AnLerchaltrrngsblatt zuin Gietzenev AnzeLgep (Geneperl-Anzerg-v^ •H-— -gst 'S- MME1 Samstage dm 29. September. es Herrn Gebote zu erfüllen, Sei, Christ, Dir eine heil'ge Pflicht, Es wird Dir jeden Kummer stillen, Ein besi'res Mittel gibt es nicht. D'rum halte stets des Herrn Gebot Dein Leben lang bis in den Tod. Den Höchsten über Alles lieben, Ist jedes Christen erste Pflicht; Ihn nie durch eine That betrüben, Die seinem Willen widerspricht; D'rum, Christ, folg' seinem Willen gern, Lieb' über Alles Gott den Herrn. Wir sind ja Alle seine Kinder, Er ist es, der uns Alle schuf; An Fromme, sowie an die Sünder, An Alle geht derselbe Ruf; D'rum lerne, Christ, ihn recht versteh'» Und so auf Gottes Wegen geh'n. Die Eltern lebenslänglich lieben, Ist eines jeden Kindes Pflicht, D'rum suche sie auch stets zu üben, Folg' einem and'ren Willen nicht. Denn nur der Segen Gottes ruht Auf dem, der seinen Willen thut. Auch Deinen Nächsten sollst Du lieben, Ihm helfen, wenn er ist in Noth, Ihn nie durch eine That betrüben, Die widerspricht des Herrn Gebot; Denn das wird auch von dem belohnt, Der über allen Sternen wohnt. D'rum suche, Christ, treu zu erfüllen, Was Gott Dir vorgeschrieben hat; Folg' unermüdlich seinem Willen Dein Leben lang in Wort und That. Wer so gelebt, empfängt am Thron Des Höchsten den verdienten Lohn. B. J. Im Strome des Lebens. Roman von Jenny Piorkowska. ------- (Nachdruck verboten.) I. Ich war ein junges Mädchen von sechzehn Jahren. Seit meinem elften Jahre vater- und mutterlos, weilte ich im Pensionat von Mademoiselle Lebrun. Wie oft hatte ich während dieser fünf Jahre nach Freiheit, nach einer Veränderung geseufzt; ich kam mir vor wie ein gefangener Vogel, dem es nach einem freien Fluge gelüstet, der aber vergebens mit der Brust gegen die Eisengitter schlägt — und als mir nun endlich Freiheit werden sollte, da wich ich scheu vor dem Unbekannten, das meiner draußen in der großen Welt harrte, zurück. Bang und traurig klopfte mein Herz, als die Stunde des Abschieds schlug, des Abschieds, vielleicht auf Nimmerwiedersehen, von meinen jugendlichen Freundinnen. Aber was half's? — Die Koffer waren gepackt und drinnen im Salon wartete der Fremde, unterdessen Obhut, wie Tante Aurelie bestimmt hatte, ich die fast dreitägige Reise zu ihr unternehmen sollte. Herr von Rodegg, mein Begleiter, war ein Mann in den besten Jahren, von vornehmer Haltung und feinen Manieren; seine schlanke Gestalt und seine ernsten und regelmäßigen Züge flößten mir auf den ersten Blick volles Vertrauen ein, gleichzeitig aber auch den größten Respect. Sein dunkles Haar war von einzelnen Silberfäden untermischt, die tiefen Falten auf seiner Stirn verriethen, daß seine Vergangenheit nicht immer glatt und sonnig dahingeglitten war, doch um seine Lippen spielte bisweilen ein seltenes Lächeln, das den tiefen Ernst in einen unsagbar freundlich gewinnenden Zug umwandelte, der mich von der ersten Stunde unserer Bekanntschaft für ihn einnahm. Ein letztes Adieu meinen Freundinnen, ein letzter Abschiedsgruß dem Hause, das Jahre hindurch mein einziges Heim gewesen war — und fort rollte der Wagen mit mir an der Seite des Herrn von Rodegg. Als wir im Eisenbahnzug unsere Plätze eingenommen hatten, versuchte er, sich mit mir zu unterhalten, da er aber auf all' seine Fragen nur ein schüchternes „Ja" oder „Nein" zur Antwort erhielt, gab er fein Bemühen bald auf, lehnte sich in die Polster zurück und überließ sich seinen eigenen Gedanken, die, nach seiner finster zusammengezogenen Stirn und den fest aufeinandergepreßten Lippen zu urtheilen, wenig angenehmer Natur sein konnten. — Der erste Tag schlich langsam und unintereffrnt dahin. Am zweiten Tage fühlte ich mich, des Reisens gänzlich un- 454 gewohnt, so matt, so unglücklich: ich kam mir mit meinem stummen Begleiter so einsam, so verlassen vor, daß ich mich schließlich nicht mehr beherrschen konnte und zu weinen anfing. Rasch wandte mein Reisegefährte stch mir zu und fragte, was mir sei, ob ich mich krank fühle; aber die leichte Ungeduld, die aus seiner Stimme herausklang, verletzte und kränkte mein empfindsames Ohr so, daß ich trotzig den Kopf abwandte und jede Hilfe, jede Aufmerksamkeit von ihm in unfreundlichem Tone ablehnte. Als wir eine Stunde später den kurzen Aufenthalt benutzten, um zu frühstücken, meinte Herr Rodegg, ich sähe so müde und angegriffen aus, ob wir nicht ein paar Stunden hier bleiben und erst nach Mittag weiter fahren wollten; aber ich gab ein kurzes entschiedenes „Nein" zur Antwort, worauf mein Begleiter nur stumm und ergeben die Achseln zuckte, mich im Stillen aber sicher für das eigensinnigste, unartigste Mädchen hielt, mit dem er je zu thun gehabt hatte. Dieser zweite Tag verstrich in gleich monotoner Weise wie der erste. Nachts zwölf Uhr erwarteten wir in D- zu sein; dort wollten wir übernachten, um am nächsten Morgen per Dampfer unser Endziel zu erreichen. Schon senkten sich die abendlichen Schatten auf die Erde herab; regungslos saß ich da, - die Augen auf die einzelnen Häuser und Lichter gerichtet, nach denen wir uns wieder einer Station näherten, — und gedachte mit Wehmuth und Sehnsucht der sorglosen Zeit, die ich bei Mademoiselle Lebrun zugebracht hatte, als plötzlich ein heftiger Stoß erfolgte — ein furchtbarer Krach — ein markerschütternder Schrei — ein entsetzlicher Schlag auf meinen Kopf — und ich wußte nichts mehr von mir. Ich weiß nicht, wie lange es währte, ehe ich wieder zum Bewußtsein kam. Als ich die Augen wieder aufschlug und um mich sah, hatte ich einen klaren, sternenhellen Himmel über mir. Doch unlustig, mich auch nur zu rühren, blieb ich in dieser halben Betäubung liegen, bis sich zwei dunkle Gestalten mir näherten; eine derselben beugte sich zu mir herab und an der Stimme, womit er bei meinem Anblick einen Ausruf der Freude that, erkannte ich ihn als meinen Reisegefährten. Ich wollte mich aufrichten, aber in demselben Moment empfand ich abermals einen heftigen Schmerz; es ward mir schwarz vor den Augen und mit einem entsetzlichen Gefühl, als sänke ich tiefer und tiefer in einen grundlosen Abgrund, verlor ich zum zweiten Male die Besinnung. Als ich mir wieder einigermaßen dessen bewußt war, was um mich herum vorging, war es inzwischen Heller Tag geworden. An meinem Lager standen Rodegg und ein Fremder, offenbar ein Arzt. „Der Fall hier ist nicht so schlimm," sagte Letzterer. „Sie können außer Sorge sein, das Fieber ist sichtlich im Abnehmen begriffen." „So können wir wohl wagen, ihr ein bequemes Unterkommen zu schaffen?" „Wenn solches sich finden läßt," entgegnete der Arzt in bedenklichem Tone; „wir haben schon Mühe gehabt, alle Verunglückten überhaupt unterzubringen. Beide Gasthäuser, die wir haben, sind voll und ein großer Theil der Bewohner ist in liebenswürdigster Weise bereit gewesen, einen oder ein paar der Unglücklichen bei sich aufzunehmen." „Dann ist es wohl das Beste, wir bringen sie gleich nach meiner Besitzung; in gutem Wagen, bequem gebettet, wird ihr die dreistündige Fahrt nicht schaden. Hier in dem elenden Ort können wir doch unmöglich zwei bis drei Wochen bleiben — eher wird sie wohl nicht reisen können, und mein Arm wird, fürchte ich, die unruhige Bewegung der Eisenbahnfahrens auch sobald nicht vertragen können." Rodeggs Arm lag in einer Binde und hin und wieder glitt ein Ausdruck physischen Schmerzes über sein Gesicht. Der Arzt gab, wenn auch scheinbar widerwillig, seine Zustimmung und noch an demselben Abende langten wir auf Schloß Rodegg an. Ich verbrachte eine unruhige, fast schlaflose Nacht; überhaupt schon in höchster krankhafter Erregung, machte das große, düstere Zimmer einen geradezu unheimlichen Eindruck auf mich. Nein, hier konnte, hier wollte ich nicht bleiben! Ich wollte den Doctor bitten, daß er mich hier fortnähme oder an Tante Aurelie schreibe, daß er komme und mich hole — oder besser noch, ich floh, floh so schnell als möglich aus diesem stillen, düsteren Hause, wo ich sicher sterben würde, wenn ich länger bliebe. Voll Verzweiflung ballte ich die Hände und begrub mein thränenüberströmte« Gesicht in den Kiffen. Da that sich die Thürs auf und der Arzt mit Rodegg trat ein. Ersterer fühlte mir den Puls, stellte verschiedene Fragen an Frau Altener, Rodegg« Haushälterin, und verabschiedete sich darauf wieder. Rodegg gab ihm das Geleite, kehrte dann aber zurück und sagte mir, er habe gleich gestern an Tante Aurelie telegraphirt, damit sie, wenn sie von dem Eisenbahnunglück höre, nicht erschrecke. Heute habe er ihr ausführlich geschrieben und sie über meinen Zustand beruhigt, ihr auch versichert, es sei durchaus nicht nöthig, daß sie herkomme, ich sei in besten Händen. „In zwei bis drei Wochen," fuhr er fort, „hoffe ich, sind Sie völlig wieder hergestellt, daß wir reisen können." Zwei bis drei Wochen hier bleiben! — Dieser Gedanke war mir so entsetzlich, daß ich, in bittere Thränen ausbrechend, rief: „O, ich bin jetzt schon wohl genug! Ich will gleich zu Tante Aurelie reisen!" Rodegg setzte sich an mein Bett und meine Hand in die seine nehmend, sprach er wie zu einem Kinde: „Sie würden sich sehr schaden, wenn Sie jetzt reisen wollten. Vielleicht sind Sie aber viel schneller wieder gesund, als der Doctor glaubt. Haben Sie nur ein klein wenig Geduld und seien Sie versichert, daß wir reisen, sobald Ihr Befinden es zuläßt." Ich aber schüttelte den Kopf und schluchzte krampfhaft. „Mein liebes Kind," fuhr er in fast väterlichem Tone fort, „so hören Sie doch auf mit Weinen, das regt Sie ja nur unnütz auf. — Sie haben gewiß noch Kopfweh?" „Ach ja, schreckliches Kopfweh — wenn ich nur schlafen könnte!" „Ich gebe Ihnen etwas Beruhigendes, dann werden Sie schlafen können," entgegnete er. Darauf nahm er ein Glas Wasser, schüttelte ein weißes Pulver hinein und reichte es mir. Ich trank und ließ dann, seinem Rathe folgend, meinen heißen Kopf in die Kissen zurücksinken, während er sich wieder nieder- setzte und in freundlichem Tone fortfuhr, mir zuzureden, als wäre ich ein Kind von acht Jahren. „Morgen werden Sie auch umgebettet in das blaue Zimmer," tröstete er mich; „da wird es Ihnen besser gefallen; es ist an und für sich freundlicher und behaglicher als hier und hat die Fenster nach dem Park. Und wenn es Ihnen allein zu einsam ist, soll Frau Altener in Ihrem Zimmer schlafen." Der Ausdruck auf meinem Gesicht war wohl nicht mißzuverstehen, denn schnell fuhr er fort: „Vielleicht ist es auch besser, ich gebe Ihnen Lisette, Frau Alteners Nichte, zur Bedienung; das ist ein frisches, munteres Mädchen, das Ihnen gewiß besser gefallen wird, als die ernste Frau Altener." Dieses freundliche Zureden that mir so wohl, daß der böse Schmerz in meinem Kopfe bald ganz erträglich ward und ich allmälig in einen leichten Schlaf verfiel. II. Das freundliche blaue Zimmer und Ltsettes munteres Geplauder wirkten Wunder. Am dritten Tage konnte ich schon ausstehen und, in einen bequemen Armstuhl gebettet, eine Stunde am Fenster sitzen und hinausschauen auf den schönen Park. Ich glaube, Lisette hatte strengen Befehl von ihrem Herrn, mir so viel als thunlichst Gesellschaft zu leisten. Sie ging selten von mir und erzählte mir allerhand über Rodegg und seine Familie. Er war der einzige noch Lebende von drei Geschwistern. Er hatte noch einen älteren Bruder und eine Schwester gehabt. „Die sind Beide so früh gestorben?" fragte ich mitleidig. Lisette, offenbar nicht recht wissend, was sie antworten sollte, wurde sehr verlegen, aber so wenig wie ihre treuherzigen 455 Augen lügen konnten, so wenig vermochten ihre frischen rothen Lippen eine Unwahrheit zu sagen. „Nein," entgegnete sie endlich zaghaft; „vielleicht wäre es bester gewesen, Fräulein Marianne von Rodegg wäre gestorben, ehe sie Sünde und Schande über dieses Haus brachte." Und wie ich in meiner Neugier weiter in sie drang, erzählte sie mir, so viel sie selbst von dem traurigen Ereigniß wußte, das sich lange vor ihrer Zeit auf dem Schloste zugetragen hatte. Marianne von Rodegg mit ihrer schönen Gestalt, ihrem aschblonden Haar, ihren rehbraunen Augen war nicht nur der Vorzug ihres Vaters gewesen, sondern auch der Liebling Aller, die sie kannten, und als sie erwachsen war, fanden die Gesellschaften, die Diners und Soupers, die Bälle und Festlichkeiten auf dem Schlosse kein Ende. Die Damen bewunderten, die alten Herren verwöhnten und die jungen Herren vergötterten sie. Unter letzteren befand sich auch ein junger Franzose, dem es mit seinem schönen Gesicht, mit seinen schwarzen Augen und seiner bestrickenden Liebenswürdigkeit nicht schwer ward, der schönen Marianne ganzes Herz zu gewinnen. Er warb um sie bei dem Vater und als dieser ihm als Antwort für immer verbot, sein Haus je wieder zu betreten, war der junge Mann am andern Tage verschwunden, aber mit ihm auch Marianne- Seitdem ist das Schloß hier wie umgewandelt; dem Vater brach bald darauf vor Kummer und Scham über die Schande, welche die Tochter durch ihre Flucht über sein Haus gebracht, das Herz und auch Herr Arthur von Rodegg ist seitdem ein Anderer geworden. Kaum daß ein Fremder je das Haus betritt, mit den Festlichkeiten ist es vorbei, kein frohes Lachen, keine munteren Stimmen hallen mehr wie einst in diesen Räumen wieder. Dreioiertel des Jahres steht das Schloß gewöhnlich leer. Herr Rodegg weilt immer nur kurze Zeit hier; es läßt ihm selten lange Ruhe, dann geht er wieder fort auf weite Reisen. Die zwei Zimmer, die speciell Fräulein Marianne gehörten, sind überhaupt stets verschlossen, kein fremder Fuß darf sie je betreten. Lisette wurde abgerufen, während ich, mit meinen Gedanken noch ganz bei dem soeben Gehörten, weiter darüber grübelte. „Das also ist das Geheimniß," dachte ich, „weshalb er immer so ernst und düster dreinschaut, weshalb seine Stirn in so tiefen Falten liegt und seine Lippen meist so fest aufeinandergepreßt sind, als bedrücke ihn ein schwerer Kummer." — Wo nur Lisette blieb? — Er wurde immer dunkler um mich her; kein Laut tönte aus den unteren Räumen zu mir herauf; so allein mit mir und meinen ernsten Gedanken, ward es mir allmälig ganz ängstlich und unheimlich zu Muths. Da klopfte es leise an die Thüre. „Gut, daß Sie endlich wiederkommen, Lisette, ich fing wirklich an, mich zu fürchten," rief ich ihr entgegen, aber es war nicht Lisette, sondern Rodegg. „Ich mußte Lisette zur Post schicken — sie wird nicht lange bleiben. Aber das Feuer ist aus, es ist kalt hier," fuhr er mit einem mitleidigen Blick auf meine bleichen Wangen fort, „wollen Sie nicht mit hinunter in mein Zimmer kommen, und mir beim Thee Gesellschaft leisten?" „Gern," erwiderte ich, alles Andere dem längeren Alleinsein vorziehend, und mich in ein warmes Tuch hüllend, folgte ich ihm die Treppe hinab. „Was für ein reizend behagliches Zimmer I" rief ich unwillkürlich aus, als meine bewundernden Blicke über die hohen, mit Büchern besetzten Regale glitten. „Das heißt für Jemand, der Bücher liebt," entgegnete Rodegg lächelnd. „Lesen Sie gern?" „O ja, wenn es etwas Hübsches ist." „Welche Art Lectüre tnöa.en Sie am liebsten?" „Was mich unterhält, was nicht so trocken und langweilig geschrieben ist." „Darüber ist der Geschmack freilich sehr verschieden," versetzte Rodegg ironisch; „gar Mancher wird das für hochinteressant halten, was Sie und ich entsetzlich trocken und langweilig finden. — Was meinen Sie dazu," fuhr er fort, als ich verlegen schwieg, „wenn Sie sich einmal zwischen 9 meinen Büchern, vielleicht da auf dem ersten Regal rechts unten, umsähen und etwas rach Ihrem Geschmack suchten? — Was ist das?" fragte er, als ich ein Buch herauszog. „Die Zeit des Mittelalters," las ich. „Das ist nichts, Geschichte mögen Sie nicht gern — wie Sie mir neulich sagten." Ich griff nach einem zweiten Buche. „Was haben Sie da?" „Brehms Naturgeschichte." „Das ist auch nichts für einen Reconvalescenten," sagte er lächelnd, wohl an dem Ton, in welchem ich den Titel las, errathend, daß Naturgeschichte nicht zu meinen Lieblingsfächsrn gehörte. „Was kommt dann?" Ich las den Titel mehrerer Bücher. „Halt!" sagte er bei „Tasso", „wie gefällt Ihnen das?" „Es ist das schönste Buch, das ich kenne!" rief ich begeistert aus, und seiner Aufforderung folgend, setzte ich mich ihm gegenüber vor das helllodernde Kaminfeuer und vertiefte mich in die Lectüre, während Rodegg Zeitungen und Geschäftsbriefe durchsah, die vor ihm auf dem Tische lagen. Nach einer Weile klopfte es und der Diener brachte den Thee. „Würden Sie sich wohl der Mühe unterziehen und den Thee einschenken?" wandte sich Rodegg lächelnd zu mir. „Sonst muß ich dies selbst besorgen, heute soll er mir darum aber auch doppelt gut schmecken." Zum ersten Mal in meinem Leben unternahm ich mit vor Angst zitternden Fingern dieses Amt; schweigend folgten Rodeggs Blicke meinen Bewegungen; schweigend tranken wir unseren Thee, dann wandte er sich wieder seinen Briefen zu, während ich mich wieder in mein Buch vertiefte. „Tante Aurelie läßt Sie grüßen," Hub Herr von Rodegg nach einiger Zeit an. „Sie scheint sehr besorgt um Ihr Befinden. Gut, daß sie verhindert ist, selbst zu kommen; sie würde, fürchte ich, nicht wenig verwundert sein, wenn sie uns so behaglich hier zusammen am Theettsch sehen könnte. Die Binde an meinem rechten Arme ist wohl noch der einzige sichtbare Beweis unseres Unfalls." „Wie geht es heute mit Ihrem Arme?" wagte ich schüchtern zu fragen — das erstemal, daß ich mich überhaupt danach erkundigte, und wie vorsorglich und aufmerksam war er während meines Krankseins gegen mich gewesen! — Dessen wohl eingedenk glitt ein Lächeln über seine Züge, als er erwiderte: „Er macht mir noch viel Schmerzen und ist noch gar nicht recht wieder brauchbar; ich hätte Ihrer Tante gern gleich heute noch geantwortet, aber es ist wohl besser, ich schone den Arm noch ein wenig." Dunkelroth vor Verlegenheit fragte ich, ob ich ihm nicht behilflich sein, ob ich nicht für ihn schreiben könnte; anfangs lehnte er mein Anerbieten ab; ich sei noch Reconvalescentin und müsse mich schonen, aber lachend entgegnete ich, ich fühlte mich so wohl wie je und f-ntf Minuten später saß ich an seinem Schreibtisch und ließ mir einen Brief an Tante Aurelie dictiren. Damit fertig, fragte ich, ob ich noch mehr für ihn schreiben könnte. Ein Geschäftsbrief müsse allerdings spätestens morgen früh expedirt werden, meinte er; so griff ich nach einem zweiten Bogen und schrieb, was mir dictirt wurde. Es war ein Geschäftsbrief voll juristischer Ausdrücke, aber ich nahm mich zusammen und schrieb mit so schneller, leichter Hand, als ich vermochte. „Was nun?" fragte ich, als ich auch damit fertig war, mit vor Eifer Hochrothen Backen. „Sind Sie noch nicht abgespannt?" „O nein!" Und ohne ein weiteres Wort Hub er an, mir französisch zu dictiren. Dank Mademoiselle Lebruns strengem Unterricht war ich auf ein französisches Dictat gut eingeübt und wurde meiner — 456 — Aufgabe nun auch gerecht, obwohl es kein Leichtes war, Rodeggs schnellen Worten zu folgen. Mein weiteres Anerbieten, ihm zu helfen, lehnte er aber dankend ab. „Ja, ja," sagte er lächelnd, „nicht wahr, das Eisenbahnunglück war ein schlimmes Ding? Da hält es Sie nun hier in dem düsteren, stillen Hause als Gefangene fest, und nicht genug damit, müssen Sie auch noch meinen Secretär abgeben. Mein Arm, fürchte ich, hält mich noch eine Weile hier zurück; darunter sollen Sie aber nicht zu leiden haben. Ich werde suchen, bald eine paffende Reisegesellschaft für Sie zu finden I" „D, darum machen Sie sich keine Sorgen I" entgegnete ich hastig. „Ich habe durchaus keine Eile, fortzukommen; es gefällt mir sehr gut hier und gerne bleibe ich bei Ihnen, bis Sie selbst mich begleiten können." Von dem Tage an stand ich mit meinem Wirthe auf bestem Fuße. Er erzählte mir von seinen Abenteuern in fernen Landen; er verstand sich mit mir zu unterhalten, daß ich ganz vergaß, daß ich mit ihm, vor dem ich Anfangs solche Scheu gehabt, und nicht mit einem Altersgenossen von mir sprach. Er las mir vor und zeigte mir allerhand Reliquien und Curiosttätsn, dis er von seinen Reisen mit heimgebracht hatte. (Fortsetzung folgt.) 5 Minuten mit einer Mischung aus zwei Theilen cälcinirter Soda, ein Theil geschlämmtem Bimsstein nnd ein Theil fein pulverisirtem Kalk. Wenn man nach Verlauf obigerZeit die Marmortischs mit Seife und Waffsr abwäscht, werden selbst alte Petroleumflecken verschwunden sein. Calcintrte Soda und geschlämmten Bimsstein kann man von den Dro« guenhandlungen billig beziehen. OfsnkM. Einen haltbaren Ofenkitt erhält man auf folgende Weise: Unter einen Klumpen Lehm, etwa zwei Fäuste groß, knete man einen Bogen graues Löschpapier, das man vorher mit süßer Milch angefeuchtet hat, und zwar so lange mit den Händen durcheinander, bis sich die Fasern des Lösch« papiers gleichmäßig in dem Lehm vsrtheilt haben. Unter diese Masse mischt man noch 15 Gramm pulverisirtes Salz und 15 Gramm fein zerstoßenes Eisenvitriol und gießt alsdann noch so viel Milch zu, daß das Ganze die erforderliche Consistenz erhält. Dieser Kitt haftet fest in den Fugen und bekommt nicht leicht Sprünge und Riffe. — Außerdem wird ein Kitt empfohlen, welcher aus vier Theilen Lehm und einem Theil Borax besteht; letzterer muß, ehe er mit dem Lehm ver« mischt wird, in heißem Wasser aufgelöst werden. — Ein anderer Recept lautet: Nimm zwei Theile Lehm, 1li Theil gesiebte Asche, l/t Theil Kochsalz, */4 Theil Eisenfeilspäne und ‘/4 Theil gepulverten Alaun und knete dieses Alle» zu einer steifen Masse- Ein solcher Kitt wird sehr fest. Die Behandlung des Goldfisches im Aquarium. Man füttert den Goldfisch am besten mit Ameisen« puppen, Weißbrot, Insekten oder feingehacktem Fleisch, man gebe aber nie zu viel von den Stoffen, denn es gehen mehr Äquariumfische an Uebersütterung als an Nahrungsmangel zu Grunde. Oblaten eignen sich nicht zur Fütterung, weil sie das Waffer trüben. Im Sommer kann man täglich füttern, im Winter sehr selten. Eine Hauptbedingung für dar Wohlbefinden der Goldfische im Aquarium ist das Vorhandensein von Pflanzen; find solche nicht vorhanden, so muß das Waffer öfter als sonst, im Sommer täglich erneuert werden; dasselbe darf nicht kalt sein und sollte annähernd die Temperatur des bisherigen haben. Man kann sich von dem Wärmegrade desselben durch Anwendung des Thermometers überzeugen. Wenn die Fischs häufig an die Oberfläche kommen und Blasen ausstoßen, so ist dies ein Zeichen, daß fie frisches Waffer haben möchten. Bei richtiger Behandlung werden Goldfische 10 bis 15 Jahre und darüber alt. » * Regenwürmer aus Blumentöpfchen zu vertreiben, wendet man am besten Senfmehl an, welches mit dem zum Gießen bestimmten Waffer vermischt wird. Die Würmer kommen darauf an die Oberfläche und können dann entfernt werden. Der Wurm selbst schadet der Pflanze verhältniß- mäßig wenig, aber die Canäle, die er sich gräbt, leiten das Waffer sofort aus dem Wurzelballen ab und führen leicht ein Austrocknen desselben herbei. ♦ ♦ ♦ Ausrarrgirte Filzhüte können mit wenig Mühe zu sehr niedlichen Deckchen als Unterlagen für heißes Geschirr, zu Lampentellern re. verwandt werden. Man lege die Hüte mehrere Stunden ins Waffer, knete sie durch, bis sie weich sind, recke sie nach allen Seiten zu einer geraden Fläche und hefte den Filz mit Drahtnägeln in kleinen Zwischenräumen unter fortgesetztem Ziehen auf ein Brettchen fest. Hier verbleibt er, bis er vollständig trocken ist. Herunter genommen, schneidet man ihn genau rund. Zierstiche, eine Spitze, Franse re- rings herum geben diesen Deckchen ein hübsches Aussehen. Entfernen von Petroleumflecken aus Marmortischen. Die entstandenen Flecke bedeckt man 4 bis Veonrischtes. P e ch. Ein amerikanischer Redakteur hat zwei treue Abonnenten verloren und zwar auf folgende Weise: Ein Vater von zwei Zwillingen wünschte zu wiffen, wie er diese am Besten durch die Periode des Zahnens bringen könnte, und Nr. 2 bat um Auskunft, wie er seinen Obstgarten von einer Unzahl Heuschrecken säubern könnte. Der Redakteur ließ seine Antwort in die Rubrik „Briefkasten" einsetzen, verwechselte aber die Namen der Ansrager. So erhielt Nr. 1, der Besitzer von Zwillingen, die Antwort: „Bedecken Sie sie sorg« fällig mit Stroh und zünden das an, und sie werden die kleinen Quälgeister, die noch ein paar Sekunden in den Flammen umherhüpfen, schnell los sein." Die mit Heuschrecken geplagte Nr- 2 aber erhielt den Rath: „Reichen Sie ihnen ein wenig Kastoröl und reiben Sie die Kinnlade sanft mit einem Elfenbeinstäbchen." * Deutlich- Fremder (Morgens im Hotel): „Wer hat denn vor mir in diesem Bett geschlafen?" — Wirth: „Ein Circusdirector." — Fremder: „Jedenfalls der Director eines Floh-Circus I" * Der bescheidene Liebhaber. Frau (zum neuen Dienstmädchen): „Haben Sie einen Liebhaber?" — Mädchen: „Ja!" — Frau: „Was ist er denn?" — Mädchen: „O, gnädige Frau, er ißt nur, was übrig bleibt!" Durch die Blume. A. (geldstolz): „Was meinst Du wohl, wie viel ich werth sei? " — B.: „Nun, 10,000 Mk." — A.: „Ha! Soviel ist allein mein Ring am Finger werth!" — B.: „Den habe ich auch dazu gerechnet." ♦ * Commerzienräth (protzig): „Was ich bin, bin ich Alles durch mich selbst geworden!" — Besuch: „Das ist hübsch von Ihnen, daß Sie die Blamage allein auf sich nehmen!' * * Ein Philosoph. Cohn: „Warum weinst De?" — I Maier: „Ach, hier steht: Du bist gemacht aus Staub und wirst wieder Staub." — Cohn: „Nu also, was weinst De? Da machst De doch keinen Schaden!" SichsMn: N. Schryda. — Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Thr. Pietsch) in Gießen.