Aneerchaltungsblatt 31111t Gietzenev Anzeigen (Geneval-Anzsigev) 1894. Donnerstag, dm 28. Juni- Die Hexe von Bingenheim. Von Gg. Schäfer. (Fortsetzung.) In diesem Augenblicke wurde heftig an die Thüre der Folterkammer gepocht. Der Schreiber schloß auf; in der Thüre erschien der Landgraf. „Ich habe verboten, die Gefangene zu foltern!" sprach der Fürst unwillig. • „Ist auch nicht geschehen, Durchlaucht. Das Weib hat den Richter einen, Narren geheißen, wofür sie zwölf Peitschenhiebe empfing." „Was ist jetzt mit ihr?" fragte der Landgraf. „Sie ist ohnmächtig geworden," antwortete der Richter. „Man rufe sie in's Leben zurück, wenn sie nicht zu angegriffen ist, werde ich einige Fragen an sie richten," sprach der Fürst. Man spritzte der alten Frau Wasser in's Gesicht, sie öffnete die Augen; blutiger Schaum stand ihr vor dem Munde. Als Caspari sich näherte, um zu sehen, wie es ihr ging, spie sie ihm die blutige Masse in's Gesicht und rief: „Hinweg, Scheusal! Binnen Jahr und Tag fordere ich Dich vor Gottes Richterstuhl. Du bist der Satan, der unsere friedliche Gegend mit dem Dampf von verbranntem Menschenfleisch erfüllt hat. Blind sollst Du werden und bei lebendigem Leibe sollen die Würmer Dein Fleisch fressen. Es gibt keine Hexen!" Der Landgraf schauderte. „Laßt das Weib in Ruhe! Wenn es sich in einigen Tagen erholt hat, will ich Fragen an es richten, für heute ist's genug!" befahl der Fürst. Man brachte die Gefangene in das Gefängniß zurück, gab ihr aber bessere Kost und ein ordentliches Lager. Die schauerliche Scene machte auf den Landgrafen einen solchen Eindruck, daß er schwer krank wurde. Unverzüglich stürzten sich die Klatschweiber und abergläubischen Menschen über diese Thatsache her und sprengten aus: Die Haupt- und Wetterhexe hat es dem Fürsten angethan; erst hat sie seine Kinder weggeschafft, nun muß der Landesvater selber sterben. Die Aufregung wuchs mit jedem Tage. Justine versuchte einmal, bis zu der Gefangenen zu dringen, es war aber unmöglich; sie wurde, wie der einsitzende Seligmann, Tag und Nacht von zwei Soldaten bewacht. Zwei Wochen vergingen, das Leiden des Fürsten besserte sich nicht. Die Landgräfin befragte sich bei einem weifen Manne in Friedberg: was zu machen fei. Die Antwort lautete: So lange noch die Ursache des Leidens vorhanden ist, kann es nicht besser werden. Die orakelhafte Antwort fand die Deutung: Die alte Beilstein muß weg, dann wird es besser. Caspari erwirkte sich bei der Landgräfin die Erlaubniß, den Proceß gegen die alte Beilstein weiter führen zu dürfen. Die Erlaubniß traf ein und sogleich ging der Richter voran. Im ersten Verhöre hatte er über sechs Punkte vollständige Geständnisse erhalten; nun galt es noch, eine Anzahl weiterer zu erlangen, was keine Schwierigkeit bot. Diese Bekenntnisse — Urgichten genannt — liegen vor. Es sind insgesammt dreiundzwanzig. Verschiedene wurden durchstrichen und anders abgefaßt, wahrscheinlich haben sie dem Hexenrichter nicht gefallen. Aus den dreiundzwanzig Bekenntnissen sind schließlich sechs; hn geworden. — Ob bei Erzwingung dieser Geständnisse der Wahnsinn, der Aberglaube oder der Blödsinn größer gewesen, mag der freundliche Leser selbst prüfen. Es folgen einige Bekenntnisse, andere kann man nicht hierher setzen, so abscheulich sind die Ausdrücke. 7. Wahr, daß sie dem Teufel die Hand mußte geben, sein zu sein die Zeit ihres Lebens mit Leib und Seel. 8. Wahr, daß der Teufel einen weißen, glänzenden Becher gehabt und ihr daraus zu trinken gegeben; habe ihr säuerlich geschmäckt, wisse nicht, obs Bier oder Wein gewesen. 9. Wahr, daß die Ursach ihrer Verführung gewesen: sie sollte alles genug haben, welches, ob es wohl vom Teufel versprochen, jedoch aber nicht gehalten worden sei. 10. (Wird aus ästhetischen Gründen weggelaffen.) 11. Wahr, daß der Teufel, als er solches versprochen, schwarz gangen und einen Federbusch aufgehabt. 12, 13, 14 und 15 fallen aus. 16. Wahr, daß die Hände des Teufels wie Klauen, der eine Fuß gleich einem Kuhfuß gespalten, der andere aber wie ein Krüppelfuß gewesen und hätte der Teufel erstmals einen Federbusch, das anderemal aber nichts aufgehabt. 17. Wahr, daß wenn sie bei einand gewesen, beschließen helfen: Frücht' und Obst zu verderben, Kinder zu taufen und sonst alles Böses zu verrichten- 19. Wahr, daß sie ihr selbst sich ein gelb Pferd umbracht und drei Kühe, auch zwei Kälber. 20. Wahr, daß vor 4 Jahren sie ihr abermalen eine Kuh und eine Kalbin, so Marx Wentzeln gewesen, umbracht. 21 Wahr, daß sie vor etlichen Jahren Hartmann Kessels Frau eine Kuh umbracht. 22 Wahr, daß sie vor ungefähr 7 Jahren sie Heintz Bicken jüngster Tochter Anna Katharina mit Gift vergeben (d. h. sie vergiftet habe). 23. Wahr, daß sie vor 20 Jahren Ebert Scheiben all- — 294 «a Der Hofprediger erschien und redete die arme Frau so» I gleich an: „Niemals hätte ich gedacht, daß Du, die so ein brav, tüchtig Weib geschienen, eine Hexe sein könntest. „Ich bin auch keine Hexe, hochwürdiger Herr," war die Antwort, „und ich sage Euch: der Glaube an Hexen und Zau» | derer ist ein schrecklicher Wahn. Jetzt, da ich alle Leiden und Qualen erdulden mußte, sehe ich ein, wie unsinnig ich selbst und alle Menschen handeln, die an Hexen glauben." „Du hast aber doch in Güte bekannt, daß Du eine Hexe bist; Deine Bekenntnisie stehen von Wort zu Wort in den Acten." „Das ist es, was mich bedrückt, hochwürdiger Herr; da» rum will ich vor meinem Tode eine vollständige Beichte ab* legen und ich bitte Euch, diese Beichte unserem Durchleuchtigen Landesvater und dem Hexenrichter mitzutheilen." „Sprich, armes Weib, ich werde thun, was in meinen Kräften steht." „Man hat mir im Verhöre dieselben Fragen vorgelegt, wie den früher Hingerichteten. Ich habe zu Allem Ja gesagt, um nicht gefoltert zu werden. Soll ich meinen alten, sechs» undstebzigjährigen, morschen Körper zerquetschen und zerreißen lasten? Je länger die Gefangenen widerstehen, desto gräßlicher werden die Marter. Noch niemals hat der Blutmensch einen Gefangenen frei gegeben. Die Elsbeth Ludwigs Frau hat oft widerrufen; immer heftiger haben die Henker gequält, zuletzt hat Elsbeth, wie ich es von vornherein gethan, um ein gnädig Urtheil gebeten und ist hingerichtet worden." Der Geistliche sah starr vor sich hin und sprach lange kein Wort- L _ . „Mein Gewissen verbietet mir, zuzugeben, daß Jemand hier ein Käsebrod geben, worin Gift gewesen und deßwegen I gestorben. — I Nach diesen Bekenntnissen wurde das Todesurtheil über I die alte Frau ausgesprochen. Dem Hexenrichter war die Sache I — wie es den Anschein hat — doch nicht so gleichgiltig, wie I bei früheren Fällen. Er ließ über die Geständniffe der Ver» I urtheilten noch einmal eine Verhandlung aufnehmen. Dies geschah durch den Schultheißen Schöffer und die Schöffen am 6. December 1659. Das Protokoll ist noch vollständig vorhanden und lauteb also: „Den 6ten Deebr 1659: Ist Anna Beilstein des Alten Wttb im Beisein Schlthß und beider Schöffen, samt dem Schreiber erinnert worden: ob sie alle ihre vorgethane, öfteren in der Güte bekannten Urgichten noch geständig: Sagt Ja, darauf wollt sie leben und sterben und hätt ja oft begehrt, daß wir ihr wollt ihr Recht widerfahren lassen, wie sie verdiene, dabei blieb sie nochmal beständig, und bitt, daß wir doch den Psarrherr wollt zu ihr kommen laffen, wollt ihre Sachen demselben beichten und Gott um Verzeihung an» rufen. Ihre begangenen Sünden wären ihr herzlich leid, hoffte Gott werds ihr verzeihen und zu Gnaden auf» und annehmen, hofft ein Kind des ewigen Lebens zu werden. Darauf sind ihre Bekenntnisie von Worten zu Worten vorgelesen worden, hat einen jeden Posten vom ersten bis zum letzten bejaht und ausführliche Antwort geben. Weiter wohl erinnert worden, ob sie auch Jemand lln» recht gethan, sagt Ja, sie hat es aber wiederrufen, als der Schulmeisterin alhier, Peter Wenzels Frauen und Marx Eichel» mann denselben hätte sie Unrecht gethan. Sonsten anderen worauf sie bekannt, wären alle so gut wie sie auch und in allem beständig verblieben. Letztens sagt sie: ob sie denn allem sollt Hingericht werden, oder ob sie Gesellschaft haben würde, darauf ihr zur Antwort worden: stünde bei gnädrger Herrschaft Endlich und zum Letzten bat sie wollte gern sterben, bitt gnädige Herrschaft nochmals um ein gnädig Urtheil und bitt nochmal um den Pfarrherrn, welcher fo bald zu ihr kommen, womit sie fleißig gebetet. Endete hiermit ihre Ausfag. H. Jörg Schöffer. Klaß Pfeyll Emanul Stall. Merten Frickell. mit dem Tode bestraft wird, der unschuldig ist," sprach er. „Ich werde Alles daran setzen, daß der Proceß revidirt wird." V „Das könnt Ihr thun, Herr, nur fordert nicht von mir, daß ich mich foltern laste. Ich habe so wie so nur noch kurze Zeit zu leben, mit sechsundstebzig Jahren ist nicht mehr viel übrig. Meine beiden Töchter sind versorgt und mein Augapfel, die Sibille, ist eine glückliche junge Frau worden, darum schließe ich meine Rechnung ab. Den einzigen Wunsch habe ich noch: ich möchte das Urenkelein und die schöne junge Mutter vor meinem Ende noch einmal sehen." „Eine frohe Botschaft kann ich Dir in dieser Beziehung wenigstens andeuten. Es sind Schritte von den Herren Land- grafen in Darmstadt und Kasiel bei dem hiesigen Herrn gethan worden, daß Bardenstein Verzeihung erhält und aus der Mordacht entlasten wird. Dein Enkelfchwiegerfohn und feine Frau werden von aller Strafe und Verfolgung los und ledig gesprochen werden. Hierher wollen sie nicht mehr kommen, auch keinen hiesigen Dienst mehr haben. Aber frei und ehrlich wollen sie auftreten und das gebühret ihnen. Wäre der Land- graf nicht schwer krank, könnte die Freisprechung in einigen ^"^Dafür^danke ich Euch und um deflentwillen möchte ich noch ein Jahr leben, auf daß ich die Stunde des Wiedersehens sehen und genießen könnte. Wollet Ihr Euren Einfluß dafür geltend machen, so thut es, hochwürdiger Herr, doch martern und foltern laste ich mich nicht. Lieber dreimal sterben. „Hast Du vielleicht doch noch ein Verbrechen auf dem Gewisten, das Du mit dem Tode sühnen willst?" _ „Nein, Herr Hofprediger, ich bin ein sündiges Wsib, nicht bester und nicht schlimmer als andere. Was ich gesündigt habe, ist mir leid. Der Hexenrichter hat mir durch den Schultheiß nahe legen lasten: ich möchte den gegen ihn heraus- gestoßenen Fluch zurücknehmen. Deswegen war der Schultheiß I mit den Schöffen noch einmal bei mir. So etwas ist früher I niemals geschehen. Wenn die Gefangenen verurthertt waren, I wurden sie hingethan. Saget dem Hexenrichter: ich nähme I den Fluch niemals zurück; saget ihm: ich Erde, wenn es mir I im jenseitigen Leben möglich, feine schauerlichen Thaten vor | Gottes Thron jeden Tag vorbringen und nicht ruhen noch | rasten, bis er empfangen habe, was seine Blutthaten werth rief der Hofprediger, durch die wilde Leiden- schäft der Alten tief erschüttert. „Segnet, aber fluchet mcht. Der Richter handelt nicht aus lauter Blutgier; vor Jahren verlor er sein erstes, schönes junges Weib und ein zartes Kind« lein durch die Grausamkeit der Soldaten; er glaubt, in den meisten Menschen stäcken Teufel und Dämonen, diese müste m“n ^Das^mag er thun, aber die armen, alten Frauen soll er in Ruhe lasten. Die Teufel stecken in den Menschen ab hexen können sie nicht. Saget da«, ich bitt Euch nochmals fußfällig, aller Welt. Saget e« dem Fürsten und dem Richter« Saget ihnen: ich wolle für die Späteren sterben, damit es endlich Ruhe gäbe. Was liegt mir an dem bischen armseligen Leben; meine Sünden zahle ich mit meinem Blute, aber diese Hyäne von Richter soll--" _ , Ohnmächtig fiel die Alte auf das Lagerhaus dem sie in i Ermangelung eines Stuhles Platz genommen batte. Der H f prediger spritzte ihr Master in's Gesicht und brachte sie zu sich. Dann kniete er neben das Bett und betete laut und lange mit der Unglücklichen. „Ich bin viel ruhiger geworden, hochwürdiger Herri sprach sie mit matter Stimme. „Das muß ich aber sage - Abscheu und Haß gegen den Richter kann ichnicht los> werden. I Und wenn er tausend Schmerzen und Qualen wegen Vertu! I seiner Lieben erlitt, so braucht er die Menschen doch nicht }o gräßlich zu quälen, müßte eher Gutes thun, das wäre sein m Herzen und Gemüth ein größer Labsal, denn das Morden und I Peinigen. Saget ihm das als mein Vermächtniß an ihn. * :$«« «d° i-s IHM, Dich d°-a-. 34 * I jetzt in's Schloß und werde zu dem Durchlauchtigen Herrn I vordringen, um nachzuweifen, daß er sich hier um einen off baren Mord handelt. Bete fleißig, lege den Haß ab, verliere die Hoffnung nicht, Gott wird weiter helfen." — Ohne Verzug eilte der Hofprediger in's Schloß, zu dem Landgrafen konnte er jedoch nicht gelangen, weil eine Ver- fchlimmerung der Krankheit eingetreten war. Der Fürst lag im heftigsten Fieber, schreckliche Phantasieen quälten den Leidenden, der Leibarzt hatte strenge verboten, Jemanden eintreten zu laffen, weil das Schlimmste zu befürchten war. Unter diesen Umständen war auch die Landgräfin nicht zu sprechen. Der Hofprediger eilte zu Commiffarius Caspari und thetlte ihm mit, was die alte Beilstein ausgesprochen hatte. Es machte auf den trockenen Mann wenig Eindruck. Den Fluch hätte er gerne weg gehabt, das leuchtete sichtbar durch. Von Verschiebung der Execution und Wiederausnahme des Processes wollte der verknöcherte Richter aber durchaus nichts wiffen. „Herr, bedenkt, was Ihr thut!" sprach der Hosprediger eindringlich. „Wenn Jemand, wie diese alte Frau, bereit ist, vor den höchsten Richter zu treten, dann lügt sie nicht. Lasset Euch erweichen und verschiebt die Hinrichtung einige Wochen. Durch Milde hat noch Niemand in solchen hochwichtigen Dingen geschadet." „Wohl, wohl, Herr Hofprediger!" antwortete Caspari. „Doch vergesset nicht, daß hier ein Fall vorliegt, den Ihr nicht zu beurtheilen vermöget, weil Ihr den erforderlichen Einblick nicht haben könnet. Der böfe Feind und sein ganzer Anhang setzt Alles daran, um diese Haupt- und Wetterhexe davon zu bringen. Hierfür liegen die Beweise vor; ich kann daher der Gerechtigkeit nicht in den Arm fallen, sondern muß ihr freien Lauf laffen." „Thut, was Ihr vor Gott und Eurem Gewissen verantworten könnt," erwiderte der Hosprediger mit tiefem, schmerzlichem Seufzer und schritt davon. — Am folgenden Tage, den 8. December 1659, wurde die alte Beilstein zum Tode geführt. Die Hinrichtung sollte auf dem Löwenbusche erfolgen; es war aber eine große Kälte eingetreten, weshalb die Execution unter der Linde vor dem Rathhause zu Bingenheim vorgenommen wurde. Wenige Minuten, nachdem das Haupt der Unglücklichen gefallen, war das Blut am Schaffote zu Eis erstarrt. Der Henker fuhr den Körper der Unglücklichen hinaus auf den Löwenbusch und verbrannte ihn zu Asche. Unter Ord.-Rr- 59 des Gerichtsverzeichnisses schreibt Schultheiß Schöffer: „59. Den 8ten Xbr Ao 1659 Ist Jo- Hann Beilstein Anna deß alten Witt: alhier vndter der Lündten wegen großer Käldt vom Scharpf Richter gericht, vnd hinaus vf dem Löwpusch der Corper zu Aschen verbrannt worden " Die Habseligkeiten der Unglücklichen wurden versteigert und der Erlös auf die entstandenen Unkosten verrechnet. Beim Ausräumen eines alten Kleiderschrankes sand sich ein Packet- lein; das war kreuzweise mit Bindkordel verschnürt und die Endfäden mit dem Schultheißensiegel von Ober-Eschbach fest auf die Rückseite gesiegelt. Auf der Vorderseite des Packetleins standen die Worte: Enthält: I. Tausschein der Sibille Margarethe König. II. Copulationsschein ihrer Eltern. III. Protocoll über das Abscheiden ihrer Mutter und das Verschwinden ihres Vaters. Das Schultheißen-Amt zu Ober-Eschbach. Joh. Peter Himmelreich. Man brachte das Päckchen dem Commissartus; er las die Aufschrift. „Ich kenne den Inhalt dieser Schriftstücke ziemlich genau durch den Herrn Hofprediger; schon vor länger als Jahresfrist hat man mich informirt. Die Papiere sind werthlos. Ich werde sie in das Schubfach legen, wo wir ähnliche corpora delicti aufzubewahren pflegen. Später, wenn es Zeit und Umstände gestatten, werde ich das Siegel lösen und nachsehen, was mit den Sachen angefangen werden soll." (Fortsetzung folgt.) Seltsame Kreier. Novelle von Th. Schmidt. ------- (Nachdruck verboten.; Wir waren drei schreckliche „Rangen", das hatten uns die Köchin und das Hausmädchen seit undenklichen Zeiten zu hundert Malen versichert, das hatte uns unsere nächste Nachbarin, Fräulein Seraphine Ziegenhals, Gott weiß wie oft gesagt, zwar im süßesten Tone ihrer milden Stimme, aber mit welch' boshaftem Blick aus ihren katzengrünen Augen! Ja, selbst unser geliebter Vater war durch irgend einen neuen tollen Streich von uns seit Kurzem zu derselben Ueberzeugung gekommen, infolge dessen Fräulein Sauersüß, wie Bruder Fritz die edle Seraphine immer zu nennen pflegte, ihr sammetweiches Pfötchen auf Papas Rockärmel legte und ihm, gütigst besorgt um uns, zuflüsterte: „Liebster Herr Wendig, den armen Kindern fehlt die Mutter," — worauf unser Vater in, wie es mir dünkte, bedeutungsvollem Tone erwiderte: „Liebstes Fräulein Ziegenhals, da werden wir wohl suchen müssen, ihnen die Verstorbene zu ersetzen." Unser Vater war damals ein hübscher, stattlicher Mann von fünfundvlerzig Jahren, gleich gern gesehen und beliebt bei alten wie jungen Damen, schon weil Jedermann wußte, wie gut er war und wie glücklich er mit seiner Frau gelebt hatte; dabei war er ahnungslos von seinen Vorzügen; zehnmal lieber saß er in seinem Studierzimmer hinter seinen Büchern, als daß er Gesellschaften besuchte, und trotz seines Geistes, trotz seines Wissens war er ein einfacher, stiller, wohlthätiger, anspruchsloser Mann. O, ich weiß, wie viel Frauen und Mädchen damals eifersüchtig aufeinander waren und wie vielfach bedauert wurde, daß er dem Andenken unserer verstorbenen Mutter so treu blieb; Viele dachten, er würde sie niemals vergessen, niemals ersetzen können, aber ich war anderer Meinung und mit mir Fräulein Ziegenhals; diese, weil der Mensch nur gar zn leicht geneigt ist, das zu glauben, was er gern möchte, und sie hatte dies meinem Vater so oft und in so schlauer Weise beizubringen verstanden, daß er wohl nahe daran war, es selbst zu glauben; ich, weil ich erst vor kaum einer Woche durch irgend einen Possenstreich Anlaß zu folgender liebevollen Erklärung gegeben hatte. „Meine liebe Käthe," hatte mein Vater gesagt, „um Deiner Mutter willen habe ich fünfzehn Jahre lang ein einsames Leben geführt, aber um Deinet- und Grethens willen muß ich jetzt wohl Jemand an die Spitze meines Hauses stellen, der dasselbe besser zu leiten versteht als Du." Grethe, Fritz und ich hatten sehr ernst über diese Angelegenheit berathen; so große „Rangen" wir waren, hatten des Vaters Worte uns doch sehr nachdenklich gemacht. Der Gedanke an eine „Stiefmutter" war uns durchaus nicht so schrecklich, das Schlimme dabei war nur, daß das Wort „Stiefmutter" und „Seraphine Ziegenhals" ein Begriff für uns war; wir durchschauten ihre Liebenswürdigkeit gegen unseren Vater und ihre erheuchelte Zärtlichkeit gegen uns, wir sahen, wie sie der ersehnten Stellung in unserem Hause Schritt für Schritt näher kam. Ob unser Vater ebenso klar sah, wußten wir nicht; jedenfalls fürchteten wir das Schlimmste; Fräulein Ziegenhals' Avancen wurden täglich auffälliger und bei der stummen Höflichkeit, mit welcher unser Vater dieselben entgegennahm, blitzte es triumphirend in ihren katzengrünen Augen auf. In einem Punkte waren wir drei Geschwister einig; irgend etwas, und wäre es noch so verzweifelt, mußte geschehen, um ihre Absichten zu zerstören; die Frage war nur, was konnten wir thun? Es war Spätherbst. Draußen pfiff der Wind unheimlich um das alte Haus, drinnen wurde das große, niedrige Zimmer, in welchem wir drei Geschwister uns befanden, von einem.lustig flackernden Holzfeuer matt erhellt; in einen bequemen altmodischen Lehnstuhl zurückgelehnt, die Augen auf die helle Gluth gerichtet, wiederholte ich mir des Vaters Worte: = 2S6 S „Ich muß Jemand an die Spitze meines Hauser stellen, der dasselbe besser zu leiten versteht als Du." Vor dem Kamin, mir zu Füßen, wie es schien halb schlafend, lag Fritz hingestreckt; Grethe saß an seinem Kopfende auf einem niedrigen Schemel und spielte abwechselnd ein- mal mit Fritz braunen Locken, dann wieder mit unserem kleinen allerliebsten Spitz, dabei strahlte ihr schelmisches Gesicht in übermüthiger Lust; in der Hand hatte sie ein Stückchen Band — was sie aber damit machte, konnte ich nicht sehen. Nach einer Weile stand sie auf und kreuzte das Zimmer. „Bijou! Bijou! B'jou!" rief sie, und das Hündchen kam auf sie zugelaufen. In demselben Augenblick aber schrie Fritz laut auf, und das kleine Thier fing zu winseln an. „Bijou! Bijou! Bijou!" Wieder bewegte der Hund sich der Rufenden zu; gleichzeitig sprang Fritz, nicht mit den zartesten Ausrufen auf den Lippen, in die Höhe, und da sah ich, daß seine Locken mit ein paar Metern weißem Band sorgfältig an Bijous Bein festgebunden waren. Es währte mehrere Secunden, bevor er mit seinen kurzen, dicken Fingern das Taschenmeffer aus der Tasche langte und das Band durchschneiden konnte; dann ging eine wilde Jagd durch das Zimmer, wobei er, das lange Band hinter sich herziehend, mit erhitztem Gesicht, sich vergebens bemühte, so geschickt wie Grethe um die im Wege stehenden Tische und Stühle zu gelangen. Plötzlich ein hastiger Sprung vorwärts — ein lauter Krach — und Fritze sammt einem kleinen Tischchen, Federhaltern, Tintenfaß und Büchern lagen in einem Quodlibet am Boden. „Liebster Herr Wendig," äffte Grethe in Fräulein Ziegenhals' süßlichem Tone nach, „der arme Fritz ist so täppisch und ungeschickt, er bedarf durchaus des weiblichen Einflufles, der ihm etwas feinen Takt und Anstand beibringt." „Zum Teufel!" lautete Fritz's wenig höfliche Antwort, „da steh, was der weibliche Einfluß fertig gebracht hat." „Die ganze Tinte ist wohl vergossen?" fragte ich besorgt, nachdem ich mich überzeugt hatte, daß nichts zerbrochen war- „Da müßte erst welche drin gewesen sein!" versetzte Fritz mit gutmüthigem Spott, indem er die Flasche umkehrte; „hier Grethe," fuhr er, diese bei den Haaren fastend, fort, „gieße einmal Tinte hinein, und sage Marie, sie soll die Lampe bringen." Nachdem die Ordnung wieder hergestellt war, die Lampe auf dem Tische stand, brach Fritz nach längerem Schweigen die Stille. „Mädchen," hob er an, ich habe überlegt —" „Du und überlegen?" fiel Grethe ihm ins Wort, „das mach' einer Anderen weiß, als mir!" „Höre doch endlich mit Deinem Unfinn auf," rief Fritz, „wir bekommen sonst wahrhaftig noch Fräulein- Sauer-Süß zur Stiefmutter, wenn wir nicht vorsichtig sind." „Und, wenn wir vorsichtig sind, auch, fürchte ich," bemerkte ich. „Nein," sagte Fritz entschieden, „es bewirbt sich noch eine Zweite um diese zweifelhafte Ehre." „Wer?" fragte Grethe begierig, worauf Fritz eine sehr gewichtige schlaue Miene machte. „Ich wüßte nur Eine, von der ich es ertragen könnte, sie hier im Hause als Herrin zu sehen," sprach ich, „und das ist Frau Hiller, die unten im Häuschen am Weidenteich wohnt." „Dieselbe, die ich im Sinne habe!" rief Fritz. „Wie meinst Du das?" fragte ich erstaunt. „O, ich weiß, daß diese kleine, dicke, rundliche Frau wie ein Schulmädchen erröthet, wenn Herr Martin Wendig das unbedeutendste Wort an sie richtet." „Die kleine, hübsche Wittwe?" meinte Grethe, „die könnte ich auch „Mutter" nennen." „Das Vergnügen sollst Du haben," erwiderte Fritz, muthwillig mit den Augen blinzelnd, „ich werde ihr einen Antrag machen." „Du?" „Ja, ich — natürlich in unseres Vaters Namen — und Ihr könnt Euch darauf verlassen, sie weist mich nicht zurück." „Und unser pater familias ?" „Das werden wir ja sehen. Nimmt er sie nicht," so ist er viel zu sehr der feine Mann, als daß er sich gleich mit einer Anderen verlobte." Ich hörte mit stummer Verwunderung zu. War es auch eine tolle Idee, so lag doch Methode darin — und das Beste dabei war Seraphine Ziegenhals' Enttäuschung. „Kinder," rief Fritz, „setzen wir uns hier an den Tffch und entwerfe ein Jeder einen Liebesbrief." (Schluß folßt) GeineinirÄtzig-s. Tintenflecken aus der Wäsche und den Dielen zn entfernen. Ein bis zwei Tropfen Scheidewasser auf einmal auf den mit bloßem Wasser eingetränkten Tintenfleck getröpfelt, lösen solchen, ohne der Wäsche den mindesten Schaden zu verursachen, völlig auf. — Will man aus den Dielen Tintenflecken bringen, so nehme man verdünnte Schwefelsäure, betupfe den Fleck mit einem Pinsel und wasche dann denselben noch einige Male mit warmem Wasser ab. ♦ ♦ Behandlung von Mefstnggegenständen. Die Verwendung einer Säure zum Reinigen von Messingobjecten, schreibt „Genie Civil“, ist verfehlt, denn in kurzer Zeit werden dieselben wieder glanzlos. Das beste Mittel zur Hervorrufung und Erhaltung des Glanzes ist Olivenöl mit sehr feinem Trippel und sodann das Abwaschen mit Seifen- wasser- Um dem Messing ein becoratives Ansehen zu geben, muß man den Gegenstand in Pottasche kochen lassen, in frischem Wasser abspülen, sodann in Salpetersäure tauchen, neuerdings abwaschen, in warmen Sägespähnen trocknen lassen, und endlich das noch warme Metall mit einer Firniß-Schicht überziehen. _____________ Vermischtes. Auch eine Erklärung. „Mama", sagte der Sohn eines Zeitungsschreibers, „ich weiß, warum die Redacteure immer wir schreiben." — „Warum denn?" — „Damit die Leute, denen ein Artikel nicht gefällt, denken sollen, es sind so Viele, daß sie sie nicht verhauen können." * * Verschärfte- Verwünschung. Aaron zu Löb: „Galopptanzen sollst De müssen hundert Jahr' barfuß auf Glasscherben mit Deiner Schwiegermutter!" * * Berechnend. Der Besitzer eines kleinen Gutes macht mit seiner Tochter und seinem künftigen Schwiegersöhne eine Spazierfahrt, um letzterem das Gut zu zeigen. Der Kutscher fährt ziemlich rasch. „Johann" flüsterte ihm der Besitzer ins Ohr, „fahr' nicht so schnell — sonst sieht das Gut gar so klein aus." » * ♦ Der kleine Geschäftsmann. „Karl, Du bist doch ein schrecklich ungezogener Junge! Gestern hast Du die schönste Taffe zerbrochen und heute wirfst Du wieder den neuen Becher entzwei." — „Aber, Mama, wenn ich en gros kaput schmeiße, hast Du es doch billiger." ♦ * Anzüglich. „Gratulire! Reiche Braut — he?" — „Das nicht — aber Verstand hat sie für Zwei!" — »Dann gratulire ganz besonders!" Redaction: 31. Schcyda. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Ghr. Pietsch) in Gießen.