AntevhaLtrrngsblatt jum Gi-tzenev Anzeigen (Gensval-ZLnZesgev). 1894, AW ^WW M^W Samstsg, den 27« October. Lola. Roman frei nach dem Amerikanischen von Erich Friesen. (Fortsetzung.) Es erscheint Lord Rawdon, als werfe sie hinter ihrem edelsteinbesetzten Fächer einen spöttischen Blick zu ihm herüber, als spreche sie zu ihrer Nachbarin von ihm. Sein Herz steht fast still. Es ist, als ob alles Leben aus ihm wiche. Seine Züge werden geisterblaß, seine Lippen kalt, seine Augen umflort. O, wie hat er sie geliebt. . . . Und jetzt? „Räche Dich! Räche Dich!" Der Herzogin entgeht der starre Ausdruck in seinem. Ant- litz nicht, trotzdem er im Schatten sitzt. Sie will den Bann brechen und geht direct auf ihr Ziel los. „Die Baronin Medfort ist heute besonders elegant," sagt ste in leichtem Conversationston. „Perlen und weiße Hyr- cinthen sind äußerst poetische Attribute. Wer ist diesmal ihr Kavalier? Ich sehe Baron Gerald nicht. Ach so, ich entsinne mich setzt — er ist ja wohl nach seinem Gut gereist." Arno antwortet nicht. Er hört kaum, was die Herzogin spricht. Seine Augen blicken noch immer starr auf das lächelnde Antlitz mit dem goldig schimmernden Haar und den bestrickenden Grübchen in den runden Wangen. Ist dieses liebliche, holdselige Antlitz dasselbe, das sich vor wenigen Tagen in kaltem Hochmuth, ja, in offenem Widerwillen von ihm gewandt? Jetzt begegnen sich ihre Blicke. Lola neigt mit hoch- müthtgem Lächeln kaum merklich das Haupt, während Arno sich mit kühler Reserve verbeugt. „Wer ist in ihrer Loge?" wiederholt die Herzogin. „Ah, der französische Botschafter, dann Lord Goff und dort hinten Fürst Laritzky Ich glaube, ein Paar blaue Augen können den bis an's Ende der Welt locken und die Baronin besitzt wirklich hübsche Veilchenaugen." Zu ihrer großen Erleichterung geht der Vorhang wieder auf und Arno wird durch die packende Tragik des Stückes aus seiner Starrheit gerissen. Im Laufe des Abends findet eine eigenthümliche Veränderung mit ihm statt- Die Herzogin, die ihn fortgesetzt ängstlich beobachiet, bemerkt, daß seine Augen wieder Glanz bekommen, daß der ganze Ausdruck seines Gesichtes freier, lebhafter wird. Als sie eine Unterhaltung über das Stück beginnt, geht er mit auffallendem Interests darauf ein. „Was halten Sie von der Tragödie?" fragt sie lebhaft. „Die Heldin ist zwar hochmüthig, eitel, vielleicht sogarWrz- los. Aber verdient sie eine solche Strafe?" M Arno wendet ihr sein ernstes, augenblicklich fast strenge« Antlitz zti. „Ja," entgegnet er kalt. „Sie spielte mit bett Gefühlen des Mannes, der sie liebte. Sie verdient kein besssres Loos." Beider Augen begegnen sich in einem langen, ernsten, forschenden Blick. „Die Strafe ist dem Vergehen angsmesten," fährt er nach einer kleinen Pause langsam fort. „Sie war hochmüthig; er demüthigt ste. ... Ha! Räche Dich! Räche Dich!" Die Herzogin zuckt zusammen. „Warum wiederholen Sie stets diese schrecklichen Worte? Sie erschrecken mich. Wenn ich nur wüßte, worüber Sie grübeln. In Ihren Augen lese ich eine ganze Tragödie." Er lächelt ein wenig und lehnt sich schweigend in seinen Stuhl zurück. Die Herzogin vermag es fast nicht mehr, die Blicke von ihm abzuwenden. Es ist, als ob ganz bestimmte, eigenthümliche Gedanken sich in sein Hirn Eingang erzwängen, als ob er sie das eine Mal abschütteln, das andere Mal in sich aufnehmen wolle. Plötzlich hört die Herzogin seine tiefe Stimme dicht an ihrem Ohr. „Ich glaube, auf der ganzen Welt hat mich Niemand lieb, außer Ihnen. . . . Fürchten Sie nicht, daß ich Ihnen eine Liebeserklärung mache," fährt er mit einem schwachen Lächeln fort, als er ihr schönes Antlitz jählings erbleichen steht „Antworten Sie mir offen und ehrlich! Habe ich Recht?" Fest und ohne jede Ziererei blickt sie ihm in die Augen. „Ja." Leise berührt er mit seiner Hand ihre heräbhängende Linke und drückt ste sanft. „Ich danke Ihnen. Ich weiß, ich darf Ihnen vertrauen." Schweigend nickt ste mit dem Kopfe. Ihr Herz ist zu voll; sie kann nicht sprechen. Das Stück ist aus. Lord Rawdon befestigt den goldfarbenen Abendmantel um die Schultern der Herzogin. Sie zuckt zusammen; seine Hände brennen wie Feuer. Beim Betreten des Foyers begegnen sie Lola, die, ganz eingehüllt in weiße Spitzen, am Arme des französischen Botschafters daherschwebt. Sie lächelt über ihre Hyaeinthen hinweg auf die sie umgebende Gruppe von Bewunderern. Das Lächeln verstärkt sich, als sie die Herzogin und ihren Begleiter erblickt. Sie meint, es bedürfe nur eines freundlichen b()2 — Wortes von ihr, nur eines Winker ihrer kleinen Hand — und Lord Rawdon liegt wieder zu ihren Füßen. Höfliche gegenseitige Verbeugungen, kalte Blicke ohne irgend ein Wort der Begrüßung — dann ist man an einander vorbei. Lord Rawdon folgt der Einladung der Herzogin zum Thee. Nach einer langen, erregten Unterredung mit ihr verläßt er sichtlich befriedigt dar Palais. Der Händedruck, den Beide beim Abschied wechseln, der verständnißvolle Blick beweisen, daß sie ein gleiches Ziel verfolgen. „Räche Dich! Räche Dich!" murmeln feine Lippen, als er langsam die Straßen zu seiner Wohnung dahinschlendert, aber nicht mehr niedergedrückt und unstät wie vorher, sondern erhobenen Hauptes, mit stolz blickenden Augen und energisch geschloffenem Mund. XII. Die Saison hatte ihr Ende erreicht. London ist der Vergnügungen, der Festlichkeiten müde. Wer irgend kann, verläßt die heißen, staubigen Straßen der Weltstadt und rüstet sich in einem modernen Badeort oder ganz zurückgezogen in ein Buen-Retiro auf dem Lande für die Strapazen des kommenden Winters. Auch Lola ist ihrer städtischen Triumphe überdrüssig. Sie folgt einigen der vielen Einladungen und macht ein Tournoe durch die allerverschiedensten Landsitze- Wo sie sich blicken läßt, im modernen, prunkvollen Schloß, im alterthüm. lichen, hochgewölbten Castell, im zierlichen, villenartigen Landhaus — überall ist sie ein Gegenstand der Aufmerksamkeit, der Bewunderung. Andere werden ihretwegen eingeladen; um ihre elegante Gestalt, ihr liebliches Gesicht, die Fülle ihrer kastanienbraunen Haare am besten bewundern zu können, arran« girt man lebende Bilder, sührt man Theaterstücke auf, stellt man Charaden. Und ob sie als „Julia" erscheint oder als „Gretchen", ob als „Venus" — stets der gleiche enthusiastische Beifall, das gleiche Entzücken der Zuschauer. Man reißt sich förmlich um ihren Besuch. Ihre Schönheit, ihre Heiterkeit, ihr Witz bilden für jedes Haus, t» dem sie sich aufhält, eine besondere Anziehungskraft. Ihr Name ist bereits im ganzen Land bekannt. Jeder« mann liest mit Jntereffe über sie in den Zeitungen — was sie treibt, wohin sie geht, wie sie gekleidet ist, welche Juwelen sie trägt. Und Lola fühlt sich inmitten dieser Popularität so recht in ihrem Element. , „ , Bald nach Weihnachten begibt sie sich auf ihr kleine«, idyllisch gelegenes Landhaus in der Nähe Londons. Früher hatte sie stets im Gedanken daran das Näschen gerümpft. Doch jetzt dünkt es sie paffend, um einige Zeit der Ruhe pflegen und bei der Eröffnung der Saison völlig frisch zu sein. Sie unternimmt lange Spaziergänge im Park und geht Abends früh zu Bett, *tamit ihre Wangen den Schmelz, ihre Augen den Glanz wieder erhalten, den sie während des letzten Jahres ein wenig eingebüßt. _ Der Erfolg ist ein glänzender. Als sie Anfang März nach London zurückkehrt, gleicht sie der Göttin der Jugend und Gesundheit. , , c , Frau March hat seit einiger Zeit wreder begonnen, ihrer Tochter die Nothwendigkeit einer baldigen Verheirathung vorzustellen. Die ernste, feinfühlige Dame hatte unter jener vorübergehenden Periode mit den beiden stürmischen Liebhabern Lolas tief gelitten. Aehnliche Scenen wiederholten sich seit» dem fast wöchentlich, ohne auf Lola den geringsten Eindruck zu machen. „Schön und klug, aber kalt und herzlos!" So lautete das allgemeine Urtheil über sie- Selbst Frau von Lovel, nach wie vor Lolas vertrauteste Freundin, hatte einmal bemerkt: „Wenn ich an Ihrer Stelle wäre und zwischen Hunderten wählen könnte, würde ich den Gedanken an eine neue Heirath nicht so ganz verwerfen." Da hatte Lola heiter aufgelacht. „Meine beste Freundin, ich fühle mich äußerst wohl so. Ich liebe nun einmal keine Ketten, selbst wenn sie von Roseti sind." „Aber Sie wären freier mit einem Gatten zur Seite, als jetzt —" „Oder ganz gebunden. Ich danke sehr. Nein — wenn ich jemals wieder heirathe, so muß es eine ganz besondere Partie sein, etwa» ganz Ungewöhnliches. Ich bin des ein- fachen englischen Adels müde. Die Londoner Häuser, die eng. lischen Landgüter langweilen mich. Ich verlange nach etwas Neuem." „Das nenne ich einen energischen Vorsatz!" Und Frau von Lovel hatte in Lolas heiteres Lachen eingestimmt, wenn auch mit einem kleinen Anflug von Neid. Damit war das Gespräch abgebrochen und nicht wieder berührt worden. — Niemand wurde freudiger, enthusiastischer zu Beginn der neuen Saison bewillkommnet, als Lola. Einige kleinere Fest, lichkeiten hatten bereits stattgefunden, bei denen sie, wie immer, als Königin glänzte. Heute sitzt sie in einem bequemen Morgenrock aus mattgrünem Plüsch beim Frühstück und durchfliegt die soeben ein« gelaufenen Briefe — fast lauter Einladungen für die künftige Woche. „Das fängt wieder gerade so an, wie es voriges Jahr aufhörte," sagt sie halb spöttisch, halb gelangweilt zu ihrer Mutter, die gerade ein Birquit in ihren Thee tunkt. Die würdige Dame hatte sich nie mit der weichlichen Chocolade befreunden können. „ „ , L Frau March schweigt. Sie denkt zwar: „Hoffentlich wird es dieses Jahr anders!" Aber sie behält ihre Gedanken ruhig für sich- Plötzlich ein kleiner Freudenschrei Lolas- Die Pastorswittwe hebt den Kopf. ''Das hätte ich der Herzogin von Edenfield gar nicht zu« getraut," ruft Jene lebhaft. „Ich hielt sie stets für meine Feindin, glaubte manchmal gar, Haß in ihren Augen zu lesen. Und nun dieser Brief!" „Was schreibt sie denn?" Lola ergreift ein goldumrändertes, duftendes Billet, in dem eine Einladung zum heutigen Diner enthalten ist mit folgenden liebenswürdigen Schlußworten: „--Und nun machen Sie sich so unwrderstehlich wie möglich! Es kann Ihnen ja nicht schwer fallen. Im Vertrauen gesagt: Ich gebe das Diner zu Ehren eines illustren Gastes, den ich heute zum ersten Mal bei mir sehe. Sie haben jeden« falls schon von dem Fürsten Orlowsky gehört, von seinen grandiösen Weltreisen, seinen unermeßlichen Reichthümern, viel« leicht auch von seiner großen Blastrtheit- Wie ich höre, soll dieser Herr sich wiederholt gerühmt haben, daß kein Weib er jemals fertig bringen würde, ihn zu bezaubern, da er ruhigen Blutes die schönsten Frauen der Erde gesehen. Offen gestan« den — ein solcher Hochmuth ärgert mich. Ich habe deshalb für heute unsere reizendsten Damen eingeladen, unter denen Sie natürlich die Erste sind. Er soll sehen, daß es in Eng- land schöne Frauen gibt. Ich rechne bestimmt auf Ihr Kom« men. Lord Rawdons Anwesenheit wird Sie hoffentlich nicht geniren — —" , , Der liebenswürdige, vertrauliche Ton der Einladung schmeichelt Lola unendlich. Selbstverständlich wird sie gehen- Was kümmert sie Lord Rawdons Anwesenheit I . . - Da Ml ihr Blick auf eine kleine Nachschrift in der Ecke de» Bille». „Kommen Sie, wenn möglich, etwas früher! Ich möchte vorher mit Ihnen sprechen." „Ueber den Fürsten," lacht Lola. Im Geheimen freut sie sich, daß sie orientirt werden soll; denn da sie fast n ematr Zeitungen liest, wenn dieselben nicht gerade Lobeserhebungen ihrer Person bringen, so hatte sie auch über besagten Fürsten noch nichts weiter gehört, als daß er vor etwa acht Tagen in London angekommen sei. Das hatte sie wenig interesstri. Sie wußte nicht, ist er jung oder alt, schön oder häßlich, retcy oder arm. - 503 Etwas Anderes jetzt. . . . Einem weitgereisten steinreichen Fürsten steht man nicht alle Tage gegenüber. Wenn er nur nicht zu alt und häßlich ist! . . - - Gleichviel — sie will sich so schön wie möglich machen. Das kann ihr nicht schwer fallen — die Herzogin hat Recht. XIII. Die großen Empfangsräume des herzoglich Esenfield'fchen Palais erstrahlen in hellstem Glanze. Es ist noch Niemand anwesend. Nur die Herzogin bewegt sich langsam von Zimmer zu Zimmer — wahrscheinlich, um zu inspiciren, ob nichts fehlt, dem illustren Gast zu Ehren. Sie sieht herrlich aus, die hohe Gestalt, in dem granat- rothen Schleppgewande. Das nachtschwarze Haar und den Ausschnitt der Taille ziert je eine vollerblühte Marechal Niel- Rose. Sie scheint ein wenig erregt. Ihre Finger spielen nervös mit dem an goldener Kette niederhängenden Straußen- seder-Fächer. Ihr Blick fliegt wiederholt zur großen Ein- gangsthür. Plötzlich huscht ein zufriedenes Lächeln über das ernste, stolze Antlitz. Auf der Schwelle erscheint soeben Lola Medfort. Die Herzogin geht ihr entgegen. „Ich fürchtete schon, Sie würden nicht kommen, liebe Baronin," sagt sie freundlich. „Ich hätte es aufrichtig bedauert. Uebrigens sind Sie thatfächlich unwiderstehlich," fährt sie, lächelnd und mit dem Finger drohend, fort. „Heute noch mehr als je. Der Fürst muß besiegt werden, wenn er Sie sieht." „Warum follte der russische Bär nicht ebenso besiegt werden können, wie der englische Löwe?" Lola fragt es mit einem selbstbewußten Aufwerfen des schönen Kopfes. Wieder lächelt die Herzogin. „Gewiß, warum nicht! Nur wird Ihnen der russische Bär etwas mehr Mühe machen. Uebrigens freue ich mich, daß Sie früh gekommen sind, Baronin. So können wir noch ein wenig plaudern." Damit nimmt sie Lolas Arm und geht mit ihr in den Wintergarten. „Sie kennen den Fürsten Orlowsky noch nicht?" fragt sie lebhaft, als Beide sich unter einer dickstämmigen Palme niedergelassen haben. Lola schüttelt den Kopf. „Nein; ich weiß überhaupt so gut wie nichts über ihn." Ein verwunderter Blick aus den Augen der Herzogin. / „Wie? Haben Sie nicht die vielen Zeitungsnotizen gelesen ?" „Ich lese fast nie Zeitungen." „Ah — so hören Sie! Der Fürst soll reicher sein, als irgend einer unserer englischen Millionäre. Man sagt, er besäße die größten Diamanten der Welt und hielte es nicht einmal der Mühe werth, sich zu bücken, wenn er einmal einen Edelstein verliert. Wenigstens schreiben dies die Zeitungen. Es mag übertrieben sein; aber sicher ist, daß der Fürst ungezählte Millionen von seinem Vater geerbt hat." „Ohl" ruft Lola interessirt und die Herzogin fährt fort: „Seine Mutter war eine Griechin, daher sein unbedingt grie- chischer Typus, daher auch seine Vorliebe sür den sonnigen Süden, während er seine russische Heimath nicht liebt. Ec kennt fast die ganze Welt. Doch hat er nirgends eine Frau gefunden, die ihm gefiel. Auch England hat ihn bis jetzt enttäuscht-" „Kein großes Compliment für uns Engländerinnen," wirft Lola lächelnd ein. L £ . Er wird heute Abend anders denken," fährt die Herzogin zuversichtlich fort. „Die schönsten Frauen Londons wer- den bei mir vereint fein. Eine davon wird sicher seinem Ge- schmack entsprechen. Wissen Sie, liebe Baronin, wir Frauen müssen zusammenhalten gegen diesen barbarischen Russen, der unserem Geschlecht den Fehdehandschuh hingeworfen hat, und —" „Ich hebe ihn auf!" ruft Lola schnell. ,'@o ist es recht. Ich habe das von der Schönsten unter uns Schönen erwartet," lächelt die Herzogin. Lolas Antlitz strahlt. Schmeicheleien sind ihr stets angenehm — doppelt angenehm aus dem Munde einer Rivalin, wie die Herzogin von Edenfield. Nach einer kleinen Pause fährt diese in leichtem Tone fort: „Ich traf den Fürsten gestern Abend bei dem italienischen Botschafter. Ich erzählte ihm von Ihnen und er äußerte den Wunsch, Sie kennen zu lernen. Lord Rawdon höite es und — ich mag mich geirrt haben, — aber mir schien es, als ob es ihm unangenehm war." Bei den letzten Worten fliegt eine tiefe Röthe über das Antlitz der Herzogin. Lola blickt sie verwundert an. Ist die Herzogin noch immer eifersüchtig? Fast scheint es so. Und auch Lord Rawdon ist eifersüchtig. Das ist ja herrlich. — Welch' reizende Gelegenheit zu einer kleinen, amüsanten Comödie. . . . „Ich denke," beginnt die Herzogin wieder, „jene kleinen Winke über den Fürsten werden Ihnen willkommen sein. Man fährt entfchieden sicherer mit einem genauen Plan der Route " „Ganz gewiß. Ich danke Ihnen." Die edlen Züge der Herzogin erhalten einen Augenblick einen ihr fremden, gezwungenen Ausdruck, als ob sie sich nicht wohl fühle. Lola merkt nichts davon; sie ist keine scharfe Beobachterin. Außerdem entwickelt sich in ihrem Köpfchen bereit« ein kleiner Feldzugsplan gegen die bis jetzt uneinnehmbare russische Festung. Einige Minuten später betreten beide Damen den Salon, in welchem die Gäste bereits harren. Die Herzogin begrüßt jeden Einzelnen mit der ihr eigenen vornehmen Ruhe. „Willkommen, mein Fürst," sagt sie plötzlich in liebenswürdigem Tone. „Erlauben Sie, daß ich Sie sogleich hier der Frau Baronin Medsort vorstelle — Seine Durchlaucht der Fürst Orlowsky." Lola bückt auf- Vor ihr steht ein hochgewachsener Mann von geradezu classtscher Schönheit. Eine niedrige, wie aus Marmor ge- meiselte Stirn, auf welche genial einige tiesschwarze Locken fallen, graue, etwas kaltblickende Augen mit feingezeichneten Brauen, eine gerade Nase, ein vollendet schöner Mund und ein sanft hervortretendes Kinn — nichts fehlt an dem wahrhaft griechischen Profil. Kein Bart beeinträchtigt die edle Regelmäßigkeit der Züge. Seine Gestalt ist trotz ihrer auf- fallenden Höhe geschmeidig und ebenmäßig; die Bewegungen sind sehr elegant und von einer gewissen vornehmen Nonchalance. , , Da« also ist der vielbesprochene russische Bär! Lola hat ihn sich anders vorgestellt — ein bischen plump, ein bischen abgelebt, vor Allem weniger „königlich". Sie blickt voller Interesse in das schöne Antlitz, welches auch bei ihrem Anblick seinen gleichgiltigen Ausdruck nicht verliert. Zwar ist es ihr, als ob ein flüchtiger Blitz in seinen Augen aufzuckt; aber sie kann sich täuschen. Schon verschleiern wieder die langen Wimpern den Blick. Nach einigen couventionellen Worten reicht der Fürst ihr den Arm, um sie zu Tisch zu sühren. Sie betrachtet es als eine besondere Auszeichnung, da ältere und vornehmere Damen anwesend sind. , , . „ , , £ , Die Conversation ist lebhaft und anrmirt. Lola hat ein eigenes Geschick, oberflächliche Sachen interessant vorzutragen. Sie geht weder jemals genauer auf einen Gegenstand ein, noch gibt sie sich überhaupt mit ernsteren G sprächen ab. Wenn sie dagegen eine kleine Anecdote erzählt oder irgend ein Bonmot leicht hinwirft, so geschieht dies mit einer Grazie, einem Chic, der den unbedeutendsten Satz aus ihrem Munde anziehend macht. „ ~ Bereits mehrere Male hat Fürst Orlowsky voller Interesse auf die schöne Frau an feiner Seite gebückt. Und wahrlich — selten sah Lola so lieblich au« wie heute. Mit richtigem Jnstinct hatte sie sich gesagt, daß dem Fürsten durch - 504 — Pracht und Glanz nicht imponirt werden könne, daß er durch Diamanten und Juwelen fast geblendet sein müsse. Sie wollte ihn durch Einfachheit und ihre eigene natürliche Lieblichkeit bezaubern. So hatte sie ein weißes Spitzenkleid gewählt, das in zarten Wolken von den Schultern herabfällt und die Arme völlig frei läßt. Durch das feine Spitzengewebe schimmert das zarte Milchweiß der herrlich geformten Büste. Nicht der geringste Edelstein ziert das duftige Gewand, desien Falten über der Brust und an den Seiten durch kleine Büschel Maiglöckchen und Heckenrosen zusammengehalten werden. Ein gleiches Sträußchen ist in dem hochfrisirten kastanienbraunen Haar befestigt. In ihrer keuschen Einfachheit sieht sie aus wie der verkörperte Frühling. Ihre großen Augen glänzen; das zarte Jncarnat ihrer Wangen vertieft sich; ihr frischer Mund lächelt- (Fortsetzung folgt.) Mchenplanderei über Allerlei. Von Eugenie Tafel. Manches kommt einem in der Küchenpraxis aus dem Sinn, oder man kennt auch das eine und andere nicht, was nützlich und angenehm ist zu wissen; da ist denn die „Kochschule" so recht der Platz, Einzelerfahrungen auszusprechen und auszutauschen. Beim Supp e koch e n möchte man immer wieder mahnen, die Knochen erst allein mit kaltem Wasser aufzusetzen und ganz langsam erhitzen, das Suppenfleisch, wenn es für den Tisch bestimmt ist, erst in das heiße, noch nicht kochende Wasser zu geben, damit die Suppe kräftig wird und das Fleisch nicht ausgesogen- Die Knochen geben dann, was sie von Kraft besitz n, dem kalten, langsam kochenden Wasser ab. Außer Spargel und Blumenkohl sind es von Gemüse Kohlrabi und Wirsingkohl, welche die Suppe schmackhaft machen, weit mehr als das eigentliche Suppengrün, was be- sonders zu beachten ist. Gerste macht die Suppe kräftiger, Reis dagegen schwächer. Eine nahrhafte Suppe ohne Fleisch ist besonders von Gerste herzustellen, am besten mittelstarke Sorte, aus den Teller ‘/2 bis 3/4 Eßlöffel gerechnet- Die Gerste wird mit kochendem Wasser überschüttet, abgegossen, ein Stück Butter dazu gegeben, V2 Wallnuß groß auf den Teller gerechnet, langsam kochendes Wasser und Salz dazu gegeben. Blumenkohl oder in Ermangelung Wirsingkohl, Kohlrabi, etwas geschälte Kartoffeln (oder später im Jahr Sellerieknolle und Poree (Lauchstengel) in paffenden Stückchen), fast von Anfang an mitgekocht, recht langsam und lange. Etwas Liebigs Fleisch- extract macht die Suppe natürlich besser, und wenn dieser länger mitgekocht wird, dieselbe einer richtigen Fleischsuppe ähnlicher. Es ist das weit besser, den Fleischextract ordentlich mitkochen zu lassen, als ihn beim Anrichten oder erst auf dem Tisch, wie es häufig geschieht, an die Suppe zu rühren. Recht empfehlenswerth ist auch „Nierensuppe". Kalbsnieren sind ein zu viel begehrter Artikel, aber Hammels- nierchen wohl überall, jetzt in der Hammelzeit, leicht und billig zu haben. (Natürlich muß man Nieren überhaupt gern essen.) Zwei Nterchen auf drei Teller Suppe gerechnet, geben eine so kräftige Suppe, wie sie nur irgend aus theuerm Fleisch herzustellen ist. Man kocht sie entweder vorher weich und gibt dann eine Einbrenn daran, oder, was vorzuziehen ist, es wird zuerst Mehl in Butter bräunlich gerührt, mit heißem Wasser abgelöscht, so viel als man Suppe braucht, Salz dazu und darin die Nieren weich gekocht. Dann schneidet man letztere in feine Schnitzeln, das Weiße inwendig weg und gtt sie wieder in die Suppe, welche nach Geschmack dünner oder dicker gemacht wird. Ochsenniere gibt auch gute Suppe, doch schmecken die Schnitzeln weniger fein- Dabei sei bemerkt, daß auch beim Suppenfleisch, ein Stück Ochsenniere oder Leber mitgekochi, die Brühe wesentlich kräftiger macht- Das Geheimniß guter Bratensauce ist die Milch. Fast jeder Braten gewinnt ungemein, wenn statt Wasser zur Sauce Milch genommen wird, am besten frische, ungekochte, noch besser freilich saurer Rahm, welcher die Sauce sämig macht. Aber auch Milch bindet die Sauce und macht sie ganz besonders schmackhaft, muß aber gut verrührt werden. Bei allem Gemüse und grünem Salat muß man darauf achten, daß das Abwaschen rasch geschieht und nichts im Wasser liegen bleibt, wodurch den Gewächsen die beste Kraft entzogen wird. Diese Regel gilt bei allem Fletsch. Ist das Fleisch nicht mehr ganz frisch, so wäscht man es, wenn nöthig wiederholt, in Wasser, welchem etwas übermangansaures Kali beigegeben wird, so daß es eine schwach- rothe Färbung bekommt; wenn dieselbe keine bräunliche Farbe mehr annimwt, dann ist das Fleich befreit von jedem Geruch. Fügt man dem Wasser zum Gemüsewaschen Salz bei, so kommen versteckt gebliebene Raupen zum Vorschein, und die grünen Blattläuse, welche beim trockenem Wetter häufig dem Salat anhaften, fallen zu Boden. Beides, Salat wie Gemüse, muß gleich auf einen Durchschlag kommen und wird zum Gebrauch leicht ausgedrückt. Längeres Abkochen des Gemüses nimmt ihm gleichfalls den Hauptwerth; ein Ueberwall kochenden Wassers genügt, wenn es nicht gleich überhaupt mit dem Fett zusammengekocht wird. Die Ansicht, daß Gemüse durch Abkochen verdaulicher wird, ist als unrichtig nicht genügend bekannt. Er werden im Gegentheil die Nährsalze dadurch abgeschwächt. Fast jeder Salat wird am besten zuerst allein mit gutem Oel vermischt und kann so stundenlang stehen, ohne zusammenzufallen, eingeschnittene Gurken ohne Brühe zu ziehen- Wenn nicht mit eigentlicher Mayonaisensauce begossen, mischt man Salz, Pfeffer, Essig oder Salatsauce ohne Oel angerührt, erst eben vor dem Gebrauch mit dem Oel getränkten Salat. Salat, wie manche Gemüse g winnen wesentlich durch Zugabe von etwas Zucker, ohne daß es süßlich schmecken darf, wenn das aber gewünscht wird, dann muß mehr Zucker genommen werden. Dagegen gewinnen süße Speisen, auch eingemachte Früchte, durch Zugabe einiger Körnchen Salz. Auch die Haltbarkeit der Früchte soll dadurch erhöht werden. Wenn Konfitüren, sonst mit aller Vorsicht behandelt, doch oft nachher verderben, so ist zumeist der Grund darin zu finden, daß zugleich mit ihnen andere Speisen auf dem Herde kochen, was durchaus zu vermeiden ist. Wenn andere Dämpfe in das Eingemachte hineinschlagen, kann auf Haltbarkeit nicht gerechnet werden. Beim Backen ist zu beobachten, daß Schneeschlagen wie Rühren rasch, aber mit leichter Hand geschieht, ohne jede Kraftanstrengung. Etwas Citronensaft ist förderlich bei beiden. Sobald aber Eigelb mit dabei ist, darf Citronensaft erst zuletzt beigefügt werden, handle es sich um süße Speisen oder um Gebackenes. Bei Confect, das auf Papier gesetzt wird, das immer untadelig, rein und weiß sein muß, genügt nicht immer, Zucker zu streuen für das Loslassen. Man drehe das Papier nach dem Backen vorsichtig um und bestreiche die Rückseite mit warmen Wasser ziemlich naß, und nach wenigen Minuten wird sich das Papier ohne Mühe loslösen, so daß keine Spuren desselben an Macronen und dergleichen als häßliche Zugabe hängen bleiben. Vevinifchtes. Umschreibung. „Ei, woher haben Sie denn diesen Schirm mit dem schönen Griff?" — „Der ist mir gestern im Wirthshaus vertauscht worden." — „Ach so; nun, da haben Sie wohl keinen so schlechten Tausch gemacht?" — „Freilich nicht, denken Sie sich, welches Glück, ich hatte meinen eigenen Schirm zu Hause stehen gelassen." Redaction: A. Scheyda, — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Lhr. Pietsch) in Gießen,