1894. ^“lÄ. F ^>sMM§^WKWMWW^^^AK-M^GDWM!MWMKWMZ^^KÄWSH!M^NKijEtzZr^D^» . -M. Nr. 100 UnLevtzaltungsblatt sum Gie^enev Anzeige (Geneval-Anzeisev) Dienstag, de« 28. August. länger, schnell wie ein Vogel flog sie hinauf. Aber auf der Schwelle wurzelte ihr Fuß wie gelähmt am Boden. Sie schrie laut auf und wurde blaß wie eine Leiche, denn mit einem einzigen Blick hatte sie Alles errathm. Bernthal, ihr Geliebter, lehnte schwerathmend und in gebrochener Haltung am Fenster. Sein Gestcht war fahl und den Ausdruck seiner Züge vergaß sie niemals wieder. Grenzenlose Verzweiflung, Schmerz, Schuldbewußtsein, Beschämung, Alles lag darin. Die Mutter trat der Tochter kummervoll entgegen. Große Thränen perlten in ihren Augen. Sie legte den Arm um Annies Schultern und küßte sie zärtlich. „Annchen, mein liebes Annchen!" schluchzte sie. „Ich hätte Euch gern glücklich gemacht, aber es ist mir nicht möglich, ich bin völlig machtlos dazu. Ach, es thut mir so leid! Tröste Dich, fasse Dich, armes Kind, und laß Dir die bittere Erfahrung zum Segen gereichen! Durch Entsagung wirst Du künf- tiges Unheil von Dir wenden." Und dann trat Bernthal zu ihr und sagte, was er sagen mußte; heiser, unzusammenhängend rangen sich die Worte von ^"^Äe?" Ich bin in der schrecklichen Lage, mein Ihnen gegebenes Wort wieder zurücknehmen zu müssen, die Verhältnisse fordern es unerbittlich von mir 1 Verzeihen, ach, verzeihen Sie, daß ich Ihnen meine Liebe verrieth und Kummer in Ihr junges, unschuldiges Leben brachte. Und nun leben Sie wohl, mein verehrtes Fräulein, leben Sie wohl und Gottes reichster Segen über Sie!" , __ ■, , , Die Stimme versagte ihm, er beugte sich zu Annie herab und berührte mit zuckenden Lippen ihr Haar. Vor der Frau Räthin verneigte er sich tief mit bittendem und um Verzeihung flehenden Blick. Er wollte ihr die Hand reichen, aber sie sah ihn bitterbös an und da ging er. Er stürzte so hastig die Treppe hinunter, daß seine Sporen heftig tlittißti Annie hatte während der letzten ergreifenden Scene wie geistesabwesend dagestanden und mit verstörtem Blick starrte sie vor sich. Ihr Gesicht war so weiß ww Schnee und eine ganze Welt von Herzeleid spiegelte sich in ihren Augen. 9 Als die Thür sich hinter Bernthal geschlossen hatte, brach sie Me'ihr erschrocken zu Hilfe, sie kauerte sich neben die Tochter hin und rang die Hände. Dann holte sie Wasser und Riechsalz herbei und bemühte sich liebevoll um ihr Kind, bis es sich wieder erholt hatte. Annie richtete sich mühsam auf. Sie weinte nicht und sprach auch nicht. Kein Laut kam aus ihrem Munde, eine steinerne Starrheit lag auf dem blassen Gesicht. Geläuterte Herzen Novelle von Johanna Berger. (Fortsetzung.) „Nein, Franz, ich bleibe, wo Du bist, ich muß Alles hören!" erklärte Annie mit Bestimmtheit, denn sie fürchtete, der Mutter Sorgen vor des Lieutenants Schulden würde die übereilte Verlobung rückgängig machen. Doch die Mutter, welche endlich ihre Erregung nieder- gekämpft hatte, schüttelte den Kopf. „Ich habe in dieser Sache zu entscheiden, Kind," versetzte sie im scharfen Ton. „Es handelt sich um Dein Lebensglück, und ich weiß, welch' unbesonnenes Kind Du noch bist!" Der ungewohnt strenge Ton machte das Mädchen erbeben. Was die Mutter aber jetzt forderte, war ihr gutes Recht und Annie mußte gehorchen. , Und bedeutungsvoll fügte die Mutter noch die Worte hinzu: „Für Kinder und kindergleiche Menschen müssen Diejenigen vernünftig sein, welche das Lebbn und seine Anforderungen kennen und Erfahrungen gemacht haben!" Annie warf trotzig die Lippen auf, wagte aber keine Entgegnung. Sie trat schmollend bei Seite und ließ traurig den Kopf hängen. t m Als Annies Mutter und Lieutenant Bernthal die Veranda verlassen und sich nach oben in das Zimmer der Räthin begeben hatten, setzte sich Annie seufzend auf denselben Stuhl, auf dem Bernthal vorher gesessen hatte, und wartete auf Mamas Entscheidung. Daß sie gut ausfallen würde, davon war das junge Mädchen fest überzeugt, denn sie hatte ja bisher nur Gutes und Liebes von der Mutter erfahren. Was zwischen der alten Dame und dem jungen Offizier gesprochen wurde, hörte Niemand. Es war eine lange Unterredung und lange Auseinandersetzung und es dauerte eine volle Stunde, bis sie zu Ende war. Dem jungen Mädchen war es völlig unfaßbar, was die Mutter und ihr erwählter Bräutigam so lange mit einander zu verhandeln hatten. Sie wurde aufgeregt, ungeduldig vor Spannung und Erwartung, ihr Herz schlug fieberhaft. Jeden Augenblick machte sie eine Bewegung, als wolle sie die Treppe zu ihrer Wohnung hinanstürzen - aber sie blieb dann doch unten in der Veranda. Endlich, endlich knarrte oben die Thür und dann klang ein Schritt. Sie lauschte mit angehaltenem Athem. Aber es war nicht sein Schritt und es war auch nicht seine Stimme, die rief: Komm', Annie!" Es war der Schritt und die Stimme der Mama. Da hielt Annie sich nicht - 398 - „Gott erbarme sich unser! — Ein solches Unglück!" jammerte die Mutter- „Ich hab's gleich gedacht, gleich gefürchtet, als ich Dich mit dem Lieutenant kommen sah! Ach Gott, es ist schauderhaft, höchst traurig, so etwas zu erleben! Reiße ihn heraus aus dem Herzen, armes Kind, wende Deine Gedanken von ihm ab, vergiß ihn, es muß ja sein. Ihr könnt Euch nie heirathen!" Dann legte sie zärtlich ihren Arm um die Schultern der immer noch schwankenden Tochter und führte sie sorglich in ihr Schlafstübchen. „Da leg' Dich hin und ruhe ein bischen, bis Dir besser wird, mein armes Kind," sagte sie. „Und verliere nur nicht gleich den Kopf! Du bist noch ein Kind und es ist das erste Herzeleid, aber Du kannst nicht wissen, was Dir noch für Glück im Leben bevorsteht und war für Freuden Dich erwarten. Viele Mädchen haben noch schwerere z Prüfungen überwinden müssen und Du wirst noch einen Andern lieben lernen — noch früher vielleicht, ehe Du alt genug bist, eine gesetzte Hausfrau zu werden. Annie, hörst Du mich?" Ja, Annie hörte, was die Mutter sprach, aber ihr Herz weigerte sich leidenschaftlich, aus ihren Worten Trost zu schöpfen. Sie fühlte, daß sie niemals einen andern Mann lieben konnte, al« Franz Bernthal, und daß sie ihm die Treue halten würde bis zum Grabe. Auf dem weichen Mädchenbette lag ein neues Kleid, das sich Annie zur nächsten Reunion gewünscht hatte und mit dem die gute Mama sie heute überraschen wollte. „Nimm das Kleid weg, nimm es weg!" schrie sie auf, als ihr Auge darauf fiel, und sie deckte zusammenschaudernd ihr Gesicht mit den Händen. Die Räthin seufzte leise, dann trug sie still das schöne Kleid aus dem Zimmer. „Das Mädchen ist ganz von Sinnen," murrte sie, „und daran ist nur der stattliche Offizier schuld. Wie konnte er es nur über sich bringen, einem so jungen Dinge den Kopf zu verdrehen!" Annie sank wie vernichtet auf ihr Bett, sie wäre am liebsten gestorben. Stundenlang lag sie regungslos da, mit auf der Brust zusammengekrampften Händen und weitgeöffneten, thränenlosen Augen, und starrte in'« Leere. Die Thür hatte sie verschlossen, sie wollte allein sein mit ihrem Schmerz, selbst der Mutter öffnete sie auf ihr Klopfen nicht. Der Tag verrann und die Nacht brach an. Annie sah den Mond auf- und untergehen. Jetzt war Bernthal wohl schon fort und fern von ihr, ganz fern, und sie sah ihn niemals wieder auf der Welt. Aber vergessen wollte sie ihn nicht und wenn er tausend Meilen davon wäre. Ihr Herz wollte vor Jammer brechen. Unten im traulichen Parterrestübchen Fräulein Brunners, der liebenswürdigen Hauswirthin, saß die Frau Rath auf dem grünen Plüschsopha und klagte dieser ihr Leid. Das alte Fräulein war ganz Ohr und zeigte viel Theilnahme, wenn sie auch nichts dazwischen redete und still in ihrem Sessel saß. „Sehen Sie, er hatte gar keine Ahnung von unsern Verhältnissen," erklärte die Räthin, „trotzdem bethörte er das Kind. Ich kann ihm nicht so viel Geld geben, um seine Schulden zu bezahlen und dann auch noch Caution stellen, damit er den Consens zur Heirath bekommt. Ich bin keine reiche Frau! Das hätte er als Offizier, der nicht ohne Weiteres heirathen kann, vorher bedenken sollen, ehe er sich mit Annis verlobte! — Oder soll sie ihre Jugend vertrauern und zehn Jahre auf ihn warten, bis er vielleicht zum Major befördert wird? Da wird ihm die alte Jungfer auch nicht mehr gesallen — man kennt das! Es fiel mir recht schwer, meine Einwilligung zu versagen, doppelt schwer, weil ich sah, wie sehr er selbst unter den traurigen Umständen litt, aber ich konnte nicht anders. Nicht aus Mangel an gutem Willen, sondern lediglich aus Mangel an dem nöthigen Geld mußte ich meine Einwilligung zu der Heirath versagen." „Sie erzählen mir da recht traurige Dinge, gnädige Frau und ich hatte auch schon so eine Ahnung," sagte Fräulein Brunner bewegt. „Du lieber Herrgott, mir thun die beiden Liebesleute herzlich leid und ich möchte ihnen gern helfen. Ich will dem Oberlieutenant Geld borgen, er kann es mir im Laufe der Zeit mit Zinsen wiedergeben!" Einen Augenblick war die Räthin sprachlos, dann erwiderte sie erregt: „Um Gotteswillen, Sie sind wohl nicht bei Tröste, Fräulein Brunner! Nehmen Sie es mir nicht übel — aber was denken Sie wohl, wie viel er braucht? Zehntausend Gulden hat er allein nöthig, um seine Schulden zu bezahlen. Ich fiel beinahe in Ohnmacht, als ich's hörte! Zur Caution gehören aber rund fünfzigtausend Gulden. — Das sind große Summen!" „So viel? Das dachte ich nicht — dann allerdings bin ich auch nicht wohlhabend genug, um beizustehen. Ich bildete mir ein, ich könnte ihm mit ein paar tausend Gulden, die ich auf der Bank habe, aus der Noth helfen. Ich hätte es gern gethan, schon um die jungen Leute glücklich zu machen, denn was gibt es für uns Menschen im Alter wohl eine größere, edlere Freude, als das Glück der Jugend zu fördern. Schabe, daß ich nicht über mehr Geld verfügen kann, denn mein bischen Vermögen ist in zwei Häusern angelegt. Aber vielleicht kann ich doch eine Vereinbarung treffen, die dem Herrn Lieutenant Bernthal hilft- Ich will einmal mit meinem Rechtsanwalt darüber sprechen!" „Sie sind außerordentlich gütig, Fräulein Brunner, aber ich mag Ihnen nicht dazu rathen," rief hartnäckig die Räthin. „Das Geld müßte Ihnen doch sichergestellt werden, das wird der Lieutenant aber nicht können, und ich übernehme so große Verpflichtungen nicht. Keine Ruhe würde ich haben bei Tag und bei Nacht, denn nichts ist mir mehr zuwider, als Schuldenmachen. Er muß schon sehen, wie er fertig wird in der Welt, denn leichtsinnig ist er doch auch gewesen und Annie ist noch jung, sie wird ihn vergessen lernen." „Ehe sie das thut, da glaube ich eher, daß dort der Berg einfällt," sagte das alte Fräulein Brunner mit ungläubigem Kopfschütteln. „Aber Sie bedenken gar nicht, wie jung sie ist," versetzte die Räthin ungeduldig, „und wenn sie noch häßlich wäre und sich kein Anderer um sie kümmerte, als er, so wäre die Sache allerdings sehr traurig. Aber Annie ist doch ein hübsches, und noch sehr junges Mädchen und wird wohl noch einen anderen Verehrer finden, den sie lieben und heirathen kann." Aber Fräulein Brunner schüttelte wieder den Kopf. Nachdem die Frau Rath Göhren sie verlassen hatte, ging Fräulein Brunner nachdenklich im Zimmer auf und nieder. Dann setzte sie ihren besten Hut auf, band die altmodische seidene Mantille um und machte sich auf den Weg zur Stadt, In größter Aufregung war Bernthal in seiner Wohnung angelangt. Oft war der unglückliche junge Mann wie geistesabwesend. Er warf sich in einen Sessel und stöhnte und ächzte wie in Todesqualen. Jetzt war er allein und durfte ungesehen seinen grenzenlosen Schmerz austoben lassen. Lange Zeit blieb er in diesem entsetzlichen Zustande, erschüttert bis in’« tiefste Innere- Im Geiste erblickte er Annies bleiches, trostloses Gesicht, wie er es zum letzten Mal gesehen, starr, versteinert, in hilfloser Angst und Qual. Es war furchtbar für ihn, sich vorwerfen zu müssen, daß er die Herzensruhe des unschuldigen Mädchen» zerstört hatte. In leidenschaftlich hervorbrechender Aufwallung vergoß er Thränen- Unaufhaltsam strömten sie hervor — er weinte, wie er seit seinen Kinderjahren nicht geweint hatte. Ein Klopfen an seiner Zimmerthür ließ ihn auffahren. Es war sein Bursche, der herein kam und ihm ein in ein rosafarbenes Couvert geschloffenes Schreiben überreichte. „Von Lady Campello," berichtete der Bursche, „das Kammermädchen der gnädigen Frau brachte ihn soeben!" Mit Gleichgiltigkeit nahm Bernthal den Brief entgegen, öffnete langsam den Umschlag und entfaltete den parsümirten Bogen. Keine Miene verzog sich in seinem Gesicht, als er die feinen Schriftzüge überflog. Dann wandte er den Kopf und sagte packe Jose ober er e steck! Was alle Wa, gäNj und sage mit faßt mer! an- schw ged» wor eine sich stieg klop Ma Anr Sch zwis Sie Dm übe pha eilte ihm sch° zuä Uni die, der der spie mu sie wie tttÖ| wie als me schi ka» sie Hal - 399 - sagte mit ruhiger Stimme zu seinem Burschen: „Meine Koffer packen, Josef, ich will mit dem Nachtzuge nach Wien abreisen I" „Zu Befehl, Herr Oberlieutenant," erwiderte der Bursche Josef und ging sofort an seinen Auftrag. Nun las Bernthal zum zweiten Male das vorhin sehr oberflächlich durchflogene Schreiben. Aber die Finger, in denen er es hielt, zitterten. „Auch das noch I" murmelte er finster vor sich hin. Dann steckte er den Brief nachdenklich in die Brusttasche seines Waffenrockes. Eine Stunde darauf waren seine Koffer eingepackt und alle Reisevorbereitungen getroffen. Josef hatte nur noch den Wagen zur Fahrt nach dem Bahnhof zu bestellen. Bernthal verließ seine Wohnung, um noch einige unum» gängliche Abschiedsbesuche zu machen. Dem Bezirkshauptmann und mehreren älteren Offizieren mußte er persönlich Lebewohl sagen, das erforderte die Höflichkeit; jüngeren Kameraden sollte mit Karten Lebewohl gesagt werden- Aeußerlich war er gefaßt und ruhig, denn er wußte sich zu beherrschen. Niemand merkte es ihm an, daß schweres Leid seine Seele bedrückte. Und scheinbar ruhig schickte er sich auch zur letzten Visite an. Er mußte Lucia Campello Adieu sagen. Das war sein schwerster Gang. Die schöne Mexikanerin hatte bereits in fieberhafter Ungeduld auf sein Erscheinen gewartet, ebenso wie fie eine Antwort auf ihren Brief von ihm erwartete. Nachdem ihm der Portier des Hotel Nufsie, in dem sie eine ganze Etage gemiethet hatte, da sie viel Dienerschaft mit sich führte, versichert hatte, daß die gnädige Frau daheim sei, stieg er rasch die teppichbelegten Marmortreppen hinan und klopfte an die Thür des Vorzimmers ihrer Wohnung, wo sich Margitta, da« Kammermädchen, befand und ihn sofort ohne Anmeldung in das Boudoir ihrer Herrin führte. Lady Campello saß am offenen Erkerfenster in ihrem Schaukelstuhle, nach mexikanischer Sitte mit einer Cigarette zwischen den Lippen, und durchblätterte amerikanische Zeitungen. Sie hatte mit wahrhaft raffinirter Koketterie Toilette gemacht. Das rothblonde, üppige Haar floß in halb aufgelösten Ringeln über Hals und Schultern und wie ein Schleier über ihr phantastevoll garnirtes Spitzenkleid herab. Als Bernthal in ihr Boudoir trat, fprang sie hastig auf, eilte rasch und geschmeidig über den weichen Smyrnateppich zu ihm hin und reichte ihm ihre schöne Hand. Eine heiße Leidenschaft loderte dabei aus ihren fchwarzen Augen und ihre Lippen zuckten. Und diesem bestrickenden Feuer war jedoch eine sanfte Unterwürfigkeit dem Wesen dieser stolzen Frau beigemischt. „Böser, böser Mann," lispelte sie weich und klagend in ihrem fremden Accent. „Was habe ich gethan, daMSie mich seit vier Tagen unbarmherzig vernachlässigten? — Was habe ich verbrochen, um diese Kälte, diese Zurücksetzung zu verdienen? Sagen Sie es mir, ich bitte, ich beschwöre Sie!" Sie warf den Kopf in den Nacken, faltete die Hände über der Brust und blickte ihn schmachtend an. Bernthal hegte die Befürchtung, daß die Leidenschaft und der gekränkte Stolz des jungen Weibes ihm eine böse Scene spielen würden, wenn er nicht mit großem Geschicke ihrem Un- muth begegnete. Gerade ihre kaum verhaltene Gluth, mit der sie ihm entgegenkam, hatte seine ansängliche Zuneigung schnell wieder erkalten laffen. „Theure Mylady, liebe Lucia," sagte er so ruhig als möglich. „Fragen Sie nicht — dringen Sie nicht in mich! — Ich kann mich mit Erklärungen nicht aushalten, die Ihnen wie mir nur peinlich werden würden. Ich bin Offizier und als solcher nicht Herr meines Schicksals und auch nicht Herr meiner Zeit." „Sie hatten aber sonst mehr Zeit für mich übrig," schmollte sie. „Jawohl! Gewiß! Aber ich muß heute noch fort und ich kam her, um Abschied von Ihnen zu nehmen!" „Abschied nehmen? — Weshalb müssen Sie fort?" rief sie erregt und maßlose Angst ,klang in ihrer Stimme. „Sie haben vor fünf Tagen noch nicht an die Abreise gedacht und ch weiß keinen Grund dazu. Habe ich Sie unwissentlich beleidigt? Ach, theurer Freund, dann will ich abbitten — mich bessern! — Ich will meinen Stolz, meine Laune ablegen. Aber so sprechen Sie doch! Stehen Sie doch nicht so gleich» giltig da! Sehen Sie nicht meine Angst — nicht meine von Thränen gerötheten Augen, die ich um Sie vergossen Habel Aber ich ertrage es nicht länger, ich muß endlich erfahren, was Sie mir entfremdet hat. Darum reden Sie! Erklären Sie mir Alles! — Ich — ich —" Sie brach aufgeregt ab und preßte ihre Hand auf die heftig wogende Brust. „Sie sollen Alles erfahren, aber bitte, beruhigen Sie sich erst ein wenig," erwiderte Bernthal leise und bot ihr den Arm, führte sie zu einem Fauteuil und ließ sich auf einem Tabouret nieder, das zur Seite stand. Trotzdem er gewohnt war, Damen gegenüber stets zarte ritterliche Rücksicht auszuüben, fühlte er sich heute bewogen, nichts zu beschönigen und der heißblütigen Mexikanerin die Wahrheit zu offenbaren. Aber es war ihm eine grenzenlose Pein, daß er es thun mußte. „Ich habe Sie lieb wie ein Freund, wie ein Bruder, theure Lucia," erwiderte er so sanft als möglich, „und in dieser Weise habe ich Sie immer geliebt. Ihnen mehr zu sein, ist mir aber unmöglich und tief beschämt stehe ich vor Ihnen, daß ich Ihre Gefühle nicht erwidern kann!" Seine Stimme zitterte, die Worte waren ihm zu schwer geworden. „Sie stoßen mich zurück! Sie verachten mich!" rief sie mit flammenden Blicken. „Aber warum denn? Warum denn? Oder sollte es wahr sein, was gestern einer Ihrer Kameraden bei der Mittagstafel erzählte — Ihr Herz wäre eine Wetterfahne und schwirrte jetzt um einen neuen Stern herum! — Aber dann hätten Sie ja Comödie mit mir gespielt I O, mein Gott, Sie ließen mich doch glauben, daß —" Sie schnellte mit Ungestüm empor und warf sich vor Bernthal auf die Kniee. „Nein, nein! Sie können mich nicht getäuscht, nicht ver- rathen haben, nachdem Sie mir so lange treu waren!" stieß sie in wahnsinniger Verzweiflung hervor und umklammerte seine Hände. „O, lassen Sie mich an Ihre Liebe glauben, verlassen Sie mich nicht! Alles, was ich bin und habe, lege ich Ihnen zu Füßen, ich kehre nicht wieder nach Mexiko zurück; ich breche mit Heimath und Familie, mit Allem, und folge Ihnen, theurer Franz, wohin Sie mich führen wollen." Ihre Worte erstickten in einem heißen Strom von Thränen» Bernthal war von diesem Auftritt entsetzt, seine Augen weiteten sich vor Erregung. Daß Lucia Campellos leidenschaftlich südländisches Naturell so alle weibliche Würde in den Hintergrund drängen würde, hatte er sich doch nicht vorgestellt. Aber seine Entschlossenheit wankte nicht- Mit discreter Zartheit befreite er seine Hände von den ihren und trat so weit von ihr fort, daß zwischen ihnen ein weiter Raum blieb. „Beruhigen Sie sich, gnädige Frau!" sagte er- „Weinen Sie nicht so bitterlich! Es thut mir sehr wehe, daß Sie so viele Liebe nutzlos für mich vergeuden. Ich kann Ihnen mein Herz nicht schenken — denn ich kann Sie nicht belügen und betrügen!" Sie stieß ein heiseres Lachen aus. „Also verschmäht bin ich, verschmäht!" schrie sie auf. „Doch jetzt will ich Alles wissen, genau wissen! — Ich habe ein Recht, zu fragen! — Schauen Sie mir offen in die Augen und antworten Sie mir auf Ehrenwort! Lieben Sie eine Andere? Die Wahrheit will ich wissen, Herr OberlieutenantI — Die Wahrheit! — Antworten Sie doch!" Ihre schwarzen Augen schossen förmlich Blitze. Jetzt war neben der Leidenschaft das unheimliche Feuer der Eifersucht darin zu sehen. Bernthal behielt noch immer seine Fassung — obwohl im Innersten empört über die Art und Weise, wie die Mexikanerin, der er nie eine Liebeserklärung gemacht hatte, ihm jetzt entgegentrat. (Fortsetzung folgt.) — 400 — Gemeinnütziges» Alle mehrjährigen Gemüsepflanzen, von welchen nickt die Samen oder Blüthen, sondern nur die Blatter geerntet werden sollen, z- B. Seekohl, Rhabarber,Sauerampher soll man während des Sommers nie in Blüthe kommen lassen. Etwaige Blüthenstengel schneidet man ab, sobald sie erscheinen, das Blühen die Pflanzen unnöthigerweise schwächt und dm eigentlichen Ertrag an Blättern und Wurzeln gewaltig schmälert. Die Blättergemüse verlangen nach jedem Schnitt einen tüchtigen Dungguß, damit sich von Neuem ein kräftiges Blattwerk entwickeln kann. * # Methode, wachsende Früchte gegen die Beschädigung der Meisen, Wespen re. zu schützen. In vielen Fällen werden die feinsten Birnen, Aprikosen rc. von den Meisen aufgepickt, oder von den Wespen benagt; auf die fo gebildeten Löcher wirken dann die Luft und der Regen, und die Frucht verdirbt. In solchen Fällen ist es ein wirksames Mittel, die Löcher sobald wie möglich mit em wenig Gvps und Wasser auszufüllen. Dadurch wird Luft und Wasser ausgeschlossen, ohne dem Wohlgeschmack der Frucht Nachtheil zu bringen und dem Verderben derselben gänzlich Einhalt ge- ♦ Zur Gewinnung von Gurkensamen läßt man die schönsten Gurken vom zweiten Ansätze an den Stücken, legt sie aus Ziegelstücke und nimmt sie ab, wenn sie gelb stnd- Dann läßt man sie an einem trockenen luftigen Orte zum Nachreifen liegen, nimmt darauf das Mark sammt den Kernen heraus, thut dasselbe in eine Schüssel und reinigt die Kerne nach 4 bis 6 Tagen durch Waschen in einem Siebe. Die guten Kerne fallen im Wasser zu Boden; diese trocknet man schnell an der Sonne ab, reibt die aneinander klebenden auseinander und bewahrt sie auf. Sie sind 5 bis 6 Jahre, oft auch noch länger keimfähig^ * ♦ Vegetabilische Erde gewinnt man durch in Verwesung übergegangene Pflanzen und Pflanzenstoffe und ist für mancherlei Aussaaten und Pflanzen viel zweckmäßiger als andere, in welchen auch thierische oder animalische Dungstoffe mit enthalten stnd. Zu ihrer Gewinnung sammelt man alles Unkraut, ausrangirte Pflanzen, Pflanzenabfälle, Laub, Rasen rc., schichtet diese auf Haufen und läßt sie so in Verwesung übergehen. Thierischer Dünger und Mistjauche dürfen, wenn solche Erde, welche einen vorzüglichen Dünger für empfindlichere und feinere Topfgewächse bildet, für sich rein erhalten werden soll, nicht beige» mischt werden. * # •' Die jungen Truthähne sind in dem Zeitpunkte, wo ihre Fleischdrüsen sich zu entwickeln anfangen, einer sehr gefährlichen Krise ausgesetzt, man sagt, sie erhalten das „Roth". Solche Thiere sind stets in der Wärme zu halten, es ist ihnen Brod in Wein, gestoßener Hanf- oder Fenchelsamen unter's Futter zu geben. * , ♦ Die Abzehrung oder Schwindsucht der Tauben ist eine Krankheit, die hauptsächlich bei den jungen Tauben auftritt. Sind Junge in dem Alter, wo sie allein fressen, davon befallen, fo setzt man sie in einen besonderen Schlag, wo sie nicht fortwährend von den Alten gestört werden, und in Ruhe ganz nach Belieben fressen können. Sind die äußersten Schlagfedern vollständig ausgewachsen, so zieht man an jedem Flügel die Feder, welche zuerst mausern muß, also die zehnte von außen aus. Ebenso zieht man die mittelsten Schwanzfedern aus und entfernt die kleinen Federn über und unter der Oeffnung; dies alles um eine schnellere Mauser herbeizuführen, denn langsame und unregelmäßige Mauser ist eine der Hauptursachen dieser Krankheit. Hierauf gibt man jeder kranken Taube eine Blutreinigungspille, die man in großer Menge im Handel findet. Wenn bei einer schon sechs Wochen lang ausfltegenden Taube der Gesundheitszustand noch mcht befriedigt, oIwendet man eine leichte Abführung durch etwas Bittersalz pro Taube an, füttert regelmäßig, ohne Uebermaß, dreimal Mich zu festgesetzten Stunden- Den Schlag muß man aber Abends schließen, damit Morgens bei der ersten Fütterung alles zur Stelle ist. Tritt diese Krankheit aus, so ist in der Regel schlechte Nahrung die Urfache davon; man wechsle dann ofort mit dem Futter und gebe Reis, trockenes Brod und geschälte Gerste, wie einmal eine Bittersalzlösung. Aufbewahren der Wäscheleinen. Unseren Haus« ftauett macht das Aufbewahren der Wäscheleinen oft Kopszer- brechen, da es ihnen an geeigneten Vorrichtungen fehlt, und die Leine nimmt leicht Schaden, wenn sie nicht aufgewickelt wird. Eine recht praktische Vorrichtung hat nun Herr Schlosser- meister Kudell in Breslau ersonnen und sich durch Vermittel- lung des Internat. Patentbüreaus von Hermann u. Co. in Oppeln schützen lassen. Die Vorrichtung besteht aus einer Art Trommel, auf welche die Leine aufgewickelt wird. Bei dieser Behandlung wird die Leine sehr geschont und da die Vorrichtung auch den Vorzug großer Billigkeit hat, dürfte sie allen praktischen Hausfrauen sehr willkommen sein. Vermischtes« Humor in der Schulstube. Ein Schulinspektor im Mecklenburgischen stattete eines Tages der Dorfschule seines Reviers einen Besuch ab und stellte, rote gewöhnlich , einige Fragen an die Schulkinder, um deren Bildungsgrad kennen zu lernen. So fragte er unter Anderem auch einen paus- bäcktgen, strammen Burschen: „Sag' mal, Peter, hast Du einen Begriff, was recht und Unrecht ist? — »Nee. — Der Inspektor machte eine bedenkliche Miene und beeilte sich, dem Knaben die Sache an einem Beispiel klar zu machen. „Sieh mal, Peter," sprach er, „wenn Dein Kamerad Jochen von seiner Mutter einen Apsel erhält und Du nimmst ihm denselben fort, was thust Du da?" „3d fret em up! roar die prompte Entgegnung des ^Burschen. Vereinfachung. „Mein Neffe zu Hause?" - „Er liegt noch im Bettl" - „Noch — um ein Uhr? . - Sie me nen, er hält W Mittagsschläfchen!?" - „Ja, ja, er verbindet das immer miteinander!" * * Geschäftssprache. „Nun, sagen Sie 'mal, wie geht'» mit den Geschäften?" — So lange ich liegende Gasmotoren vertrieb, ritt ich mich immer tiefer hinein; seit ich mich aber auf Stacheldraht verlegt habe, komme ich glatt vorwärts! Deplazierte Redensart. A.„Du willst Komiker werden? Ich glaube, zur Bühne hast Du kein Talent!" — „Na, wenn alle Stricke reißen, werde ich Seiltänzer!-- " • * Schlagender Beweis. „Aber Sepp/Ihr schlagt Euer Weib; schämt Euch! Warum thut Ihr das?" -- „Sie hat es abgelehnt, Frau im Hause zu sein!" — „Was will sie denn sein?" — „Herr im Hause l Und das leide ich mcht, und aus dem Grunde will ich sie vom Gegentheil überzeugen, daß ich's bin!" UnterSchriftstellern. Erster Schriftsteller: „Denke Dir, Freund, bei dem gestrigen Brande stnd mir meine besten Manufcripte mit verbrannt!" — Zweiter Schriftsteller: „Ja, ja, wohlthätig ist des Feuers Macht!" Redaction; I. V.: Hermann Elle. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr- Pietsch) in Gießen.