Uirt-phKltnngsblatt zrrm Gietzensv Anzeigsv sGenevcrl-Änzeigep) 1894 ^s- MD'/ MM ^-'nmz-ALM •*! Samstag, sen 26. Mai. Die Hexe von Bingenheim. Von Gg. Schäfer. (Fortsetzung.) Rothgedrungen mußte Caspari dem Mädchen in die Augen sehen, fast auf Armeslänge war er zu Sibillen heran- gekommen. Auch diesmal mußte er den Blick wegwenden, wie vor acht Jahren, als ihm das zehnjährige Kind das Sträuß« chen anbot. Heute hatte der Gefürchtete noch deutlicher das Gefühl, daß er der Jungfrau Unrecht gethan. Aber wie? Mußte er, der Hochmögende, sich bei der Bauerndirne entschuldigen, daß er zufällig mit ihr zusammenstieß? Nein; sie hatte um Verzeihung gebeten, das war das Richtige. Aber schön war das Mädchen geworden; schön von Gestalt, schön von Gesicht und ein bestrickender Blick lag in diesen dunklen Augen, wie ihn der Hexenrichter noch niemals sah. Das Anschauen des jungfräulichen Gesichtes hatte keine Secundenlänge gewährt; die kurze Zeit genügte für den Criminalisten, um sich jeden Zug tief und deutlich einzuprägen. Wie vor acht Jahren bäumte sich auch heute wieder sein innerer Mensch dagegen auf, daß dieses Geschöpf aus niedrigem Stande eine seelische Gewalt über ihn ausübte. „Ich mag mich drehen und wen« den, wie ich will," murmelte der Gestrenge, „stets komme ich zu dem Anfangspunkte zurück: ich kann die Person nicht an- sehen, ohne einen geistigen Druck zu empfinden, der mir auf kurze Zeit die Fähigkeit raubt, klar und folgerichtig zu denken. In den schwierigsten Lagen, im Krieg und im Frieden, bei Feuer- und Wassersgefahr empfand ich nicht Aehnliches. Je größer die Gefahr, je verzweifelter die Lage war, in der ich mich öfters befand, desto ruhiger, klarer und unbefangener war mein Blick, desto sicherer meine Ueberlegung und mein Entschluß. Trete ich diesem Mädchen gegenüber, sehe ich es von Weitem, so spüre ich etwas Unerklärbares; mir ist, als lege sich um meine geistige Existenz eine Hülle, die mich von jeder anderen geistigen Berührung abschließt und zwingt, diesem sonderbaren, ungemein schönen Geschöpfe unterthan zu sein. Auch wenn das Mädchen in größerer Entfernung auftaucht, fühle ich etwas Aehnliches, nur nicht so tiefwirkend, als bei größerer Annäherung. Daß ich das Gefühl der Furcht bei der Person erwecke, habe ich längst entdeckt. Ich sah schon vor Jahren, wie sie flieht, sich zu verbergen und auszuweichen sucht. Seither erklärte ich mir dies dadurch, daß sie, wie alle Unterthanen, Scheu und Ehrfurcht vor dem obersten Beamten und Richter habe. Ich muß wissen, woher das Mädchen rrrtttlwf ** Caspari trat bei Herrn Hofprediger Meles ein und wurde mit gebührender Aufmerksamkeit empfangen. „Mir ist soeben ein hiesiges Mädchen begegnet," begann der Hexenrichter, indem er sogleich auf das Ziel lossteuerte, „welches meines Wissens die Enkelin einer alten Frau ist, deren Häuschen und Garten hinten in der Beundestraße liegt, wenn man den sogenannten Kronenhügel ersteigen will. Könnt Ihr mir, Hochwürden, Einiges über diese Person rnittheilen?" „Ihr seid der Sibille König begegnet, welche vor einigen Minuten hier vorüber ging. Es ist die Enkelin der alten Anna Beilstein, Wittwe des verlebten Johann Beilstein von hier." „Der Familienname König kommt hier nicht vor, Hochwürden; das Mädchen scheint auswärts geboren zu sein." „Ganz richtig, Herr Commissarius; das Mädchen ist in Ober-Eschbach nahe bei Homburg Anno 1640 geboren und steht jetzt im achtzehnten Lebensjahre. Die älteste Tochter der Beilstein Eheleute heirathete einen herrschaftlichen Forstläufer in Ober-Eschbach, einen gewandten, hübschen Burschen, aber einen Lüderjahn, Spieler und Saufaus, der im Jahre 1640, als Sibille wenige Monate alt, mit den schwedischen Kriegs- Völkern unter dem „tollen Rosen" auf und davon ging. Dieser tolle Rosen lag dazumal mit seinem Regimente in Friedberg. Die große Straße führt von da nach Homburg durch Ober- Eschbach. Homburg war von dem Kaiserlichen General- Wachtmeister Graf Gallas mit 800 Mann besetzt worden. In der Nacht vom 21. zum 22. October 1640 ritt der tolle Rosen von Friedberg nach Homburg, erstürmte die Stadt und ließ niederhauen, was sich widersetzte. Die Kaiserlichen wurden völlig vernichtet. Offiziere, Frauen und Kinder flüchteten, so- ferne es ihnen noch gelang, in das Schloß. Viele wurden auf der Flucht ergriffen, die Frauen ermordet, entehrt, zarte Kind- lein in brennende Häuser geschleudert. Die Schweden hausten wie Panduren und Croaten in Magdeburg und nahmen für die Greuel, welche die Kaiserlichen in letzterer Stadt verübten, bittere Rache. Leider mußten viele Unschuldige für Schuldige büßen." „Es ist so, wie Ihr in großer Anschaulichkeit geschildert habt, Hochwürden," unterbrach Caspari tief ergriffen den Erzähler. „In jener Nacht verlor ich mein erstes, heißgeliebtes Weib und mein kaum sechs Monate altes Töchterlein. Ich war etliche Wochen vorher nach Nürnberg als Legations- secretär gesandt worden, denn der Kaiser hatte nach jener Stadt einen Kurfürstentag, den ersten seit 1613, berufen, um über die Wiederherstellung des Friedens berathen zu lassen. Im November kam ich nach Homburg zurück, fand mein Haus ausgeraubt und niedergebrannt, Weib und Kind ermordet und 238 begraben. Nur Teufel, Bestien, Cannibaken und reißende Thiers können so wüthen, wie es die Menschen unter sich thun. Seit ich jenes Traurige schuldlos erdulden mußte, hat sich eine tiefe Bitterkeit meiner bemächtigt; ich halte es für meine Pflicht, die Teufel, Hexen, Zauberer, Dämonen und Unholde, die allein die Menschen zu solch scheußlichen Thaten treiben und verführen, die sich in das menschliche Gemüth einnisten und es beherrschen, mit Feuer und Schwert zu bekämpft» und auszutilgen." „ ... „Ein edles Bestreben, Herr Connmssarius," antwortete der Hofprediger; „jetzt, nachdem ich einen Einblick in Das, was Ihr erduldet, empfangen habe, wird mir Manches klarer Dennoch möchte ich auszusprechen Veranlaffung nehmen: es freut mich, daß wir im letzten Jahre keine Hexenbrände mehr hatten. Wir müsien ja Alle zugeben, daß es Hexen und Sauberer gibt und daß diefe großes Unheil anrichten; dennoch bin ich der Meinung, daß unter den sechsundvierzig Personen, welche seit 1652 hier justificirt und hingethan wurden, Hexen oder Zauberer im wirklichen Sinne nicht gewesen sein mögen." „Damit stimme ich in keinem Wege überein, Hochwürden; ich habe die Untersuchungen geleitet und die Bekenntnisse ver- nommen und muß wisien, was Rechtens," erwiderte Caspari mit Festigkeit, woraus der Hofprediger merkte, daß es nicht dienlich sei, dem Gestrengen stärker entgegenzutreten. „Wir sind unvermerkt von der Hauptsache abgekommen, fuhr Meles fort, als Caspari geendet. „Der Vater der kleinen Sibille König r ,, r n „Sibille!" fiel der Commiffarius ein, „so hieß mem erstes, unglückliches Töchterlein und so ließ ich auch das erste taufen, welches mir meine zweite Gattin am hiesigen Orte schenkte. Doch das ist zufällig, man findet den Namen überall, bitte fortzufahren, Hochwürden." „Der Vater der kleinen Sibille König ließ Weib und Kind im Stiche,' schloß sich dem tollen Rosen an, kam später zu dem schwedischen Feldmarschall Baner und wurde im Früh- jahre 1641 zu Halberstadt von einem schwedischen Kürassier, den er im Würfelspiel betrogen hatte, erstochen. Die Frau des König zog. hierher zu ihrer Mutter, der alten Beilstein. Diese hatte eine unbeschreibliche Freude über das schöne Würmlein, das seinem Vater, der ein hübscher Mensch gewesen, ähnlich sehen soll. Nach einigen Jahren starb des Kindes Mutter, daher nahm sich die Großmutter mit besonderem Eifer der Doppelwaisen an; sie zog die Enkelin auf in der Zucht und Vermahnung zum Herrn. Die alte Beilstein war von jeher ein tapfer, stark Weib, fest und gesund, also daß sie trotz ihrer sünsundsiebzig Jahre heute noch eine stattliche Last Holz aus dem Walde nach Hause zu tragen vermag. Die Enkelin muß alle Arbeiten verrichten, die in dem kleinen Haushalte Vorkommen: Waschen, putzen, kochen, Vieh füttern, den Garten umgraben und bestellen und noch vieles Ändere. Das hat den Körper des Mädchens gekräftigt und gestählt- Nebenbei sind feine kleinen, wohlgeformten Hände aber gar flink und geschickt mit der Nadel; mit Bewunderung sehen Alle die schönen Arbeiten des Mägdleins, das seine Lehrerin, die Schulpräceptorin Fischer, überflügelt hat. Besonders schön von dem Mägdlein ist sein tugend- und sittsam Betragen. Es bleibt zu Hause, hält sich von dem Treiben der anderen Jugend, weiblichen und männlichen, gar ferne, was maßen die alte Bsilstein mitunter zu mir saget: Da» Mägdlein hat vornehme Posten im Kopfe, wahrscheinlich weil sein Vater Förster gewesen. Wenn es über die Straßen gehet, was selten der Fall, schaut es nicht hoffärtig um sich nach den Fenstern und Giebeln, sondern blickt fein bescheiden vor sich hin, doch Jedem einen Gruß bietend oder für einen dankend. Sie besucht fleißig den Gottesdienst und das heilige Abendmahl, ist aber sehr ungern unterwegs, aus welchem Grunde die alte Beilstein die Gänge besorgt. In dem Häuschen ist Alles absonderlich rein, fein und lieblich. Sibille liest fleißig in der Bibel und in solchen Büchern, welche ich dem Mägdlein leihe; es schreibt eine zierliche, seine Schrift, vermag sich die Muster zu ihren Arbeiten zu zeichnen und singt dazu, daß die Vöglein auf den Bäumen im Garten stille sind und lauschen, denn das Mägdlein vermag es noch lieblicher, als die Thierlein. Daß die jungen Burschen alle nach diesem seltenen Wesen ausschauen, ihm auch schon Herz und Hand von reichen Bauern- und Müllersöhnen angetragen wurden, obgleich es kaum achtzehn Jahre zählt, begreift sich wohl. Da» Mägd- lein will aber nichts davon wissen. So haben sie es in der ganzen Gegend wegen seiner Schönheit und Unnahbarkeit „die Hexe von Bingenheim" getauft." „Die Hexe!" fuhr Caspari auf. „Im edelsten Sinne des Wortes, Herr Commiflarius, denn rein und fromm ist das Mägdlein, wie fein Schutzzeist." „Mit apodictifcher Gewißheit läßt sich so etwas niemals behaupten," antwortete Caspari streng. „Der Mensch sichet, was vor Augen ist, besagt ein Bibelspruch, das Inwendige vermögen wir nicht zu erkennen. Der böse Feind bedient sich oft solcher schönen, hochbegabten Menschen, um Andere desto sicherer in seine Netze zu locken." »Ihr saget manches Wahre, doch trifft das hier nicht zu. Das Mägdlein hält gerade Andere von sich ab und vermeidet die Berührung mit Fremden, wie soll da Unheil von ihm angerichtet werden!" „Wohl, Hochwürden, ich glaube Eurer Versicherung und danke Euch für die Auskunft. Möchte da» Mägdlein stets auf der Bahn der Ehre und Tugend wandeln, Gott zur Ehre, den ©einigen zu Freude und Trost." „Amen! Amen! Herr Commiffarius! Und um jeden Zweifel zu beschwichtigen, will ich besondere Bürgschaft für das Mägdlein übernehmen." Die beiden Männer trennten sich. Anstatt beruhigt zu werden, wie Caspari gehofft, war er tiefer aufgeregt, als vorher. Um das Mädchen sehen und beobachten zu können, machte er von Zeit zu Zeit einen Gang über den Kronenhügel durch die Beundegaffe. Da aber das Häuschen der alten Beil- stein frei lag, so daß man die herankommenden Leute von ferne kommen sah, verschwand Sibille, deren Augen scharf und hell um sich blickten, stets rechtzeitig und eher, als der gesürchtete Hexenrichter nahe herankam. Sechstes Kapitel. Einige Tage nach Fastnacht 1658 saßen die Bürger Bingenheims beim Abendtrunk im „Darmstädter Hof" und besprachen die Tagesneuigkeiten. „Wer von den anwesenden Bürgern hat in diesem Winter den wohlgelahrten Postschretber Quassel zum Schlachtfeste und zur Metzelsuppe eingeladen?" fragte Hofbäckermeister Friedrich Frantz. „Ich! ich! ich!" und so weiter tönte es in bet Runde. Man zählte und es waren neun Bürger, welche Quassel ein« luden und bei denen er die Einladung auch angenommen und weidlich ausgenutzt hatte. „Bei mir hat er sich eigentlich selbst eingeladen," bemerkte Hofschnetdermeister Georg Ulrich; „er wußte es so geschickt anzubringen, daß ich nicht anders konnte, als ihn aufzufordern. „Aehnlich versuchte er es bei mir," fügte Hofkutscher und Schirrmeister Hans Martin Wetz hinzu; „ich fing den Schmarutzer aber dadurch ab, daß ich ihm sagte: Gerne wollte ich Euch zu mir bitten, Herr Postschreiber, einen Bissen Wellfleisch und etwas Wurstsuppe, Sauerkraut, Schweinsknöchelchen und Pfeffer mit uns zu versuchen; Eure Frau sagte mir indessen, Ihr hättet Euch zwei Abende vorher bei Eurem Nachbar den Magen so verstaucht, daß Ihr unbeschadet Eurer Gesundheit keine schweren Speisen verzehren dürfet." „Ist das wirklich so gewesen?" fragte Hans Bott, der erste Trompeter im landgräflichen Kriegsbataillon. „Ei behüte!" versetzte Wetz; „ich wollte den Schmarutzer, dem das Wasser im Munde zusammenlief, als er von den Speisen hörte, nur auf eine gute Art los werden. Quassel besitzt einen Magen, der niemals zu besiegen ist, wie feines Herrn Unverschämtheit, seine Aufschneiderei und seine Leidenschaft, den Menschen freundlich in's Gesicht zu reden, um ste alsbald zu verunglimpfen, wenn sie den Rücken gewandt haben. „Diesmal muß er einen kräftigen Denkzettel haben, bemerkte Hofschornsteinfegermeister Michel Konrad Eckert. „Quassel 239 - i M an« ott, der Runde, ssel einen und kann oder icht zu. cmeidet Bürger f" und und auf den diesem ib von bgleich Mägd« in der it „die isarius, Zgeist." temals siehet, lendige mt sich e desto Winter iste und Diedrich higt zu ls vorkönnen, enhügel :n Beilin ferne mb hell ürchtete das Veihältniß bei den Briefen beider. Nachlaß im wesentlichen nur Briefe von bot und Conccp.'e von Briefen Schillers enthielt, braucht man für die letzten . jeden für dar Gelegentlich hört man den Vorwurf, daß die Literarhistoriker Schiller über Goethe vernachlässigren. Doch ist dieser Vorwurf nur halb begründet. Es mag Kurzsichtige geben, die in einseitiger Ueberschätzuug Goethes das Verdienst Schillers nicht völlig erkennen. Doch zeigt ein Blick auf unsere wissenschaftlichen Zeitschriften und auf die zu Schul- und Gelehrten- zwccken veranstalteten Klassikerausgaben, daß Schiller durchaus die gebührende Ehre erhält. Nur darf nian nicht vergessen, daß bei ihm das Material fast erschöpft ist, so daß es sich im wesentlichen um eine Bearbeitung handeln kann, bei Goethe dagegen das Neue massenhaft zuströmt. Schillers schriftliche Hinterlassenschaft ist infolge seines kurzen Lebens und seiner oft gestörten Gesundheit eine verhältnißmäßig kleine, diejenige Goethes hingegen, gemäß seinem langen Leben, seiner fast ungestörten Gesundheit und den großen Hilfskräften, über die er gebot, eine enorme. Zudem stand Schillers Nachlaß lange vor seiner Ueberantwortung an das Goethe-Schiller- Archiv in Weimar schon seit 1867, seit dem Beginn der durch die Cotta'sche Buchhandlung veranstalteten großen historisch-kritischen Ausgabe seiner Werke jedem Forscher offen, Goethes Nachlaß dagegen ist erst seit der hochherzigen Schenkung des letzten Goethe an die Großherzogin von Sachsen, der Forschung erschlossen. Während jene historisch - kritische Ausgabe außer dem eigentlich dramatischen Nachlaß, d. h. eben unvollendeten Fragmenten, nicht viel Ungedrucktes bot, ersteht aus Goethes Nachlaß auch außer dem wirklich Ungedruckten, theils dem nicht Fertiggewordenen, theils dem absichtlich Ausgeschlossenen, für die längst bekannten Werke Goethes eine ungeahnte Fülle abweichender Lesarten, früherer Bearbeitungen, verworfener Fassungen. Ganz anders als bei Schiller man in Goethes Arbeitsstätte blicken und ein poetisches wissenschaftliches Werk gleichsam emstehen sehen. Aehnlich, ja vielleicht noch ungünstiger für Schiller ist »emerkte geschickt rdern." jer und lg den e wollte n Well« schelchen mir in- n Nach- trer Ge- ng :tr re, rarutzer, ion bett Quafsel r seines Leiden- um sie haben." ■tt," be- ,Quafsel hat vor acht Tagen zwei Schweine geschlachtet, er hat Niemandem eine Wurstsuppe ober Wursiprobe gesandt, ober irgend eine Person eingeladen. Es ist uns nicht um das Bischen Essen zu thun, aber das filzigte, schädigte Benehmen verdient gerügt zu werden." Alle stimmten bei und die Gesellschaft wählte den Kamin- fegermeister Eckert, den Büchsenmacher Breitenbach und den Bauer Burkhard als Commission für die dem Postschreiber zu verabfolgende Rüge. In welcher Weise diese aurgeführt werden sollte, wußte man noch nicht. Es mochten zehn Tage oder mehr vergangen sein. Die Schinken und Würste Quassels hingen im Rauchfange, der Postschreiber hielt sich aber von beiden Gesellschaften im „Darmstädter Hofe" und im Brauhause bei Oberländer um deswillen fern, weil ihm gesteckt worden war, die Männer wollten ihm wegen seines schäbigen Verhaltens einen Streich spielen. Nachdem noch mehrere Tage verstrichen waren, ohne daß etwas erfolgte, hielt er es nicht länger zwischen seinen vier Wänden aus, wo es ihm entsetzlich langweilig dünkte. Er hatte das B.-dürfniß, wieder einmal unter Menschen zu kommen und irgend eine Aufschneiderei zu verüben, sonst wäre er krank geworden. Also ging er in's Brauhaus, allwo an diesem Abende die Gesellschaft zusammenkam. „Ei, Herr Postcommissarius I" sprach Hofkutscher Wetz, als Quafsel eidrat, „ist das ein seltener Besuch, haben Euch seit drei Wochen nicht mehr bei uns verspüret. Wo hat's gefehlt?" „Gebt acht, jetzt lügt er uns etwas vor!" sprach Einer halblaut. „Seht doch einmal nach, Oberländerin!" rief Breitenbach, „ob der Gickel gelegt hat; ein so seltenes Ereigniß, wie der Besuch des Herrn Postmeisters, muß durch etwas ganz Seltenes geehrt werden." „Lasset doch den Herrn Postcommissarius zu Worte kommen!" befahl eine andere Stimme. (Fortsetzung folgt.) Goethes Leben kaum die Originale seiner Briese zu kennen, um doch ziemlich vollständig die ganze Briefmasse zusammen zu haben. Denn bei der förmlichen Kanzlei, die Goethe unterhielt, bei der peinlichen Ordnung, die er sein ganzes Leben hindurch verfolgte, fauden sich außer den zahlreichen, nach Jahrgängen geordneten Bänden der eingegangenen Briefe auch die Coneepte der Briefe vor, die er aus Weimar ergehen ließ. Der Herausgeber von Goeihes Briefen in der großen Weimarer Ausgabe, E. von der Hellen, war daher in der glücklichen Lage, aus dem Weimarer Archiv, an dessen Wahrung und Ordnung er theilnimmt, eine sehr erhebliche Zahl von ungedruckten Briefen, theils aus den Concepten, theils aus deu Originalen mitzutheilen, eine Zahl, die in Dem neuen Bande dieser Briefe etwa ein Fünftel aller Briefe ausmacht. Viel ungünstiger gestaltete sich die Sache für den Herausgeber der Briefe Schillers. Der Gelehrte, der das Werk einer kritischen Gesammtausgabe unternahm und vortrefflich löste, Fritz Jonas*), konnte nicht ein einzelnes Archiv als vornehmste Quelle beuützen, sondern mußte, um die Originale vergleichen zu können, zahlreiche Sammlungen durchmustern, bei Antiquaren die zufällig vorhandenen Briefe durchsehen und hatte sein Augenmerk weit mehr darauf zu richten, die bekannten Briefe in kritisch gereinigtem Text wiederzugeben, stimmt!iche, an vielen Orten zerstreute Briefe zusaminenzubringen, als daraus, die Zahl der Briefe zu vermehren. Daher waren unter den 476 Numm.'rn der ersten Bände nur vier ungedruckte Brief?. Im dritten Bande, der bis Ende August 1794 führt und mit Nummer -732 abschließt, hat sich die Zahl der ungedriickten auf 31 erhöht. Gerade von diesen ungedruckten Briefen soll hier in Kürze gehandelt werden. Die größte Zahl dieser Briefe ist an den Leipziger Buchhändler Göschen gerichtet. Er, der in der Geschichte unserer klassischen Literatur eine rühmliche Rolle spielt, der die Prachtausgabe Wielands, die erste rechtmäßige Edition von Goethes Schriften und viele einzelne Arbeiten Schillers verlegte, veröffentlichte damals anßer Schillers „Thalia" besonders den historischen „Damenkalender", für den Schiller arbeitete. Es war die für Schillers spätere dichterische Thätigkeit so einflußreiche „Geschichte des dreißigjährigen Kriegs", mit der er beschäftigt war. In einem sehr merkwürdigen Briefe verther- digte er die Ausführlichkeit seiner Arbeit nicht etwa für die Gelehrten, sondern gerade für das weibliche Geschlecht- „denn was würden sich untere Damen bei den Worten „Deutsche Freiheit, Religionsfriede, Restitutivusedikt" denken, wenn mau sie nicht vorher in die Verfassung des deutschen Reichs hinein- geführt hätte." Dieser Ausführlichkeit rühmte er sich und der großen Lwbc, die er auf die Arbeit verwendet. „Jeder schöne Geist, dem Sie diese Arbeit des dreißigjährigen Kriegs aufgetragen hätten, wäre diesem statistischen Theil der Geschichte aus dem Wege gegangen und hätte die frühere Reichsgeschichte von Karl V. bis Ferdinand ganz obenhin behandelt. Ein Jurist hätte ihn hiugegeu als ein Skelet dargestellt. Wenn ich ein Verdienst um diese Geschichte habe, so ist es dieses, daß ich mich bei dieser Einleitung aufgehalten und das Allertrockenste wenigstens menschlich auSeinandergesetzt habe." Sehr bemerkenswerth war aber bei dieser Schiller'schen Arbeit noch etwas anderes. Das Buch wurde natürlich unter Aufsicht der Zensur gedruckt. Schiller hätte gewünscht, eine solche und ganz besonders die sächsische zu umgehen, weil „der *) Schillers Briefe. Kritische Gesammtausgabe. Herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Fritz Jonas. Deutsche Verlags- Anstalt. Stuttgart, Leipzig, Berlin, Wien. 1892—93. Bisher sind drei Bände erschienen (Preis pro Band geheftet M. 3,— ; gebunden in Halbfranz M. 4,80). Während Schillers anderen an Schiller eigentlich gar nicht dreißig Jahre von Ungedruckte Briefe Schillers Von Ludwig Geiger. sächsische Hof nicht viel Ehre dabei einlegt". Bisher, versichert er, sei er mit den Aenderungen des Zensors zufrieden, gegen jede Aendernng aber, welche diese Grenze überschreite, müsse er protcftiren, denn „wird mir eine Hauptsache alterirt oder kommt etwas Fremdes hinein, so muß ich öffentlich meine Sache vertheidigen, denn über mich urtheilt das Publikum, weil mein Name vor dem Buche steht." Auch über die Quellen, die Schiller benützte, erfährt man gar manches. So werden „Theatrum Europäum", Pufendorf, Murrs „Beiträge zur Geschichte des dreißigjährigen Kriegs" genannt als die Werke, aus denen Schiller schöpfte. Nachdem Schiller zwei Jahre den dreißigjährigen Krieg bearbeitet hatte, "lehnte er eine weitere Kalenderarbeit ab. Göschen wollte von Pestalozzi die Reformation darstellen lassen, Schiller warnte vor dem Mann und vor dem Stoff. Bor dem Manne, weit er ihm nicht genügenden philosophischen und politischen Scharfsinn zuschrieb- vor dem Stoff, weil er meinte, dieser müsse von einem sehr freien Geiste geschrieben und so dargestellt werden, daß er eine wichtige Revolution in Glaubenssachen vorbereiten könnte. Gelegentlich nannte er dabei Schröckh in Wittenberg, „jetzt gewiß unfern besten Historiker". Auf die historische folgte bei Schiller die philosophische Periode. Für seine Studien ließ er sich von Göschen Winkelmanns Geschichte, Lessings Laokoon, Hehdenreichs Aesthetik kommen. Während jene beiden Koryphäen der antiquarischkunstgeschichtlichen Literatur in ihrem Einfluß auf Schiller längst gewürdigt sind, würde es sich vielleicht lohnen, den Wirkungen, welche das letztgenannte, jetzt ziemlich vergessene Buch auf Schiller geübt hat, etwas nachzugehen. Zunächst dachte Schiller an ein Buch: „Kallias", das er bereits am 4. Juni 1793 als ein im Juli zu verlegendes Werk ankündigte, „das uns beiden keine Schande machen soll." Bekanntlich wurde daraus nichts, statt dessen erschien zuerst „Anmuth und Würde", dessen beiden Ausgaben später die „Briefe über die ästhetische Erziehung" folgten. Neben dem Schiller, den Autor, tritt Schiller, der Redakteur. Mit der „Thalia" hatte er viel Mühe, häufig drängten ihn die Schriftsteller mit ihren Abhandlungen, die er abweisen oder mühsam durchkorrigiren mußte, bald belästigen sie ihn mit Honorarforderungen, die er ungerecht fand. Dem einen sollte Göschen einen Louisdor Honorar zahlen, „dabei bedeuten Sie ihm", schrieb Schiller, „daß er sehr unverdient zu der Ehre komme, denn Anfängeraufsätze pflege ich nicht zu bezahlen". Er war sich ferner bewußt, nicht immer standhaft genug den zudringlichen Bitten „eines armen Musensohnes" entgegengetreten zu sein, und klagte sehr darüber, daß er manches drucken ließ, was ungedruckt hätte bleiben sollen. Schiller erhielt nicht bloß Manuskripte, die für die Thalia bestimmt waren, sondern durch Göschens Vermittlung auch Dramen und Beiträge anderer Art, bei denen er sich die Mühe des Zusammenstreichens und anderes nicht verdrießen ließ. Selbst Göschen, der Verleger, wandte sich einmal als Autor einer Reisebeschreibung an ihn und Schiller, der das ihm anvertraute Manuskript etwas lange behalten hatte, rief dem Ungeduldigen, dem er bekannte, über einige Einfälle sehr gelacht zu haben, die Worte zu: „Sie haben mit dem Ruhm der Autorschaft auch schon die ganze Ungeduld der Autoren angenommen und es ist mir im Namen aller jetzigen und zukünftigen Schriftsteller lieb, daß Sie nun selbst erfahren, wie das Herz darnach schmachtet, sich gedruckt zu sehen. Die mit Göschen erwogenen Pläne sind nicht die einzigen schriftstellerischen, die Schiller damals beschäftigten. Er war einer der rastlosesten Planmacher. In einem gleichfalls ungedruckten Briefe an den Jenenser Mauke, den Verleger historischer Memoiren, schrieb er einmal: „Sie sehen daraus, daß es mir mit den Memoiren Ernst ist, zuletzt müssen wir durchdringen", während kaum ein Jahr später für Schiller die ganze Memoirenarbeit eine untrügliche Last war, die bald genug von ihm ganz aufgegeben wurde. Die schöne Erfüllung seiner literarischen Pläne gehört erst der Zeit von 1794 an. Unmittelbar auf den letzten Brief an Göschen (24. Oktober 1793) folgt ein Brief an Haug (30 Oktober), der als eine Art Vermittler Cottas bei Schiller erschien und eine für beide Männer und die deutsche Literatur gleich erfolgreiche geschäftliche Verbindung einleitete. Wie später mit Cotta, so wurden auch mit Göschen nicht bloß geschäftliche Verhältnisse besprochen. Schillers Verleger waren auch feine Freunde. Sie waren eingeweiht in seine Geldnöthe und hatten gelegentlich seine Schulden zu reguliren. Göschen fiat einmal einem Gläubiger noch aus der alten Dresden - Leipziger Zeit eine größere Summe zu entrichten, „dem Sie schon mehr ausgezahlt haben," heißt es refignirt. In ähnlich rcsignirter Weise schrieb Schiller über seine Gesnndheit. „Es scheint," so äußert er sich einmal, „meine Natur wird noch eine Zeit lang gegen ihren innerlichen Feind zu kämpfen haben, ehe sie ihn völlig besiegt oder unterliegt, und ich mache mich in den nächsten Jahren noch auf mehrere Störungen gefaßt," und ein andereSmal schreibt er: „Der Frühlingsanfang ist zwar ein Freund der Poeten, aber nicht der kranken Poeten. Gelegentlich finden sich auch politische Andeutungen. Wie Goethe in seinen neuerdings bekannt gewordenen Briefen vom Jahr 1792 und noch aus den ersten Monaten des Jahres 1793 sich großen S'egeshoffunngen hingab, so schrieb auch Schiller am 15. März 1793: „Die Franzosen sind aus Aachen und Lüttich herausgeschlagen und in wenigen Wochen über 100 Kanonen erbeutet worden, worin der Franzosen größte und einzige Ueberlegenheit besteht. Wir wollen hoffen, daß ihnen das dentsche Brot bald verleidet werden soll." Die Lektüre von Schillers Briefen in ihrer Gesammtheit gewährt ein wahres Labsal. Man vermißt freilich in dieser Sammlung die Antwort der anderen, die erst mit Schillers Briefen zusammen ein Ganzes bilden würden, aber empfängt doch durch dies Schriftstücke ein Bild von seinen Schicksalen und seiner geistigen Entwicklung. Der erste Band der Sammlung trägt noch keinen bestimmten Charakter. Es ist die Stuttgarter, Mannheimer, der Anfang der Leipziger und Dresdener Zeit. Im zweiten Bande sind Lotte und Karoline einerseits, Huber und Körner anderseits die Hauptkvrrespon- denten. Der Geliebten und den Freunden gegenüber hat Schiller kein Geheimnis, sondern spricht mit der größten Offenheit über die kleinen Vorfälle seines Lebens und die großen Pläne, die seinen Geist beschäftigten. Die gewaltige innere Arbeit, der Uebergang von der Geschichte zur Philosophie, die große Mühe, die er sich mit Bewältigung Kantischer Ideen gab, tritt in den ausführlichen philosophischen Ansein- andersetzungeu an Körner im dritten Bande hervor. Schon beginnt man die Bedeutung zu erkennen, die Schiller als einer der ersten Geister der Nation sich erwarb. Am Ende dieses dritten Bandes stehen die ersten an Goethe gerichteten Briefe, und so werden uns die nächsten Bände jenen seltenen Verein der zwei Führer des geistigen Lebens Deutschlands deutlich zeigen. Man müßte diesen Briefen Schillers einen Ehrenplatz in der Bibliothek wünschen. Sie bieten eine herzerquickende Lektüre. Schiller als Sohu und Bruder, als Liebender und Freund, als Berather der Jüngeren, als ebenbürtiger Genosse der Großen, ist überall gleich Verehrungswerth. Er weiß zu scherzen und zu spotten, behaglich zu plaudern und ge- müthvoll zu ergehen, Personen zu schildern und Sachen gründlich und tief zu behandeln. Ein ganzer Mann tritt vor uns in wunderbaren Briefen, ein Mann, den wir voll Interesse und Wißbegier anhören, den wir als hochstehenden Geist verehren und doch menschlich begreifen, den wir bewundern, bemitleiden und lieben. 240 — Redaktion: A. Sch eh da. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei $r. Ehr. Pietsch) in Gießen.