Donnerstag; den 27. September. L Anr«kh«ltungsblatt jum Gietzenev Anzrigev (G«n«val-Anz«ig«v) ^,.M"trrvgL iSi k'WchE In den Fesseln der Schuld. Criminal-Novelle von C. Sturm. (Schluß.) Dieses Empfinden des Sohnes und Bruders wurde bald voll und ganz auch von Frau Pohlmann und Carola getheilt, und deshalb reifte bei den drei Personen der Entschluß, in der Hauptstadt gar nicht erst eine kleine Wohnung zu miethen, sondern nur für Unterkunft der Möbel und Kunstsachen Sorge zu tragen, und gleich eine andere Stadt als künftigen Aufenthaltsort zu wählen. .. die Entschließungen dazu waren nun aber offenbar die Absichten des Referendars maßgebend. Mancherlei Pläne durchschwirrten in dieser Hinsicht auch seinen Kopf, aber er kam dabei zu keinem rechten Entschlüsse, denn da er bisher vorzugsweise nur seinen Studien und Vorbereitungsarbeiten auf das zweite Examen gelebt, hatte er sich wenig um die Dinge bekümmert, die nun für sein Vorhaben, in einer anderen Stadt und in einem anderen Berufe sich eine Existenz zu suchen, von Wichtigkeit waren. , Um seine Zweifel und Bedenken zu bannen, beschloß da- her Ernst Pohlmann, seinen treuen Freund, den Professor Galen, den er seit dem traurigen Begräbnißtage nicht wieder gesehen hatte, um Rath zu fragen. Galen nahm den Besuch des Referendars sehr freundlich auf und hörte mit großer Theilnahme dessen Pläne, über Eche er sich als älterer und erfahrener Mann bald ein Ur- theil bildete. n .. „Deine Absicht, infolge des großen Unglücks der Haupt» stadt und Deinem bisherigen Berufe den Rücken zu wenden, bedauere ich zwar von Herzen," sagte Galen zu dem Freunde, ”aJPu 68 ats notwendig für Dein ferneres freies und tüchtiges Vorwärtsstreben hältst, so muß ich diesen Entschluß auch billigen. Dringend möchte ich Dir aber rathen, daß Du hier noch das zweite juristische Examen, zu welchem Du Dich schon recht fleißig vorbereitet hast, machst, denn wenn Du dieses Examen abgelegt hast, werden Dir noch viel mehr Laufbahnen offen stehen, als jetzt. Du kannst Dich dann in einer anderen Stadt als Rechtsanwalt niederlassen, kannst auch bei einer Lebensversicherungsgesellschaft eine hohe Stellung erwerben H c aO dem höheren Eisenbahndienst Dich widmen. Also lieber Ernst, Dein zweites Examen mußt Du machen und wenn es Dir an Geld dazu fehlen sollte, so bin ich Dein Freund, der Dir helfen wird." „Aber ich will doch fort aus dieser Stadt, wo mir der Aufenthalt verleidet wurde," entgegnete Ernst Pohlmann, „und Meine Mutter und Schwester denken ebenso." „Dies mögt Ihr thun, aber nach drei oder vier Monaten kommst Du in die Hauptstadt zurück und machst Dein zweites Examen." „Und zu welchem Berufe würdest Du mir dann besonders rächen," frug der Referendar, „denn es wäre doch gut, wenn ich in dieser Hinsicht schon jetzt einen festen Plan hätte." „Da Du die richterliche Laufbahn aufgeben willst, Ernst," entgegnete Galen, „so sind sür Dich solche Carriören gut, wo Du rasch vorwärts kommen kannst. Ich denke, daß Du als Rechtsanwalt oder auch bei einer großen feinen Versicherungsgesellschaft Dein Glück am ersten machen kannst. Mein Onkel in Hamburg weiß übrigens leicht in solchen Dingen Dir zu rathen und zu helfen." „Dafür würde ich sehr dankbar sein," erwiderte der R^ ferendar, „denn ich darf meiner Mutter nicht lange mehr Geld- kosten verursachen, da sie nur noch auf eine kleine Leibrente angewiesen ist." „Mache Dir nur in dieser Hinsicht keine Sorgen," erklärte Galen, „ich müßte Dein Freund nicht sein, wenn ich Dir nicht im Nothfalle helfen wollte. Auch möchte ich Dir und Deiner Mutter rathen, nach Hamburg überzusiedeln und zwar nicht direct nach Hamburg selbst, sondern nach einem der hübsch gelegenen Vororte der großen Seestadt. Hier nimm dieses Billet mit einem Gruße von mir an meinen Onkel mit, er wird Dir gefällig sein und Ihr werdet Euch in der frem- den Stadt nicht so ganz vereinsamt fühlen. Ich wünsche Euch glückliche Reise und bitte noch, Deine Mutter und Schwester von mir zu grüßen, denn ich denke doch, daß das, was wider unseren Willen uns trennte, durch den Tod Deines Vaters und durch die Flucht jenes schlimmen Mannes beseitigt ist." „Du edler Mann!" rief Ernst Pohlmann. „Deine milde und großmüthige Auffassung der damaligen und jetzigen peinlichen Lage unserer Familie sichert uns Deine Freundschaft. Wie können wir es Dir jemals danken!" „Die wahre Freundschaft macht keinen Anspruch auf Dank, sondern kennt nur liebe Pflichten, sprich mir also nicht von Dank, Ernst! Leb' wohl! Auf Wiedersehen hier in der Residenz in drei oder vier Monaten zu Deinem Examen!" » * Da man bei dem flüchtigen ehemaligen Bankdirector Hillessen die Mitnahme bedeutender, der Central-Commerzbank und deren Gläubigern gehörigen Geldsummen und Werthpapiere vermuthete, so wurde derselbe alsbald steckbrieflich verfolgt und -ibo — alle Polizeiorgane der großen Handels« und Seestädte in Bewegung gesetzt, um den Flüchtling zu ergreifen- Aber wie gewöhnlich in solchen Fällen erwiesen stch die polizeilichen Maßregeln als fruchtlos, denn der schlaue Htlleffen hatte bereits einen zu großen Vorsprung. In drei Tagen war er, stets mit den Schnellzügen fahrend, bis in die portugiesische Hafenstadt Oporto gelangt und von dort fuhr er mit einem Dampfschiffe schon am folgenden Tage nach Buenos- Ayres weiter. Auch hatte sich Hilleffen durch Abscheeren seines Bartes und Färben seiner Haare ganz unkenntlich gemacht. Vor dem Betreten der Hafenstadt Buenos Ayres hatte Hilleffen allerdings eine große Angst, denn die dortige Polizei war sicher beauftragt, alle -Passagiere scharf in's Auge zu faffen und den flüchtigen Bankdirector zu ergreifen. Das Uebelste dabei war, daß Hilleffen keine Legitimationspapiere besaß, aber diese beschaffte er sich durch Bestechung von einem heruntergekommenen portugiesischen Kaufmanns, der ebenfalls nach Buenos-Ayres reiste und dort fein Glück machen wollte. Auf diese Weise gelangte Hilleffen unbehelligt nach Buenos- Ayres. Dort suchte alsbald Hilleffen seinen früheren Freund und Helfershelfer Werner Kühn auf, der sich mit seiner Familie nach Buenos-Ayres begeben hatte und nach den Briefen seiner Frau sich gebessert haben sollte. Dies war aber durchaus nicht der Fall, denn der viel zu tief gesunkene Werner Kühn war auch in Buenos-Ayres ein Lump geblieben, der nichts arbeitete und seiner Frau zur Last lag, und nur aus Furcht vor Mißhandlungen hatte die arme Frau dem Unholde den Willen gethan und an Hilleffen nach Deutschland geschrieben, daß er sich gebessert und ein kaufmännisches Geschäft erworben hätte. Zu feinem großen Schrecken sah aber Hilleffen, daß er betrogen war und daß die Kühn'sche Familie nur in einer elenden Kellerwohnung hauste. Werner Kühn war wie gewöhnlich angetrunken, als Hillessen in die armselige Wohnung trat und mit den Worten von Kühn empfangen wurde: „Bist Du es selbst, Carl Hillessen, oder ist es Dein Geist, der vor uns steht? Bist Du es aber selbst, so bist Du noch ein größerer Spitzbube als ich, denn mit leeren Taschen bist Du nicht aus der Bank gegangen, die Dich alberner Weise zu ihrem Direc- tor erkor. Gib also die Hälfte Deines Raubes schleunigst heraus oder ich schaffe Dich zur Polizei, um wenigstens die auf Deinen Kopf ausgesetzte gute Belohnung zu verdienen!" „Elender, unverbesserlicher Schurke!" schrie Hillessen leichenblaß werdend und vor Wuth zitternd. „Ist das der Dank für die großen Wohlthaten, die ich Dir und Deiner Familie gewährte?" „Was sprichst Du von Dank?" entgegnete Werner Kühn in seiner frechen Weise. „Du steckst noch tief, tief in meiner Schuld, denn als ich die Angelegenheit der Wechselfälschung beim Commerzienrath Polenz vor nun zehn Jahren schließlich allein auf mich nahm, um durch Dich das Geld zu retten, da hattest Du allein den Vortheil davon und ich trug den Schaden. Und hier meine Frau und mein Sohn hungern und sind krank und elend. Also gib rasch die Hälfte Deiner Beute heraus oder Du zwingst mich, die auf Deine Verhaftung ausgesetzte Belohnung zu verdienen!" „Nun, Ihr sollt keine Noth leiden," erklärte Hillessen nachgiebig. „Hier hast Du zehntausend Mark in guten Papieren." „Das ist herzlich wenig," entgegnete der Gauner mit großer Frechheit. „Gib mehr her, sonst bringe ich Dich zur Polizei. Ich muß die Gelegenheit benutzen, denn später, wenn Du selber nichts mehr besitzest, bekomme ich doch nichts mehr." Aber Hillessen wurde durch diese Frechheit in eine grenzenlose Wuth versetzt und wie schon einmal in?Deutschland packte er Werner Kühn mit eisernem Griffe an der Gurgel und würgte ihn todt. „Ich will Sie wegen dieser That weder verdammen noch anzeigen, Herr Hillessen," wimmerte die kranke Frau Kühn von ihrem elenden Lager herab, „denn mein Mann war that« sächlich ein unverbesserlicher, elender Schurke und eine Plage für mich und mein Kind." „Ich weiß es, liebe Frau," sagte Hillessen in heftiger Erregung. „Hier nehmen Sie das Geld und erziehen Sie Ihren Sohn zu einem ehrlichen Menschen. Leben Sie wohl 1" Mit diesen Worten verließ Hilleffen die Stätte des Grauens und begab sich in ein Hotel der Stadt Buenos- Ayres. Aber unter dem Drucke der Mordthat und der Angst, entdeckt zu werden, hatte er nirgends Ruhe und schon am andern Tage kaufte er zwei Pferde, sowie zwei Flinten und mtethete sich einen Diener und floh mit diesem landeinwärts, um sich allen Verfolgungen zu entziehen. Es war ein elendes und doch sehr kostspieliges Leben, welches Hilleffen dabei hatte, denn nirgends blieb er länger als höchstens einen Tag und Alles, was er für stch und seinen Diener brauchte, mußte er sehr theuer bezahlen. Nach einer zwei Monäte dauernden unstäten Umherwanderung beschloß Hillessen, in das benachbarte Chili stch zu begeben. Auf der Reise dahin fiel er aber räuberischem Ge« finde! in die Hände, wurde seines Geldvorrathes beraubt und rettete nur noch einige deutsche Werthpapiere, welche er in seiner Weste eingenäht hatte. Endlich gelangte er unter vielen Beschwerden nach Val- paraiso, der chilenischen Hafenstadt, und war dort genöthigt, in einem Bankhause die deutschen Werthpapiere zu verkaufen Aber bei diesem Vorhaben wurde er verhaftet, denn der Bankier war ein ehrlicher Mann und fand die Nummern der Obligationen auf der Liste der in Deutschland gestohlenen Werthpapiere, welche ihm der deutsche Consul vor einigen Wochen überreicht hatte. Gefesselt und von einem Polizeibeamten begleitet, wurde Hilleffen bald darauf auf einem Schiffe nach Deutschland zurückgebracht. Die Nachricht von Hillessens Verhaftung erweckte in der Hauptstadt große Sensation, und da man in demselben den schlimmsten Üebelthäter bei dem Zusammenbruche der Central- Commerzbank erblickte, so stand ein großer Scandalprozeß, der mit der Verurteilung Hillessens zu zehn Jahren Zuchthaus enden durfte, bevor. Aber das Schicksal Hillessens gestaltete sich ganz anders. Infolge der Strapazen, Aufregungen, Entbehrungen und De- müthigungen, welche er in den letzten sechs Monaten erlitten, kam er schwer krank und geistig und körperlich gebrochen in Deutschland an und mußte anstatt in's Gefängniß in's Krankenhaus geschafft werden, wo er bereits zwei Tage später an Lungenentzündung starb. „Ich danke Dir, allmächtiger und barmherziger Gott, für die Gnade, daß Du durch den Tod dieses unheilvollen Mannes einen, unsere Familie auf's Neue an den Pranger stellenden Scandalprozesses verhindert hast," flüsterte am Morgen des Tages, an welchem Hillessens Tod bekannt wurde, in einem Hotel der Hauptstadt der Assessor Ernst Pohlmann, welcher gestern sein zweites Examen bestanden hatte. Bald darauf klopfte es auch an die Thüre des Hotel zimmers und Professor Galen trat leuchtenden Auges ein. „Du wirst die Stellung in der Direction der Versicherungsgesellschaft erhalten, lieber Ernst," rief er freudig nach der ersten Begrüßung, „mein guter Onkel hat es mir gestern geschrieben." „Herzlichen Dank für Deine Fürsprache, lieber Freund, entgegnete Ernst Pohlmann und reichte Galen die Hand. „Reisest Du nun auch einmal mit nach Hamburg?" Galen schüttelte mit dem Kopfe und sagte: „Ich reise erst dann mit Dir dahin, wenn ich weiß, daß zwischen Deiner Schwester und mir die alte Liebe wieder bestehen kann." „Die bestand ja immer und wird wohl auch ewig bestehen," erklärte mit Begeisterung Ernst Pohlmann, „und es könnte sich nur darum handeln, ob Du meine arme Schwester noch als Frau begehrst." 451 — „Depeschire Deiner Mutter, bester Ernst, daß wir kam« men," rief vor Glück strahlend Professor Galen. „Ich hole mir nunmehr Carola als meine Frau!" — Der neue Kut. Vor ein paar Wochen wollte ich mir einen neuen Sommerreisehut kaufen. „Hier ist das Allermodernste, gestern von Paris hier eingetroffen, Modell Casimir-Perier!" Mit diesen Worten überreichte mir mein Hutmacher eine wirklich fashionable hellgraue Kopsbekleidung von fast weißem, weichem Filz. Ob der neue Präsident in der That einen solchen Hut trägt oder nicht, vielmehr, wie ich annehme, sich im Glanze eines spiegelblanken schwarzen Cylinders der Menge zeigt, darüber konnte er mir freilich keine bestimmte Auskunft ertheilen. Im Grunde ließ mich die Ungewißheit auch ziemlich gleichgiltig; der Hut gefiel mir und der geforderte Preis von 8 Mark erschien als durchaus angemessen. Leider erwiesen sich aber die allerdings hervorragenden äußeren Dimensionen meines Schädels als zu weitgehend für Modell „Casimir" und wir mußten uns an die Auswahl einer anderen „Nouvauto" begeben. Inzwischen trat ein frischer Kunde in den Laden, ein Herr, mit dem ich einmal irgendwo und irgendwie bekannt geworden war und demzufolge auf dem „ödesten Grüßfüße stehe. Wir haben keine Gelegenheit gehabt, nähere Bekanntschaft zu machen. Ich weiß nur, daß der Mann eine einträgliche Stelle bekleidet, sehr jovialer Natur ist und mit seiner Familie in guten Verhältnissen lebt. „Morgen, Herr Filzhuber, möchte meine alte Rechnung bezahlen." „Bitte sehr, Herr Pumpmayer, das hätte ja gar nicht geeilt; ich werde aber gleich mal nachsehen. So, da haben wir's ja schon: am 17. October vorigen Jahres ein neuer, brauner Filzhut, macht 12 Mark 50 Pfg. Am 30. December für die Neujahrsbesuche Cylinder gebügelt, neues Futter und Band, 2 Mark 50 Pfg. Am 5. Mai Filzhut gereinigt und reparirt, 2 Mark 80 Pfg. Das wäre alles im Ganzen 17 Mark 80 Pfg. Soll ich Ihnen eine Rechnung ausstellen oder haben Sie vielleicht die alte bei sich?" „Nein, nein, danke, wir kennen uns ja schon so lange." Und damit warf Herr Pumpmayer ein Zwanzigmarkstück auf den Ladentisch. Nachdem das Geschäft beglichen war, fragte Herr Pumpmayer gerade wie ich nach einem leichten und bequemen Sommer-Reisehut. „Hier ist das Allermodernste, gestern von Paris eingetroffen, Modell Casimir-Psrier." Auch dem neuen Kunden gefiel der hellgraue Hut ausnehmend gut und dabei war er glücklicher wie ich, denn sein Schädel zählte 19 Millimeter weniger Umfang wie meiner. „So, den nehme ich; Kostenpunkt?" „Zehn Mark." „Bon, wissen Sie was, Herr Filzhuber, ich fetze ihn gleich auf. Sie können den alten Deckel hier behalten. Lassen Sie ihn aufbügeln und in Stand setzen und schicken ihn mir bis morgen zu, übermorgen reisen wir; Schweiz oder Tyrol, Schwarzwald oder Vogesen, weiß noch nicht genau; 'n guten Morgen." Ich konnte mich nun doch nicht enthalten, Herrn Filzhuber zu fragen, ob er sich nicht geirrt habe, als er für ganz den nämlichen Hut, den er mir für 8 Mark ablassen wollte, von dem anderen Kunden 10 Mark forderte. „Ja, sehen Sie, der Herr Pumpmayer kauft wohl schon fünf oder sechs Jahre bei mir, er bezahlt aber nie baar, obgleich er es sehr gut könnte. Heute hat er erst den Hut bezahlt, den ich ihm vor neun Monaten geliefert habe, und den heutigen bezahlt er sicher erst im Frühjahre. Das wäre nun weiter nicht schlimm, wenn ich nur einen solchen Kunden hätte; es machen das aber viele so und gerade die wohlhabenden Leute. Ich habe derart immer ein für meine Verhältnisse großes Capital draußen stehen, mit dem ich nicht arbeiten kann. Wer soll mich denn nun für den Zmrverlust entschädigen? Außerdem hat man mit den nicht baar bezahlenden Kunden so sehr viel Umstände und verliert Zeit und Arbeit mit ihnen. Denken Sie nur allein an das wiederholte Ausschreiben und Versenden der Rechnungen. Schickt man, selbst einmal in Verlegenheit, einmal einem solchen Kunden die quittirte Rechnung in's Haus, dann bekommt man noch Grobheiten obenein, aber zumeist kein Geld, und verliert die Kundschaft. Und dann ist es eine alte Geschichte, daß bei fast allen auf langen Credit Maaren entnehmenden Kunden schließlich mal eine Rechnung gar nicht mehr bezahlt wird. Der Eine stirbt, der Andere verzieht, noch Einer will sich nach Jahr und Tag gar nicht mehr erinnern oder behauptet, vielleicht in bester Ueberzeugung, er habe bezahlt und so weiter. In solchen Fällen verliert man lieber sein Geld, als daß man wegen des in jedem einzelnen Falle meist geringen Betrages zu klagen anfängt. Um mich nun für die aus dem gebräuchlichen Borg- system erwachsenden Verluste an Capital und Zinsen, für die ganz unnöthige große Arbeit und Schererei und den Aerger schadlos zu halten, habe ich mir zum Grundsatz gemacht, von jedem Kunden, der gewohnheitsmäßig schuldig bleibt, 25 Procent mehr zu fordern. Wenn die Leute nur wüßten, in welche üble Lage sie durch das Schuldigbleiben so sehr häufig den kleinen Geschäftsmann und Handwerker bringen und wie mancher Bankerott ganz unmittelbar darauf zurückzuf-hren ist, sie würden doch vielleicht prompter zahlen." Mittlerweile hatte ich meine Auswahl getroffen. Das Allerneueste von Berlin,- Modell Graf Caprivi, 5 Mark 50 Pfennig. (Straßb- Post.) Gsineinnütziges. Zwei Anweisungen zu Schlehenliqueirr. I. Man sammelt die jetzt reif gewordenen Schlehen, legt sie in ein Gefäß mit Wasser und läßt sie so lange darin liegen, bis sich das Fleisch von den Steinen ablöst. Die Steine säubert man gut, trocknet und zermalmt sie zu grobem Pulver. Auf 500 Gramm zerstoßene Kerne kommen 1500 Gramm Wasser, 1500 Gramm 90procentiger rectifizirter Weingeist, je nach Geschmack 600 bis 800 Gramm gepulverter weißer Zucker, welcher, nachdem das Ganze acht bis vierzehn Tage bei mäßiger Wärme aufeinander eingewirkt hat, zugesetzt wird. Wenn der Zucker sich aufgelöst hat, wird das Ganze filtrirt und auf Flaschen abgezogen. Der Liqueur wird mit dem Alter immer besser. — II. Die reifen Schlehen legt man etwa zehn bis vierzehn Tage in's Wasser, bis das Fleisch mürbe ist. Es ist äußerst mühsam, dasselbe abzulösen; es wird nur durch wiederholtes Waschen und stetes Reiben mit den Händen bewerkstelligt. Die Steine müssen vollständig rein sein. Nun kommt auf ein Stengelglas voll Steine, wozu eine ziemliche Menge von Schlehen gehört, */2 Liter fuselfreier Weingeist. Beides läßt man sechs bis acht Wochen stehen, wodurch das Aroma der Steine vollständig gelöst wird; einer Zerkleinerung der Steine bedarf es in diesem Falle nicht. Ein halbes Pfund geläuterter Zucker wird mit einem halben Liter Wasser der Flüssigkeit beigemengt. Hat sich der Liqueur geklärt, so kann er in Flaschen abgefüllt werden. * • Das Nachreifen der Aepfel. Es ist eine allbekannte Thatsache — schreibt das „Oesterr. Landw. Wochenbl." — daß gerade die edelsten Apfelsorten vor ihrer Vollreife gepflückt, also vollkommen nicht ausreifen können. Wenn das Obst vom Baum gepflückt wird, ist es eben in dem sogenannten „baumreifen Zustande" und es erhält erst durch die Nachreife in Kellern oder anderen kühlen Räumen die vollkommene Reife, wo es bekanntermaßen am süßesten, wohlschmeckendsten ist. Bei vielen Apselsorten, besonders bet den spätreifenden, befindet sich in ihrem baumreifen Zustande eine bald größere, - 452 - bald geringere Menge von Stärke, welche sich nach dem Lagern des Obstes in Zucker verwandelt; dieser Stärkegehalt ist aber, sobald die Reife zunimmt, fortwährend im Abnehmen begriffen und tritt bei den verschiedenen Sorten in verschiedener Menge auf. So z. B. sehen wir, daß die frühreifenden Sorten im baumreifen Zustande keine oder nur äußerst wenig Stärke enthalten. Hingegen weisen die spätreifen circa 2,4 Procent Stärke auf. Dies trifft sogar dann zu, wenn die Aepfel im October am Baume bleiben. Betreffs der Vertheilung der Stärke liegen folgende Erfahrungen vor: In den unreifen Aepfeln war die Stärke beinahe überall gleichmäßig vertheilt, bei den baumreifen Aepfeln selbst dann, wenn das gepflückte Obst sehr reich an Stärke war. Die Bildung der Stärke findet von dem Kernhause aus statt und ist dis Bildung am stumpfen Ende des Apfels stärker, als am spitzen Theile. Infolge dieser Umwandlung der Stärke kann der Zuckergehalt im Apfel nach dem Abpslücken absolut zunehmen; auch wird durch die Wafferverdunstung der Saft im Apfel concentrirter. Neueren Forschungen zufolge wird auch aus der Stärke — Rohrzucker gebildet. ♦ Ende September setzt man Spalierbäumen, denen die Fruchtknospen mangeln, solche ein. Mit dem Aufschneiden der fertigen Bäume wird fortgefahren, man hüte sich die jungen Triebe zu nahe am Stamm wegzuschneiden, der sogenannte Astring muß stehen bleiben. Frühes Spalierobst wird sorgfältig geerntet. An Frühtrauben machen die Wespen großen Schaden. Man schütze die Trauben durch Ueberspannen feiner Muffelintücher und suche die Schädlinge zu fangen. Wenn man eine größere Anzahl Medicinflaschen zur Hälfte mit Zuckerwaffer füllt und an dem Rebenspalier entlang aufhängt, kann man oft an einem Tage Tausende fangen. Von dem süßen Geruch angelockt, kriechen die Wespen durch den engen Flaschenhals ein, und ersaufen im Zucker- waffer. Hochstämmige Obstbäume muffen, wenn sie reichlich Frucht tragen, gestützt werden. Mit dem Düngen der Obstbäume wird fortgefahren. Nach beendigter Obsternte kann man Obstbäume verjüngen und ausputzen. Die jetzt bei dieser Arbeit entstehenden Wunden heilen viel leichter als im Winter gemachte. • Von verschiedenen Gemüsen, wie Wintersalat, Karotten, Rapünzchen, Petersilien, werden jetzt wieder Aus saaten gemacht. Herbstrüben, die man im vorigen Monat aussäte, werden behackt und ausgelichtet, ebenso die Aussaaten von frühem Kohl, Glaskohlrabi und Blümer kohl- Neu angelegte Spargelbeete werden in diesem Monat nochmals behackt. Auf den Beeten werden die Stengel bis auf zehn Zentimeter zurückgefchnitten, aber dies darf nicht eher geschehen, bis die Spargelbeeren dunkelroth geworden sind. Um allenfalls an den welken Stengeln haftendes Ungeziefer zu vertilgen, verbrenne man die abgeschnittenen Stauden- Wo irgendwo Unkraut vorhanden ist, muß dasselbe jetzt vertilgt werden, da solches sonst im Frühling sich rasch weiter entwickelt und die Culturpflanzen überwuchert. * ♦ ♦ Verstellbare Gardinenstangenhalter. Jeder Hausbesitzer wird schon darüber geklagt haben, daß die Miether beim Aufgeben der Wohnung die Gardinenhaken aus der Wand reißen, wodurch mit der Zeit die Wände und Tapeten ruinirt werden. Selbst wenn die Haken belassen werden, muß sie oft der neue Miether wieder entfernen, da seine Gardinenstangen kürzer oder länger sind, sodaß die Haken nicht paffen. Diesen Uebelständen wird durch den von einer Dame erfundenen „verstellbaren Gardinenstangenhalter" in einfacher und dabei practischer Weise abgeholfen. Die Erfindung, die durch Vermittelung des Internat. Patentbureau von Heimann & Co. in Oppeln in den meisten Staaten geschützt wurde, ist gekennzeichnet durch einen in die Wand eingelassenen Bolzen, woran sich der Haken, in dem die Gardinenstange eingehängt wird, horizontal »und vertikal verschiebbar befindet, sodaß der Haken für alle Arten Gardinenstangen paßt- Der Preis der Vorrichtung ist sehr niedrig und wird sicher kein Hauswirth säumen, die Fenster seines Hauses damit auszurüsten, um Wände und Tapeten zu. schonen. Stirn Einstveuen in die Gestügelstalltmgen empfiehlt es sich, außer Torfstreu auch Sägespäne zu gebrauchen. Dieselben benehmen den üblen Geruch, verbreiten vielmehr ihres Harzgehaltes wegen, besonders wenn solche von weichem Holz genommen werden, einen angenehmen Duft ; der Mist verbindet sich vollkommen mit denselben und gibt dadurch einen ausgezeichneten Düng er. Man sollte sich angewöhnen , täglich des Morgens die Stallungen zu reinigen, es ist dies beinahe mühelos, wenn es so oft geschieht, und nimmt kaum einige Sekunden in Anspruch- Vermischtes. Ein Merkbuch- A.: „Wie lange sind Sie schon ver- heirathet?" — B-: „Weiß nicht genau, — da muß ich mal erst — meine Kinder nachzählen I" ♦ ♦ ♦ Das richtige Holz. Festcommissar: „ . . . Aus was für Holz machen wir denn die Rednerbühne?' — Zimmermann: „Ei, dazu nehmen wir am besten Pappelholz." * * * Na! Na! Sie glauben nicht, theure Lama, wie erregt ich war, als mein Heinz endlich Muth faßte und mir seine Liebe zu gestehen wagte. Mein Herz pochte so laut, daß er sich mitten in der Liebeserklärung erschreckt umwandte und „Herein" rief. ♦ • ♦ Versorglich. Frau: „Den ganzen Nachmittag haben Sie wieder nichts gearbeitet, anstatt, wie ich Ihnen anbefohlen, die Küche zu putzen!" — Magd: „Ich hab' nicht putzen können, weil ich nicht gewußt hab', wohin Sie d' Bürsten g'eräumt haben!" — Frau: „Warum haben Sie mich denn nicht gefragt!" — Magd: „Weil ich g'fürchtet hab', Sie sagen mir, wo sie is!" * .* * In der stillen Geschäftszeit. Besucher: „Sehen Sie mal, wie die Fliegen da in geordneten Zügen die Wand heraufmarschieren!" — Kommis: „Glan'bs; unser Buchhalter hat sie auch mit vieler Mühe so dressiert!" » ♦ * Reingefallen. A.: „So niedergeschlagen, Baron? Malheur gehabt?" - B.: „Kolossal! Bin schmählich Beim Concurs Löwenstein hereingefallen!" — A.: „Teufel, hatte nicht gewußt, daß Sie noch Kapitalien ausstehen haben?" — B.: „Gott bewahre, Kerl hat mir ein paar hundert Thaler geliehen. Jetzt soll ich's in acht Tagen an den Concursver- walter zahlen!"-- * ♦ ♦ Ein Heikler. Lieutenant: „Kellner! was haben Sie Gutes zu effen." Kellner: „Kann Ihnen eine halbe Ente empfehlen, Herr Lieutenant-" Lieutenant: „Ach was, eine halbe Ente, wer weiß, roer^bie andere Hälfte gegessen hat!" Anzüglich. „Gratulire* Reiche Braut — he?" — „Das nicht — aber Verstand hat sie für Zwei!" — „Dann gratulire ganz besonders!" • » ♦ Au! Fräulein: „Wie heißen diese gelben Blumen, die den Butterblumen so ähnlich sehen?" — Lieutenant: „Aeh • . - jedenfalls Margarineblumen, gnädiges Fräulein!" Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.