z t i M,A SH ■ Erste Liebe. Novelette von Johanna Berger. (Nachdruck verboten.) Es war im wunderschönen Monat Mai, am Samstag vor Pfingsten. Auf dem Bahnhofe in Magdeburg hatte sich ein sehr starker Verkehr entwickelt. Eine Menge von Ver- gnügungsreisenden, große Trupps Soldaten, die auf Urlaub heimwärts gingen, Schüler und Schülerinnen, welche in die Ferien reisten, schoben, drängten und stießen sich auf den Bahnsteigen zwischen Gepäckkarren, mit Packeten beladenen Dienstleuten und Kofferträgern hindurch, um endlich einen Platz in den heute fast überfüllten Waggons zu finden- Die keuchende Locomotive vor dem riesig langen Harzzuge schnaubte mächtige Dampfwolken in die Luft, die Signalglocke ließ ihr Abfahrtszeichen ertönen- — Da plötzlich im letzten Augenblick stürzte eine junge Dame auf ein Nichtrauchercoups zweiter Klaffe zu und schlüpfte behende hinein. Der Schaffner schloß hastig die Thür, denn in demselben Moment setzte sich der Zug auch schon in Bewegung. Die junge Dame ließ sich athemlos auf einen leeren Ecksitz am Fenster nieder und wehte sich mit dem Taschentuche eifrig Kühlung zu. Nach einer Weile erhob sie den mit einem einfachen Strohhütchen bedeckten blonden Kopf und schaute mit ihren großen blauen Augen neugierig umher. Es befand sich nur noch ein Reisender im Coup«. Er saß auf der andern Seite am Fenster und hatte sich in eine Zeitung vertieft, welche sein Gesicht halb verdeckte. Es war ein hochgewachsener Mann zu Ende der Zwanziger mit feinen, durchgeistigten Zügen. Seine freie Stirn war von dunklen, gerollten Haaren umrahmt und ein paar tiesbraune Augen, denen ein sanftes, schwärmerisches Feuer innewohnte, verliehen dem blaffen, etwas schmalen Antlitz einen eigenthümlichen Reiz- In seiner Erscheinung zeigte sich vornehme Rahe und Haltung, er trug einen goldenen Kneifer, seine Kleidung und Handschuhe waren von tadelloser Eleganz und seine linke Wange hatte ein paar Schmisse — jedenfalls Denkmäler von Tapferkeit aus der lustigen Studentenzeit. Die junge Dame hatte den ihr unbekannten Reisegefährten einen Augenblick flüchtig gemustert und sich dann abgewandt. Doch wie durch Zauber angezogen, mußte sie bald wieder ihre Augen auf ihn richten, obwohl sie ihn eigentlich nicht vollständig zu.sehen vermochte. Dieses bleiche, edle Gesicht mit dem eigenthümlich bezwingenden Ausdruck, dieses dunkle Augenpaar mit dem ernsten, sinnenden Blick kam ihr merkwürdig bekannt vor. Nie war ihr eine solche Aehnlichkeit vorgekommen. War er es — er — Curt von Bartenstein, der Jugendfreund, — den sie lange Jahre hindurch nicht gesehen hatte und der jetzt hier so unerwartet auf ihren Weg getreten war? Ihre Wangen färbten sich mit jäher Purpurgluth, einen Moment strahlte es wie glückselige Freude in ihrem Antlitz auf. „O, mein Gott, wäre es möglich, sollte —" hauchte sie mit bebenden Lippen. Aber gleich darauf wurde sie bleich wie der Tod, ihre Hand fuhr hastig nach dem Herzen, denn sie fühlte dort etwas wie einen schmerzlichen Stich. Sie preßte den kleinen Mund trotzig zusammen, wandte den Kopf dem offenen Coupsfenster zu und schaute hinaus. Doch theil- nahmslos, nur mechanisch, glitten ihre Blicke über die Landschaft, über die im frischen Frühltngsschmucke traumhaft daliegenden grünen Fluren und Wälder, welche im schnellen Fluge an ihr vorüberzogen. Der junge Fremde hatte bei dem etwas ungestümen Eintritt der Dame nur gleichgiltig und nachlässig seine Augen von der Zeitung erhoben, die er in der Hand hielt- Erst nachdem er seine Lectüre beendet hatte, unterwarf er seine Reisegefährtin einer genaueren Musterung- Im Coups herrschte eine schwüle, lauschige Dämmerung. Die Purpurstrahlen der Nachmittagssonne warfen zitternde Streiflichter durch die blauen Vorhänge der Fenster und ver- goldeten das blonde Haar, das in reicher Fülle den edelgeform- ten Kopf und das ovale, mattweiße Antlitz der jungen Dame umrahmte. Sie konnte etwa zwanzig Jahrs zählen, aber ihre reinen, auffallend schönen Züge hatten den lieblichen, unschuldigen Ausdruck eines Kindes. Ihre Gestalt war eher klein als groß, mit zarten, biegsamen Formen; sie trug ein einfaches, graues Reisekleid und um die Schultern ein schwarzes Spitzentuch. Den breitrandrigen Strohhut hatte sie abgenommen und neben sich auf den Polstersitz gelegt. Sie saß ganz still und reglos da, die weitgeöffneten blauen Augen starrten unverwandt in die Landschaft hinaus, wobei ihre lieblichen Züge allmälig einen immer mehr träumerischen und abwesen- äio den Ausdruck annahmen, während dis kleinen Hände nervös mit dem Bügel eines Ledertäschchens spielten, das aus ihrem Schooße lag. Die Erscheinung der jungen Dame überraschte bald darauf den Fremden und fesselte seinen Blick. Er konnte sich nicht satt sehen an diesem goldig schimmernden Haar und dem kindlich-süßen Antlitz, das er verstohlen, aber mit unverhohlenem Entzücken betrachtete. Dabei fühlte er sich sonderbar ergriffen, das Herz pochte ihm mächtig in der Brust mit lauten Schlägen und das Blut stieg ihm heiß auf Stirn und Wangen. Er schüttelte den Kopf und lehnte sich sinnend zurück. Diese schöne Unbekannte weckte plötzlich alle Geister der Vergangenheit in ihm und kleidete sie in lebenswarme, leuchtende Farben. Ja, da« waren die lieblichen, feinen Züge des Mäd- chen«, das er einst so innig geliebt — das er noch liebte und niemals vsrgeffen hatte. Die Erinnerung an heitere, sonnige Tage seiner ersten Jugendzeit stieg plötzlich vor ihm auf und zugleich ein Gedanke an eine kleine, holde Spielgefährtin, deren Bild unauslöschlich in seinem Herzen eingezeichnet war. Er vergrub das Gesicht in beide Hände und verharrte lange bewegungslos in tiefes Grübeln verloren. Es war doch wunderbar, wie sehr das fremde junge Mädchen dort drüben am Fenster seiner ehemaligen kleinen Freundin glich Es waren dieselben Haare, dasselbe Gesicht und jener unwiderstehlich holdselige Reiz in jeder Bewegung, der nur ihr, der Unvergeßlichen, eigen war, die er vor acht Jahren, damals in knospender Jungfräulichkeit, zum letzten Mal gesehen hatte. Wie lang, wie erbarmungslos lang war die Zeit der Trennung für ihn' gewesen. Das Leben draußen in der weiten Welt hatte ihn nicht zart und schonend angefaßt, sondern mit rauher Hand berührt. Er hatte manchen Sturm ertragen, manches Leid erlitten und reiche Erfahrungen gesammelt. Jetzt stand er da auf eigenen sicheren Füßen in voller Manneskraft, festen Ernst in Sein und Wollen und mit jenem ruhigen Selbst- bewußtsein im Character, welches nur solche Menschen kennzeichnet, die allein mit inneren Kämpfen und äußeren Widerwärtigkeiten fertig zu werden verstehen. Und sie, die ihm einst so nahe stand — was war aus ihr geworden? Was hatte das Leben aus ihr gemacht? Wo weilte sie? Ob sie seiner wohl noch zuweilen gedachte? — Er strich wiederholt mit den weißen Fingern über seinen dunklen Vollbart, ein weiches Lächeln schwebte um seinen Mund und dann schaute er wieder mit forschenden Blicken auf seine Reisegefährtin. Er war kein dreistes Anstarren, aber eine magnetische Kraft mußte in seinen Blicken liegen, die ihre Macht auf das still und bewegungslos dasitzsnde junge Mädchen ausübte. Sie wandte langsam das blonde Haupt und sah ihn durchdringend an. In ihren blauen Augen lag ein so vorwurfsvoller, stolzer und zugleich rührend fragender Ausdruck, daß er auf Secunden in Verlegenheit gerieth und bestürzt die Wimpern senkte. In diesem Augenblicks verdunkelte ein breiter Schatten da« Coup« und ein bärtiges Gesicht drängte sich zum offenen Fenster herein. Es war der Schaffner, der die Fahrkarten zur Einsicht verlangte. Der fremde Herr reichte die seinlge sofort dem Beamten entgegen, während das junge Mädchen hastig und in augenscheinlicher Verwirrung in ihrer Handtasche danach suchte. Sie riß und zerrte dabei verschiedene kleine Gegenstände hervor, die achtlos zu Boden fielen. Bücher, Schmucksachm, Handschuhe flogen heraus, dann folgten ein paar in Papier gehüllte Butterbrödchen und eine Düte. Endlich fand sich auch die Fahrkarte wieder, welche sie dem schon ungeduldig werdenden Schaffner mit vor Aufregung bebenden Fingern übergab. Dann machte sie sich daran, die verstreut umherliegenden Sachen wieder anzusammeln und in ihrem Täschchen unterzubringen, bei welcher Beschäftigung ihr der fremde Reisende höflich einigen Beistand leistete. Sie erröthete stark, al« sie ihm ein paar Worte des Dankes sagte. Gleich darauf setzte sie sich wieder scheinbar gleichmüthig aus ihrem Platz zurecht, glättete ihr Kleid uns zog aus der Tasche desselben ein Büchlein in Duodezformat hervor, in dem sie eifrig blätterte. Es waren Geibels Gedichte. Aber sie las nicht, sie war zerstreut, ihre Gedanken durchschwsiften das Reich der Träume — bald hierhin, bald dorthin — ohne einen festen Haltepunkt zu find n. Auch der junge Fremde träumte mit wachen Augen; während das liebreizende Mädchen immer mehr und mehr sein ganzes Jniereffe in Anspruch nahm. Eine selige Ahnung hatte ihn erfaßt, der Klang ihrer Stimme war so bekannt, so vertraut in sein Ohr gedrungen, er hatte nichts gehört als den Ton, aber wie Eckenntniß war es dabei über ihn gekommen. Doch nun drängte es ihn gewaltsam dazu, sich Gewißheit zu verschaffen, ob ihn sein Ahnen betrog oder nicht. Er ge- i hörte nicht zu den lange schwankenden, langsam handelnden - Naturen, was er ernstlich wollte, führte er schnell au«. So l zauderte er auch nicht länger, sondern erhob sich rasch von [ seinem Sitze, trat vor das junge Mädchen hin und reichte ihr l die Rechte entgegen. „Hanna," sagte er mit tief bewegter Stimme, „Hanna, l Du bist es, Du mußt es sein, ich kann mich nicht täuschen! ' Nicht wahr, Du bist es ? ' Dann faßte er ihre kleine, weiße Hand und preßte sie s zwischen die seinen. Das Mädchen zuckte zusammen, wie er- ; starrt schauten die großen Blauaugen aus ihrem erblaßten ■ Gesicht. Sie versuchte die Hand zu befreien, die er festhielt, i die klare Stirn zog sich kraus zusammen und die Stimme ; klang verschleiert, als sie erwiderte: „Ja, ich bin's!" Fliegende Röthe stieg ihm jäh in's Gesicht und dann l überwältigte ihn ein solches Glücksgefühl, als wäre ihm plötz- i lich alle Seligkeit des Himmels zu Theil geworden. „Großer Gott, welch' glücklicher Zufall," rief er feuch, I „daß jetzt, gerade jetzt unsere Lebenswegs wieder zusammen- | treffen. O Hanna, Hanna, wie freue ich mich! Und mein t Herz erkannte Dich gleich, wenngleich noch Zweifel in mir z waren Du hast Dich im Grunde genommen wenig verändert, weder in de u kindlich-unschuldigen Ausdruck Deiner Züge, $ noch in der eigenthümlich anmuthigen Art Deines Wesens. Nur sehr gewachten bist Du und — schöner geworden. Aber liebe Hanna, Du bist so still? Du sagst kein Wort! Bist Du mir denn so ganz und gar entfremdet, daß Du nicht einmal den Willkommensgruß für mich übrig hast?" Sie gab keine Antwort, nur ein leichtes, melancholisches Beben bewegte ihre ganz entfärbten Lippen. Ec ließ bewegt | ihre Hand, fallen und blickte sie traurig an. „Freilich, es ist lange, lange her," fuhr er dann fort, I „seit unserer letzten Begegnung, und wir waren dann durch ; Länder und Meere geschieden. Als wir uns trennen mußten, l warst Du kaum dem Kindesalter entwachsen, eine zarte Blume, die noch kein rauhes Lüftchen berührt. — Doch wie ist er Dir seit jenen fernen Tagen ergangen ? Lebst Du noch immer bei Tante Regina im Magdalenenstift und fühlst Du Dich recht wohl bei dem alten Fräulein im Kloster?" Das Mädchen seufzte leise auf. „Tante Regina ist vor zwei Jahren gestorben," erwiderte sie, „dadurch haben sich meine Lebensverhältntsse verändert, ich mußte fort von der Heimath und eine Stelle als Stütze der Hausfrau bei fremden Leuten annehmen." „O, Du arme, arme Hanna!" rief er aus. „Gott im Himmel, so warst Du ganz verwaist, ganz verlaffen und ich wußte nichts davon, sondern glaubte Dich wohlgeborgen in Tante Reginas Schutz." Er beugte sich zu ihr hinab und streichelte ihr liebkosend das blonde, wellige Haar. „Warum gabst Du aber niemals ein Lebenszeichen von Dir, armes Kind?" fuhr er vorwurfsvoll fort. „Du konntest mir Nachricht senden, wir waren doch einst so befreundet. Ich hätte Dir helfen, für Dich sorgen können und niemals gelitten, daß Du das Ungemach allein durchmachen mußtest. Ja, warum schriebst Du nicht an mich?" Sie schaute ihn groß an, mit einem Blick voller Ver- ! wunderung und Stolz. Ihre Stimme klang hart, als sie nachdenklich vor sich nieder. Der junge Mann biß sich ärgerlich auf die Lippen, er stützte den Kopf mit unmuthigem Gesichtsausdruck in die Hand und lehnte sich stumm in die Polster zurück. So verharrten Beide geraume Zeit in tiefem Schweigen, sinnend, in tiefe Gedanken verloren, aber halbscheue Blicke, welche sich hin und wieder wehmüthig und in verborgener Gluth von Äug' zu Auge stahlen, berauschten Beide bis zum Vergeffen alles Deffen, was hemmend zwischen ihnen lag. Alle Thore der Vergangenheit sprangen vor ihnen auf, einen weiche, träumerische Stimmung bemächtigte sich ihrer und theure, süße Erinnerungen an die froh verlebte Jugendzeit wurden wieder wach irnd lebendig in ihrem Herzen, wie eine gewaltige Fluth strömten sie über sie hin. Dort drüben in den grünen Harzbergen, deren majestä- Im Winter, wenn es bitter kalt war im rauhen Harzgebirge, wenn wilde Stürme um die Berggipfel tobten und Wald und Thal ein weißes Leichentuch deckte, dann saßen die Kinder fröhlich beisammen in der warmen Wohnstube des alten Pfarrhauses. In der Ofenröhre brieten Aepfel und ihr feiner, aromatischer Duft erfüllte das ganze Zimmer mit Wohlgeruch. Der Herr Pastor saß nebenan im kleinen Studierstübchen, aber Tante Regina, des alten Herrn ledige Schwester, welche ihm seit dem frühen Tode der geliebten Gattin die Wirthschaft führte, leistete den beiden Kindern ge- treulch Gesellschaft. Diese milde, still bescheidene, alte Jungfrau hatte ein Herz wie Gold; rastlos thätiz im Haushalt, tische Felsenkuppen aus bläulichem Nebeldust so vertraut zu ihnen herübergrüßten, hatten Beide das Licht der Welt erblickt. Dort befand sich ein gar freundliches Städtlein mit niedrigen, spitzgiebeligm Häusern und einem altersgrauen Schlosse, das mit feinem in edlem Stil gehaltenen Gemäuer frei und stolz auf die rothen, bescheidenen Dächer des kleinen Ortes herniedersah. Droben in dem feinen, vornehmen Ritter- schlosse hatte einstmals — es war schon lange her — Land- raths Curt gewohnt und weit abseits in dem von Weinreben umsponnenen schlichten Pfarrhause Pastors kleine Hanna. Beide Kinder waren einst unzertrennliche Gefährten gewesen, gleichsam ein Herz, eine Seele. Das eine war so jugendfroh, so frisch, so wild und so unschuldig wie das andere. Sie spielten, jubelten und lachten miteinander, sie liefen zusammen in den Wald und kletterten auf die Berge, im Winter und Sommer, bei Sonnenschein und Regen, ohne Unterlaß Sie hatten sich lieb und hatten sich gern, für andere Kinder fanden sie kein Interesse. Daß Landraths Curt sechs Jahre mehr zählte, als die kleine Hanna, das that ihrer treuen Freundschast und Kameradschaft keinen Abbruch. Curt wanderte täglich in's Pfarrhaus, um beim Herrn Pastor Lateinisch und Griechisch zu lernen. Kaum waren aber die Stunden beendigt, dann warf er freudig die langweiligen Bücher bei Seite und lief mit der herzigen Spielgefährtin in's Freie. erregter Stimme. ,,D» klar werden zwilchen uns. Allerdings muß ich mich in Vielem schuldig und nachlässig bekennen und ich werde Alles aufbieten/ um Deins Verzeihung zu erlangen. Du mit Deinem empfindlichen Feingefühl hast Dich durch meine Zurückhaltung beleidigt gefunden, er kränkte Dich, daß unser Verkehr jäh abgebrochen wurde, daß ich Dir kühl begegnete. Dein Mädchen- stolz litt darunter, aber ich — ich litt nicht weniger als Du, «»» um *».•» •—-- ich stand Qualen aus, die mich manchmal niederschmetterten I kessel liegt, vom Hexentanz auf dem Brocken in der Walpurgis- und die ich nur mit eiserner Willenskraft und Energie zu | nacht, vom Mägdesprung und der Roßtrappe, sie war erne überwinden vermochte." I unermüdliche Erzählerin und Curt und Hanna lauichten mit „Lassen Sie doch das Vergangene ruhen, ich bitte Sie," ! brennenden Wangen und leuchtenden Augen und schmiegten unterbrach ihn das Mädchen mit mattem Ton. „Wozu das I sich dann vor Gruseln noch fester aneinander. heraufbeschwören, was schmerzlich ist. Emmal Geschehenes i Was waren das noch für wonnige, glückselige Stunden läßt sich nicht ungeschehen machen P I und Tage gewesen, so voll unbeschreiblicher, durch kemen Sie preßte die zusammengeflochteneu Hände fest gegen die | Schatten getrübter Seligkeit, daß noch jetzt in der Ermnerung Brust, wendete den Kopf von ihm ab und blickte ernst und I daran den beiden, so kalt und fremd einander gegenüberfitzen- -- - ■ 1 den Menschen das Herz stürmisch in der Brust hämmerte. Doch Alles auf der Welt ist dem Wechsel und der Vergänglichkeit unterworfen, auch Curts und Hannas Glück und Seligkeit nahmen frühzeitig ein Ende. (Schluß folgt.) sagte: Ich hätte schreiben sollen-— ich — an Sie? Und glauben Sie, daß ich Ihnen jemals mit meinen Angeleger- heilen lästig gesallen wäre?" „Aber mein Gott, ich war doch Dein bester, nächster Freund, liebe Hanna! Es wäre ganz natürlich gewesen, wenn Du Dich an mich gewendet hättest. — Ich würde Dir sofort zu Hilfe gekommen sein und —" Das Mädchen machte eine abwehrende Handbewsgung und ihre schön gezeichneten Augenbrauen zogen sich finster zusammen, als sie sagte: „Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre freundliche Absicht, Herr von Bartenstein, aber wir sind uns fremd geworden. Sie haben mich während vieler Jahre , ... . „ gemieden wie eine ansteckend Kranke und lieber hätte ich Salz | vertrat sie mit warmem, zärtlichem Empfinden Mutterstelle und Brod gegessen als Ihre Hilfe in Anspruch genommen." ! bei der kleinen Hanna. Ab-r auch Curt, dem gleichfalls die Aber H»nna weshalb diese Bitte-keit V rief er mit | Mutterliebe fehlte — der Landrath war Wittwer — hatte " - • Du beurtheilst mich falsch. Doch es soll | sie ihr gütiges Herz zugewendet. Für die beiden kleinen " ■ " ‘' ’' ’ ' * Durchgänger — so nannte sie die Kinder — hielt sie stets etwas Gutes bereit, Nüsse, süßes Backwerk, saftig. S Obst und anderes Naschwerk, und wie glücklich strahlten ihre Augen auf, wenn es ihren Lieblingen schmeckte, was übrigens immer der Fall war. Auch herrliche Märchen verstand sie zu erzählen und wunderbare Harzsagen vom verwunschenen Ritter Goto und der holden Prinzessin Ilse, deren goldene Krone im Bode- Kypnotismus. (Schluß.) Seltener sind dis unwillkürlichen Bewegungen der Suggestion zugänglich. Ob dis Athmung und der Puls während der Hypnose spontane Aenderungen zeigen, ist fraglich. Manche Schwankungen erklären sich durch die psychische Erregung, sind mithin nicht von der Hypnose abhängig. Ueber den Einfluß der Suggestion auf das Herz liegen wenig Untersuchungen vor. Hingegen konnte man öfter durch Suggestion die Athmung auf einige Zeit unterbrechen. Auch ist e» möglich, suggestiv Erbrechen und Stuhlgang zu erzeugen. Amßerst selten gelang es, organische Veränderungen durch Suggestion hervorzubringen. Hierher gehörige Versuche wurden unter anderem von Forel und Moll veröffentlicht, bedürfen aber, wie beide Autoren hervorheben, einer genauem Controlls, als sie gewöhnlich stattfand. Während man früher annahm, daß nach Aufhöcen der Hypnose die Erinnerung an das während derselben Vorgefallene fehle, hat man später erkannt, daß in den meisten Fällen keine Erinnerungslosigkeit besteht; von der vollkommenen Erinnernng bis zur Amnesie (Erinnerungslosigkeit) gibt es allerdings zahlreiche Zwischenstufen. Wenn auch im wachen Leben Amnesie besteht, so erinnert sich die V rfuchsperson in einer spätem Hypnose fast stets dessen, was in rüheren Hyp. nosen vorgegangen ist. J-i dieser besteht aber auch Erinnerung an das, was während des wachen Lebens vorfiel, so daß der hypnotische und der nichthypaotische Zustand einen verschiedenen Bewußtseinsinhalt haben. Man nennt diese Erscheinung doppeltes Bewußtsein. Durch Suggestion kann man das Gedächtnis in der Hypnose beeinflussen: man kann den Hypnotischen einzelne Vorgänge vergessen lassen, andre fälschlicherweise an deren Stelle setzen, wodurch Erinnerungstäuschungen, die retroaetiven Suggestionen, entstehen. — 212 — Er vergißt z. B. der Hypnotische, daß er zu Mittag gegessen hat, er vergißt, wo er geboren ist, oder er glaubt, ob» wohl in Berlin geboren, daß Breslau sein Geburtsort sei- Durch posthypnotische Suggestion kann man diese Erinnerungstäuschungen in das wache Leben hinübersühren- Die posthypnotische Suggestion besteht darin, daß während der Hypnose eine Suggestion eingepflanzt wird, deren Wirkung stch erst nach dem Erwachen zeigt: ein Hypnotischer erhält den Befehl, nach drei Tagen zu A zu gehen und beim Eintritt in besten Zimmer ein Glas Master zu verlangen. Derartige Aufträge werden pünktlich ausgeführt, obschon die Erinnerung an den Auftrag fehlt. Die posthypnotischen Suggestionen realistren sich bet geeigneten Versuchspersonen selbst längere Zeit nach dem Erwachen; noch nach Monaten, ja nach einem Jahre, wurden diese Suggestionen verwirklicht- Ebenso wie Handlungen kann man auch posthypnotische Sinnestäuschungen suggeriren. Die Zustände, in denen sich posthypnotische Suggestionen realistren, sind verschieden. Wenn zwischen dem Erwachen und der Realtsirung des Befehls das Sujet normal ist, so tritt während derselben mitunter eine neue Hypnose ein; zuweilen bleibt die Versuchsperson aber auch vollkommen wach, während sie die Suggestion aussührt- Während man früher ännahm, das Bewußtsein sei in der Hypnose erloschen, mußte dies als irrthümltch erkannt werden, sobald man im wachen Zustand oder in der neuen Hypnose die Erinnerung wieder auftreten sah. Denn wenn man sich gewisser Vorgänge aus einer früher« Zeit erinnert, so muß in dieser Bewußtsein bestanden haben. Ebensowenig wie die Hypnose ein Zustand von Bewußtlosigkeit ist, besteht in ihr absolute Willenslostgkeit, wenn auch der Wille herabgesetzt ist. Viele Suggestionen gelingen nur dann, wenn zahlreiche Versuche gemacht worden sind und der Hypnotische der Dressur unterworfen war. Aber selbst nach vielen Versuchen können Handlungen, die dem Character der Person widersprechen, meistens nicht suggerirt werden. Die theoretische Auffassung des Hypnotismus ist noch unklar. Heidenhain sprach die Ansicht aus, die Thätigkeit der grauen Hirnrinde sei in der Hypnose gehemmt; Wundt führt die Erscheinungen auf eine vermehrte Thätigkeit einiger, auf verminderte Thätigkeit anderer Hirntheile und auf Veränderung der Blutcirculation zurück. Auf psychologische Theorien sei kurz hingewiesen. Gurney faßte die Hypnose als Zustand psychischer Reflexthätigkeit auf; nach Max Dessoir ist die Hypnofe ein Zustand, in dem das Unterbewußtsein vorwiegt. Während die einen in der Hypnose einen krankhaften Zustand erblicken, gehen andere so weit, die Hypnose als einen dem gewöhnlichen Schlaf identischen oder verwandten Zustand zu betrachten. In neuerer Zeit trat das Bestreben hervor, von dem Hypnotismus einen practischen Nutzen in der Heilkunde zu ziehen, ein Bestreben, das von der Nancyer Schule gefördert wurde. Doch schien Anfangs die Gefährlichkeit die Verwerthung der Hypnose zu verbieten. Indessen erkannte man später, daß die Gesahren nur dann zu befürchten sind, wenn man die Versuche ungeschickt macht. Zu den Krankheiten, die durch Hypnose geheilt oder gebessert werden, gehören zahlreiche Neurosen, d. h. zahlreiche Nervenkrankheiten, bei denen organische Veränderungen fehlen, z. B- hysterische Lähmungen, nervöse Kopfschmerzen, Neuralgien, rheumatische Schmerzen. Hierher kann man ferner das Stottern, den Morphinismus, den Alkoholismus rechnen, die oft durch die hypnotische Suggestion gebessert werden konnten. Im Zusammenhang mit der Behandlung durch hypnotische Suggestion steht die Suggestion ohne Hypnose. Beide Arten zusammen umfassen die Suggestionstherapie. Durch genauere Berücksichtigung der Suggestion sind Aerzte zu der Ansicht gekommen, daß die günstige Wirkung vieler Heilmittel auf deren psychifchem Einfluß beruht, indem der Patient an ihre Wirksamkeit glaubt und dadurch geheilt wird. In forensischer Beziehung hat Bentivegni auf die civilrechtliche Bedeutung des Hypnotismus hingewiesen Außerdem ist noch die strafrechtliche Seite zu berücksichtigen. Hypnotisirts können das Opfer oder das Werkzeug von Verbrechen fein. Praktische Bedeutung haben bisher nur Fälle der ersteren Art gehabt; es handelt sich dabei nur um Nothzucht an hypnotistrten Personen, die nach unseren heutigen Gesetzen bestraft wird. Die Frage, ob Jemand durch Suggestion einen Hypnotistrten zur Begehung eines Verbrechens benutzen kann, wird verschieden beantwortet. Von einigen wird die Möglichkeit bestritten, zumal da Niemand zu einer seinem Character widerstrebenden Handlung durch Suggestion gezwungen werden könne; die Unmöglichkeit solcher criminellen Suggestionen kann aber doch nicht behauptet werden. Er sei noch auf die Benutzung künstlicher Erinnerunzstäuschungen, der retroaktiven Suggestionen, zur Fälschung von Zeugenaussagen hingewiesen; es ist dies eine Gefahr, die von Manchen für sehr groß gehalten wird. Litermvisches Allgemeine Kunstgeschichte von Professor Dr. Alwin Schultz. Verlag der G. Grote'schen Verlagshandlung. (Müller-Grote und Baumgärtner) Berlin, 3. Heft soeben erschienen. Die Kunstgeschichte ist ein bevorzugtes Gebiet geistigen Ergehens. Die Kunst ist Aller Freude; ein jeder hält sie werth; am Genuß ihrer Schöpfungen will jeder sein Theil haben; in dem großen Kreise der Kunstfreunde ist redliches Streben nach tieferm Verständniß und richtiger Würdigung der Kunstwerke rege: das Selbststudium der Kunstgeschichte gewährt bleibende Befriedigung. Das hier angezeigte neue Werk soll edler Neigung für die bildenden Künste fördernd dienen und es darf deshalb allseitiges Interesse für sich erhoffen. Es tritt auf als eine ernste, gediegene Arbeit in schöner Erscheinung; es ist ein Werk für jeden Beruf und alle Stände, die am geistigen Leben theilnehmen, em Weck für jeden, der Sinn für die Kunst und für das Schöne hat, ein Werk, das nicht nur in der Bibliothek und in dem Bücherschränke stehen, sondern namentlich auch durch häufige Benutzung am Familinv tisch zu einem anregenden und bildenden, nutzbringenden, lebendige» Wirken gelangen will. Dieses Ziel in's Auge zu fassen und durch ein neues, zeitgemäßes Werk würdig zu erstreben, gab die Lage des wissenschaftlichen Stoffgebietes der Kunstgeschichte und das Bedürsniß des Publikums an die Hand: es war Zeit und es war eine Nothwendigkeit geworden, die reichen Ergebnisse der neueren kunsthistorischen Forschung zusammenzufassen und auszngestalten zu einer unseren modernen Anforderungen genügenden neuen Darstellung des Entwickelungsganges der bildenden Künste in seinem vollem Umfange: von den alten Aegyptern herab bis auf unsere „Modernen" — von zuverlässiger Wissenschaftlich keit in der Anlage, klar, geschmackvoll und anregend in ihrer Form. Ausgeführt mit dem größten Aufwand von künstlerischer, technischer imi> kritischer Arbeit, bieten die Abbildungen in ihrer Gesammtheit eine die künstlerisch bildende Thätigkeit aller Völker umfassende glänzende Illustration der Entwickelung der Kunstgeschichte. Viel Schönes und Werthvolles bietet das neue Werk für einen Preis, der so äußerst billig nur hat bemessen werden können einerseits in der Erwägung, daß ein solches Werk nicht da sein soll für nur wenige, sondern vielmehr für alle Kunstfreunde und andrerseits in der Hoffnung, daß es denn auch in den weitesten Kreisen derselben ungetheiltm Anklang und überall warme Aufnahme stnden werde; das lieferungsweise Erscheinen gestattet die Anschaffung, ohne die Ausgabe des Preises zu empfinden. „Beim Einkauf" betitelt sich eine für die Frauenwelt besonderes Interesse bietende Studie aus den modernen großen Modebazaren, die mit hübschen Illustrationen versehen das soeben erschienene 16. Heft der beliebten Halbmonatsschrift »Dom Adils znm Mfit* (Union Deutschs Verlagsgesellschaft in Stuttgart. Preis des Heftes 75 Pfg.) eröffnet. Gleiches Interesse beansprucht der weitere Inhalt des Heftes, so namentlich der Aufsatz „Ueber schmerzloses Zahnausziehen" von Professor Dr. F. Busch, die Charakteristik der Wiener Tragödin Adele Sandrock von A. Bettelheim, das malerische Bild „Eine Sängerin der Heilsarmee in London", die Plauderei „Der Club der Unzufriedenen" mit dem originellen Bilde einer Versammlung von Hunden verschiedener Rassen, der Kunstartikel über den Maler F. Doubek, die Biographie der jetzt vielgenannten italienischen Dichterin Ada Negri (mit Porträt), der mit prächtigen Bildern geschmückte Bericht über eine „Wohlthätig- keitsvorstellung der Berliner Hofgesellschaft" u. a. m. Zu den führenden Romanen „Ein Schlagwort der Zeit" von F. Zabeltitz und „Jadiviga" von Carl Busse tritt eine in dem Heft abgeschlossene Novelle „Eine Gewitternacht" von Hermine Villinger, eine der schönsten poetischen Gaben der süddeutschen Dichterin. Auf dem Umschläge fesselt unfern Blick die japanische Station der „Hochzeitsreise um die Welt", eine originelle Scene aus Yokohama von größtem Farbenreiz. Inhalt und Ausstattung von „Vom Fels zum Meer" erheben das Blatt weit über das Niveau der sonstigen illustrierten Zeitschriften. Prtectien: X. Scheyda. — Druck im» «erlag der Brühl'schcn UniversttätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Schehda) in Sich«.