AnLephKltttngsblatt znnr Gietzenev Anzeigen (Genepttl-Anzergevj MWM ' i" «MSMMVMMWKBKUWMW WDW^VWi'i W88SSiLMIM^sMsÄW8 '1 ■ >^5äÄT\ sE Samstag, dm 30. Juni. nmii.nu , mj—rn...■ ■ltnmialMuB.......................................1--l^JiJB^JXZggagBg--!---_U-U-4.'-^---»--- Die Hexe von Bingenheim. Von Gg. Schäfer. (Fortsetzung.) Siebzehntes Kapitel. Dumpfe Axt« und Hammerschläge, wie ferne Karthaunen- schüffe ertönten von dem Rathhause zu Bingenheim und störten die tiefe Ruhe im Schlosse. Leise huschten die Diener über die Gänge und durch das Zimmer. Der Landgraf war schwer krank, man fürchtete für das Leben des verehrten Herrn. Draußen im Freien herrschte eine entsetzliche Kälte. Die Fenster der Gebäulichkeiten waren bis oben hin gefroren und thauten nicht auf, wie sehr die Leute auch einheizten. Die Brunnen froren ein, Vögel fielen von der Kälte getödtet, aus der Luft; die Hausthiere in den Ställen litten schwer, obwohl man Thüren, Fenster und Luken fest verwahrte- Commissarius Caspari verfuchte, da die Schläge nicht nachließen, durch das Fenster nach dem Rathhause zu sehen, vermochte es aber nicht, weil die dicke Eiskruste keinen Durch» blick verstattete. Er klingelte nach dem Kanzleidiener; Niemand erschien. Der Gestrenge durchschritt die Kanzleizimmer, alles war leer. Mit finsteren Blicken zog er sich in das Arbeits- zimmer zurück und brütete vor sich hin- Die alte Beilstein war beseitigt; davon hoffte er Ruhe zu erhalten und er war aufgeregter als je. Polternd kam ein Mensch die Treppe herauf. Man hörte, wie er an alle Thüren klopfte; zuletzt kam er an diejenige des Richters. „Herein!" rief zornig der Commissarius, als der An» kömmling von Außen mit der flachen Hand pochte, was einen Schall gab, als schlüge Jemand mit Stricken gegen die Thüre. Diese öffnete sich, Meister Zacharias, der Henker, stand vor dem Richter. Eisigkalt flies es dem Commissarius über den ganzen Körper. „Was thut Er hier, Unglücksmensch!" rief der Gestrenge. „Weiß Er nicht, daß Er anrüchig ist und an dieser Schwelle nichts zu suchen hat? Marsch hinaus!" „Haltet zu Gnaden, Herr! Ich weiß, was meine Befugnisse find. In der ganzen Kanzlei habe ich herumgeklopft, aber nirgends ist eine Menschenseele zu finden- Ihr seid einsam und allein, wie ich, der Henker." „Will Er, Tropf, das Maul halten mit seinen Vergleichen; den Fuß von der Schwelle zurück. So, nun sag' Er, was sein Begehr." „Ihr habt vergessen, zu befehlen, daß das Schaffst all- fogleich beseitigt werde, als wir vor drei Tagen die alte Beilstein hingethan. Ich dachte, Seligmann, der alte Jude, würde gleich hintendrein kommen und ließ das Hochgericht stehen. Nun höre ich, daß Seligmann nach Speyer an das Reichs- kammergericht appellirt hat. Bis von dorten eine Sentenz kommt, singen die Vögel und ruft der Kuckuck. So lange kann doch das Blutgerüste an der Hauptstraße nicht stehen bleiben." „Mensch, ist Er verrückt! Wie kann Er sich unterstehen, das schauerliche Gerüste drei Tage stehen zu lassen!" rief Caspari von Schauder ergriffen. „Wie ich es kann! Man gab mir keine Befehle, das ist Alles. Ihr habt diese Befehle zu ertheilen. Aus eigener Machtvollkommenheit und da ich erfuhr, daß es in der Nähe keine Arbeit für mich gibt, hab' ich den Versuch gemacht, das Ding auseinander zu nehmen, brachte aber nichts fertig." „Fort, Mensch, aus meinen Augen, schafft das Gerüste hinweg, oder ich lasse ihm dreißig Peitschenhiebe durch den Büttel aufzählen." „Gestrenger Herr, verzeiht, es geht nicht. Das Gerüste wurde vor der Aufstellung frisch gewaschen. Sogleich trat die schreckliche Kälte ein, das Blut der W-tterhexe Beilstetn floß darüber und nun ist Alles so entsetzlich hart und fest ineinand gefroren, daß Picken, schwere Schmiedehämmer und Aexte von den Balken und Bohlen abspringen, als wäre es tausendjährige» Granitmauerwerk. Ihr müßt nämlich wissen, Herr: Eirrauch, Menschenblut und Eichenholz werden bei dem ohnmenschlichen Froste undurchdringlich, wie sich der Wallensteiner zu machen vermochte; ist aber zuletzt doch noch erstochen worden." „Abscheulicher Wicht!" rief Caspari, von neuem Schauder erfaßt; „ich will seine Weisheit und Wissenschaft nicht hören. Das Gerüste muß weg oder ich lasse ihn in seinen eigenen spanischen Bock spannen." „Ihr habt gut befehlen, Herr!" antwortete der Henker, welcher mit innerem Behagen bemerkte, wie der gefürchtete Mann selbst von heimlicher Furcht gepeinigt wurde. „Ihr habt gut befehlen, denn an mich legt kein Mensch Hand an; ich bin ein linkshändiger Henker, die sind äußerst selten und ihnen kann selbst der Teufel und sein ganz Gelichter keinen Poffen anthun. Als ich vor drei Tagen die alte Beilstein köpfen und eben das Schwert erheben wollte, sah ich plötzlich drei Köpfe auf den Schultern der H?xe sitzen. Hätte ich bloß den rechten herabgehauen, wäre Euer Kopf gefallen, denn Ihr habt das Todesurtheil gesprochen. Hätte ich bloß den linken Kopf weggeputzt, wäre mein Schädel weggeflogen; statt dessen fegte ich alle drei weg und so mußte die alte Hexe daran glauben. Dar ganze Werk war eine teuselische Verblendung, womit mir und Euch eine teuflische Falle gestellt war. Ihr habt mir mehr zu verdanken, Herr, als Ihr wißt." „Mit solchem Schnickschnack mag Er alte Weiber unterhalten, nicht mich, Meister Hämmerlein I" rief Caspari. Seine Stimme klang aber sehr unstcher. „Nun ist es genug, binnen zwei Stunden muß das Gerüste weg sein, oder — —" Bei diesen Worten sah er nach einer großen Reiterpistole, die an der Wand hing. „Macht eine Probe mit dem geladenen Karabiner, Herr I" antwortete der Henker mit Ueberlegenheit. „Schießt auf mich und ich bürge Euch dafür, daß ich Euch die Kugel in's Gesicht werfe. Was daraus folgt, weiß ich nicht. Wenn Ihr wollt, thue ich Euch die Pistole mit einem Spruche zu, daß es gar nicht knallt. Machet einen Versuch!" „Seine Kunst soll später erprobt werden, ich laste eine Rotte Soldaten mit Musketen auf Ihn feuern, wollen dann schon sehen, war aus Ihm wird." „Wie Ihr wollt, Herr, — doch das Gerüste könnten wir nur dann wegbringen, wenn wir es mir Pulver sprengen. Wegen des kranken Herrn geht das nicht. Schon die Axt- und Hämmerschlägs wurden verboten." „Warum hast Du mir das nicht gleich gesagt, abscheulicher Cumpan!" rief Caspari. „Wir sind erst jetzt daran gekommen, Herr. Ich wollte Euch doch mittheilen, was Ihr mir mit dem rechten Kopf auf der alten Beilstein Schulter verdankt. Ein Thaler Zehr- und Trinkgeld wäre für mich sehr wohl angebracht. Auch sollt Ihr misten, Herr, daß das Gerüste sehr gut als abscheuliches Exempel für alle Miffethäter, Trunkenbolde, Saufaus und Würfelbrüder gewirkt hat, denn seit den drei Abenden, daß das Ding da vornen thront, stehen die Wirthshäuser leer, Niemand traut sich vor die Thüre. Am Tage blitzen die kalten Sonnenstrahlen auf das röthliche Eis und Nachts huscht das bleiche Mondltcht drüber hin. Hu, Herr! Das steht greulich aus für die furchtsamen Menschlein, nur mich berührt es nicht. Mit Gewalt können wir auch nichts dagegen ausrichten. Erst wenn das liebe Sonnengsstirn höher steigt und warme Strahlen herniederfendet^ lasten die Kälteklammern ihre eisernen Klauen und Krallen los und geben die Bohlen und Balken frei. Ich kenne das, verlaßt Euch drauf." „Man kann aber doch das scheußliche Gerüste nicht den ganzen Winter stehen lasten. Es befindet sich an der Hauptstraße, täglich gehen hunderte von Menschen vorüber--" „Nein, Herr, so darf es nicht bleiben. Die Sache ist aber leicht zu machen. Ihr weiset mir einen oder zwei Wagen Stroh aus dem herrschaftlichen Vorrathe an. Mit meinen Knechten setze ich die Gebunde fein rund um das Gerüste, daß es unsichtbar wird. So kann es monatelang sitzen. Brauchen wir es im Frühjahre wieder, ist dis Arbeit des Aufrichtens gespart und wir haben das Ding gleich zur Hand. Was „Fort jetzt, Mensch! Hier ist ein Thaler, setzt das Gerüste mit Stroh zu!" Krachend fuhr die Thüre vor Meister Zacharias Nase in's Schloß. - Schmunzelnd zog der Henker ab. „Na, sind das alle Narren, daß sie sich vor dem Henker fürchten!" sprach er. „Der hochmözende, gestrenge Herr Commistarius bekam eine Gänsehaut nach der anderen, als ich ihm die verschiedenen Dinge vorschwatzte. Grade deshalb machte ich Alles so langsam und umständlich. Es ist herrlich, zu misten: der oberste Mann im Lande, der Jedem einen heimlichen Schrecken einjagt, fürchtet sich vor mir. Und was hat der Herr einen schönen, langen Hals! Wenn ich den einmal durchhauen dürfte, hu!" Malwine saß bet der Schultheißin. „Wißt Ihr, wer- theste Jungfrau," sprach Letztere, „daß wir jetzt, nachdem die Beilstein weg ist, weniger Ruhe haben, als ehedem." „Mir scheint das auch so, Frau Schultheißin und manchmal wird mir sehr unbehaglich dabei. Es sollen schreckliche Dinge vorgekommen sein. Herr Hofprediger Meles behauptet: Die Alte wäre ganz unschuldig gewesen- Was meint Ihr?" | „Da kommt eben der Steckenreuter Heinz Rabenholt und bringt Briefe für meinen Mann. Wir wollen den Läufer ab« hören, er kommt im Lande herum und weiß alle Neuigkeiten." Rabenholt trat ein und lieferte einige Schrisstücke ab; er machte steife Bücklinge und verzog sein dummdreistes Gesicht zu allerhand Grimassen. „Was ist, Heinz, weißt Du uns nichts Neues mitzutheilen?" fragte die Schultheißin. „Man schwätzt im ganzen Lande dummes Zeug, Frau Schultheißin. Die Leute sagen: die alte Beilstein wäre von Weibsleuten auf das Schaffot gehetzt worden. Aber das geschieht ihr recht, warum hat sie sich drauf Hetzen lassen." „Richtig, Heinz!" rief Malwine. „Warum hat sie sich ihrer Haut nicht gewehrt. Was hältst Du aber von dem Bardenstetn und seiner Buhle?" „Lauter Lumpenzeug, Jungfrau Malwine, gut, daß es weg ist." „Das stimmt aber schlecht mit Deiner früheren Ansicht, Heinz!" fiel die Schultheißin dazwischen. „Hast Du nicht im vorigen Jahre erzählt, Bardenstein habe Dir oft Geld zu Brod für Deine sieben Trabanten gegeben? Hast Du nicht erzählt: Bardenstein habe Dir die fünfundzwanzig Thaler gegeben, die Dir im Dienste verloren gingen, welche Du aber wahrscheinlich verthan hast. Ohne diese Hülfe wärest Du weggejagt worden, denn Du hättest das Geld durchaus nicht auftreiben können. Sprich, Heinz, wohin ist das Geld gekommen? Hast Du es wirklich verloren?" „Ach, Frau Schultheißin, sprecht doch solche Sachen nicht; hin ist hin und fort ist fort. Der Bardenstein kommt nicht mehr hierher, was soll ich mir da graue Haare wachsen lassen." „Ganz recht, Heinz," versetzte Malwine; „derartige Leute wissen, warum sie Anderen helfen. Du hast ihm gewiß auch viele Gefallen gethan, aber davon wollen die Leute nichts wissen." „Das ist ein wahres Wort, Jungfrau Malwine, Ihr habt Menschenkenntnisse gesammelt. Gehabt Euch wohl, ich muß in Dienst." „Ein sauberer Vogel, dieser Heinz," sprach die Schultheißin, als der Postläufer verschwunden war. „So machen es die Menschen; wenn sie einen brauchen, erheben sie ihn in Himmel. Können sie keinen Vortheil mehr ziehen, bewerfen sie ihn mit Schmutz." „Aber das Gerede, Frau Schultheißin," fiel Malwine ein. „Was meint Ihr dazu?" „Mit dem finden wir uns leicht ab. Der Herr Landgraf ist schwer krank- Wer anders als die Beilstein hat dies dem hohen Herrn angethan. Das ist doch nicht anders — und ich sage Euch, die Leute glauben es lieber, als alles Andere. Sorgt dafür, daß es bekannt wird, gleich werden wir Ruhe haben. An die Unschuld dieser alten Hexe glauben die Leute doch nur sehr ungern." „O freilich, das leuchtet mir selber schon ein. Doch warum habt Ihr den Heinz so scharf angegangen; den könnten wir gut gebrauchen." „Grade aus diesem Grunde habe ich es gethan. Der Mensch muß wissen, daß ich seine Schlupfstreiche genau kenne, nur so hat er Furcht und thut, was er geheißen wird. Ist die Furcht und der Vortheil weg, bewirft er uns auch mit Schmutz und Steinen, wie er es Bardenstein gethan. Ihr wißt jetzt, wo ihn der Schuh drückt und damit haltet Ihr ihn am Gängelbande. Sorget, daß er die Nachricht mit der Krankheit des Durchleuchtigen Herrn verbreitet und macht Euch weiter keinen Kummer, es ist durchaus nicht nöthig. Was fragen die hohen Herren darnach, ob ein paar Bauern oder ein paar alte Weiber mehr oder weniger auf der buckeligen Welt herumlaufen. Nicht wahr? ' „Ihr seid eine Frau von großem Verstände, Frau Schultheißin; Ihr könntet ebenso gut einen Ort regieren, wie der gestrenge Herr Schultheiß selber." „Habe ihm auch schon manchmal dabei geholfen, Heb' werthe Jungfrau!" versetzte die Schultheißin stolz. „Ohne nsuere Mitwirkung wäre der gestrenge Justizcommiffarius nie- inals dahinter gekommen, welche Haupt« und Wetterhexe diese alte Bsilstein gewesen. Man hat immer diese Sibille die Hexe von Bingenheim genannt, weil sie ein glattes Gesicht hatte, sonst nichts —" „O, Frau Schultheißin, schön ist die Person gewesen, schön wie ich wenige sah, und gut und geschickt auch. Ungern sag' ich es!" „Macht mir nichts vor, Jungfrau Malwine; wir haben hier Mädchen mit viel rötheren und dickeren Backen, als diese Sibille." „Darin liegt es eben, Frau Schultheißin. Der Klatschmohn ist auch röther wie die Rose und eine Runkelrübe dicker, als ein Borsdorfer Aepflein- Das Feine in Figur und Farbe ist die Hauptsache." „Meinetwegen glaubt, was Ihr wollt, werthe Jungfrau; ich sage Euch: nicht die Junge, sondern die Alte ist die Haupthexe von Bingenheim; wir sind sie Beide los und das ist unser Werk und Verdienst." — (Fortsetzung folgt ) Seltsame Kreier. Novelle von Th. Schmidt. (Schluß.) Mehrere Minuten lang hörte man nichts, als das Kritzeln unserer drei Federn. Bald bemerkte ich jedoch, daß zwei davon ihre Thätigkeit eingestellt hatten, und als ich den Kopf hob, sah ich, daß Grethe nachdenklich an der Feder kaute, während Fritz, die eine Hand auf das Herz gedrückt, die andere mit dem Ausdruck tiefster Ergebung ihr hinstreckte — ein so spaßiger Anblick, daß Grethe und ich in schallendes Gelächter ausbrachen; doch von ihm bedeutet, daß wir unsere kostbare Zeit nicht vergeuden sollten, nahmen wir unsere Thätigkeit wieder auf, und nach zehn Minuten waren wir mit unseren Episteln fertig. Fritz war der Erste, der die seine zum Besten gab. „Liebe Frau Hiller," las er, „warum sollen wir zwei — Sie und ich — im traurigen Alleinsein unser Leben verbringen, während wir vereint so glücklich miteinander sein könnten? Ich habe eine angenehme Stellung, ein gutes Auskommen, ein großes Haus und eine kleine Familie. Was letztere anbelangt, so muß ich allerdings, gestehen, daß Käthe etwas launenhaft ist" — hier zupfte ich ihn nicht gar zu sanft am rechten Ohrläppchen — „Grethe ist der reine Irrwisch, ein Tollkopf, wie man ihn sich nicht schlimmer denken kann" — jetzt war an dieser die Reihe, dem Bösewicht etwas handgreiflich die Moral zu lesen — „aber mein lieber Sohn Fritz, der Stolz und die Hoffnung meines Herzens, ist so gut, so fleißig, so liebenswürdig, daß er reichlich für die Fehler und Schwächen seiner Schwestern entschädigt. Wollen Sie ihnen Mutter sein und die verehrte Gattin Ihres Ihnen tief ergebenen Martin Wendig?" „Wie albern!" kritisirte Grethe. „Run, wir wollen sehen, ob Du es bester kannst," entgegnete Fritz, indem er ihr da» Blatt aus den Händen riß. „Also!" und mit übertriebenem Pathos Hub er zu lesen an: „Süße Angebetete I — Ihre vielseitigen Vorzüge und Talente haben mein Herz, das ich fast unempfindlich wähnte gegen die Reize der Frauen, zu so heller Flamme entbrannt, daß es der heißeste Wunsch meines Lebens ist, Sie die Meine nennen zu dürfen. Unmöglich vermag ich Ihnen die tiefe Liebe zu schildern, die diese männliche Brust für Sie empfindet; nur soviel kann ich Ihnen sagen, daß es die Hoffnung meines Daseins ist, Sie als meine theure Gattin in die Arme schließen zu dürfen." „Etwas stark für einen Mann von fünfundvierzig Jahren", bemerkte Fritz. „Käthe, laß hören, was Du geschrieben hast." „Meine liebe Frau Hiller I Zum zweiten Mal in meinem Leben bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, daß e» nicht gut ist, wenn der Mensch allein sei, und diese Ueberzeugung haben Ihre Güte, Ihre Sanftmuth, Ihre Liebenswürdigkeit und vor allem die Gewißheit in mir hervorgerufen, daß meine lieben Kinder wirklich eine zweite Mutter in Ihnen finden werden. Ich kann Ihnen keine leidenschaftliche Liebe entgegenbringen, dieselbe ist ein Vorrecht der Jugend — und meine Jugend liegt hinter mir — ich zähle fünfundvierzig Jahre. Ich empfinde aber die tiefste, wahrste Zuneigung für Sie, und es soll mir meine erste und heiligste Pflicht sein, mich Ihre» Vertrauens werth zu zeigen, wenn Sie mir als Ihrem Gatten Ihr Glück anvertrauen wollen. Welches auch Ihre Antwort sein mag, liebe Frau Hiller, so werde ich stets bleiben Ihr aufrichtig und treu ergebener Martin Wendig." „Fort mit meiner Epistel!" rief Grethe und riß ihren Bogen in Stücke. „Und mit der meinen!" lachte Fritz, ihrem Beispiel folgend. „Mit der meinen auch," sagte ich. „Halt!" rief da aber Fritz, indem er meinen Brief mir aus den Händen rettete, — „Deine Arbeit ist ja wundervoll! Ich will sie kopiren und in den nächsten Briefkasten stecken; dann magst Du mit Deinem Autograph machen, was Du willst." ♦ * ♦ Vierundzwanzig Stunden mußten wir Geduld haben, wenn Frau Hiller ihre Antwort nicht durch einen speciellen Boten sandte. Das böse Gewiffen macht uns alle Drei auffallend still, unser Vater aber bemerkte es nicht. Erst bei Tisch erschreckte er uns mit der Bemerkung: „Ich war gestern bei Frau Hiller und fragte, ob sie sich an dem Wohlthätigkeitsverein für Alte und Gebrechliche betheiligen wolle." „Und sie hat zugesagt?" fragte ich. „Sie will es sich ein, zwei Tage überlegen." Der nächste Morgen kam; ein Packet Briefe lag uneröffnet neben des Vaters Teller, während er sich sein Frühstück schmecken ließ; Grethe und ich spielten nervös mit unseren Löffeln und Taffen, indeffen Fritz tapfer aß — ihm konnte nichts in der Welt seinen guten Appetit verderben- Der verhängnißvolle Moment rückte immer näher; jetzt schob der Vater seinen Teller und Taffe zurück und griff nach den Postsachen; das erste war ein Geschäftsbrief; dann kamen ein paar Zeitungen, ein Circulär, jetzt aber war ein kleines zierliches, mit etwas unsicherer Hand adressirtes Couvert an der Reihe. Mir stockte der Athem, während der Vater das Schreiben durchlas. „Kinder," sagte er alsdann, „ich werde heute bei Frau Hiller zu Abend effen. Sie schreibt mir soeben, sie wolle mir da auf meinen Vorschlag antworten." Erleichtert athrnete ich auf. Er dachte unter dem „Vorschlag" ohne Zweifel nur au den Wohlthätigkeitsverein. Mein Blick wanderte hinüber zu Fritz, der sich des lauten Lachens kaum erwehren konnte. * ♦ * Gegen zehn Uhr hörten wir den Vater heimkehren. Grethe flüchtete eilends in ihr Zimmer, und Fritz hatte, bevor der Vater eintrat, gerade noch Zeit, mir zuzuflüstern: „Alles in Ordnung — das Ganze doch mein Werk — ich hatte die famose Idee — und ich schrieb den Brief!" „Geht Beide schlafen — sofort!" befahl der Vater in so strengem Tone, wie ich ihn nie an ihm gehört hatte; wie ich ihn mir aber heimlich von der Seite ansah, wollte es mich be« dünken, als sähe er jünger und vergnügter aus, als seit lange; und wie er den bekümmerten Ausdruck auf meinem Gesicht bemerkte, breitete er mir seine beiden Arme aus, daß ich ihm an die Brust sank und mich zärtlich an ihn schmiegte. „Verzeih', mein Vater," stammelte ich, „wir wollen es nie, niemals wieder thun." „Hoffentlich werdet Ihr niemals wieder Gelegenheit dazu SS 800 ---- haben," entgegnete er mit frohem Blick; „jetzt gehe schlafen, Kind; vor Allem aber bitte ich Euch, tiefstes Schweigen zu beobachten." ♦ Am folgenden Abend, als wir uns eben zu Tisch setzen wollten, wurde Fräulein Ziegenhals gemeldet. Sie wohnte ganz in unserer Nähe und pflegte zwei- bis dreimal wöchentlich bei uns vorzusprechen und „ganz sans gene" den Abend mit uns zu verbringen. Papa stand auf, schob ihr einen Stuhl an den Tisch und schenkte ihr ein Glas Wein ein. „Liebes Fräulein Ziegenhals," sprach er, „heute müffen Sie aus vollem Herzen mit mir anstoßen. Kinder, schenkt auch Ihr Euch noch einmal ein. Auf meine zukünftige Frau!" Fräulein Ziegenhals folgte dieser Aufforderung mit etwas nervöser Aufregung. „Ich hoffe," fuhr mein Vater fort und dabei bemerkte ich, was mir bis dahin noch nie aufgefallen war, wie fabelhaft ähnlich Fritz' Augen den seinen waren, wenn der Vater sie so halb zukniff, „ich hoffe meinem Hause bald eine Dame zuzuführen, die dieser Stellung mehr als würdig ist —," hier glitt ein halb beschämt bittender Ausdruck über Fräulein Ziegenhals Gesicht, — „die meinen Kindern eine gute Mutter ist, welche es vergeht, durch größte Liebe deren volle Zuneigung zu erringen," — hier machte Fräulein Ziegenhals eine Bewegung, als wollte sie „diese lieben Kinder" zärtlich umarmen, — „und für mich selbst eine Frau zu gewinnen, die meine Freuden thettt und meine Sorgen lindert." Hier kam Fräulein Ziegenhals' Taschentuch in Thätigkeit. „Schon lange habe ich gefühlt, daß es Eine und vielleicht nur diese Eine in der Welt gibt, die mir dies zu bieten vermag. Hier im Kreise meiner Familie" — Fräulein Ziegenhals' unbeschäftigte Hand tastete blindlings nach meinem Vater hin, während es in dessen Augen immer bemerkbarer blinzelte, — „hier im Kreise meiner Familie darf ich wohl sagen, daß diese Dame keine Andere ist, als — Frau Hiller." „Wer?" stieß Fräulein Ziegenhals mit unterdrückter Wuth und farblosem Gesicht hervor. Keins von uns aber achtete ihrer in den nächsten Minuten. Mit einem Freudenausruf sprangen wir drei Geschwister auf, Grethe und ich schlangen unsere Arme um den Vater und erstickten ihn fast mit unseren Küssen. Eine Viertelstunde später verabschiedete Fräulein Ziegenhals sich unter irgend einem nichtigen Vorwand. * * • Wir bewahrten treu das Geheimniß des Antrags; unsere geliebte Stiefmutter hat nie erfahren, wer der wahre Urheber desselben war. Jetzt ist sie schon seit mehreren Jahren tobt, unser Vater lebt aber noch und erst kürzlich gestand er mir von dem kleinen traulichen Abendessen zu Zweien, das so glücklich geendet hatte. „Sie hatte reizende Toilette gemacht," erzählte er, „und die leichte Röthe der Verlegenheit auf ihrem frischen Gesicht ließen sie sehr hübsch und jung erscheinen." Während der Mahlzeit schwand allmähltg ihre Verlegenheit und sie plauderten über allerhand Tagesneuigkeiten, bis der Tisch abgedeckt war und die Dienerin sich entfernt hatte. Darauf meinte mein Vater: „Nun, meine liebe Frau Hiller, was meinen Sie zu meinem Vorschlag?" Zu seinem Erstaunen ergoß sich bei dieser Frage eine dunkle Röthe über ihr Gesicht. „Es — es war so unerwartet," stammelte sie. „Aber hoffentlich doch nicht unerwünscht?" Hierauf blieb sie die Antwort schuldig; sinnend schlug sie die Augen nieder und spielte mit den Apfelsinenschalen auf ihrem Teller. „Es ist zweifellos eine sehr gute Idee," fuhr mein Vater lebhaft fort, „und bedenken Sie, wie viel Gutes wir durch unsere Verbindung stiften können, wie meine Energie und Thätigkeit, von Ihrer Milde unterstützt, uns Beiden zum Segen gereichen würde." Zu seiner größten Bestürzung brach Frau Hiller in Thränen aus, stand auf, schlug ihre Arme um seinen Hals und rief: „Mein lieber Martin, ich habe Dich ja immer, immer geliebt!" Sein Erstes war, liebkosend über ihr weiches, braunes Haar zu streichen, das an seiner Schulter ruhte, dann aber dachte er: „Was in aller Welt soll das Alles bedeuten?" st ä'ttich^ ®etnen Brief hundertmal gelesen," schluchzte „Armes Ding, sie ist von Sinnen!" dachte mein Vater Währenddem glitt sein Arm um ihre schlanke Taille — die Situation fing an, Reiz für ihn zu bekommen. „In dem Brief drückt sich so ganz Dein Cßaracter aus," fuhr sie fort, „so rußig und überlegt, und dabei doch so Mia und rücksichtsvoll ausgedrückt." „Laß mich den Brief doch noch einmal sehen," sprach mein Vater, als er ein zartes rosa Billet, halb in ihrem Kleide verborgen, bemerkte und dasselbe hervorzog. Die junge Wittwe barg ihr Gesicht an seiner Brust, während er das Briefchen las, und fester zog er sie an sich vielleicht um eine Minute Zeit zum Ueberlegen zu gewinnen. Dann richtete er ihren Kopf auf und drückte einen zärtlichen Kuß auf ihre Lippen. * ♦ * Mein Vater hat immer erklärt, daß er schon seit längerer Zeit eine ganz besondere Zuneigung zu Frau Hiller gehabt habe, wir seien mit unserem Anträge seinem eigenen Geständ- niß nur zuvor gekommen. Dem sei nun, wie ihm wolle — jedenfalls hat er den Schritt nie zu bereuen gehabt. Zwei Monate lang führte der Weg unseren Vater tagtäglich nach dem Häuschen am Weiden- teich; darnach stand dasselbe zum Verkaufe frei, und bei uns zog die Stiefmutter ein, wie wir sie uns immer gewünscht hatten Verinischtes. Unangenehm. Ungarischer Gutsbesitzer: „Ebadta teremtete! Hob ich 900 Joch Grunbajgenthum und diese ver- dommte Flieg'» wajß kajn anderes Platz! zum Niedersitz'n, als auf Nos'n majniges!" * • Zerstreut. Professor (zu seinen Schülern): „Wenn Sie jetzt hinaus in's akademische Leben treten, hüten Sie sich vor dem Saufen! Betrinken macht dumm. Denken Sie an mich." ♦ * ♦ Ueberraschender Erfolg. „Nun, haben Sie mit Ihren Einsendungen schon Erfolg gehabt?" „O ja! Unlängst hab' ich einem Redacteur zwölf bayerische Gedichte eingesandt und dreizehn hab' ich zurückbekommen!" * * Unfrommer Wunsch. Lieutenant: (zum reichen Bankier): „Sie wollen mir also wirklich nicht die Hand Ihrer Tochter geben? O, Herr Commerzienrath, könnte doch meine Qual ihr Herz erweichen I" — Bankier: „Bedaure sehr, Herr Lieutenant, ich folge in diesem Punkte nicht dem Herzen, sondern dem Verstände." — Lieutenant: „Und darf ich auf keine Gehirnerweichung hoffen?" * ♦ Verschnappt. Kunde: „Aber, Meister, wie kamen sie denn dazu, mir soviel Stoff zurückzubehalten?! Machten Sie sich denn kein Gewissen daraus?" — Schneidermeister: „Nein, aber ein Jaquet." * * » Schmeichelhaft. Gattin: „Das kann ich Dir sagen, wenn ich mal sterbe, solche Frau wie mich kriegst Du nie wieder." — Gatte: „Wer sagt Dir denn, daß ich eine solche Frau wieder haben will?" Redaction: A. Scheyda.— Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.