1894. ri *w c - ..r MMÄWWMWWWMßHME ^»V^VAx^- g$r.« ^mnk<:- • >xrrj' • '' •• ■;-.; .-n- M-1. 'Sffi-^-i ■^8 •H—L-r- Nntephattungsblatt zunr Gietzenev 2lnzeigev (Gensval-Anzeigev) T\S--M’ Donnerstag, dm 31. Mai. Die Hexe von Bingenheim. Von Gg. Schäfer. (Fortsetzung.) An einem der äußersten Tische, weit weg von der Mustk und dem Tanzboden, saßen die alte Beilstein Wittwe und ihre Enkelin Sibille König. „Warum hast Du mich hierher geleitet," fragte die Alte. „Man sieht hier nichts, nur wenige Menschen sitzen da, kaum wird sich ein Tänzer bis hierher in Deine Nähe verlieren." „Das ist der Grund, weshalb ich diesen Platz gewählt habe," antwortete Sibille. „Am liebsten wäre ich ganz zu Hause geblieben, ungeachtet ich den Wald, sein Rauschen, seine Thiere so unaussprechlich liebe. Wohin wir kommen, starren uns die Menschen an und ich muß zuweilen das Zischeln vernehmen: Die Hexe von Bingenheim. Das dringt mir wie ein Dolchstich in's Herz und ich muß immer denken, wenn es keine schlimmeren Hexen gibt als ich, wollen wir zufrieden sein." „Beruhige Dich, mein Kind, das ganze Land weiß, daß Du keine Hexe bist, die gestraft werden muß. Die Leute wer» den von Dir behext, weil Du so brav und gut bist, wie man es nicht leicht wieder findet- Laß uns darum etwas mehr unter die Menschen gehen, mische Dich unter das junge Volk, tanze nach Herzenslust im Reigen mit, Du kannst es schöner und besser, als alle Anderen." Sibille erhob sich und ging langsam mit der Großmutter dem Tanzplatze zu. Rentmeister Bardenstein begegnete ihnen und grüßte, man sah ihm an, daß ihn der Anblick des schönen, sittsamen Mädchens überraschte. Der Sohn des Schultheißen von Echzell kam und holte Sibille zum Tanze. Alle Blicke wandten sich nach der schönen Tänzerin, deren Füße den Boden kaum zu berühren schienen. „So wie die, kann es keine Andere," meinte ein biederer Ackerrmann aus Berstadt. „Meiner Treu! Die könnte Einem den Kopf in feinen alten Tagen noch durcheinander machen." „Das ist ja die schöne Hexe von Bingenheim, Peter!' erklärte ihm sein Nachbar. „Hast Du noch nichts von ihr, der alten Beilstein Enkelin, gehört? Dort steht die Alte, schau' hin! Ihr Gesicht strahlt vor Stolz und Vergnügen, daß ihre Enkelin alle übrigen Mägdlein aussticht." „Die Alte scheint mir hoffärtiger zu sein, als die Junge. Sieh' nur, wie das Mägdlein bescheiden und sittsam erscheint und Jedermann auswetcht, oder fein höflich und artig mit den Leuten spricht. Die könnte gut eine Prinzessin abgeben, wäre mir aber auch als Schwiegertochter angenehm, denn keiner von den Burschen wagt es, zudringlich oder laut zu werden, wie es bei änderen Dirnen geschieht. Alle werden rücksichtsvoll, wo sich die schöne Hexe hinbewegt." „Ei, Peter, was würde Deine Alte zanken, wenn sie hören könnte, wie Du in Verzückung wegen des schönen Mägdleins gerathen," bemerkte der Nachbar. „Meinetwegen auch, möchte sie immerhin," antwortete Peter. „Ich spreche meine Freude aus, wenn ich eine schöne Blume, ein schönes Haus, eine schöne Gegend sehe, warum soll ich mich nicht aussprechen, wenn ich ein schönes Menschenbild erblicke. Nichts Schöneres gibt es auf der Welt, als ein schönes Mägdlein." Bardenstein, der Rentmeister, hatte diese Unterredung der beiden Landbewohner mit angehört, denn er stand dicht hinter ihnen. Da er aber Beide um eines Hauptes Länge überragte, konnte er bequem auf den Tanzplatz sehen und die Bewegungen des Mägdleins verfolgen. Nichts entging seinen scharfen Augen. Jetzt hob sie den Kopf ein wenig und schaute herüber, gerade in das Angesicht des Jünglings. Blick traf in Blick. Sibille wandte augenblicklich die Augen zur Seite, aber ein tiefes Roth flog über ihre lieblichen Züge- Ais der Tanz zu Ende, ging Sibille zu der Großmutter und bat, auf ihren früheren Platz zurückgehen zu wollen. „Zu welch' Ende willst Du das?" fragte die Alte etwas vorwurfsvoll. „Hier sehe ich das junge Volk munter im Reigen sich schwingen, Alles ist in Bewegung, noch eine Stunde wird der Reigen währen, tanze mit nach Herzenslust und lasse mir das Vergnügen, die Menschen und ihr Thun zu betrachten." „Ihr habt Recht, Großmutter, doch wisset, mir ist plötzlich heiß geworden und ein heftig Herzklopfen droht mir die Brust zu zersprengen," antwortete die Enkelin. „Gerne möchte ich mich ein wenig niederlaffen, so wird mir besser werden." „Armes Kind I" sprach die Alte besorgt, „Dir ist wirklich nicht gut, nun wirst Du gar blaß und bleich. Komme hier weg. Ich sage Dir, Du mußt fleißiger unter die Menschen gehen, auch zuweilen einen Tanz mitmachen, das bekommt Dir gut, denn Bewegung eignet sich für die Jugend." Am hintersten Tische, wo ste vorher gewesen und Niemand saß, ließen sich Beide nieder. Sibille athmete schwer, Blässe und Röthe wechselten in ihrem lieblichen Gesichtchen. Es ließen sich Schritte hören; Bardenstein, der Rentmeister, trat herzu. „Ihr habt Euch weit weg und ganz allein hierher gesetzt," sprach er freundlich und höflich grüßend. „Wenn es erlaubt ist, möchte ich mich herzu setzen und ein wenig der Unterhaltung pflegen." Da» Gesicht der alten Beilstein glänzte vor Vergnügen, «• 246 ** als sie die Rede der vornehmen Herrn und sein höfliches Be- I Stbille schritt mit der Großmutter ebenfalls der Heimath nehmen gewahrte, und sie wußte nicht, was sie antworten I zu, doch auf einem Umwege durch den Wald. An einer Stelle sollte. So antwortete die Enkelin mit gepreßter Stimme und I jenseits des Hügels war ein Steinsttz angebracht, auf welchen indem sie den Blick zur Erde wandte: „Für Eure gute Ab- sich die Wanderer niederließen. Deutlich konnte man die sicht danken wir, denn wollet bedenken, daß wir geringe Leute Musik vom Festplatze, das Jauchzen und Singen der fröhlichen sind, die sich nicht für Eure Unterhaltung und Gesellschaft Menschen vernehmen- eignen Verzeiht, Herr, dieses Wort, bedenket den Unterschied Die Sonne neigte sich zum Westrande des Horizontes, und Ihr werdet finden, daß ich so sprechen und handeln muß, I „Wir müssen weiter gehen, Kindl" sprach die besorgte Alte, wie ich time." I »Wenn wir nicht viel ausbiegen, führt der Weg hinter m „Wenn Ihr es so meinet, Jungfrau, werde ich Euch nicht I Löwenbusch her und da möchte ich nach Sonnenuntergang nicht lästig fallen. Gehabt Euch wohl!" Mit diesen Worten wandte vorüber kommen." der junge Mann den Schritt und ging denselben Weg, den er I Müde und schlaff erhob stch das Mädchen, alle Elastrcität gekommen. I war von ihm gewichen. Vom Waldrande, dem sie sich näher- „Was hast Du gethan, Kind!" sprach die Alte, als ten, hörte man heiseres Singen und Gröhlen. Vier angetrun- Bardenstein verschwunden war. „Wie darfst Du es wagen, I kene Burschen aus der Umgegend hatten sich auf dem Grase einen vornehmen Herrn in dieser Weise zu kränken!" gelagert; sie sprangen empor, als die beiden Frauen heran- „Richt anders war es zu machen!" antwortete das Mäd- I kamen. . chen mit Heftigkeit. „Mein Pflichtgefühl sagt mir, daß ich „Sieh'einmal an!" rief der Eine. „Da ist ja die schöne richtig gehandelt. Würde nicht im ganzen Amte darüber mau- Hexe von Bingenheim und des Teufels Großmutter ist auch lirt werden, wenn der Herr sich zu uns gesetzt und mit uns dabei. Komm' her, mein Schätzchen, wir wollen Dich einmal aesvrochen hätte?" I hexen lernen." Du meinst und sprichst immer ganz anders, als ich es I Mit diesen Worten stapfte der betrunkene Unhold auf das thun würde. Mir hätte die Unterhaltung große Freude ge- Mädchen los und wollte Hand an sie legen. Mit blitzenden macht, ich würde in Deinem Alter stolz darauf gewesen sein, Augen sah Sibille den Menschen an, der sich aber nicht im wenn sich ein vornehmer Herr meiner angenommen, und gönnen Geringsten beirren ließ. Das Mädchen ballte die kleine, würde ich es besonders den feinen Dämchen, wenn sie über die nervige Faust und stieß sie dem Angreifer ins Gesicht. Mit mir bewiesene Aufmerksamkeit recht herzlichen Reid empfänden, unartikulirtem Gebrüll stürzte der Bursche rücklings in den Aber thue, was Du nicht lassen magst, ich habe schon manch- Graben. mal Dein Benehmen getadelt und hintendrein doch finden j «Oho, Dirne! schrieen die Anderen, „so geht, das nicht 'müssen, daß Du richtig handeltest." | weiter." — Zwei stürzten sich auf Srbrlle und suchten sie „Seid nicht böse, Großmutter!" antwortete Sibille weich niederzureißen; der Dritte fiel über die alte Frau her. und zart, „ich konnte nicht anders. Thut mir die Liebe und „Zurück, Schurken!" donnerte plötzlich eine mächtige gehet ein Stück mit durch den Wald. Mir ist so weh, so Stimme; zugleich sauste ein Schlag hernieder, dem blitzschnell bitter schmerzlich zu Muthe — ich wünschte — ich läge tausend ein zweiter folgte. Die beiden Unholde, welche Sibille gefaßt Klafter tief in der Erde und schliefe den ewigen Schlaf." I hatten, taumelten mit blutigen Köpfen zur Erde; der Dritte „Liebes, armes, gutes Kind!" sprach die Alte besorgt, I ließ die alte Beilstein fahren und floh in den Wald. „Du trägst eine schwere Krankheit in Dir, ich sehe es. Röthe I Die fürchterliche Aufregung hatte dem Mädchen die Sinne und Bläffe wechseln und Dein Herz schlägt heftig, wirst mir glaubt, es sank und hätte das Haupt schwer auf den harten unterwegs doch nicht niederstnken!" I Boden geschlagen, wenn es Bardenstein — er war der Retter „Das Gehen, denke ich, soll mir gut thun, kommt tiefer | ber Roth — nicht in seinen Armen aufgefangen hätte. in den Wald und (affet uns einen kleinen Umweg machen." - Mtige$ Zittern und Zucken ging durch den jung- Zum fünften Male wußten Alwine, Malwrne und Hel- Mulden Körper Sibillens. Ihr Haupt lag auf der Schulter mine ihre Wanderungen auf dem Festplatze so einzurichten, I b Rentmeisters, aber nur wenige Secunden. Leises Weinen daß sie den Pfad Bardensteins kreuzten; fernei hohe Gestalt, wimmern entrang sich der Brust der Gequälten, sie welche über das Volk hervorragte, wurde unablässig von ihren öffnete b{e Augen, erschrak und machte sich sanft aus Barden- Blicken verfolgt. Bei eder Begegnung grüßte er freundlich; JL Armen los um zu entfliehem Rach wenigen Schritten bM e* Mal sprach et Unsere gelt MI den Damen, sie Q n,1" l02tX”n M ntebet und ,»m Mellen Male nmten enlM von Wner: »toewirtrlWett, »te tarn«. Die si, von b’em Hatten atme de« Jüngling« gestützt, kurze Unterredung des Rentmeisters mit Sibillen und fein dank' Euch, Herr, viel tausendmal!" sprach sie mit Weggehen war den scharfen Augen der Freundinnen nicht ent« I n.t.rn(^Tr Stimme Verzeiht auch daß ich Euch vorhin gangen. Mit weiblichem Instinkt sanden sie heraus, was kränkte Nun lasset' mich auf diesen Stein niedersttzen, bald 9'W%i«t -t.nl- tl.| R-lwiu- «test, „dl. Bau-rndi-n- «•*• '«J*» Di- üon fellft 6ält" 1 mutter, welche weniger mißhandelt worden, hatte sich bereits von sichselbst Mit erholt und kam herzu. „Welch' Glück ist es, Herr," ries sie, sehr Al wÄ was sich ÄwÄ “ ™ M Jh-uns zu Hülse kämet, wir wäre« sonst verloren ge- b-,nnL***»&*« Predigers gesehen und gesprochen, gefällt es mir gut." effelten mrch, daß ich einige Zeit verweme. ^cy iay ow » „Dann wollen wir lieber von etwas Anderem reden, denn I trunkenen Burschen kommen und sich in d meaaetien, wenn Helmine mit ihren Sympathieen kommt, ist es aus. - das verdarb wir den Anblick. Schon wo ich «egg h Aber seht, dort geht der Rentmeister tiefer in den Wald, ganz als ich Euch kommen sah. Das Uebrige witzt Jy. entgegengesetzt von uns und dem Festplatze; es scheint, er hat I Sibille erhob sich und reichte dem Werkmeister die H . das Vergnügen nun satt. Laßt uns nach Hause gehen." Wie am Nachmittage tauchte Blick A Blick. „Habt Dank Bei diesen Worten stieß die kleine Malwine ihren Freun- noch einmal und lebt wohl." Mit diesen Worten ging i« binnen sanft mit den Ellenbogen an die Seiten, worauf stch langsam den Hügel hinab, gefolgt von der Großmutter. 4" die Damen auf den Rückweg begaben. ' einiger Entfernung folgte der Jüngling. 247 „Hast Du auch recht gethan, unserem Retter mit zwei Worten so für seine Hülfe zu danken?" fragte die Großmutter, welche mit Besorgniß auf die Enkelin und deren wankende Schritte sah. „Wirst noch einmal niedersinken, Kind." „Ich habe recht gethan, Großmutter, sorgt Euch nicht, mit jedem Schritt kehren die Kräfte zurück." Wortlos schritten Beide zum kleinen Häuschen in der Beundegafse. Sibille begab sich sogleich in ihr Kämmerlein. Auf dem Bettrände sitzend, entrollte sie das seidenartige, dunkle Haar; zuweilen starrte sie durch die runden, kleinen Scheiben hinaus in die vom Mondschein übergoßene Frühlingspracht. Endlich suchte sie das Lager; heiße Thränen rollten auf den Pfühl. Im Osten dämmerte das Frühroth, als das gequälte junge Menschenkind in unruhigen Schlaf versank. — Später als sonst kam Sibille am folgenden Morgen zur Großmutter, welche fleißig in der Küche schaffte. „Du bist krank, mein Kindl" sprach die gute Alte besorgt. „Deine Augen sind verschleiert, Deine Wangen blaß; ich werde zum Herrn Hofprediger gehen und fragen, ob Du nicht etwas von dem Thee einnehmen sollst, den er für viele Gebrechte selber bereitet." „Nein, Großmutter, thut das nicht," antwortete das Mädchen; „ich weiß mir schon zu helfen, das Nebel geht bald vorüber." Sie nahm eine kunstvolle Arbeit vor; doch die kleinen, geschickten Hände zitterten, daß sie keine Nadel einzufädeln vermochten. Sibille ging in den Garten, wo ein Stück Land umzugraben war. Ein Grabscheit stand zur Hand. Da- Mädchen begann die Arbeit. Die kräftige Bewegung, die erquickende Maieniust, der aus dem frischbearbeiteten Boden emporsteigende Brodem erquickten die Schafferin. Nicht lange dauerte es, so rötheten sich die blaffen Wangen, klärte sich der trübe Blick. Einige hundert Schritte hinüber, jenseits des Weges, stand der Hexenrichter Caspari hinter einem Hollunderstrauche; es war ihm gelungen, ziemlich nahe an das Beilstein'sche Häuschen heranzukommen, ohne daß er bemerkt wurde, denn Sibille zeigte ihm bet der Arbeit den Rücken. Mit Wohlgefallen beobachtete er die kräftigen, geschickten Bewegungen des Mädchens. Eine halbe Wendung der Arbeiterin zeigte ihm das feine Profil des Mädchenkopfes. Die Arbeit machte warm. Sibille zog da» Jäckchen aus, wickelte die weißen Aermel herauf und grub weiter; zuweilen wischte sie sich mit einem Tüchlein den Schweiß von der Stirne. Die Züge de» finsteren Mannes erhellten sich und der Druck, der auf dem Mädchengemüthe lastete, verschwand mit der fortschreitenden Arbeit. Es schien, al« ob zwischen dem Beobachter und der Beobachteten eine innere Wechselbeziehung stattfände. „Das Mädchen macht Eindruck auf Jeden, der mit ihm in Berührung kommt," murmelte Caspari, indem er die gedeckte Stelle verließ und nach der anderen Seite verschwand. „Auch dem Rentmeister hat sie es angethan, wie ich jetzt sicher weiß. Ich muß ein scharfes Auge auf die Dirne haben, daß sie kein Unheil anrichtet." Als die Mittagsglocke läutete, stellte Sibille das Grabscheit bei Seite und kam zur Großmutter. „Ei, mein Kind, Du siehst wieder frisch und gesund au» und blühst wie ein Röslein, das eben aus der Hülle gekommen und vom Morgenthau benetzt wurde," rief die Alte vergnügt, als sie das schöne Menschenkind, dem einige Schweißtröpfchen auf der weißen Stirne perlten, hereintreten sah. „Man muß Dich wirklich gewähren lassen, Du bist selbst Dein bester Arzt. Sonst sind junge Dinger in Deinem Alter gern etwas zu Eigensinn geneigt, Dir gelingt es, fast immer das Richtige herauszufinden. Und nicht wahr, Arbeit macht das Leben süß, und wenn das Leben köstlich gewesen, sagt der Psalmist, dann ist es Mühe und Arbeit gewesen." — Im Juli des Jahres 1658 wurde das schöne Horloffthal von schweren Wettern heimgesucht. Ein gewaltiger Wolkenbruch stürzte hernieder und riß die Brücke über den kleinen Fluß, der zum reißenden Strome geworden, mit fort. Justine, die Tochter de» Kerkermeister», ein buckelige» Mädchen von wanzig Jahren, befand sich auf der Brücke und wurde in die Welle« geschleudert. Die Unglückliche vermochte einen Brückenbalken zu fassen und trieb mit diesem durch die gelben gurgelnden Fluthen. (Fortsetzung folgt.) Organ und Sprache. Von Marie Krohn. ------- ^Nachdruck verboten.) Graf N. machte bei seinem Regimentscommandeur die erste Visite. Der Diener bat ihn in den Salon- die Herrschaft würde sogleich erscheinen, versicherte er diensteifrig. Der schmucke Offizier tritt ein und läßt in dem hohen eleganten Raum prüfend seine Blicke umherschweifen. Die Einrichtung ist modern und geschmackvoll, die Kleinigkeiten sind anmuthig und sinnig vertheilt, wie sie nur eine Frauenhand zu ordnen vermag. Graf N. fühlt sich hier behaglich, obwohl er noch immer allein ist. Er ist kaum in die Residenz versetzt- er macht heute nur einen Pflichtbesuch, und weiß nicht einmal, aus wie viel Mitgliedern die Familie besteht. Jetzt hört er ein harmloses Geplauder zwischen einer erwachsenen Dame und einem Kinde. Die im Nebenzimmer Anwesenden scheinen nicht bemerkt zu haben, daß Besuch in den Salon trat, und ahnen nicht, daß diesem durch die angelehnte Thür kein Wort entgehen kann. Aber dem jungen Offizier sind die Worte, welche da gesprochen werden, gleichgültig- er steht unter dem Banne des lieblichen Organs, daß er nur lauscht, und es wie Musik an sein Ohr schlägt. „Sollte der alte Commandeur eine junge Frau mit solch' fesselndem, sammetweichen Organ haben?" fragt er sich. Die bald einschmeichelnden, bald bestimmt und fest und dennoch weich klingenden Worte mit feinster Aussprache schlagen an sein Herz wie innig willkommene Laute. Er vergißt fast, wo er ist, und zuckt jetzt, wie gewiß nicht vor dem Feinde, zusammen, als sein hoher Vorgesetzter in der Thüre erscheint ! — Graf N. versteht sich aber zu beherrschen- er läßt sich bei diesem ersten Begegnen nichts zu Schulden kommen. So wird ihm der Hausherr schnell gewogen, und dieser befiehlt dem Diener, bei der gnädigen Frau anzufragen, ob sie sich wohl genug fühle, um im Salon einen Gast zu begrüßen. Die hohe Dame erscheint, — huldvoll — liebenswürdig, aber sie ist nicht mehr jung, und ihr Organ nicht dasjenige, welches er mit Entzücken im Nebenzimmer vernommen hat. In diesem ist jetzt aber alles mäuschenstill. Das liebliche, achtzehnjährige Dämchen, welches daselbst mit einem dreijährigen Baby beschäftigt war, hat voll Schreck bemerkt, daß sie von dem Gaste ungeahnt belauscht werden konnte- — dies ist die Ursache, daß das junge Mädchen widersetzte, der Mutter in den Salon zu folgen. Graf N. dehnt seine erste Visite etwas lange aus. Ach, er hoffte ja noch immer, auch mit Augen zu sehen, was bis jetzt nur die entzückten Ohren gehört hatten! „Warum kam Edla nicht mit Dir?" fragte jetzt leise der Kommandeur seine Gattin. Graf N. hatte die geflüsterten Worte doch verstanden, — er dachte: „Ich gehe nicht eher von der Stelle, bis ich weiß, wer Edla ist! Es kann die Tochter gewesen sein, die ich sprechen hörte, aber auch die Bonne?" Die hohe Commandeuse entschuldigte sich jetzt für einen Moment und kehrte mit der Ersehnten, — ihrer Tochter Edla zurück. War sie es aber, die Graf N. herbei wünschte? Ja, wie sollte er es denn erfahren? Das junge, liebliche Mädchen vor ihm bezauberte wohl sein Auge — aber ihre - 248 - Stimme, — ihr Organ, vernahm er nicht. Sie erwiderte seine ehrerbietige Begrüßung — und blieb stumm. Graf N. wurde immer redseliger; er hoffte dadurch diejenige zum Sprechen hinzureißen, über deren Organ er nun doch in'S Klare kommen wollte. Jetzt war es ihm gelungen! Ein inneres Aufjauchzen durchzuckte sein Herz - — ja, sie war es, wenn es auch nur ein paar zaghafte Worte verrathen hatten. Das war ihm aber jetzt auch genügend. Er hatte ja vorher genug gehört. „Sie war es, — sie ist es, — und sie wird es — ich hoffe es — einst werden!" Diese Worte standen klar und leuchtend in seinem entflammten, gefangenen Herzen! Nicht das Aeußere Edla's, nein, in erster Linie ihr lieblich mildes Organ, voll echter Weiblichkeit hatte es ihm angechan. Graf N. wiederholte seinen Besuch früher, als es fast üblich war. Aber man verzieh' ihm dies nicht nur, sondern nahm ihn huldvoller auf, als so manchen Anderen, und Edla's Wangen rötheten sich, ihr Herz schlug höher, wenn er eintrat.-- Einige Monate darauf feierte man in den glänzenden Räumen des Commandeurs ein Verlobungsfest. Graf R. und Edla gedachten einen Bund fürs Leben zu schließen. Die Gäste waren noch nicht erschienen, da zog der Bräutigam die holde Braut an seine Seite und sagte warm und innig: „Ich bin stolz und glücklich, solch schöne Mädchenblume wie Dich, Edla, bald die Meine nennen zu können,- aber vernimm: zuerst habe ich mich doch in Dein Organ und Deine zierliche, reine Sprache verliebt! — Welch' unsagbaren Zauber eine Frau damit auf den Mann ausübt, daß sie in jeder Stimmung und Lebenslage nicht aus den Schranken des Weiblichen tritt und Organ und Sprache zu beherrschen weiß; dies ahnt Ihr nicht! Bei Dir, holde Edla, ist Ton und Ausdrucksweise eine Wiederspiegelung Deiner schönen Seele, Deines klaren Verstandes und sorgfältigster Erziehung. Aber nicht Viele sind so reich bedacht, und was Dir von selbst kommt, müssen sich andere mit Mühe und größter Aufmerksamkeit auf sich selbst erst anzueignen suchen. Wie der Gesang geschult wird und der Ton zu veredeln ist, kann es auch Organ und Sprache durch Fleiß. Es giebt aber auch Frauen mit dem denkbarsten Jndifferentismus, keine hervorsprudelnde Begeisteruug, kein Kampf für das Wahre und Schöne kann sie zu einem Mißton ihres angeborenen schönen Organs verleiten. Es sind dies nichtssagende, thatenlose Wesen, welche oft nur durch ein Paar Worte, ohne eigenen Verdienst, Herzen erobern, aber es währt nicht lange, dann erkalten die Klugen wieder. Und dennoch deckt das milde, weibliche ihrer Ausdrucksweise manche Fehler zu und entschädigt für glänzendere Reize und tiefere Gemüthsbildung!" Edla hatte ihr Köpfchen an des Verlobten Schulter gelehnt und ihm aufmersam zugehört. Jetzt hob sie dasselbe ein wenig und fragte forschend: „Nicht wahr, Du sprachst nur von Frauen unseres Standes ?" „Nicht ganz, liebes Kind!" entgegnete der Graf. „Ich setze voraus, daß die Damen unseres Kreises so erzogen sind. Aber das Gesagte gilt für jeden Stand! Denke Dir, wie unangenehm es uns berührt, wenn wir auf der Straße an einer reich geputzten Frau Vorbeigehen, und dann plötzlich ein von ihr ausgehender, kreischender Ton ihrer Sprache unser Ohr beleidigt und wir vielleicht noch bei der scheinbar vornehmen Dame bemerken, daß sie gar „mir und mich" verwechselt!" Edla lachte hell auf. „Du hast Recht, Geliebter!" sprach sie weich; „nicht nur das Kleid soll fein und zierlich sein, sondern auch die Redeweise! Das ist es ja, wovon man den Gebildeten von dem Ungebildeten unterscheidet, denn Sammt und Seide kann sich Mancher kaufen, zu dessen Aeu- ßerem und Wesen es nicht paßt!" „Aber sage mir", fuhr sie fort, „wie lautet denn Dein Urtheil über Dialekt? Diese find doch nicht ganz aus der Welt zu räumen? “ „Ein reines Deutsch soll eigentlich ohne Dialekt sein!" gab Graf N. zur Antwort. Aber selten ist derselbe ganz zu verwischen, und der prononcirteste Dialekt vermag zu entzücken, wenn er auch in diesem Falle von einem lieblichen Organ, — ohne Ausschreitungen desselben, unterstützt wird! — Lieblich milde soll Herz und Gcmüth der Frauen sein, und auch ihre Offenbarung durch Worte,- nicht schroff wie kahle Felsen, ohne freundliche Baumzierde!" — — — Edla's Mutter war inzwischen unbemerkt in die Thür getreten und hatte die letzten Worte gehört. Lächelnd näherte sie sich dem Bräutigam, drohte dem Schwiegersohn in spe mit dem Finger und sprach: „Wie, hörte ich recht? Es schien mir eben Ihre Rede ein wenig einer Gardinenpredigt ähnlich! Noch ist's Zeit, denn ich bestehe darauf, — dies Vorrecht fällt einst der Frau zu- — es ist dies bisweilen von größter Wichtigkeit." Vermischtes. Aus der Schule. Lehrer: „Warum sollst Du nicht stolz sein auf Geld und Gut?" — Schüler: „Weil wir mchtr haben." ♦ * ♦ Immer Geschäftsmann. „Sieh' nur, Malwine, wie großartig dieser eine Stern dort links am Firmament ander Million seiner Concurrenten herausfunkelt I" ♦ ♦ • Aus der Kaserne. Sergeant: „Sie Esel, Sie Schafs« köpf, Sie Heuochs ... Sie ... Sie .. . Ja, wenn man Ihnen die Leviten liest, merkt man erst, wie arm unsere Sprache ist!" ♦ * ♦ Unteroffizier: „Werdet Ihr heutzutage in einer Schlacht verwundet, so wird die Wunde luftdicht verschlossen und in drei Tagen seid Ihr geheilt. Diese Erfindung haben wir dem berühmten Anton Septisch zu verdanken!" * * * Abwehr. Arzt: „Unverbesserlicher I Also zwei Pfund Spickaal mit Kartoffelsalat haben Sie gegeffen und sich damit selbstverständlich wieder den Magen gründlich verdorben!" — Patient (ärgerlich): „Natürlich, jetzt muß wieder der Spickaal daran schuld sein! Mir war vorher schon so miserabel!" • * * Ein Schwerenöther. Lieutenant: „Ach, wenn ich gewußt hätte, Fräulein, daß Sie im heutigen Lustspiel so lachen werden — bei Gott, ich hält' es geschrieben!" * * Selbsttäuschung. „Was doch die Pferde für kluge Thiere sind! Wirft mich neulich mein Gaul ab — und wie ich auf die am Wege angebrachte Tafel sehe — was steht droben: Reiten verboten!" * ♦ * Ausgleich. Conducteur (zu einem Schnorrer): „Sie sind um eine Station weiter gefahren, als Ihr Billet reicht und müssen daher nachzahlen!" — Passagier: „Wie heißt nachzahlen? Werd' ich einfach dafür mit dem nächsten Zug wieder fahren um eine Station retour!" * * » Eine Ausnahme. „Was ziehen Sie-vor, Herr Lieutenant, eine GeldHeirath oder eine Heirath aus Liebe?" — „Eine GeldHeirath!" — „So würden Sie mich also wegen des Geldes heirathen?" — „Nein, Fräulein, bei Ihnen würde ich eine Ausnahme machen!" Redaction: A. Scheyda, — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.