N-. 104. MensLkg 6te 3. September 1895 -rvi V^ V •• v v ammeokikr teKeKer .UntrchaltMsdlaN jum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger) SWW M! ganische ack und m Obst- bei der dienen. ;!en, da hnereies Gramm Gramm zur Er- zur Er- rschmack, hrungs- rhältniß förmlich Früchte B. die l Organen, rote zenschaft ; süßen, n säuer- ^mittel. 1 ist, je n. Da sie zu ;en und anlassen ) Kerne en, roo werden chtkerne wieder ben bei katarrh, und bei t Fällen hrenden hat die an ge- immung Sroieten iebernde al, und saft ein el mehr eradezu eisen ist en sehr zösischen gegeben, msaures r Weise Vals rc. mrchge- nur in , z. B ar. Es nehmen, aben zu ßt. Die irt und Ihr Vermächtmß. Roman von Maximilian Moegelin. deutlich seine Spur zeigte, so haben sie doch manchen Sturm in unserem Vaterlands erlebt. Ganze Generationen sind in diesen ehrwürdigen Bauten geboren und gestorben. Die starken Häuser, wie man sie nur noch in Nürnberg und vereinzelt in alten deutschen Städten findet, geben Zeugniß sür den soliden Sinn unserer Urgroßväter. In eines dieser Häuser, auf dessen Treppenpfeilern sich zwei große Steinkugeln befinden, trat gegen Abend der Baumeister Heyd. An einer Thür im ersten Stockwerke befindet sich ein von Eisenblech und Kupfer getriebenes Schild, auf dem die schwarz ausgelegte Gravirung zeigt: Karl Hellmuth, Ingenieur. Der Baumeister drückte die Klingel und eine kleine Frau, die freundlich grüßte, bat, einzutreten. „Der Herr Ingenieur," sagte sie, „hat den Herrn schon erwartet, er ging soeben zum Friseur und wollte bald wieder- kommen," und dann entfernte sie sich. Der Baumeister bewunderte die stylvolle, vornehme Junggesellenwohnung, die sich sein Freund eingerichtet hatte. Das Wohnzimmer war ganz mit einem weichen, werthvollen Teppich belegt, die Möbel waren von Eichenholz mit antiken Schnitzereien. In der Ecke stand ein großer Bibliothekschrank mit meist wissenschaftlichen Werken in eleganten Einbänden. Auf diesem Bibliothekschrank stand ein Globus und lagen verschiedene zusammengerollte Zeichnungen. Vorn standen die Modelle eines Trockendocks neuester Construction und ein Torpedoboot in Längenschnitt. Ein großes Eisbärensell lag vor dem Schreibtische, auf dem die Bilder seiner Eltern und seines Bruders standen. An der einen Wand hingen zwei große Kupferstiche, darstellend die Blüthe Griechenlands und das Zeitalter der Reformation, und in deren Mitte das große Oelgemälde: Kaiser Friedrich in der Uniform seiner schlesischen Dragoner. An der anderen Seite hingen zwei Aquarelle, Kunstwerke ersten Ranges: Der Dogenpalast von der Adria aus und der Rialto. Auf dem Aufsatz eines Paneelsophas standen Trinkhörner, Krüge und altdeutsche Humpen, darüber hing das Bild der Helvetia, jener Verbindung, der Hellmuth und Heyd so viele frohe Stunden ihres Lebens verdankten. Auf dem ovalen Tische lagen Bücher und Zeitschriften ausgebreitet. Ein Buch war aufgeschlagen und umgedreht, augenscheinlich hatte der Ingenieur unlängst gelesen. htet sich tach, ob :in soll. Fleisch, ben sind n, z B. 'chweres hränken, -ngenuß * schnellste und terkannt uf dem utz und ts scholl nng; (Fortsetzung.) Er setzte seinen Hut auf und ging hinaus, um nach dem Wege zu sehen. Der leichte Wind brachte das Geräusch eines schnellfahrenden Wagens näher, der vom Kreuzwege zu kommen schien. Alsbald schlugen auch die Hunde an und das Gefährt kam in leichtem Trabe den Weg herunter. Als die schweißbedeckten Pferde hielten, sprang Hertha behende vom Wagen und grüßte herzlich ihren Vater. „Mein guter Vater," sagte sie, „Tante Walten läßt Dich auch schön grüßen und sendet diese Blumen Dir. Sieh' nur, Deine Lieblingsblumen, die ersten Veilchen in diesem Jahre, freilich nur aus dem Treibhause," und sie legte den Arm um den Hals ihres Vaters und küßte ihn. „Aber sage nur, Kind, Du kommst ja heute so spät, ich war schon in großer Angst, daß Dir ein Unglück zugestoßen." „Ja, Vater, ein Extrazug war es, der daran schuld war. Auf Weichselthal mußten wir wohl zwanzig Minuten warten, daher die Verspätung." Nachdem Hertha die Tante Doctor begrüßt hatte, wurde das Abendbrod aufgetragen, und man erzählte nun von hier und dort und wie es geht und steht. Als Hertha auf Tante Doctors Fragen sagte, daß Curt nicht auf Walten war, schüttelte sie leicht mit dem Kopfe. Drittes Capitel. SBer' zum erstenmal dis Frauengasse in Danzig betrat, dem werden die alten und soliden Häuser dieser Straße auffallen. Meist Giebelhäuser auf starkem Fundament mit wett in die Straße hineingehenden Treppen und Vorbauten. Schön gearbeitete Dachrinnen aus Kupfer mit getriebenen Verzierungen in altdeutscher Renaissance sind angebracht, besonders an den Vorderseiten, wo die Giebel zusammenstoßen. Diese Hauser mit den schönen Erkern versetzen uns in die Zeit miserer Altvorderen. Damals baute man noch nach anderen Grundsätzen, und wenn auch diese Häuser nicht für die Ewigkeit bestimmt waren und bei manchen der Zahn der Zeit m. 414 -* Straße hinunter näch der Mottlau und merkte kaum, daß sein Freund hereintrat. „ , „Guten Abend, Arthur, entschuldige nur, lieber Junge, daß ich Dich warten ließ, - ließ mich erst fein machen, aber rote geht es Dir denn?" t _ .... „Danke — gut, lieber Karl - Dir doch hoffentlich auch." „Ja, Arthur — soll Dich auch grüßen von Hans Richter — werden ihn heute Abend sehen." „Ach, das ist ja schön." „Doch, nun wollen wir uns nicht mehr aufhalten," sagte Hellmuth, „habe Droschke gleich warten lassen. Halt — erst noch Cigarren. So — darf ich Dir anbieten,« Herr Bau« meister?" „Danke Dir, Karl," sagte Heyd lächelnd. „Also immer noch sparsam — mußt ja reich werden, entgegnete Hellmuth; und fort ging es nach dem Clubhause. Nach den „Geschichten aus dem Wienerwald" wogten schon im angefüllten Saale die Paare, als dis Freunde eintraten. Da waren prächtige Costüme, graciöse Edeldamen, mittelalterliche Ritter und Fürsten verschiedener Nationen, Mönche in ihren langen Gewändern, Dominos — und wer wollte die Masken alle aufführen, die den großen Saal füllten. „Noch sehe ich keine Bekannten," sagte Hellmuth, als sie durch das erste Nebenzimmer schritten, doch im zweiten wurden sie freudig begrüßt. Arthur fand einige Bekannte, einige Herren wurden ihm vorgestellt und in fröhlichster Unterhaltung faßen bald alle zusammen beim Schoppen Echtes. „Arthur, ich komme Dir Eins!" rief der dicke Doctor Lenzmann. \ „ , , „Prosit, Herr Baumeister, auf frohes Wiedersehen!" rief Hauptmann Heino. „Prosit Doctorchen — ich komme nach, Freund Heino," entgegneteHeyd und in fröhlicher Stimmung stießen die Krüge aneinander-er _ Ihr war!" rief Hans Richter. „Lassen wir uns eine Bowle brauen, das ist doch das einzig Richtige." „Bravo! Bravo, Hans! Jawohl, natürlich," waren die gleichzeitigen Antworten. Sogleich wurde die Bowle bestellt und auch sehr bald gebracht, und bei frohester Stimmung dachte keine Seele an's Tanzen. „Ah! — Da kommt ja Lieutenant von Walten," rief von Hartung und ging ihm einige Schritte entgegen. „Guten Abend, von Hartung — pünktlich da? Guten Abend, meine Herren," grüßte von Walten die Gesellschaft. „Guten Abend, Herr Baron," klang es zurück und der dicke Doctor reichte ihm ein volles Glas. „Herr Baron von Walten — Herr Baumeister Heyd," stellte Hellmuth vor. „Sehr angenehm — sehr erfreut," und wiederum stießen die Gläser aneinander. „Kann leider nicht hier bleiben, habe Damen drinnen," sagte von Walten. „Natürlich," bemerkte Heino. „Meine Braut und Tante," entgegnete Walten. „Ah - dann Entschuldigung," sagte Heino. „Aber später," bemerkte Walten, „dann gehen wir in's Hinterzimmer — a revoir, meine Herren, beaucoup de plaisir,“ und er entfernte sich. „Famoser Kerl, prächtiger Gesellschafter, dieser Walten, sagte Hartung und füllte sein Glas. „Aber in's Hinterzimmer gehe ich heute nicht, erwiderte der dicke Doctor, „denn morgen muß ich sehr früh auf." Hellmuth aber flüsterte Heyd in's Ohr: „Toller Junge, der von Walten — ist überall und furchtbar leicht — spielt — hast Du eine Ahnung?" Arthur lächelte. Die zweite Bowle wurde gebracht und wieder und immer wurde- Die große Uhr am Ende des Saales zeigte zwölf, und da der Tanzordner Demasktrung ansagte, so wollten die Freunde noch einige Augenblicke verweilen. Vor Hellmuths Augen entpuppten sich viele Bekannte. Heyd dagegen sah nur nach seiner Dame, die einige Schritte von ihm die Maske entfernte und ihm wieder unverwandt in's Auge sah- Der Baumeister schritt zurück, er fühlte das Blut nach seinem Herzen gehen und stützte sich plötzlich aus Hellmuth« Schulter. „Um Gotteswillen, Mensch, was hast Du denn nur, Di siehst ja aus wie eine Winterlandschaft." Und eiligst führte er seinen Freund in ein leere« Zimmer, während der Kellner Selterswaffer brachte. Heyd trank und erholte sich auch bald, denn in diesem Zimmer war es kühl. j „Aber sage nur, Arthur, wie kommt es denn nur, dar hattest Du doch früher nicht, freilich bei dieser Hitze im Saal, da ist es ja auch kein Wunder!" „Nun, es ist ja wieder vorüber," sagte Heyd, „es kam überraschend." „Trink' noch einmal, Arthur, und dann laß uns zu den Anderen gehen, die uns ohnehin schon vermissen." „Karl," sagte Arthur, „lieber Karl, sei mir nicht böse, wenn ich nicht mehr mitkomme, es ist jetzt wirklich für mich besser, wenn ich fortgehe. Entschuldige mich, bitte, bei den Herren und entschuldige auch Du mich, ein anderes Mal werde ich Dich auch nicht mehr so erschrecken, verlaß Dich daraus- „Nun, Arthur, so leid es mir auch thut, daß Du nicht hierbleiben kannst, so kann ich Dir auch nicht zureden, denn Du wirst es ja wohl am besten fühlen." Hellmuth verständigte die Gesellschaft und im Trabe ging es zum Legethorbahnhof, wo sie gerade noch den letzten Zug erreichten. , Arthur versprach seinem Freunde, ihm morgen einige Zeilen zu senden, Karl dagegen alsbald seinen Besuch; M „gute Besserung" und „auf Wiedcrseh'n" schieden die Freunde und der Zug setzte sich in Bewegung. Der Baumeister, der anfangs nach Hause fahren wonie, Heyd nahm da« Buch zur Hand, aber wie erstaunte er, | wieder klangen die Gläser. Ter Baumeister, der wohl tänzeü sein eiaenes Werk • Kritik der neuesten Eisenbahnbauten" in | konnte, aber keine Lust dazu empfand, entschuldigte sich, um vittt« vorWnden. Er Witt zum Fenster, dessen das sröhliche Treiben im Saale zu beobachten Der Maitre Scheiben Malerei- und Butzenscheiben waren, er sah die stille I verkündete gerade ein Damen-Engagement. Das Orchester Straüe binunter näch der Mottlau und merkte kaum, daß spielte den „lustigen Krieg und im bunten Gewühl drehten ich die Paare durcheinander. Heyd freute sich des bunten llnblicks; doch wie erstaunte er, als er eine Dame in ein- acher, aber gediegener Ballrobe mit rosa Maske sich durch- rrängend auf sich zukommen sah, die sich stumm verneigte. Der Baumeister verbeugte sich, durchtanzte einmal den Saal, ührte die Dame nach ihrem Platz und bat, um nicht un- Bescheiden zu erscheinen, um den nächsten Tanz. Er bewunderte die herrliche Figur dieser Dame, ihr starkes, dunkelblondes Haar und nahm sich vor, beim Tanz nach ihren Augen zu sehen. Nach nicht zu langer Pause spielte die Musik den ewig schönen Donauwalzer. Heyd tanzte, aber er kam nur bis zur Mitte des Saales, dann entstand ein Gedränge und verschiedene Paare konnten sich nur langsam fortbewegen, wie es ja gewöhnlich der Fall ist, wenn zu viel Tänzer sind. Zwei himmelblaue Augen sah Heyd gleich leuchtenden Sternen auf sein Antlitz gerichtet. Unverwandt blickten sie hinauf, als könnten sie diese hohe Siegfriedsgestalt nicht genug be- wundern, nicht genug erhaschen von den milden Zügen dieses ernsten und doch so hübschen Gesichts. Dem Baumeister wurde sonderbar um's Herz; er tanzte nach dem Ende der Saales, führte die Dame nach ihrem Platz und dankte freund- lichst für die Ehre, die er gehabt. An der Thür empfing ihn schon Hellmuth, der ihm mit freudiger Miene auf die Schulter klopfte. „Nun sage mal, Theuerster, Du segelst ja durch den Saal so leicht und behend wie meine Najade nach Hsla und ich suchte Dich schon in sämmtlichen Winkeln." Arthur erzählte nun, wie er wider Willen zum Tänzer 415 stieg in Dirschau aus und übernachtete dort. Lange Zeit wollte kein Schlaf in seine Augen kommen, bis doch endlich die Müdigkeit siegte und er einige Stunden Ruhe fand. Als er am anderen Tage wieder in seinem Zimmer saß, starrte er wieder, den Kopf in die Hand gestützt, in die Leere. Er konnte die Augen nicht vergeflen, die ihn so unverwandt ansahen, die Augen, die ihm nicht sremd waren. Er nahm ein Bild aus seiner Brieftasche und legte es vor sich auf den Tisch- Lange betrachtete er es mit inniger Rührung, das Md, das er schon so oft vor Augen gehabt und mit stählernen Griffeln in sein Herz gezeichnet hatte. Wehmuth durchzog sein müder Herz, dar er zwingen wollte, wieder in normale Bahnen zu gehen- Aber des Menschen Herz gibt sich nicht so leicht zufrieden im bitteren Schmerze; es wühlt und arbeitet oft lange Zeit, oft Jahre lang, oft so lange man lebt; und wohl dem Menschen, ver bei Zeiten einsieht, daß Unabänderliches sich nicht halten läßt und mag er auch mit ganzer Krast dagegen kämpfen, so wäre es nur vergebens, denn gegen den Strom schwimmt er doch nicht lange. Eine Thräne trat in des Baumeisters Auge, er hielt das Bild an seine Lippen und steckte es wieder in seine Brieftasche. Er stand auf, durchmaß mit großen Schritten das Zimmer und sagte: „Es geht nicht, es geht nicht anders, denn es muß sein. Arbeiten, arbeiten will ich mit der ganzen Kraft, die in mir wohnt, arbeiten, damit ich wieder Ruhe finde für dich, für dich, mein armes Herz." Viertes Capitel. Die Frühlingssonne nahm den letzten Schnee von Wiesen und Feldern und kündete ein neues Leben an. Menschen und Natur freuen sich der ersten warmen Sonnenstrahlen und athmen freudig auf Alles, was Leben und Odem hat, begrüßt nach trüber Winternacht endlich dieses frohe Erwachen — den Frühlingsmorgen. Der Landmann läßt feine Blicke über die Aecker schweifen, er holt seinen Pflug hervor und beginnt seine mühevolle Arbeit. Im Bauhandwerk wird es auch lebendig und selbst für den stillen Forstmann ist der Sonntag Oculi ein gar bedeutsamer Tag. Auf der Bahnstrecke, auf welcher der Baumeister Heyd die Arbeiten leitete, wurde schon tüchtig gearbeitet. In einer Entfernung von fünfzehn Meilen waren viele Arbeiten auszuführen und obschon ihm zwei Bauführer und die Bahnmeister zur Seite standen, so war er doch überall. Er gab die richtigen Anweisungen und leitete Alles mit Kennerblick, denn er war unermüdlich und für seine Jahre enorm tüchtig. Wenn ihm die im Dienst ergrauten Bahnmeister, denen doch gewiß ein großes Wiflen durch jahrelange Praxis zur Seite stand, ihre Ansichten kund gaben, so belehrte sie Heyd doch oft in wenigen Worten eines Besseren. Dabet hatten ihn Alle lieb, die mit ihm zu thun hatten- Sein immer ruhiges und besonnenes Auftreten brachte ihm stets Liebe und Achtung ein, denn er war freundlich zu Jedermann. Ein alter Maurer sagte einmal zur Mittagszeit im Kreise der Arbeiter, als die Rede auf gute und böse Menschen zu sprechen kam: „Da seht Euch einmal unfern Herrn Baumeister anl Das ist ein Mann, wie er im Buche steht, denn wenn der einmal sagt, so ist es! dann ist es auch so, da könnt Ihr Gift darauf nehmen; und unter dem zu arbeiten, ist wirklich eine Freude, denn er hat das Herz auf dem rechten Flecke. Denkt Euch nur, vor acht Tagen machte ich mit einem Arbeiter eine Reparatur am Maschinenschuppen und dabei fiel ihm durch eigene Unvorsichtigkeit ein großer Feldstein auf den Fuß, so daß der Mann auch gleich umfiel. Der Herr Baumeister, der davon hörte, besuchte ibn sogleich in seiner Kaluppe, sorgte, wo es am Besten fehlte und gab noch Geld obendrauf. Na, habt Ihr so etwas schon gehört?" Die eifrigen Zuhörer aber, die bald ihr Essen vergaßen, meinten: Alle Achtung und das wäre doch wohl ein seltener Fall. — Des Abends nach beendetem Dienst arbeitete der Baumeister meist an der Vollendung eines neuen Werkes. Pläne und Entwürfe lagen dann aurgebreitet oder aufgespannt, an die er die letzte Hand anlegte. Sobald die Witterung aber besonders freundlich war und es feine Zeit erlaubte, versäumte er auch nicht, hinauszugehen in den Wald oder eine Partie an den Ufern der Weichsel zu machen, denn Heyd war ein Naturmensch. Eines Nachmittags, als der Baumeister gemüthlich mit den Händen auf dem Rücken am Ufer entlang schritt, wie er es zu thun pflegte, wenn er seinen Gedanken nachging, gewahrte er plötzlich zwei Knaben in einem Kahn an einer Stelle, wo die Buhnen in den reißenden Strom weit hiuein- gehen. Mit aller Anstrengung waren sie bemüht, das freie Wasser zu gewinnen; denn wenn sie hier von der Strömung erfaßt werden, die in der Buhnenecke zu einem Strudel wird, dann ist all' ihr Mühen vergebens und die Gefahr ist unabwendbar. Heyd erkannte die gefährliche Situation und eilte der Stelle zu. Mit unaufhaltbarer Gewalt zog der Kahn in den Strudel. In ihrer großen Angst schrieen die Knaben nach Hilfe, als auch schon der Kahn schwankte, sich schnell um sich selbst drehte und umschlug. Als der Baumeister zur Stelle war, warf er seinen lieber- zieher auf die Weiden und sprang in den Strom. Beim ersten Auftauchen erfaßte er einen Knaben und auf dem Rücken schwimmend, brachte er ihn glücklich an's Land. Starr vor Frost schwamm er nach dem Anderen, aber er fand ihn nicht sogleich, er nahm seine ganze Kraft zusammen und tauchte, er sah den Knaben, brachte ihn an die Oberfläche und nach furchtbaren Anstrengungen schob er ihn leblos an's Ufer. Nun waren des Baumeisters Kräfte zu Ende und halb im Wasser liegend schwanden ihm seine Sinne. Diesen Vorgang hatte der Oberförster Steuer, der mit zwei seiner Beamten vom Holzverkausstermin aus der nahen Stadt zurückkam, von der hochliegenden Chaussee aus mit angesehen, und war bald an der Stelle. Ec nahm den halb- todten Retter auf seinen Wagen, während er seinen Förster Rudow bet den Knaben ließ. „Jetzt Friedrich, schnell zum Doctor," sagte der Oberförster Steuer, „und laß die Pferde laufen, was sie können!" Der Oberförster wischte sich die Stirn und trat in das Zimmer, in dem der Baumeister noch immer regungslos im Bette lag. Er fühlte den Puls des Kranken und zählte die Sekunden. „Er fiebert stark,, wenn der Arzt zu Hause ist, wird er in dreiviertel Stunden hier sein," sagte der Oberförster zu seinem Secretär, der den Kranken aufmerksam beobachtete, und verließ das Zimmer, um sich zu seinen Angehörigen zu begeben. „Ach, mein lieber Vater," sagte seine Tochter ihm entgegentretend, „welch' ein Unglück, von dem mir Tante Doctor soeben erzählte; aber sage uns doch, bitte, wie es sich zugetragen und Ihr den Aermsten fandet?" „Nach beendetem Termin," begann er, „fuhren wir, der Förster Rudow, der Secretär Herrmann und ich, auf dem Wege nach Haufe. Vom hohen Damm aus, da wo die Weichsel eine Krümmung macht, gewahrten wir, nicht weit vom Buhnenkopf, einen umgekehrten Kahn und gleich darauf einen Menschen im Wasser arbeiten. Wie der Blitz waren wir vom Wagen. Herrmann war immer vorauf, Friedrich blieb bei den Pferden. Von Weitem sahen wir noch, wie der Mann einen Verunglückten an's Ufer schob. Als wir erschöpft zur Stelle waren, hatten wir drei leblose Menschen vor uns, zwei Knaben, die der edle Mann zu retten versucht hatte, und ihn selbst. Schnell zogen wir sie auf's Land und bearbeiteten sie auf unseren ausgebreiteten Röcken. Bet dem einen Knaben hielt es nicht schwer, die beiden anderen Menschen dagegen wollten gar nicht mehr zu dem Leben zurück. Da endlich — nach langer Zeit hatte unsere Arbeit Erfolg, Gott sei's gedankt. Mit matter Stimme erfuhren wir noch vom ersten Knaben, daß er der Sohn des Bühnenmeisters wäre und der andere der Sohn des Bahnwärters. So schnell und so gut es eben ging, brachten wir dann den unglücklichen Retter, der übrigens kein gewöhnlicher Mann zu sein scheint, auf den Wagen und fuhren eiligst hierher, während der Förster Rudow bei den Knaben blieb." 416 „0 mein Gott, diese armen Menschen," sagte Hertha und küßte ihren Vater. Schnell wandte sich der Oberförster ab und eilte vor die Thür, denn er sah auf der Anhöhe seinen Wagen angejagt kommen. „Guten Abend, Herr Doctor. Gottlob, daß Sie da waren." Beide Männer schüttelten sich die Hände und eilten zu dem Kranken. Nach sorgfältiger Untersuchung gab der Arzt genaue Instructionen. „Vor allen Dingen," sagte er, „bedarf der Kranke der größten Ruhe; mir scheint, er hat eine gute Constitution, doch vor acht Tagen kann er auch im günstigsten Falle das Bett nicht verlaffen." Nachdem der Arzt noch dis Damen des Hauses begrübt hatte, versprach er, morgen wtederzukommen und der Ober« förster begleitete ihn zum Wagen. „Schrumm," sagte der Förster Rudow, „das hat noch 'mal gut geklappt." Und wenn der Alte „Schrumm" sagte, dann war er gut gestimmt. Er setzte seine Pfeife in Brand, schob seine Büchsflinte zurecht und nahm seinen treuen Begleiter, einen starken Eichenstock, den er sich in früheren Jahren zurecht gebogen, von seinem linken Arme, an welchem er stets seinen Platz hatte, wenn die Pfeife — ohne die der Alte kaum denkbar war — in Ordnung gebracht wurde; dann schritt er tüchtig aus. „Schrumm — das war ein Ding zu rechter Zeit," sagte er nochmals und strich seinen weißen Bart. (Fortsetzung folgt.) Sonnenstich und Mchiag. Von Dr. H. Grumbach. (Nachdruck verboten). Der verderbliche Einfluß, welchen sehr hohe Temperaturen, besonders bei directer Einwirkung der Sonnenstrahlen, auf Gesundheit und Leben von Menschen und Thieren ausüben, ist schon von Alters her bekannt. Vom Tode des Gemahls der Judith heißt es in der Bibel: „Und der Mann hatte geheißen Manasse, der war in der Gerstenernte gestorben. Denn da er auf dem Felde war bei den Arbeitern, ward er krank von der Ditze und starb in seiner Stadt Bethulien". Auch der Sohn der Sunamitin starb am Hitzfchlag (II. Buch der Könige Cap. 4, V. 18—20). Daher ein Segenswunsch Davids lautet: „Der Herr behüte Dich......daß Dich des Tages die Sonne nicht steche!" Psalm 121 V. 5 und 6.) Besonders häufig tritt Sonnenstich und Hitzschlag unter marschiren- den Truppen ein, da gerade hier alle Bedingungen dazu sehr oft zusammen^ kommen. Die Hauptsache nämlich liegt in einer abnorm hohen Steigerung der Körpertemperatur, welche bewirkt werden kann: erstens durch directe Bestrahlung der Sonne (Sonnenstich) und zweitens durch sehr hohe Lufttemperatur, sogenannte „schwüle Witterung" (Hitzschlag), wozu oft drittens vermehrte körperliche Thätigkeit (schnelles Marschiren, Bergesteigen) kommt, welche dann noch zur Erhöhung der Körperwärme beiträgt. Die Temperatur unseres Körpers würde in Sonnenbrand und Sommerhitze stets eine für unser Leben gefährliche Höhe erreichen, wenn uns nicht die gütige Mutter Natur eine Art Sicherheitsventil verliehen hätte in den Millionen Poren der Haut, welche in der Hitze sich öffnen und starken Schweiß ausbrechen lassen; durch dessen Verdunstung an der Luft wird die Haut bedeutend abgekühlt. Findet aber aus irgend welchen Gründen keine regelmäßige Schweißabsonderung statt, so steigt die Temperatur des Körpers bis 42o C. und darüber, wodurch der Herzmuskel gelähmt wird und das Leben „schlagartig" erlöschen kann. Namentlich wenn die atmosphärische Luft mit Feuchtigkeit bis zur Sättigung überladen ist und schwüle Windstille herrscht, kann der ausbrechende Schweiß nicht verdunsten, es fällt also der wichtigste Wärmeregulator unseres Körpers weg, das Sicherheitsventil functionirt nicht, die Spannung in unserer überheizten Körpermaschine wird immer größer und größer, bis plötzlich die Catastrophe eintritt, d. h. der Betreffende fällt bewußtlos oder gar todt hin. Allen diesen Fährlichkeiten sind hauptsächlich die Truppen auf anstrengenden Märschen ausgesetzt. Daher hat der Hitzschlag schon wiederholt große Opfer unter fast allen Armeen der Welt gefordert.*) Der von dem Statthalter in Aegypten, Aelius Gallus, im Jahre 24 vor Ehr. unternommene Feldzug zur Unterjochung von Arabia Felix nahm ein klägliches Ende, da ein großer Theil des römischen Heeres unter der *) Anmerkung: Die Zahl der während der Monate April bis September 1891 beim preußischen Militär vom Hitzschlag befallenen Mannschaften betrug 121; von den Erkrankten starben 6. glühenden Sonne des arabischen Himmels zu Grunde ging. Von den 12000 Mann Antemarres erkrankten beim Uebergange über den Mincio bei der furchtbaren Hitze 2000 und 26 starben. In einem Heere Friedrichs des Großen sind am 6. August auf dem Marsche von Marienstern nach Bautzen gegen 100 Mann dem Hitzschlag erlagen. Die Soldaten müssen eben öfters in schnellem Tempo auf staubigen, von den brennenden Sonnenstrahlen beschienenen Landstraßen marschieren und dürfen nicht nach ihrem Belieben ruhen; Tornister, Mantel, Riemen, und durchschwitzte Kleider beschränken die Verdunstung und Wärmeabgabe der Haut ganz bedeutend. Durch das gedrängte Zusammensein in der Colonne wird die Temperatur der Luft noch gesteigert, und, was besonders nachtheilig ist, es tritt eine allgemeine Verderbniß der Luft ein, in welcher die Mannschaften dann stundenlang athmen müssen. Schon Niebuhr hat in seiner Sittengeschichte der Römer darauf hingewiesen, wie richtig dieselben erkannt hatten, daß nichts so sehr den auf dem Marsche befindlichen Truppen schadet, als in eng geschloffenen Reihen zu marschiren. Dr. Taylor schrieb 1858 in der medizinischen Zeitschrift „The Lancet“: Ein solches Zusammengedrängtsein im Freier ist für die betreffenden Individuen nicht weniger verderblich als der Aufenthalt in überfüllten, schlecht ventilirten Räumen; die bei den militärischen Vorgesetzten beliebte Methode, die Truppen mit eng geschlossenen Gliedern marschiren zu lassen, ist eine durchaus verwerfliche. Man hat sich mehrfach bemüht, die Thatsache zu erklären, weshalb Hitzschlag aus dem Marsche fast nur unter den Soldaten der mittleren Colonne vorkommt, dagegen fast nie im Vor- oder Nachtrab. Die Ursache liegt aus der Hand: die letztgenannten Truppentheile bewegen sich mit weitgelüsteten Reihen, das Gros der Infanterie aber marschiert Arm an Arm, Brust an Brust zusammengedrängt und athmet eine unter solchen Umständen sich stets bildende verpestete Atmosphäre", Man braucht übrigens gar nicht Soldat zu sein, um diese Erfahrung zu bestätigen, sondern sich nur jener Stuuden zu erinnern, wo man, etwa gelegentlich eines festlichen Aufzuges oder einer Massen-Ver- sammlung unter freiem Himmel, in’§ Gedränge gerathen, sich allmählich so beklommen und hinfällig werden fühlte, daß man die letzte Kraft seiner Menbogen zusammenraffte, um sich aus dem Menschenknäuel in's „Freie" zu retten und dann erleichtert wieder auszuathmen. Die bei solchen Gelegenheiten nicht selten vorkommenden Ohnmächten und Todesfälle sind weit weniger die Folgen mechanischer Erdrückung, als vielmehr einer Art von Hitzschlag, hervorgerufen durch die schwüle, dunstige, verpestete Ausathmungs- und Ausdünstungsluft der Tausenden von Menschen. In letztere Zeit haben beim Militär die Todesfälle an Hitzschlag bedeutend abgenommen. Dies ist hauptsächlich dem Umstande zu verdanken, daß nicht mehr wie früher den Soldaten auf dem Marsche das Trinken verboten ist, sondern sogar oft beim Passiren von Ortschaften die Einwohner ersucht werden, Trinkgefäße mit frischem Wasser vor die Thüren zu stellen. Es ist auch ganz natürlich, daß die durch den Schweiß verlorene Flüssigkeit immer wieder ersetzt werden muß, wozu ja auch das sich einstellende Gefühl brennenden Durstes auffordert. Leider gießt es aber noch immer Leute, welche an das Ammenmärchen glauben, daß man vom Trinken in erhitztem Zustande Lungenentzündung bekommt. Bei der einfachsten Ueberlegung müßten sich diese doch sagen, daß das Getränk mit der Lunge gar nicht in Berührung kommt, sondern direct in den Magen geht. Wenn in solchen Fällen wirklich einmal Lungm- entzündung entsteht, so wurde diese schon vorher hervorgerufen durch übermäßige Anstrengung beim Bergsteigen, Klettern, Marschiren im brennenden Sonnenscheine. Dr. Niemeyer sagt hierüber: „Wenn ein von der Meute halb todt gehetztes Wild an eines Bächleins Rande niederstürzt und sich ein letztes Mal die vertrockneten Lippen netzt, so wird doch Niemand behaupten wollen, daß der Trunk es ihm angethan habe". Hat denn Jemand schon jemals erlebt, daß der Trunk bei Erhitzung den Thieren, z. B. dem Hunde, schadet? Instinktiv vergißt man auch dies Vorurtheil bei Anwandlung von Schwächezuständen und Ohnmächten in der Hitze, wo mit Recht als bestes Mittel frisches Wasser zum Bespritzen und Trinken verabreicht wird. Man trinke also ruhig frisches Wasser in kleinen Schlücken, marschiere dann aber rüstig weiter oder mache sich sonst noch eine Weile Bewegung. Auch öfteres Waschen des Gesichtes, der Hände und Arme mit Quell- oder Bachwasser kühlt herrlich ab und erfrischt die Lebensgeister bedeutend. Ein besonders beachtenswerthes Vorbeugungsmittel gegen Hitzschlag besteht auch darin, daß man, z. B. auf einer Fußreise, Abends zeitig in’e Bett geht, um dann früh mit neu gestärkten Gliedern die Wanderung fortzusetzen. Ganz verkehrt dagegen ist es, ja sogar gefährlich, die halbe Nacht hindurch zu zechen und zu tanzen, weil dann der Körper am andern Tage ^geschwächt und wenig widerstandsfähig ist. Eine Fußreise darf eben zu keiner Bierreise ausarten! Ist nun aber Jemand vom Hitzschlag betroffen, so haben die Anwesenden sofort folgende Maßregeln zu ergreifen: Der Kranke wird an einen kühlen, schattigen Ort gelegt, alle eng anliegenden Kleidungsstücke werden entfernt, und Kopf sowie Brust immer von Neuem mit kaltem Wasser übergossen oder mit nassen Umschlägen belegt. Zugleich versucht man, dem Patienten Wasser, am besten mit etwas Cognac (Rum) ober Wein einzuflößen. Diese Mittel werden in den meisten Fällen ihre Schuldigkeit thun. Jedoch wird und kann überhaupt nie ein Hitzschlag eintreten, wenn man die oben geschilderten Vorsichtsmaßregeln befolgt. Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitatS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen,