Nnt-phaltrrngsblatt jum Gietzenev Anzeigev (GeMeval-Anzeig-v) .. ........ .....________________________ ■- » 1884. - '*• * Sl5 •i. DAM WWSSM Kle’fciesie KB ‘^9 MWMAim-W Samstag, den 28. April. *) Wenn wir im Nachfolgenden mit dem Abdruck von seither noch Nicht veröffentlichtem Quellenmaterial beginnen, glauben wir manchem i-eser der „Familienblätter", welcher sich für Geschichte interessirt, einen Dienst zu erweisen. Die Redaction. Die Hexe von Bingenheim.*) WeitcraukrNoiIlgromililaiisdenMkli-krHerenprojtffel1652-1660). Mit Benutzung der vorhandenen Original-Hexenprozeßacten bearbeitet von Gg. Schäfer. Nachdruck verboten. — Uebersetzungsrecht Vorbehalten. Erster Theil, Per Ke^enrichter. Erstes Kapitel. Der Maiensonnenschein des Jahres 1650 lag lieblich und warm über der fruchtbaren Wetterau. Blumenduft und Vogelsang erfüllte Wiesen und Felder des Horloffthales, dessen Bewohner festlich geschmückt die große Straße von Bingenheim gegen Südwest nach Reichelsheim sich bewegten. Plötzlich donnerten drei Karthaunenschüsse durch das Thal. Unter den geputzten Menschen entstand lebhafte Be- wegung, Jeder strebte der Ehrenpforte zu, welche auf der östlichen Seite der Horloff-Brücke stand und mit hessischen Fahnen und Wappen geziert war. An jener Brücke führte damals — im Mai 1650 — die Grenze zwischen der Landgrafschaft HeffewBingenheim und der Grafschaft Naffau hindurch. Von Leidhecken, einem in der Nähe liegenden Dorfe, kam ein Fuhrwerk, von zwei stattlichen Braunen gezogen, heran und suchte durch den Menschenwall hindurch zu kommen. »Heda! Fuhrmann, wer bist Du?" riefen einige geputzte Landleute. „Weißt Du nicht, daß heute unser gnädiger Herr Landgraf Wilhelm Christoph von Heffen-Homburg-Bingenheim mit seinem jungen Ehegemahl Sophie Eleonore, Tochter unseres Herrn Landgrafen Georg II. in Darmstadt, seinen An-, Auf- und Einzug allhie halten will in Bingenheim, seiner zukünftigen Residenz?" »Wie kann ich das wiffen!" antwortete der Wagenlenker. ^Jch komme aus dem Jsenburgischen, von der Findorfer Mühle bei Düdelsheim, fast drei Stunden von hier. Auf so weite Entfernung und noch dazu im Auslande kann man dergleichen wichtige Mähr nicht vernehmen. Bitte daher, mich gütigst Durchlässen zu wollen, muß heute noch gen Friedberg und wieder »Daraus wird nichts, Vetter Heinz Krafft!" erwiderte eine stattliche Männergestalt im Schultheißenornate. Höflich machten die Landbewohner Platz, denn sie kannten den gestrengen Herrn Hans Jörg Schöffer, Schultheißen von Bingenheim, welchem die Gertchtsmänner Emanuel Stoll, Klas Pfeyll und Merten Frickel von Bingenheim, sowie die Schultheißen von Gettenau, Echzell, Biffes, Geißnidda, Berstadt und Blofeld — welche sieben Orte die Landgrafschaft Heffen-Bingenheim bildete — nachsolgten. „Ah! Ihr seid es, Vetter Schultheiß!" rief der Müller hocherfreut und reichte dem Dorfoberhaupte die Hand vom Wagen herab. »Ihr seid ja allmächtig hier im Lande, also helft mir aus dem Menschenknäuel heraus, daß ich meinen Stab weiter setzen kann." „So schrell kommt heute Keiner hier durch, am wenigsten der dicke Müller zu Findorf," antwortete Schöffer munter. „Würdet auch arg in's Gedränge gerathen, sintemalen unser gnädiger Herr Landgraf und sein liebreizendes Ehegemahl ein stattlich Gefolge von Rittern, Edelleuten, Junkern und hohen Beamten bei sich haben, die würden den dicken Müller, wenn er unwirsch daher führe, mit sammt seinem Wägelein in Sumpf oder Graben setzen. Ihr wtffet, die Herren Cavaliere haben fast alle den erschrecklich langen Krieg von dreißig Jahren mitgemacht, kaum zwei Jahre sind verstrichen, daß er geendet — Gott erbarm's! Sie haben mit den Bauern und Müllern noch wenig Mitleid und machen kurzen Prozeß. Also fahret zur Seite, fein säuberlich hie neben auf die Wiese und harret der Dinge, die da kommen sollen." „Wie lange kann es dauern, bis der Zug hier vorbei ziehen wird?" fragte Krafft- „So arg lange wohl nicht- Die drei Karthaunenschüsse vorhin deuteten uns an, daß die durchlauchtigsten Herrschaften in das naffauifche Gebiet bei Dornassenherm einritten. Bis sie über Reichelsheim hierher an die hessische Grenze gelangen, mag wohl noch eine gute halbe Stunde oder etwas mehr verstreichen." „Die Zeit könntet Ihr, Herr Vetter, in freundlicher Weise dadurch kürzen, daß Ihr mir saget, wie das hohe Paar, das sich auch nahe verwandt, zusammen kam." „Soll mit Freuden geschehen, Herr Vetter- Unser gnädiger Herr Landgraf Georg II- zu Darmstadt verlobte sein Prinzessin-Töchterlein Sophie Eleonore, geboren den 7. Januar 1634, unserem jetzigen gnädigen Herrn Wilhelm Christoph zu Hessen- Homburg, geboren den 13. November 1625. Die Verlobung geschah den 21. April 1648. Dieweil das Prinzeßchen damals, vor zwei Jahren, noch gar zu jung, als erst vierzehn Jahre alt war, hat die Vermählung nunmehro erst vor einigen Wochen, am 21. April 1650, genau zwei Jahre nach der 194 — Verlobung, stattgefuuden. Der Herr Schwiegervater hat dem Herrn Eidam alsbald die Fuldische Mark, das heißt das Amt Bingenheim abgetreten und wir haben dem neuen Herrn, der sich seitdem Herr Wilhelm Chriftoph, Landgraf zu Hessen- Bingenheim, nennt, unter'm 30. Mai 1648 bereits gehuldiget, nachdem wir am selben Tage unseres Eides gegen Heffen- Darmstadt erlediget worden waren." „Da habt Ihr nun ein jugendlich Regentenpaar, Herr Vetter." „Haben wir allerdings, Vetter Heinz, denn der Herr Landgraf zählete vergangenen 13. November erst vierundzwanzig Jahre und dis Frau Landgräfin ist am 7. Januar sechzehn Jahre alt geworden. Die junge gnädige Herrschaft hat aber in dem schrecklichen Kriege — Gott erbarm's! —, welcher nun glücklich beendet wurde, selber viel und schwer leiden müflen, hat von den Eltern eine gar sorgfältige und fürnehm- lich fromme Erziehung empfangen, der gnädige Herr Landgraf ist ein hochsparsamer Herr, alldieweil bemüht, die unnöthigen Ausgaben zu meiden, aber Felder und Wiesen zu bessern und fruchtbar zu machen und sind alle hessischen Prinzen und Prinzessinnen so gut, edel und gnädig von Herz und Gemüth, daß die große Jugend uns'rer durchlauchtigen Herrschaft uns doppelt freut, verhoffend, daß sie recht lange zum Glück, zur Ehre und Freude ihrer Unterthanen regieren möchten." „Dazu sag' ich Ja und Amen! Vetter Schultheiß, und so fahr' ich gerne hier neben an, um mir das durchlauchtige Paar und sein stattlich Gefolge gar gemüthlich ansehen und betrachten zu können." Wieder donnerten die Karthaunen in's Thal hinein. Aus dem östlichen Thore des Städtchens Reichelsheim kam ein Zug Musiker: Zinken, Hörner, Trompeten und Pauken erklangen. Ein Trupp nassauische Ehrenreiter folgte mit der Fahne. Hinter dieser das neuvermählte Paar: der Landgraf Wilhelm Christoph auf einem feurigen Rappen, daneben die Landgräfin Sophie Eleonore auf schneeweißem Zelter, hinter den Herrschaften ein zahlreiches Gefolge: Alle prächtig geschmückt und auf stolzen Rossen. Tausendstimmiger Jubelruf erfüllte die Luft. Es war ein herrlicher Maientag, die Bäume blühten, die Vögel sangen, die Menschen jubelten. Klar und hell eilten die Wellen der Horloff unter der Brücke dahin, über dem Horloffthale lag goldiger Maiensonnenschein, Alles trug dazu bei, den Einzug des jungen Regentenpaares zu einem unvergeßlichen Festtage zu machen. Die nassauischen Ehrenreiter ritten zur Seite auf den Wiesenplan. Vor der Ehrenpforte hatte sich der Schultheiß mit den Gerichts- und Magistratspersonen aufgestellt, um seinen wohleingeübten Begrüßungs- und Willkommspruch vorzubringen. „Durchläuchtigster, gnädigster Herr Landgras! Durch- läuchtigste, allergnädigste Frau Landgräfin!" rief der Gestrenge — da sah er in das wunderliebliche Kindergesicht der Herrin — und der Faden seines Willkommspruches war ihm verloren gegangen. Noch zwei- oder dreimal entrang sich dem Munde des Schultheißen die ehrerbietige Anrede, doch hartnäckig verweigerte das Gedächtniß den Dienst. Dicke Schweißtropfen rannen dem gestrengen Dorfoberhaupte die Stirne herab. Da kam ihm unerwartete Hülfe--von oben. Auf einem mächtigen Birnbaume dicht am Wege und bei der Ehrenpforte hatten die drei prächtigen Jungen des Bingen- heimer Pfarrherrn Oswald Fectius: Ludwig, Kurt und Rudolph, sich luftige Sitze erkoren, auf daß sie Alles bequemlich erschauen und genießen könnten. Als nun der Schultheiß nach dreimaliger machtvoller Anrede nicht weiter kam, überlief es den ältesten Jungen Ludwig siedendheiß und es war ihm, als müsse er helfen. Mit Heller, klarer Bubenstimme schrie er aus den Baumästen herab, daß es weithin durch Wiesen, Flur und Feld erklang: „Unser gnädiger Herr Landgraf und seine allerschönste Frau Landgräfin sollen dreimal leben! Hoch! Hoch! Hoch!" Da erhub sich ein gewaltig Jubeln und Hochrufen unter allem Volke; Pauken und Trompeten, Hörner und Zinken schmetterten darein, die Karthaunen donnerten von Neuem und das fröhliche Rufen tönte zum Himmel empor. Der Landgräfin liebreizendes Antlitz aber wandte sich nach dem Baumgezweige, von wo die helle Knabenstimme erklungen war; sie winkte mit der Hand hinauf und sah die drei fröhlichen Jungen in den Aesten sitzen. „Ei, Herr Gemahl," sprach Sophie Eleonore, „was tragen Euer Liebden Bäume für hoffnungsreiche Früchte in diesem gesegneten Thale allhier." Durch das Winken ermuthigt und um besser sehen zu können, stieg der kleine Rufer auf seinem dünnen Aste etwas zu weit voran; der Ast brach und der Junge fiel hinab, auf den unten stehenden Postläufer Heinz Rabenholt, welcher mit offenem Munde die Herrschaften angestarrt hatte. „Sehet Ihr, gnädigste Frau Gemahlin," antwortete Wilhelm Christoph mit gutem Humor, „die Früchte fallen Euer Liebden sogar zu Füßen." Der Zug setzte sich in Bewegung; die Kinder streueten Blumen, das Volk rief: „Heil uns'rer gnädigen Herrschaft." Unterdessen raffte sich der durch den herabgefallenen Jungen in den Sand gestreckte Postläufer Heinz wieder empor und eilte stracks hinweg, von dem Gelächter der Umstehenden verfolgt. „Welch' ein Glück," rief Junker von Gemmingen seinem zur Rechten reitenden Nachbarn Engelbrecht von Dörnberg zu, „daß der Junge dem Menschen nicht in sein breites Maulwerk gefallen, ansonsten er sicher mit Haut und Haar verschlungen worden wäre." Vom Kirchthurme zu Bingenheim ertönte feierlicher Glockengeläute. Die Menschenmenge, welche sich dem Zuge anschloß, ward immer größer. Die Häuser in Bingenheim sind festlich geschmückt; überall schauen freudestrahlende Gesichter heraus, welche dem jungen Fürstenpaare nachblicken, bis die Straßenkrümmung an der Kirche es verhindert. Langsam reiten die Herrschaften über die Schloßbrücke, nur paarweise können sie durch den engen gothischen Thorbogen gelangen. Kopf an Kopf drängt sich die Menschenmenge im vorderen Schloßhofe; der Hintere Schloßhof, wo sich die herrschaftliche Residenz befindet, ist abgesperrt, nur das Fürstenpaar, die Cavaliere und hohen Beamten begeben sich zu dem Eingänge des landgräslichen Wohnsitzes, wo der Geistliche, die Hofdienerschaft und das übrige Beamtenpersonal Aufstellung genommen hat- In warmen, zu Herzen gehenden, weil von Herzen kommenden Worten begrüßt der Pfarrherr Fectius das neuvermählte Paar und segnet dessen Eingang und Ausgang. Zwölf Mädchen im Alter von 8 bis 10 Jahren, zierlich in althessische Landestracht gekleidet, überreichen den Herrschaften Sträuße von Ehrenpreis, Maiblumen und rothen Primeln: blauweiß- roth, die althessischen Landesfarben. Das Gefolge erhält ebenfalls Sträuße. Commissarius Michael Caspari, ein hochgelahrter Herr, mit großem Wissen in Jura und Cameralia ausgerüstet, war von dem Herrn Landgrafen aus Homburg hierher berufen worden, um in der Landgrafschaft Hessen- Bingerheim das fürnehmste Regiment in Justiz- und Verwaltungssachen zu führen. Heute sollte er den Dienst übernehmen und daher war er mit seinem jungen Fürsten und Herrn zugleich eingeritten in's Schloß Bingenheim. Da trat ein Mägdlein von ungefähr zehn Jahren mit seinem Blumenkörbchen herzu, in welchem noch ein einziger Strauß lag. Dar Kind ergriff den Strauß, machte einen zierlichen Knix vor dem gestrengen Herrn Cominissario, richtete die großen, dunklen Augen, welche von langen, schwarzen Wimpern überschattet waren, auf den Herrn und reichte ihm den Strauß. Caspari sieht dem Kinde in's Angesicht und streckt die Hand nach den Blumen aus. Zugleich erfaßt ihn ein Zittern und Beben, als schüttele ihn ein starkes Fieber. Der Strauß fällt zu Boden, um alsbald von dem Kinde aufgehoben und wieder dargeboten zu werden. Wieder sieht der hochmögende Gestrenge in die dunklen Kinderaugen und wieder kann er den stillen, großen Kindesblick nicht ertragen; er kehrt sich um und schreitet den übrigen Herrn nach, durch das Schloßportal. Die Kleine nimmt den Strauß und legt ihn in das Körbchen zurück. (Fortsetzung folgt.) — 195 — Werthers Schatten. Novelle von Carl Cais au. ——- (Nachdruck verboten.) „Spielt und trinkt!" Der Alte schüttelte den Kopf. „Ist nicht so schlimm! Er soll erst durch Treubruch so weit gekommen sein." Herr Zipfler lachte höhnisch auf und rief: „Glaubt Er das Märchen auch?" „Ich sehe den Bürgermeister kommen," entgegnete der Invalid, „ich bin ein pflichtgetreuer Beamter, er braucht mich nicht zu sehen! Adieu!" Zipfler sah die beiden Musensöhne noch aussteigen und in's Helbig'sche Haus treten, dann eilte er in's eigene Heim zurück, seiner Frau die neuesten Neuigkeiten zu überbringen. Adrian Helbig, des Studenten Vater, hielt einen Kram- laden, wie das Firmenschild über der Hausthür deutlich besagte. Das Haus war nur klein, aber solide erhalten und mit grauer Oelfarbe gestrichen, die Fenster weiß, die schweren Läden aber dunkelgrün. Alles verrieth in dem Hause Wohlstand und Sauberkeit. Im Erdgeschoß befand stch rechts der Laden, in welchem Helbig mit Unterstützung eines Commis hantirte; links war die Wohnstube eingerichtet, aus welcher bei Ankunft des Wagens sich eine kleine rundliche Dame, Frau Cornelie Helbig, eilfertig auf die Straße begab, wo sie den ersten der Studenten, der eben aus dem Wagen sprang, mit den Worten umarmte: „Weither, mein Junge, mein lieber Sohn! Bist Du endlich da?" Dabei küßte sie den großen Sohn herzlich ab. „Ich habe auch einen Freund mitgebracht, Mütterchen!" warf nun Werther Helbig hin und stellte den Freund mit den Worten vor: „Herr Armin Reißner, mein Commilitone, Mütterchen!" _ „Willkommen, Herr Reißner! knixte nun die Dame. „Die Freunde unseres Sohnes sind uns stets angenehm!" „Nicht wahr, Adrian?" wandte sie sich dabei an ihren Mann, der, mit einer grünen Ladenschürze angethan, die Augen mit einer mächtigen Hornbrille bewaffnet, aus dem Laden in den Corridor trat- Er umarmte den Sohn und entgegnete: „Allerdings! Seien Sie uns willkommen! Mütterchen, richte das blaue Zimmer für den Herrn ein!" „Sie sind gewiß müde von der Reife?" wandte er sich an den Fremden. „Nicht wahr? — Dich, Werther, erwarte ich nachher im Contor!" Er überließ es seiner Ehehälfte, den jungen Herren zu ihrer Bequemlichkeit zu verhelfen und ging, mit sich selbst redend, in den Laden zurück, wo er eifrig zwischen Kaffee- und Reissäcken herumzankte. . „Kommt mir sogar in der Affenzacke hrer nach Schwalbheim, um den Namen Helbig zum Gespött zu machen," brummte der alte Helbig dabei. „Gefällt mir nicht! Was soll der fremde Student hier, hier in dem kleinen, soliden Schwalbheim? Nun, werden ja sehen!" Eine halbe Stunde später trat Werther Helbig, eine lange Studentenpseise im Munde, in das Contor des Vaters. „Run, Papa?" fragte der Studiosus und warf sich ohne Umstände in einen der altmodischen Armstühle, welche in dem kleinen Gemache herumstanden. Adrian Helbig dämpfte des Commis wegen feine Stimme, als er vor den Sohn trat und leise fragte: „Du bringst mir hoffentlich dieses Mal das Doctordiplom mit, Werther?' „Leider nicht, Papa!" gab der Sohn gleichmüthig zur ^^°Was hast Du denn studirt, Werther?" grollte nun der Alte. „Glaubst Du vielleicht, ich fände das Geld auf der Straße? — Ich gebe Dir noch ein Semester Zeit und hoffe, daß Du alsdann die gewünschte akademische Würde erlangt hast! Glaubst Du das bis dahin erreichen zu können? M Werther Helbig, der Student der RechtSwiffeuschaft, hatte die lange Pfeife mit den bunten, burschikosen Quasten, auf der des Vaters strenger Blick mißbilligend zu ruhen schien, bereits etwas erschrocken auf die Erde sinken taffen, als der alte Herr nochmals fragte: „Was ist denn das für ein Mensch, den Du mir hierherschleppst? Du weißt doch, Schwalbheim verträgt einmal keine Extravaganzen seitens der Studenten." I. Neugierig steckten vor hundert Jahren an einem heiteren Sommertage die Schwalbheimer die Köpfe zu den offenen Fenstern hinaus und der klatschsüchtige Zollerheber an der Brücke über die Schwalb, vor welcher der Schlagbaum in den frisch prunkenden Landesfarben sich gleich einem drohenden Zeigefinger erhob, als wollte er jedem Reisenden zurusen: „Thue den Beutel auf, Mann!" - trat sogar ob des ungewohnten Anblicks auf der Gaffe zur offenen Thür hinaus, denn es war ein heißer Sommertag und die Sonne brannte glühend auf die rothen Ziegeldächer von Schwalbheim. Die Stadt besaß nur zwei Straßen, die Südgasse und die Nordgasse, auf deren holprigem Pflaster das reichlich wachsende Gras kein besonders günstiges Zeugniß für den Verkehr des Ortes ablegte. In die Südgasse lenkte eben ein Reisewagen ein, in welchem zwei Studenten in schwarzen Sammetröcken, weißen Reithosen und hohen Kanonenstiefeln, auf dem Kopfe buntfarbige Cerevis- kappen, nachlässig faßen. Zwei große, schöne Doggen begleiteten das Gefährt und leiteten die Bekanntschaft mit den zahl- reichen Schwalbheimer Kötern durch ein ohrzerreibendes Gekläff ein. Das war die Ursache der Erregung aller Schwalbheimer Köpfe, die jetzt hinter den Blumentöpfen und schneeweißen Gardinen zum Vorschein kamen. Der dicke Zollerheber schüttelte den einer großen Kohlrübe ähnlichen Kopf und brummte: „Beim Roland von Schwalbheim, wenn das nicht Helbigs Werther, der prahlerische Student aus Jena ist, so will ich mein Lebenlang Nachtwächter im Orte fein!" Zipflers, des Zollerhebers Gedankencombination pflegte sich nicht in den weitesten Kreisen zu bewegen, doch die Affo- ciatiou feiner Ideen fand diesmal einen natürlichen Stützpunkt in dem Erscheinen des alten Baring, Polizeidieners, Feldhüters und wohlbekannten Wächters der Nacht von Schwalbheim, der soeben die Straße heraushumpelte und bei Zipfler stehen blieb. Mit dem Daumen deutete er hinter sich und meinte dann: ,,'s ist Helbigs einziger Sohn! Wird auch wohl noch lange dauern, ehe der geputzte Affe als Gerichtshalter im Hennig- stedter Amtshaufe sitzt!" „Hat noch lang zu sitzen, Baring, der Herr Graf von Schwalb haben ja längst einen neuen Amtmann gewählt!" „Was Sie sagen!" „Weiß Er's denn nicht? Zimmermeister Buschs Sohn Paul hat die Stelle erhalten!" „Ei, der Paul ist Amtmann?" „Hat aber etwas gelernt, Baring!" „So? Na, Helbigs Sohn bringt ja auch noch einen Comilton, wie sie's nennen, mit; da wird's wohl bald wieder eingeschlagene Fenster und auch sonstige Tollheiten in Schwalbheim geben!" „Möglich!" , , „Na, denken Sie denn nicht mehr an die letzten Ferien, Herr Zipfler? An die in die große Hängelaterne auf der Nordgasse gesperrte Katze und die vertauschten Schilder ehrsamer Geschäftsleute? Hab' Noth genug damit gehabt!" Herr Zipfler lachte höhnisch auf: „Und Er ist um Seine gewohnte Nachtruhe gekommen?" Hier wurde aber der Invalide böse und entgegnete entrüstet: „Lassen Sie doch die Witze, Herr Einnehmer! Ich bin ein pflichtgetreuer Beamter!" „Nun ja, war auch nicht böse gemeint! Hat Er auch schon etwas davon gehört, daß Woland seinen Garten verkauft hat?" „Allerdings," brummte Baring, „Gaffelin von der goldenen Sonne hat ihn gekauft, will feinen Kaffeegarten vergrößern!" Zipfler erwiderte: „Mit Woland soll es nicht gut stehen!" Er drehte die Hand hin und her und zeigte auf Wolands Haus. „So, fo?" meinte der Alte. „Er geht allerdings ein bischen viel in die Kaffeewirthfchaften —" — 196 — „Gr ist der Sohn des Amtmanns Reißner aus Harpstedt, | Vater!" erwiderte der Student. „So, so! Was ich sagen wollte: wenn Du heute den | Doctor mitgebracht, die Stelle eines Rentamtmanns auf Hennig, stedt, dem Gute des Grasen von Schwalb, wäre Dir wohl nicht entgangen, aber so ist es eben nichts." Weither zuckte die Achseln. „Nun, zu Tische sehen wir uns wieder!" erwiderte der Vater und ging in den Laden. r IE Weither aber zog ein bitterböses Gesicht, stampfte leise wie im Zorn mit den Kanonenstieseln auf, rauchte sich die lange Pfeife wieder an und stieg die Treppe zum blauen Zimmer hinauf, wo sich auf dem Plüschteppich der Freund mit den beiden großen Hunden abbalgte. (Fortsetzung folgt.) GeimesnnÄtziges. Unkrautfreie Gartenwege. Um zu erreichen, daß Gras und Unkräuter mannigfaltigster Art nicht mehr auf Gartenwegen aufkommen, dieselben in so lästiger Weise überwuchern können, empfehlen die „Pomologischen Monatshefte , folgendes Verfahren einzuschlagen. Wenn im Sommer der Boden stark ausgetrocknet ist, werden die Gartenwege rein abgekehrt, festgestampft und mit heißem Steinkohlentheer über- zogen, ähnlich, wie die Pappdächer man damit bestricht. So lange, bis der Theer völlig trocken geworden ist, dürfen die betreffenden Wege natürlich nicht betreten werden. Ist dieses der Fall, sind die Wege hart geworden, so überstreut man dieselben alsdann mit einer dünnen Sandschicht. ♦ * * Zur Rettigcultur wird am meisten bevorzugt der Münchener (Sommer- und Herbst») Bierrettig, reinweiß im Fleisch, welchen man von Anfang April bis August aussäen kann. Obwohl bei gutem Samen ein Ausschießen nicht zu befürchten, ist es doch nöthig, die Pflänzchen rechtzeitig aus» zudünnen; sie folleu nicht enger als in 30 Centimeter gegenseitiger Enifernung stehen bleiben. Gut gedeihen alle Rettigs nur im lockeren, humusreichen und kräftigen, nicht zu trockenem Boden, am besten sagt ihnen im Herbst umgegrabener Gras» hoben zu. Wegen des ausgeprägten und doch milden, appetiterregenden Geschmacks wird der genannte Rettig vorzugsweise zum Bier genossen. Zu starke Düngung schadet ihm, da er durch dieselbe leicht knotig und^holzig wird. ♦ * ♦ Eine weitze, harte Kruste setzt sich vielfach oben an den Blumentöpfen an. Unrichtige Behandlung der Topfpflanzen ist die Urfache. Man sehe darauf, daß die Pflanzen in nicht zu großen Töpfen stecken; nur dadurch wird in Folge der Möglichkeit des Durchsickerns des Waflers ein Sauerwerden der Erde, welch' letzteres eigentlich die harte Kruste verursacht, vermieden. Zu häufiges Gießen kann jedoch manchmal auch die Ursache dieser Erscheinung sein. Die Töpfe reinigt man mit einer steifen Bürste unter Anwendung von Wasser mit Salpetersäure vermischt. ♦ ♦ ♦ Beim Gt-tzen der Topfpflanzen halte man sich an folgende Grundregeln. Gieße nur dann, wenn die Pflanze wirklich Bedürfniß nach Wasier zeigt, d. h wenn die Erd- schicht bis auf eine Tiefe von 2 bis 4 Centimeter ausgetrocknet ist. Man soll aber in dieser Beziehung nicht zu weit gehen und die Pflanze zu lange ohne Wasier lasien, was allerdings nicht selten vorkommt. Ist das Unglück aber einmal geschehen, so gieße man mit großem Bedacht, zuerst nur wenig und mit ganz warmem Wasser, bis sich die Pflanze wieder erholt hat. Buxbaum schadet den Hühnern, da in den jungen Trieben thatsächlich Giftstoff enthalten ist. Es sei also davor gewarnt! * Mostrich-(Senf) Bereitung. Man nehme t'/z Pfund gepulverte Weizenstärke, 2 Pfund Wasser und 6 Pfund schwachen Essig, erhitze das Gemisch im Dampfbade bis zum gleichmäßigen Kleister, dann werden 2V2 Pfund Senfmehl, 1 .Pfund Zucker, 2i/2 Pfund schwacher Essig, 4 Gramm Kardamom und 2 Gramm gepulverte Nelken hinzugefügt und das Ganze durch einen feinen Durchschlag getrieben. Nach zwei Tagen kann der Mostrich gebraucht werden. Vermischtes. Der Begeisterte. Herr (der sehr stottert, in der Apotheke hnpermangansaures Kali verlangend): „Hpp — Hyp" - Profisor (Mitglied des Ruderclubs, in großer, plötzlicher Begeisterung): „Hurrah!" ♦ * * Doppelt hält besser. Modistin: „Diesen Hut müssen Sie jedenfalls nehmen, mein Fräulein; er steht Ihnen sehr gut. Das Facon ist auch sehr modern und, beliebt. Außerdem macht er Sie um mindestens zehn Jahre jünger!" - Alte Jungfer: „Ach bitte dann geben Sie mir gleich zwei!" * ♦ * Schief ausgedrückt. Gnädige Frau: „Sie geben also Tanzunterricht!" - Tanzlehrer: „Gewiß, Tanz- und Anstandsunterricht!" — Gnädige Frau: „Bitte, den Anstands- Unterricht können Sie sich bei meinen Töchtern ersparen; den hat keine von ihnen nöthig." * ♦ Eine Frage zur Zeit. „Es gibt keine Kinder mehr I" klagte eine Mutter, als eines ihrer Kinder eine altkluge Bemerkung machte. — „Hast Du denn an uns acht nicht genug, Mama?" fragte ein anderes. ♦ ♦ « Geringe Meinung. Ein Student erhascht beim Glückgreifen am Silvesterabend den Verlobungsring. Junges Mädchen (zum Vater des Studenten): „Ihr Sohn hat den Ring gegriffen." — Vater: „Unsinn, wenn der einen Ring greift, so ist es sicher ein Häring." ♦ ♦ ♦ Sauber und alt. „Siehst Du, wie sauber ich bin! Ich halte mir sechs Zahnbürsten." - „Das glaub' ich schon, für jeden Zahn eine Bürste." * ♦ * Guter Trost. Husaren - Wachtmeister (beim Verlassen eines Städtchens zu seiner Geliebten): „Aber so wein' doch nit, Rest! Tröst' Di nur; der liebe Gott wird mi nit verlassen; ich krieg' schon wieder 'n anderen Schatz!" * * * Auch ein Urtheil. Mama: „Ach, dieser Assessor Lehmann, bin ganz entzückt, wirklich ein prächtiger Mensch! — Tochter (geringschätzig): „Aber Mama, ich bitte Dich. Der Mensch ist ja schon längst verlobt." ♦ * ♦ Moderne Dienstboten. Hausfrau: „Wieviel beanspruchen Sie Lohn?" — Dienstmädchen: „Bei der Frau Räthin hatte ich nur dreißig Thaler." — Hausfrau: „Nun, das wäre mir recht---" — Dienstmädchen: „Ja, aber ich habe dafür von Frau Räthin auch Klavierunterricht bekommen, wenn Ihnen das auch recht wäre, so könnten wir's ja fest machen." Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Thr. Pietsch) in Gießen.