Unr«vhalt»n,g-bl«tt jun» «Siebener Anz«ig«v (Gen«val-Anz»ig«v> cJkHs.» t rin? -■r*1'--^ fei V d '1- Samstag, de« 28. Juli. Das Geheimmß der Droschke. Von F. Hume. (Fortsetzung.) Dann erhob sich Doctor Philipp Mark. Lautlose Stille herrschte im Saale, man hörte nur das Athmen der Anwesenden. Er begann mit einer lichtvollen Beschreibung der That- umstände und fesselte die Aufmerksamkeit der Jury bei jedem einzelnen Punkt derselben — bewies haarscharf, daß die Anklage lediglich auf zufälligem Zusammentreffen eigenthümlicher Umstände beruhe und daß der Nachweis der Identität der Person des Mörders mit derjenigen des Angeklagten gänzlich fehle. Die Aussage des Fiakers, der nach eigenem Geständniß um diese Zeit berauscht war, sei der einzige Beweis, der von bet Anklage geführt werde. Der Mord sei mittelst Chloroform geschehen; folglich müsse der Angeklagte sich dieses Gift irgendwo verschafft haben. Für diese Beschaffung fehle indeß jeder Nachweis. Derselbe Zeuge habe beschworen, daß der Herr, der in der Liechtenstetnstraße seinen Wagen verließ, einen großen Brillantring getragen hatte — dasselbe behauptet unter seinem Eid der zweite Fiakerkutscher von dem Herrn, den er in die Heugasse geführt hatte. Dem gegenüber gibt Felix Roller an, daß Jvanyi niemals einen Ring, — nicht einmal einen Verlobungsring getragen rc rc. — Das Gebäude der Anklage verlor allmählig an Boden, bis es endlich wie weggefegt schien vom Sturm der Beredtsamkeit des Vertheidigers. Der Alibi- Beweis war der letzte Ring in der Kette der Unschuldsbeweise und Doctor Mark schloß mit einer brillanten Apostrophe an die Geschworenen, deren Verdick, so meinte er, nicht anders lauten konnte, als: „Nichtschuldig". Nachdem der Vertheidtger geendet, ging abermals ein Murmeln der Bewunderung durch den Saal. War es eine Anerkennung der großartigen Rednerleistung oder der Ausdruck der Befriedigung über die Wahrscheinlichkeit eines frei- sprechenden Urtheils? Die Geschworenen hatten den Saal verlassen. — Erne lange, bange Stunde verrann; es schien Margarethe, daß jede Minute eine Ewigkeit wäre und in namenloser Qual harrte sie des Urtheilsspruches. „Nichtschuldig!" — schlug es mit einem Male an ihr Ohr. — Sie hatte das Wiedereintreten der Geschworenen nicht bemerkt — und erst dieses langersehnte, langerflehte Wort hatte sie aus ihrer dumpfen Betäubung zu erwecken vermocht. — Ein lautes Beifallsgemurmel — eine anhaltende Bewegung! Der Vorsitzende konnte sich bei Begründung des Urtheils kaum vernehmbar machen. Margarethe aber stürmte hinaus — an die Brust des Mannes, an dessen Unschuld ihr Herz nie gezweifelt hatte. XX. Mehrere Monate waren verstrichen. Anton Weber hatte feine Villa in Gmunden bezogen und für Margarethe kamen stille Tage. Sie selbst war ernst und ruhig geworden, das arme Mädchen; ihr heiterer Uebermuth, der sonnig-fröhliche Ausdruck ihres feinen Gesichtchens war verschwunden und man konnte darin einen melancholischen Zug erkennen. Die Aufregungen des Processes, über dessen Ausgang in der Wiener Gesellschaft lebhafte Befriedigung herrschte, hatte tiefen Ernst über ihr Wesen gebreitet — aus dem lebensfrohen Mädchen, das keine Sorge gekannt, dem kein Weh das Herz bedrückt, war — ein Weib geworden. Als ihr Vater sie nach Gmunden brachte, hatte er gehofft, daß die Aenderung in der Lebensweise, die kräftigende Seeluft die bleichen Wangen seines Lieblings bald wieder färben werde. Aber alle Bemühungen schienen umsonst, ihr Aussehen war noch immer ein wenig krankhaft, ihr Auge blickte matt, ihre Bewegungen waren müde. Auch Destder Jvanyi war nicht der Alte geblieben. Sein blondes Haar begann schon hie und da einen weißen Schimmer anzunehmen. Es war, wie wenn sein Gemüth sich verdüstert hätte. Wiewohl er seiner Braut nach Gmunden gefolgt war, besuchte er sie nicht oft — und immer nur dann, wenn er Weber selbst nicht zu Hause wußte. Er verbarg seine Abneigung gegen diesen Mann nicht — zum größten Schmerze Margarethens, die- für ihr neugefundenes Glück fürchtete, die in der Angst lebte, daß sie eines Tages gezwungen werde, einen von diesen Beiden, die sie herzlich liebte und denen sie selbst Alles galt, verlassen zu müssen. k Desider Jvanyi verbrachte den größten Theil des Tages auf dem See, um durch körperliche Anstrengungen die Eindrücke der letzten qualvollen Wochen zu vergessen. Tiefer denn je liebte er seine Braut. Wie hatte sie sich in den Tagen der Noth als treu und tapfer erwiesen! Was für Opfer hatte sie ihm gebracht! Und wenn er Jemanden seine Rettung ver- danken konnte, so war es sie, welche den Advocaten auf die rWige Fährte Fracht. Seine für einen Bräutigam seltenen Besuche im Hause des Millionärs hatten auch darin seinen Grund, daß Weber eine Menge Bekannter eingeladen hatte und Jvanyi fürchtete, der Mittelpunkt einer Aufmerksamkeit und Neugierde zu sein, die ihn immer peinlich berührte. Unter den Gästen befand sich Felix Roller, dem die Ehe einen guten Theil des Interesses, das er zu erregen gewohnt war, geraubt hatte; seine Frau, eifersüchtig auf die Talente ihres Mannes, 346 und von einem fast krankhaften Ehrgeiz beseelt, zwang ihn, sich mit ernsten Studien zu beschäftigen, denn sie hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, daß ihr Felix berufen sei, eine große politische Rolle zu spielen. Ein wesentlich anderer Ehrgeiz erfüllte ihre Schwester Juliane Federn, die zu keinem andern Zwecke nach Gmunden gekommen war, als zu dem, das Herz Webers zu gewinnen. Hätte dieser von dem Plane gewußt, — er wäre wahrhaftig sehr erstaunt darüber gewesen. Außer diesen alten Bekannten schloffen sich an Webers noch andere Leute an, wie ein junger Engländer, der das Reisen zu seinem Beruf gemacht hatte, dann ein älterer Herr, ein Jugendfreund des Millionärs, und ein Arzt, Namens Doctor Friedrich, der, wie ein Scherzwort Rollers sagte, von Wien abgereist sei zur Erholung — seiner Patienten. Margarethe bewegte sich unter den Gästen mit ziemlicher Theilnähmlosigkeit. Sie saß am liebsten allein auf der Ter- raffe, wo sie sich — im Anblicke des Sees — ihren Träumen hingeben konnte, gern auch in Gesellschaft der rothen Sali. Diese sah jetzt, einige kurze Monate nach dem Proceß, ganz anders aus als damals. Margarethe hatte sie, trotz der Abmahnung ihres Vaters und ihres Bräutigams, zu sich genommen und bemühte sich, aus dem verwahrlosten Geschöpf ein menschenwürdiges Wesen zu machen; sie lehrte sie lesen, lehrte sie auf sich achten. Sie fühlte sich hingezogen zu dem Mädchen, durch deren entscheidende Aussage Desider gerettet worden war. So saßen die Mädchen auch heute beisammen. Rosalia Pfeifer, deren schlanke Gestalt ein einfaches dunkles Kleid einhüllte und deren üppiges Haar ein weißes Häubchen krönte, hatte das Buch, aus dem sie ihrer Herrin vorgelesen, um diese von ihren Fortschritten zu überzeugen, zur Seite gelegt. Da Margarethe nicht in der Stimnmng war, den Unterricht fortzusetzen, schwiegen Beide eine geraume Zeit hindurch. Endlich sagte Fräulein Weber hastig: „Ich muß Dich etwas fragen, Rosal" „Wegen jener Sache?" kam es zögernd von den Lippen der Angeredeten. Margarethe nickte zustimmend. „Ihnen will ich Alles sagen, Alles," rief Rosa (so wurde sie hier genannt) leidenschaftlich. „Sie sind ja so gütig gegen mich I" „Also, dann sprich. Wer war die Frau, welche Herr Jvanyi damals besucht hat?" Rosalia Pfeifer überlegte. „Wir fanden sie eines Tages vor unserem Hause bewußtlos liegen und nahmen sie hinein," flüsterte sie. „Sie war in tiefer Ohnmacht und sah nicht aus wie unseres Gleichen Sie trug schöne, seine Kleider. Als sie zu sich kam, schickte mich die Alte hinaus. Wie ich aber wieder eintreten durfte, haben die Beiden sich umarmt und geküßt." „Hat Deine Großmutter die Fremde gekannt?" „Es scheint so. Sie hat mit mir nicht darüber gesprochen. Am andern Tage sagte sie mir, daß die Dame bei uns bleiben werde, weil sie krank sei. Dann hat sie mich gleich nach Wolski geschickt." „Und ist er gekommen?" „O ja, sehr oft. Das erste Mal hat er geflucht, dann hat er ihr den Arzt geschickt. Aber es hat nichts genützt. Vierzehn Tage, nachdem sie zu uns gekommen war, ist sie gestorben — in derselben Nacht, in welcher ich Herrn Jvanyi holen mußte." „Hat Herr Wolski viel mit ihr gesprochen?" „Ja. Aber er hat immer zuerst die Alte und mich hinausgewiesen." „Und . . ." fragte Margarethe zögernd, „hast Du etwas davon gehört, was er gesagt hat?" „Ja, einmal. Ich war zornig, weil er immer grob mit uns war, und einmal hab' ich mich zur Thürs gesetzt und gehorcht. Er hat Papiere von ihr verlangt und sie hat sie nicht geben wollen. Dann hat sie's doch gethan." „Hast Du diese Papiere gesehen?" „Nur sehr schlecht. Ich hab' durch'« Schlüsselloch geschaut; sie hat die Papiere unter den Polstern herausgezogen und er hat sie zum Tisch genommen und gelesen. Sie waren in einem blauen Couvert und große Buchstaben waren darauf. Dann hat er sie eingesteckt. „Du wirst sie verlieren," schreit sie und er sagt: „Nein, ich werde sie immer bei mir tragen, und wenn er sie mir nehmen will, muß er mich erst umbringen." „Und Du weißt nicht, wen er damit gemeint hat?" „Nein, er hat den Namen nicht gesagt." „Und wann war das?" „Vielleicht eine Woche, ehe sie gestorben ist. Nach dem ist er nie mehr gekommen. Sie hat Tag und Nacht auf ihn gewartet und war wie wahnsinnig, weil er sich nicht hat sehen lassen. Einmal hat sie gesagt: „Du glaubst, Du bist fertig mit mir — und läßt mich hier sterben, ohne Dich um mich zu kümmern — aber warte, ich will Dir Dein Spiel verderben." „Und was hatte sie mit Jvanyi gesprochen? Hast Du nichts gehört?" „Nur wenig. Ich hab' es vor Gericht nicht sagen wolle« — ich hab' mich gefürchtet. Er hat geschrieen: „Sie sind toll. Es ist nicht wahr." Und sie: „So wahr ein Gott im Himmel ist, und Wolski hat alle Documente." Da schluchzte er: „Armes Kind." Und sie schreit: „Ihm müssen Sie das Spiel verderben!" Dann fragt er: „Wie heißen Sie?" sagt sie . . ." „Was?" schrie Margarethe, vor Erregung zitternd. „Rosina Mori." Man hörte einen lauten Ausruf, als das Mädchen diesen Namen sprach. Jvanyi stand neben den Frauen. „Weiteri" sagte er. „Mehr weiß ich nicht," versetzte Rosa in mürrischem Tone. „Gott sei Dank," dachte Jvanyi. „Gehen Sie," sagte er dann laut. „Ich habe mit Fräulein Weber zu sprechen." Rosa nahm ihr Buch und verließ nach einem sragenden Blick auf ihre Gebieterin, die zustimmend nickte, die Terrasse. Jvanyi warf sich in einen Lehnstuhl. „Wozu hast Du das Mädchen ausgefragt?" rief er fast heftig. Margarethe wurde dunkelroth, stand auf und ergriff seine Hände. „Warum bist Du nicht aufrichtig gegen mich? Warum sagst Du mir nicht Alles?" fragte sie sanft und sah ihm bittend in die Augen. * „Weil es keinen Zweck hat. Das Geheimntß, das Rosina Mori mir auf ihrem Sterbebett mitgetheilt hat, enthält nichts, was Dich erfreuen könnte." „Betrifft es mich?" „Ja und nein." „Also betrifft es eine dritte Person und mich!" meinte sie ruhig. „Vielleicht. — Aber es kann Dir nicht schaden, so lange Du es nicht weißt, aber wehe Dir, wenn Du es erfahren solltest!" „Mein Leben ist jetzt so schön," flüsterte sie, mit einem schwachen Versuch, zu lächeln, „und was Du da sagst, wird es gänzlich verbittern." „Ich bitte Dich, Margarethe," rief er streng, „frage nicht weiter! Es könnte Dich unglücklich machen." Er stand auf, lehnte sich über das Gitter der Terraffe und schaute in den glänzenden See. — „Soll das Paradies noch einmal verloren werden?" sagte er träumerisch. „Ist das ein Paradies, wenn ich jeden Augenblick fürchten muß, daraus verjagt zu werden?" „Warum aber? Denke nicht an dieses Geheimniß. Gegen meinen Willen habe ich Doctor Mark verrathen, daß ein solches besteht und daß ich es von Rosina Mori erfuhr — ich sage Dir offen, daß es Dich betrifft, aber nur mittelbar durch eine dritte Person. Laß es ruhen, Liebste, ich bitte Dich — und zerstöre nicht unser Beider Glück." — Sie gab keine Antwort. „Meine theure Braut," fuhr er fort, „hast Du so wenig Vertrauen zu mir? Deine Liebe hat sich in einer so harten Zeit bewährt — sollte sie jetzt so schwach geworden sein? Mir zu Liebe — forsche nicht länger — ich würde so gerne Deinen Wunsch erfüllen — ich kann, ich darf es nicht! — Geliebte," rief er, „wir wollen ein neues Leben beginnen, das alte abwerfen und nicht anders daran denken, als an einen wüsten Traum." „Es sei, wie Du es willst," flüsterte sie und schmiegte sich an ihn. „Aber dieses Geheimniß wird Dich immer quälen." - „Nein — ich werde es mit der Zeit vergesien — mit Hilfe neuer Eindrücke," sprach er langsam, indem er seine Braut scharf ansah. „Willst Du denn fortgehen?" „Ja — ich will sür immer fort aus Oesterreich." „Und wohin?" „Wohin immer — nur fort — nur fort!" „Allein?" „Das sollst Du mir sagen. Ich bin heute in der Absicht gekommen, Dich zu fragen, ob Du Dich entschließen könntest, mich sehr bald zu heirathen und mit mir zu gehen." Sie gab keine Antwort. „Wird es Dir schwer?" fragte er weiter. „Ich weiß, daß es viel verlangt ist. Hier hast Du Deine Heimath, Dein Haus — Deinen Vater," fuhr er unsicher fort, „aber denke, wie einsam ich wäre ohne Dich — Du wirst mich nicht verlassen, Du wirst weiter mein Schutzengel sein wie bisher." — Seine Stimme brach- Sie legte ihren Arm um seinen Nacken. „Ja," sagte sie einfach. Er jubelte auf. „Ich wußte er ja." Nun begann jenes glückselige Geplauder, das nur Liebesleute kennen — jenes süße Vorwärtsschauen in eine Zukunft, die so schön, so rein nur von einem Brautpaare geträumt werden kann. Endlich sprach Margarethe; „Was wohl der Vater dazu sagen wird?" Eine Wolke flog über Jvanyis Stirn. „Ich werde mit ihm darüber sprechen müssen." „Freilich," sagte sie leichthin- „Es ist wohl nur eine Formalität — aber man muß sie erfüllen." „Wo ist Dein Vater?" Mit diesen Worten erhob er sich. „Hier kommt er gerade," antwortete sie. Jvanyi war mit Weber einige Zeit nicht zusammengekommen und war verwundert über sein verändertes Aussehen. Früher aufrecht in seiner Haltung, mit starkgefärbtem, frischem Gesicht, ging er jetzt gebeugt und sein Antlitz trug die Spuren durchwachter Nächte, nur die Augen hatten ihren festen Blick behalten. Sein düsteres Gesicht erhellte sich, als er seine Tochter erblickte. Er begrüßte Jvanyi mit großer Herzlichkeit. „Mein lieber Freund," rief er, „wie freue ich mich, Sie endlich zu sehen. Sind Sie schon lange da?" „Etwa eine halbe Stunde," sagte Jvanyi und ergriff nicht ohne Zögern die Hand, welche der Millionär ihm bot. „Ich hätte Ihnen etwas zu sagen." „Ich bitte. Sie bleiben doch zu Tische?" „Ich danke — nein —" „Sie muffen bleiben, nicht wahr, Margarethe?" „Freilich, Desider, Du kommst nicht so oft, daß ich Dich gleich wieder fortlaffe." Jvanyi überwand seine Abneigung gegen Herrn Weber und blieb. „Und nun," sagte dieser, indem er Platz nahm, „was wollen Sie mir sagen? Ist es geschäftlich?" „Nein — ich- habe Alles liquidirt l" „Warum?" „Ich will fort." „Ah — und Margarethe?" „Margarethe ist einverstanden, daß unsere Hochzeit demnächst stattfindet — und ich möchte Sie um Ihre Einwilligung bitten." „Unmöglich!" antwortete der Millionär. „Unmöglich? Warum?" rief Jvanyi erschreckt. „Warum verweigern Sie Ihre Einwilligung? Ich habe jetzt ein beträchtliches Vermögen." „Ach," sagte in wegwerfendem Tone der Millionär. — „Vermögen! Dessen hab' ich genug für Euch Beide — aber ich kann ohne Margarethe nicht leben." „So komm' mit uns," bat die Tochter. Weber stand auf, nahm den Arm seiner Tochter und sagte: „Gehen wir zu Tische." XXI. Durch die offenen Fenster des Spetsesaales wogte die frische Seelust herein und vergrößerte das Behagen der Gäste, die sich im Hause Webers eingefunden. Man hatte an der blumengeschmückten Tafel der Millionärs vortrefflich gespeist und befand sich in der rosigsten Laune. Diese wurde erhöht durch die drolligen Witzworte, welche Felix Roller zum Besten gab, der arme Felix Roller, welcher seit seiner Verheirathung fast immer in etwas gedrückter Stimmung herumging, stets in der Furcht, etwas zu thun oder zu sagen, was seiner Frau mißfallen könnte. Jetzt saß sie ihrem Manne gegenüber — aber seinem Anblicke durch eine mächtige Jardiniöre entzogen, die er zur Seite zu rücken keinen Grund fand. Er benützte vielmehr die Gelegenheit, sich ohne Furcht vor einem scharfen Blicke nach seiner Faxon zu unterhalten und übersprudelte von allerlei Schnurren, Witzen und Anekdoten, daß Jvanyi» düstere Stirn sich glättete und heiterer wurde, und Margarethe ihn dankbar ansah. Der einzig Gelangweilte in der Gesellschaft schien Anion Weber zu sein — er blickte zerstreut umher und hörte nur halb den Reden des Fräuleins Juliane Federn zu, die den Sturm auf das Herz des Millionärs fortsetzte. Hie und da richtete er ein Wort an einen alten Herrn Namens Galster, der vor vielen Jahren Webers Bekanntschaft gemacht und mit ihm auf demselben Schiffe nach Amerika gereist war. Zum großen Vergnügen seiner Frau schlug Felix Roller im Laufe der Unterhaltung ein politisches Thema an, mußte aber zu seinem großen Leidwesen erfahren, daß man seinen ernsten Auseinandersetzungen nicht halb so viel Aufmerksamkeit schenkte, wie seinen heiteren Einfällen. Aergerlich wandte er sich deshalb an Anton Weber: „Sie haben sich wohl nie mit Politik beschäftigt, nicht wahr?" „Nein," erwiderte der Hausherr aufrichtig. „Mir fehlt das Verständniß für die verwickelten Verhältnisse unseres Landes, auch habe ich wahrhaftig immer viel zu viel zu thun gehabt, um mich um solche Dinge kümmern zu können." „Und jetzt, Herr Weber?" fragte Roller, welcher an die werktätige Hilfe des Millionärs dachte, da er sich mit der Absicht trug, bei den nächsten Wahlen als Candidat irgend einer Partei von großer Zukunft aufzutreten. „Hm — jetzt werde ich mich noch weniger darum kümmern — ich gehe auf Reisen." „Sie haben doch eigentlich genug von der Welt gesehen," mischte sich Galster mit einer eigenthümlich unangenehmen Stimme in's Gespräch, — „Amerika und andere Welttheile, — ja damals war's freilich ein anderes Vergnügen zu reifen als heute — jawohl — ein Genuß," — seine Augen nahmen etwas Stechendes an, — „wir waren jung und uns gefiel Alles — besonders die Theater mit ihren Opern und Balletten — hm —" er schnalzte mit der Zunge, — „da gab's eine Tänzerin — eine Tänzerin sag' ich Ihnen — na, so eine wie Rosina gibt's nicht mehr." Jvanyi war bei Nennung dieses Namens zusammengefahren und erbleicht. Wovon sprach man da? „Wer war diese Rosina?" fragte Roller, den Alles in* teressirte, was das Theater anging. „Als wir sie kennen lernten, war sie Tänzerin, dann Soubrette," meinte Galster, mit dem greisen Kopfe nickend- — Eine Schönheit — jawohl — eine große Schönheit- Und wir waren Alle närrisch verliebt in sie — in diese Rosine — he, nicht wahr, Weber?" Der Angeredete antwortete nicht, da er sich gerade von den Damen verabschiedete, welche im Begriffe waren, sich in den Salon zu begeben, aber Jvanyi bemerkte, daß er mit einem Mal todtenblaß geworden sei. (Fortsetzung folgt.) - 348 - Gemeinnütziges. Die Zeit der Obstflecken in Tischtüchern und Ser« vielten ist da, jeder Hausfrau, die ihr Leinenzeug liebt, ein Schrecken. Mag es erlaubt fein, einer solchen für Entfernung dieser und der so gefürchteten Rothweinflecken ein ebenso einfaches'wie unschädliches und nicht allbekanntes Mittel anzugeben. Man läßt das befleckte Tafeltuch auf dem Tisch glatt liegen, um das Verknittern desselben zu vermeiden und schiebt unter den Flecken eine der Größe desselben entsprechende emaillirte oder Porzellanschüffel mit kochendem Wasier, spannt das Tuch straff und möglichst fest trommelfellartig darüber und hält es möglichst nach allen Seiten fest. Sodann gießt eine zweite Persönlichkeit langsam und vorsichtig kochendes Waffer auf die mit Obst oder Rothwein befleckte Stelle, bis die Flecken bis auf den letzten Hauch verfliegen. Darauf vertauscht man die mit Waffer gefüllte Schüssel mit einer reinen leeren und trocknet fo, über diese gespannt, die durchnäßte Stelle des Tischtuches. Kleine Gegenstände, wie Servietten, Schürzen rc. kann man selbstverständlich zum nachherigen Trocknen aufhängen, da das Glätten derselben nicht so lästig und umständlich ist, wie bei großen Tafeltüchern, die meist begossen werden, wenn sie blendend weiß aus dem Leinenschrank aufgelegt worden sind. Die Versendung der Aprikosen und Pfirsichen verursacht mancherlei Schwierigkeiten, besonders die Ersteren, welche beim Versandt äußerst schnell in Reife bezw. Ueberreife übergehen und man sollte deshalb die Ersteren im Verhältniß noch um einen Tag früher oder, anders ausgedrückt, unreifer für die Verpackung pflücken. Mit dem Füllmaterial (Holzwolle ist besser als Papierschnitzel) spare man nicht, wenn auch einige Früchts weniger in den Korb resp. in die Kiste gehen. Die Kisten dürfen nicht höher sein, als für 2 Schichten Früchte nöthig ist. Kisten von 12,5 cm. Höhe, 23,5 cm. Breite und 33,5 cm. Länge haben sichzfür 60 Früchte bewährt. Wo die Früchte der Obstbäume schön farbig und schmackhaft werden sollen, entfernt man einige sie beschattende Blätter; kein Blatt sollte sich an eine Frucht anlegen — sie bleibt da stets grün oder farblos. * * Der Sommerschnitt bei deu Beerensträuchern sollte nicht nur im kleinen Hauszarten, sondern auch bei der Großkultur zur Anwendung kommen, um eine bessere Ausbildung der Früchte zu erlangen; denn je vollkommener dieselben sind, desto weniger Rückstände ergeben sie bei den verschiedensten Verwendungsarten, was doch auch einen großen Vortheil in sich schließt. ♦ * * Johaunisbeersteckttuge werden aus einjährigem Holze nach Laubabsall geschnitten und im zeitigen Frühjahre gesteckt. ♦ ♦ An Weinstöcken nehme man jetzt die unnützen Triebe weg und hefte am Spalier wiederholt die Tragreben; die Zuchtruthen werden, sobald sie zu verholzen beginnen, gekappt (am Gipfel gekürzt); die dann stärker hervorbrechenden Geize pincirt man. * ♦ Zwergbäume fruchtbar zu machen. Das Verpflanzen solcher Zwergbäume, welche nicht tragen wollen und alle Jahre! eine Menge Sommerzweige treiben, ist bekanntlich das beste Mittel, dieselben fruchtbar zu machen. ♦ Reinigung von angeräucherten Decken. Man löfe Schmierseife in warmem Waffer auf und rühre mit dieser gelöschten Weißkalk an. Hiermit streiche man die Decke 2 bis 4 Mal. Alsdann gebe man zwei Kalkanstriche, bestehend aus reinem Weißkalk mit Waffer, etwas blau oder schwarz gefärbt. Soll eine Decke mit Leimfarbe gestrichen werden, so gebe mäst nach dem Anstreichen mit Seifenwaffer und Kalk einen reinen Weißkalk - Anstrich, darnach einen Anstrich mit reinem Seisen- waffer, und dann erst den Leimfarben-Anstrich. * ♦ Milch von Kühen, die an der Maulseuche erkrankt sind, ist für Menschen absolut unbrauchbar; an Thiere darf sie nur tüchtig gekocht verabreicht werden- * « * Altenburger Ziegenkäse. Auf 12 Liter Ziegenmilch rechnet man einen halben Speiselöffel voll Lab (Kälbermagen), welcher das Zusammenkäufen der Milch bewirkt. Ist dies so weit geschehen, daß die Molken reichlich überstehen, so schöpft man sie sorgfältig ab und gibt den Käse in die Formen. Am Abend gibt man nicht zu reichlich Salz und Kümmelkörner dazu und läßt die Käse eine Nacht und einen Tag in diesen Salzmolken liegen, worauf man sie auf Haferstroh bringt und dort so lange läßt, bis sie hübsch trocken sind. Dann werden sie mit Haserstroh eingeschichtet und müssen darin bleiben, bis sie blau und gelb werden. Um sie vor Staub und Fliegen zu bewahren, kann man sie während des Trocknens mit reiner Gaze oder Mull bedecken. Vevnrischtes. Wie Butterbrod! Dame (welche im Atelier bei der Besichtigung eines Gemäldes dasselbe unvorsichtigerweise von der Staffelei geworfen hat): „Himmel, wie ungeschickt ich war I Ich bitte tausendmal um Verzeihung, Herr Professor I" — Maler: „O, das thut nichts!" — Dame: „Und daß es zum Unglück gerade auf die beschmierte Seite fallen mußte!" * * Offenes Geständniß* Geistlicher (der einen Zuchthäusler besucht): „Warum bist Du hier, lieber Sohn?" — Zuchthäusler: „Weil die Jefängnißmauern zu verdammt dick sind, um ausbrechen zu können!" * * * Das große Problem. A. zu B.: „Sehen Sie 'mal, da geht der große Gelehrte Professor Tüfftler; ich möchte wohl wissen, über welches wichtige Problem er jetzt nachdenkt." — Professor Tüfftler (für sich): „Also was soll ich mitbringen? Vier Pfund Zucker, drei Pfund Butter, dann soll ich den Schlächter bezahlen und Kohlen bestellen, — meine Frau könnte sich das wahrhaftig auch allein besorgen." • ♦ Ungalant. . . Und wie alt sind Sie, Zeugin?" - „Ich bin - ich bin -" - „Ach, sagen Sie es nur rasch — sonst werden Sie ja älter!" ♦ * Einfachste Lösung. Prinzipal: „Es ist recht fatal, daß Sie mit Ihrem Offert so spät kommen. Nun habe ich bereits einer Dame den Posten versprochen! Was thun?" — Buchhalter: „Sehr einfach! Ich heirathe die Dame und Sie engagiren mich!" ♦ ♦ ♦ Zeitgemäß: In einem hochmodsrnen pikanten Theaterstück hat im dritten Act soeben eine Gerichtsverhandlung begonnen — als ein Herr im Parquet aufsteht und ruft: „Ich beantrage Ausschluß der Oeffentlichkeit!" ♦ » Auf der Seeundärbahn. Fremder: „Was bedeuten denn die Schinken und Würste da oben?" — Einheimischer: „Die haben die Bauern 'naufgehängt, damit sie geräuchert werden, wenn die Locomotive unten durchfährt!" ♦ ♦ Bei der Schulvisitation. Pedell (leise): „Herr Professor, eilen Sie sich — inspecterln thut's!" Redaction; A, Schehds. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Shr. Pietsch) in Gießen,