Dienstag dcn 2. April. 40, V'S ®® vv LMmekbmttek UnterhaltungsbLaLt MM Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). -j AVj few= i ti bei der ^krstsg Wismarckfeier in Hießen am 31. Wärz 1895 Von Ar. Wüchner. --------------------- ^4'.-------------------- Zu hehrer Feier sind wir hier vereint, In deutscher Treue schauen wir empor Zum Manne, der das Vaterland geeint; Ein kühner Held, den Gott dazu erkor. Mit starker Hand und eisenfcstem Willen Das heiße Sehnen der Nation zu stillen: „Es möge kommen ein einiges Deutsches Reich!" Seid eingedenk, wie in vergang'nen Zeiten So vieler edler Sänget Lied erklang, Für's Vaterland, das thenere, zu streiten, Die Macht zu brechen, die's in Fesseln zwang. Jünglinge, Männer haben d'rum gestritten, Gestritten nicht allein, — auch schwer gelitten, „Daß kommen sollt' ein einiges Deutsches Reich." Umsonst! Erst als die Zeit erfüllet war, Da ward der Vorzeit schöner Traum zur That. Der Mann, von Gott erwählt, erkannte klar: „Deutschland zu einigen" gibt's nur Einen Rath! Richt helfen Worte, nicht der Rath der Weisen, Nur helfen kann: „die Schlacht mit Blut und Eisen", „Wenn kommen soll ein einiges Deutsches Reich." Er hat's gewagt! Und seinem Geist verwandt Ein König, von derselben Lieb' entfacht, Zu schaffen uns ein einig Vaterland, Zog aus mit seinem Heer zur blutigen Schlacht. Was uns getrennt, das mußte „unterliegen", „Sonst könnt' nicht kommen das einige Deutsche Reich." Da fing es an zu werden! Morgcnroth Beginnt zu glühen und der Tag bricht an! In allen Herzen heiliges Feuer loht, Die Hoffnung sieht, „was werden muß", sich nah'n. Sie eilt voraus, schaut in der Zukunft schon Den edlen Kaiser auf erhab'nem Thron „Und mit ihm kommen das einige Deutsche Reich." Noch einmal muß in heißem, schwerem Ringen y . Der treue König mit vereintem Heer Den alten Erbfeind unsres Reichs bezwingen, Da ward erkannt die Kraft „vereinter Wehr". Viel edles Blut ward in dem Kampf vergossen, Viel Thränen um die Tobten sind geflossen, „So sollte kommen das einige Deutsche Reich." Der seines Volkes Geist verstand, — dem Mann, Den's mächtig trieb, ein einig' Reich zu bauen, Als Friede war, da ward ihm angelhan Viel Ehre, die er lange durfte schauen: Als Kanzler ordnet er das neue Reich, An Kraft und Weisheit war ihm Kcimr gleich. „Da wurde stark das einige Deutsche Reich." Ms er nun abtrat von der hohen Stelle, Was für ein Lohn ist ihm zu Theil geworden? Versank er, wie des Stromes flüchtige Welle? Mich däucht: „Dir ward der schönste aller Orden", Dir ward: die Liebe Deines Volks zu Deiner Zeit, Die dauern wird in alle Ewigkeit, „So lange währt das einige Deutsche Reich." „Erhalt' die Liebe, Gott, zum Vaterland Auch uns'ren Herzen; stark die Treue werde!" Laß uns gedenken, daß ein heiliges Band Uns All' umschlingt — die Kinder deutscher Erde: Wenn sie als der Vorfahren treue Erben Bereit sind, auch für's Vaterland zu sterben, „Dann wird bestehen das einige Deutsche Reich." Dem deutschen Mann, der dieses Reich begründet, Der hochgeehrt nun alt wird achtzig Jahr', Ein treues Volk int Festschmuck heut' verkündet, Was Er ihm ist, was Er ihm war. „Gott sei mit Dir und seinen Segen spende „Er Dir allzeit bis an des Lebens Ende!" „So segne Gott auch unser Deutsches Reich!" 158 Unebenbürtig. Roman von H. von Ziegler. (Fortsetzung.) Rudolfs Stirn blieb finster, er fuhr in demselben strengen Tone fort: „Ein für allemal, Therese, Du wirst nicht mehr mit zur Stetten verkehren; ich wünsche nicht, daß auch Du lernst, mit Männern zu kokettiren und fie dann wie einen Spielball bei Seite zu werfen." Sie ahnte, an wen er bei diesen Worten dachte und trotz seiner schroffen Worte, trotzdem sie genau wußte, daß er sie verstoßen werde um ihrer Liebe willen, zog ein unsägliches Mitleid für ihn in ihr jetzt doppelt weichgestimmtes Herz. Innig legte sie die Hand auf seinen Arm und sagte halblaut: „Mein armer, armer Bruder! Wie leid Du mir thust, ich weiß, daß Melanie kein Herz besitzt!" „Laß das," wehrte er finster ab, „wem eine uralte deutsche Grafenkrone, ein fleckenloses Wappenschild nicht genügt, wer einen fremdländischen Fürstentitel vorziehen kann, der ist für mich nicht mehr vorhanden!" Im selben Moment brauste ein zweirädriger hoher Wagen mit zwei feurigen Rappen bespannt, an den Geschwistern vorüber, ein blauer Schleier wehte, eine schlanke Hand winkte grüßend mit der Reitpeitsche, aber Graf Wildenstein schien es gar nicht zu bemerken; er schaute unverwandt in das nächste Ladenfenster, sein Antlitz war fahl und sein Athem ging keuchend. „Armer Rudolf," dachte Therese und wie ein schwerer Vorwurf erschien ihr all' der Kummer und das Herzeleid, das durch sie dem Bruder noch bevorstand. Roch am selben Abend — sie hatte eine Thes-Einladung abgeschlagen — begann die Comteß ihrem Verlobten zu schreiben, offen und ehrlich, so schwer es ihr auch ankam. Aber sie achtete ihn, sie vertraute auf seine unendliche Liebe, die sich ihrer annehmen werde, auch wenn Vater und Mutter sich von ihr wenden sollten. Als der Brief, welcher so Schweres van ihm forderte, bei Hohenthal ankam, strahlte dessen gutmüthigss Gesicht in Heller Freude. „Meine Therese," flüsterte er vor sich hin, „sie schreibt einmal außer der Zeit, was sie sonst nie thut; wie freue ich mich darüber, es zeigt ja, daß sie anfängt, mich zu lieben! Nun ist ja auch die Wartezeit bald vorbei; von Weihnachten an werden wir uns für immer angehören." Langsam brach er das elegante wafferblaue Couvert auf, zwei engbeschriebene Bogen fielen ihm entgegen und leuchtenden Auges drückte er sie an die Lippen. „Nun will ich aber erst den Verwalter abfertigen," brummte er in sich hinein, „um dann ungestört lesen zu können." Er steckte die Briefblätter zu sich und ging seinen Geschäften nach; eine unsägliche Freude war über ihn gekommen, keine auch noch so leise Ahnung des nahen Jammers schlich in sein Herz. „Endlich," murmelte er dann erleichtert, als der Beamte fort war und er sich zum Lesen hinsetzte, „nun will ich hören, war mein Liebling will." Er begann, doch kaum hatte er die ersten Zeilen gelesen, als sich sein Gesicht verdüsterte und die Farbe aus seinen Wangen wich. „Allmächtiger," murmelte er vor sich hin, „was soll das sein? Ein Keulenschlag des Schicksals — mitten hinein in mein Glück." Dann aber verstummte er, wenn schon sich heißer Schmerz, unsäglicher Jammer in seinen Zügen prägten; er las Zeile für Zeile, Seite nach Seite und wußte doch kaum, was er gelesen — nur das Eine stand in feurigen Lettern vor seiner Seele, grub sich tief in's zuckende Herz: „Verloren, auf ewig verloren!" Als er geendet, blieb er still sitzen, die eine Hand hielt den unglückseligen Brief Theresens, mit der andern bedeckte ! er die Augen; aber kein Seufzer, kein Stöhnen entrang sich der breiten Brust, er kämpfte wie ein Held mit dem Weh, welches ihm das geliebteste aller menschlichen Wesen bereitet, er rang furchtbar, bis er endlich siegte. Stunde auf Stunde verrann, Hohenthal dachte nicht an das Mittagessen, er hatte den anmeldenden Diener kopfschüttelnd fortgesandt. Erst als die Sonne des kurzen Decembertage» sank, raffte er sich empor. Mit wankenden Knieen und bleichem, ernstem Antlitz ging er zum Schreibtisch, ein Telegramm aufzusetzen; es enthielt nur wenige Worte unter Theresens Adresse: „Ich komme sogleich, vertraue auf mich. Hohenthal." Dann faltete er den Bogen zusammen, riß an der Schelle und befahl dem eintretenden Reitknecht, sofort zur nächsten Station zu reiten und das Telegramm pünktlich zu besorgen. „Es hat Eile," fügte er mühsam hinzu, „und es hängt sehr viel davon ab." Der Reitknecht schaute kopfschüttelnd seinem Herrn nach. „Der arme Herr Baron," dachte er bei sich, „er hat gewiß irgend eine sehr schlimme Nachricht bekommen, denn er sieht kreideweiß aus und seine Stimme war so rauh und anders wie sonst." „Vorbei," klang's in Hohenthal» Innerem, als er den Kammerdiener herbeischellte, um ihm die Weisung zu geben, sich und das Gepäck seines Herrn bereit zu halten, da er noch diesen Abend abreisen müsse. „Vorbei," seufzte er mit zuckenden Lippen, als er noch einmal den erhaltenen Brief ourch- las, welcher in seiner Hauptsache lautete: „Du hast mir das Versprechen abgenommen, Eduard, Dir offen und wahr Alles zu sagen, was ich denke und thue, und ich hab's bisher immer gethan. Heute nun wird es mir zum ersten Male bitter schwer, denn ich weiß und fühle, daß ich mit meiner Beichte Dir Schmerz bereiten muß. Als ich im vorigen Frühling Deine Braut wurde, bekannte ich Dir offen, dW ich Dich noch nicht so lieben könne, als eine Braut es solle und müsse- Aber Du erwidertest mir, daß Du genug Liebe für uns Beide hättest, daß ich es wohl lernen werde. Eduard, wir haben uns getäuscht, mein Herz war noch nicht erwacht, und nun hat es gesprochen, gewählt — ich stehe treulos und wortbrüchig vor Dir, um Deine Vergebung flehend, denn ich liebe einen Anderen! Du bist der Erste und Einzige, dem ich es mit- theile, denn von Dir allein erhoffe und erflehe ich Hilfe; ich weiß, daß die Eltern mich schmähen und verstoßen werden, aber ich kann nicht anders, kann nicht lassen von dem Manne meiner Liebe, obwohl er — nur ein Opernsänger ist! Komme zu mir, Eduard, sei «mein Freund und Beschützer in diesen schweren Tagen; Du wirst mich vielleicht erst dann verstehen, wenn Du Friedrich zur Stetten gesehen und kennen gelernt hast. Laß mich nicht vergebens an Dich appelliren, mein guter Eduard, zeige, daß Du auch für Diejenige noch Freundschaft und Theilnahme übrig hast, die Dir so weh thun muß. Therese." „Gott helfe ihr und mir," stöhnte Baron Hohenthal klanglos und barg den Brief in seinem Portefeuille, „ja, sie hat mir wehe gethan, aber die Liebe kann Alles — auch mit blutendem Herzen, und sie soll sich in mir nicht getäuscht haben. — Ich komme, mein armer Liebling, ich will Dir helfen." So edel und großmüthig dachte und handelte Baron Hohenthal. — Graf und Gräfin Wildenstein waren für zwei Tage zu einer silbernen Hochzeit verreist und Therese athmete auf über diesen günstigen Zufall; so konnte sie Hohenthal doch ungestört sprechen, vielleicht auch diesen mit Stetten bekannt machen. Als die Zeit heranrückte, in der der Courterzug ankam, ward die Comteß unruhig, in nervöser Hast schritt sie durch'» Zimmer, auf jedes kleinste Geräusch genau achtend; endlich hielt vor dem Hause ein Wagen, sie hörte des Barons Schritt, seine Stimme, aber wie gelähmt blieb sie stehen, ein jeder Blutstropfen wich aus ihrem Antlitz. — 159 Gleich darauf eilte die Jungfer herein. „Gnädige Com- teß," meldete sie ganz aufgeregt, „der Herr Baron von Hohen- thal sind angekommen." , r „Ich - lasse sehr bitten," hauchte Therese, deren Ant- litz jeden Schein von Farbe verlor, und sie hielt sich an der Tischkante, um nicht zu sinken; sie vernahm den schweren, festen Schritt ihres Verlobten, aber sie konnte ihm nicht entgegengehen, ihre Kniee wankten. Und dann stand er vor ihr, bleich, gefaßt und äußerlich unverändert, voll warmer Herzlichkeit nahm er ihre eisigkalten Finger in seine Hände und sagte halblaut : „Da bin ich, Comteß Therese, und ich danke Ihnen für das Vertrauen, welches Sie mir bewiesen. Seien Sie ruhig, fürchten Sie nichts, ich bleibe Ihr Freund und werde Ihnen helfen, so viel in meinen Kräften steht." Er hatte das trauliche „Du" bereits fallen lassen, die Gräfin blickte in sein farbloses, um Jahre gealtertes Gesicht und ein tiefer Schmerz wogte auf in ihrem Innern; ehe er's zu hindern vermochte, war sie vor ihm in die Kniee gesunken und rief leidenschaftlich aufschluchzend: „Baron Hohenthal, können Sie mir verzeihen, daß ich Ihnen so weh gethan! Ich habe Ihr Glück vernichtet und Sie kommen voll himmlischer Güte zu mir. Ich habe das nicht verdient, o, aber ich danke es Ihnen vieltausendmall" Ganz erschrocken beugte sich der Baron nieder, um die Knieende aufzuheben, tröstend wie ein Vater legte er den Arm um ihre Schultern und das alte, heiße Gefühl wallte in ihm auf, daß er sie nun nicht mehr sein nennen, nicht mehr ihre Stirn und Augen küssen dürfte. „Still, Comteß Therese, reden Sie nicht so! Fassen Sie sich und erzählen Sie mir Alles, denn unsere Zeit ist kostbar und — das Berühren der vergangenen Tage bewegt Sie und mich gleich heftig. Kommen Sie, setzen Sie sich auf'« Sopha und erlauben Sie mir einen Stuhl daneben." Seinem milden Zureden, seiner warmen Herzlichkeit gegenüber fand Therese endlich ihre Fassung wieder und begann stockend und von Thränen häufig unterbrochen die ganze Geschichte ihrer Liebe zu erzählen. Hohenthal saß daneben, still, wortlos, die Augen zu Boden auf das bunte Teppichmuster gerichtet; ab und zu nur preßten sich seine Lippen fester zusammen, ein tiefer, schwerer Seufzer hob seine Brust; als das junge Mädchen endlich schwieg, sah er auf. Sein Blick war unsäglich wehmüthig. „So sind Sie also fest entschlossen, Gräfin Wildenstein, jenen Herrn zur Stetten zu heirathen und ihm nach Rußland zu folgen? Sie haben alle Consequenzen dieses Schrittes erwogen?" „Alle, Baron Hohenthal, im April werde ich mündig und — und — will ihm dann meine Hand reichen." „Aber wenn Ihre Eltern sich weigern? Wo wollen Sie hin, wenn das Vaterhaus sich vor Ihnen schließt?" „Ich weiß es nicht!" Verzweifelnd rang Therese die Hände. „O, Eduard, helfen Sie mir, meine ganze Hoffnung steht bei Ihnen." „Armes, armes Kind," sagte er zärtlich wie ein Vater, „nun lassen Sie mich sehen; vielleicht findet sich ein Ausweg, aber erst muß ich Herrn zur Stetten kennen lernen. Wenn ich ihn nicht würdig Ihrer selbst finde, Gräfin Therese, dann kann ich trotz aller Bitten keinen Finger rühren, um Sie zu vereinigen." Da hob das schöne Mädchen, glückselig lächelnd, das blonde Haupt und reichte ihm die Hand. „Gehen Sie immer hin, Eduard, ich weiß, daß Sie Stetten gleichfalls achten und lieben werden." Freilich, dagegen bäumte sich eine jede Faser von Hohen- thals Herzen auf; er erhob sich sogleich und griff nach seinem Hute, um zu gehen. „Wann kommen Ihre Eltern wieder, Comteß?" fragte er freundlich. „Ich kann dann noch heute meine Aufgabe lösen." „Gegen Abend," entgegnete sie erbebend, „o, Eduard, wenn Sie bei — ihm waren, kommen Sie nochmals zu mir und — sprechen dann mit Rudolf." „Wie Sie wollen, liebes KindF — er fand den To« des älteren Freundes endlich, — „wenn wir handeln wollen, gilt kein Zaudern." Wie im Traume schritt Hohenthal durch die Straßen der Residenz dahin; alle die Personen, welche ihm begegneten, erschienen wie Marionetten, er bemerkte nicht, wie ein feiner, kalter Sprühregen seine heiße Stirn benetzte, das starre Auge suchte nur die Straßennummern. Als er dann jedoch vor dem Hause stand, worin Stetten wohnte, da wäre er beinah feig wie ein Schulknabe davor zurückgebebt. Erst ein kurzer Kampf mit sich selbst brachte ihn dazu, die Treppe hinauf zu steigen und nach Herrn zur Stetten zu fragen. Ein Dienstmädchen gab ihm Bescheid und nahm seine Karte, um fie hiueinzutragen; man hörte, wie ein Stuhl hastig zurückgeschoben wurde, wie eine tiefe Männerstimme sprach: „Führen Sie den Baron sogleich herein und — ich bin für Andere nicht zu sprechen." Äug' in Auge standen sich nun die beiden Männer gegenüber, deren Lebenswege so verhängnißvoll sich kreuzten, lange schauten sie einander prüfend an, dann mit einem Male streckte Hohenthal dem- Sänger die Rechte entgegen. „Herr zur Stetten, ich freue mich, Sie kennen zu lernen; so habe ich Sie mir gedacht, denn sonst konntejGräfin Wildenstein Sie nicht lieben." „Sie wissen Alles, Baron Hohenthal, und kommen doch zu dem, der Ihre ganze Zukunft in Trümmer reißt! Wie soll ich Ihnen dafür danken!" „Thun Sie es nicht, mein Herr!" erwiderte der Baron. „Es wird mir nicht leicht, Therese aufzugeben, aber sie liebt Sie, dies eine Wort macht es mir möglich, zu entsagen." (Fortsetzung folgt.) Kochzeilsgeöräuche. (Fortsetzung.) Bei den Römern fanden Hochzeitsgebräuche nur dann statt, wenn man eine strenge Ehe (justum matrimonium), wodurch die Frau in die rechtliche Gemeinschaft des Manne» überging und mater familias wurde, einging, nicht, wenn man eine sogenannte freie Ehe abzuschließen gedachte, wobei die Frau bloß uxor wurde. Bei dem Eheverlöbniß (spon- salia) setzte man die Aussteuer fest und gab der Verlobten einen Brautring zum Unterpfand. Am Tage vor der Hochzeit, für die die zweite Hälfte des Juni als die günstigste Zeit galt, während der Mai, wie noch heute in Italien, Frankreich, vielen Gegenden Deutschlands und Englands, streng gemieden wurde, opferte die Braut der Juno juga, ließ ihr Haar mit der Brautlanze (s. d.) scheiteln und in sechs Locken nach der Sitte der Matronen ordnen und weihte die abgelegte jungfräuliche Toga praetexta der Fortuna virginalis. Am Hochzeitstag selbst legte sie die Tunika der Matronen um, umwand sich mit einem wollenen Gürtel und verhüllte da» Gesicht mit einem feuerfarbigen oder citronengelben Schleier (flammeum). Hierauf wurden den Ehegöttern, an deren Spitze die Juno unter vielerlei Namen stand, die üblichen Opfer dargebracht. Abends erfolgte die Heimführung der Braut (deductio domum) durch den Bräutigam. Er nahm sie von dem Schoß der Mutter oder der nächsten Anverwandten; zwei Knaben, die Matrimi und Fatrimi, d. h. deren Eltern beide noch am Leben sein mußten, führten sie; e,ta dritter mit einer Fichtenfackel in der Hand begleitete sie, während noch fünf Hochzeitsfackeln vorausgetragen wurden. Sklavinnen trugen ihr den Spinnrocken mit Wolle und die Spindel mit der Rockenstange nach. Lyra- und Flötenspiel, unterbrochen von Hymenrufen der Knaben, begleitete den Zug. An dem geschmückten Haus des Bräutigams angelangt, wurde die Braut gefragt, wer sie sei. Sie antwortete: „Ubi tu Cajus, ego Oaja“, d. h. „Wo du Herr und Hausvater bist, da bin ich Herrin und Hausfrau". Run umwand sie die Thür- pfosten mit wollenen Binden und bestrich dieselben, um Be- — 160 — zauberung abzuwenden, mit Schweins« oder Wolfssett. lieber die Schwelle des Hauses wurde sie zur Erinnerung an die gewaltsame Entführung (Raub der Sabinerinnen) in der Borzeit (s. Frauenraub) vom Bräutigam gehoben und trat dann auf ein ausgebreitetes Schaffell, worauf sie die Schlüffe! in Empfang nahm und mit dem Bräutigam, zum Zeichen der zu beobachtenden Keuschheit, Feuer und Wafler berührte. Bei dem nun folgenden Hochzeitsmahl sangen und spielten Musiker einen Hochzeitsgesang (epithalamium), und der junge Ehemann hatte unter die vor dem Haus versammelte Jugend Nüfle auszutheilen (daher die Redensart: „nuces projicere“, soviel wie die Kinderschuhe ausziehen). Endlich wurde die Braut von Matronen (pronubae) in das Schlafgemach geführt, wohin der Mann ihr nachfolgte, während draußen nicht bloß Hymenäen, sondern, auch derbe Spottlieder erschollen. Im Schlafgemach wurde noch einer Schaar von Ehegöttern geopfert, deren Namen Augustinus und andere Kirchenväter ausgezeichnet haben. Anderen Tages brachten die Gäste und Verwandten dem jungen Paar Geschenke dar; die Frau verrichtete ihr erstes Opfer in ihrem neuen Haus und führte fortan neben ihrem Namen den ihres Mannes. Die älteste religiöse Eingehungsform der Ehe unter den Patriziern war die Confarreatio (f. d.), welche im Haufe des Bräutigams vor sich ging, aber später nur noch selten vorkam. Vgl. Becker-Göll, Gallus (Berl. 1880); Mar- quardt, Privatleben der Römer (Leipz. 1879 bis 1882); Roßbach, Römische Hochzeits- nnd Ehedenkmäler (das. 1871). Bei den alten Deutschen sah man sorgfältig darauf, daß Heirathen vor dem 20. Lebensjahr und unter Blutsverwandten nicht vorkamen, und daß immer Standesgleichheit vorhanden war. Nicht bloß die Braut, sondern auch deren Eltern und Verwandte mußten ihre Einwilligung zur ehelichen Verbindung gegeben haben und empfingen dafür beim Verlöbniß die Brautgabe (wfttum), an deren Stelle später der Ring trat, welcher deshalb bei den Engländern auch heute nur einseitig vom Bräutigam gegeben, nicht gewechselt wird. Der Hochzeit ging der sogenannte Brautlauf (s. d.) voraus, und dieses Wort wird auch für Hochzeit gebraucht. Das eigentliche Bündniß mußte vor mindestens vier Zeugen abgeschlossen werden, worauf das Brautpaar dreimal um das Herdfeuer geführt wurde. Die Heimführung der Braut erfolgte aber gewöhnlich erst später, an einem, wie man glaubte, dazu besonders günstigen Tage, unter Absingung gewisser Brautlieder und unter dem Geleit der Brautführer und Brautjungfern (s. d). Manche diefer Hochzeitsgebräuche sind aus der heidnischen Welt in die christliche übergegangen, so namentlich das Ehrenamt der Brautsührer, die bei allen Cermonien zugegen sein und auf Ordnung und Ehrbarkeit bei den Hochzeitsfestlichkeiten halten mußten. Bei der Einholung der Braut finden unter Germanen und Slaven in ländlichen Bezirken noch heute allerlei Ceremonien statt, so in Preußen der Empfang des Brautwagens mit Feuerbrand und Wasser, Besuch des Herdes und Brunnens rc. Bei den Wenden holt der Brautführer (Probratsch), der hier eine wichtige Rolle spielt, die mit der Krone geschmückte Braut ab» und der Bräutigam trägt ;etn kleinesZKränzlein (Wenk) am Arme. Der Brautkranz (s. d.) war bei den ältesten Christen als heidnische Sitte verachtet und bürgerte sich erst feit dem 4. Jahrhundert ein. Di; Einführung der christlichen Trauringe anstatt der früher üblichen Verlobungsringe fällt ins 10. Jahrhundert. Die Bekränzung oder Krönung der neuen Eheleute wird nur in der griechischen Kirche am Traualtar vom Priester verrichtet. Die heidnische Sitte der Verschleierung der Braut wurde von den Christen beibehalten, die Feuerfarbe des Schleiers aber in Weiß umgewandelt. Auch pflegte der Priester ein Tuch oder vielmehr eine Decke von weißer oder rother Farbe (vitta nuptialis) über dem Haupt und den Schultern des Brautpaares auszubreiten. Die Lampen und Hochzeitsfackeln wurden von der orientalischen * K rchr gebilligt, von der römischen Kirche dagegen verboten. Im deutschen Mittelalter lud der im Gebirge noch jetzt in Thätigkeit befindliche Umbitter oder Hochzeitsbitter die Gäste ein, welche nach ihrer Ankunft sich zum Zage ordneten und mit dem Stadtpfeifer und seinen Gesellen voran zunächst zum Brautbad zogen, während dessen die Gäste ein Frühstück einnahmen. Dann folgten der Kirchgang und das Hochzeitsmahl, dessen Luxus so hoch stieg, daß man ihn durch besondere Gesetze beschränken mußte, welche die Zahl der Gäste, z. B. nach der brandenburgischen'Verordnung von 1334, auf höchstens 80 und die Schüsseln auf höchstens 40 beschränkten. 93er# heirathete und Unverheirathete aßen je an besondern Tafeln, und schon vor 500 Jahren tritt die Bezeichnung des Tro m# petertisches für den Musikertisch auf. Jede Hochzeit dauerte damals mindesten drei, gewöhnlich aber acht Tage, und der erste Tag entsprach da mehr unserm Polterabend (s. d.); aber erst am zweiten Tage, an welchem die vorher gewöhnlich in Locken und offen getragenen Haare der Braut geflochten und mit der Haube bekleidet wurdw, brachten die Gäste ihre Geschenke. Von dieser Ceremorm rührt die Redensart „unter die Haube kommen" her. Nach derselben fand abermaliger Kirchgang statt, und der zweite Tag wurde wie der erste mit herkömmlichen Tänzen beschlossen, i Auf dem Lande haben sich hier und da viele alten Sitten noch heute erhalten, so der Brautraub, das Wettlaufen von Braut und Bräutigam, die feierliche Einholung des geschmückten Brautwagens, die Ceremonie der Kranzeljungfern, die symbolischen Gerichte auf der Hochzeitstafel (Bruthahn und Hirsebrei), rc. Ehemals brachten die geladenen Gäste nicht nur Geschenke, sondern empfingen auch solche, nämlich ebenso wie die Braut selbst ein Paar Schuhe und Pantoffeln, woher die spöttische Parodie der obigen Redensart. Kurfürst Johann Georg mußte 1580 den im Brandenburgischen wieder eingeriflenen Hochzeitsluxus von neuem einschränken und verordnete dabei auch, daß die übliche Hochzeitsgabe der Schuhe und Pantoffeln außer an die Braut nur noch an ihre Schwestern und Mutter erfolgen sollte. Vgl. Weinhold, Die deutschen Frauen im Mittelalter (2. Auflage, Wien 1882, 2 Bände). (Schluß folgt ) Literarisches Den Streit der Parteien laut übertönend, schallt der Jubelruf der deutschen Nation dem Begründer und langjährigen Schirmer des : neuen deutschen Reiches, dem Fürsten Bismarck zu seinem achtzigsten 1 Geburtstage entgegen. Der 1. April 1895 hat sich zu einem National- seste gestaltet, nicht durch irgendwelche künstliche Agitation, sondern aus dem innersten Herzensbedürsniß des deutschen Volkes und der deutschen Familie heraus. Ein Volks- und Familienfest im edelsten Sinne ist es, welches wir am 1. April feierten, und da ist es denn selbstver- ■ stündlich, wenn ein echtes und rechtes Volks- und Familienblatt rote die j »Jllvstrirte Welt" unter den Feiernden und Huldigenden an erster . Stelle erscheint. Das Bismarck-Heft der „Jllustrirten Welt" ist eine ■ Huldigung für des neuen Reiches genialen Baumeister, die den zahlloser Verehrern des eisernen Kanzlers, die dem ganzen deutschen Volke eine aufrichtige Freude bereiten wird. Auf der Stirnseite des Festheftes . prangt ein vortreffliches, lorbeergeschmücktes Porträt des Fürsten. Zn . zwölf äußerst interessanten Bildern zieht das thatenreiche und bedeuiungo- 1 schwere Leben des gewaltigen Staatsmannes an uns vorüber, vom ersten Auftreten des Abgeordneten von Bismarck-Schönhausen im vereinigten Landtag 1847 bis zu dem denkwürdigen Besuche, den sein zweiter Nachfolger im Amte dem Fürsten Bismarck im laufenden Jahre in Friedrichsruh abstattete. Den Bildern ist ein Geleitwort aus der Feder Hermann Schönlebers beigegeben, das in aufrichtiger Begeisterung das Lebensroerk des „größten Deutschen" würdigt. Ein warm empfundenes Huldigungsgedicht von G. Gerok ziert die Spitze des Festheftes, auf dessen sonstigen Inhalt näher einzugehen wir uns heute versagen können; er steht, wie kaum noch hervorgehoben zu werden braucht, auf der künstlerischen Höhe, auf der die „Jllustrirte Welt" sich nun schon fast ein halbes Jahrhundert zu halten gewußt hat. Erwähnen wollen wir nun noch, daß auch dies so reichhaltige Bismara- Heft der Jllustrirten Welt nur 30 Pfg. kostet. Redaction: A. Schehda. — Druck und Verlag der Brühl'schcn Umverfitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.