AnLevhaltnirgsblatt jum Gietzener Anzeigen (Geneval-Anzeig-v) Vl äoWi vp-" ■<*. - m Dienstag, dm 26. Juni. Die Hexe von Bingenheim. Von Gg. Schäfer. (Fortsetzung.) In der Nacht vom 8. zum 9. October 1659 starb das am 20. Juni desselbigen Jahres geborene Prinzlein Philipp. Die landgräflichen Eltern klagten sehr um das Kind. Von acht Kindern lebten jetzt noch das Prinzeßchen Christine Wilhelmine, welches am 30. Juni 1653 geboren wurde; im Jahre 1671 vermählte es sich mit dem Herzoge von Mecklenburg- Grabow und starb den 16. Mai 1722 im 69. Jahre seines Alters. Außer dieser Tochter lebte im Jahre 1659 noch der mehrerwähnte Prinz Leopold Georg, am 15. October 1654 geboren, also zur Zeit der geschilderten Ereignisse fünf Jahre alt. Nachdem das verblichene fürstliche Kind beigesetzt und ein halber Monat verstrichen war, erschienen die drei Gerichtsschöffen Klas Pfeyll, Emanuel Stall und Merten Frickell vor dem Schultheißen Schöffer und brachten vor: „Das Geschrei wegen Hexerei und zauberischer Miffethaten an gnädigster Herrschaft, Menschen und Thieren wird immer ärger, maßen wir uns nicht länger davor sträuben dürfen, Anzeige zu machen." „Habe auch darum erfahren," antwortete der Schultheiß; „da aber Seine Hochsürstliche landgräfliche Durchlaucht nicht mehr an Hexen, Zauberer und Unholde glauben, kann und will ich mich mit diesen Dingen nicht mehr befassen und vermengen." „Wir möchten gleichwohl unsere Gewissen salviren," antworteten die Gerichtsschöffen, „indem wir höheren Ortes Vor- und Antrag thun. Mögen die Herren alsdann sehen und schaffen, was sie für gut befinden. Wir haben eine so mächtige Ueberzeugung empfangen, daß allhier in Bingenheim verderbliche, Heimlichs Kräss walten, die zu bekämpfen ernste Pflicht ist, daß wir nicht säumen wollen, darauf hinzuweisen." „Bleibt dann nichts weiter übrig, als daß wir zusammen gehen und unsere Ansichten submissest vorbringen, da auch mir derartige Gerüchte zu Ohren gekommen." Der Schultheiß zog den. Amtsrock an und ging mit den Schöffen in's Schloß. Im Hinteren Schloßhofe begegnete ihnen der Landgraf. „Wo wollt Ihr hin, Schultheiß und Schöffen?" fragte der Fürst „und was ist Euer Anliegen und Begehren?" Schöffer referirte kurz, was die Absicht der Deputation sei. „Kommt mit in mein Cabinet, ich lasse den Commissarius citiren und will selbst hören, was für ein Geschrei und Gerede im Schwange ist," befahl der Landgraf. Caspari erschien, der Vortrag begann. Die Gerichtsschöffen brachten ihre Nachrichten vor; der Schultheiß half nach, wenn Stockung eintrat. Mit keinem Worte mischte sich der Commissarius in die Unterhaltung. Der Landgraf forschte mit dem größten Eifer die Einzelheiten aus. Als die Schöffen das hohe Interesse des Fürsten merkten, brachte Jeder eine Unmasse von Thatsachen vor, welche seit der rätselhaften Flucht Bardensteins vorgekommen waren. Jeder der Schöffen war bereit, das durch einen heiligen Eid zu bekräftigen, was er vorbrachte. Uebernatürliche Ereignisse, Witterungs-Erscheinungen, Viehsterben, Feuerkugeln und Irrwische, Mondregenbogen, ein Schweifstrrn, Plagen und Krankheiten unter den Kindern wurden alle der alten Beilstein in die Schuhe geschoben. „Das ganze Dorf ist aufgeregt, gnädigster Herr Landgraf," sprachen die Schöffen. „Nicht urplötzlich, sondern nach und nach kamen die Gerüchte zum Vorschein. Alle fürchten sich vor der gefährlichen Hexe. Seit sieben Jahren verbrennt man Zauberer und Miffethäter, aber das teufelische Haupt hebt sich stolz empor und wandelt ungestraft umher- Jeder Tag bringt Neues zum Vorschein." „Ich glaube nicht, daß unser Herrgott einen Theil seiner Allmacht an einzelne Menschen überträgt und diesen die Er- laubniß gibt, mit seiner Liebe und Güte Schlechtes und Böses auszurichten," sprach der Fürst. „Habt Ihr schon gehört, daß Hexen Guter thun? Gott ist die Liebe! Das steht bei mir fest." „Wollet verzeihen, gnädigster Herr Landgraf," antwortete der Schultheiß. „Wir sind hierher gekommen, um zu sagen, was wir erfuhren. Das Weiter steht bei unserem gnädigsten Herrn Landesvater." „Ist recht, Schultheiß, ich freue mich, daß Ihr gekommen seid, will auch darum die Gelegenheit benutzen, Euch zu sagen, wie ich denke. Aus einer Kleinigkeit wird, bis sie durch vieler Leute Mund kommt, ein schrecklich Gerede. So ist es hier und überall. Das Schimpfen und Verhetzen gefällt besser, als Gutes reden. Der Teufel ist das Böse im Menschen selbst; daß der Gottseibeiuns mit einem Federbusch unter uns herumläuft, glaube ich nicht. Wenn merkwürdige Zufälle und Ereignisse eintreten, stammen diese nicht von der Zaubergewalt alter Weiber, sondern von unserem Herrgott." „So wäre es das Beste, Durchläuchtiger Herr Landgraf!" antwortete der Schultheiß. „Wollen darum nicht weiter lästig fallen und die Sache der Zukunft überlassen." „Ganz gut, Schultheiß! Nun sagt mir vorerst, von wo aus ist das Dorf binnen wenigen Tagen so aufgeregt und durcheinander gebracht worden? Mir scheint, etliche Klatschweiber haben das geschafft. Die Abende sind jetzt lange, die Weiber können sich behaglich zusammensetzen und Zauberstückchen - 290 N ent- war rief demselben Platze, auf den ihn der Alte geworfen. Als Justine bemerkte, daß der Vater verschwunden war, besann sie sich keinen Augenblick, ergriff die Schlüffel und eilte nach dem Rath» Hause. Hier war Alles ruhig. Das Verhaften und Einsperren der alten Frau war mit der größten Vorsicht und nach Eintritt der Dunkelheit vorgenommen worden. Keine Menschen- seele war im Rathhause. Man hielt es für überflüssig, eine besondere Wache wegen der alten Beilstein aufzustellen. Justine kannte das Rathhaus, seine Treppen und Gänge auf das Genaueste; den Schlüffel zum Gefängnisse hatte sie aus dem Schlüffelbunde herausgenommen und den Bart em- gefettet, daß er glatt schließe. Der Herbstabend war dunkel und nebelig. Ohne Anstand kam Justine an das Gefängniß und Mß Justine!" sprach die Kleine leise und schritt in das stockfinstere Loch. - In der Ecke, auf einem Stroh- bündel, kauerte die alte Frau. Sie kroch heran und faßte hornig warf der Kerkermeister den schweren Schlüffelbund I auf den alten eichenen Tisch; mit einem starken Ruck riß er den ledergepolsterten Sessel herbei und ließ sich so unsanft I hineinfallen, daß das alte Möbel krachte. Justine, mit der I Zubereitung des Abendessens beschäftigt, hörte die ächzenden I Töne des Sessels und Tisches und wußte alsbald, daß dein Vater etwas scharf gegen den Strich gegangen sein mußte. Sie lief herbei und sah den Alten fragend an. „Ich wollt', daß ein Donnerwetter diesen Dienst und die ganze Mißwirthschaft tausend Klafter tief in den Erdboden schlüge!" schrie der Alte und schlug mit der Faust so heftig auf den Tisch, daß die Schlüffel in die Höhe sprangen. „Langsam, Vater!" sprach Justine ruhig. „®as Essen | ist gleich fertig, Euer Zorn wird dann vergehen. „Nichts wird er, ich mag gar nicht effen. Da wird Zeug gemacht, daß einem alten, verhärteten Musketier, der fünfzig Schlachten mitgemacht, noch am Ende das Herz blutet. Ich hab' eben die alte Beilstein etnspinnen müffen." Justine stieß einen Schrei aus. „Wie kann man denn eine alte, brave, gottesfürchtige Frau, die keiner Fliege etwas zu leid gethan, in's Gefängniß werfen? Es ist gegen Gott, Gerechtigkeit und Christenthum." Das ist es. Die Hexenproceffe sind die Nägel an meinem Sarge — und daß man dieses Weib jetzt einthürmt, ist ein Greuel. Seit Wochen hört man tuscheln und zischeln. Weibsleute schleichen herum und Hetzen. Alte Jungfern, weil sie keine Männer kriegen können, untergraben das Glück der Famllien. Wenn ich nur an den Sadrach könnte, ich wurde ihn zu Häcksel verhauen, denn ich weiß, wer dies Alles geschafft hat." Der Kerkermeister versuchte etwas zu effen, aber er brachte nur wenige Biffen hinab. „Will sehen, ob ich eine Maß Bier trinken kann, um zehn Uhr bin ich wieder zu Hause," sprach der Alte, nahm die Mütze und schritt davon. Der Schlüffelbund lag noch auf Justinens Hände. ~ „Richtig, Du bist es!" sprach die Alte. „Denke Dir, ich war fest überzeugt, daß Du mich befreien würdest und habe mir gar keine Sorgen gemacht. Du bist sogar eher da, als ich Dich erwartete. Was muß ich thun?" „Ihr geht durch das Gäßchen nach dem Friedhöfe und von da über den Kronenhügel nach Lsidhecken, Staden und Stammheim. Ein Stück hinter Stammhsim theilt sich die Straße. Haltet Euch links nach Altenstadt, die Straße re HU führt nach Hanau oder Frankfurt. Macht, daß Ihr ins Jsenburgische kommt, dann seid Ihr gerettet. Grüßt mir die Lieben auf der Ronneburg. Nächstes Jahr komme ich wieder zum Besuche. Lebt wohl!" , Die alte Frau küßte die Befreierin und huschte davon. Justine schloß das Gefängniß und ging weg, Niemand merkte Am "anderm Morgen sollte das Verhör mit der Beilsteins Wittwe veginnen. Als es bekannt wurde, daß das Weib am vorhergegangenen Abend eingesperrt, in der Nacht aber flohen war, entstand eine große Bewegung im Dorfe. „Die Flucht beweist, daß das Weib eine Haupthexe und im vorigen Jahre ihrer Sippschaft davon W Malwine, als sie die Nachricht erhielt. Eine große Anzahl von Männern wurde aufgeboten und I nach allen Richtungen gesandt, um eine Spur der Entflohenen ausfindig zu machen. Nachmittags kam ein Fuhrmann ans Stammheim; er sagte aus: es sei ihm auf der Straßezwischen Stammheim und Bönstädt in der Morgenfrühe einl altes !Werb begegnet, habe wie eine Flüchtige ausgesehen, die Beschreibung paffe auf die alte Beilstein. , , Sie war es wirklich. Der Nebel hatte sie verhindert, den Weg am Stammheimer Kreuz nach Altenstadt zu sehen. In einem dichten Gehölze verbarg sie sich während de-»Tages, in der folgenden Nacht wanderte sie, von Hunger und Durst g I quält, weiter und kam am Abend des zweiten Tages in die Nähe von Frankfurt. Mitleidige Bauersleute gaben ihr u 1 effen und wiesen sie auf ihre Fragen nach der Ronneburg m | die Gegend von Hanau. Von hier ist es nicht mehr wert nach I der Ronneburg, doch zum zweiten Male ging die Arme fehlste nahm die Richtung wieder nach Norden und kam in dar I Dörflein Eichen, wo sie aus Entkräftung mehrere Tage liegen | blieb. Unterdessen hatte sich das Gerücht verbreitet: in Singen heim sei eine Hexe ausgebrochen und werde gesucht, | Auf die Mittheilung des Fuhrmanns aus Stammheim ließ Schultheiß Schösser alsbald für sich und den Zollbereiter | Martin Gambel die Pferde satteln und ritt der Flüchtigen bi I Frankfurt und Rödelheim nach. Die Verfolgung dauerte d Tage, es wurden drei Reichsthaler verzehrt, ohne daß man ein? Spur fand. Inzwischen kam die Nachricht von Eichen. I die Gesuchte fände sich dort. Sogleich machte sich Schösse wieder auf die Suche in Gesellschaft von Matthias Wenzel, doch auch in Eichen war nichts mehr zu finden. Nach Mi I Tagen kam Schösser mit seinem Begleiter zurück, sie hatten I zwe? Reichsthaler verbraucht, aber nichts gefunden,denn die I alte Frau hatte sich, rechtzeitig gewarnt, von Neuem auf w üushecken, und wenn dis Abends sticht ganz reichen, nehmen I sie den Tag dazu." Ein tiefer Schatten flog über das steinerne Gesicht Cas- I pari», der seither lautlos zuhörte, als der Landgraf die Klatschweiber erwähnte. I „Das Gerede und die Aufregung des Volkes entstund an I dem Tage, da das Prinzlein Philipp das Zeitliche segnete/ antwortete einer der Schöffen. „Was ist Eure Meinung, Commiffarius?" fragte der Landgraf plötzlich Caspari. „Ohnmaßgeblich und ehrerbietigst halte ich für das Richtige, wenn wir der Sache keinen Werth beilegen und nach Eurer Durchlaucht Idee die Gerüchte nicht weiter verfolgen, sondern auf sich beruhen laffen." Der Hexenrichter kannte feinen Herrn, er wußte, daß er durch Widerspruch den Landgrafen reizen würde. Dadurch, daß er auf den Gedanken des Fürsten einging und dafür stimmte: die Gerüchte sollten unbeachtet bleiben, wurde der Landgraf für die entgegengesetzte Ansicht dispomrt: die Sache sollte untersucht werden. Nach einer kurzen Ueberlegung sprach der Landgraf zu den Schöffen und dem Schultheiß: „Wir wollen Eure Mit- theilungen nicht mißachten, Ihr habt Eure Schuldigkeit gethan, daß Ihr gekommen feid. Die Sache wird untersucht, ich selbst will bei der Untersuchung sein und Red' und Antwort haben. Caspari und die Schöffen mit dem Schultheißen entfernten sich. „Wenn ich nur den Drachen einmal zwischen den Fingern habe, werde ich ihn schon zum Reden bringen," dachte der Mehrere Tage vergingen. Der Landgraf sprach mit seiner Gemahlin über das Gerede und die Anzeige. Sophie Eleonore kannte bereits Alles und glaubte, wie die meisten Damen jener Zeit, an Hexen und Zauberer. Am folgenden Tage erhielt Caspari die Erlaubniß, gegen die alte Beilstein einzu- schreiten. Sechszehntes Kapitel. Fluch! Eine 3 einem entfern vollstäi Märsä Peter Heimer helfen, stolz h Flucht' 5 an un ihr kä Diesm regelm oerfud klärte' Frau fj wird, Späß 11 werde daß S schein! Dauei ich fei den 2 geht." Dir:' hast e I Schm hinan zu T fange, und n verhez an bei Ist bi i Herr bie H geld." j dauer Stoff, samm hoffe noch f Dörrl schim; würd, nach holt I der $ davor Bing« Beker — 2M = Flucht Begebeti, um zum dritten Male in die Irre zu gerathen. Eine Woche nach ihrer Flucht traf sie in Dauernheim ein, einem Dörflein, das etwa eine Stunde weit von Bingenheim entfernt liegt. Das beklagenswerthe Weib hatte also fast einen vollständigen Kreis durchwandert, um nach den mühseligsten Märschen ihren Peinigern selbst wieder in die Hände zu laufen. Peter Dörrbusch erkannte sie und veranlaßte einige Dauernheimer Leute, die Entflohene nach Bingenheim transportiren zu helfen. Er lud in ihrer Gegenwart die Muskete und schritt stolz hinter dem Zuge her, indem er sagte: „Wenn Du einen Fluchtversuch machst, alte Wetterhexe, schieße ich Dich nieder." Zum Tode erschöpft langte die Wittwe in Bingenheim an und wurde sogleich vor den Schultheißen geführt. Er ließ ihr kärgliche Nahrung reichen und sie in's Gefängniß sperren. Diesmal wurden zwei Wächter in's Rathhaus gelegt, welche regelmäßig mit anderen abwechseln mußten, damit kein Fluchtversuch mehr vorkäme. „Einen Reichsthaler Fanggeld habe ich zu bekommen," erklärte Forsthüter Dörrbusch dem Schultheißen, nachdem die alte Frau eingethürmt war. „Kannst Du nicht warten, bis es Dir später überwiesen wird, nimmersatter Ällmein I" schnauzte ihn der Schultheiß an. „Hab' ich, ist besier, als hätt' ich, Herr Schultheiß; die Späß kenn' ich schon lange." „Halte Deinen unverschämten Schnabel, Forsthüter, sonst werde ich ihn Dir stopfen. Zuerst muß nachgewiesen werden, daß Du die Delinquentin auch wirklich gefangen hast. Mir scheint, das ist nicht wahr, denn die Beilstein hat sich den Dauernheimer Nachbarn selbst gestellt." „Damit laffe ich mich nicht abspeisen, Herr Schultheiß, ich sehe schon, wohinaus das Ding zielen soll. Aber ich muß den Thaler Fanggeld haben und wenn der Teufel auf Stelzen geht-" „Am Morgen, als die Beilstein ausgerisien war, sagte ich Dir: Du solltest eine Streife durch die Wälder unternehmen, hast es aber nicht gethan, warum?" „Ich habe ein offenes Bein und fühlte damals große Schmerzen," antwortete Dörrbusch kleinlaut- „So, mein Männchen, nun lügst Du Dich auf Dein Bein hinaus; ich kenne das besser. Du bist ein feiger Bursche, hast zu Deinem Weibe gesagt: die mögen sich ihre Hexe selber fangen, ich will mich nicht dadurch in Ungelegenheiten rennen und mir von der Haupthexe vielleicht auch das andere Bein verhexen lassen. Dein Weib ist schwatz- und klatschhaft, noch an demselben Tage erfuhr ich, was Ihr Beide ausgeheckt habt. Ist das richtig, he?" „Das Weib ist eine Schlechtschwätzerin, da habt Ihr recht, Herr Schultheiß. Aber den Thaler muß ich haben. Ich habe die Hexe wieder gebracht und erhebe Anspruch auf das Fanggeld." „Wenn ich Dich so in Deiner Geldgier vor mir sehe, bedauere ich, daß der Postschreiber Quassel und Dein College Stoffe! Langerhans nicht mehr da sind, Ihr Drei gehört zusammen in eine besondere Anstalt und Vorrichtung." „Jetzt seid Ihr wieder guter Laune, Herr Schultheiß, hoffe darum, den Thaler zu erlangen. Könntet mir inzwischen noch sagen, wohin wir drei Genossen absonderlich hinpassen." Bei diesen Worten griff Schöffer nach seinem Rohrstocke. Dörrbusch verschwand eiligst durch die Thüre. Wochenlang schimpfte er darüber, daß ihm das Fanggeld nicht ausgezahlt würde; den Thaler hat er niemals erhalten. Nicht lange darnach kam Dörrbusch in einem Brunnen um's Leben. Nachdem sich die alte Beilstein zwei Tage lang etwas erholt hatte, begann das Verhör mit ihr. Das Häuschen in der Beundegafle war unter Siegel gelegt und eine Schildwache davor gestellt worden. „Ich frage Dich, Anna, Johannes Beilsteins Wittib zu Bingenheim," begann Caspari, „ob Du eine Hexe bist?" „Ja!" antwortete die alte Frau fest und ruhig. (Elftes Bekenntniß.) Der Commissarius fuhr ob dieser runden, kurzen Antwort in die Höhe; mehr als fünfzig Verhöre in Hexereisachen hatte er bis jetzt abgehalten, alle sogenannten Hexen hatten in der hartnäckigsten Weise geleugnet und nun stieß er auf einen solch sonderbaren Fall. „Seit vielen Jahren und Jahrzehnten bist Du eine Hexe!" „Ja!" war die Antwort. (Zweites Bekenntniß.) „Du bist von der alten Kessel Margareth in's Teufels Nahmen getauft worden?" „Ja!" (Drittes Bekenntniß.) „Diese Kessel Margreth führte Dich auf einen Mist und ließ Dich beten: Ich stehe hier auf diesem Mist Und verleugene den Herrn Jesum Christ!" Die Delinquentin zögerte mit der Antwort. Caspari herrschte sie an: „Willst Du leugnen oder soll ich zur peinlichen Frage schreiten?" „Das ist nicht nöthig, Herr Richter. Legt mir lieber tausend andere Fragen vor. Verlanget, ich solle aussagen: ich hätte meine Eltern, meinen Mann, meine Tochter ermordet. Das genügt gewiß, damit ich hingethan werde. Nur ersparet mir dieses Bekenntniß; es ist so schauerlich, daß ich es nicht aussprechen kann." „Wir werden später darauf zurückkommen; Deine weiteren Bekenntnisse müssen wir hören. Nachdem Du den Heiland abgeschworen, kam der Teufel, nahm Dich bei der Hand und ließ Dich noch einmal durch einen Hexenmeister taufen." Die alte Frau lachte laut auf. Caspari wurde wüthend. „Verruchte Wetterhexe, was lachst Du, ich will es wissen!" schrie der Richter. «Ihr sprecht hier so entsetzliches Zeug, daß kein vernünftiger Mensch daran glauben kann- Da Ihr aber wünscht, daß ich Ja sage, so sage ich es hiermit." (Viertes Bekenntniß.) „Du bist nach der zweiten teuflischen Taufe mit dem teuflischen Nahmen „Straupfert" belegt worden." Die Alte lachte von Neuem. „Herr Richter," rief sie, „spielet keine weitere Comödie mit mir. Das ist ja ganz verrücktes Zeng, was Ihr da sprechet. Ich habe das Wort niemals in meinem Leben vernommen, da Ihr es aber wünschet, so sage ich Ja." (Fünftes Bekenntniß.) Caspari stutzte von Neuem. „Willst Du leugnen," schrie er, „daß der Teufel, welcher Dich taufte, die Worte sprach: Ich taufe Dich mit dem Teufel und seinem ganzen Anhang?" „Nein, Herr Richter, das leugne ich nicht, weil Ihr es so haben wollt- (Sechstes Bekenntniß.) Ich sage aber auch: Ihr seid ein Narr, daß Ihr Euch so hirnverbranntes Zeug aufbinden lasset." Bei diesen Worten verließ den Richter die Ruhe; er schrie: „Peitscht das Weib bis auf's Blut, es hat das Gericht beleidigt." Der Henker band die Unglückliche und hieb mit einer ledernen Peitsche so unbarmherzig darauf los, daß das Blut floß- (Fortsetzung folgt.) Der Bienen-Vetter. Eine Heide-Novelle von C. Crome-Schwiening. (Schluß.) In ein paar Sprüngen stand sie, die ihr nachrufende Trude nicht einmal hörend, neben dem Knechte und riß ihm die Zügel aus der Hand. „Zu ihm!" Dieser eine Gedanke beherrschte sie, leitete sie. Mit einem weiteren Sprunge stand sie auf dem Wagen, sausend fiel die Peitsche auf den wohl- genährten Wallach, der aufwiehernd zu raschem Trabe ansetzte. „Zu ihm!" Nichts sah, nichts hörte sie. Fort sauste der Wagen, wieder und wieder traf die Peitsche das Pferd, es zu immer rasenderem Laufe anspornend. Gleich hinter dem Herrenhause führte ein schmaler Fahrweg in die Haide hinein. Auf ihm, der geübte Lenker erforderte, erreichte man Horst- felden um eine Viertelstunde früher. Ohne sich zu besinnen, lenkte Marie hinein, da« Pferd raste, der Wagen schleuderte s 292 «== hin und her — im sausenden Galopp ging's fort — wie ein Schneckengang erschien's ihr. „Zu ihm! zu ihm!" Sie hätte beten mögen und konnte nicht, die starren Augen in die Ferne gerichtet, das schäumende Pferd zu immer rasenderem Laufe antreibend, stürmte sie dem Sturmwind gleich hoch- aufgerichtet im Wagen stehend dahin — alles Denken, alles Fühlen zerschmolz in dem einen verzweifelnden Gedanken: „Zu ihm, ehe es zu spät ist!" Ihr schien's eine Ewigkeit, und doch waren's kaum zweimal zehn Minuten, die die rasende Fahrt gedauert. Da stiegen die Wirthschastsgebäude von Horstfelden vor ihr empor, der schäumende Gaul verdoppelte seinen Lauf, der Wagen rollte in den Hof ein und prallte an einen Prellstein, daß der Wallach in die Knie brach. Die Zügel über ihn schleudernd und keinen Blick mehr auf Wagen und Pferd werfend, sprang Marie herab, die Gefahr nicht achtend, in welche sie der tollkühne Sprung brachte. Die Hände gegen die wogende Brust gepreßt, strebte sie dem Hause zu. Alles still, tobten- still — ein Aechzen entrang sich ihrer Brust — Sie eilte ins Haus — niemand in den Zimmern — die Hinterthür, der Garten — dort, das Gartenhäuschen — wieder kein Laut, so war doch schon alles vorüber, das Entsetzliche geschehen — die Kraft fehlte ihr, weiter zu gehen, sie fühlte ihre Knie brechen und mit dem Weherufe: „Hinrik, ach, Hinrik! sank sie wenige Schritte vor dem Gartenhause zusammen. Die Nacht hatte Hinriks finsteren Entschluß zur Reife gebracht. Er fühlte sich unfähig, die Last seines Lebens länger zu ertragen. Wozu auch. Die ihn liebten, deckte schon längst das küble Grab. Niemandem zur Freude lebte er. So sollte denn der letzte Morgen der Ordnung seiner Angelegenheiten gelten- Niemand sollte in seiner Nähe sein, wenn er die Bilanz seines verfehlten L-bens zog. Die Knechte beorderte er aufs Feld, mit dem letzten derselben sandte er die alte Trude mit einem erheuchelten Auftrage in die Stadt- Ihr würde sein jäher Tod am wehesten thun, sie sollte also am entferntesten fein. Eine wohlige Ruhe kam über ihn, als alles um ihn her menschenleer und still geworden war. Seine alten Duellpistolen hatte er von ihrem Platze auf seinem Secretär herabgeholt und in dos Gartenhaus getragen. Dort, wo er dis Qual seines Lebens in so vielen einsamen Stunden ausgekostet, dort sollte man ihn finden. , mtn Und nun saß er dort und schrieb seinen letzten Willen. Die Ordnung seiner Angelegenheiten bereitete ihm keine sonderliche Mühe. Es" war alles in Ordnung. Seinen Leuten bestimmte er Legate, reich und ansehnlich, der alten Trude das größte- Horstfelden verschrieb er Marien aus Dankbarkeit für jenen Brief, den er nun mit hinabnehme ins Grab. Nun war er fertig. Die Feder hatte ihre Dienste ge- than- Der Rest blieb der Waffe übrig. Er lud die eine mit der Sorgfalt des Jägers, setzte das Zündhütchen auf den Piston und zog den Hahn auf. Nur an den Stecher brauchte er mit leisem Finger zu rühren, und es war geschehen. Es gibt eine Wonne des Leids. In diesem Augenblicke kostete er sie aus. Jetzt, nun er im nächsten Augenblicke mit seinem Tode alles sühnte, durfte er sein ganzes Empfinden noch einmal der Geliebten — Verlorenen weihen. Dann fiel sein Blick auf die Uhr. Es war halb zwölf. Warum noch zögern? Festen Griffs faßte die Rechte die Waffe und hob die todtbringsnde Mündung empor — da — waren es nicht rasche Schritte, die sich näherten? Rascher hob er die Waffe, jetzt gab's keine Zögerung mehr.-- „Hinrik, ach, Hinrik!" Der Ruf schlug an sein Ohr, wie eine Botschaft aus einer anderen Welt. Die Waffe flog auf den Schreibtisch zurück, taumelnd erhob er sich. „Das war — das war Mariens Stimme"! Der starke Mann schwankte, als er auf- stand, zur Thür stürzte und sie aufriß. Sein Blick traf Mariens ohnmächtig zurückgefunkene Gestalt und mit einem Schrei, in dem sich Bestürzung und Jubel seltsam mischte«, riß er sie empor und au seine Brust. Sie schlug die Augen auf — ein seliges Lächeln trat auf ihre Züge — ihre Arme schlangen sich fest um den geliebten Mann, als solle nichts mehr ihn von ihr trennen und ihre Lippen flüsterten: „Nun stößt Du mich nicht wieder von Dir, Hinrik!" MM Als der alte Oberamtmann von seinem Jnspectionsgange durch die Felder heimkehrte, traf er alles im Herrenhause in der größten Verwirrung. Die alte Trude redete verworrenes Zeug durcheinander, von ihrem jungen Herrn, der sich erschießen wolle und von Marie, die wie eine Rasende davon- gefahren sei. Erst ein kräftiges Donnerwetter des Alten er- zwang eine leidlich geordnete Darstellung. Was eigentlich pafsirt fei, blieb auf Muthmaßungen basirt. Immerhin jedoch ließ er sofort anschirren, um selbst hinauszufahren. Daß ba etwas sonderliches pafsirt war, stand fest. Just in diesem sehr ungeeigneten Momente kam auch seine Frau zurück. Die alte Dame mochte den Zusammenhang ahnen, aber sie brachte nichts weiter hervor, als ein stotterndes: „Wie konnte das nur geschehen?" Aber auch sie war einig mit ihrem Gatten, daß er sofort hinausfahren müffe. Aber das erwies sich als unnöthig- Noch einmal erschien der Horstfeldener Wagen in der Kastanienallee. Der brave Wallach warf Schaumflocken nach rechts und links. Eine solche Doppelfahrt hatte er noch nicht erlebt. Marie hing am Arme Hinriks und der führte sie den Eltern zu. Das junge Mädchen sank weinend in die Arme ihrer Mutter. „Wir haben uns verlobt, sie und ich, Onkel!" rief Hinrik. „Für uns gibts kein Trennen mehr. Gieb uns Deinen Segen." „Junge," rief der Alte. „So hab' ich's immer gehofft. Tausend Segen über Euch!" Das herzbrechende Schluchzen der alten Trude — jetzt geschah's aus Freude — machte Alle erst darauf aufmerksam, daß fast das ganze Hofgesinde Zeuge dieser Scene war. Als im behaglichen Wohnzimmer flüchtige Erklärungen gegeben waren, seufzte die Frau Oberamtmann plötzlich recht laut und deutete auf das Fenster. Im feierlichen schwarzen Anzuge kam Fritz Gerding daher, ein kostbares Bouquet in der Rechten. „Ich will ihm entgegengehen und ihn vorbereiten! Als der ehrliche Junge eine Viertelstunde später das Zimmer betrat, konnte er nur mit Mühe feine tiefe Bewegung verbergen. , ,,, „Ich hatt's anders gemeint, Marie, nun nimm diefe Blumen als Glücksboten für Dich entgegen." „Ich konnte nicht anders, Fritz," sagte das schöne Mädchen leise. „Ich wußte es nur nicht, daß ich ihm längst schon an- gehörte!" , „Dem Bienen-Vetter!" rief lustig der Alte. „Kopf hoch, Fritz. Auch für Dich blüht noch ein junges Menschenkind! Aber nun Rheinwein her — wir feiern Verlobung!" Vevnrischtes. Höchste Harmonie. Vater: „Nicht wahr, die beiden Jungens ergänzen sich famos?" — Musiker: „Gewiß. Was der Eine nicht kann, greift der Andere falsch." * * Steigerung. Offizier: „Ist der Rappe denn auch militärfromm?" — Händler: „O, ich sage Ihnen, der reine Militärpietist!" Feinfühliger Instinkt. Sie: „Was nur die abscheulichen Bienen gerade uns so umschwärmen!" — Er : „Sie ahnen, daß wir uns noch im — Honigmond befinden!" Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Thr. Pietsch) in Gießen.