UnLerZMungsblaLL zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). W KW i * / v't- 'wP'V ®® VV amiheoktler f ' '.')v -,-^2.~ "j '-~'Z H i i i xE » WM MW MM ID $S»*'<8 Es J® y>. 1.J5W-11 '.-LsjJ'I 'WSWÄSÄ Ium neuen Jahre? Ein neuer Herrscher hat bestiegen Nunmehr den ew'gen Thron der Zeit — Es forscht die Welt in seinen Zügen, Zu welchem Thun er sei bereit . . . Doch will sein Antlitz noch nicht künden, Wie er dar Ecepter führen wird; Es läßt sein Blick noch nicht empfinden, Ob mild, ob streng er wohl regiert. Und dennoch jauchzen wir entgegen So frohbewegt dir, neuer Jahr — Wir Alle hoffen ja, daß Segen Aus dir wird sprießen wunderbar, — Daß du mit Rosen nur bekränzen Wirst unser Wirken früh und spat, Und wirst mit mildem Licht beglänzen Run unser aller Pilgerpfad! Wohlan, so sei uns denn willkommen, O neues Jahr, in deinem Schein; Was du auch bringst, es möge frommen Uns stets in unserm Erdensein. — So mög' die Hoffnung uns beleben, Daß gnädig unser Al? Geschick — D'rurn sei die Losung auszegeben: Ein neues Jahr, ein neues Glück! B. Neuendorff. Sturmfluth. Roman von Em. Heinrichs. ———■ (Nachdruck verboten.) I. Da draußen war's unangenehm kalt. Der Novemberwind blies scharf aus Nordost, einzelne Regentropfen mit Hagel vermischt schlugen geräuschvoll an die Fensterscheiben. „Daß Dich der Kuckuck!" schimpfte der Hauptmann a. D- Max Ehrhard, unwirsch nach seinem Bein greifend. „Dies vermaledeite Wetter reißt und zwickt mich zum Ausderhaut- fahren. Dabei hat die dumme Gans, die alte Trina, ein- geheizt, daß der Ofen schon roth ist und die Kohlen zum Vergnügen aus dem Schornstein dampfen. Elisabeth, Mädchen, wo steckst Du?" „Hier, Papa!" tönte e» links herüber. „Ich bin gleich fertig." „Ach so, Du kleidest Dich für den großen Empfangsabend bei Tante Dorothea an," brummte der Hauptmann mit einem kurzen spöttischen Lachen. „Ist auch wirklich der Mühe werth für ein junges Mädchen, sich dafür extra schön zu machen.— Verflixt," fuhr er ingrimmig auf, „nun fängt der Spektakel auch fchon an. Herein!" Hauptmann Ehrhard blickte zornig nach der Thür. Von der Seite von oben stürmte in diesem Augenblick ein wahre» Pelotonfeuer von Clavierspiel auf ihn ein, worüber er die Corridorthür überhört haben mußte. Auf sein Herein trat ein alter, kleiner, sehr dürrer Herr mit spärlichem Haar, faltigem Gesicht und freundlich-offenem Blick in's Zimmer. Er war peinlich sauber gekleidet und trat mit linkischer Bewegung auf den Hauptmann zu, ihm die erstarrte Hand zum Gruß darreichend. „Guten Abend, lieber Ehrhard!" „Zum Henker noch einmal, Du bist es, Sandtdat!" rief der Hauptmann, ihm so kräftig die Hand schüttelnd, daß der kleine Herr eine schmerzhafte Miene dazu machte, „es wird so früh schon dunkel, daß man sich bankerott an Petroleum brennt. Und dabei diese Thranlampe von Trina, welche nicht so viel Discivlin besitzt, um rechtzeitig die Lampe hereinzubringen. Da soll doch gleich ein —" „Aber Hauptmann," unterbrach ihn der Candidat Melchior sanft, „Du verwickelst Dich ja stets in Widersprüche — schelte mir die brave Trina nicht, welche in Deinem Jntereffe die Lampe noch nicht hereingedracht hat. Wir können noch sehr gut sehen, was wir sprechen." „Natürlich, alter Duckmäuser!" knurrte Hauptmann Ehrhard. „Aber ob wir auch hören können, was wir mit einander sprechen, das ist eine andere Frage, oder was meinst Du zu diesrm Spektakel im Hause, Melchior? Unten Ton- 2 [eitern, oben Tannhäuser, nun fehlt nur der Geiger im Giebel — all' ihr guten Geister, da ist er schon." In der That schwirrten jetzt durch den Clavier-Ausruhr einige zornige Geigenstriche, welche sich vergebens abmühten, die Oberhand zu gewinnen. Wagner siegte mit furchtbarer Macht. „Das macht mich mürbe," seufzte der Hauptmann, der plötzlich kleinlaut geworden war. „Der Teufel halte solche Foltereien auf die Länge aus, ich glaube, diese Miethrkasernen machen nach und nach die ruhigsten und stärksten Nerven rebellisch und füllen die Irrenhäuser. — Mensch I" fuhr er wieder zornig auf, „Du weißt Dein Glück, ein eigenes Dach zu besitzen, gar nicht zu schätzen." „Du hättest längst bei mir wohnen können, EhrhardI" bemerkte der Candidat achselzuckend. „Mein Haus ist für meine beiden Schwestern und mich viel zu groß, Du weißt, daß wir die oberen Räume vermiethet haben, sie wären groß genug für Euch gewesen; was hast Du denn hier für Dein Geld?" „Ja, ja, weiß wohl," erwiderte der Hauptmann, „Du bist ein guter Kerl, Melchior, viel zu gut für diese nichts« nutzige Welt- Aber, und da» habe ich Dir ebenfalls oft genug schon gesagt, es geht nun mal aus zweierlei Gründen nicht. Einmal, weil bei solchem Zusammensein unter einem Dache jede Freundschaft unweigerlich in die Brüche geht und zum andern — na, alter Freund, Du weißt es ja so gut wie ich, daß Deine jüngste Schwester, die Bernhardine, mir einen lebenslänglichen Groll nachträgt, weil, ich damals nach dem Kriege —" „Ja, ja, es ist zu unsinnig," fiel der Candidat hastig ein, „was konntest Du dafür, daß sie sich in Dich verliebte und sich in den rollen Wahn hineinlebte, daß Du sie heirathen würdest. Du weißt, alter Freund, daß meine Schwester Sude ebenso denkt wie ich und es tief bedauert, daß sie Deine Elisabeth so gern bei sich sähe und es der Bernhardine halber doch nicht wagen darf, das liebe Kind einzuladen." „Siehst Du, und mich ladest Du sogar ein, bei Euch zu wohnen," brummte der Hauptmann, „lassen wir die Sache also ein für allemal dabei bewenden. Du gehst doch mit der Dorothea. — Infamer Lärm — war? — Das trommelt den ganzen Tag auf dem Marterkasten herum und läßt einem selbst des Nachts keine Ruhe." „Dann würde ich den Nachbarn einmal ein gutes Wort gönnen," meinte der Candidat, „Du weißt, das findet stets bei gebildeten Menschen Gehör." „So, wirklich, mein theurer Melchior? — Scheinst die Menschen gut zu kennen und nach der eigenen Elle zu messen. Jawohl, laß es sie nur merken, wo Deine schwache Seite ist und Du sollst sehen, wie sie sich beeifern, daran zu rühren. Du wärst zu dergleichen natürlich nicht im Stande, Melchior, und sür mich kann ich in diesem Punkte auch gutsagen, es gibt noch vortreffliche Ausnahmen. Im großen Ganzen aber sind die Menschen boshafte Racker und die gute Meinung, welche Du von ihnen hast, ist ein Luftschloß, weiter nichts." „Das ich mir aber nicht muthwillig zerstören werde, Ehrhard!" erwiderte der Candidat gelaffen. „Ich denke auch, daß es Zeit wird, zu gehen," setzte er gelaffen hinzu, als die alte Trina mit der brennenden Lampe eintrat und diese auf den Tisch stellte. „Endlich denkt Sie daran, daß man Licht braucht," schnob der Hauptmann sie an, „die Kohlen jagt sie zum Schornstein hinaus —" „Na, dann spare ich wenigstens an Petroleum, Herr Hauptmann I" fiel die Alte unwirrsch ein. „Uebrigens ist die Uhr noch nicht halb Fünf, Fräulein Dorothea wird schon lange warten und sehr falsch werden. Wo ist denn unser Fräulein?" „Ja, wie lange putzest Du Dich denn, Kleine?" rief der Hauptmann. „Das währt eine Ewigkeit, hast doch sonst Dis- dplin? Schade, daß cs kein Junge ist, Candidat, wäre ein schneidiger Offizier geworden. Hoffe deshalb auf einen solchen Schwiegersohn, wie?" „Baue keine Luftschlösser, mein lieber EhrhardI" erwiderte Melchior lächelnd. „Es sollte mir leid thun, wenn sie über Nacht einstürzten." „Ja, ja," sagte der Hauptmann, „baute schon einmal ein solches, vor zehn Jahren, stürzte wie ein Kartenhaus zusammen, verging in der Luft wie eine Seifenblase." „Am zwanzigsten werden es justement zehn Jahre, daß der junge Herr Willibald fortgegangen ist," krächzte Trina, welche sich am Ofen zu schaffen machte. „Ist Sie auch noch da, alte Unke?" schrie der Hauptmann, mit seinem Stock aufstampfend. „Scher' Sie sich hinaus I" „Ja, ja, man soll keine Luftschlösser bauen, ich thu's nicht, wenn ich glaube, daß der Herrgott mich nicht sterben läßt, ohne daß ich meinen lieben, guten Jungen noch einmal wiedergesehen habe." Mit diesen trotzig hervorsprudelnden Worten verließ di« alte Trina das Zimmer. „Verrückte Närrin I" murmelte der Hauptmann, langsam sich erhebend und an seinem Stocke durch das Zimme: humpelnd. Er hatte im letzten Kriege sein linkes Bein in Frankreich gelaffen, trug einen Stelzfuß und lebte mit btt Stieftochter und der alten Magd von seiner kargen Pensim- Diese Stieftochter, welche soeben durch die Seitenthtre eintrat, hieß eigentlich Elisabeth Hellbach und war die Tohter eines 1870 vor Paris gefallenen Offiziers. Letzterer, Ehrhards Busenfreund, hatte diesem die Zorge für seine Wittwe und sein Kind, einem Säugling von sechs Monaten, als letzte Erbschaft hinterlassen, und da aucs hier kein Vermögen, als die Caution und eine schmale Wttwen« Pension vorhanden war, so bot der invalide Hauptmann, der keine andere Möglichkeit sah, sein Versprechen einzulösen, der Wittwe seine Hand und seinen Namen an, was sie ohne Bedenken acceptirte- Die kleine Waise hieß von nun an Elisabeth Ehrhard und hatte den Tausch nicht zu bereuen, da sie keinen besseren und zärtlicheren Vater hätte sich wünschen können- Ihre Mutter starb, als sie vierzehn Jahre alt war. Der Hauptmann, welcher die Gattin tief betrauerte, übergab die Tochter bis zu ihrem siebzehnten Jahre einer Pension, um ihre Erziehung zu vollenden. Jetzt befand sich Elisabeth seit zwei Jahren wieder bei ihm und war sein Augentrost, sein Stolz und seine Freude. Man konnte sich nun freilich auch kaum eine lieblichere Erscheinung denken, als dieses junge Mädchen, schlank und zierlich von Gestalt, biegsam wie eine Lacerte- Die unergründlich tiefen Augen schimmerten bald wie polirter Stahl, bald wieder in dunkler Bläue, und gaben dem schönen Antlitz jenen geistig belebenden Strahl, ohne welchen jede Schönheit völlig reizlos, öde und tobt erscheint- Reiches lockiges Blondhaar umgab den kleinen, klassisch geformten Kopf, dessen stolze Haltung einen festen Sinn, einen energischen Willen verrieth. „Sag' an, Melchior I" rief der Hauptmann bei ihrem Anblick aus, „paßt dieses Mädchen in eine solche Mieths« kaserne hinein? Ist das ein würdiger Rahmen für sie? Müßte nicht, ein Schloß —" „Ein Lustschloß, lieber Ehrhard," unterbrach ihn der Candidat, „Du scheinst heute stark darin zu bauen." „Hast recht, Melchior, man wird dabei gewöhnlich mit einem schmerzhaften Plump» auf die Erde gesetzt. Also keine Luftschlösser bauen, merk' Dir dar, Lisbeth!" „Dann verlohnte es sich wahrlich nicht, zu leben, Papa!" bemerkte die junge Dame, ihren Hut vor dem Spiegel auf- setzend. „Auch ich baue fleißig meine Luftschlösser und fürchte mich nicht vor einem Plump». Sind im Grunde unsere Hoffnungen doch auch nur solche, welche in den meisten Fällen in der Luft zerrinnen." „Hahaha," lachte der Hauptmann, „die Kleine philoso- phirt, da» taugt nicht für ein Mädchengehirn. Vorwärts, damit ich endlich aus der Mufikhölle komme. Bei Tante « Dorothea athmet man wieder auf." 8 II. Es war ein alterthümliches Haus, in welchem Fräulein Dorothea Ehrhard, die Schwester des Hauptmann«, wohnte. Mit seinen festgefügten Mauern, dicken Balken und eichenen Thüren trotzte es noch heute jedem Unwetter mit ruhiger Sicherheit. Vor Jahrhunderten hatte es als eine Art Asyl den verfolgten Verbrechern eine dreitägige Freiheitsfrist gewährt. Fräulein Dorothea paßte ganz wunderbar in den Rahmen dieses Hauses. Sie war 62 Jahre alt, klein und zierlich gebaut, mit weißen Löckchen um das gerunzelte Gesicht, aus dem zwei kluge, freundliche Augen blickten. Ihre altväterlichen Möbeln, das Erbtheil der Eltern, hielt sie hoch und heilig, sie hätte sie mit keiner moderneren Einrichtung vertauscht, und ihre Freunde priesen stets das behagliche Asyl der Tante Dorothea, wie man die alte Dame, welche von oiner Rente sorgenlos leben konnte, gern nannte. Auch heute Abend strömte gleichsam ein unnennbarer Friede durch das einfache Zimmer, welches mit der hellbrennenden Oellampe den Besucher vierzig Jahre in die Vergangenheit zurückversetzte. Es war eine sogenannte Regula- teurlampe aus glänzend geputztem Messing, deren dünne Stange, wie ältere Leute sich erinnern werden, die überhängende Kuppel trug. Unter dieser verhältnißmäßig kleinen Kuppel von weißem Milchglas stand ein blauer Glaskorb, der im Sommer mit natürlichen, j tzt aber mit künstlichen Rosen gefüllt, während der Henkel desselben von einer Blumen- Guirlande umwunden war. Auf einer Seitenlehne des Sophas schnurrte ein weißes Kätzchen, Mietz genannt, während -auf einem Nebentische der blitzblanke Theekeflel seine summenden Töne zum Besten gab. „Stimmungsvoll!" nannte es der alte Professor Carlsen, der mit seiner Ehehälfte zu den Intimen de« Fräuleins zählte. Heute Abend war er als der erste allein gekommen, weil feine Frau durchaus „Die Jungfrau von Orleans" habe sehen wollen, worüber Fräulein Dorothea durchaus nicht ungehalten zu fein schien. „Im Gegentheil," sprach iie in einem so auffällig gedrückten Tone, daß der Professor sie betroffen anblickte, „ich freue mich, daß Sie allein und auch früh genug gekommen sind, lieber Freund, um mich mit Ihnen über eine Sache von äußerster Wichtigkeit berathen zu können. Ich dachte an unfern Candidaten, hatte aber meine Gedanken wegen der unklugen Bernhardine, die meinen Bruder und auch mich «och immer haßt, und faßte deshalb den Entschluß, mich an Sie zu wenden." „Wofür ich Ihnen im Voraus danke, meine verehrte Freundin!" erwiderte der Professor, „was er auch immer sei, ich hoffe, Ihre« Vertrauens würdig zu sein." „Ich bin davon überzeugt. Bitte, lesen Sie zur kürzesten Information diesen Brief." Der Professor nahm ihn entgegen und betrachtete einen Augenblick die Adresse. „Aus Amerika? Nashville, Staat Tenessee? —" murmelte er, das Schreiben aus dem Umschläge ziehend und ent- saltend. Sein erster Blick galt der Unterschrift. „Willibald Ehrhard! — Großer Gott, das erste Lebenszeichen nach zehn Jahren!" Dieser Ausruf der alten Herrn klang halb erfreut und halb erschreckt. „Lesen Sie, wir haben nicht viel Zeit mehr übrig," drängte Fräulein Dorothea. Der Professor überflog das Schreibeu mit erregter Miene. „Alle Wetter, er will hierherkommen!" Das Fräulein nickte bekümmert. „Er ist bereits unterwegs," sagte sie seufzend. „Ja, hier steht's: „Wenn Du diesen Brief empfängst, bin ich bereits auf dem Wege zur alten Heimath" Was er sich nur dabei denkt? Glaubt er denn, daß die Militärgefetzs hier jetzt keine Geltung mehr haben, oder seine Schuld verjähren kann?" „Ich weiß nicht, wie ich mir seinen Leichtsinn deuten soll," erwiderte Fräulein Dorothea, die Hände krampfhaft verschlingend. „Wenn diese« erste Lebenszeichen von ihm, den wir Alle als verschollen, ja, als einen Tobten schon betrauerten, mir auch eine wahre Herzensfreude zuerst gewährte, so war doch der nächste Gedanke, daß er noch immer so sorglos, so bodenlos leichtsinnig geblieben ist, wie vor zehn Jahren, nur allzu bitter für mich. Er schreibt auch kein Wort darüber, wie es ihm ergangen, ob es ihm gelungen ist, drüben seine Kenntnisse zu verwerthen und sich eine Stellung zu er- erringen. Eine Seite von seinen gewohnten frohsinnigen Redensarten und da« Uebrige mündlich." „Ein vertrakter Junge," sagte der Professor, ihr köpf- schüttelnd den Brief zurückgebend, „noch immer, wie es scheint, der alte, obwohl er doch kein Knabe mehr ist. Nun, meine liebe Freundin," setzte er tröstend hinzu, „nur nicht den Kopf verloren. Jetzt heißt es vor allen Dingen, der Gefahr fest in'« Auge zu blicken; wenn ich nur wüßte, mit welchem Schiffe er kommt, aber auch das nicht einmal zu schreiben; ich würde ihn dann vorher abfangen und in Sicherheit bringen. Wann ist der Brief dort abgegangen?" „Am zwanzigsten October." „Hm, er wird jedenfalls mit einem Dampfer fahren — werde mir mal eine Schiffsliste verschaffen und Nachsehen — na, da klingelt'« schon," unterbrach sich der Professor, „setzen Sie um Gotteswillen Ihre gewohnte freundliche Miene auf, Fräulein Ehrhard! — Sie kennen Ihren Bruder, der sofort irgend ein Unglück wittert und — werfen Sie den Brief lieber in'« Feuer." Die alte Dame nickte zustimmend und schritt nach der Thür, um ihre Gäste zu empfangen, als sie aufhorchend stehen blieb. „Das find sie nicht," sprach sie halblaut, „ich höre eine fremde Männerstimme, wer mag das sein?" Die Magd trat ein. „Dieser Herr wünscht Fräulein zu sprechen," sagte sie, ihr eine Karte reichend. Sie trat damit an den Tisch und la«, heftig zusammenfahrend, den Namen: „Richard Hamson, Nashville, Staat Xcnncffcß" „Lesen Sie, Professor," sprach sie halblaut, „soll ich ihn empfangen?" „Nein," erwiderte Jener fest, „überlassen Sie mir die Sache." „Sie meinen also, daß er es ist?" „Unzweiselhaft. Muth, liebe Freundin!" Er hatte diese Worte sehr leise gesprochen und verließ jetzt, die Karte in der Hand, das Zimmer. In einem Cabinet, das mit dem langen schmalen Cor- ridor in indirecter Verbindung stand, weil beide durch die in einer Rische befindliche Ampel erleuchtet wurden, stand ein junger, hochgewachsener Mann mit breiten Schultern und kerzengerader Haltung, der sich einige Hogart'sche Kupferstiche, welche die Wand bedeckten, aufmerksam ansah. Hellblondes Haar siel über seine breite Stirn, unter welcher ein Paar graue scharfe Augen hervorblitzten, der wohlgeformte Mund, welchen ein langer, blonder Schnurrbart zierte, das starke, energische Kinn und die leichtgebogene Nase vollendeten da« Bild des Fremden, welcher den Eindruck einer hübschen männlichen Erscheinung machte. Er trug einen mantelartigen Ulster von feinem Stoff und hielt einen weichen, grauen Filzhut in der Hand. Al« der Professor zu ihm trat, verbeugte er sich leicht und zwanglos. „Sie sind Herr Hamson von Nashville?" fragte der alte Herr, ihn betroffen anblickend. „Ihr Diener, mein Herr," erwiderte der Amerikaner, „ist das Fräulein nicht zu sprechen?" „Sie erwartet Besuch und bittet deshalb, da Sie. jedenfalls im Auftrage ihre« Neffen kommen, ihr morgen eine Stunde bestimmen, eventuell mir, dem alten Freunds der 4 Ihre Familie Ehrhard, welcher sich Ihnen als Profeffor Carlien vorstellt, in dieser Sache vertrauen zu wollen." Hamson zerrte nachdenklich an seinem Schnurroart. „Allerdings komme ich im Auftrage meines Freundes Ehrhard," versetzte er endlich, „weiß jedoch nicht, ob er damit einverstanden ist, Ihnen zu vertrauen." „Er ist also hier in X.?" ,Wir sind vor einer Stunde eingetroffen. Ist er Ihnen persönlich bekannt, Herr Profeffor?" „Na, daa sollt' ich meinen," rief dieser lachend, „der Willibald war mehr bet mir, als bei feinem Onkel. Wissen Sie was, mein lieber Herr? Ich gehe mit Ihnen, um ihn zu begrüßen. Die Luft wäre heute Abend nicht ganz rein hier für ihn, weil der Hauptmann gleich kommt. O, da höre ich ihn schon, warten Sie, daß ich das Fräulein instruire und reden Sie kein Wort von Ihrem Freund." Er öffnete bei diesen halblaut gesprochenen Worten die Zimmerthür und rief: „Entschuldigen Sie mich auf ein Stündchen, Fräulein Ehrhard! Ich gehe mit Herrn Hamson fort — es ist Willibalds Freund," setzte er leise hinzu, „werde ihn für einen Londoner Bekannten ausgeben. Ih" Gäste kommen soeben, da sind sie." (Fortsetzung folgt.) GeineinnNtziges. Wie gewöhnst dn deine Kinder znm Gehorsam. Wie erzieht man ein Kind ohne Ruthe und Stock frühzeitig zum Gehorsam? Das ist eine der wichtigsten Fragen der Erziehungskunst. Vor allem hüte man sich, mit dem Kinde über den Gegenstand des Ge» oder Verbotes Spaß zu treiben. Sobald man lacht, entsagt man der Herrschaft. ©Diele und scherze mit deinem Kinde und zeige ihm die zärtlichste Liebe, aber alles zu seiner Zeit! Hast du aber in einem gewissen Punkte einmal Gehorsam verlangt, so sei ernst und fest: suche denselben nicht durch Bitten und Schmeicheln zu erlangen! Das Kind versucht tausend Wendungen, um deinen Widerstand zu besiegen. Derartige Versuche aber sind schon die Folge der Weichheit und Schlaffheit, womit man seinen Willen kundgegeben hat, und es steht bedenklich um deine Herrschaft, wenn du dich erst einmal hast besiegen laffen. Ein großer Fehler ist es, wenn zärtliche Mütter oder Väter glauben, sie dürsten ihren Liebling nicht auch einmal ein ernstes, strenge; Wort hören laffen. Ist man in seinen Befehlen ein» oder zweimal streng consequent geblieben, so wird man künftig nicht mehr in die Lage kommen, ernst und streng verfahren zu müffen; das elterliche Ansehen ist und bleibt gewahrt, die gegenseitige Liebe aber erleidet dadurch keme solche Einbuße, wie da, wo der Stock täglich und stündlich das Re» giment führt- — Die Erziehung zum unbedingten Gehorsam ist - wir wiederholen es — die wichtigste Grundlage aller guten Erziehung; sie ist zugleich die beste Vorbereitung für die Subordination in der Schule und für das spätere Leben. * * ♦ Winterarbeit. Alle empfindlichen Obstarten, wie Aprikosen, Psu siche, Mandeln und Feige» sind durch Ein» binden mit Tannen» oder Fichtenreisig zu schützen. Bei starkem Frost oder Schneefall wenden wir den Nestern der Winter» raupen unsere besondere Aufmerksamkeit zu und vertilgen dieselben. Die Bauwbänder werden untersucht und eventuell er» neuert, die Umzäunung untersucht und ausgebessert, im Obst» keller scharfe Wacht gehalten und alle angesteckten und faulen Früchle bei Zeiten entfernt. * Das Erfrieren der Kämme bei den Hühnern, namentlich solcher Raffen, welche fehr große Kämme tragen, kommt in kalten und windigen Wintertagen häufig vor. Um dieses zu verhindern, halte man die Hühner bei großer Kälte und Wind im Stalle und füttere reichlich, bis die Witterung wieder milder geworden. Kommt es nun vor, daß den Hähnen die Kämme erfrieren, so halte man dieselben einige Tage vereinzelt, damit nicht die anderen Hühner daran picken und bestreiche den Kamm sofort einige Male mit nachfolgender Ttnctur und die Circulation des Blutes wird wieder hergestellt, der Kamm wird wieder roth und die Spitzen desselben werden nicht abtrocknen : Ein wenig Safrantinctur, dis gleiche Menge Kampferspiritus, ebenso viel Terpentin. Alles in einem Glase zusammengemischt und davon mit einem weichen Pinsel die erfrorenen Stellen bestrichen- ♦ • • Wunden bei unseren Hausthieren müffen auch wenn sie ganz unbedeutend sind, mit reinem Wasser ausgewaschen werden; bluten sie stark, so setzt man dem Wasser etwas Alaun zu. Um Eiterung zu verhindern, überstreicht man die Wunde mit Kollodium, welches eine schützende Decke bildet, so daß die Heilung ungestört vor sich gehen kann. ♦ • • Geschlachtetes Geflügel ist vor dem Rupfen nicht zu brühen, vielmehr ist das Rupfen sofort nach dem Schlachten, so lange das Thier noch warm ist, vorzunehmen. Das Brühen erleichtert allerdings das Ausziehen der Federn, aber die Haut wird dadurch unansehnlicher und mürbe, weßhalb sie dann beim Rupfen sehr leicht zerriffen wird. ♦ ♦ ♦ Conservirung von Schuhsohlen. Die Dauerhaftigkeit der Schuhsohlen kann man durch mehrmaliges Ueber» streicheu mit Copalfirniß bedeutend erhöhen und das Leder wird dadurch wafferdicht. Sehr viel trägt zur Conservirung bei, die Sohlen vor der Benutzung ein Jahr alt werden zu laffen und 2 bis 3 Paar Schuhe zu benutzen, damit das Leder stets wieder aüstrocknen kann. Neue Sohlen, täglich gebraucht, werden in Kürze abgenutzt, weil dieselben stets I feucht und bann nicht wiederstandsfähig sind. Vermischtes. Heber die großen Sorgen eines kleinen „Theaterdirectors" belehrt uns ein Zwiegespräch, das in einem kleinen Städtchen jüngst belauscht worden. Bürgermeister: „Sagen Sie 'mal, Herr Director, zu so ’ner DirectionSführung gehört doch wohl viel Kapital?" — Theaterdirector: „Das will ich meenen, mei lutes Herrchen- Namentlich zu die Vor» schüffe. Da kommt sie der erschte Liebhaber und fordert fuffzig Fennige, die dr agische Liebhaberin braucht fimf Groschen, und wenn nun der dückische Jntrikuant niederträchtigerweise ooch noch so ’ne Summe verlangt, da sin Se fuffzehn Silbergroschen weg, man weeß nich wie!" ♦ Kindermund- lieber Tisch war einmal die Rede von einem großen Hofgut, das eine ausgedehnte Milchwirthschaft betreibt. Im Verlaufe des Gespräches fragte Mathilde, ob es auch noch andere Kühe gebe als Milchkühe. Frida aut» «ortete: „Ja weißt, die wo de saure Rahm gebe." (Die, welche den sauren Rahm geben.) * * * Das kranke Pferd. Ein Herr nimmt sich eine Drofchke auf Zeit. Nachdem der Kutscher ihn eine zeitlang im langsamsten Tempo dahingeschleppt hat, biegt sich der Fahrgast ungeduldig aus dem Fenster der Droschke und ruft: „Weshalb fahren Sie denn so langsam?" — "Mein Pferd ist krank." — „Was fehlt ihm denn?" — „Es hat die Schwind - sucht." — „Na, aber sicher nicht die galoppierende! Redactwn: A. Schema. - Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Lhr. Pietsch) in Eichen.