Antevhaltungsblatt zrriir Gietzen^e Anzeige (Geneval-Anzeigev) M. 139 Dienstag, den 27. November. Verworrene Wege. Roman von A. Nicola. (Fortsetzung.) Unter lebhafter Unterhaltung hielten wir bald vor meiner bescheidenen Wohnung. Ec sprang aus dem Wagen und war mir beim Aus- steigen behilflich. Ich forderte ihn auf, ob er nicht einen Augenblick näher treten wolle; da sich aber das Pferd etwas unruhig zeigte und Niemand da war, es zu halten, erwiderte er, ein anderes Mal werde er sich das Vergnügen bereiten. Als ich mich dem Hause zuwandte, sah ich dicht an einem Rosenbusch etwas Weißes liegen. Ich hob es auf, es war ein feines Taschentuch; in der Ecke war Max Theodor Walter gestickt. Der Name Theodor machte mich stutzig. Jetzt wußte ich mit einem Male, daß ich diesen Herrn nie zuvor gesehen hatte, aber ich wußte auch, wer dieselben grauen Augen, dieselben schmalen Lippen hatte, Theodors Liebling, unsere Edith. Ja, die Aehnlichkeit mit Edith war es, die mich irre* geführt hatte. Wer war aber dieser Mann? — Ihr, Ediths Vater oder ihr Bruder? — Für ersteren Fall war der Alters« unterschied zu gering, für letzteren zu groß. Vielleicht war es überhaupt nur eine zufällige Aehnlichkeit; vielleicht gingen die Zwei einander gar nichts an und mein Schreck war ganz unbegründet. Doch, es war ja nicht nur die Aehnlichkeit, es war auch der Name! Hatte er nicht auch gesagt, daß er sechzehn Jahre lang im Ausland gelebt habe? Wenn er mich besuchte, wollte ich ihn fragen. Aber ich fürcht te seinen Besuch, aus Angst, meine Befürchtungen könnten sich bestätigen und er könne frühere Rechte an meine geliebte Edith geltend machen. Wie konnte ich mich von ihr, meinem warmherzigen Liebling, trennen? Wer war er, dieser Fremde, der kam, mir das Kind zu rauben? Von bargen Ahnungen erfüllt, warf ich das Tuch, das ich so aufmerksam betrachtet hatte, bei Seite und ging mit angstvoll klopfendem Herzen im Zimmer auf und ab. Ich liebte das Kind; wenn es zu seinem Besten wäre, würde ich es gern Anderen überlasten. Aber eine innere Stimme sagte mir, daß es nicht so sein würde. Den ganzen nächsten Tag wartete ich voll Ungeduld, halb hoffend, halb fürchtend, Herr Walter werde kommen, aber langsam verstrichen die Stunden, ohne daß er sich blicken ließ. So war sie noch einen Tag länger mein! Ich athmete wieder freier, das Herz wurde mir leichter. Noch an demselben Abend schrieb ich einen langen, herzlichen Brief an Edith. Am vierten Tage endlich kam Herr Walter. Nach der ersten Begrüßung und ein paar gleichgiltigen Worten wandte ich mich etwas plötzlich mit der Frage an ihn: „Sie heißen Max Theodor Walter?" „Allerdings," versetzte er mit einem Lächeln der Verwunderung. „Wie sind Sie zu dieser genauen Kenntntß meines Namens gekommen?" „Auf sehr einfache Weise. Sie haben neulich hier an der Gartenthüre dieses Tuch verloren," erwiderte ich und reichte ihm dasselbe. „Besten Dank, ich hatte es noch gar nicht vermißt;^wir Junggesellen sind in solchen Dingen sehr nachlässig." „Sie sagten mir," sprach ich weiter, „Sie wären erst seit Kurzem nach Deutschland zurückgekehrt. Darf ich fragen, ohne unbescheiden zu erscheinen, woher Sie kommen?" „Gewiß," versetzte er; „ich lebte bis vor drei Monaten in Valparaiso in Südamerika." Bei Nennung dieses Namens schrak ich zusammen. „Nochmals muß ich um Verzeihung bitten; ich werde Ihnen sogleich den Grund zu meinen Fragen mittheilen. — Lebten Sie allein in Valparaiso? Ich meine in Bezug auf Verwandte?" „Elf Jahre, bis zur Zeit, wo ich Amerika verließ, lebte ich allein." „Und vorher?" „Vorher lebte ich bei meiner verheiratheten Schwester. Mein Schwager war englischer Geistlicher und stammte aus sehr vornehmer Familie. Sie ließen sich in England trauen, und ich — damals noch ein halbes Kind — begleitete fie bald nach der Hochzeit in das fremde Land. Mehrere Jahre darauf starben Beide binnen wenigen Tagen an einer ansteckenden Krankheit. Ihr Kind, ein Töchterlein, hinterließen sie meiner Fürsorge." „Lebt dieses Kind noch?" fragte ich athemlos. Tiefe Trauer klang durch seine Stimme, als er antwortete: „Die Arme ist auf einer Reise nach Europa ertrunken. Wenn ich an dieses Kind denke, wird mich ein Gefühl der Reue nie verlaffen. Sie war erst zwei Jahre alt, als sie mir als elternlose Waise in die Arme gelegt wurde. Ich zählte damals kaum zwanzig Jahre und wußte Anfangs nicht recht, was ich mit der Kleinen anfangen sollte. Aber eine Mulattin, eine alte, treue Person, die immer bet meiner Schwester gewesen war, nahm sich des Kindes an. Meine liebe kleine Klariffa! Wie bald gewann sie mich lieb! Da umschlang sie mich mit ihren kleinen Aermchen und schmiegte sich so zärtlich und vertrauensvoll an mich. Bald konnte sie auch meinen Namen stammeln und ich lehrte sie, sich selbst Theodors Liebling zu nennen — aber Verzeihung, daß ich Sie mit diesen Einzelheiten langweile." „Im Gegentheil, sie interesfiren mich lebhaft," erwiderte ich erregt, „bitte, fahren Sie fort." „Zwei Jahre nach dem Tode von Klarissas Eltern brach das Fieber in der Gegend aus," erzählte er traurig weiter; „schon fühlte ich die Krankheit in meinen Adern brennen und ihr langsames Feuer mein Blut verzehren, da stieß ich noch den Befehl hervor, die Mulattin solle mit dem Kinde fliehen. Dadurch hoffte ich dem Kinde das Leben zu erhalten. Das Fieber bannte mich lange auf'« Lager, viele Wochen lang lag ich hilflos, mehr dem Tode als dem Leben nahe; endlich aber siegte meine kräftige Constitution — ich kehrte zum Leben zurück. — „Meine ersten Fragen waren nach meinem Liebling; da ward mir die traurige Mittheilung, daß das Schiff, auf dem die Wärterin mit dem Kinde sich befunden, Schiffbruch ge- litten habe und das Leben einer Mulattin und eines weißen Kindes dabei zu beklagen sei. „Ich sandte diese Trauerkunde an Lady Ponsonby, der Schwiegermutter meiner Schwester, zu welcher die Wärterin mit dem Kinde hatte gehen sollen. Seitdem mache ich mir bittere Vorwürfe, daß ich die Kleine überhaupt von mir ge- laffen habe." Walter schwieg und wandte sich rasch nach dem Fenster; ich sah, wie ein Schleier sich über seine klaren, grauen Augen senkte. Auch meine Augen wurden feucht und ich erwiderte mit unsicherer Stimme: „Vielleicht vermag ich Sie zu trösten- Nicht aus müßiger Neugier stellte ich diese Fragen über Ihre Vergangenheit; nie würde ich gewagt haben, eine so zarte Seite Ihres Herzens zu berühren I — Herr Rector, ich kenne Theodors Liebling, ich kann Ihnen denselben wiedergeben." „Fräulein!" rief er aus und wandte sich mir hastig zu; „o, reden Sie! Ist sie noch am Leben?" Der starke Mann war vor Erregung bis an die Lippen bleich und seine großen Augen starrten mich seltsam fragend und zweifelnd an- „Ja, sie lebt," antwortete ich; „einen anderen Beweis als mein Wort kann ich Ihnen freilich nicht dafür geben- Ihre Nichte lebt und ist gesund und so schön und glücklich, wie Sie es nur wünschen können." Für einen Augenblick überwältigten ihn Schreck und Freude, und er verbarg sein Gesicht in den Händen. Dann richtete er .den Kopf langsam in die Höhe und sagte mit tief« bewegter Stimme: „Wo ist sie? Kann ich sie sehen? Kann sie zu mir kommen — das Kind meiner geliebten Schwester?" „Ja, aber nicht heute; morgen sollen Sie ste sehen. — Wollen Sie jetzt Platz nehmen und sich von den letzten elf Jahren ihres Lebens erzählen laffen? — Niemand kennt die« selben bester als ich." Er setzte sich und hörte mir fast athemlos zu, als ich ihm die Schönheit und den Liebreiz meiner Pflegeschwester schilderte. Ich erzählte, auf wie seltsame Weise sie zu uns gekommen, welch' unbegreifliche Liebe meine Mutter für die kleine eitern« und heimathlose Waise empfunden, wie wir sie erzogen hatten und mit welcher Zärtlichkeit ich selbst an ihr hinge. Guidos erwähnte ich mit keinem Worte, wozu auch? „Mein Fräulein," sagte der Rector mit erstickter Stimme, als er beim Abschied meine beiden Hände ergriff, „mir fehlen die Worte, Ihnen zu danken. Dieses Kind wurde mir von einer mir theuren Sterbenden anvertraut und ich wollte die Aufgabe, die ich mir selbst zur Pflicht gemacht hatte, gewissenhaft durchführen, mir wurde diese Möglichkeit genommen; aber ich bin überzeugt, daß sie bester erfüllt worden ist, als ich es je vermocht hätte." ♦ » ♦ Am nächsten Tage faß ich mit Edith in meinem behaglichen Stübchen am offenen Fenster. Wie riß ste die grauen Augen auf, als ich in meiner schon auf der Herfahrt aus der Pension begonnenen Erzäh« lung fortfuhr! — Wie athemlos lauschte ste meinem Bericht! Als ich endlich zu Ende war, sprang sie auf, schlang mit ihrem gewohnten Ungestüm die Arme um meinen Hals und erklärte unter Schluchzen, daß kein Mensch auf Erden uns trennen dürfe. Ich küßte die erhitzten Wangen, strich die braunen Locken zurück und bat sie, Herrn Walter ruhig entgegenzutreten. Ich sah, daß er soeben durch den Garten auf das Haus zukam und ging ihm entgegen. Erregt und forschend sah er mich an- „Ist sie da, Fräulein? Ist die kleine Klariffa hier?" fragte er hastig. „Bitte, nennen Sie ste bei dem Namen, der ihr der liebste ist," entgegnete ich; „nennen Sie sie Edith." „Nun denn — ist Edith hier? — O, reden Sie!" „Treten Sie ein und sehen Sie selbst," entgegnete ich lächelnd und riß die Thüre zu dem Wohnzimmer weit auf; „da ist Theodors Liebling!" O, das gegenseitige Betrachten dieser Beiden war unbeschreiblich! Jetzt Fremde, einst so vertraut miteinander, — er mit dem Hut in der Hand, den Kopf ein wenig vorgebeugt, um ihre Schönheit mit einem Blicke ganz in sich aufzunehmen; sie halb vom Stuhle erhoben, beide Hände auf die Armlehnen desselben gestützt, das liebe Gesicht vor Aufregung und Erwartung geröthet; so schauten sie einander einen Moment an, dann trat er näher. „Edith," Hub er an, „ich erinnere mich Deiner nur, wie Du vor elf Jahren von mir schiedest. Jetzt flehst Du wie eine aus dem Grabe Erstandene vor mir, Du siehst genau so aus wie meine Schwester Klariffa, bevor wir das Heimath- land verließen. Um meiner theuren Schwester, um Deiner Mutter willen, laß mich Dich an mein Herz nehmen und Dich wieder meinen Liebling nennen." Da sprang ste ihm entgegen, seine Arme schlossen sich fest um ihre schlanke, mädchenhafte Gestalt. Ich sah, daß hier jede weitere Erklärung unnütz war, daß etwas in seiner Stimme oder seinem Wesen eine langverstummte Saite ihrer Herzens berührt hatte und leise schloß ich die Thüre, um Beide allein zu lassen. — Die so begonnene Bekanntschaft mit dem Rector reifte bald zu warmer Freundschaft. Edith behielt ich vorläufig zu Hause, bis etwas Bestimmtes über ihre Zukunft beschlossen sein würde. Ihr Onkel räumte ein, daß wohl Niemand ein größeres Anrecht an sie habe, als ich, aber sein strenges Pflichtgefühl gebot ihm, Lady Ponsonby, ihrer Großmutter in England, der einzigen außer ihm noch lebenden Verwandten Ediths, Mittheilung von dem Geschehenen zu machen. Ediths Vater war gegen den Willen seiner Mutter Geistlicher geworden und hatte sich, kurz nachdem er in sein Amt eingetreten, mit Klariffa Walter, der hinterlassenen Tochter eines einfachen Beamten, verheirathet, der sich weder eines langen Stammbaumes, noch eines großen Vermögens rühmen konnte. Seitdem hatte die Mutter dem ungehorsamen Sohne verboten, ihr Haus wieder zu betreten. — Bald darauf war derselbe einem sehr ehrenvollen Ruf nach Valparaiso gefolgt. Seitdem hatte die stolze, hochgeborene Dame ihre Strenge tief bereut, aber ach, die Reue war zu spät gekommen! — Bevor ihre Verzeihung und ihre Bitte, in die Heimath zurück- zukehren, den Sohn erreichten, war derselbe einem anderen Rufe — dem Rufe in's Grab gefolgt! — Der Rector schrieb nach London, wo Lady Ponsonby schon seit vielen Jahren lebte; er theilte ihr Alles mit und schloß seinen Bericht damit, daß er ihr dringend an's Herz legte, ihr Enkelkind so lange unter seiner Obhut zu lassen, bis deren Erziehung beendet sein würde. Zwei ganze Wochen lang erwarteten wir vergebens eine Antwort auf dieses Schreiben. Ungefähr drei Wochen, nachdem der Brief abgesandt war, fuhr ein geschlossener Wagen in unser Städtchen ein und die dampfenden Pferde hielten vor unserer Gartenthür. Edith, tiefem Vorschlag mußten Walter und ich uns w, frt8ben geben. Es wurde dann festgesetzt, daß Edith in acht kommen "solltt b6m i§reS OnfeIS iU ihrer Großmutter eigenem Gutdünken ent- mich zu der am Fenster Großmutter gehen oder bei Dir bleiben, meine auf, daß Fräulein Butt ganz nach scheidet." „Edith," sagte ich und wandte Stehenden, „willst Du zu Deiner lieber bei mir bleiben?" die m Garten Blumen pflückte, kam in's Haus gelaufen, um mir diese Neuigkeit mitzutheile». 9 T ' “ ^?°n Augenblick fühlte ich, daß ich vor Erregung rlÄ «ach einer Stütze greifen mußte. Aber schnell meine Fassung wieder und ging der vornehmen Dame entgegen, bte schon aus dem Wagen stieg. orMor Thürs entgegentretend, fragte ich mit ehr- erbietigem Gruß: „Lady Ponsonby?" y Sie bejahte mit einer leichten Bewegung des Kopfes und dann klang der eigenthümlich kalte Ton ihrer Stimme um angenehm an mein Ohr: „Habe ich das Vergnügen, Fräulein Butt vor mir zu sehen?" Damit streckte sie mir die Fingerspitzen entgegen. ö ^ch führte sie in das Haus, während der Wagen draußen wartete. I N einsam kam mir mein kleines Haus vor, als es feiner | anmuthigsten Blume beraubt war! !atte s^t zwei Jahren auch nichts gehört, I außer daß er lebte, wußte ich nichts von ihm. Daß aerade | der letzte Brief, den ich von ihm besaß, von Liebe überfloß I ^as ich nicht zu ergründen vermochte' | "7er alter Rector war gestorben und Walter an seine Stelle ! y £«f langen, einförmigen Wochen kehrte Edith I 5,rJPe: re2ie$ sah sie in ihrem eleganten Anzug au?- als sie sich mir in die Arme stürzte! Ich erdrückte sie I sfst mit Küssen und Zärtlichkeiten. Sie sagte mir, daß sie I eine ganze Woche lang bei mir bleiben wolle, und als ich st° dieses kurzen Besuches halber ausschalt, streichelte sie mir I Örtlich die Wangen und meinte, sie have jetzt eine Erzieherin I l'iese sei so streng und gebe ihr keinen Tag länger Urlaub. I ™ $$ erwiderte, ich hätte gehofft, sie werde nach den fünf | fachen wieder ganz zu mir zurückkehren. Darauf gab sie I filvur Antwort, ihre Großmama sei so gütig und nach- I 8 sie, überschütte sie so mit Geschenken, daß sie I deren Wünsche nicht ganz unberücksichtigt lassen könne. Dabei versprach sie mir, mich recht, recht oft zu besuchen. ... Aber rede Freude hat ihr Ende - so auch Ediths Be« I s«A,. Wieder stand der Wagen vor der Gartenthüre, wieder I an'mich —böS ^bbe, thränenfeuchte Gesicht zum Abschied Jede Woche erhielt ich einen, ja auch zwei Briefe aus London und schließlich brachte mir ein solcher eine Nachricht Watts?eilte^ r^tö' daß ich mit dem Brief in der Hand zu Der Brief war von Lady Ponsonby und sie theilte mir mit, daß sie noch an demselben Tage nach Paris überzusiedeln ! gedenke. Es treffe, schrieb sie, Fräulein Ponsonby kein Tadel, daß sie mir nichts davon geschrieben habe, da ihre Pläne Fräulein Ponsonby bis ,etzt, am Tage ihrer Abreise, um bekannt gewesen wären. " Unsere liebe Edith war also für uns jetzt das vornehme unnahbare Fräulein Ponsonby geworden. Voll Entrüstung las ich Walter diesen herzlosen Brief vor und fragte um Rath, was ich thun solle. Einen Moment war er stumm vor Verwunderung. „Diese Handlungsweise ist einer edlen Frau unwürdig" sprach er endlich. „Lady Ponsonby hat kein Recht, das Kind ohne unsere Einwilligung mit in's Ausland zu nehmen. Jedenfalls war sie überzeugt, daß wir nicht damit einverstanden gewesen wären, darum handelte sie auf eigene Hand." Ediths erster Brief aus Paris bestand aus vier Seiten voll Selbstvorwürfen. e. . "Du wirst mir nie vergeben können," schrieb das liebe > »,' s? «erließ, ohne auch nur einen Abschieds- kuß! Aber ich hatte ja von unserer Ueberstedslung nach hier keine Ahnung bis zum Morgen der Abreise! Ltsette kam „Viel, viel tausend Mal lieber liebe Madeleine," erwiderte Edith. sagte da Lady Ponsonby in gereiztem Tone „d^ese Worte allein beweisen mir, wie nothwendig es ist, Dich unter geeignete Aufsicht zu stellen. Wie ich sehe? fehlt' es Dir an der allergewöhnlichsten Höflichkeit. Ich wünsche, daß Du & 3B^!en mir kommst; wenn Du darnach noch Äff 9t8 vorziehst, werde ich nichts gegen Deine verlangen einroenben- ®ie8 darf ich als Großmutter T$e.^««n wohl kaum zu sagen," Hub sie im nehmend an, „wie mich Herr Walter über- Eö;ichhabeschon ange jedes Band, das sich an meinen Sohn knüpft, für zerriffen gehalten. Welcher Segen, daß seine Tochter, das Kind meines armen Lionel, mir wiederge- ßbdenwird! Sie lebt, wenn ich recht verstanden habe, jetzt bet Ihnen?" V'3a' gnädige Frau," versetzte ich, „und es hieße meinem Hause den Sonnenschein nehmen, wenn man uns jetzt trennen ^aben Sie Herrn Walters Vorschlag, sie unter meiner Obhut zu kaffen, bis ihre Erziehung vollendet ist, in Betracht gezogen? „Ein solcher Vorschlag bedarf überhaupt keiner Erwägung meinerseits. Meine Enkelin und einstige Erbin muß für die Stellung, die ihr zukommt, erzogen werden," versetzte Lady Ponsonby. — Ihr kaltes, stolzes Gesicht ward bei diesen Worten noch strenger und kälter. Da wußte ich, daß es mit aller Hoffnung, meine Pflege- fchwester noch bei mir zu behalten, aus war. — * a «kut®06 ™ sch den Wagen hatte kommen sehen, hatte ich Edith zu Walter geschickt. Eben traten Beide ein. 9 ’ , Lady Ponsonby ging Edith entgegen, küßte sie, zog sie v"8 Knster, nahm Ediths Gesicht zwischen die Hände und I betrachtete sie aufmerksam. Enttäuscht den Kopf schüttelnd, ließ sie nach wenigen das Mädchen los. „Nicht die entfernteste Aehm lichkeit mit meinem Sohne," sagte sie; „kein einziger Zug von unserer Familie. Sie muß Ihrer Schwester sehr ähneln, Herr Walter?' setzte sie, zu diesem gewendet, hinzu. I „Sie ist das genaue Ebenbild meiner Schwester," ent- I segnete dieser; „auch ich kann keinen Zug von ihrem Vater | an ihr entdecken." „Run, gleichviel; sie ist sein Kind und meine Enkelin," I suyr jene fort. „Kann sie in acht Tagen bereit sein, zu I mir zu kommen?" | „Verzeihung, gnädigste Lady," ergriff Walter das Wort, „wollen Sie Edith nicht wenigstens noch für einige Zeit in I dem Hause lassen, wo sie glücklich war?" „Daran ist nicht zu denken," lautete die Antwort, „da- | mit würde ich das Andenken meines verstorbenen Sohnes j wenig ehren. Ich beabsichtige, an seiner Tochter ebenso zu | handeln, wie ich an jedem anderen Enkelkinde gehandelt haben I wurde, das er mir vielleicht hinterlassen hätte, wenn er eine I Heirath nach meinem Wunsche eingegangen wäre" Dieser Stich traf Herrn Walter tief, gleichviel ob er I beabsichtigt war oder nicht. Für einen Augenblick stieg eine I seltsame Röthe in seine bleichen Wangen. „Ich bezweifle nicht," entgegnete er in mildem Tone, I „daß Sie, schon um meines Schwagers willen, das Beste be- I absichtigen. Aber Sie dürfen bei alledem nicht vergessen, daß I Fräulein Butt für Edith Mutter, Schwester und Beschützerin I war, so lange dieselbe keine anderen Freunde hatte! Für diese I große, selbstlose Güte gebührt derselben wohl ewiger Dank. I Ich selbst mache in Bezug auf Ediths Zukunft keine An- I . sprüche, obwohl meine nahe Verwandtschaft mich dazu berech- J ! «gt; das heißt aber, ich gebe sie nur unter der Bedingung ‘ i - 658 — 586 GenreririrÄtziges früher als gewöhnlich an mein Bett und weckte mich mit den Worten: Wachen Sie auf, Fräulein, und eilen Sie sich, binnen wenigen Stunden reisen wir nach dem schönen Frankreich! — Anfangs erklärte ich, ich ginge nicht mit; aber Großmama sagte mir, sie habe Dir geschrieben; so bin ich denn hier — wenn ich auch den Grund und Zweck der Reise nicht recht einsehen kann." (Fortsetzung folgt.) gebracht! Zwei junge Lehrerinnen, Fräulein Agnes und Fräulein Piel, stellten sich freiwillig in den Dienst dieser „Anstalt". Der Jahrmarkt ist jetzt getheilt; die eine Hälfte arbeitet aus dem Boulevard Richard- Lenoir, die andere auf dein Place du Trvne. Dort unterrichten Fräulein Bonnefois und Fräulein Agnes, hier Fräulein Piet die Kinder. Die ganze Schule zählt bereits 70 Schüler und Schülerinnen, lauter Artisten-. kinder, und wenn sie sich küssen und halsen, wenn sie spielen und singen, wenn sie sich streiten und prügeln, dann geschieht es wenigstens unter und von ihresgleichen; das Schicksal deS kleinen Pierre bleibt ihnen erspart. Da sitzen sie nun, diese kleinen Geschöpfe, deren Einzelne schon viele „Kunststückchen leisten und ihren Eltern — Geld verdienen", an der rührend ärmlichen Schulbank und schreiben. Es sind Kinder jeden Alters, zwölfjährige Mädchen und zehnjährige Knaben, Mägdleins von fünf Jahren und kleine Männchen, die kaum das vierte Lebensjahr erreicht haben. Für diese 586568 ist die Schule vorläufig nur „Kindergarten"; sie lernen sitzen und die Händchen schön artig auf dem Tisch halten, manche können sogar schon ein Abendgebet auswendig sagen. Ein fünfjähriger Zwerg sagt sein Gebetchen auf; es klingt fast wörtlich wie das liebe deutsche „Müde bin ich, geh' zur Ruh', schließe meine Aeuglein zu". Er ist zum Küssen, der herzige Junge, wie er seine Verslein in seinem unmöglichen Kinderfranzösisch herunterlallt. Die Lehrerin läßt die kleine Jeanne auf den Tisch steigen; die zählt schon drei Jahre! Sie weiß schon eine Menge Dinge und fürchtet sich auch gar nicht vor den Affen und Schlangen, die ihr Vater in seiner Bude zeigt. Geheimnißvoll weiß sie zu erzählen, daß einer der Affen, der „Moumi", schwer krank ist — er hustet! Ihr Kollege, der kleine Charles, ist nicht viel älter; allein das Kerlchen weiß schon jetzt, was er werden will: — der Nachfolger seines Vaters!. „Und was ist denn Dein Papa?" — „O, Papa besitzt den Affen, der ein Waldmensch ist", zirpt der Kleine, „und der „Waldmensch" ist so bös, so bös". Jetzt geht die Thüre auf und herein huscht ein Mägdelein, an das sich ein kleines Hündchen schmiegt. Ein halbunterdrücktes „£>!" ertönt von der Schulbank her. „Ja, die Lisette hat sich heute verspätet, während die Änderen schon ein halbes Schulheft vollgeschrieben haben. Aengstlich schleicht sich die Lisette auf ihren Platz, doch die Lehrerin beruhigt sie mit einem unsagbar freundlichen Blick. Hier gibt es keine Strafe und wahrscheinlich ist die Lisette länger bei der „Uebung" zu -Hause zurückgehalten worden. Ihr Hündchen kauert sich am warmen Ofen nieder und bald ist Lisette in ihre Aufgabe vertieft; sie wird das Versäumte schon nachholen. Dem „Ture" aber, dem kleinen Hund, den Alle lieben, fliegen heimlich Brodstückchen zu. Welch ein allerliebstes Schauspiel. Fast jeder der niedlichen Zöglinge des Fräuleins Bonnefois hat schon einen „Beruf". Die blonde Georgette — selbst ein Engelskopf — macht den „Engel" in der „Passions-Aufführung" ihres kleinen Theaters. Die siebenjährige Blanche — „Nein, bitte, siebeneinhalb Jahre!" rief sie der Lehrerin zu — spielt schon in drei Theaterstücken auf dem Jahrmarkt; sie gibt „die kleine Braut" in der gleichnamigen Pantomime, dann einen Knaben in „Suzettens Reise" und eine Hauptrolle in der „Mignon", die sie sich draußen in ihrem „Wurstelprater" zurechtgelegt haben. Und wie selbstbewußt die kleine Komödiantin von ihren Rollen spricht! Wie viele harte Worte und Schläge mag es beim Studieren der Rollen abgesetzt haben!? Doch davon verräth die kleine Blanche nichts; das sind Familiengeheimnisse. Viel stolzer ist das Auftreten der neunjährigen Antoinette; o, die ist Tänzerin und kann schon seit drei Jahren auf den Fußspitzen gehen. Sie ist die „Löwin" der Schulklasse und Alle huldigen ihr, der Antoinette. Ganz an der Ecke sitzt ein kleiner, schwarzer Lockenkopf, aus dem zwei große, dunkle Augen leuchten. Das ist die Rssida Raynaud, das Zigeunerkind, ein fünfjähriges Bsbö, in Lumpen gehüllt. Sie blickt so traurig drein und ihre Augen schimmern feucht. „Was hat man Dir, Du armes Kind, gethan? . . ." Hat es Prügel statt des Frühstücks gegeben oder thun da die nackten Füßchen von der Kälte so weh? „Was willst Du werden, Rssida?" Das zerlumpte Zigeunerkind schweigt — es hungert vielleicht. . . . Doch die Artistenschule hat auch ihre heiteren Brüderlein. Chöcolat und Faraud sind zwei Komiker, die alle Morgen mit einem neuen Spaß in die Schule kommen. Und noch ehe dec Unterricht beginnt, hat sich die Klasse bereits gründlich über Chocolat's Drolerien ausgelacht. Der „Nigl", der kaum neun Jahre zählt, sieht Einem aber auch wirklich so urdrollig an, daß man lachen muß. Dazu kommt noch Eines: er ist ein Negerlein, und schon sein kohlschwarzes Gesicht reizt die Kinder zum Lachen. Also sieht es in der Schule der Komödiantenkinder aus, die mit ihren Eltern ein stetes Nomadenleben in der schönen Weltstadt Paris führen. Die hochherzige wackere Lehrerin aber, Fräulein Bonnefois, sorgt redlich dafür, daß ihre Schützlinge auch etwas Rechtes in ihrer Schule lernen. Und sie versäumt es auch nicht, den Kleinen vom lieben Gott und seinen Engeln zu erzählen und ihnen die schönsten Lehren der Tugend und frommer Sitte zu Gemüthe zu führen. Man muß die Geduld, die Hingebung bewundern, mit der sich diese Frau für ihr gutes Werk einsetzt. Die Artistenkinder, in deren freudlose Jugend die edle Lehrerin, einen Funken von Licht und Liebe zu streuen sich bemüht, werden ihrer Wohlthäterin gewiß ein dankbares Andenken bewahren. Oben aber, bei den Engeln, betet gewiß der kleine Pierre, daß der liebe Gott dem herzensguten Fräulein Bonnefois ein recht langes Leben zum Lohne für ihre Mühen schenken möge. Der Rübengefchmack bei Butter. Längst bekannt ist das Verfahren, die Milch oder den Rahm auf 80° C. zu erwärmen, indem unter flüchtigm Umrührsn jene Stoffe, die der Butter den Rübengeschmack verleihen, entweichen. Das einzig sichere Mittel ist, aber das sogenannte Pasteurisiren des Rahmes oder der Milch, welches genügend lange und mit darauffolgender starker Abkühlung gehandhabt werden muß. Heute sind schon in den meisten größeren Meiereien solche Apparate vorhanden. * , Kitt zum Ausfüllen von Astlöchern, Fugen r;nd Spatien in Fensterrahmen. Man nimmt mög lichst feingeschlämmten Ocker (Thon und Eisenoxyd) und glühe denselben kräftig in einem eisernen Tiegel. Rach dem Erkalten wird der Ocker, wenn sich Stücke gebildet haben sollten, Ali einem gleichförmigen Pulver zerrieben. Darauf werden 600 Gramm Kolophonium in einem hinreichend großen erlernen Tiegel geschmolzen, darunter, sobald das Kolophonium flüssig- geworden ist, 500 Gramm dicker Terpentin gerührt. In dre aus beiden Stoffen entstandene klare Flüssigkeit bringt man 1 Kilogramm des geglühten und geriebenen Ockers. Das Gemenge wird im Tiegel warm gehalten und dre schadhaften Stellen werden damit ausgegoffen. Bei den Komödianienkindern. (Schluß.) Um so seltsamer berührte es mich, als ich heute auf meinem Spaziergang durch den Jahrmarkt auf dem Boulevard Richard Lenoir binter der Segelwand einer großen Bude, in welcher man em Panorama vermuthen konnte, lernende Kinderstimmen vernahm. Ja, lernende Kinderstimmen, die unter dem Wink einer Lehrerin irgend em Gedicht oemeinsam recitirten. Eine merkwürdige Schule! Sie ist weit und oroß und bietet Raum für drei Klassenzimmer. Ihre Einrichtung besteht jedoch nur aus einem einzigen langen, an die Erde befestigten Tgch (zwei Bretter auf vier Pfählen!) und zwei langen Bänken. Auf der einen Bank die Knaben, auf der andern die Mädchen. Lauter Artisten- ki'der ganz unter sich und ihresgleichen. Die Pariser Saltimbangues haben'sich längst zu einem Syndikat vereinigt, aber zur Gründung einer eigenen Schule hat es ihre Syndikatskasse noch nicht gebracht. Sollen aV'O diese Kinder gleich Wilden, ohne jede Kenntniß von Lesen und Schreiben, aufwachsen? Oder sollten sie etwa hier und da das Schicksal des kleinen Pierre theilen? Nein, das darf nicht sein, dachte sich eine hochherzige Frau aus dem Volke, eine arme Lehrerin und — sie gründete eine Schule für Artistenkinder. Mademoiselle Bonnefois heißt di-ser Schutzengel der kleinen Saltimbangues; sie hat sich die Kosten für ihre Schule „zusammengebettelt" aus bescheidenen Spenden. Selbstlos und hingebungsvoll für ihr gutes Werk wandert sie mit ihrer „Schule" den Saltimbangues überallhin nach, wo sie ihre Zelte aufschlagen. Sie selbst wohnt in einem — rollenden Waggon, das ist ihre Prwatwohnung. Sie machte heute ein besonders glückliches Gesicht. Die Gemahlin des Präsidenten der Republik, Madame Casimir Perier, hat auf ihr Gesuch um eine Unterstützung für die Schule der Artistenkinder 200 Francs geschickt und ein anderer Wohlthäter hat der Schule — einen eisernen Ofen gespendet , , Es ist hier feucht und kalt und meine armen Kleinen litten sehr unter dem bösen Wetter", sagte Fräulein Bonnefois, „und Sie tonnen sich denken, wie sehr uns der Ofen jetzt willkommen ist". Es war rührend anzusehen, mit welcher Zärtlichkeit die Kleinen auf das prächtige Feuer das hell im Ofen loderte, blickten. Die Saltimbangues selbst si-id natürlich über das Werk der guten Dame glücklich und dankerfüllt. Noch nie war eine Lehrerin so verehrt, ja angebetet, wie unter diesen Nomaden der „Kunst". Sie hat es sogar schon zu einer Parallelklasse Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Thr. Pietsch) in Gi-ßen.