Donnerstag den 2. Mai 58» ünMsWlMsk jmit Gießener Anzeiger (Grnrral-AnMger). Unebenbürtig. Nvman von H. von Ziegler. (Schluß.) Der Tag des großen Festes bei dem Gesandten war herangerückt; zu Noras größtem Entsetzen hatte der Vater ihr am Morgen erklärt, er werde sie und Hohenthal zu dem Feste begleiten, denn er fühle sich wohl genug. Das war eine große Enttäuschung für das arme Mädchen, denn sie hatte mit heimlichem Herzklopfen sich ausgemalt, wie schön es sein werde, den Geliebten im Gewühl des Festes recht ungestört zu sprechen; und nun kam der Vater mit, nun würden seine Argusaugen jeden ihrer Schritte bewachen! Sie sah ganz reizend aus in dem märchenhaften Ideal- costüm, nur das Gesichtchen war lilienweiß. Stetten beobachtete sie unruhig, des Barons Worte fielen ihm ein und leise regte sich des Gewiffens Stimme. „Du mußt ein wenig Roth auflegen, Kind," meinte er endlich, „denn Du siehst heute sehr, sehr bleich aus; nach dem Bilderstellen wird's schon besser werden, besonders wenn getanzt wird. Auch der Wein hilft dabei." „O nein, Papa, ich schminke mich niemals. Wenn ich auch bleich aussehe, es schadet nichts," entgegnete das Mädchen nicht ohne Bitterkeit. „Hast Du schon gehört, Nora," fragte Baron Hohenthal ablenkend, „daß Deine einstige Protectorin, die Fürstin Porscu, am Rande des Ruins steht?" „Nein, ich vernahm nie mehr etwas von ihr." „Nun, ihr Neffe, der ehrenwerthe Prinz Gregor, hat im Verein mit einer schönen Kunstreiterin auf der Fürstin Namen so viele Schulden gemacht, so daß des seligen Porscu Vermögensreste wohl gänzlich erschöpft sind. Man sagt nun, die Dame werde die dringenden Bewerbungen ihres Bankiers, Herrn Neumann, erhören und sich ein zweites Mal in die goldenen Fesseln der Ehe begeben." „Ich kann sie nicht bedauern," meinte Nora kalt. Die junge Schauspielerin schlüpfte nach der Ankunft sogleich in den Garderobenraum, wo bereits alle Darsteller sich bunt durcheinander drängten. Sie waren meist aus den ersten Gesellschaftskreisen gewählt und nur einige Künstler und Bühnenmitglieder' befanden sich unter ihnen. Unter rauschendem Orchestertufch flog der Vorhang empor, ein allgemeines Staunen und Entzücken begrüßte das erste Bild und als es vorüber, erscholl ein fast frenetisches Händeklatschen, bis die Gardine sich nochmals hob. Mit verschränkten Armen lehnte Graf Rudolf an einem Fensterpfeiler und starrte auf das Menschengewoge vor und um sich her. Seine ganzen Gedanken concentrirten sich auf sie, von der er heute für lange, lange scheiden sollte! Da rauschte eine Schleppe neben ihm, süßlicher Parfümduft wogte um ihn her und eine dicke, ringgeschmückte Frauenhand legte sich vertraulich auf seinen Arm. „Guten Abend, mein lieber Graf," grüßte die Fürstin Porscu, so holdselig lächelnd, als sei nie etwas zwischen ihnen vorgefallen. „Wie freue ich mich, Sie einmal wiederzusehen, es ist eine Ewigkeit her, daß Sie mich nicht mehr besuchten." Des Grafen Antlitz wurde bleich und leise flüsternd und kalt erwiderte er: „Der Verkehr zwischen Ihnen und mir hat aufgehört, wie Sie wissen werden; ich habe keinerlei Veranlassung mehr, Ihre Schwelle zu betreten." „Ach, ich weiß, es war solch' eine alberne Thorheit meines Neffen Gregor, die Sie mir auch übel nehmen. Es ist eben ein leichtsinniger Knabe, der mir in letzter Zeit besonders viel Kummer und Sorge gemacht hat." „Frau Fürstin sehen jene damalige Angelegenheit von einem sehr leichten Standpunkte an. Prinz Porscus Handlungsweise war keine Thorheit, sondern ein Verbrechen, seine Flucht vor dem Duell aber erbärmliche Feigheit." „Alles wegen jener hübschen, kleinen Schauspielerin, Graf!" Lächelnd, drohend erhob sie den Finger. „Sollten Sie wohl auch gar in deren Netze gefangen sein?" Da fuhr Wildenstein empor, dunkle Gluth färbte sein Antlitz, seine Augen flammten und er sagte drohend: „Sie sprachen von — meiner Nichte, Frau Fürstin, ich muß sehr bitten, sich zu mäßigen in Ihren Aeußerungen, sonst könnte ich Veranlassung nehmen, ein gefälschtes Billet hervorzuziehen, welches eine gewisse Dame nach meiner Handschrift anfertigte." Die elegante Dame ward kreideweiß und verlor momentan alle Fassung; ohne ihn nur noch einmal anzusehen, 206 rauschte sie hinweg, scheu umherspähend, ob auch Niemand diese Drohung gehört. m „Erbärmliche Schlange,"- murmelte Graf Wildenstein zwischen den Zähnen, „und sie meinte ich einst zu lieben! Wie glücklich bin ich, daß sie mich schon damals betrog und mich um Fürst Porscn« willen einst verschmähte. Was wäre ich an ihrer Seite geworden !" Der Vorhang flog zum letzten Male in bte Höhe, das lieblichste all' der vorangegangenen Bilder zeigte sich den Zuschauern; Dornröschen schlief zwischen Rosen und Winden ihren tiefen Zauberschlaf. Die Bühne, ein durch eingeschobene Couliffenwände mit dem Hauptsaale verbundener und nun durch den Vorhang abgegrenzter Raum, stellte ein Bodenkämmerletn dar, in dem da» Prinzeßchen, die böse Spindel noch in den Händen, welche sie eingeschläfert, auf einem Schemel sitzt, das lockige Köpfchen in die Hand gestützt, im Schlummer lächelnd. Und durch all' die Rosenranken und Zweige schaute ihr gegenüber ein hübsches, neugieriges Jünglingsgesicht mit blitzenden Augen, der Retter und Bräutigam kam in's Zauberschloß, um sein holder Lieb zu wecken. „Weich' ein Dornröschen," murmelte Hohenthal, an des Grafen Seite tretend, „sie ist die verkörperte Anmuth und Grazie!" „Man könnte sich versucht fühlen, den milchbärtigen Knaben dort zu beneiden, der sie mit seinem Kuß in's Leben zurückrufen wird," flüsterte der Graf nachdenklich und ein unendlicher Liebesblick ruhte auf Nora, die im Schlafe lächelte. Dachte sie wohl an ihn? Unter brausendem Beifallruf senkte sich der Vorhang, aber da» nicht enden wollende Händeklatschen verursachte, daß man ihn abermals emporzog. Es war Alles so wie vorhin, nur Wildensteins scharfes Auge bemerkte etwas Außergewöhnliches. Er war plötzlich todtenbleich und schritt hastig vor- wärts — im selben Moment, als drüben von der Bühne her ein Schrei des Entsetzens hörbar wurde: „Es brennt! Feuer! Feuer!" Sines der seitwärts dem Beschauer unsichtbaren Lichter war hinabgestürzt und — auf die Gazewolken von Dornröschen« Gewand. Eine zuckende Bewegung des jungen Mädchens, Nora sprang empor und lief in Todesangst dem Saale zu, in dem das Publikum sich befand. „Um Gottes willen nicht laufen! Niederwerfen I" schrieen einige entsetzte Stimmen, mehrere Damen fielen in Ohnmacht oder wichen scheu zurück vor dem in Flammen stehenden Dornröschen. Aber ihre angstvollen Augen hatten schon Denjenigen gefunden, von dem fie Hilfe in Todesgefahr erwartete. — „Rudolf!" kam es noch über ihre zitternden Lippen, dann sank sie ohnmächtig in Graf Wildenstein» Arme, der sie fest umschloß, um dadurch die züngelnden Flammen zu ersticken. „Einen Teppich, eine Decke, um Gottes Barmherzigkeit willen," stieß er athemlo» hervor und gleich darauf hatte er die Geliebte umhüllt, die Flammen verlöschten, doch leblos lag Nora in seinen Armen. Da hob er die zarte Gestalt wie eine Feder empor und trug sie hinweg aus dem Saal, aus den Augen der fie neugierig umringenden Gesellschaft. In einem kleinen, entlegenen Boudoir legte er sie nieder und kniete vor ihr, das süße Gesicht mit Küssen bedeckend und mit tausend Schmetchelworten sie in's Leben zurückrufend. „Nora, mein Liebling, wach' auf, ich bin bei Dir und ich will Dich nicht verlaffen, denn ich habe Dich mir gerettet! Du bist mein, meine liebe Braut, die Herrin des Wildensteins, wache auf!" Nur zu rasch verflogen diese Augenblicke eines glückseligen Taumels, die rauhe Wirklichkeit trat in ihr Recht und als Nora die schönen Augen aufschlug, als sie lächelnd und er», röthend den Namen des heißgeliebten Mannes stammelte, da ertönten schwere, langsame Männerschritte und lauschend hob sie das Köpfchen. „Der Papa kommt," flüsterte sie entsetzt. „Ich bleibe," antwortete der Graf fest und noch einmal glitt seine Hand liebkosend über ihr Haar, „meinst Du, ich hätte keinen Muth, um zu sagen, daß ich Dich liebe? Sri getrost, meine Nora, ich lasse nimmer von Dir." Und dann stand der ehemalige Sänger finster drohend vor dem Grafen, der unbewegt an Noras Ruhebett stehen blieb und die Anrede des Eintretenden erwartete. „Sie haben meiner Tochter das Leben gerettet, Graf Wildenstein," begann Stetten langsam, „und ich danke Ihnen dafür. Zugleich aber bitte ich Sie, sich zurückzuziehen, da - mein Kind sich nach Hause begeben muß; der Schreck hat Nora sehr angegriffen." „Ich gehe nicht eher, als bis Sie mir dies Mädchen, welches ich gerettet, zu eigen geben: Ich bitte um Noras Hand." Stetten richtete sich hoch auf, er sah sehr bleich aus. „Nein," rief der Sänger zornig, „das Mädchen wird nicht die Ihre, das Band bleibt zerrissen zwischen dem Wilden« stein und seinen Herren und der Familie des bürgerlichen Sängers und ich schwöre mit einem furchtbaren Eide —" Da legte sich eine kalte Hand schwer auf den Arm de, erregten Manne» und de» Baron» Stimme klang streng und drohend an sein Ohr: „Nicht weiter, Stetten, der Schwur könnte Sie eine» Tage» gereuen, edle Herzen, die zu einander gehören, reißt keine menschliche Härte auseinander. Dar haben Sie selbst erfahren. und sollten Gottes Gebot, welcher sich am schönsten in der Liebe offenbart, besser achten!" Stetten taumelte bei dieser Mahnung Hohenthal« förmlich zurück und senkte den Blick zu Boden. „Ich gehe," sagte der Graf Wildenstein und bot, um geachtet de» Vater», der Geliebten seine Hand, „vielleicht kehre ich eine» Tage» heim — wenn nicht, meine Nora, so bleibe mir treu wie ich Dir." Und er nahm den Arm de» Baron», um ihn mit sich ;u ziehen, Vater und Tochter blieben allein. „Komm' nach Hause, Nora," sagte Stetten jetzt beklommen und wollte ihre Hand ergreifen, „wir können nicht mehr in die Festräume zurückkehren, Dein Kleid ist arg beschädigt." Aber schweigend wich sie ihm au» und hüllte sich in den Mantel, den Hohenthal» Fürsorge ihr gebracht; Thränen standen in den großen Augen, bitter zuckte der kleine Mund. Wortlos fuhren sie heim, wortlos ging Nora in ihr Schlafzimmer, als aber am nächsten Morgen die treue Katharina hinein wollte, war es verschlossen und kein Rufen un> Bitten half. Man mußte die Thür öffnen, leblos fand mm das junge Mädchen auf dem Bett: ein tiefer Starrkrampi hielt sie umfangen. r , Erst nach vierundzwanzig Stunden kam sie zu sich, brach in heiße Thränen aus und begann wirre Fieberreden zu führen. Bedenklich schüttelte der herbeigeholte Arzt den Kops. „Ich fürchte, daß eine heftige Gehirnentzündung im An- zuge ist. Das Fräulein hat gewiß einen starken Schreck gehabt?" „Ja," sagte Stetten düster, „es brach bei dem Bilder- stellen, dem fie beiwohnte, Feuer aus und ihre Kleider begannen zu brennen." t , E. Aber trotz dieser Worte war Stetten im Herzen doch st" überzeugt, daß etwas Anderes fein Kind so arg erschüttert habe; finster preßte er die Zähne zusammen und schwieg, « wollte nicht nachgeben. Graf Rudolf hatte diese Nacht ebenfalls ruhelos verbracht; fein Koffer stand gepackt, er sandte ein Telegramm nach dem Wildenstein, damit man nun fein Kommen wisse und ihm den Wagen sende. Nun erwartete er Hohenthal, der ihn zur Bahn begleiten wollte. e Endlich erschien derselbe sehr ernst und bleich und druckte dem Freunde bewegt die Hand. „Armer Rudolf, Du büßest schwer, was Du damals an Therese gefehlt; weißt Du, daß Nora heftig erkrankt ist ? „Nein!" stieß der Angeredete tonlos hervor. „Was fehlt ihr? Ist — Gefahr vorhanden?" , , a „Bis jetzt nicht. Der Arzt fürchtet eine Gehirnentzündung, sie fiebert stark." „Und ich Unglücklicher muß fern fein," stöhnte Wilden 207 stein außer sich, »ich gab mein Wort, abzureisen, und muß 85 ^Lanae, lange starrte Baron Hohenthal den weißen Rauch» wölken des dahin brausenden Zuges nach, dann wandte er fich seufzend ab und ging zu dem kranken Liebling. Nora lag erschöpft im unruhigen Fieberschlummer, die trockenen beißen Lippen murmelten allerlei unzusammen» WA Worte, die Hand griff sehnsüchtig in's Leere. Tbränen standen in des Barons Augen, als er das aoldene Medaillon seines Lieblings an fich nahm, um es auf» zubewahren. Die Wärterin hatte es abgenommen, profane Augen sollten diesen Talisman eines keuschen Madchenherzens nicht sehen! Und dann kam der Frühling, der Sommer. Goldig wogten die reifen Felder, duftend öffneten die Rosen ihre Blüthenkelche, umschwirrt von eifrigen Bienen, aber Nora war noch immer krank. Sie konnte fich nicht erholen und kräftigen, sie siechte dahin wie eine welke Blume, matt lächelnd, sanft und resignirt- Stetten wär mit ihr schon seit Anfang Juli in Hohenthal zum Besuch, der Baron gab sich die erdenklichste Mühe, seinen Liebling zu erheitern, doch Nora blieb krank und traurig. , Wildenstein war seit einem Vierteljahre fort; nur Hohen» thal wußte um seinen Aufenthalt, denn er mußte dem Freunde immer genau über Noras Befinden berichten. Wenn er früh Morgens ihr blaffes, liebliches Gesichtchen sah, welches täglich schmäler zu werden schien, dann wurden seine Züge immer ernster und endlich meinte er, die Zeit sei gekommen, wo er mit ihrem Vater reden müffe. , ~ Bei einem gemeinsamen Spaziergang blieb er im Felde stehen und begann ernst: „Stetten, Sie wissen, daß ich es gut mit Ihnen und Nora meine und deshalb sage ich Ihnen gerade heraus, so geht es nicht länger, Sie müssen nachgeben, sonst geht Nora elend zu Grunde." Der finstere Stetten blieb stehen, er sah bedrückt und sorgenvoll aus und entgegnete seufzend: „Was soll ich thun, Baron; ich weiß, daß mein Kind dem Grabe entgegensteht! „Sie sollten Graf Wildenstein zurückrufen; dann wird Nora gesund werden." Eine Weile wanderte Stetten schweigend vorwärts, es kostete dem starren Sinne des Mannes furchtbar viel, seinen Principien untreu zu werden, dennoch siegte schließlich die »Bdtcrfißbßi „So soll er in Gottes Namen kommen," murmelte er, „ich — gebe nach." „Gott segne Sie dafür, mein Freund!" rief Hohenthal- „In Theresens Namen lassen Sie mich Ihnen vielmals danken. Sie sollen sehen, wie rasch Nora gesund sein wird." Der Graf kam schon zwei Tage nach der Unterredung. Wunderbarer Weise weigerte sich Stetten nicht, den Grafen aufzusuchen und fuhr schon am selben Nachmittage hinüber nach dem Wildenstein, natürlich ohne Wissen Noras. Bewegt standen sich die beiden Schwäger gegenüber, ihre Hände und Blicke hatten sich gefunden! „Kannst Du mir vergeben, Rudolf? Ich war ein harter Mann, der noch immer Dich zu Haffen meinte, als ich inner» lich schon längst Dich bewundern mußte," sagte Stetten. „Ich kann's, Friedrich, und das aus vollem Herzen. Laß uns Freunde von nun an sein, richte nicht wieder jene Scheide» wand auf, dis uns bisher trennte, die Liebe hat sie nieder» gerissen." „Mache meine Nora glücklich; sie siecht dahin wie eine Blume, der die Sonne fehlt." „Sie soll gesunden und von Neuem erblühen in meiner Liebe," rief der Graf bewegt, Stetten an sein Herz ziehend. Bald darauf rasselte der Wagen mit den beiden Herren auf die Rampe von Hohenthal. Der Baron, welcher neben Nora gesessen, stand auf. „Es werden doch nicht Gäste sein? Liebling, bist Du im Stande, Besuch zu empfangen?" „Wenn Du willst, Onkel," lächelte sie matt, „lieber frei» lich bliebe ich mit Dir allein!" Wer könnte die Scene beschreiben, die nun folgte! Nora lag schluchzend und jauchzend zugleich im Arm des geliebten Mannes. Hohenthal und Stetten hatten sich zurückgezogen, um das erste Wiedersehen nicht zu stören. - „Und wenn mein Lieb wieder wohler ist," flüsterte Grat Rudolf, sich über sie neigend, „dann hole ich sie heim, daß der Wildenstein wieder eine junge Herrin hat!" Sie blickte ihn zärtlich lächelnd an und sagte: „Denk an Dein Wappenschild, Rudolf! Es hat einen Fleck bekommen durch mich." „Nein," entgegnete er ernst, „vielmehr durch mich, als ich damals Thereses, Deiner Mutter, Namen ausstrich aus der Geschlechtstafel; nun aber ist jener Fleck getilgt durch unsere Liebe! Meinst Du nicht, mein Herz?" Und wirklich blühte das junge Mädchen neu auf durch das Glück und als der Herbst einzog, stand vor dem Mare der Hohenthaler Kirche eine fchöne, blühende Braut im fchim» mernden Atlasgewande und grünem Myrthenkranz. Eine glänzende Gesellschaft wohnte der Feier bei; auch kein Mitglied derselben fand etwas an der Braut auszusetzrn, die vom Baron Hohenthal wie seine eigene Tochter behandelt wurde. Als die Vermählungsanzeige wenige Tage später in den angesehenste»! Zeitungen der Residenz veröffentlicht wurde, stand ziemlich dicht darunter eine andere: „Bankier Hugo Neumann, Melanie von Porscu, Verehelichte." Ob auch bei diesen Beiden die Engel des Glückes und der Liebe am Mare gestanden? Von der Zinne des Wildensteins aber flatterte die Fahne in den Farben des Hauses und durch den Ahnensaal schritt der letzte Gras mit seiner Gemahlin, um derselben all' die steifen, vornehmen Bilder an den Wänden zu zeigen. Und diese schienen lächelnd, beifällig zu nicken, denn so viel Glück, Schönheit, Sanstmuth und demüthige Hingabe hatten sie bis dahin noch nie gesehen. ■- Hypnotismus.*) Mit dem Wort Hypnose faßt man eine Anzahl Zu» stände zusammen, bei denen die Willensthätigkeit eine Hemmung erfährt und ost eine deutliche Störung des Bewußtseins besteht. Hypnotismus heißt die Wissenschaft, die sich mit diesen Zuständen beschäftigt. Hypnotische Zustände wußten bereite die alten indischen Fakire und mittelalterliche religiöse Ex» tatiker durch Concentration ihres Blickes oder ihrer Gedanken zu erzeugen. Der durch gewisse Striche erzeugte magnetische Schlaf sowie der Somnambulismus mit dem angeblichen Hell» sehen (Clairvoyance), stellen analoge Erscheinungen dar. Aber erst der englische Arzt James Braid machte seit 1841 den Hypnotisnius zum Gegenstand eines genauem Studiums und schrieb eine Reihe von Werken über ihn. Seine Be» obachtungen geriethen fast in völlige Vergessenheit, obwohl einige Chirurgen die Hypnose, um Schmerzlosigkeit bei Operationen zu erzeugen, verwertheten. Ebensowenig wurden die Unter« suchunaen Liübeaults, eines Arztes in Nancy, genauer bekannt. “ Erst in neuerer Zeit haben die auffallenden öffentlichen *) Den vorstehenden interessanten Artikel veröffentlichen wir mit Genehmigung der Verlagshandlung aus der fünften Auflage von Meyers Conversations-Lexicon. Das monumentale Werk zeigt sich in dieser neuen Auflage in einer Vollkommenheit, die keinem Wunsch mehr Raum gibt, kein berechtigtes Verlangen unerfüllt läßt. Wissen- schaftliche Vertiefung, prägnante Kürze, Gemeinverständlichkeit und Schönheit der Sprache erheben auch den kleinsten Artikel zu einer lexiko- graphischen Musterleistung, der ebenbürtig die künstlerisch-illustrative Ausstattung gegenübevsteht, während die Anwendung aller practischen Neuerungen auf dem Gebiete der modernen Buchtechnik außerordentlich verbessernd und verschönernd auf die äußere Erscheinung des Werkes eingewirkt hat. 208 — Schaustellungen des Dänenf Hansen das Interesse für den Hypnotismus von Neuen! wachgerufen und Untersuchungen durch Weinhold, Heidenhain, Berger, Preyer veranlaßt. Gleichzeitig und unabhängig beschäftigte sich in Paris Charcot mit dem Hypnotismus und in Nancy im Anschluß an Sie* beault die Professoren Bernheim und Liegeois. Die Nancyer zeigten besonders den großen Einfluß der Suggestion in der Hypnose. Sie sind der Ansicht, daß alle Erscheinungen der Hypnose durch Suggestion zu Stande kommen, d. h. dadurch, daß man in der Versuchsperson die Vorstellung und die Neber- zeugung von dem Eintritt der betreffenden Erscheinungen erweckt. Man theilt die hypnotischen Zustände nach Dessoir in zwei Gruppen. Die eine ist durch Herabsetzung oder Verlust der willkürlichen Bewegungen characterisiert; auch in der zweiten Gruppe findet sich diese Erscheinung, doch kommen noch Abweichungen in der Funktion der Sinnesorgane, besonders die Sinnestäuschungen, hinzu. Zur H y p n o s i g e n e s e, d. h. zur Erzeugung der Hypnose, bedient man sich zahlreicher, anscheinend verschieden wirkender, die man am besten in somatische (körperliche) und psychische eintheilt Während man früher jene für wesentlich hielt, schreibt man jetzt den psychischen Mitteln die Hauptwirkung zu. Früher bediente man sich z. B- vielfach der länger« Fixation eines glänzenden Punktes, um Hypnose herbeizuführen, wie es auch Braid that. Heute erzeugt man die Hypnose gewöhnlich so, daß man die Vorstellung von derselben möglichst lebhaft der Versuchsperson einpflanzt, etwa durch Worte wie: „Denken Sie nur an den Schlaf! Versuchen Sie zu schlafen! Ihre Augen werden immer müder; die Augenlider schließen sich rc." Nach Ansicht Vieler erzeugen die somatischen Mittel nur dann Hypnose, wenn sie eine Ermüdung und die Vorstellung von der Hypnose herbeisühren. Dies geschieht am leichtesten dann, wenn die Versuchsperson glaubt, daß sie durch jenes Mittel hypno- tisterbar sei. Es handelt sich dann nur scheinbar um eine bloße Einwirkung auf den Körper, während in Wirklichkeit in diesem Falle auch eine psychische Beeinflussung stattfindet. Daß übrigens eine lebhafte Vorstellung von dem Bilde der Hypnose deren Eintritt begünstigt, dies gibt man allgemein zu; nur ist es noch fraglich, ob diese Vorstellung eine conditio sine qua non ist. Das Erwecken geschieht entweder durch starke Sinnesreize, z. B. Anblasen, electrische Reizung, oder durch einfachen Befehl, zu erwachen. Zur Herbeiführung der Hypnose und zu deren Beendigung ist nicht immer ein Experimentator nothwendig, da manche fich selbst in Hypnose versetzen (Autohypnose), ebenso wie sie spontan aus ihr erwachen. Was die Empfänglichkeit anlangt, so wird der Procentsotz der hypnotisirbaren Personen verschieden angegeben (zwischen 10 bis 98 Procent). Unter günstigen Umständen, besonders nach mehrfacher Wiederholung der Versuche, kann mehr als die Hälfte der Menschen in Hypnose versetzt werden- Geistig beschränkte und geisteskranke Personen find schwer, Kinder unter sieben Jahren fast gar nicht zu hypno- tiestren. Daß Nervöse oder Hysterische besonders empfänglich seien, ist ein Jrrthum. Personen, die die feste Ueberzeugung haben, daß sie nicht hypnotisirbar sind, sowie solche, die ihren Willen dahin richten, nicht in Hypnose zu kommen, sind in der Regel unempfänglich. Stets zeigen die willkürlichen Bewegungen in der Hypnose Veränderungen. Durch Befehl wird der Hypnotische gezwungen, Bewegungen gegen seinen Willen auszuführen, z. B. seinen Arm zu heben, vom Stuhl aufzustehen, fich dreimal im Kreise zu drehen, zu lachen. Ganz ebenso kann man Bewegungen verhindern; man verbietet dem Hypno- tisirten, sein Bein, seinen Arm zu bewegen — sofort erscheint das betreffende Glied gelähmt. Man ist auch im Stande, eine bestimmte Funktion gewisser Muskeln zu bekämpfen, während sie sonst normal sunktioniren; wenn e» ihm verdaten wird, kann der Hypnotisirte nicht schreiben, obwohl sein Arm sonst frei beweglich ist. Wie der Experimentator die Suggestion ausdrückt, ist gleichgültig; nöthig ist nur, daß der Hypnotische versteht, was jener will. Gewöhnlich bedient man sich, um eine Suggestion zu geben, der Sprache (Verbal, suggestion); doch kann diese durch Gesten ersetzt werden. Gerade in dieser Beziehung hat in neuerer Zeit eine andere Auffassung Boden gewonnen als früher. Während man früher mit Charcot und Hetdenhain annahm, daß bei der Reizung der Haut die darunter liegenden Muskeln sich reflectorisch zusammenziehen, ist es jetzt wahrscheinlich geworben, daß die Zusammenziehung nur dann eintritt, wenn die Suggestion mitwirkt, und wenn der Hypnotische jene Hautreizung für den Befehl auffaßt, die Muskeln zu contrahiren. Abgesehen von den suggestiven Veränderungen der willkürlichen Be- wegungen findet sich in der Hypnose noch eine zweite Eigen- thümlichkeit derselben. Jede Muskelthätigkeit hat nämlich die Neigung, sich einige Zeit fortzusetzen, so daß eine willkürliche oder suggestive Unterbrechung oft Schwierigkeiten begegnet. Diese Neigung zeigt sich 1) darin, daß ein Contractionszustand eines oder mehrerer Muskeln leicht zur Contractur, d. h. dauernd wird, 2) darin, daß bestimmte Bewegungen längere Zeit anhalten, wodurch die sogen, fortgesetzten Bewegungen zu Stande kommen: dreht man die Hände eines Hypnotischen umeinander, so setzt er diese Bewegungen längere Zeit fort; macht man mit seinem Kopf Nickbewegungen, so findet dar gleiche statt- Nächst der willkürlichen Muskulatur zeigen sich häufig Veränderungen in der Sinneswahrnehmung. Während es aber keine Hypnose gibt, wo nicht die erstere, wenn auch nur theilweise, abnorm functionirt, sind die Sinneswahrnehmungen nur in etwa 15 bis 30 Procent der Fälle deutlich beeinflußt Es können Täuschungen für alle Sinne geschaffen werden Man läßt durch Suggestion den Hypnotischen glauben, ditz er Bäume, Berge, Thiere, Menschen sehe, die nicht vorhanden sind; er hört Melodien, Concerte, Schüsse; mit Leichtigkeit ruft man einen ekelhaften Geruch, einen süßen Geschmack suggestiv hervor. Die Sinnestäuschungen treten zuweilen als Hallu- cinationen auf, d. h. sie finden statt, ohne daß überhaupt ein äußeres Object wahrgenommen wird; der Hypnotische glaubt einen Hund da zu sehen, wo nichts ist. Viel häufiger aber treten die Täuschungen als Jllufionen auf, d. h. es werden äußere Gegenstände wahrgenommen, aber falsch gebeutet: efo Buch wird für einen Hund gehalten, ein Kratzen auf dem Tisch für Musik. Sind die Sinnestäuschungen vollkommen, so zeigt sich das ganze Verhalten, das Aussehen der Person entsprechend verändert. Lebhafter Schrecken malt sich in dem Gesicht der Person, die einen Tiger auf sich zu stürzen glaubt, ein Feinschmecker kann kein zufriedeneres Gesicht zeigen, als der Hypnotische, wenn er eine Delicateffe zu verzehren glaubt. Derartige Wirkungen der Sinnestäuschung können sich selbst in Veränderungen zeigen, die vom Willen unabhängig sind- Einer Person, der man suggestirt, sie rieche eine Zwiebel, thränen die Augen; bet einer andern, der man einen ekelhaften Geschmack suggestirt, tritt Erbrechen auf. Im Gegensatz zu den bisher erwähnten Sinnestäuschungen, bei denen ein nicht vorhandenes Object wahrgenommen wird und die man als positive bezeichnet, stehen die negativen, bei denen vorhandene Objecte nicht wahrgenommen werden. So werden auf suggestivem Wege Personen und Gegenstände unsichtbar gemacht, ein bestimmtes Musikstück wird unhörbar. Endlich vermag nia» nicht nur die Wahrnehmung einzelner Objecte, sondern auch die Wahrnehmung aller Gegenstände durch ein oder mehrere Sinnesorgane zu verhindern. Eines oder beide Augen werden auf Suggestion blind, bestimmte Theile der Haut gefühllos. In ähnlicher Weise, wie die Sinneswahrnehmungen durch Suggestion beeinflußt werden, stehen unter deren Einwirkung die Gemeingefühle und die Stimmung: Hunger, Durst, Wohlbefinden, Trauer, Freude werden in dieser Weise hervorgerufen. (Schluß folgt.) 1te«CtUa: 8. Echryda. — Druck und Strtag !xr Brüht'sch« UruvtrßtätS-Buch. und Staindrnckerti (Pietsch