WterhallmgMatt ?«m Meßmer Anzeiger (General Anrriger). • --i/:V"'l 1 .... t z' -"• '", f **-'X ,■ tzWAM, '" . . -.'vC ZMfcöM Unebenbürtig. Itemen »on H. von Ziegler. (Fortsetzung.) In ernstem Gespräch saßen beide Männer noch eine lange Zeit sich gegenüber, endlich erhob sich der Baron zum Gehen, abermals schüttelte er warm und freundlich des Sängers Hand. „Wir wollen von nun an Freunde sein, zur Stetten," sagte er, „und noch heute werde ich dem Grafen Wildenstein und seiner Gemahlin anzeigen, daß meine Verlobung mit Gräfin Therese gelöst ist und ich gleichzeitig als Fretwerber für sie auftrete." „Die Eltern werden natürlich nichts von der Sache wissen wollen." „Nein; fie werden sogar erklären, daß Therese, wenn sie nach erfolgtem Mündigwerden bei ihrem Entschlüsse bleibt, aus der Familie aus gestoßen und ihr Nams in der Stammtafel gestrichen wird." Zur Stetten fuhr erschrocken zurück. „Um den Preis darf ich Therese nicht erringen! Baron Hohenthal, sagen Sie ihr, daß . . „Sie hat gewählt, mein Herr; ihren Entschluß zu ändern vermag kein Mensch, denn ihre Liebe zu Ihnen ist unvergeßlich und wie ich Comteß Therese kenne, ist es ihr Tod oder ihr grauenvolles Unglück, wenn fie nicht Ihre Frau werden sollte." Der stattliche Mann wandte sich ab, seine Hand wühlte im Haar und mit erstickenden Tönen stieß er hervor: „O, Allmächtiger, wie soll ich's ihr vergelten! Ich kann nicht Alles zertrümmern, was ihr bisher gehört, was ihr theuer gewesen war und noch ist." „Machen Sie die Comteß glücklich, Herr zur Stetten, so wird sich vielleicht der Groll der Eltern besiegen lassen- Und nun Muth, ich will, so viel es geht, Ihnen die Wege ebnen." Sie trennten sich und Hohenthal begab sich zurück in das Wildenstein'sche Haus, wo ihm Therese entgegentrat; als sie in sein Antlitz sah, halb ängstlich forschend, halb auch völlig überzeugt, da glitt ein heller Strahl über dasselbe und sie rief erschüttert au»: „Eie haben ihn gesehen und gesprochen, Eduard, und Sie wissen nun, daß ich nimmer von ihm lassen kann." „Ich weiß es, Therese, und ich bin überzeugt, daß zur Stetten Ihrer würdig ist- Gott mache Euch Beide recht, recht glücklich." Wie segnend legte er die Hand auf Theresens Haupt und doch zuckte es in seinem Herzen so schmerzlich. Sporenklirrende Schritte kamen näher, und unbefangen trat Graf Rudolf ein, der soeben erst Hohenthal» Ankunft erfahren hatte. „Grüß' Gott, Eduard," rief er erfreut, „sage nur, Mensch, was führt Dich so plötzlich her und Therese weint? Ja, sprecht doch, ist ein Unglück geschehen?" „Nein, Rudolf," fagte Hohenthal und reichte ihm mit festem Drucke die Hand, „aber ich komme zu ernster Rücksprache — ich habe soeben meine Verlobung mit Gräfin Therese — gelöst!" „Hohenthal, bist Du von Sinnen? Was soll das heißen? Es ist nicht Dein Ernst!" „Doch!" Der Baron biß sich vor Schmerz in die Lippen, um nicht laut aufzustöhuen. „Die Gräfin zürnt mir auch nicht darüber —" „Nein, Baron, das ist zuviel! Diesen Edelmuth kann ich nicht annehmen, Rudolf soll die ganze Wahrheit erfahren. Ich selbst habe den Herrn Baron gebeten, mich freizugeben," erklärte Therese schluchzend. Graf Rudolf» Antlitz zog sich unheilvoll drohend zusammen. „Das sind ja eigenthümltche Entschlüsse, denen doch wohl mehr al» eine Laune zu Grunde liegt." „Allerdings!" entgegnete Therese fest und richtete sich hoch und stolz in die Höhe, j:der Zoll eine Tochter der Wildensteins, „ich habe eingesehen, daß ich den Baron nicht lieben kann, weil mein Herz einem Anderen gehört." „Einem — Anderen!" Wie ein Blitzstrahl fiel eine Ahnung der Wahrheit in des Grafen Seele» doch sofort unterdrückte er dieselbe, denn es konnte, es sollte nicht sein! „Und ich danke es Comteß, daß sie mir dies mittheilte, wir wären sonst Beide unglücklich geworden. Deshalb bin ich hier, Rudolf, um es den Eltern so schonend wie möglich mitzutheilen." Therese«» Hände umschlangen de» Bruder» Arm, mit ies Al» er in den Salon zurückkehrte, fand er Rudolf noch immer mit verschränkten Armen am Fenster stehend und regungslos in den düster werdenden Decemberabend starrend; theilnehmend legte er die Hand auf dessen Schulter. „Armer Freund," sagte er traurig, „wer hätte gedacht, daß uns Allen so schweres Leid bevorstände!" „Und Du kannst so reden, Eduard," fuhr der Graf auf, „Du, der Therese in ihrem Wahnfinn bestärkt." „Ich bleibe ihr treu in der Noth," antwortete der Baron einfach, „das ist Alles! Denn stehst Du, Rudolf, so wie ich Therese kenne, wird ste zur Stetten, der übrigens ein durchaus gediegener, feingebildeter Mann ist, treu bleiben, weil ste chn liebt — genau so liebt, wie ich sie. Ihr Brief neulich bat mir das Herz zerrissen, hat all' die köstlichen Luftschlösser einer glückseligen Zukunft für immer vernichtet, aber zürnen kann ich ihr nicht, dazu habe ich sie viel, viel zu lieb." Wildenstein kämpfte schwer mit sich, plötzlich warf er sich an des Freundes Brust. „Hohenthal, Du bist besser als ich; ich bewundere Dich, Gott segne Deine Treue und Liebe für meine Schwester." Der Baron hatte recht, das Schwerste kam noch, die Auseinandersetzung mit den Eltern. Voller Staunen begrüßten sie ihn, sie merkten sogleich, daß seine Anwesenheit, wie auch Rudolfs finstere Miene irgend einen Grund haben müsse und drangen auf Erklärung. „Ich bin gekommen, meine Verlobung mit Therese aufzulösen," begann er nochmals, „ste kann mich nicht lieben und ich will sie nicht unglücklich an meiner Seite wissen." ~ , „Unsinn," fuhr der Graf in die Höhe, „das hättet Ihr Euch Beide eher überlegen müssen, aber nun ist es zu spät, eine Wildenstein bricht ihr Wort nicht um einer mädchenhaften Grille wegen. Um Weihnachten heirathet Ihr und damit basta!" „Therese ist wie wahnsinnig, Vater," unterbrach ihn Rudolf düster, „sie liebt einen anderen Mann und zwar einen bürgerlichen!" , „Mag sie doch! Deswegen wird sie ihn noch lange nicht heirathen; sie ist eine Wildenstein, die ihrem Stand und Namen verpflichtet bleibt." „Eben weil sie eine Wildenstein ist," sagte Hohenthal schwer betonend, „wird ste nicht von ihrer Liebe lassen. Des Wildenstein'schen Geschlechtes Wahlspruch ist: Getreu durch Leid." „Wo ist das Mädchen?" fragte der Graf, dessen Stirn- aber bedenklich anschwoll, „sie soll selbst reden und e» wäre wunderbar, wenn sie keine Vernunft annähme." „Ich werde die Comteß benachrichtigen," bat der Baron, sich erhebend, „aber Herr Graf, lassen Sie sich erbitten, schonen Sie sie. Sie ist schon furchtbar erregt durch diese ©eenen und Seelenkämpfe." „Und was sagen Sie von sich, Eduard?" fragte der Am geredete grollend. „Ihr bleiches Gesicht spricht wahrer, als Ihr Mund: Sie leiden entsetzlich." „Dar habe ich nicht geleugnet und werde es nicht," gab der Baron ernst zurück, „und dennoch bleibe ich Theresen» Freund — gerade weil ich bis an mein Lebensende sie lieben muß und will." , . Er ging, kopfschüttelnd schaute der Graf ihm nach und Rudolf sagte widerwillig bewundernd: „Ein Phantast ist und bleibt der Eduard I Aber in der Sache selbst kann er sogar Therese nicht Recht geben. • Sie will — den Sänger zur Stetten heirathen." „Ich ahnte es seit nun acht Tagen," murmelte die Gräfin, welche gleich beim Beginn der Unterredung in einen Stuhl gesunken war. „Seine Blicke nach unserer Loge, Theresens Erröthen fielen mir auf, aber dennoch hätte ich nie einen solchen Ausgang vermuthet." „ ,, „Es wird aber nichts daraus," rief der Graf, blauroty im Gesicht vor Wuth, und feine Faust fiel dröhnend auf den Tisch nieder, „noch ist sie minderjährig und bi« zum Frühjahr wird ste zehnmal anderer Meinung." de« blam« Mädchenaugen blickte sie ihn flehend an und, «äh- rend heiße Thränen über ihre Wangen rollten, sagte ste fest und deutlich: „Ich liebe Friedrich zur Stetten und werde sein Weib werden- Rudolf, hast Du kein gutes Wort für mich?" Er zuckte zusammen, eine Blutwelle schoß über die finstere Stirn und mit harter, zäher Bewegung schüttelte er ihre Hand ab. „Wenn Du nicht im Wahnsinn redest, Therese, dann allerdings habe ich kein Wort für Dich - höchstens eines der tiefsten Verachtung." , . „Gemach, Rudolf," warnte Hohenthal, den Finger hebend, „bedenke wohl, was Du sprichst! Ein Wort wiegt schwer int Leben." „Hohenthal," rief der Graf schneidend, „Du sprichst für sie, Du, dessen ganzes Lebensglück dieser Bühnenheld ver» nichtete ? Hast Du denn Fischblut in den Adern, Mensch, oder hältst Du nichts mehr auf Namen und Wappenschild?" „O doch," sagte der Baron ernst, während seine Lippen schmerzlich zuckten, „ich bin ein Aristokrat, der niemals einen Fleck auf dem Wappen dulden würde, was ihm die Vorfahren erworben haben, und wenn Du wüßtest, wie furchtbar ich gekämpft, dann würdest Du nicht von Fischblut reden." „Und dennoch willst Du Therese beistehen, ihr das Wort reden in dieser hirnverbrannten Liebesmarotte?" „Es ist keine Marotte, Rudolf, sondern Liebe," fiel die Eomteß mit bebenden Tönen ein. „Thörichtes Mädchen," — seine Augen flammten wild, seine Fäuste ballten sich, — „ich bin kein unreifer Knabe, dem man den Mund stopft mit den Worten: Das verstehst Du nicht. Aber ich sage Dir, und wenn ich bis zum Wahnsinn liebte, ich schnitte mir eher die Adern auf und endete al« Selbstmörder, als daß ich einen Querbalken in mein gräflich Wappenschild aufnähme." „ t „Aber ich bin nur ein Mädchen," flehte sie hinreißend, „was thut es dem Glanze des Stammbaumes, wenn ich den Mann heirathe, den ich liebe." „Es thut nichts," sprach Rudolf schneidend, „nur der Name wird durchstrichen, Du selbst hinausgewiesen au« unserer Familie, denn so lange die Wildensteiner existiren, ist noch nie zuvor Eomödiantenblut unter ihnen gewesen. Doch halt, noch ein«, Du bist nicht mündig und der Vater wird es ein» ' ’ „Mer Du weißt wohl, Rudolf," warf Therese kalt da- zwischen, „daß ich im Frühjahre einundzwanzig Jahre, mithin majorenn werde; nachher kann auch das väterliche Verbot mich nicht hindern, zu heirathen." „Wenn es nicht die Liebe zu Denienigen thut, die Dich erzogen und behütet haben," seufzte Wildenstein etwas mildes „Therese, überlege den Schritt, welchen Du thust; wende Dich nicht von uns um jene, Mannes willen." „Aber ich kann ihn nicht lassen, Bruder," schluchzte sie bitterlich, „ich liebe ihn mehr, al« Vater und Mutter, und wenn 'ch ihn verliere, so kann ich nicht leben und nicht glück- rix " „Nun denn," sagte er hart, während seine Hände in furchtbarem Weh sich zusammenballten, „so wirst Du wenig- sten« lernen müssen, ohne Eltern und Bruder in der Welt „Rudolf," schrie Therese außer sich, „sei nicht so er» barmungslo«! Kannst Du'« denn über'« Herz bringen, mich hinauszustoßen aus den Reihen der Familie?" „Ich kann'«," gab er eisig zurück, feine Stimme klang schneidend, „um meiner Väter ererbte» uraltes Wappenschild fleckenlos zu erhalten, ist mir nichts zu schwer I" „Nun denn, Gräfin Therese," fiel Hohenthal vermittelnd ein, „wenn sich Alles von Ihnen wendet, so bleibt Ihnen weniastens ein Freund. Gehen Sie nun ein wenig ausruhen; wenn" Ihre Eltern heimkehren, kommt noch das Allerschwerste ^Freundlich tröstend wie ein Kind führte er das schluchzende Mädchen hinüber und verließ sie mit dem Versprechen, sobald er den Eltern die Sachlage mitgethM, sie hinein zu h-len- - ISS „Doch nicht, ste ist auch i« Betreff des Festhaltens eines einmal gefaßten Vorsatzes eine echte Wildenstein." Die nun folgende Unterredung war eine stürmische, wenn schon der Ton der Stimmen kein anderer, erhöhter wurde. Therese stand todtenbleich da, allein den Anderen gegenüber, doch fest und unerschütterlich. „Ich kann nicht von ihm lassen," sagte ste tonlos, Thränen rannen über ihre Wangen, „wenn Ihr mich von Euch stoßt, so gehe ich — aber mit ihm und Eduard wird uns treu bleiben." „Du bist nicht mündig," fuhr der Graf kalt fort, „bis zu Deinem Geburtstag im April stehst Du noch unter meiner Gewalt und ich gebe jene verrückte Parthie ein für allemal nicht zu." „So werde ich warten, Papa, aber nicht hier, sondern —" „Bei meiner Schwester, Gräfin Western," unterbrach Baron Hohenthal seine ehemalige Braut und trat an ihre Seite, „sie wird Comteß mit offenen Armen aufnehmen." „Dein Heirathsgut erhältst Du am Geburtstage ausgezahlt," sprach der Vater weiter, während die Mutter das Antlitz verhüllte, „alle weiteren Ansprüche an ein späteres Erbe erlöschen von Stund an, denn ein Kind, welches dem Willen der Eltern trotzt, verliert dadurch das Anrecht an's Vaterhaus." Ein gellender Schrei Theresens unterbrach den Mitleids« losen Ausspruch, sie flog zur Mutter, kniete bei ihr nieder und rief angstvoll: „Mama, o Mamal Ist das wahr, stößt auch Du mich hinaus in die Welt, aus Deinem Herzen und Gedächtniß? Liebst Du mich denn auch nicht mehr, weil mein Herz einen herrlichen, edlen Mann gewählt?" Diesem Appell an ihr Mutterherz vermochte die bleiche Frau nicht zu widerstehen; ohne das finstere Antlitz, die drohende Geberde ihres Gemahls zu beachten, öffnete sie beide Arme und zog die weinende Tochter an ihr Herz. „Therese, mein Liebling, mein Kindl Nein, nein, ich höre nicht auf, Dich zu lieben, ich kann'» nicht, was auch die Menschen sagen werden. Wenn Du jenen Mann liebst, so ziehe hin — mein Segen wird den Fluch des Vaters aufheben, mein heißes Gebet Dich überall hin begleiten. Ja, ich bleibe Deine Mutter, mein armes Kind, geh' mit Gott l" Dann sanken ihre Arme herab und sie schritt zur Thür hinaus, wankend, wie gebrochen; auf der Schwelle wandte sie sich nochmals um und warf der Tochter einen wehmüthigen Blick zu. „Lebe wohl, wir werden uns nie mehr sehen!" Leidenschaftlich aufschluchzend flog Therese ihr nach, doch die Thür fiel zu, das unglückliche Mädchen sank vor derselben bewußtlos zu Boden. Baron Hohenthal stand sogleich neben ihr und hob sie auf. Der Graf blieb unbeweglich und auch Rudolf löste die verschränkten Arme nicht, um zu helfen - und doch litten Beide gleichfalls unsäglich. ,, , "Morgen früh reise ich mit Comteß ab," nahm Hohen« thal endlich das Wort und bot dem Grafen ernst die Hand »Enn ich auch ihren Entschluß, diesen Mann zu heirathen, nicht gutheißen kann, so muß ste doch, nachdem sie das Vater« Haus verloren, irgend eine Stütze haben, bis sie endlich bei« Wildenstein, wollen Sie mir sagen, daß ich recyr handle? nnd warm preßte der Angeredete des Barons Hand. .Gott lohne Ihnen, was Sie an meinem Kinde thun I Sie sind beffer, tauftndmal besser als ich, der ste hinausstoßen mebr Ruk- ’S willen Denn ich hätte nimmer, mehr Ruhe gehabt im Leben und im Sterben, wenn ich den Flecken nicht von memem Wappenschilds getilgt. Aber Sie lieben Therese und — schlagen sich selbst mit Ruthen!" „Eben weil ich sie liebe, kann ich sie nicht unalücklich sehen, war siegt an mir? Ohne Liebe hätte ich ihren Schwur am Altäre doch nicht verlangt, es ist besser, daß Alle» jetzt so h,“n« At spater. Morgen früh um neun Uhr komme Äff- ru holen; mag die Jungfer bis dahin ihren Koffer packen und Alle» ordnen." Als Therese aus ihrer tiefen Ohnmacht wieder zu sich kam, lag sie in ihrem Schlafzimmer auf der «haifelongue, und die Jungfer war um sie her beschäftigt. „Hier ist ein Billet vom Herrn Grafen," berichtete sie mit einem forschenden Blick auf ihre junge Herrin, „er ist Besuch gekommen und die Herrschaften wollten Comteß nicht mehr stören." Mit bebenden Fingern löste Therese da» Siegel des Billet«; auf wappengeschmücktem Bogen, gewiß nicht ohne Absicht, hatte der Graf nur wenige Worte geschrieben: „Morgen früh neun Uhr fährt Hohenthal vor, um Dich und Dein Gepäck abzuholen zur Gräfin Western, woselbst Du bleiben sollst, bis Du Deinen jetzigen stolzen Namen ablegst. Sollte Dein Entschluß in der Hinsicht festsiehen, so bin ich erbötig, Dich eher majorenn erklären zu lassen, damit Du der Gräfin nicht länger zur Last fällst. Alle die zu Deiner Aussteuer für Hohenthal angeschafften Sachen stehen Dir jederzeit zur Verfügung, den noch nicht berühr« ten Theil der Ausstattungsgelder wird Dir mein Rechtsanwalt jederzeit auszuzahlen bereit sein. Um Uebrigen haben wir wohl miteinander nichts mehr aurzumachen; auch ein nochmaliger Abschied von Mama und mir unterbleibt wohl beffer. Ich hoffe, daß es Dir gut gehen möge im Leben unv werde mich bemühen, ohne Groll und Bitterkeit Deiner zu gedenken. Alexander Graf von Wildenstein." Mit zuckenden Lippen faltete Therese das Billet zusammen und steckte es zu sich; hatte sie doch noch einige liebevolle Worte erwartet? Dann jedoch richtete sie sich empor, ihre Wangen glühten, ihr Stolz erwachte, und sie wandte sich ruhig zur Jungfer: „Packen Sie doch sogleich meinen Koffer mit allem Röthigen, denn ich muß morgen früh um neun Uhr zur Gräfin Western reisen, Baron Hohenthals Schwesier. Der Baron wird mich selbst abholen kommen." „Wie Comteß befehlen. Auch die besseren Kleider?" „Aller," erwiderte Therese hastig und die Röthe schwand von ihren Wangen, „was nicht in den Koffer geht, soll per Fracht nachgesandt werden. Ich — gedenke sehr lange fort« zubleiben." Da» Mädchen warf einen spähenden Blick in da» blaffe, verweinte Gesicht der jungen Gräfin, dann ging sie, den er« haltenen Befehl auszuführen; aber bis tief hinein in die Nacht ward im Domesttkenzimmer getuschelt und geflüstert: irgend etwas mußte bei der Herrschaft vorgefallen sein, nur ließ sich bis j-tzt nicht ergründen, was. In dieser Nacht schlief kein einziges Mitglied der Wilden« stein'schen Familie; ruhelos verbrachten sie die bleiernen Stunden, bis endlich der Morgen heraufgraute — der Morgen des Abschiedstages und eines neuen Lebens! Therese hatte dem Geliebten in einigen Worten mitgetheilt, mie Alles gekommen, hatte ihn gebeten, sie doch bald einmal bei der Gräfin aufzusuchen, damit sie zusammen das Nähere besprechen könnten, denn von nun an sei sie seine Braut. Sie siegelte den Brief, Hohenthal sollte ihn besorgen, und machte sich endlich zitternd und bewegt zur Abreise fertig. Die Jungfer brachte das Frühstück, die letzte Mahlzeit im Elternhause, und als sie gegangen, brach Therese fasi zusammen; erst nach einer sehr langen Weile hatte sie sich so weit gefaßt, um den Kaffee zu schlürfen und ein Brödchen fasi gewaltsam sich einzunöthigen. Die Uhr hob endlich zu neun aus, das arme Mädchen stand in Hut und Mantel, zitternd jedem Wagengeraffel lauschend, als die Thür sich öffnete und Rudolf eintrat. Er war bleich und finster, feine Stimme klang rauh, als er sprach: „Ich bin gekommen, Dir Lebewohl zu sagen, Therese! Von heute an gehen unsere Wege auseinander, — zum letzten Male stehen wir uns als Bruder und Schwester gegenüber." „Rudolf," schluchzte sie auf und lag an seiner Brust, ehe er es hindern konnte, „Du kamst noch einmal zu mir! Du nimmst Abschied von mir, wie soll ich's Dir danken! O, Bruder, wie habe ich Dich lieb, wie schwer scheidet e» sich von all' Denen, die einem theuer sind!" (Fortsetzung folgt.) 184 — Kochzeitsgeöräuche. (Schluß.) Dir eheliche Verbindung der Mohammedaner ist entweder eine lebenslängliche oder eine nur zeitweise. Die Bedingungen der letzteren werden vor dem Richter (Kadi) ver- einbart, worauf die Heimführung der Braut ohne alle weitere Feierlichkeiten erfolgt. Die Heirath auf Lebenszeit, der in manchen Ländern, z. B. Persien, eine leicht lösbare Ehe auf Zeit zur Seite tritt, wird bloß durch die Eltern und Verwandten des Brautpaares verabredet und der Contract vor dem Imam geschloffen, ohne daß Braut und Bräutigam vorher Gelegenheit hatten, sich kennen zu lernen. Nur der junge Beduine sucht vor der Bewerbung das Mädchen, dar er heirathen will, unverschleiert zu sehen, und erst, wenn ihm dies durch irgend eine List gelungen ist, schickt er den Vater oder einen nahen Verwandten zum Vater der Mädchens, um mit ihm über den Preis zu verhandeln, den er mit ihm an Schafen, Pferden rc. für die Braut entrichten soll. Nach der eigentlichen Vermählungsceremonie, die stets durch Procuratton stattfindet, bleibt die Braut noch bei den Eltern, bis sie, begleitet von Schaaren ihrer Verwandten, ihrem Manne zu- geführt wird. Auf das kostbarste geschmückt, begibt sie sich verschleiert auf einem reichverzierten Pferde oder Kamee! unter dem Schall der Musik in das Haus oder Zelt ihres Mannes, wo abermals eine Hochzeitsfeier stattfindet, an der jedoch nur Frauen Nhetlnehmen dürfen. Unter den rohen Völkerschaften Ostindiens wird die Hochzeit mit wenig Prunk gefeiert und gilt als Ereigniß, das nur die nächsten Anverwandten berührt; vielfach beschränkt sie sich auf die trockene Abwickelung des Kaufgeschäft» für die dem Vater abgehandelte Tochter. Bei den Bekenner« des Brahmanismus gab es ehemals acht Arten von Ehe- und Hochzeitsformen, die Aeva- lavana, ein indischer Schriftsteller, ausführlich schildert, und von denen die eigentlich der Krtegerkaste vorbehaltene sogenannte Gandharwa-Ehe ohne Einwilligung der Eitern erfolgte und bei den Dichtern besonders häufig erwähnt wird. Jetzt werden in Indien die Mädchen gewöhnlich schon im Atter von 5 oder 6 Jahren versprochen und mit 10 oder 12 Jahren ihrem Verlobten zugesührt. Auch wenn der letztere stirbt, ehe ihn seine Frau gesehen hat, muß diese alle Beschwernisse der indischen Wittwenschaft tragen. Am Abend der Hetmführung setzt man das Brautpaar an ein Feuer, verhüllt beiden das Gesicht, da sie nicht sehen dürfen, was jetzt vorgeht, und legt eine seidene Schnur um sie; dabet spricht ein Brahmane, deren bei Reichen viele in Thätigkeit treten, einige Gebete über sie und gibt ihnen den Segen, indem er wohlriechendes Waffer, Getreidekörner rc. über sie und in» heilige Feuer autgießt. Beim Schmaus am vierten Lage der Hochzeit effen die Brautleute aus einer Schüssel. Da« Heirathen ist in Indien unter den Anhängern der Brah- manen wie unter den Mohammedanern ein reines Geschäft; die bei der Heirathsfeier üblichen Gaben zwischen den Brautleuten und Gästen wie die Gebühren an die Brahmanen und mohammedanischen Kadi», an Verwandte re. betragen selbst für Minderbemittelte nicht unter mehreren hundert Mark, find alio so unerschwinglich geworden, daß im nördlichen Indien die Tödtung der Töchter zur Gewohnheit vieler Klaffen der Bevölkerung geworden ist. In China pflegen die Eltern ebenfalls ihre Kinder schon in der zartesten Jugend zu verloben, wobei vorzüglich auf Gleichheit des Aller», Standes und Vermögens gesehen wird. Am Morgen des Hochzeitstage» werden Geschenke gewechselt, darunter Ringe. Am Abeno erscheint, von seinen Verwandten und Freunden begleitet, unter rauschender Musik der Bräutigam in einer Sänfte, um die Braut abzuholen. Vor ihrer neuen Wohnung angelangt, wird sie von Matronen in» Hau» getragen, zuvor aber an der Thür über ein Becken mit Holzkohlen gehalten. Nachdem man im großen Saal feierliche Begrüßungen gewechselt und Betelpalmnuß miteinander gegeffen hat, wird die Braut in ihr Zimmer geführt, wo ihr der junge Gatte nach mancherlei Ceremonien den Schleier abnimmt und sie nun zum ersten Mal von Angesicht sieht. Nach der Hochzeit kehrt die junge Frau auf einige Tage zu ihren Eltern zurück, und am Ende des Monats, der in mannigfachen Vergnügungen verfließt, erhält sie von ihren Freundinnen einen Kopfputz, wonach die beiderseitigen Eltern noch einmal zusammenkommen und die Hochzeitsceremonien durch ein glänzende» Fest beschließen. In Japan werden die Brautleute frühmorgens von ihren Verwandten abgeholt, jede» auf einen mit vier Ochsen bespannten Wagen gesetzt und auf einen außerhalb des Wohnorts gelegenen Hügel gefahren, wo in einem kostbar achteckigen Zelte das Bild des Ehegottes aufgestellt ist, deffen Hundskopf anzeigen soll, daß Treue und Wachsamkeit in der Ehe nothmendig seien. Vor demselben steht ein Bonze, der das Brautpaar einsegnet. Die Brautleute haben je eine Hochzeitsfackel in der Hand, welche am Schluß der Ceremonie angezündet wird, indem dis Biaut die ihre an einer Lampe ansteckt und dem Bräutigam darreicht, um die feine daran anzuzünden. Sobalo dies geschieht, erheben die Umstehenden ein Freudengeschrei und nahen mit Gratulationen, während andere außerhalb des Zeltes das ehemalige Spielzeug der Braut ins Feuer werfen nnd fonstiqe Gebräuche vollziehen. Nach der Rückkehr in die Wohnung wird ein Freudenfest gestiert. Der Sabäismus, zu dem sich vorzüglich die Guebern bekennen, untersagt Ehescheidung und Vielweiberei; nur wenn die Ehe in den ersten neun Jahren kinderlos bleibt, darf sich der Mann noch eine zweite Frau nehmen. Bei den heutigen Juden sind die in früheren Zeiten üblichen religiösen Gebräuche, wie das Bedecken der Braut mit einem Tuch oder Schleier vor der Trauung, das Zerwerfen eine» Glases als Erinnerung an den Wechsel des Schickials, das Bewerfen mit Weizen als Sinnbild der Fruchtbarkeit u. bis auf erster« fast überall abgestellt, und die Weihe des Hochzeitstags findet vorwiegend ihren Ausdruck in der Traurede. In Deutschland, wie in den hochcultivierte« Staate» Europas überhaupt, haben sich die Festlichkeiten sehr vereinfacht; das Brautpaar entzieht sich sogar ost noch vor Beendigung der Hochzeit den Gästen durch die Hochzeitsreise. Selbst der bis vor Kurzem mit großem Pomp begangene Polterabend wird in neuerer Zeit häufig ausgelassen. Nur auf dem Lande feiert man die Hochzeit noch mit mehr- tägigen Schmäusen und Gelagen. Wenn am 25 Jahrestag der Hochzeit beide Gatten noch leben, so wird dieser Tag als Familienfest unter dem Namen silberne Hochzelt gefeiert, am 50. Jahrestag, meist mit kirchlicher Feierlichkeit, als goldene und am 60. als diamantene Hochzeit. Vgl. De Gubernatt», Storia comparata degli usi nur iati (Mail. 1869); Wood, The wecdingd ay in all ages and countries (Land. 1869 2 Bände); Reinsberg- Düringsfeld, Hochzeitsbuch, Brauch und Glaube der Hochzeit bei den christlichen Völkern Europa» (Leipz. 1871). Geistliche Hochzeiten heißen die Feste, welche am Tage der Ausnahme in ein Kloster sowie an dem Tage gefeiert werden, an welchem ein junger Priester zum ersten Mal eine Messe oder Vlgilie hält. Beide Feste arteten frühzeitig in Prunken und Schwelgen au«, so daß polizeiliche Verordnungen dagegen erlassen wurden. Wie bei den weltlichen, wurden auch bei den geistlichen Hochzeiten Geschenke erthetlt. HeiligeHochzeit (hieros gamos) hieß ein griechisches Frühlingsfest, bet welchem die Vermählung des Zeus mit der verschwundenen Hera durch eigenthümliche, die Verjüngung der Natur symbolisierende Ceremonien (feierliche Helmsühcung, Procesffonen, Opferfeuer rc.) begangen wurde. - Druck im» gettoa btt vrühl'schen UnivrrfitLtr^kMch. rmd Gtrmbruck«« (Pi.tsch A «W«-