fand, daß die Krankheit so verlief, wie er es vorausgesagt. Am dritten Tage erhob sich der Kranke, doch der Oberförster drückte ihn sanft zurück. „Es wird nun besser werden," lispelte Heyd, „würden Sie wohl die Güte haben, an Herrn Baurath Wiebe nach Danzig zu —" »Ist schon geschehen, Herr Baumeister, es traf auch heute die Antwort meines lieben Freundes ein. Er bedauert Ihre augenblickliche Lage aus tiefstem Innern und wünfcht Ihnen gute Besserung." Mit dankbarem Blick sah Heyd nach dem Oberförster, der ihm einen stärkenden Trank reichte; dann schloß der Kranke die Augen und lag bald in tiefem Schlummer. Von Tag zu Tag wurde es nun besser und am achten Tage konnte er das Bett verlassen. Es war ein freundlicher Tag und die Frühlingssonne meinte es besonders gut. Der Oberförster führte den Kranken in den Garten in eine Laube, die den erwärmenden Sonnenstrahlen ausgesetzt war, wo Beide Platz nahmen. „Sie waren ein folgsamer, artiger Patient," sagte der Oberförster, „jetzt haben Sie die Gefahr überwunden und dürfen wieder heiter in die Zukunft sehen." „Sie haben sich des Fremden angenommen wie ein Vater, wie foll ich es Ihnen nur danken," sagte der Baumeister ruhig. „Beruhigen Sie sich, denken Sie nicht daran, sondern an Ihre Gesundheit und wenn es Ihnen recht ist, so würde ich mir erlauben, Ihnen meine Angehörigen vorzustellen." „Es wird mir sehr lieb sein, ich bitte sehr darum, Herr Oberförster." Dann zog der Oberförster die Decke zurecht, in die er den Kranken gehüllt und eilte nach dem Hause. Heyd sah sich ringsum, er befand sich in einem Garten, der im Sommer prächtig sein mußte. Wie schön er in den acht Tagen geworden ist und wie freundlich heute die Sonne lacht. Der Baumeister blickte nach dem Himmel und athmete freudig auf. Fleißige Hände waren hier thätig, die überall ihre Spuren zeigten. Bunte Crocufle und zarte Schneeglöckchen um die Beete; und wie fich der Wald ringsum in die Höhe zieht. Wie herrlich ist es doch hier in diesem lieblichen Thals. — Auf der Bank bemerkte er jetzt erst ein Buch liegen und nahm es zur Hand — Lenz und Liebe — war in goldenen Buchstaben auf grünem Sammet gepreßt. Ein seidenes Band hing herunter.. Der Baumeister schlug die Stelle des Buches auf und las: Schneegl ö ckchen. Der Schnee, der gestern noch in Flöckchen Vom Himmel fiel, . Hängt nun geronnen heut' als Glöckchen Am zarten Stiel. Schneeglöckchen läutet; was bedeutet's Im stillen Hain? O kommt geschwind! Im Haine läutet's Den Frühling ein. O kommt, ihr Blätter, Blüth und Blume, Die ihr noch träumt, All' zu des Himmels Heiligthume! Kommt ungesäumt! Gedankenvoll legte Heyd das Buch wieder weg. „Gute Menschen müssen es sein, die hier wohnen," sagte er sich, und er lauschte dem Rauschen des Baches, der unter dem Erlen- und Weidendache dahinfloß. Mit zwei Damen sah Heyd den Oberförster au« der Thür treten. — Sehe ich recht, sagte er sich, ist e« Wirklichkeit oder ist es Sinnnestäuschung, und er faßte sich nach der Stirn. „O Gott im Himmel, da ist sie ja wieder. Ja sie ist es wirklich — wahrhaftig und ich habe so sehr, so sehr gewünscht, ihr nie mehr im Leben zu begegnen. Wie ist es nur möglich, wie ist es nur möglich, daß man immer und immer wieder dahin gelangt, wo man weit, recht weit entfernt sein möchte? Sollte es wirklich ein Verhängniß sein? und er neigte trauernd sein Haupt. Der Oberförster trat mit den Damen zur Laube. Heyd erhob sich und begrüßte ehrerbietig die Kommenden. „Bitte — nur ruhig wieder hinsetzen," sagte der Oberförster und stellte gegenseitig vor; ihm, der seine Tochter wohl beobachtete, entging es nicht, wie sie ihre Erregung verbarg. „ , „Viel Aufregung, viel Mühe und Arbeit habe ich auch 419 - Ihnen gemacht, meine Damen; Sie haben dazu beigetragen, mir da» Leben wiederzugeben, und wenn ich Ihnen heute auch nur in wenigen Worten danken kann, so hoffe ich doch meine Schuld noch abzutragen." „Nicht wahr, Tantchen," sagte Hertha, „was wir ge- than, ist nicht der Rede werth, was ist es im Vergleich zu Ihrer edlen That," sagte sie dann zu Heyd gewandt. „Die Knaben find auch gottlob aus aller Gefahr, doch mit de» Bahnwärters Sohn stand es recht schlecht, wie heute früh der Doctor uns erzählte. „Aus aller Gefahr! — Das war mein sehnlichster Wunsch," sagte Heyd. Und nun plauderte man bald in munterer Weise. Der Oberförster war besonders aufgelegt, worüber fich die Damen nicht genug wundern konnten. Er erzählte viele heitere Sachen aus seiner Jugendzeit. Mit ganzer Seele war er auch bei den Erinnerungen, als hätte er erst unlängst dieser Zeit den Rücken gekehrt. Der Baumeister, dem das offene und freundliche Wesen so recht anheimelte, blieb auch nicht zurück. In seffelnder Weise beschrieb er das sonnige Italien, da» liebe Schweizerland und Tirol, so, daß sie gespannt den Worten dieses Mannes lauschten, der so geistreich und hu« moristtsch, so bescheiden und aufrichtig sprach, und dessen Worte so wohlthuend wirkten auf des Oberförsters und seiner Tochter Gemüth, wie warmer Regen nach heißen Sommer« tagen. So wurde es Mittag und nach stärkender Mahlzeit begab sich der Baumeister alsbald zur Ruhe. Am nächsten Tage wollte Heyd da» gastliche Lindenheim verlassen, er fühlte sich kräftig genug, und alles Zureden war daher vergebens. Frau Dr. Weiler ließ das Frühstück auftragen und Hertha, die trotz ihrer einfachen marineblauen Robe in ganzer Anmuth und Schönheit strahlte, nöthigte den Baumeister in ihrer freundlichen Art und war für Alles und Alle besorgt- „Hertha," sagte der Oberförster nach einer Weile, „nun darfst Du wieder das Clavier öffnen, das Spielen stört jetzt unfern Gast nicht mehr." Alsbald setzte sie sich ans Clavier und spielte „Am Meer". In der Sophaecke saß der Oberförster und hörte mit halbgeschloffenen Augen und ineinandergelegten Händen, wie er es immer that, wenn sie in seiner Anwesenheit spielte. Ihm zur Rechten saß der Baumeister, der ein aufmerksamer Zuhörer war, ihr Spiel und ihre glockenreine Stimme bewunderte, die durch die geöffneten Fenster weit hinausdrang in den Buchenwald und Tannen« horst. Al» die letzten Töne verklungen, stand der Baumeister auf und lobte in bescheidenen Worten ihren wunderbaren Vortrag. Hertha nahm schweigend diesen Dank entgegen und verneigte sich. „Wenn ich auch nicht im entferntesten hervorzubringen vermag, was wir soeben gehört," sagte Heyd, „so möchte ich doch nicht undankbar sein" — und er schritt zum Clavier. Kaum hörbar kamen die Töne hervor, die immer mächtiger wurden, gleich dem Rauschen des Meeres, gleich der Brandung gegen Felsenwände: Was das Meer erzählt und uns die Welle sagt — klang so wunderbar aus seinem Spiel, so herrlich aus seinem Gesang, als wären Sturm und Roth und die majestätische Erhabenheit des Meeres in vielen, vielen Stunden abgelauscht. Mit gefalteten Händen lehnte der Ober« Erster in seiner Ecke und ließ an sich vorüberziehen die Kunst des Spieles und die Macht des Gesanges, gleich einem Genuß, den man möglichst lange Zeit behalten möchte. Hertha hörte bewundernd diesen vollendeten Vortrag; sie blickte hinüber zu dem Manne, der ihr so seltsam erschien in seinem einfachen und bescheidenen Wesen, in seiner ewig gleichmäßigen Ruhe. Al» da» Spiel beendet, klopfte es an der Thür, und der Secretär bat den Oberförster, auf einige Augenblicke in die Kanzlei zu kommen. Schweigend setzte sich der Baumeister wieder an seinen Platz. Schweigen beobachtete auch Hertha mit gerötheten Wangen, sie, die ihm so viel sagen wollte für sein Spiel, jetzt fand sie keine Worte. „Fräulein Steuer," sagte Heyd, um das Schweigen zu brechen, „mein Spiel hat Ihnen sicherlich nicht gefallen, doch ich wollte nicht undankbar sein." „Nie im Leben habe ich solchen Gesang gehört und nie hat bas Clavier solche Töne hervorgebracht," sagte Hertha ruhig. „Sagen Sie mir, bitte, Herr Baumeister, wie das Lied heißt, mit dem Sie auch den Papa sehr erfreuten, denn wie träumend lauschte er Ihren Tönen und ich möchte noch heute nach der Musikalienhandlung schreiben, um mir dieses herrlichste Lied, was ich je gehört habe, kommen zu lassen." Der Baumeister lächelte. „Wenn Sie es zu haben wünschen, Fräulein Steuer, so wird es mir ein Vergnügen sein, es Ihnen aufzuschreiben, denn Sie dürsten es nirgends zu kaufen finden." Der Oberförster war inzwischen eingetreten und Heyd blickte nach der Uhr. „Ich weiß, was Sie sagen wollen, Herr Baumeister — ich habe schon Auftrag gegeben, die Pferde anzuspannen, denn Sie sehnen sich nun zurück nach Ihrem Wirkungskreis!" „So ist es, Herr Oberförster," sagte Heyd, als es abermals an die Thür klopfte und der Secretär zwei Herren meldete. „Lassen Sie, bitte, die Herren nur eintreten, Herr Herrmann," sagte der Oberförster und herein traten zwei Männer, die sich tief verbeugten. „Entschuldigen Sie gütigst, Herr Oberförster, daß wir stören, mein Name ist Weidner und ich bin der Bühnenmeister von da unten und mein Freund hier ist der Bahnwärter Winter von Bude 114. Von Herrn Doctor Köster erfuhren wir, daß hier der Herr ist, der unsere Knaben vom sicheren Tode gerettet und wir sind gekommen, um diesem Herrn unfern innigsten Dank abzustatten." Der Oberförster zeigte aus den Baumeister, der nun den Leuten entgegenging und Jedem herzlich die Hand drückte. „O Herr," sagte der Bühnenmeister, „ich danke Ihnen viele tausendmal für das Opfer, das Sie mir gebracht, ich danke Ihnen von ganzem Herzen und wenn ich wüßte, womit ich Ihnen meine Dankbarkeit bezeugen könnte, so würde ich es mit Freuden thun." Der Baumeister schüttelte leicht den Kopf. „Und ich — ich kann nicht viel sagen, und ich danke Ihnen auch vielmals, auch meine Frau läßt Ihnen recht herzlich danken und sagen, wenn mal der Herr dort entlang kommt, dann möchte er doch die Güte haben, an Bude 114 nicht vorbeizugehen." Wieder reichte der Baumeister Jedem die Hand und versicherte, daß er nur gethan, was jeder andere Mensch auch gethan hätte; der Dank aber gebühre allein dem da droben und er hob die Finger in die Höhe. „Gebe der Himmel, daß Ihre Jungens einst tüchtige Menschen werden, die Ihnen vergelten die Mühen und Sorgen, die sie Ihnen gemacht. Sobald ich aber erst dort unten sein werde, dann wird es meine Zeit wohl erlauben — dann komme ich auch zu Ihnen, meine Herren, darauf verlassen Sie sich." Mit frohbewegtem Herzen gingen zwei Väter von Lindenheim; sie schritten am Fließ entlang und waren bald im Buchenhain verschwunden. Sie sprachen noch von den Knaben und ihrem Retter, als der Wald längst hinter ihnen lag und sie an Thielemanns Roggenfeldern vorbeikamen. „Ti-ri-lie, ti«ri-lie," tönte es und zwei Lerchen stiegen in die Höhe. „Sieh' nur," sagte der Wärter von Bude 114, „damit wäre es für unsere Jungens längst vorbei, hätte der Himmel nicht Hilfe gesandt." Und er zeigte nach den kleinen Singraketen, die kaum noch sichtbar waren, und seine Augen wurden feucht. — Nachdem der Baumeister reisefertig war, dankte er Allen für die große Mühe, die er Jedem bereitet, doch der Oberförster erwiderte lächelnd: „Den Dank dieser beiden Männer lehnten Sie soeben in bescheidenster Weise ab und uns möchten - 42Ö - Di« B««g«V««g der Sünde« durch J«s«s. Eine bibltsch-the^ logische Untersuchung zur Versöhnungslehre. Von lac- th. E. Cremer, a.o. Professor der Theologie in Marburg. Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'scheu UmversitatS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) m (61 Seiten.) Gütersloh 1895. Diese kleine aber inhaltsreiche Abhandlung wird nicht nur um ihres Verfassers willen bei uns beachtet werden, der bis jetzt em geachteter Geistlicher unserer Landeskirche und Provinz war. Vielmeyr wird hier die jeden denkenden Christen bewegende Hauptfrage de^ vio lischen Glaubens in lichter und eindringender Gedankenentwicklung I behandelt, wie sie sich im geistigen Kampf um eine neue F orm o alten Wahrheit dem Schriftgläubigen darstellt. Die „Theoloa der Thatsachen" gegenüber der neuesten „Theologie der mhetor ist es, welche hier auf den Mittelpunkt des Werkes und Worten ^e> , seine lebendige Person, angewandt wird und von welcher aus innere Einheit des Christusbildes der Evangelien mit der Lehrverkund'.gun» der apastolischen Briefe über ihn sich erweist. Die bedeutsame auch in der Form schöne Schrift kann darum dem Nachdenken Theologen und gebildeten Laien gerade jetzt nicht genug empf h werden, wenn auch über einzelne Beweisstellen und Gedankengangs Recht verschiedene Anschauungen bestehen könnten! Die vielen Dank bringen, die wir doch nur die Ehre hatten, Sie in unseren Mauern zu haben." (Fortsetzung folgt.) Die Erzählungen eines Kindes. Es war ein Kind der Armuth, von dem wir dieser Tage uns haben Verschiedenes erzählen lassen: von der Mutter, die gestorben ist und kein eigen Grab hat, vom Vater, der fieben Gulden wöchentlich verdient, von den sechs Kindern, die davon leben müffen ... Ein Brief, den uns die Post ins Laus gebracht, oder vielmehr ein kleiner schlechter Papierzettel, in ungleichen Zeilenabständen beschrieben, mit einer mühseligen Steilschrist hatte die Bekanntschaft vermittelt. Dieses Schreiben lautet in der Originalorthographie: Wien am 21. August. „Was hat ihr gefehlt?" - «Bitt' schön, mir wissen'» selber nicht." , , „Das Fräulein hat Dich aber gern gehabt?" — „O za, fie hat mir zum Christkind'! ein Federpenal und Federn geschickt und die Schuhe, die ich anhab'. Ich habe auch alte Schuhe gehabt, die hab' ich angezogen, wenn ich in die Schule gegangen bin und habe mir die vom Fräulein für Sonntag aufgehoben. Aber wie die alten zerrissen waren, habe ich die anziehen müssen, weil der Vater nichts kaufen kann." „Warum kann der Vater nichts kaufen? Geht es ihm so schlecht?" - „Ich bitt' schön, Herr Doctor, der Vater verdient steben Gulden in der Woche und wie die Mutter gestorben ist, hat er achtzehn Gulden Vorschuß genommen. Er hat der Mutter die kleine Leich' machen lassen, sie ist bei der Nacht vom Spital weggeführt worden, wir h ab en' s anschauen dürfen, in der Nacht, in der Todten- kammer, im Spital drin. Wir waren alle da, nur der Lerr Nedacteur 'M binein 14 jähriges Mädchen I kleine Josef nicht, der 18 Monate alt ist. Den haben wir 16' * @*r“aafie M.? W Mange«, -l. bi« Statt« «°» ge- Unf«e «Ärngen «gab«, daß di« Familie B«l°hrad,Ii, toi W" - .Sie Statt« W SW« "» Vater und sechs Kinder, in einer einzigen kleinen Kammer, 1 fl> 5 0 kr. w ü ch e n t l ich v er di ent. Da yaven » und zartem, ernstem Gesichtchen; besonders die blauen Augen I Mtzbnds bis 11 Uhr, ich und meine Schwester sind sanft und ernst. Als sie uns dann im Bureau besuchte, «ahund Abends^vts 11 uyr, un war sie zwar ärmlich, aber rein und nett gekleidet. Lange I Mim Tag?" — Mit Stolz sagt sie: „EinDutzend sprachen wir mit ihr: was das Kind uns erzählte, sei in | » , ~ hem wir halt Schule gehabt jener Schlichtheit, mit der esselbst esvorbrachte, wiederge- I roa 6(n ^üm 5%t mit dem Vater aufgestande» geben und ohne Aenderung an der kindlichen Logik. j ? , . oaaee terHa gemacht. Ich hab' mir Alle» 6ti b. «»ÄWbS; ÄeraBW!« ich in der Schule." — „Und der Grund der Schulver- I und Brod etngevrom __ menn Wir vom Z« bleib«. D« Bat« W mA« allea.atSt.afe jT-inT S wmÄ - “«»« ä'SfcÄ S-gw " * ba bat n«U «XV’ Da ist der Vater hingegangen zum Ortsschulrath. Aber da I genommen. ------------ l q, p hat's geheißen: Es hilft nichts und ich muß bis zum vier-1 Literarisches. zehnten Jahre in die Schule gehen. Um beim Fräulein . .. 1 ---------- — „Was für ein Fräulein?" — das Fräulein in der Schule, Fräulein Josephine Sulke ... Da hat der Vater gesagt, er kann mich nicht in die Schule schicken. Und da hat das Fräulein Mitleid gehabt und nicht mehr um mich geschickt." „Hat da» Fräulein Dich gern gehabt?" - „O ja. Ich war ja nicht schlimm in der Schule. Wie ich noch in die Feuerwehrschule gegangen bin, da hab' ich einen Ausweis gehabt wie gewöhnlich: Zweier und Dreier und Vierer. Aber jetzt weiß ich nicht, ob ich aufgestiegen war, denn ich habe keinen Ausweis mehr gehabt. Die Mutter (und während sie stockend spricht, fließen stille Thränen über das Gesichtchen), die Mutter hat mich fleißig in die Schule geschickt, obwohl sie schon krank war. Denn sie war schon das ganze Jahr vorher krank und ist voriges Jahr auch schon zweimal im Spital gelegen."