UnterhaUungsvlatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). 1895. l . t /- DonnttStag Sen 1. August. ___________ r;ii» u .>,—rrr-ci »w«m« !AzEWMZ Die Tochter des Meeres. Xemot im X. Xi.»la. LXIV. ’ Lädy Marian Biddulph, jetzige Gräfin von Marston, hatte ihre Angelegenheiten geordnet. Alles war zur Abreise bereit und ihres Vaters Leiche sollte in ihre letzte Ruhestätte beigesetzt werden. Sie schien für Alles, was rings um sie vorging, kalt und gleichgiltig zu sein- Sogar die alte, treue Haushälterin, Frau Aston, konnte sich nicht damit rühmen, daß. sie den Grund des auffallenden Wechsels in der Haltung ihrer jungen Herrin kenne. Es war am Abend vor dem Tage, an welchem der ganze Haushalt die Villa verlassen sollte, die sich als so nutzlos für die Genesung des Kranken erwiesen hatte. Lady Marian hatte.ihre letzten Befehle ertheilt und sich in einen warmen Mantel hüllend, verließ sie ihr Zimmer, um in einer langen Promenade in den lauschigen Gängen, die ihr seit ihrem Aufenthalte hier so lieb und werth geworden waren, Erleichterung zu suchen. Frau Aston traf sie an der kleinen Seitenthür, die in ihren Lieblingsgarten führte. . «c ,,3^neJle6e Lai>y," bat sie, „bitte, gehen Sie an diesem trüben Abend nicht aus. Wozu auch, da wir so bald fort« gehen, um wohl nie wieder zurückzukehren? Und es ist wirk» lrch hohe Zeit dazu, denn hier kümmert sich Niemand mehr um Sie." iutl9n Itc matt und sagte: „Sie mögen ittih 4a min kia fxiiu. n... J wir reisen morgen ab und ich will die schöne Umgebung noch einmal genießen." Und mit freundlichem Lächeln und Kopfnicken ging sie und war im nächsten Augenblick den Blicken der treuen Dienerin entschwunden. fmrh SJP* ra!$ vorwärts, denn die Dunkelheit mußte mÄ” unLRe Ee noch all' den Plätzchen Lebewohl nÄ bA J?r rod&renb ihres Aufenthaltes in Cannes die liebsten gewesen waren. Das interimistische Grab ihres verstärket«« Vaters und die Stelle, auf . welcher sie Rupert/ Falkner zum letzten Male begegnet, waren die" Plätze, di« sie am meisten inkereffirten. . Kein Wort von dem großen Wechsel in dem Schicksal des jungen Fremden war zu ihr in die Abgeschlossenheit gedrungen;! sie dachte nur an ihn als den Jemand, der einen eigenthüm« lichen Zauber auf sie ausgeübt hatte und für dessen Liebe sie' " gery Rang und Reichthum hingegeben hätte. Und wenn ihre Gedanken bei Anderen verweilten, die ihren Lebensweg gekreuzt hatten und vielleicht nicht ohne Eindruck auf ihre jugendliche Phantasie gewesen waren, so schwanden diese doch wie flüch« tige Phantome vor dem lebhaften Bilde^dieses Letztgenannten und vor den traurigen Begebenheiten -der jüngst verflossenen Zeit. Endlich erreichte sie die wohlbekannte Stellefast erwartete sie, die Gestalt des hübschen Fremden auf sich zukommen zu sehen wie an jenem denkwürdigen Tage, den sie nicht wieder vergessen konnte. Konnte es ein Gebilde ihrer Phantasie sein oder war es « eine Verwirklichung ihrer Träume, die ihrem Auge sich dar» ' bot, als sie den Eingang des schmalen Thals erreichte? - * Doch gewiß . . . dort war eine Gestalt, welche der Größe nach wohl der junge Unbekannte sein konnte. Aber sie wandte ihr den Rücken zu und Marian schlich sich leise und geräusch« los näher, als sürchte sie, die Erscheinung könne verschwinden, oder es erwarte sie Enttäuschung, wenn sie dem fremden Be« sucher näher käme. Aber das Rauschen der welken Blätter unter ihren Schritten zog die Aufmerksamkeit der auf den grünen Rasen zurückgelehnten regungslosen und wie es schien schlafenden Ge» statt auf sich. Der Fremde hob rasch den Kopf; dann sprang er auf und: „ErnstI . . . Marian!" kam es zu gleicher Zeit von den Lippen der jungen Gräfin und des Gefährten ihrer Jugend. Lord Ernst Belfort war es. Er hatte sich, feit sie einan» der nicht gesehen hatten, viel mehr verändert, als das Mädchen selbst und Marian erkannte sofort, daß er nicht mehr der oberflächliche, ungestüme Jüngling wie früher war. „Wie freue ich mich, daß Sie in Sicherheit sind, Ernst," sagte Marian, die sich rascher gefaßt hatte, als ihr Gefährte. „Aber es ist allerdings eine große Ueberraschung, Sie hier zu sehen/ „Ebenso für mich, Sie zu sehen, Marian," entgegnete, er rasch. „Mir sind so lange alle Mittel, etwas von der Außen« weit zu hören, abgeschnitten gewesen, daß ich keine Ahnung davon hatte, daß Sie so fern von Ihrem eigenen Heim und daß Sie in tiefer Trauer sind," setzte er mit einem Blick auf ihre schwarze Kleidung hinzu. „Sie stehen doch nicht allein?" „Ich bin elternlos," entgegnete sie ruhig, „und stehe jetzt sehr vereinsamt da." „Es thut mir leid, sehr leid," versetzte er ruhig. „Früher hätte ich Ihnen zum Trost leicht etwas mehr als Theilnahme zeigen können . . . aber jetzt bin ich selbst hilflos und habe nichts als Worte des Beileids." Ein stolzer, mißtrauischer Blick traf ihn aus den Augen der jungen Gräfin. „Soll ich daraus schließen, daß Sie, Lord Belfort, der Nachkomme eines alten, edlen Geschlechtes, eine namenlose Abenteuerin geheirathet haben? Der Gedanke, daß der Freund meiner Jugend so schwach und unwürdig gehandelt haben sollte, würde mir weh thun." „So glücklich bin ich nicht, Lady Marian," sagte er kalt. „Cora ist nicht so leicht zu gewinnen und ich habe ihre Ansprüche besser achten gelernt, als daß ich ihr wünschen möchte, einen befleckten und entehrten Namen anzunehmen. Ich bin aber jetzt bemüht, Coras gegenwärtigen Aufenthalt ausfindig zu machen, um ihr einige Hoffnung einzuflößen, daß ihre Her« kunft doch noch aufgeklärt werden wird, bevor sie irgend eines der unschätzbaren Werthstücke aus den Händen gibt." Die junge Gräfin schreckte leicht zusammen. „Wollen Sie damit sagen, daß Sie etwas wissen, was sich auf ihre Herkunft bezieht?" fragte sie. „Ich hoffe, daß es eine Möglichkeit gibt, sie zu entdecken." „Aber warum zeigen Sie so großes Interesse dafür," fuhr er fort. „Es kann der hochgeborenen Erbin von Biddulph wenig daran gelegen fein, wer die wirklichen Angehörigen eines armen Findelkindes find. Und doch coursiren hier in der Gegend seltsame Gerüchte über ganz wunderbare Ereignisse. Haben Sie schon gehört, daß Graf Treville in Coras erstem Beschützer einen lang verlorenen Sohn wiedererkannt hat, der auch bereits mit Netta Faro vermählt ist?" Marians Lippen erbleichten bei dieser Mittheilung. Sie war auf den Schlag, den Nettas Heirath vielleicht auf ihre angegriffenen Nerven ausüben würde, vorbereitet. Sie fühlte nur zu gut, daß sie Rang und Reichthum geopfert haben würde um des Mannes willen, der nach der Enttäuschung, die ihre Liebe erlitten hatte, nicht ohne Einfluß auf ihr Herz geblieben war. Doch die Mittheilung, daß eine Verbindung mit dem Manne ihrer Wahl ihr eine glänzende Zukunft ge- boten hätte, daß er ihr an Rang ebenso gleichgestanden hätte, wie in feinen persönlichen Vorzügen, war eine härtere Prüfung für sie, als sie ungerührt ertragen konnte. „Die Zeit der romantischen Abenteuer scheint zurückzukehren," erwiderte sie verächtlich. „Vielleicht ist die nächste aufregende Entdeckung, daß Miß Cora die Angehörige irgend eines vornehmen Hauses ist. Aber ich kenne nun zufällig Niemand, der eine Tochter vermißt ... Sie vielleicht, Ernst?" Lord Belfort sah sie mit vorwurfsvoller Verwunderung an. „Ich fürchte, ich bin mit meinen eigenen Angelegenheiten zu sehr beschäftigt gewesen, um viel auf anderer Leute Interessen Acht zu haben," entgegnete er ruhig, „aber jedenfalls werde ich mich bemühen, den Dienst, den Cora mir geleistet hat, zu vergelten." „Jedenfalls begleiten Sie meine besten Wünsche zum Erfolg Ihrer Bemühungen," lautete der jungen Gräfin spöttische Erwiderung. Während sie sich zum Gehen wandte, streckte sie Lord Belfort halb die Hand hin, die dieser in seine beiden nahm und herzlich drückte. „Leben Sie wohl, Marian ... ich verstehe Ihre Empsin- düngen besser, als Sie selbst. Der Himmel schütze Siel Und möge Ihnen ein höheres Glück zu Theil werden, als der Rang und Reichthum, bett Sie so hoch schätzen. Ich kann nie unsere kindliche Liebe vergessen. Wir haben weder Bruder noch Schwester, deshalb sollten wir uns zu einander hingezoaen Men, um solche Bande zu ersetzen." Diese sanften Worte erweichten Marians stolzes Herz wohl ein wenig, aber noch war der Schmerz der Wunde, die sie empfangen, nicht gestillt. Mit kalter Zurückhaltung, die sie später bitter bereute, entzog sie ihm ihre Hand mit den Worten: „Leben Sie wohl, Lord Belfort .... ich meinestheilr möchte nur die Vergangenheit mit all' ihren Sorgen und Aergernissen vergessen. Ich wünsche Ihnen eine glückliche Zu- kunft," setzte sie mit unsicherer Stimme hinzu, als wenn die Rührung einigermaßen die Oberhand gewänne. Und dann entfernte sie sich schnell. Lord Ernst blickte ihr in trauriger, doch mißbilligender Verwunderung nach. XLV. „Nun, Cora, bedenke wohl, daß Du es vor Dir selbst zu verantworten hast, wenn Du uns wieder verläßt," sagte Frau Falkner in strengem Tone, als das Mädchen sich zu einem letzten Lebewohl von der Heimath ihrer Kinderzeit vorbereitete. Die Waise nahm schweigend den Vorwurf hin und Adele mischte sich ein, bevor ihre Mutter weitersprechen konnte. „Nun, Mutter, ich denke, es ist viel besser, wenn sie geht. Sie ist viel zu vornehm für uns geworden, wenn sie auch unseres Wissens wohl kaum etwas Besseres als die Tochter eines gewöhnlichen Seemanns ist. Ich meinestheils wünsche, daß ich sie nie Wiedersehen werde. Ich bin ihretwegen zur Genüge gekränkt und schlecht behandelt worden. Bei diesem Grafen Treville hast Du Dich und mich so lächerlich gemacht, daß ich hätte wahnsinnig werden mögen." „Beruhige Dich. Sofern ich dazu beitragen kann, werden wir einander nie wieder begegnen, Adele," versetzte Cora ruhig, „und doch würde ich nur zu gern mit Dir tauschen. Du hast wenigstens eine Mutter, während ich einsam und verlassen bin. Lebt wohl, laßt uns in Freundschaft, nicht im Zorn auseinandergehen." Und sie drückte ihre Lippen auf die Stirn der alten Frau, bie sie viele Jahre lang als ihre Mutter betrachtet hatte. Dann wandte sie sich mit innigem Blick zu Adele. „Adele, willst Du nicht vergessen und vergeben, wenn Du glaubst, daß irgend ein Grund zur Entfremdung zwischen uns bestehe? Ich werde Deinen Lebenspfad nie wieder kreuzen, werde Dir nie mehr Ursache zum Aergerniß geben. Willst Du nicht, daß die letzten Minuten unseres Beisammenseins friedlich und freundlich seien?" Wenn sie selbst in Adeles neidischen Augen weniger vornehm und bezaubernd ausgesehen hätte, wäre die Antwort vielleicht eine wärmere gewesen. So aber erwiderte Adele Coras liebevolle Umarmung mit größter Kälte. „Du weißt am besten, was Du gethan hast, Cora," versetzte sie- „Ich will Dich jetzt nicht daran erinnern, daß Du Jeden, der mit Dir in Berührung gekommen ist, zu Grunde gerichtet hast. Ich bin ganz Deiner Meinung, daß es besser ist, wir bleiben fern von einander und unter dieser Bedingung verzeihe ich Dir gern." Cora zögerte noch. Ihr war, als würde ihr der Boden unter den Füßen weggenommen, als würde ihr die Brücke abgebrochen, die sie mit der Vergangenheit verband, als sie dieses Haus verlassen sollte. Aber glücklicherweise verlieh ihr die zurückweisende Kälte von Mutter und Tochter die nöthige Kraft, diese Probe ruhig zu bestehen. „Wenigstens wirst Du uns wohl sagen, wohin Du zu gehen gedenkst?" bemerkte Frau Falkner ziemlich unruhig und es schien, als bereute sie, daß Cora ging. „Ich gehe in die Welt. Sie wird wohl nicht größer und einsamer fein, als wie ich sie früher kennen gelernt habe. Lebt wohl. Laßt mich nur in Frieden ziehen und die unglückselige Vergangenheit vergessen." Mit diesen Worten verließ Cora das Haus. Ruhig schritt sie nach dem Dampfer, der bald nach der englischen - 358 — zeigte auf einer kleinen Metallplatte eine Grafenkrone, unter welcher die Buchstaben C. M. standen. Cora achtete jedoch darauf nicht weiter, sondern reichte der Leidenden ein Glas Wein- »Jetzt ist Ihnen wohl besser . . . jetzt werden Sie sich auch nicht mehr ängstigen," sprach Cora. Aber in demselben Augenblick gerieth das Schiff wieder in heftigeres Schwanken und dieses entriß den Lippen der Dame einen leisen Schrei. »D, mein Gott! Wir find verloren!" schrie ste. „Warum rief er mich in die Heimath zurück?" Cora wurde wohl auch ein wenig bang bei dem heftigen Sturm, doch hatte ste genug damit zu thun, diese Dame so» wohl wie noch andere in der Cajüte befindlichen zu beruhigen. Am meisten hielt sie sich in der Nähe der interessanten Dame, die sie mächtig anzog. Die abgezehrte Hand erfaßte krampfhaft die ihre, als das Schiff wieder stärker zu schwanken begann. „Verlassen Sie mich nicht, sonst sterbe ich," ächzte die . «Noch nie habe ich einen solchen Sturm erlebt und mir ist so bange." „Ich bleibe bei Ihnen, aber Sie brauchen sich nicht zu ängstigen, es ist wirklich keine Gefahr vorhanden," sagte Cora ermuthigend. „Aengstigen Sie sich denn nicht?" fragte die Dame. „O nein.... ich fürchte mich nicht vor dem Sturm, vermuthlich, weil es mir ziemlich gleichgiltig wäre, wenn ich den Tod fände," antwortete Cora. „Haben Sie Niemanden, keine Angehörigen, keine Freunde, die Sie betrauern würden?" fragte die Dame. „Nein," entgegnete Cora ruhig- „Und doch sind Sie so schön, so jung und sicher auch von guter Herkunft," bemerkte die Kranke. „Ich bin jung, aber kein Band fesselt mich an die Welt," antwortete Cora ausweichend. „Darum ist es mir eine Freude, selbst einer Fremden von Nutzen sein zu können." Die Dame sah ste mit noch größerem Interesse an, obgleich das abermalige Schwanken des Schiffes sie hinderte, etwas zu erwidern. Sie griff nach Cora und klammerte sich so fest an dieselbe, als ob es ihr Leben gälte. Und das Mädchen nahm ste unwillkürlich in die Arme, trocknete ihre Thränen, lehnte den Kopf der Kranken an ihre Brust und vergaß fast in der Aufregung des Augenblicks und bei dem Zauber, den dieses bleiche liebe Gesicht mit den großen dunklen Augen auf sie ausübte, daß Jene, die sie so pflegte und bemitleidete, ihr noch vor wenigen Stunden völlig unbekannt gewesen war- „Nicht wahr, Sie verlassen mich nicht? Sie bleiben auch bei mir, wenn wir das Land glücklich erreichen?" sagte die Dame, nachdem sich der Sturm einigermaßen gelegt hatte. „Zu meiner Jungfer, die mich so grausam im Stich gelassen hat, habe ich jetzt kein Vertrauen mehr und der Diener, den ich mit nach England bringe, ist der Sprache völlig unkundig." „Aber ich kenne Sie ja gar nicht," entgegnete Cora zögernd. «Ich weiß noch nicht, mit wem ich spreche." Die Kranke lächelte trübe. „Ah, ich vergaß, daß Sie eine Fremde sind. Ich bin so daran gewöhnt, an einem Ort zu leben, wo ich von Jedem, mit dem ich in Berührung kam, gekannt war. Und jetzt kehre ich nach England zurück, wohl nur, um zu sterben," fuhr sie fort. „Doch bin ich es meinem Sohne schuldig, den ich so lange vernachlässigt habe." Cora wartete gespannt auf die nächsten Worte, aber wieder schien die Kranke in die frühere hoffnungslose, halb angstvolle Mattigkeit zu verfallen. „Und dieser Sohn?" wagte Cora endlich zu fragen. "Habe ich Ihnen das nicht schon gesagt?" erwiderte die Dame. „Er ist der junge, unglückliche Graf von Belfort. Haben Sie von ihm und seinem Unglücke nicht schon gehört?" (Fortsetzung folgt.) Küste abgehen sollte und auf welchen ihr bescheidenes Gepäck schon vorher gebracht worden war. Schon einmal hatte sie dieWer Deutschlands in ähnlicher Weise verlassen, aber damals war sie unter männlichem Schutz gewesen, während sie jetzt schutzlos und allein war. Es erhob sich ein heftiger Wind und der Dampfer wurde auf den schäumenden Wogen hin- und hergetrieben. Alle Damen außer Cora hatten sich in die Cajüten begeben, sie allein blieb auf Deck. Sie schien sich des wilden Kampfes der Elemente zu freuen, anstatt daß derselbe sie geängstigt hätte. Endlich fiel dem Capitän die zarte Gestalt auf, die sich so dem Sturm aussetzte. „Verehrtes Fräulein, wollen Sie nicht in die Cajüte gehen?" fragte er. „Ich fürchte mich nicht vor dem Sturm. Im Gegentheil, ich mag ihn gern- Unten in der Cajüte ist die Luft so be- drückend," entgegnete sie schnell. „Zu Furcht ist Gott sei Dank auch keine Ursache," sagte er lächelnd. „Aber darum ist hier doch kein passender Platz für eine so junge Dame wie Sie. Gehen Sie nur hinunter ... ich glaube, unten gibt es genug zu thun," setzte er hinzu. Cora zögerte nicht länger. Sie hörte Stöhnen aus der Cajüte, das ihr des Capitäns Worte zur Genüge erklärte. „Ich will gehen, wenn ich von Nutzen sein kann," erwiderte ste. „Haben Sie Niemand, der sich um Sie bekümmert? Niemand, der für Ihre Bequemlichkeit sorgt, anstatt Sie hier allein zu lassen?" «Ich bin meine eigene Herrin," sprach sie. „Ich kann kommen und gehen und mich in jedwede Gefahr stürzen, wie ich will. In dieser Beziehung brauchen Sie sich nicht zu ängstigen, wenn ich weniger Alleinstehenden behilflich sein kann," Me sie mit einem so bitteren Lachen hinzu, daß es unwillkürlich des Capitäns Aufmerksamkeit auf sich zog. llM. SÄ bJer^tU/enu6?nQb in di- unteren Schiffsräume und befand sich bald inmitten einer Gruppe erschreckter fee* träntet Damen und Kinder, die kaum hätten sagen können, ob ihnen der geistige oder körperliche Schmerz unerträglicher war. Von allen Seiten vernahm sie Klagen der Angst, Bitten um Hilfe und Stöhnen, so daß sie im ersten Augenblicke nicht wußte, wer ihrer Beistandes am meisten bedürftig war, aber wie sie sich die verschiedenen Menschen ansah, wurde ihre Aufmerksamkeit am meisten von einer zarten blaffen Frau an- gezogen, die zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt fein mochte aber immer noch Spuren früherer Schönheit und etwas ™ {)rer, ganzen Haltung besaß, wenngleich eine gewisse Mattigkeit im Ausdruck von wenig Characterstärke sprach. Sie lag in einer Ecke auf einem Sopha und ihr Mm ging langsam und schwer infolge der schrecklichen Schmerzen der Seekrankheit und der noch schrecklicheren Angst vor dem immer heftiger werdenden Sturm. Kein Mensch schien sich um sie zu kümmern. trat zu ihr und sprach mit ihrer gewohnten Sanft- muth. „Kann ich etwas für Sie thun? Sie sind sehr krank?" Wr krank. Ich glaube nicht, daß ich diese klagendem Ton? "^^e," entgegnete die Dame in leisem, W Sie, siS "icht . ... wie der Capitän mir eü Ä! bWtoß^e Gefahr vorhanden," tröstete Cora. „Können Sie nicht irgend etwas zu sich nehmen?" nicht zu meine?NM-Ä^""^" ifi fo tmt unb ich kann $ ViS Langen," entgegnete die Kranke. diese? Kann ich sie nicht holen?" bemerkte nun SÄT ? erRen Mal genauer an und bofifSS t ?' baJ Sor“ ihr, wenn nicht an Geburt, so * *-* um der Artillerie des Herrn Herzogs zu erlauben, daß sie unsere Stadt mit einigen Bomben beehrt?" Es «ar Lowendaal, der so plötzlich das Wort ergriffen hatte. Neipperg hatte seinen Nebenbuhler erkannt- Eine Blut« welle stieg ihm ins Gestcht und instinctiv machte er eine Bewegung, wie um auf den Baron loszustürzen. Aber er beherrschte sich: er war Gesandter, hatte eine Mission zu erfüllen, gehörte sich nicht allein. Gleichzeitig durchzuckte noch ein Gedanke seinen Kopf, wenn der Baron Lowendaal sich in Verdun befand, mußte ja auch Blanche von Lavaline hier sein. Aber wo ihr begegnen, wo sie sehen, wo mit ihr sprechen? Er begann zu hoffen, daß der Baron vielleicht unwillkürlich ihm den Aufenthalt Blanches verrathen könnte. Er mußte sich also gleich- giltig zeigen, warten, horchen. Ein ziemlich lebhaftes Gemurmel war den Worten Lowendaals gefolgt. „In was mischt sich dieser Generalpächter?" flüsterten die Bürger untereinander. „Hat er denn Häuser, Geschäfte, Maaren in der Stadt? Wird er die Plünderung zu ertragen haben? Wozu, da der Geniecommandant erklärt hat, daß ein Widerstand unmöglich ist, wozu soll man alle Welt maffa« kriren lassen und aus welchem Grunde die Immobilien dem Artilleriefeuer aussetzen?" „Unsere Bevölkerung ist vernünftig und fürchtet die Schrecken der Belagerung," sagte der Präsident. „Der Vorschlag des Herrn Baron von Lowendaal hätte nur den Pöbel für sich- Aber fast alle diese Lärmmacher, die nichts besitzen, haben die Stadt bereits verlassen und sich nach der Richtung von Thionville geflüchtet. Dort haben sie einen ihres Gelichters, einen gewissen Billand-Varrennes, gefunden, der sie ins Feuer schicken wird. Hoffen wir, daß Verdun sie niemals wiedersehen wird! Haben Sie die Absicht, ein Gleiches zu thun? Wollen Sie bombardirt werden?" „Nein, nein, kein Bombardement! Unterzeichnen wir sofort!" riefen zwanzig Stimmen und die Eifrigsten ergriffen die Feder und drängten sich um den Präsidenten, um ihre Unterschrift unter die bereits vorher, gleich nach der An- kündigung der Ankunft des österreichischen Gesandten aufge« setzte Kapitulationsurkunde zu schreiben. ‘ . Neipperg beoabachtete schweigend die anfangs so friedliche und jetzt so stürmische Versammlung. Baron Lowendaal hatte seinen Platz im Hintergründe „Nehmen wir an, daß ich nichts gesagt habe," murmelte ev ärgerlich. Schon erhob der Präsident die Feder und suchte die Stelle, wo er auf der Kapitulationsurkunde seinen Namen hinsetzen sollte, als eine entfernte Füfilade losbrach, während zu gleicher Zeit die Trommeln den Generalmarsch schlugen und unter den Fenstern des Stadthauses „Qa-ira“ ertönte. X. - Der Schwur Beaur epaires. / Alles hatte sich in unbeschreiblicher Erregung erhoben. Die am wenigsten Erschrockenen liefen zu den Fenstern. Die Stadt war erleuchtet, als stehe ein Fest bevor. Auf dem Platze brannten Fackeln, Frauen und Kinder schlugen in die Hände und bildeten in dieser feurigen Röthe eine phantastische Runde. Es waren die Freiwilligen von Mayenne-et-Loire gewesen, die das „Qa-ira“ angestimmt und der betäubten Stadt das Zeichen zu freudigem Erwachen gegeben hatten- Die Männer waren in dieser Menge in der Minderzahl- Sie hielten sich in einiger Entfernung und schienen an dem kriegerischen Tumulte nur mit den Blicken theilzunehmen. Der Bürgermeister machte den Präsidenten daraus aufmerksam. „ _ , „Das sind diese verwünschten Freiwilligen/ sagte Ter maux seufzend. (Fortsetzung folgt.) Madame Sans (Sötte. Roman nach Bictorien Sardou und F. Morr«««. Doutsch von «bei« Brrzer. (Fottstztzuug.) Obwohl Neipperg noch leidend war, wollte er den Dienst wieder aufnehmen. Die Erinnerung an Blanche von Lavaline verursachte ihm mehr Schmerzen als die Wunde; bei dem Gedanken an sein Kind, den kleinen Henriot, der allen Gefahren einer unrechtmäßigen Geburt ausgesetzt, bei der Erinnerung an die Versuchungen Lowendaals, der von dem Marquis noch unterstützt wurde, der zuletzt Blanche zu einer Heirath zwingen konnte, empfand Neipperg eine qualvolle und grausame Marter. Er hatte das Bedürfniß, zu vergessen, und da der Krieg den Gedanken nicht erlaubte, beim Schmerz zu verweilen, mit Freuden den Dienst wieder aufgenommen. General Clerfayt, der die Tapferkeit und den Geist Neippergs zu schätzen wußte, machte ihn zu seinem Adjutanten, und da er die französische Sprache vollkommen beherrschte, erwählte ihn der General, um den Honoratioren und Behörden von Verdun die Pro Positionen der Kapitulation zu überbringen. Nachdem der junge Gesandte die Versammlung begrüßt hatte, theilte er ihr die Bedingungen Braunschweigs mit: Sie bestanden in der Uebergabe der Stadt und Citabelle binnen vierundzwanzig Stunden, widrigenfalls Verdun einem Bombardement unterworfen und feine Einwohner nach dem Sturme der ganzen Wuth der Soldaten überlassen werben würden. Diese wilden Drohungen wurden inmitten einer düsteren Stille angehört. Trotzdem diese Honoratioren sich rühmten, Royalisten zu sein und für deren Besitz fürchteten, ward es den reichen Bürgern doch schwer, diese hochmüthige und beleidigende Drohung ohne jede innere Empörung anzuhören. Einige dieser Herren wären nicht böse gewesen, wenn sich irgend ein muthiger, wenn auch nur formeller Protest geregt hätte, damit wenigstens der Schein der Ehre gewahrt gewesen wäre. Aber Niemand erhob die Stimme, Niemand wagte, den Zorn der Preußen auf Verdun herabzurufen. Neipperg blieb unbeweglich, mit niedergeschlagenen Augen stehen. _ „ Innerlich war er über die Feigheit dieser Kaufleute empört, die die Schande und Erniedrigung des Vaterlandes einem Widerstande vorzogen, bei dem ihre Häuser den Granaten des Vaterlandes ausgesetzt waren. Er dachte bei sich, daß das nicht die Franzosen vom 10. August wären, gegen die er gekämpft hatte und die das Schloß der Tuilerien so wüthend erstürmten. Für jene Patrioten, die ihn verwundet hatten, empfand er jetzt nichts mehr als Bewunderung. Soldatenherzen bewahren nach ihrer Schlacht keinen Groll mehr. Aber die Furcht dieser Bürger und ihre schmähliche Schwäche thaten ihm weh. Er fühlte das Bedürfniß, freie Luft zu schöpfen und das Schauspiel dieser gemeinsamen Feigheit nicht mehr vor Augen zu haben. Es schien ihm, daß seine Wunde beim Anblick dieser Feiglinge, die auch Verräther waren, von Neuem zu schmerzen beginne. Er erhob sich und sagte kalt: „Meine Herren! Sie haben die Mittheilung des Generals en chef gehört; was für eine Antwort soll ich dem Herzog von Braunschweig überbringen?" Und aufrechtstehend, die Hand auf den Rand des Tisches gestützt, noch bleicher als bei seiner Ankunft, ließ er den Blick über die Versammlung gleiten. In der allgemeinen Stille erhob sich eine Stimme: „Meine Herren! Glauben Sie nicht, daß wir, wenn wir schon den barmherzigen Gefühlen Seiner Hoheit des Herzogs von Braunschweig unsere Huldigung darbringen, unseren Entschluß nicht etwas verschieben sollten — wenn auch nur, Redaktion: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schm Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) tn ©legen«