Samstag, den 29. December. - yy --->3^1.----•+•---»>L—«»»—---gfO Unkevhaltnngsblatt jtim (Siebener Anzerg««- (G«n«val»Anzeiger> M 'Öl1 W*~r.. -- -;-. M: MWDWD^-^ Der Schuldige. Criminal-Novelle von W. Roberts. (Schluß.) Als die Baronin mit ihrem Töchterchen das Haus des Maler« verlassen hatte, dachte sie immer noch über die Unter« redung mit demselben nach. „Wenn ich ihn doch sehen, wenn ich doch aus seinem Munde die Verzeihung hören könnte," dachte sie und ihr Herz schlug lebhafter bei dem Gedanken an ihre Jugendliebe. Ja, die für stolz und unnahbar geltende verwittwete Baronin Hilda von Sassen liebte wieder den Mann, der ihr einst theuer war, weil er ihre höchste Achtung und ihre lebhafte Antheilnahme besaß und weil sie vom Major Lingen auch erfahren hatte, daß Homberg trotz seiner vorzüglichen Eigenschaften und seines Reichthums ein einsamer Mann geblieben sei. Sollte die einstige Liebe Hombergs, des edlen Patriziersohnes, zu dem damaligen armen adeligen Fräulein von Hausen sein Herz so sehr erfüllt haben, daß er alle ferneren Heiraths- pläne aufgegeben? Der Baronin schien dies die volle Wahrheit zu sein und mit bitterer Reue dachte sie an ihren damaligen so wankel- müthigen Sinn. Ein heftiger Groll zog dabei aber auch gegen die Frau Geheimrath Springer in das Herz der Baronin, denn diese ehrgeizige und stolze Frau Geheimrath war es gewesen, welche auf einmal Frltz Homberg als eine nicht mehr für Hilda von Hausen geeignete Partie bezeichnet hatte. Sogenannte glänzende Partien reicher junger Mädchen mit hochgeborenen oder sonst im Range sehr hochstehenden Herren mit allen Mitteln der lleberredung zu begünstigen und dadurch ihr Haus und den Verkehr daselbst begehrt und berühmt zu machen, das war überhaupt das leidenschaftliche Dichten und Trachten der ehrgeizigen und selbst kinderlosen Fra« Geheimrath. „Sicher steckt sie auch wieder hinter dem Heirathsplane, der Jutta von Helborn und den alternden General von Boms- dorf zu einem glücklichen Paare machen soll," dachte jetzt die Baronin, als sie mit ihrem Töchterchen in ihre Wohnung trat. „Aber diesem ehrgeizigen und für Juttas Glück gefährlichen Plane werde ich mich heute Abend energisch entgegenstellen und sollte ich deshalb auch bei der Frau Geheimrath in Ungnade fallen." * * ; In den festlich geschmückten Salons der Frau Geheim- | rath Springer mar an dem Abend eine glänzende Gesellschaft versammelt. Die anwesenden Damen gehörten nur dem Geburtsadel und den vornehmsten bürgerlichen Kreisen an und strahlten in den ausgewähltesten Toiletten. Die Herren waren in der Mehrzahl Offiziere in stattlichen Uniformen und eine kleinere Anzahl Herren im schwarzen Fracke, dem höheren Beamtenstande und den höchsten Finanzkreifen angehörig. Einige Augenblicke wurde es dann still im Saale und sämmtliche Offiziere nahmen eine respectvolle Haltung ein. Es nahte der General von Bomsdorf in glänzender Uniform, die Brust mit hohen Orden bedeckt. Das Erscheinen des Generals auf der Soiree war ein großer Triumph für die Frau Geheimrath, aber einen noch größeren gedachte die stolze Dame dadurch zu feiern, daß ihr Schützling, die reiche und schöne Erbin Jutta von Helborn, bald als Braut am Arme des Generals erscheinen sollte. Jutta saß zwischen der Frau Geheimrath und dem General zur Rechten und die Baronin von Sassen hatte den Platz neben dem General zur Linken. Excellenz von Bomsdorf zeigte die ritterlichste Liebenswürdigkeit gegen beide Damen und wenn man ihn so im lebhaften Gespräche während der Concertpausen mit seinen schönen Nachbarinnen beobachtete, so konnte man im Zweifel sein, welcher er eigentlich im Ernste den Hof machte. Die Baronin von Sassen fesselte den General durch ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit wohl sehr und diese als Wittwe und etwas älter als Jutta von Helborn hätte wohl auch besser für ihn als Gemahlin gepaßt als Jutta, aber der große Reichthum der letzteren gab auch bei dem Generale den Ausschlag und es stand bei ihm fest, daß er feine erste, zunächst ziemlich mißglückte Werbung um Jutta fortsetzen, denn einen wirklichen Korb hatte sie ihm ja nicht gegeben- Das Concert war zu Ende und die Gäste verloren sich in die Nebenräume des Festsaales, um sich an dort aufgestellten Buffets zu erfrischen, denn wegen des unmittelbar nach dem Coneerts geplanten Balles war der Zsitersparniß wegen von einer gemeinsamen Tafel abgesehen worden. Der General von Bomsdorf tanzte eigentlich nicht mehr, das verboten feine Jahre und feine hohe Stellung, um aber in dieser Hinsicht feiner Angebeteten keine empfindliche Schattenseite merken zu lassen, hatte er doch Jutta von Helborn zur Polonaise engagirt und eröffnete mit ihr den Reigen. Jutta, in glänzender, weißseidener Toilette, sah bezaubernd schön aus und ihr eitles Herz schwelgte in Wonne, als sie sich so ausgezeichnet sah. Die Baronin von Sassen betheiligte sich nicht an dem - 606 Zwei Tage später saß der Major Lingen am Bette Hombergs und sagte mit freudigem Lächeln: „Ich freue mich wirklich außerordentlich, lieber Commerzienrath, daß Ihre Genesung so gute Fmtschritte macht. Ihr Leben und Ihre Gesundheit können heute als gerettet angesehen werden, wie mir die Aerzte versicherten, und ich kann sagen, daß diese Mittheilung mir gerade doppelt angenehm ist. Denken Sie sich, lieber Commerzienrath, mein guter, braver Bruder hat sich gestern mit Fräulein von Helborn verlobt, und diese Verlobung ist ein reiner Herzensbund, obwohl mein Bruder fast ohne Vermögen und seine Braut sehr reich ist." „Meinen herzlichen Glückwunsch, lieber Major," erwiderte der Commerzienrath lebhaft, „ich freue mich immer ganz be- sonders, wenn sich ein Herz zum Herzen findet, obwohl mir selbst dieses Glück nicht vergönnt war." „Nun wer weiß, was nicht noch Alles geschieht, wenn Sie erst vollständig wieder gesund sind," bemerkte der Major time Freundin ihr nicht nahe legen, daß sie eine so glänzende Parthie nicht ausschlagen darf, und noch heute Abend dem General Gelegenheit zu einer Erklärung geben, die der Ge- neral dann morgen in aller Form wiederholen muß." „Dazu muß ich unbedingt meine Mitwirkung versagen, Frau Geheimrath," entgegnete jetzt die Baronin mit einer solchen Betonung, daß deren Begleiterin erschrocken zurücktrat. „Die Verheiratung Jutta's mit dem General würde nach meiner Ueberzeugung kein Glück für Jutta werden, denn es würde keine Heirath aus Liebe, sondern nur eine Convenienzehe, aus Gründen der Eitelkeit, des Geldes und des flüchtigen Glanzes fein. Zudem scheint Jutta einen anderen Cavalier, der viel besser als ihr Gatte paßt als der alternde General bereits zu lieben. Sie sind erstaunt über diese offenen Worte, Frau Geheimrath. Sie werden nicht mehr staunen, wenn ich Ihnen sage, daß ich aus Erfahrung spreche, daß ich selbst einst, übel berathen, wie ich war, die treue Liebe eines edeln, schlichten Mannes verschmähte, um eine söge» nannte glänzende Parthie zu machen, und während meiner Ehe nie glücklich war. Die Frau Geheimrath zitterte bei dieser Eröffnung vor Aerger, Zorn und Beschämung, denn daß ihr deutlich die Augen über ihre ehrgeizigen und eitel« Bestrebungen geöffnet worden, empfand sie bitter- „Wir haben uns nach dieser Erklärung nichts mehr zu sagen, gnädige Frau," entgegnete dann scharf die Frau Ge- Heimrath und wandte sich mit einem grollenden Blick ab. Ich wußte es, daß es zum Bruche zwischen uns kommen mußte, wenn ich ihr einmal die Wahrheit sagte," dachte die Baronin, „aber mein Pflichtgefühl zwang mich zum Reden, und es ist gut so, denn die Situation ist nun geklärt" Hastig suchte sie jetzt Jutta von Helborn auf und führte sie in den Nebensaal, Wo Hauptmann Lingen noch einsam und traurig weilte. , „Ich verlasse in einer halben Stunde die Gesellschaft und wünsche sehr, daß Du mich begleitest, Jutta," sagte die Baronin noch und eilte nach der Gardarobe, denn es war ihr peinlich noch länger im Hause der Frau Geheimrath zu weilen, auch wollte sie Jutta sobald als möglich deren Einfluß entziehen. Eilig kleidete sich die Baronin in der Gar« derobe zur Heimfahrt um und ließ durch einen Diener eine Lohnkutsche bestellen. Dann wartete die Dame noch einige Minuten auf die Freundin, und Jutta kam ganz aufgelöst vor Rührung und fiel Freudenthränen weinend, der Baronin ! um den Hals. „Mein Herz hat endlich gesiegt und mein Herz hat ge» wählt!" flüsterte Jutta der Freundin zu, „und Du sollst morgen die Zeugin meiner Verlobung mit dem Hauptmann Lingen sein." „Ich gratulire Dir von Herzen zu diesem Entschlüsse," erwiderte die Baronin ebenfalls mit glänzenden Augen und küßte die Freundin, mit der sie alsbald heimkehrte. Palle und sah nur, die Freundin beobachtend, von ferne zu. Auch noch ein Anderer tanzte nicht, der Hauptmann Lingen, der auch zugegen war und eben die Baronin ritterlich begrüßt hatte, dann aber mit einem schweren Seufzer weiter ging. „Wie mag es dem Aermsten um's Herz zu Muthe fein, dachte die Baronin, „er darf heute nicht einmal risktren, dem General gegenüber deutlich als Nebenbuhler aufzutreten. Doch ich werde dem Hauptmann beistehen, soviel ich kann." Als die Polonaise zu Ende war, kam Jutta zu der Baronin geeilt, zog diese in eine Nische und rief ihr erröthend zu: „Rathe mir, hilf mir, liebste Hilda aus dem Widerstreite meines Herzens. Der General hat mir foviel Liebes und Gutes gesagt, daß ich wirklich nicht weiß, was ich thun soll, wenn er nochmal» ernstlich um meine Hand anhält. Er ist doch auch einer der ersten Würdenträger in der Residenz und noch ein sehr stattlicher Herr." „Suche bei mir keinen entscheidenden Rath, Jutta, entgegnete die Baronin unwillig, „denn ich habe Dir schon wiederholt erklärt, daß ich ihn Dir nicht geben kann- Auch kann ich es nicht verhindern, wenn Du den General wirklich liebst und den Hauptmann vergißt." „Aber Du solltest mir dieserhalb doch mcht zürnen, Hilda, ich wünsche nur Deinen Rath als treue Freundin!" „Nun gut, ich will Dir einen guten Rath geben," sagte die Baronin und ein plötzlicher Gedanke schoß ihr durch den Kopf. „Sprich Dich erst noch einmal mit Lingen, dessen Herz Dir wirklich gehört und der das Deinige wenigstens er- obert zu haben schien, aus, ehe Du dem General Dein Jawort giebst." Jutta erbleichte bei dieser Antwort und erröthete dann wieder tief. Stumm und seltsam stand sie neben der Freundin und endlich fragte sie leise: „Ist Lingen heute Abend hier?" „Ja, er ist hier und ich werde dafür sorgen, daß Du einige Augenblicke allein mit ihm sprechen kannst." Der General von Bomsdorf und die Frau Geheimrath näherten sich jetzt den beiden Damen, und der Freundin einen behutsamen Blick zuwerfend, ging die Baronin davon. Aber auch Jutta wich dem General und der Frau Geheimrath aus und schritt zu einigen Damen hinüber, welche sie heute Abend noch nicht gegrüßt hatte. Der Frau Geheimrath konnte man den Unwillen über die vereitelte Absicht, Jutta wieder in den Bannkreis des Generals zu ziehen, ansehen und sie beschloß zur Ausführung ihres Planes die intimste Freundin Jutta's, die Baronin von Sassen, zu gewinnen. Die Dame wandte sich deshalb mit einer Entschuldigung von dem General ab und suchte die Baronin, welche sie noch immer als ihren Schützling betrachtete, auf. Nach längerem Suchen fand sie dieselbe in einer verborgenen Ecke des in einen Garten umgewandelten Nebensaales im leisen Gespräch mit dem Hauptmann Lingen. „Man muß Sie ja wie eine Stecknadel suchen, meine liebe Baronin," rief ihr die Frau Geheimrath schon von Weitem zu, „um die, wie zu einem Stelldichein Gekommenen nicht zu überraschen. Ich hoffe, nicht zu stören, und außerdem weiß ich zu schweigen," sagte sie dann nähertretend zu dem Hauptmann Lingen gewandt, „die gnädige Frau ist immer mein Schützling gewesen, und ich würde mich sehr freuen, wenn sich zwei so edle Seelen, wie sie jetzt vor mir stehen, zum Ehebunde zusammenfinden sollten." Der Hauptmann machte eine verbindliche Verbeugung und die Baronin rief lachend: „Ein gutgemeinter Jrrthum, liebste Frau Geheimrath! Gleich stehe ich zu Ihrer Verfügung. Auf Wiedersehen, Herr Hauptmann." Am Arm ihrer Gönnerin schritt jetzt die Baronin langsam aus dem Nebensaale nnd leise sagte die erstere: „Liebe Baronin, ich brauche Ihre Mitwirkung zu einer uns Ehre machenden Verlobung. Excellenz von Bomsdorf schwärmt sür Jutta von Helborn, und unsere Freundin kann, wenn sie will, in wenigen Wochen die Gemahlin des Generals sein. Leider scheint aber Fräulein von Helborn noch nicht einzu- sehen, welch ein Glück ihr winkt. Wollen Sie als Ihre in - 607 - lächelnd, „denn die Dame Ihrer Jugendliebe kann noch gefreit werden." „Ach, scherzen Sie nicht mit meiner Jugendliebe, Major. Sie ist für mich doch immer noch zuweilen eine schmerzliche Erinnerung." „Sagen Sie Lefler eine liebe Erinnerung, denn Sie lieben Hilda von Hausen oder vielmehr die jetzt verwittwete Baronin von Sassen doch noch ein wenig, und ich will Ihnen verrathen, daß die Dame stch auch noch sehr lebh-ft für Sie interessirt." „Woher wissen Sie das?" frug Homberg erstaunt. „Weil Frau von Sassen die intimste Freundin Juttas von Helborn, meiner neuen Schwägerin, ist und gestern bei der Verlobung zugegen war. Wir sprachen da auch von Ihnen und da machte ich so meine Beobachtung. Ich kann Ihnen nur noch versichern, lieber Homberg, daß die Baronin noch eine sehr reizende Erscheinung und eine der liebenswürdigsten Damen ist, die ich je kannte." „Aber gerade darum und weil sie auch Baronin ist, wird sie sich schwerlich entschließen, ein Freundschastrverhältniß mit mir wieder anzuknüpsen." „Aber bester Homberg, taxiren Sie sich doch nicht so niedrig ein. Sie sind seit der Zeit, wo Hilda von Hausen Baronin wurde, doch auch Commerzienrath geworden und Ihre glänzende Stellung verträgt doch wahrhaftig einen Vergleich mit einer verwittwetcn Baronin." „Schmeicheln Sie nicht so sehr, lieber Major, sonst glaube ich es Ihnen nicht," gab der Commerzienrath lakonisch zurück. „Ich schmeichle gar nicht," erklärte der Major. „Nehmen Sie es als Ernst oder Scherz auf, so sage ich Ihnen nur so viel, daß Sie über kurz oder lang Hilda wiedersehen werden und dann können Sie ja Ihre Entschließungen treffen, wie Sie wollen," fügte er dann noch lachend bei und verabschiedete sich herzlich von dem Genesenden. * » ♦ Die Heilung der Wunde des Commerzienraths war viel schneller von Statten gegangen, als die Aerzte ursprünglich angenommen hatten, und auch die Kräfte des Verwundeten, welcher eine ausgezeichnete Körperconstitution besaß, waren auch zum großen Theile wieder zurückgekehrt. Als die Aerzte daher nach weiteren drei Tagen dem Commerzienrath gestatteten, das Bett zu verlassen, vermochte auch Niemand den an Bewegung und Thätigkeit gewohnten Homberg ganz an das Zimmer zu fesseln- So saß Homberg eines Nachmittags in der Laube seines Gartens, als sein Neffe etwa« erregt zu ihm trat. „Onkel, ich habe viel, viel an Deiner Güte gesündigt," sagte Matthey nach der üblichen herzlichen Begrüßung, „und ich habe heute den Versuch gemacht, Einiges von meiner großen Schuld abzutragen." „Ach, laß diese Schwärmereien, Curt," entgegnete Homberg ruhig. „Werde ein tüchtiger Maler und ein guter Mensch, und ich bin mit Dir zufrieden." „Das weiß ich, Onkel, aber ich weiß auch, daß Du mit Dir selbst nicht zufrieden bist und ich hoffe, Dich zufriedener zu machen, wenn Du mir noch heute in mein Atelier folgen willst. Ich werde Dir dort ein Bild zeigen, an dem Du Deine helle Freude haben sollst. Du fühlst Dich doch auch heute ganz wohl und da schlage ich vor, daß Du sofort mit mir nach meinem Atelier fährst." „Curt, Du bist ein sonderbarer Schwärmer, aber wenn Du glaubst, daß Dir ein Bild ganz vorzüglich gelungen ist, so will ich es mir schon ansehen! Ich denke aber, es hat Zeit bis morgen." „Nein, nein, es hat keine Zeit, denn ich muß vielleicht noch heute das.Bild abltefern." „Nun, so will ich mitkommen- Laß den Wagen anspannen. In einer halben Stunde bin ich bereit, denn etwas Toilette muß ich für meine erste Ausfahrt doch machen." Es war noch keine Stunde vergangen, so trat Homberg am Arme seines Neffen in dessen Atelier. „Es sieht hier wirklich jetzt so au», als ob Du Dich von frühester Stunde bis spät Abends Deiner Kunst widmest," bemerkte der Commerzienrath lächelnd zu feinem Neffen. „Daß es der Fall ist, das will ich Dir gleich beweisen," sagte Matthey. «Hier, lieber Onkel, setze Dich auf den Stuhl vor das verhängte Gemälde und Du sollst gleich ein Bild sehen, was Dein Herz entzückt." Matthey entfernte lächelnd die Hülle von dem Gemälde und vor Homberg stand das vorzüglich getroffene Bild der Baronin von Sassen- Dieser saß ganz betroffen und gerührt vor dem Bilde und flüsterte leise unverständliche Worte. „Das Bild ist Dir vortrefflich gelungen, Curt," sagte er dann weich zu dem jungen Maler, „ich danke Dir von Herzen für die Freude, welche Du mir dadurch bereitet hast, daß Du es mir zeigtest. Die Baronin ist in der That noch eine sehr schöne Frau, wenn Du ihr auf dem Bilde nicht so sehr geschmeichelt hast." „Nun, Du wirst gleich Gelegenheit haben, das Bild mit der Dame zu vergleichen, die es vorstellen soll." „Aber Curt, was fällt Dir denn ein? Ich kann doch hier meine Bekanntschaft mit der Baronin nicht erneuern!" „Da weder Du noch die Baronin den ersten Schritt thun wollte oder konnte, Euch wiederzusehen, so habe ich es zu veranlassen unternommen, um zwei Herzen, die sich einst nahe standen, wieder zusammenzuführen. Ich hoffe, lieber Onkel, daß Du mir darüber nicht böse sein wirst." Bei den letzten Worten verließ der Maler das Atelier, und Homberg hörte nur, daß vor dem Hause ein Wagen vorfuhr. „Die Baronin scheint wahrhaftig zu kommen, um ihr Bild in Augenschein zu nehmen," dachte jetzt Homberg. „Nun, ich werde mich einstweilen etwas in den Hintergrund zurückziehen." „Mein Bild ist wirklich schon vollendet, Herr Matthey," erklang jetzt die glockenreine Stimme der Baronin, welche, geleitet von dem Maler, in das Atelier trat. „Bitte, gnädige Frau, wollen Sie sich davon überzeugen," erwiderte Matthey und wies mit der Hand nach dem Gemälde- Mit freudigem Erstaunen blieb die Baronin vor ihrem wohlgetroffenen Bilde stehen und sagte: „Ich mache Ihnen mein Compliment, Herr Matthey, das Bild ist eins vorzügliche Leistung und ich bewundere ebenso Ihr Talent wie Ihren Fleiß. An Ihrem künstlichen Schaffen kann man jetzt seine wahre Freude haben, wenn es auch seltsam klingt, daß ich mein eigenes Bild lobe-" „O, Sie ehren ja damit nur die Kunst, gnädige Frau, und ich war Ihnen noch den Beweis schuldig, daß Sie Ihre großmüthige Freundschaft keinem Unwürdigen geschenkt haben." „Sie haben Ihre Versprechungen nicht nur gehalten, sondern sogar übertroffen, Herr Matthey." „Wissen Sie, wem das Bild auch vorzüglich gefallen hat, gnädige Frau?" „Nun wahrscheinlich Ihrem berühmten Lehrer Professor Hollmann." „Nein, meinem Onkel, Commerzienrath Homberg!" „War derselbe hier?" „Er ist sogar noch hier. — Onkel, bitte, ich will Dich der Frau Baronin vorstellen." Mit einer tiefen Verbeugung trat der Commerzienrath jetzt vor die Baronin, und langsam und innig sahen sich die Beiden in die Augen, doch ihre Lippen blieben stumm. Matthey war Menschenkenner genug, um zu wissen, welche Empfindungen jetzt die Seele der Beiden bewegten und zog sich leise in ein Nebenzimmer zurück. „Hilda — gnädige Frau!" rief dann Homberg mit vor Freude bebender Stimme. „Wie nach einem langen, schweren Traume erscheint Ihr Bild wieder vor meinen Augen so hold und schön wie damals, als wir uns zum ersten Male sahen." „Und Sie können mir wirklich das Unrecht verzeihen, Herr Commerzienrath, welches ich einst an Ihnen beging?" frug sie, indem eine Thräne in ihrem Auge schimmerte. - 608 „Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen, gnädige Frau, denn » das, was Sie damals thaten, geschah nicht allein ans eigenem j Antriebe. Ihnen gehört noch meins Freundschaft, ja, meins f Liebs und wenn Sie die Barmherzigkeit haben wollten, einem einsamen Manne das Leben zu verschönern, so würde ich meine Werbung um Ihre Hand wiederholen." „Wollen Sie wirklich so edel und großmüthig sein, und Diejenige als Wiitwe zu ihrer Gemahlin nehmen, welche Sie einst als Jungfrau verschmäht hat?" erwiderte die Baronin und reichte dem Commerzienrath die Hand. „Es ist der heißeste Wunsch meines Lebens, an Ihrer Seite noch in glücklicher Ehe zu leben," erwiderte Homberg innig und führte die Hand der Baronin an seine Lippen. „Hilda, wollen. Sie mir diesen Wunsch erfüllen, wollen Sie meine Frau werden?" In holdem Erröthen neigte sie ihren schönen Kopf nach der Brust des theuren Mannes und flüsterte das „Ja" mit bebenden Lippen. * * Der Maler Matthey hätte jetzt recht glücklich sein und noch glücklicher werden können, denn er war mit einem Schlage ein berühmter Portraitmaler geworden, und hatte außerdem das Bewußtsein, seinem Onkel, gegen den er sich schwer vergangen, zu seinem Glücke verhalfen zu haben, aber dunkle Schatten knüpften das Leben des Malers immer wieder an eine böse Vergangenheit und drohten sein ganzes Glück zu zermalmen. Den Hazardspieler und Schurken Durau suchte Matthey von nun an zu meiden und hatte ihm nur einige Male Geld geschickt, um sich dessen Besuche in seiner Wohnung zu er» wehren. Das Geld reichte bei Durau aber nicht lange und dann versuchte er von Matthey immer wieder neues unter den schändlichsten Drohungen zu erpresien. Dieses schwach» volle Treiben Duraus mußte Matthey das Leben derartig verbittern, daß er eines Tages, als Durau brieflich wieder einen Erpreflungsversuch machte, einen verzweifelten Entschluß faßte. Mit zwei Pistolen bewaffnet und eine schwarze und eine weiße Kugel in einem Lederbeutel mit sich nehmend, betrat er in der Dämmerstunde die abgelegene Wohnung Duraus. „Ich kann mich bis an das Ende meiner Tage nicht von Dir ausrauben laffen, Durau," so redete Matthey dm ver» brecherischen Menschen an und zog eine Pistole hervor. „Einer von uns Beiden ist dem Anderen im Wege und einer von uns muß sterben, damit der Andere Ruhe bekommt. Zu einem gewöhnlichen Duell rathe ich nicht, denn Du bist ein schlechter Pistolenschütze, Durau, und mir würde es ein Leichtes sein, Dir eine Kugel im Duell in die Brust zu schießen. Ich schlage deshalb ein amerikanisches Duell vor. Hier in diesem Sacks sind zwei gleich große Kugeln, die eine weiß, die andere schwarz. Du kannst sie erst ansehen. Ziehst Du die weiße Kugel, so muß ich mich binnen einer halben Stunde erschießen, ziehst Du aber dis schwarze Kugel, so trifft Dich dasselbe Loos." „Gib mir noch zehntausend Mark und ich werde Europa für immer verlaffen," entgegnete Durau und blickte heimtückisch auf den jungen Maler. „Nein," erwiderte Matthey mit eisiger Stimme, „denn auf Deine Worte vertraue ich schon lange nicht mehr- Du machst aus den Erpreffungen ein förmliches Geschäft und dieses saubere Handwerk soll Dir gelegt werden. Nimmst Du das amerikanische Duell nicht an, so schicke ich hier diesen Brief, welcher die Beschreibung Deiner Schandthaten enthält, an die Polizei und ich fliehe in's Ausland oder schieße mir schlimmsten Falls eine Kugel durch den Kopf." Eine peinliche Paufe entstand und es schien, als wollte sich Durau gleich einem hinterlistigen Raubthiere auf Matthey stürzen, doch dieser behielt den Schändlichen scharf im Auge und hatte fortwährend eine Pistole schußbereit in der Hand. „Ich will eine Kugel ziehen," klang es endlich dumpf von Duraus Munde. Matthey hielt ihm den Lederbeutel mit den Kugeln hin, Durau zog eine Kugel und legte sie auf den Tisch. Es war dis schwarze Kugel. Durau ballte dis Faust und stieß einen heiseren Fluch hervor. „Ich erwarte, daß Du noch ein Fünkchen Ehrgefühl aus der Zeit Deiner besseren Lebensjahre im Leibe hast," sagte Matthey und legte die zweite Pistole vor Durau auf den Tisch- „In einer halben Stunde komme ich wieder und werde dann sehen, ob Du Deiner Verpflichtung nachgekommen bist." „Ich verlange Aufschub bis morgen," sagte Durau. „Nein, der kann Dir nicht gewährt werden- Du weißt, was ich noch heute thun werde, wenn Du das Duell nicht halten wirst." Matthey verließ mit einem stummen Grube das Zimmer und stellte sich unten vor- der Hausthür auf die Lauer. Nach wenigen Minuten krachte ein Schuß in dem Zimmer Duraus und Matthey eilte wieder in dasselbe zurück. Einige Hausbewohner waren bereits in das Zimmer geeilt, aus dem der Schuß gedrungen war- Man fand dort Durau mit zerschmettertem Schädel tobt am Boden liegen mit der Pistole in der krampfhaft geballten Hand. So fand ein Verbrechen seine Sühne, welches der irdischen Gerechtigkeit verborgen blieb. Und alle Schuld und Strafe war auf den teuflischen Verführer und Verbrecher zurück» gefallen- — __________ Komische Anzeigen. Folgende Blumenlese entnehmen wir der Sammlung eines Liebhabers: „Ich fordere den Taglöhner Seitz auf, seinen Aufenthaltsort anzuzeigen, um mit ihm wegen der Theilung seiner verstorbenen Mutter zu verhandeln." — „Ein Bierkeller ist wegen Altersschwäche zu ver- miethen." — „Fünf Thaler Belohnung demjenigen, der mir meinen am 24. d. M. abhanden gekommenen Hund so anzeigt, daß ich denselben gerichtlich belangen kann." — „Vom 1- Juni ab wohne ich mir gegenüber und bitte auch da um gütigen Zuspruch." — „Ein englicher Hühnerhund ist wegen Eintritt zum Militär zu verkaufen." ♦ * e Doppeldeutig. „Ja Wachtmeischter, jetz' bringen Se mir de Schwadro' wieder in Käppli daher! Wie oft mueß V denn sage, Se füllet mit de Helmi ausrucke; überhaupt möcht' i' wisse, ob's immer blos Ihrem dumme Kopf nachgeht, oder dem mein'!" » » Münchener Diätetik? „Ach Gott, ist mirs heute so öde im Magen!" — „Du wirst wieder einen rechten Katzenjammer haben!" — „Im Gegentheil; keinen Rausch hab' ich gestern gehabt, und das ist, scheint's, mein Magen nicht gewöhnt!" ♦ » EineEntdeckung in derSo mm erfrische. Mann: „O, wie schade, daß wir von dieser köstlichen Alpenmilch nicht in der Stadt haben können!" — Frau: „Aber, lieber Adolph, warum denn nicht? Da kaufen wir einfach hier ein Faß voll und ziehen's dann zu Hause im Keller ab" • • Beruhigung. Frau: „Es ist gerade Zeit, daß Du heimkommst, eben schlägt's 1Uhr!" — Mann: „Aber, liebes Weiberl, weniger kann's jedoch nimmer schlagen, als Eins I" * » Vor Gericht. Richter zu einem Hausdiener, der beschuldigt ist, seiner Herrschaft einen ausgestopften Vogel ent» wendet zu haben: „Können Sie Ihr Alibi nachweisen?" — Angeklagter: „Entschuldigen Sitz, Herr Richter, es soll sich ja nur um einen Colibri handeln." Redaction: A. Scheyds, — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen,