UnterhaLtungstrlatt pnu Gießener Anpiger (General-AnMer) LSV6. ff . EamStsß Les 2. November. ......._ - , i .. — i /< SteJL&r " ' • WWM r* | WiSSÄitFX iDM WM^ZW WDWWM MMZW 8rtzW'ME8^WB MW^ßM WWz HWWWW SMWM WMMMLSM A^W^W "' SEWU ' ~~~ ~ '77777^7*'<1*' WOMW^WWW B8M»>r «ABraros?^*®ee-i ZWKW Auf japanischer Erde. Novelle von W. H. Geinborg. ---f— (Nachdruck verboten.) I. Es war am Morgen eines sonnenhellen, prächtigen Mai» tages, als der englische Dampfer „Affyria" in die stillen, blaßblauen Gewässer des Meerbusens von Yrddo einfuhr. Der wolkenlose Himmel hatte jene matte Färbung, die für die späteren Tagesstunden eine drückende Hitze erwarten läßt; noch aber wehte ein leichter, erquickender Wind und die Temperatur der Luft war durchaus behaglich und angenehm. Die verhältnißmäßig kleine Zahl von Passagieren, welche der „Assyria" auf ihrer weiten Reise bis hierher treu geblieben war, hatte sich trotz der frühen Stunde bereits auf dem Verdecke zusammengefunden, um den Anblick der Küste von Nipon zu genießen, an der man jetzt in geringer Entfernung vom Lande dahinfuhr. Ihre Reize waren freilich von mehr anmuthig lieblicher als überwältigend großartiger Natur. Ohne die seltsame Bauart der niedrigen Hütten, welche hier und da zu einem kleinen Dorfe vereinigt, an den Abhängen der theils bewaldeten, theils mit frischgrünen Reisfeldern bedeckten Hügel standen, hätte man wohl glauben können, sich an einem schönen Theil der englischen Küste oder am Gestade der Insel Rügen zu befinden. Nur die von bläulichem Duft umwobene Bergkette am fernen Horizont und der ganz vereinzelte, schneeweiße Gipfel des zu gewaltiger Höhe htmmelanstrebenden heiligen Kraters Fusi-yama mußten solche Illusionen bald wieder zerstören und daran gemahnen, daß man weit in Asiens äußerstem Osten sei. Und nun, da sich die „Assyria" an der Receptionsbucht, der Perry, und Webster-Insel vorüber, dem eigentlichen Hafen von Yokohama näherte, nun wurde die Scenerie auch mit jeder Viertelstunde fremdartiger, seltsamer und interessanter. Abenteuerlich gebaute chinesische Dschonken mit hoch über dem Wasser emporragenden Vorder- und Hintertheil zogen langsam dahin und ganze Flotillen von plump gebauten Fischerbooten mit viereckigen weißen Segeln tanzten auf den leicht bewegten Wellen der immer mehr verengten Bucht. „Jene Gebäude dort auf der Hügelkette längs des Ufers — ist das nun Yokohama?" In weichen, einschmeichelnden Lauten war diese Frage vernehmlich geworden. Rosige Mädchenlippen hatten sie in englischer Sprache an einen hochgewachsenen jungen Mann mit sonnenverbranntem Antlitz und treuherzigen blauen Augen gerichtet, der nun schon seil einer Stunde neben der anmuthigen Fragerin an der Regeling des Dampfers lehnte. Es war eigentlich ganz ohne ihr Znthun geschehen, daß sie so von der Gesellschaft der übrigen Passagiere isolirt worden waren. Als es vorhin in Begleitung einer älteren, zart und kränklich aussehenden Dame auf dem Verdeck erschien, hatte sich das junge Mädchen, von allen Seiten mit besonderer Zuvorkommenheit begrüßt, sogleich jener lebbhaft plaudernden Gruppe zugewendet, die mit der eifrigen Betrachtung des Ufer« beschäftigt war. Dann aber hatte der Umstand, daß eben eine schmucke, japanische Kriegscorvette vorüberdampfte, die ganze Gesellschaft auf die andere Seite des Schiffes gelockt und nur für diese Beiden nmßte der Anblick eines solchen Fahrzeuges durchaus nichts Verführerisches gehabt haben, denn sie waren ruhig auf ihren Plätzen geblieben. Die junge Dame, über deren dunklen Scheitel sicherlich noch nicht mehr als achtzehn oder neunzehn Lenze dahingegangen waren, hatte die feinen Gesichtrzüge, die reine, durchsichtige Haut und den ebenso zierlichen wie kraftvoll geschmeidigen Gliederbau einer echt englischen Schönheit. Ihre dunklen Augen waren merkwürdig tief und von jenem seltsamen, märchenhaften Glanze, der seit dem Anbeginn der Welt eine der schlimmsten Gefahren für das sogenannte starke Geschlecht gewesen ist. Auf ihrem reizenden Antlitz prägte sich jetzt die höchste Spannung, gemischt mit einer gewissen, mühsam bekämpften Unruhe aus, und es lieb sich nicht leugnen, daß der zart rosige Hauch, den diese Empfindungen auf ihren Wangen hervorgerufen hatten, sie besonders entzückend kleidete. Unverwandt hatte der Gefragte mit seinem Feldstecher nach der bezeichneten Richtung hinübergespäht; nun antwortete er — in fließendem Englisch zwar, doch mit einem Accent, der unschwer den Deutschen in ihm erkennen ließ: „Sie wissen, daß ich hier ebenfalls ein Fremdling bin, M iß Donald- sonl Aber wenn nicht alle Beschreibungen lügen, ist die» dort 518 wirklich Aokohama. Ich erkenne deutlich die amerikanische Flagge auf einem der Häuser und dort — etwas weiter landeinwärts — sehe ich auch die englische wehen. In weniger al» einer Stunde wird unsere schöne Seereise zu den vergangenen Dingen gehören." Es war ein Klang von aufrichtigem Bedauern in seinen letzten Worten gewesen. Die junge Dame aber, deren Gedanken offenbar ganz von den bevorstehenden Ereigntffen in Anspruch genommen waren, hatte ihn wohl überhört, denn sie rief mit großer Lebhaftigkeit: „Die englische Flagge? — Da» wäre also da» Consulat, nicht wahr? — O, zeigen Sie mir, wo Sie sie gesehen haben, Mr- Stralendorf! — Ich kann sie trotz allen Suchens nicht finden." Er mußte sich näher zu ihr neigen, um ihrem Glase die Richtung nach dem betreffenden Punkte zu geben. Für einen Moment streifte sein Arm ihre Schulter, deren weiche Rundung er unter dem leichten, Hellen Sommerkleids fühlen konnte und eine heiße Blutwelle schoß dem Achtundzwanzigjährigen in'» Gesicht bei der unabsichtlichen Berührung. „Nun habe ich'« — ja! Und es scheint sehr hübsch dort zu sein. Sieht e» Nicht aus, als ob e« mitten in einem großen Garten läge?" „Es scheint so. Aber wäre e« unbescheiden, zu fragen, Miß Donaldson, warum Sie gerade das britische Consulat in so hohem Grade interessirt?" „Aus einem sehr einfachen Grunde. Es wird ja nun auf unbestimmte Zeit meine Heimath sein. Mr. Herbert ElmSley, mein Onkel, ist der Consul Ihrer Majestät in Doko- Hama, und auf seine Einladung haben wir die wette Fahrt von Guildford nach Japan unternommen. Hat Ihnen denn meine Mutter noch gar nicht davon gesprochen?" „Nein. Seitdem Mr. Thomas Elli» so ganz ihre Gunst gewonnen, hatte ich ja kaum noch das Vergnügen, mich mit ihr zu unterhalten." Maud Donaldson warf unwillkürlich einen raschen Blick nach jener Stelle der Schiffes, wo sich die anderen Passagiere befanden. Sie sah die hohe, etwas hagere Gestalt de» Mannes, dessen Namen der junge Deutsche soeben genannt hatte, auch jetzt an der Seite ihrer Mutter und es war ein merkwürdiger Zufall, daß seine klaren, durchdringend scharfen Augen gerade in diesem Moment den ihrigen begegnen mußten, fo daß sie wie in plötzlicher Verlegenheit ihr Gesichtchen wieder nach der Küste wandte. „Sie dürfen sich nicht so sehr darüber wundern," sagte sie mit gedämpfter und etwas unsicher klingsnedr Stimme. „Wir find der Liebenswürdigkeit des Herrn Ellis wirklich zu großem Danke verpflichtet. Nachdem sich alle Medicamente des Schiffrarztes als vollkommen wirkungslos gegen da« hartnäckige Unwohlsein meiner Mutter erwiesen hatten, befreite er fie mit einer Mischung au« seiner kleinen Reise-Apotheke innerhalb weniger Stunden von ihrem quälenden Leiden." „Sollte dabei nicht ein glücklicher Zufall oder vielleicht auch ein wenig Suggestion im Spiele gewesen sein? — Elli» ist doch kein Arzt und ich muß gestehen, daß ich für meine Person nicht Vertrauen genug in seine Hrilkunst gehabt haben würde, um mich zum Object eine» solchen Versuches herzugeben." „Sie lieben ihn nicht — gestehen Sie'« nur ganz offen! Ich habe längst gemerkt, daß Sie eine gewisse Abneigung gegen unseren Reisegefährten hegen." „Gr ist nicht nach meinem Geschmack — warum sollte ich es leugnen! Es ist etwa« Verstecktes in ihm, etwas Undurchdringliche», da» kein rechtes Behagen auskommen läßt in seiner Gesellschaft. Und die Leute, die nach Aussehen und Gebahren gleichsam wandelnde Räthsel sind, haben immer etwas Abstoßende» sür mich gehabt- Es mag wohl sein, daß mein geringes Talent, solche lebendige Räthsel zu lösen, die Schuld daran trägt; aber ich komme nun einmal nicht darüber hinweg. Und Sie, Fräulein Donaldson, sagen Sie mir doch aufrichtig, ob Ihnen dieser Herr Elli» gefällt!" Da» junge Mädchen vermied es geflissentlich, den Fragenden anzusehen und es verging eine merkwürdig lange Zett, ehe es Antwort gab. „Ich kenne ihn wohl zu wenig. Und dann — er hat fich in der That sehr hülsreich und freundlich gegen uns benommen. Es wäre undankbar, wenn ich anders als mit Achtung von ihm sprechen wollte." „Hat er Ihnen vielleicht auch anvertraut, in welcher Absicht er hierher nach Japan geht? In der Paffagierliste de» Schiffes ist er als Kaufmann verzeichnet." „Ja. Und er trägt sich mit dem Plane, seinen Aufenthalt in einem der freigegebenen Häfen zu nehmen, die bis jetzt von Europäern noch weniger besucht werden, als Poko- dama. Ich glaube, er sprach von Hakodate auf der Insel Yezo." „Nun, ich wünsche ihm Glück dazu. E« ist mir jedenfalls ein Vergnügen, zu hören, daß ich nicht länaer verurthetlt sein soll, sein unangeneh nes Gesicht und seine stechenden Augen in meiner Nähe zu wiffen. Sie aber, Fräulein Donaldson, Sie werden also dauernd in Aokohama bleiben?' „Ich weiß es nicht; aber ich vermuthe allerdings, daß wir nicht so bald wieder fortkommen werden. Schon seit meines Vaters Tode hegte mein Oheim den Wunsch, daß wir sein Haus mit ihm theilen möchten, denn er ist unverheirathet und sehnt sich nach einem behaglichen Familienleben. Wir haben lange gezögert, ehe wir uns entschlossen, seinen Sitten nachzugeben. Es ist schwer, sich auf lange Zeit, vielleicht auf immer, von der Heimath zu trennen." Sie hatte da« Fernglas sinken laffen und in ihren dunklen Augen, die noch immer auf die Küste des unbekannten Landes gerichtet waren, schimmerte es feucht. Georg Stralendorf» breite Brust hob fich in einem tiefen Athemzuge und seine Stimme klang bewegt, al» er halblaut sagte: „Möchten Sie doch hier auf der fremden Erde tausendmal schöner Alle» wiederfinden, was Sie drüben in Ihrem Vaterlande verlaffen mußten I — Ich wünsche es Ihnen von Herzen — wahrhaftig, von ganzem Herzen." Maud wandte ihm da» dunkle Köpfchen zu und sah ihn freundlich an. „Ich danke Ihnen, Herr Stralendorf! Ach, ich wollte, diese ersten Tage und Wochen wären schon vorüber I Ich hatte mir so fest vorgenommen, tapfer zu sein und bi» heute ging e» ja auch ganz gut. Jetzt aber habe ich schreckliche Furcht. Das ist recht kindisch — nicht wahr? — Sie, der Sie ja auch als Fremder hierher kommen, Sie fürchten sich gewiß nicht im Geringsten." Georg Stralendorf lächelte und es war ein so gut- müthige», treuherzige» Lächeln, daß es sein sonnenverbrannte» Gesicht merkwürdig verschönte. „Wenn man so viel in der Welt herumgeworfen worden ist wie ich, fängt man allerdings zuletzt an, das Fürchten zu verlernen. Aber da» Gefühl, das Sie da überkommt, verstehe ich trotzdem recht gut. Genau so war mir um'« Herz, als ich zum ersten Mal die englische Küste vor mir auftauchen sah. Damals war ich neunzehn Jahre alt und ich hatte die geliebte Heimath hinter mir gelassen wie Sie. Hätte ich Geld genug gehabt, wer weiß, ob ich nicht mit dem ersten besten Schiffe nach Deutschland zurückgekehrt wäre. Aber da« war zum Glück unmöglich, und in dem harten Kampf um'« Dasein blieb mir dann nicht mehr viel Zeit für wetchmüthige Betrachtungen. Uebrigen» — um der Wahrheit die Ehre zu geben, Fräulein Donaldson — etwa« gibt e« allerdings, wovor ich mich auch heute fürchte, etwas, das sehr betrübend sür mich ist, und da« ich doch leider nicht ändern kann." Fragend blickte Maud zu ihm auf und mit einem liebenswürdigen Gemisch von Offenherzigkeit und Befangenheit fügte Georg Stralendorf hinzu: „Ich fürchte nämlich, daß e« mir nach unserer Landung nie mehr vergönnt sein wird, so wie jetzt mit Ihnen zu plaudern. Denn ich vermuthe, daß auch auf japanischer Erde jene gesellschaftlichen Unterschiede Geltung haben, die höchstens einmal auf dem engen Raume einet Schiffe» für die Dauer einiger Tage oder Wochen aufgehoben werden können. Vielleicht war es Ihnen bisher gar nicht 519 bekannt, daß ich weder ein reicher Tourist noch ein angesehener t Großhändler bin, wie die meisten unserer Reis- issährten, sondern nichts als ein einfacher Clerk im Dienste der Firma Conington und Blomfield zu Yokohama — ein Mensch, den Sie wahrscheinlich als tief unter Ihnen stehend betrachten." „Ah, es ist gar nicht hübsch, daß Sie so sprechen," erwiderte das junge Mädchen im Ton eines freundlichen Vorwurfs. „Ich habe bisher nicht einen Augenblick daran gedacht, was Sie wohl fein könnten, und ich finde nicht, daß es etwas Unehrenhaftes ist, ein Clerk zu fein. Auch nach der Landung werde ich mich immer freuen, einem meiner Reisegefährten von der „Affyria" zu begegnen." Georg kam nicht mehr dazu, ihr zu antworten; denn, in diesem Augenblick trat ihre Mutter, von Thomas Ellis und einem der Schiffsofstziere begleitet, auf sie zu und Maud eilte sofort an die Seite der kleinen, schmächtigen Dame, sie in kindlicher Zärtlichkeit umfassend. Der höfliche Seemann fuhr fort, allerlei Erklärungen zu den am Ufer sichtbar werdenden Einzelheiten zu geben, die beiden anderen Männer aber betrachteten sich für einen Moment mit kalten, mißtrauischen, beinahe feindseligen Blicken. Thoma» Elli» stand an stattlicher Körperhöhe hinter dem jungen Deutschen nicht zurück und trotz ihrer Hagerkeit ver- riethen feine Glieder mit den unter dem leichten Reiseanzug scharf hervortretenden Muskelpartieen ebensoviel Geschmeidigkeit al» Kraft. Aber die Züge seines kühn geschnittenen, starkknochigen Antlitzes hatten nichts von jener heiteren, gutmüthigen Offenheit, die das Gesicht Georgs zu einem so angenehmen und sympathischen machte. Das Alter des Manne« wäre nach seinem Au»sehen schwer zu bestrmmen gewesen, doch war er sicherlich nicht jünger als dreißig oder einunddreißig Jahre. Er war ganz bartlos und der mächtig entwickelte Unterkiefer mit dem energischen Kinn und den harten Linien an den Mundwinkeln trat dadurch noch auffallender hervor. Am wenigsten wohlthuend aber wirkten an diesem scharf markirten Männerkopse jedenfalls die tiefliegenden, kalten Augen, deren Blicke etwas etgenthümlich Stechendes hatten, obwohl sie nach Form und Farbe an und für sich keineswegs unschön zu nennen waren. Lange Zeit hindurch sprach er kein Wort und hörte gleich den Anderen mit großer Aufmerksamkeit den Erklärungen des Schiffsosfizier» zu, der von den beiden Damen, namentlich aber von der wißbegierigen Maud, mit tausend Fragen überschüttet wurde. „Diese Hügelkette dort längs de« Ufers sind die sogenannten Bluffs," belehrte der liebenswürdige Cicerone, „und die Terrasse, die sich an ihrem Fuße hinzieht, nennt man den Bund. Alle Gebäude, welche Sie auf ihnen sehen, dienen als Wohnungen, Hotel«, Hospitäler ober Geschäftshäuser für die Fremden. Denn die eigentliche japanische Stadt liegt weiter landeinwärts in der Ebene und ist nach unseren Begriffen nichts als ein ziemlich jammervolles, armselige« Nest." Jetzt zum ersten Male mischte sich Thomas Ellis in das Gespräch. „Können Sie mir ein halbwegs menschenwürdige« Gasthaus in Yokohama empfehlen?" fragte er den Oifizier. „Gewiß — es gibt deren mehrere. Da« Hotel International gilt für da« vornehmste. Wenn Ihnen aber an einem ruhigen Aufenthalt gelegen ist, werden Sie gut thun, da« Oriental-Hotel vorzuziehen." „Und glauben Sie, daß es möglich sein würde, ein Haus für längeren Aufenthalt zu miethen?" „Ohne Zweifel! Von den leicht gebauten Bungalows auf dem Bluff sind immer einige zu haben. Da sie ganz nach japanischer Art errichtet sind, haben diese luftigen Dinger einen verhältnißmäßig geringen Werth." Georg Stralendorf, in dessen Zügen ein ziemlich offen- kundiges Unbehagen zu lesen war, konnte sich nicht enthalten, zu fragen: „War efi denn nicht Ihre Absicht, Herr Elli«, sogleich nach Hakodate weiter zu reisen? Nach Allem, was ich gehört habe, meine ich wahrhaftig, daß für einen unternehmenden und thatkräftigen Mann dort auch ein viel dankbareres Arbeitsfeld fein müßte, als hier in Yokohama." (Fortsetzung folgt.) Ilkilterwochen. Skizzenblatt von F. Storck. (Schluß.) Da« Paar mußte auf der Bank am Fuße der Ruine sitzen, denn es klang nun der Schall zahlloser Küffe deutlich herauf. Und dann lachte er hell auf. Ernst Weigels unwiderstehliches Lachen. „Siehst Du, Schatz, das wußte ich, wenn Du blos mich hast, nachher hältst Du es sogar in Baden- Baden aus." „Ja, Ernst, weil ich Dich anbete. O, wenn Du mich jemals täu'chen könntest, ich stürbe daran. Weil wir uns aber so innig lieben, so denke ich immer: Daheim ist's am allerschönsten. Warum immer bei diesen zahllosen Menschen, in diesem betäubenden Sprachgewirre?' „Sei nicht kindisch, Paula! Wir reifen heim, wenn'» Zeit ist. Jetzt habe ich auf zwei Uhr ein feines Diner bestellt. Gehen wir also über das neue Schloß hinab," entgegnete er, merklich verstimmt. Ich beugte mich über die zerbröckelte Brüstung, da unten gingen sie thalabwärts, mein Ohr hatte mich nicht getäuscht. Hielten die erborgten hundert Mark wirklich noch vor? Das Pflaster in diesem Welt- und Luxurbade ist doch wahrlich Nicht billig. Bis jetzt schien die Blindheit der jungen Frau noch nicht gewichen. Sie betete ihn sogar noch an, den Herrn Leichlfuß.-- Der Nachmittagscorso in der Lichterthaler Allee war an diesem klarsonnigen Spätsommertag so wechselvoll belebt, wie kaum in der Hochsaison. Meine Freundin und ich schlenderten auf der breiten Promenade, unter den schattenden Bäumen, immer umringt von dichten Colonnen eleganter Kurgäste und schlichter Touristen. Man plauderte ungenirt lebhaft in allen Zungm. Kostbare Toiletten fesselten die Augen der minder eleganten Passanten. Auf den Polstern der unablässig inmitten der Allee rollenden Equipagen wiegten sich graziöse Frauengestalten, eine Schaustellung von Jugend, Schönheit und Reichthum. Unter all diesen, scheinbar von Fortunas Hand Beschützten, flog auch unser hochzeitsreisende» Paar, wie ein Phantom, in elegantem Landauer an uns vorüber. Der junge Gatte mußte neue Hilfsquellen entdeckt haben. Oder war es wirklich, wie er gegen seinen Lehrherrn behauptet hatte, nur ein verspätetes Eintreffen erwarteter Gelder gewesen? Jedenfalls sah er aber sehr selbstbewußt und ungemein hübsch aus. Sein Frauchen lächelte ihn bewundernd an, denn er war ja glücklich und mit ihr zufrieden.-- Wie es kam, daß ich Abend« im Hotel nicht gleich schlief, ich weiß es selbst nicht. Meine Frau, die schlief längst den Schlaf de» Gerechten. Ich war mir nun zwar auch nicht bewußt, Schänd- und Fremlthaten verübt zu haben. Dennoch ward e» mir unerträglich heiß und bange. Ich erhob mich leise, hüllte mich in meinen warmen Reisemantel und trat behutsam hinaus auf den kleinen Balkon. Da« Zimmer lag im zweiten Stock- Die Nacht war warm und still. Es mochte etwa gegen Mitternacht sein. Auf dem Glasdach des Speisesaals sang eine Katze einige Coloratur-Arien. Im Treppenhaus des Hotels war noch stetes Kommen und Gehen. Ich lehnte an dem zierlichen Eisengitter und athmete tief die von den Bergen kommende reine Luft, als unter mir die Balkonthür der Belletage klirrte. Ernst Weigel» aufgeregte Stimme tönte herauf. „Fange um Alles nicht an zu meinen! Ich kann Thränen nicht sehen und Frauen macht das Weinen entschieden häßlich. Eine häßliche Frau ist aber ein Unglück für einen schönheitsliebenden Mann!" . . Was die kleine Frau in der Tiefe des Gemaches ent* gegnete, verstand ich nicht. Sr aber brauste auf: „Mein Gott ja! Was ist da weiter? Ich habe eben nichts mehr! Wollte mir vom Ober* kellner hundert Mark leihen, damit wir morgen fort können, da macht der Kerl ein Geschrei, als ob ich ein Betrüger wäre. Ich muß nun Deiner Mutter telegraphiren, daß sie per Draht Geld sendet. Es ist ja eine reine Bagatelle. Nun sei ge* scheibt, Liebchen, nimm die Affaire nicht gleich tragisch. Komm' her, setze Dich auf meine Kniee, ich muß diese kindischen Thränen von Deinen zarten Wangen küssen." Sein Ton war tändelnd, schmeichelnd geworden. Wieder eine Pause. Schluchzende Laute trafen mein Ohr. Ich wollte mich zurückziehen. Er war indiscret, hier zu stehen und doch hielt mich ein seltsames Gefühl, halb Mitleid, halb unbestimmte Bangigkeit, geban-1. „So? Deine Mutter schickt nicht«?" Scharf, höhnend klang seine Frage. „Nun, das wäre einfach infam, uns hier in der Patsche sitzen zu lassen! Sie ist ja reich. Solche Lumperei ist ihr eine Kleinigkeit!" Wieder unverständliche, thränenerstickte Laute. „Gut. Wenn Mama es über'» Herz bringt, nicht« für uns zu thun, so wäre da» Einfachste, ich machte ein schnelles Ende. Denn daß Du es weißt, ich brauche mehr, ich brauche Tausende für unser Geschäft," sagte er heiser. „Es ist ja eine Kleinigkeit — ein Druck und Alle» ist vorbei!" Ein Schrei, herzzerreißend, tönte herauf. Dann — sie mußten nahe am Balkon stehen — schluchzte sie: „Ich beschwöre Dich, Ernst, gehe nicht von mir! Ich ertrüge da« Leben nicht ohne Dich. Fort, wirf e» fort, jene» häßliche Ding! Du willst mich nur schrecken! Mama soll Alle» geben, ich — ich werde ihr schreiben und sprich nie wieder solche grausame Worte, nie wieder." „So halte ich Dich denn, mein süße» Weib! Halte Dich fest an meinem Herzen und könnte diese bebenden Lippen zu Tode küssen. Verzeih', was ich in Verzweiflung habe thun wollen. Wie thöricht, diese köstlichen Tage reinen Glückes durch elende Geldsorgen zu verbittern." Bebende, unoersiändliche Laute antworteten auf diese Worte des Leichtsinns, die mich schaudern machten. Warum war er nicht Schauspieler geworden? Und — es war empörend — er konnte schon wieder lachen. „Du meinst, Schatz, daheim solle es noch schöner werden? O, Närrchen, Flitterwochen halten keine Ewigkeit vor- Eben darum wär's Wahnsinn, Sünde, sie zu kürzen. Morgen tele« graphirst Du an Mama und übermorgen wiegen uns die Wellen des Bodensees. Ist das nicht ein kleines Opfer werth, wenn wir so Herz an Herz, im Gefühl unserer Liebe selig, über die klaren Fluthen getragen werden?" Warum treten mir brennende Thränen in’« Auge? War's Mitleid mit dem leichtgläubigen, jungen Weibe? War’s Zorn über diesen kecken, redegewandten Mann? Ich habe Beide nicht wiedergesehen. Rheinische Zeitungen brachten nach wenigen Monden die Concursanzeige über da« Vermögen Ernst Weigel«. Arme, junge Frau! Ob sie ihn noch nicht durchschaut hat? Ob sie ihn noch immer anbetet? Wohin ist er geflogen, der gleißende Flitter dieser Flitterwochen? — Eine wahre Gespenstergeschichte. In einem alten Schlosse geht ein Geist um- Mr. Fox beschließt, um dessen Bekanntschaft zu machen, in dem Schlosse zu übernachten. — Um Mitternacht erscheint das Gespensi, klirrt mit den Ketten, geht auf da« Lager de« Mr. Fox zu und nimmt ihm — die Börse weg. — „Ui kann brauchen ein Geist — Geld?" fragt der Engländer. — „Her'n Se, mei Gutester," antwortet da» Gespenst, „ich bin Se äben keeü gewehnlichek Geist!" — Spricht’» und verschwindet- Literarisches. Das lustige München, das sich in seinem Nymphenburger Volksgarten erholt und amüsirt, finden wir in dem soeben ausgegebenen Heft 8 der illustrirten Familienzeitschrist „stzür all« SSelt* (Deutsches Verlagshaus Bong & iSo., Berlin W. Preis des Vierzehntagsheftes 40 Pfg.) in einer großen Anzahl vielfarbig gedruckter Illustrationen von Richard Mahn und einer ungemein fesselnden Skizze aus der Feder des Freiherrn R. v. Seydlitz-München auf das lebendigste dargestellt. Licht- und Schattenseiten aus den Schweizer Bergen bringt dasselbe Heft in der Darstellung einer sehr erfreulichen und einer tieftraurigen Begebenheit. Die erstere ist die Enthüllung und Einweihung des neuen Telldenkmals in Altdorf, die letztere der Absturz des Altels- gletschers im Canton Bern. Die Historie ist durch die Wiedergabe des G. Bleibtreu'schen Gemäldes „Die Siegesnacht bei Belle-Alliance", die Marine durch eine Zeichnung von Willy Stöwer „Zum Untergang des Torpedobootes S 41" vertreten. An Portraits enthält das Heft den auf der Jagd verunglückten Erzherzog Ladislaus und den Generaloberst Graf Waldersee. Bilder aus den Stettiner Kaisertagen, Genrebilder, Humoristika, technische Zeichnungen re. rc. vervollständigen den reichen Jllustrationsschmuck dieses Heftes, dem der Text in keiner Weise nachsteht. Der Roman „Die tolle Gräfin" von Paul Oskar Höcker, der bisher in jeder Fortsetzung dramatische Momente von packendster Wirkung brachte, steigt in diesem Hefte zu höchster Spannung; der Roman „Frauenherzen" von Hans Richter geht in ganz überraschender, aber durchaus künstlerischer und feinsinniger Weise zu Ende, und dafür beginnt eine Novelle von F. Frhr. von Dincklage „Nach fünfundzwanzig Jahren", welche den Leser direkt in das Kriegsgetümmel des 1870er Feldzuges führt. Eine ganze Reihe Artikel über „Soldatenaberglauben". „Falsches Geld", „Die Ursachen der Eiszeit", „Rettung aus Feuersgefahr", rc. re. beweisen die innere Berechtigung des Titels „Für Alle Welt". Niemand, weß Ranges oder Standes er auch sei, wird ein Heft dieses besten aller Familienjournale unbefriedigt aus der Hand legen. * Ein ganz prächtiges Weihnachtsgeschenk sind: Die kleinen Reisende« oder Fröhlich« Wanderungen durch Deutschlaad in Briesen «nd Grzlihlunge«. Ein Buch für zwölf- bis fünfzehnjährige Kinder, von Dr. Carl Pilz. Verlag von Felix Simon in Leipzig. Preis eleg. brosch. 1,50 Mk. eleg. geb- 2 Mk. Der bekannte Pädagoge und beliebte Jugendschriften-Ver- fasser Dr. Carl Pilz überrascht uns mit einer neuen, ebenso originellen wie interessanten Gabe, die, für das reifere Jugendalter bestimmt, überall in deutschen Landen nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen herzliche, aufrichtige Freude erwecken wird Die Aufgabe, welche sich der Autor stellte, war eine schwierige. Es galt bei der Niederschrift der Reiseschilderungen, den richtigen Plauderton für die kleinen Leser zu treffen, der von dem noch "gering entwickelten An- schauungs- und Begriffsvermögen der Kinder dictiert wird, ferner sich innerhalb dieser Grenzen ebenso sehr vor einer zu treuen Diction wie vor einer zu überschwenglichen hyperromantischen Darstellungsweise zu hüten. Dor gewandte Autor hat diese Klippen geschickt zu vermeiden gewußt. Was er uns in diesen Schüler-Retsebriesen aus den schönsten Gegenden unseres Vaterlandes bietet, ist einfach, anschaulich und poetisch, wozu die eingestreuten Mittheilungen aus Geschichte, Sage, Brauch und Sitte, Industrie, Handel und Verkehr der einzelnen geschilderten Gegenden nicht wenig beitragen. Das 121 Seiten starke, mit zahlreichen Illustrationen geschmückte Buch enthält folgende Abschnitte: Im Riesengebirge. Auf dem Oybin. Reise in die sächsische Sweiz. Der Fichtelberg. Perlmfischerei im Voigtlande. Die Hohburger Schweiz. Erzählungen und Briefe von Harzreisen. Bei den Bergleuten. Thüringen. Im Rhöngebirge. Eine Rheinreise zweier Schüler. Der Schwarzwald. Drei Briefe von der Ostsee. — Schilderungen in so ansprechender Form, wie die vorliegenden, dargeboten, sind ganz besonders geeignet, in dem kindlichen Herzen Liebe zu Heimath und Vaterland zu erwecken und zu befestigen und den Vorsatz zu reifen, später an der Erhaltung des Schönen und Segenbringenden mitzuarbeiten. Schon um dieses nationalen Gedankens willen, der dies prächtige Buch von der ersten bis zur letzten Seite durchzieht, verdient die neue Gabe des fleißigen Autors unsere wärmste Empfehlung. ' El«» aller Zeil. Eine Schulmeistergeschichte von Rudolf Eckart. 64 S. kl. 8°. Eleg. geheftet. Verlag von Felix Simon, Leipzig. Pr. 80 Pfg. Eine echte deutsche Volksgeschichte, eigenartig m der Wahl des Stoffes, eigenartig in der Form der Erzählung, eigenartig auch in ihrem äußeren Gewände I Diese kleine, gemüthvolle, spannende und von kernigem Humor durchwehte Erzählung wird den Leser anfeuern und rühren und in jeder Beziehung befriedigen. Wir haben hier ein „Volksbuch" vor uns, feffelnd von der ersten bis zur letzten Seite, das mit gutem Gewissen für weiteste Berbreitung empfohlen werden kann. Solche Bücher thun unserm Volke gut und sollten m keiner Volksbibliothek fehlen! Vermöge feiner prächtigen Ausstattung lr bas Büchlein zu Geschenken besonders geeignet. Redaction: A. Echeyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniversiKtS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Gcheyda) in Gießen,