Donnerstag den 3. Januar. • -e-V* •• VV UmmeMEk lEWUW _______ HlnterhaUungsblaLt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). 1 fek/. t Sturmfluth. Roman von Em. Heinrichs. (Fortsetzung.) E» klingelte an der Etagenthür. Fräulein Dorothea trat mit einem erleichternden Athemzuge aus dem Zimmer, um selber zu öffnen und bei dieser Gelegenheit den fremden Herrn zu begrüßen. „Er ist unser Freund," sprach sie leise, auf den Profeffor deutend, „ihm dürfen Sie voll vertrauen." Es klingelte heftiger. „Ich komme schon," rief sie begütigend, „reiß mir nur die Klingel nicht ab, Maxi" Sie nahm die Sperrkette, diese uralte Sicherheitsmaßregel, welche in dem soliden Haus der Väter noch streng beibehalten wurde, ab und öffnete die schwere Thür. „Es ist ein Hundewetter draußen," schrie der Hauptmann, mit wuchtigem Schritt durch den Corridor stelzend. „Den Candidat habe ich auch gleich mitgebracht, sind Profeffors schon da? — Sieh', da bist Du ja, alter Junge, na, willst Du denn nicht den Rock ablegen? — Nun — wer ist denn das?" Er starrte den Fremden verdutzt an — ein unbekannter Herr bei seiner Schwester I — Wer konnte das nur sein? „Der Sohn eines Londoner Freundes, Mister Hamson," stellte der Profeffor den jungen Mann rasch vor. — „Herr Hauptmann Ehrhard! — Und nun geh' in's Zimmer, alter Freund, damit wir Platz gewinnen. Ich muß mit dem jungen Herrn, der mich hier aufgesucht hat, eiligst fort." Die beiden Herren verbeugten sich stumm gegen einander und der Hauptmann trat, eine unliebenswürdtge Bemerkung über den fremden Störenfried mühsam unterdrückend, in das behagliche Zimmer. Dann kamen der Candidat und Fräulein Elisabeth an die Reihe. Ersterer flüchtete sich mit einer linkischen Verbeugung ebenfalls in's Zimmer zu dem brummigen Hauptmann, während Elisabeth den blitzenden Augen der Amerikaners einige Minuten Stand hielt. „Sie kommen doch wieder, Herr Profeffor?" fragte Tante Dorothea, al» die beiden Herren sich verabschiedeten. „Hoffentlich, doch kann ich einstweilen nicht» versprechen, also einstweilen Adieu!" Der Amerikaner verbeugte sich tiefer vor Elisabeth, al» vor der alten Tante, war diese, als sie die Thür wieder verkettet und verschlossen hatte und zu dem jungen Mädchen zurückkehrte, humoristisch hervorhob. „Weshalb bist Du denn auch so ungastlich gewesen, den Fremden bei der Einladung zu ignoriren, Tantchen?" fragte Elisabeth verwundert. „Weshalb? — Ei, weil ich ihn gar nicht kenne und auch keinen Gasthof aus meiner Wohnung machen will." „Aber der Profeffor kennt ihn doch," beharrte das junge Mädchen, fein Haar vor dem kleinen Spiegel ordnend. Die Tante warf einen forschenden Blick auf sie. „Der edle Britts scheint großen Eindruck auf Dich gemacht zu haben, Lisa!" „Lieber Himmel, Tantchen! Ich leugne durchaus nicht, daß es mir angenehm gewesen wäre, auch einmal einen jungen Gast bei Dir zu sehen, im Uebrigen aber magst Du Dich beruhigen, da ich für blonde Männer durchaus nicht schwärme." Da» junge Mädchen lachte fröhlich aus und trat Arm in Arm mit der Tante in'» Zimmer, wo der Hauptmann fluchte und wetterte, weil der Candidat ein „trauriger Roth- behelf" und durch des Profeffors Fahnenflucht fein eigentlicher Whist in die Brüche gegangen fei. in. Letzterer schritt mittlerweile mit dem Amerikaner rasch durch die Straßen dem ziemlich entlegenen Bahnhoss-Hotel zu. „Von Fräulein Dorothea Ehrhard habe ich mir ein ganz anderes Bild gemacht," begann Hamson plötzlich nach langem Schweigen ganz unvermittelt. „Inwiefern ein anderes Bild?" fragte der Professor. „Gefällt die alte Dame Ihnen nicht?" „Nicht besonders; mein Freund Ehrhard wird sich sehr getäuscht finden. Er hat mir so viel von dieser Tante und von ihrer mütterlichen Liebe zu ihm erzählt, daß ich wunder geglaubt habe, wie sie sich über seine Rückkehr freuen würde. Ihre Freude scheint mir aber nicht besonders groß zu sein." „Hat Willibald Ehrhard Ihnen von seiner Vergangenheit erzählt?" sragte der Profeffor kurz. 6 „Allerdings —" „Auch, weshalb er sein Vaterland verlasse« hat?" „Gewiß, sein Onkel wollte einen Osfizier aus ihm machen, wozu er weder Neigung noch Begabung hatte, weil er durchaus Ingenieur werden wollte, und ich sage Ihnen, der Willibald ist einer geworden, dessen Namen drüben bei uns hochgeachtet ist." „Das zu hören freut mich aufrichtig," sagte der Professor; „aber trotz und alledem hätte er nicht heimkehren dürfen." „Weshalb denn nicht?" fragte der Amerikaner stehenbleibend und den alten Herrn herausfordernd anblickend. „Weil er sich der despotischen Bevormundung entzogen und das Recht der Selbstbestimmung für sich in Anspruch genommen hat?" „Nein, deshalb nicht," versetzte der alte Herr, gelassen weiterschreitend. „Ich selber bin für ihn damals in die Schranken getreten und habe es bei seinem Onkel durchgesetzt, daß er seiner Neigung folgen und die Polytechnische Hochschule besuchen durfte. Er hat, wie ich annehmen muß, niemals von mir gesprochen." „O gewiß," erwiderte Hamsou rasch, „ich erinnere mich jetzt, Ihr Name ist mir bekannt, Herr Professor, es ist sogar möglich, daß er zu Ihnen gegangen ist, vorausgesetzt, daß Sie Ihre Wohnung nicht gewechselt haben." „Ich bewohne noch immer dasselbe Haus, mein väter» liches Heim, wo ich geboren bin und zu sterben hoffe. Na, dann wird er meine Frau getroffen haben. — Gleichviel, Herr Hamson, wir kommen von unserem eigentlichen Thema ab. Willibald Ehrhards Vater, der Bruder des invaliden Hauptmann», war ebenfalls Offizier, wie sein Vater und Großvater es gewesen find — er fiel als eins der ersten Opfer de» großen Kriege» in der Schlacht bei Weißenburg. Da feine Gattin schon einige Jahre vorher gestorben war, so nahmen sich seine Geschwister, der Hauptmann und Fräulein Dorothea, de» verwaisten elsjährigen Knaben an und erzogen ihn in einer Weise, welche ihn die Eltern durchaus nicht entbehren ließ —" „Indem sie den armen Jungen trotz seines Sträubens in eine Cadetten-Anstalt steckten," schaltete der Amerikaner spöttisch ein. „Sie vollzogen damit nur den letzten.Willen seines Vaters," sprach der Professor ruhig, „da ein elfjähriger Knabe bei uns in Deutschland gottlob noch kein Selbstbestimmungsrecht besitzt. Auch glaube ich durchaus nicht, daß die Erziehung im Cadettenhause dem armen Jungen geschadet hat." „Sie hat ihm wenigstens den gründlichsten Haß gegen da« deutsche Militärsystem beigebracht," bemerkte Hamson ironisch. „War er allerdings nach seiner Entlassung dadurch bestätigt hat, daß er Ehre und Pflicht für Hirngespinnste erklärte und al» Einjährig-Freiwilliger fahnenflüchtig wurde." Der Professor war bei diesen mit voller Verachtung herau»g«schleuderten Worten stehen geblieben und sah den Amerikaner fest und drohend an. Dieser zuckte gleichmüthig die Achseln. „Ich hätte e» ebenso gemacht, mein verehrter Herr Professor I" sagte er spöttisch lächelnd. „Willibalds Fall war einfache Nothwehr. Er schlug seinen Quälgeist, welcher ihm den Dienst zur. Folter, da» Leben zur Hölle machte, mit dem Gewehrkolben nieder und entfloh. Durch wessen aufopfernden Beistand er glücklich über'« Weltmeer entkam, das wissen Sie, Herr Professor, und Tante Dorothea jedenfalls noch besser al» ich." Hamson legte ihm die Hand auf die Schulter und fah ihn mit einem halb humoristischen, halb gerührten Ausdrucks an. Der Professor schüttelte schweigend den Kopf und ging rasch weiter. „Es ist besser, dieses gefährliche Thema nicht weiter auf offener Straßekzu erörtern," sagte er nach einer Pause mit halblauter Stimme. „Dort ist mein Hau», wir wollen doch erst einmal nachschauen, ob er wirklich bet meiner Frau, die in'» Theater wollte, sich befindet." Er schritt auf ein Haus an der Promenade, da« ein Vorgarten von der Straße trennte, rasch zu. Bei der Pforte blieb er wieder stehen. „Sie müssen doch jedenfalls begreifen, Herr Hamson, daß seine Heimkehr ein unverantwortlich toller Streich ist," sprach er leise in unverkennbarer Aufregung, „und daß sie mir leider den Beweis seines unveränderten Leichtsinns gibt. Ist er denn wirklich drüben ein solcher Kindskopf geblieben, um glauben zu können, daß er sich hier unerkannt und unbehelligt aushalten oder daß eine solche Schuld verjähren kann?" „O nein, da» glaubt er nicht," versetzte Hamson sehr ernst, „er ist sich der möglichen Folgen seiner Rückkehr sehr wohl bewußt. Doch dürfen Sie und vor allem auch die Tante ihm deshalb nicht gram sein, er hat drüben schwer kämpfen müssen und jetzt trieb es ihn heim mit elementarer Gewalt, er konnte das Heimweh nicht mehr bemeistern." Der Professor schwieg und öffnete die Pforte, um den Amerikaner eintreten zu lassen, worauf Beide dem Hause zuschritten, das auf ein Zeichen der Klingel von einem alten Bedienten geöffnet wurde. „Ist meine Frau noch zu Hause, Thomas?" „Ja, Herr Professor, es ist Besuch gekommen," versetzte der Diener mit eigenthümlicher Betonung. „Bekannte?" „Nein, ein fremder Herr, ich sollte just hin und den Herrn Professor bitten, nach Hause zu kommen." „Na, dann hab' ich Dir ja den Weg erspart. Bitte, Herr Hamson," wandte sich der Professor mit einer einladenden Bewegung zu dem Amerikaner, worauf der Diener ihnen Hüte und Ueberzieher abnahm und die beiden Herren sich dem Wohnzimmer zuwandten. Neben dem Sopha, auf welchem die Frau Professor thronte, saß ein schlanker Mann von eleganter Haltung mit einem schönen, tiefgebräunten Gesicht, ernsten grauen Augen, die einen melancholischen Ausdruck hatten, und starkem, dunkelbraunem Vollbart. Die breite Stirn war von dunklem, lockigem Haar umwallt, über die linke Wange zog sich eine rothe Narbe, welche in erregten Augenblicken wie Feuer leuchtete und eben jetzt wieder selbst beim Schein der verschleierten Lampe dunkelroth hervorflach. „Da ist mein Mann schon!" rief die Frau Professor beim Eintreten der Herren. Der Fremde erhob sich und trat dem Hausherrn einige Schritte zögernd entgegen. „Ich weiß nicht, ob ich Ihnen unter den obwaltende« Umständen ein Willkommen! entgegenrufen darf!" begann der Professor, dem jungen Mann fest ins Auge blickend, „meine Hand zum Gruß aber will und darf ich Ihnen nicht verweigern." Er streckte ihm die Rechte entgegen, in welche Ehrhard schweigend die seine legte. Der Professor stellte seiner Gattin dann den Fremden vor und bat ihn, für heute Abend sein Gast zu sein, was Hamson ohne Weitere« annahm. „Wenn Du in« Theater willst, liebes Kind," setzte der alte Herr zu seiner Gattin gewandt, hinzu, „dann genire Dich nicht, ich werde die Herren nach Kräften unterhalten." „Nein, Heinrich, ich gehe nicht hin, habe mein Billet der Frau Doctor Hartmann gegeben. Denk Dir, vorhin als Du kaum fortgegangen warst, erhielt ich ein Telegramm von unserer Leonore, da lie« selbst." Der Professor, der seine Frau am liebsten fortgeschickt hätte, ergriff verdrießlich die Depesche und rief überrascht: „Was fällt ihr denn nur ein, so über Hals und Kopf zurück- zukommen? Will man sie dort nicht länger haben? Oder was ist passtrt? Sie entschuldigen, meine Herren, e» handelt sich um meine Tochter, welche seit vier Wochen bei Verwandten in Dresden zum Besuch ist, und durch diese kurze telegraphische Anzeige auf heute Abend ihre Heimkehr meldet. Ich liebe dergleichen Ueberstürmungen nicht, zumal wenn e» 7 nicht an Zeit gebricht, eine solche Meldung brieflich zu machen." „Die junge Dame scheint nach Amerika hinzupaffen," meinte Hamson, beifällig lächelnd. „Nach Ihrer dortigen Devise Zeit ist Geld," erwiderte der Professor, „das stimmt hier nicht, lieber Herr! — Meine Tochter handelt nicht nach Grundsätzen, sondern meistens nach augenblicklichen Eingebungen, welche ich als ungalanter Vater für Launen halte." „Fräulein Leonore war, so viel ich mich ihrer noch erinnern kann, ein sehr lebhaftes und warmherziges Kind," bemerkte Willibald Ehrhard mit schöner, klangvoller Stimme. „Nicht wahr?" rief die Frau Profeffor freudig. „Und so ist sie geblieben, etwas rasch und ungestüm zwar, aber warm und liebevoll in ihrem Denken und Empfinden, jedes Unrecht energisch bekämpfend, treu und wahr in ihrem Wesen und Streben —" „Mein Himmel, welch' mütterliche Lobhymnei" unterbrach der Profeffor sie lachend. „Dar schmeckt allzu sehr nach Eigenlob, liebes Kind! — Aber mit welchem Zuge trifft diese Mustertochter denn eigentlich ein?" „Wir wollen un» für heute Abend lieber empfehlen," meinte Ehrhard, einen raschen Blick mit dem Freunde wechselnd, „wenn Sie morgen ein Stündchen Zeit für mich übrig haben, Herr Profeffor!" „Nein, bleiben Sie nur," entschied dieser, „unsere Leonore wird Sie nicht wieder erkennen, Erhard — Sie haben sich zu sehr verändert. Sie werden sich doch hier einen anderen Namen beigelegt haben?" „Ich nenne mich Wilson —" „Gut, gewöhnen wir uns daran, beffer wär's allerdings gewesen, wenn Sie Ihr Jncognito auch meiner Frau gegenüber bewahrt hätten." ?,Bitte, ich erkannte ihn sofort," fiel die Frau Profeffor etwas gereizt ein. „O weh, dann sieht's freilich schlimm aus," rief der Profeffor betroffen. „Nur ruhig, liebe Marie," fetzte er begütigend hinzu, „ich weiß ja, daß Du den Willibald von Kindheit an wie einen Sohn geliebt hast und an Verrath bei Dir nicht zu denken ist. Wenn aber Du ihn sofort erkannt hast, werden auch andere Augen ihn erkennen, und was dann geschehen wird, wissen wir Alle." „Ich mußte voraussehen, was meiner hier harren würde," sprach Ehrhard düster, „glaubte aber doch nicht, daß auch Sie, Herr Professor, mich so hart verurtheilen würden. Sie waren damals mein Hort, mein Retter —" „Das haben Sie meiner Frau zu verdanken," unterbrach der alte Herr ihn fast rauh. „Doch lassen wir diese Erörterungen und sagen Sie mir vor allen Dingen, weshalb Sie sich in diese Gefahr begeben und die Rückkehr gewagt haben." „Und das fragen Sie mich, Herr Professor?" brach es leidenschaftlich von Ehrhard's Lippen. „O, Ihre Frau hat mich verstanden, sie hat ein Herz mir bewahrt, das den Mann nicht die Schuld des Jünglings entgelten läßt. Weshalb ich zurückgekehrt bin? Nun denn, ich hatte als echter Deutscher das Heimweh in allen Gliedern, ich sehnte mich nach einem Blick, einem freundlichen Wort, nach der Liebe derer, die mir einst gutes erwiesen haben, nach meinen Verwandten und Freunden. Wenn Tante Dorothea so denkt, wie Sie, den ich einst meinen väterlichen Freund nennen durfte, dann freilich bereue ich meine Heimkehr, und werde fortgehen auf Nimmer- Wiederkehr!" „Das wird Tante Dorothea sicherlich nicht," tönte es in diesem Augenblick von einem Nebenzimmer her, und überrascht wandten alle den Kopf dorthin. Durch die Portiere war ein junges Mädchen rasch eingetreten, das mit blitzenden braunen Augen und gerötheten Wangen auf Willibald zuging. „Willkommen in der Heimath!" rief sie, ihm die Hand entgegenstreckend, „wir waren früher gute Kameraden, Willibald, und werden'- auch in Zukunft bleiben. Für Tante Dorotheas Gesinnung aber bürge ich!" „Leonore!" erwiderte der junge Mann,"tiefbewegt ihre Hand ergreifend, „Dank, innigen Dank! — Ich sehe doch, daß ich hier wenigstens keine Luftschlösser baute, als ich da« Gebäude meiner heimathlichen Wünsche und Hoffnungen errichtete. Das Herz der deutschen Frau ist ein Felsengrund —" „Und müßte demnach von Stein sein," warf der Professor dazwischen. „Die amerikanische Luft scheint doch so materiell nicht zu sein," fuhr er ironisch fort, „da unser Herr Ehrhard verzweifelt viel Sentimentalität mit heimgebracht hat. Finden Sie nicht, Herr Hamson?" „Es ist die deutsche Luft," erwiderte dieser trocken, „sie wehte ihn schon in der ersten Minute ordentlich unheimlich an. Ich denke mir, daß die junge Dame die Tochter de« Hauses ist, Sir?" „Jawohl, Du scheinst es ja förmlich auf Ueberfälle abgesehen zu haben, Lore! Laß Dich erst einmal nach europäischer Sitte vorstellen, die Du hoffentlich in Dresden nicht verlernt haben wirst. Meine einzige und deshalb sehr verzogene Tochter Leonore, — Herr Richard Hamson aus Amerika." „Sie werden mir meinen formlosen Ein- und Austritt wohl verzeihen, Herr Hamson!" sagte Leonore, ihm lächelnd die Hand bietend, die er hastig ergriff und an seine Lippen führte. „Aber ich konnte den Zweifel an Tante Dorothea'« liebevoller Gesinnung gegen Willibald Ehrhard nicht ruhig anhören, selbst auf die Gefahr hin, als taktlos vor Ihnen zu erscheinen." „Ich kann Ihnen nur meinen aufrichtigen Dank für dä« herzliche Willkommen, das Sie meinem Freunde geboten, ausbrücken, mein Fräulein!" versetzte der sonst nicht blöde und auch ziemlich redegewandte Amerikaner verlegen stotternd. „Ich habe Fräulein Ehrhard allerdings schon gesehen, und —" „Sie waren schon bei ihr?" unterbrach Leonore ihn erregt, „auch Sie, Willibald?" „Ich sandte meinen Freund erst allein zu ihr, — Du hast also mit ihr gesprochen, Richard?" „Davon später," mischte sich der Profeffor ein wenig rücksichtslos ein, „sage nur erst, liebes Kind, wie es angehen konnte, daß Du ungesehen und ungehört ins Hau» gelangtest. Wir haben keinen Wagen, kein Klingeln vernommen" „Ja, Papa, das ist ganz natürlich zugegangen," erwiderte Leonore lachend, „ich traf Lehndorf's am Bahnhofe, welche die Schwägerin abholen wollten, ließ kurz entschlossen mein Gepäck stehen, und fuhr mit ihnen bis vor ihre Wohnung, wo ich abstieg und davon lief, weil ich den kurzen Weg zu Fuß machen und Euch überraschen wollte, was mir um so leichter fiel, als Thomas just bei meiner Ankunft die Thür öffnete. So, nun bist Du hoffentlich beruhigt." „Du hättest einen Brief schreiben und wie andere Menschenkinder Deine Ankunft melden können," brummte der Professor, „vernünftig wirst Du wohl niemals werden. Was ist denn in Dresden pafffrt, daß Du so Hal» über Kopf davonlaufen mußtest?" „Das erzähle ich Dir später, mein Papa! — Vor allen Dingen freut es mich ganz ungeheuer, jetzt gerade heimgekommen zu sein, um einen alten Freund zu begrüßen, den ich unter Hunderten wiedererkannt hätte." „Da haben wir'»," rief der Professor, sich entsetzt mit beiden Händen durch das ergraute Haar fahrend. „Nun werden Freund oder Feind Sie auf den ersten Blick erkennen und die Folgen nicht ausbleiben. Ehrhard!" setzte er mit erregter Stimme hinzu, „verlassen Sie noch in dieser Nacht die Stadt, ich fürchte, daß unser Thomas Sie ebenfalls erkannt hat. Bedenken Sie doch nur das Aufsehen, wenn man Sie verhaften, vor ein Kriegsgericht stellen, Sie unbedingt zu schwerer Strafe verurtheilen würde. Was hätten Sie davon als die Schande und das niederdrückende Gefühl, den Onkel, die alte gute Tante, welche schon jetzt vor Angst um Sie vergeht, vor der Zeit ins Grab gestürzt zu haben!" „Ich habe ihm dasselbe schon drüben vorgehalten," bemerkte Hamson, „er wollte nicht hören. Nun gut, dachte ich, ' gehen wir hinüber, da» Heimweh, welches mir allerding» »in 8 frembe» Wort ist, soll am besten durch die Heimath seibst ge- _ heilt werden." Willibald erhob sich. „Sie hören, Fräulein Leonore," sagte er mit einem bit# < teren Aufdruck, „daß Tante Dorothea vor Angst um mich § vergeht, von einem freudigen Wiedersehen also keine Rede | s-in kann. Ich werde gehen, meine Verwandten nicht durch f einen Besuch compromittiren. Eine Bitte aber müssen Sie mir gewähren, Leonore, bevor ich gehe, ein Wiedersehen mit Elisabeth." (Fortsetzung folgt.) G-ineiirnNtziges* Für kalte Hühnerställe ist grobe Holzwolle ein vor- ; zügliches Streumaterial. Fausthoch auf den Fußboden aus- ? gebracht, saugt sie die Feuchtigkeit rasch auf, schützt die Thier e - vor kalten Füßen und hält durch ihren Harzgehalt Ungeziefer ? fern. Der dadurch gewonnene Dünger ist viel werthvoller Z al» der bei Stroheinstreu. * Zur Förderung des*Eierlegens der Hühner. | Das Eierlegen der Hühner wird angeregt und beschleunigt durch Vorweisung braungerösteter Gerste, die vorher gekocht wird; die Brühe, in der die Körner gekocht werden, dient den Thieren zum Saufen. Weiter hilft auch feingestoßener spanischer Pfeffer, der alle zwei bis drei Tage unter das Futter gemischt wird und zwar immer ein Theelöffel voll. Beide Mittel hat der bekannte Geflügelzüchter W. Schwarz- lose in seinem neuen Buche: „Die künstliche Geflügelzucht" veröffentlicht. Ferner sei aber auch erwähnt, daß da» Füttern oer Hühner mit etwas grünem Futter, Lattich oder Kohl, eventuell auch Rüben, das Eierlegen sehr begünstigt. Im Winter verwendet man zu diesem Zwecke Kohlblätter und Rüben. * * Petroleumstecken ans Wollstoffen entfernt man oft sehr gut, wenn man kohlensaure Magnesia mit Waffer zu einem ganz steifen Brei anrührt, diesen mefferdick (bet großen Flecken noch stärker) aufträgt, unter mäßigem Drucke trocknen läßt und dann mit einem nicht zu heißen Plättetsen die Magnesia stark erwärmt. Ei« gutes Mittel zur Entferuung von Kaffeestecken, da» selbst den zartesten Farben nicht schadet, ist da» Bestreichen des Flecke» mit unparfümirtem Glycerin. Rach dem Aufstreichen de» letzteren wäscht man die Stelle in lauwarmem Waffer aus und plättet sie dann gleich auf der inten Seite. * * ♦ Das Anlegen von Fäden bei Stickerei und Häkelei ist den sehr subtilen Arbeiterinnen stet» ein Aergerniß, da e» bet aller Mühe immer eine kleine Unregelmäßgkeit in der Arbeit erzeugt. Man fädelt da» Ende der nenen Knäuels ein, und zieht dasselbe mit der Radel etwa einen Finger lang mitten durch den alten Faden, indem man in diesem mit kleinen Vorstichen auf- und abnäht. Alsdann setzt man die Strick- oder Häkelmaschen fort, und wird nun finden, daß die Anlegestelle, nachdem einige Male darüber gearbeitet ist, kaum mehr aufgefunden werden kann. * Bereitung von Radierpulver. Man nimmt einen Theil Alaun, einen Theil Bernstein, einen Theil Schwefel, einen Theil Salpeter, vermischt Alles gut untereinander und bewahrt die Mischung in Gläsern auf. Wenn man von diesem Pulver etwas auf einen Tintenflecken oder frischgeschriebene Schrift bringt und mit einem weißen leinenen Lappen darüberstreicht, so wird Tintenfleck oder Schrift von dem Papier verschwinden. Leder vor Juseeten zu schützen. Diesen Zweck erreicht man, wenn man das Leder mit Ricinusöl, das man auch mit anderem Oel ober Talg vermischen kann, bestreicht. Auch Ratten und Mäuse sollen solches Leder, zu dessen Erhaltung dieses Mittel sehr dienlich ist, nicht anrühren. ♦ e • Alte Mahagoni-Möbel lassen sich aussrischen mit einer Mischung, welche au» einem Theil Stearinsäure, einem Theil Terpentinöl und Vs Theil Karmin besteht. Dieselbe wird mit einem Flanelllappen in sorgfältigster Weise auf die Möbel gerieben ♦ Das Abschäumen der Fleischsuppe. Der Schaum, welcher auf der Fleischsuppe entsteht, wenn dieselbe ins Kochen kommt, wird meistens von den Hausfrauen für Schmutz an. gesehen und abgeschöpft. Dieses ist jedoch ganz verkehrt, denn es handelt sich nicht um Schmutz, sondern um werthvolles Eiweiß, welches erst in der Flüssigkeit gelöst war, durch die höhere Temperatur aber nachträglich ausgeschieden wurde- Namentlich wenn das Fleisch mit kaltem Wasser aufgesetzt wird, enthält es, wenn e« ins Kochen kommt, viel von solchem gelösten Eiweiß, bildet somit viel Schaum. Der Verlust ist ein beträchtlicher. Man rühre den Schaum, wenn er entsteht, unter die Suppe, und er verschwindet bald. Zwar erhält man bei diesem Verfahren keine so teilte, aber eine um so nahrhaftere Suppe. Vermischtes. Das ist halt ganz was anderer. Pfarrer: „Nun, Sepp, hattet Ihr denn heute auch einen Sonntagsbraten?" — Sepp: „Joa!" — Pfarrer: „Hat ihn Dein Vater gekauft oder wurde er ihm geschenkt?" — Sepp: „Noa!" — Pfarrer: „Er hat ihn doch nicht gar gestohlen?" — Sepp: „Noa!" — Pfarrer: „Ja, wo hat er ihn denn bekommen ?" — Sepp: „Gewildert!" » Mehr — weniger. In Paris gab man im Vaudeville-Theater ein Stück unter dem Namen: „Einer mehr!" welche» aber nicht gefiel. Da sagte ein Witzling: „So oft man Einer mehr auf dem Zettel liest, sind hundert weniger im Paterre." * Modernes Söhnchen. Vater: „Was man jetzt auch Alles mit dem Knaben anstellt! Nun wieder die Turnspiele! Zu meiner Zeit dachte man an solche Sachen nicht!" — Söhnchen: „Nicht wahr, Papa, wenn Ihr das Alles auch gehabt hättet, dann hätte aus Dir noch 'was ganz Anderes werden können?" ♦ * ♦ Jedem das Seine. Commerzienrath: „Eine wahre Freude ist es, wenn man sieht, wie Alles so schön klappt, wenn Ihr Herr Gemahl da» Regiment führt. So weit ich ihn kenne, ist er durch und durch Soldat. Wie ist er zu Hause?" — Oberstin: „Zu Hause ist er auch Soldat, aber ich führe das Regiment!" • Erkannt. Kanzlist: „Ich möchte für heute Nachmittag um Urlaub bitten. Ein plötzliches Unwohlsein — " — Bureauvorsteher: „Na ja — amüfiren Sie sich gut!" ♦ * ♦ Sachverständig. Mutter: „O Du armes Kind, wie stehst Du denn aus — Hände, Gesicht verbrannt — warum habt Ihr nichts geschrieben — was ist geschehen?" — Tochter: „O nichts, Mama — ich habe blos gestern selbst — gekocht!" Rebaition: A. Echetzda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Thr. Pietsch) in G'.-Leu,