AnterchaLtungsblatt znen Giehenev Anzeigen (Gensval-AnZGigev) 1894. ÄM {■<••■«•■ Donnerstag, dm 25. Oktober. Lola. Roman frei nach dem Amerikanischen von Erich Friesen. (Fortsetzung.) Heiler lächelnd, ohne die geringste Ahnung von dem, was hier vorgeht, tritt Gerald ein. Als er die Beiden vor sich sieht — Lola in halb trotziger, halb ängstlicher Haltung, Lord Rawdon bleich, hoch aufgerichtet, mit zornig erhobener Hand — da erstirbt das Lächeln auf seinen Lippen. Mit einem leisen, freudigen Ausruf eilt Lola ihm entgegen. „Wie froh bin ich, daß Sie da sind, Baron Gerald I" Lord Rawdon zuckt zusammen. Sollte Gerald doch der Bevorzugte sein? Ein Schimmer wahren Glücks breitet sich über Geralds offene Züge, als Lola ihm zum Willkommen die Hand reicht. „Ich bin so froh, daß Sie da sind/' wiederholt sie leise. Ihr lieblicher Mund zittert ein wenig. Nur mit Mühe hält sie die Thränen zurück. Rasch tritt Lord Rawdon an die Beiden heran. „Mein Gespräch mit der Baronin war privater Natur," ruft er heftig. „Du wirst Dich nicht verletzt fühlen, Gerald, wenn ich Dich bitte, Dich zu entfernen." Gerald blickt unschlüssig von Lola auf Arno und wieder auf Lola. Da legt -sich eine kleine, zitternde Hand ileise auf seinen Arm- „Bleiben Sie!" flüstert die süße, bebende Stimme neben ihm- „Ich bitte Sie, bleiben Sie! Ich fürchte mich." „So bleibe!" sagt Lord Rawdon finster. „Wollen sehen, ob sie auch Dich betrogen hat." „Die Baronin Medfort betrügt Niemanden," ruft Gerald, sich hoch ausrichtend. „Ich verbiete Dir solche Ausdrücke!" Lord Rawdon lacht spöttisch auf. „Du wirst ja sehen." Dann, zu Lola gewendet, fährt er drohend fort: „Ich frage Sie, Frau Baronin Medfort — haben Sie meine Liebe um dieses Mannes willen verschmäht?" Schluchzend drückt Lola die Hände vor die Augen. „Laffen Sie mich! Soffen Sie mich!" fleht sie. „Nein. Antworten Sie — lieben Sie den Baron Gerald Hastings?" Gerald, der bisher schweigend dieser eigenthümlichen Situation gegenüber gestanden, sährt bet Nennung seines Namens auf. „FH bitt; V.h, meine Angelegenheiten mir selbst zu überlaffen," sagt er kalt. „Auch verstehe ich / dieseHScene durchaus nicht." -KMR „Du wirst sie sogleich verstehen," ruft Arno höhnisch. „Wir trachteten Beide nach der Hand diese Dame. Mich hat sie bereits zurückgewiesen und damit zugegeben, daß sie nur mit mir gespielt hat. Sie wird es mit Dir nicht anders machen. Frag' sie doch!" Gerald ergreift schweigend Lolas Hände. Sein Blick sagt mehr, als Worte zu thun vermögen. Erblassend wendet sie ihr Antlitz von ihm. „O, Baron Gerald, lassen Sie mich gehen!" murmelt sie, ihre Hände aus den seinen befreiend. „Ich will Sie.nicht quälen," sagt dieser sanft. „Es mag selten vorkommen, daß ein Mann in Gegenwart eines Anderen einer Frau seine Liebe erklärt. Doch Lord Rawdon und ich, wir haben keine Geheimnisse vor einander- . . . Regen Sie sich nicht auf, Frau Baronin! Sie haben zwar den einen Liebhaber abgewiesen. Daraus folgert aber noch nicht, daß Sie den Andern auch abweisen müssen." Lola schweigt. Geralds liebevolle Worte beschämen sie. Wieder lacht Arno spöttisch auf. „Die Baronin scheint noch nicht gesonnen zu sein, Dir gegenüber die Maske zu lüften," sagt er mit beißendem Hohne. „So will ich es für sie thun. Sie hat uns Beide und vielleicht noch manche Andere an sich gelockt, weil sie möglichst viele Opfer zu ihren Füßen sehen wollte. Ist es ihr gelungen, so lacht sie die Tölpel ans. Frag' sie doch selber, ob ich die Unwahrheit spreche!" „Nein, ich werde keine solche Frage an sie stellen," entgegnet Gerald ernst. „Hahahaha, Du ritterlicher Liebhaber!"/spottet Arno. „Du willst Dich wohl in ihrer Gunst befestigen, indem Du Dein Benehmen mit dem meinen in den vorthetlhaftesten Con- trast bringst." „Du irrst, Arno. Diese Baronin weiß, daß ich sie von Herzen liebe, daß ich glücklich sein würde, sie als Herrin in mein liebes altes Schloß einzuführen. Doch Gott schütze mich davor, daß ich ihr auch nur ein böses Wort sage, wenn sie dies Alles zurückweisen sollte." Was Lord Rawdons Zorn nimmer zu Wege gebracht, das thut Geralds Milde und Sanftmuth. Eine gewisse Rührung bemächtigt sich Lolas. „Sie sind sehr freundlich," sagt sie freundlich lächelnd zu ihm emporblickend. „Aber wirklich, ich — ich — ich habe nie daran gedacht, Sie zu — zu hrirathen." Geralds offene Züge überzieht eine tiefe Blässe. „Wenn das so ist," murmelt er mit zuckenden Lippen „so habe ich in dieser Sache weiter nichts zu sagen. Ich bedauere, daß Sie einer so unangenehmen Scene ausgesetzt waren, Frau Baronin.....Sie haben zwar meine Liebe zurückgewiesen, doch meine Freundschaft nehmen Sie an, nicht wahr? ... Als ersten Freundschaftsdienst ersuche ich Sie um den, Lord Rawdon bitten zu dürfen, daß er sich zurückziehen möge." „Es würde das Beste fein," flüstert Lola. Eine dunkle Röthe bedeckt Arnos soeben noch so bleiche Wangen. „Ja, ich gehe," murmelt er finster. „Ich gehe, bevor ich den letzten Rest von Männlichkeit und Selbstachtung verliere. Haben Sie mir nicht« mehr zu sagen, Baronin Medsort? — Kein einziges freundlicher Wort?" .Nein." Lola wendet ihm ein hochmüthiges, kaltes Antlitz zu. Mit einer tiefen Verbeugung verläßt Lord Rawdon das Zimmer. „Welch' eine Scene," sagt Lola tief aufathmend. „Wie kann ein Mann so heftig sein l" ~ c „Es thut mir für Lord Rawdon leid," entgegnet Gerald ernst. „Ich weiß, wie er Sie liebt —" „Wollen Sie mir auch noch eine Lection erteilen?" fragt sie in neckischem Tone. „Auch Du, Brutus?" Er tritt dichter an sie heray und blickt ihr tief in die Augen. „Theure Frau Baronin, sehen Sie mich an! Besinnen Sie sich! Haben Sie keine andere Antwort sür mich, als wie vorhin?" „Es thut mir wirklich leid. Rein." Traurig neigt er das Haupt. „Sie sind sehr jung," sagt er ernst, „und kennen vielleicht die Welt noch nicht genügend. Sie sind schön und liebens, werth. Deshalb sollten Sie sich hüten, in dem Herzen eines Mannes falsche Hoffnungen zu erwecken. Es schmerzt so tief." Unwillkürlich fährt er bei den letzten Worten mit der Hand nach dem Herzen. Schnell ergreift Lola dieselbe und dOckt sie warm. „Ich möchte nicht, daß Sie leiden," sagt sie lebhaft, „ich habe Sie sehr gern." Er lächelt schmerzlich. „Gern haben und lieben ist zweierlei, Lola. Ich hatte gehofft, Sie in mein trautes, verwittertes Schloß zu bringen, unter die uralten Eichen, zu meiner guten, treuen Mutter — es sollte nicht sein." Lola wendet das Köpfchen ein wenig zur Seite, um ein Lächeln zu verbergen. Ein altes Haus unter alten Bäumen mit einer alten Schwiegermutter als Wächterin! . . - Diese» Bild hat für sie durchaus nichts Verlockendes. „Ich verlaffe London in den nächsten Tagen," fährt Gerald leise fort. „Ich kann hier nicht bleiben, wo all' meine Hoffnungen zu nichts wurden. Doch bitte ich Sie um Eines: Sollten Sie jemals eines Freundes, eines Beschützers bedürfen, so rufen Sie mich. ... Sie lächeln. ... Sie denken, jung, schön und reich, wie Sie sind, können Sie niemals in Roth gerathen- Ich hoffe es von Herzen. Doch vergessen Sie niemals: In mir haben Sie einen Freund für Ihr ganzer Leben." „Müssen Sie wirklich gehen?" fragt sie verstimmt. — „Warum denn? Ich sehe keinen Grund. Ach, wie glücklich wäre die Welt ohne die dumme Liebe!" Wider Willen lächelt Gerald — ein schmerzliches, weh. müthiges Lächeln. „Sie sind ein Kind, Lola. Leben Sie wohl!" Er hält ihre Hand lange mit festem Druck in der feinen. Dann geht er- - . > Als die Thür sich hinter ihm geschlossen hat, bedeckt Lola ihr Antlitz mit beiden Händen. Sie weint — weint zum ersten Male in ihrem Leben heiße, bittere Thränen. Xi. Eine Woche ist vergangen. . . . Lola lacht jetzt über ihre sentimentale Anwandlung nach Baron Geralds Abschied. Welch' einen Unsinn die Beiden schwatzten! Man sollte wirklich meinen, die Männer seien alle verrückt. Mögen sie dieses schreckliche Fieber immerhin „Liebe" nennen — ich nenne es einfach „Wahnsinn"! So dachte Lola. Dabei zuckt fie unmuthig mit den runden Schultern und zieht die feine Oberlippe spöttisch in die Höhe. Sie will über die Männerwelt regieren, sie zu ihren Füßen sehen, sich mit ihr amüsiren — aber nicht sich um sie grämen. Sie will, daß die Männer sie lieben sollen, wie der Schmetterling die Rose, daß sie eine ganze Saison hindurch ihre ergebenen Sclaven sind, sie beständig ihrer unwandelbaren Liebe versichern und ihr dann in der kommenden Saison, wenn sie ihrer Ritterdienste überdrüssig ist, unbefangen freundlich gegenübertreten, um Anderen Platz zu machen. ... So ist'r bequem! Während der ersten Tage hatte Lola ihre beiden ab. gewiesenen Liebhaber doch ein wenig vermißt Lord Rawdon, der sie durch seine Leidenschaft erschreckt und zugleich gedemüthigt, hätte sie leichten Herzens aufgegeben. An Geralds offene Züge jedoch, an fein stets gleichmäßig freundliches Wesen dachte sie mit einem leisen Bedauern- Aber die Episode mit den Beiden war nun einmal vorbei. Wozu sich grämen? Es gibt ja viele Vergnügungen auf der Welt! Jst's nicht diese, so ist's eine andere. — Während die schöne, leichtherzige Frau bereits wieder über neue Triumphe nachdenkt, verbringen die beiden Männer, in deren Leben sie so tief eingegriffen, trübe Tage. Baron Gerald war sofort nach seinem alten Schloß ab. gereist. Der sonst so heitere, lebensfrohe Jüngling ist düster und in sich gekehrt- Dort, in dem großen, traulichen Wohnzimmer, wo feine Wiege gestanden, dort kniet er vor der guten, alten Mutter nieder, birgt seinen Kopf in ihrem Schooß und schüttet ihr sein ganzes Herz aus. Dort empfängt er den Trost, den nur ein treues Mutterherz zu spenden vermag. Die alte Dame empfindet einen ehrlichen Zorn gegen die Frau, die ihren Sohn so unglücklich gemacht, und gibt dieser Empfindung kräftigen Ausdruck. Abwehrend schüttelt Gerald das Haupt. „Nicht so, Mutter, Du thust mir wehe. Sie ist nicht so schlecht, wie Du glaubst. Nach dem heutigen Tage wollen wir nicht mehr über sie sprechen. Ich ertrage es nicht. Aber Eines versprich mir: Denk' nicht in Groll ihrer! Uebertrage die Zuneigung, die Du für Deinen Sohn hast, auch ein wenig auf die Frau, die seine einzige wahre Liebe ist." Ein heftiger Kampf spiegelt sich in den feinen Zügen der alten Dame. Sie soll die Frau'»lieben, die ihren Sohn unglücklich gemacht. ... Sie zögert. „Mutter," flüstert Gerald innig, „liebe Mutter, thu es um meinetwillen." Die blauen Augen blickten so flehend, so vertrauensvoll, — der Baronin Hastings ist es, als sei der stattliche Mann da vor ihr noch das Kind von früher, das mit süßer, bitten, der Stimme dem Mutterherzen eine Gewährung abzuringen versucht- Noch ein kurzer Kampf — dann nimmt sie den blonden Kopf zärtlich zwischen ihre Hände und murmelt: , Jch werde es versuchen, Gerald — um Deinetwillen." — Lord Rawdon war gleich nach jenem unglückselige» Auf« tritt in seine Wohnung geeilt und hatte sich in seinem Arbeite, zimmer eingeschlossen. Leidenschaftliche Liebe, verletzter Stolz, Zorn, Haß, Verzweiflung — die widersprechendsten Gefühle verwirren fast seine Sinne. Er fühlt sich wie zerschlagen an Leib und Seele. Nur Ruhe — Ruhe. ... Ruhe! — Der Gedanke daran erscheint ihm wie Hohn. Das Blut rennt mit rasender Geschwindigkeit durch seine Adern und läßt fast den Herzschlag stocken- In seinen Schläfen klopft es, als solle er wahnsinnig werden. Wirre Gedanken jagen einander. Er ballt die Faust und preßt die Zähne fest zusammen, um nicht laut aufzuschreien. Wie soll er sie los werden, diese entsetzlichen Gedanken, 499 ----- Me ihm keine Ruhe kaffen, die ihn verfolgen bis hinein in den Schlaf? „Räche Dich!" gellt es ihm beständig in den Ohren. Er weiß nicht, wann der Gedanke ihm zuerst gekommen. Jetzt hört er die Worte im Rauschen des Windes, in dem Knarren der Wagenräder, in den tausend verschiedenen Stimmen der Riesenstadt. \ „Räche Dich! Räche Dich!" Lord Rawdon schaudert. . . . O, Ruhe, Ruhe! Während der ganzen acht Tage hat er seine Wohnung nicht verlassen. Nur der eine Gedanke verfolgt ihn: „Räche Dich! Räche Dich!» Auch heute sitzt er, ,ben Kopf in die hohle Hand gestützt, vor seinem Schreibtisch und starrt wie geistesabwesend vor sich hin. „Die gute Herzogin," murmelt er leise. „Gewiß, sie ahnt etwas." Seine Finger ergreifen mechanisch das vor ihm liegende Billet. Nochmals überfliegt er die festen, vornehmen Schriftzüge: „Lieber Lord Rawdon! Wollen Sie uns heute Abend in's Theater begleiten? Es wird eine prächtige Vorstellung fein. Wir erwarten Sie schon zum Mittagessen. Ich habe Sie mehrere Tage nicht gesehen. Hoffentlich sind Sie nicht krank. Mit Gruß Diana von Edenfield." Unschlüssig drehen seine Finger dar Papier hin und her. Soll er der Einladung folgen? Sich den neugierigen, vielleicht schadenfrohen Blicken der Menge aussetzen? Soll er zu Hause bleiben? Sich ganz und gar von der Gesellschaft zurückziehen und so den bösen Zungen erst recht Nahrung geben? Da erwacht sür einen ^Augenblick wieder der frühere, Stolz in ihm. Hastig springt er empor. Ja, er will gehen, er will all' den Leuten, vor Allem ihr, der Erbärmlichen, zeigen, daß er noch der Alte ist, daß ein Weib ihn nicht zum Schwächling machen konnte. Schnell macht er Toilette und verläßt^ hocherhobenen Hauptes das Haus. Die Dienerschaft blickt ihm erstaunt nach. Man hatte stillschweigend angenommen, Lord Rawdon sei leidend und hüte deshalb das Zimmer. Nur sein Kammerdiener war während der letzten acht Tage in seine Nähe gekommen.MDoch diese Veränderung. . . Als Arno den kleinen Empfangssalon der Herzogin betritt, eilt diese ihm mit ausgestreckten Händen entgegen. „Wie lieb, daß Sie kommen. Ich habe Sie die Zeit her recht vermißt. Ich —" Ein Blick auf seine veränderten Züge — und sie bricht plötzlich ab. Einen Augenblick zögert sie; dann ergreift sie seine Hand mit festem Druck. „Sind Sie krank, lieber Lord Rawdon? Wa» ist geschehen ?" Er versucht zu lächeln. „Nichts," entgegnet er in gemacht sorglosem Tone, der aber schlecht gelingt. „Die Junihitze bekommt mir niemals besonders." Traurig schüttelt die Herzogin das Haupt. Ihre großen dunklen Augen blicken ihn ängstlich forschend an. „Keine Gemeinplätze, Lord Rawdon! Sie sehen aus wie ein Mann, dessen Leben ruinirt ist. O, warum versuchen Sie, mir gegenüber sich zu v rstellen," fährt sie vorwurfsvoll fort, als er sich unmuthi abwendet. „Ich ahne Alles, was Sie verschweigen wollen. Sie sind acht Tage lang unsichtbar und die Baronin Medfort lacht, wenn man Ihren Namen nennt." Lord Rawdon fährt auf. Eine tiefe Röthe überzieht seine soeben noch krankhaft blassen Züge. „Was thut sie?" fragt er stirnrunzelnd. „S e lacht," wiederholt die Herzogin. „Und unsere stets liebreiche und nachsichtige Welt schließt daraus, daß die Baronin Ihren Antrag zurückgewiesen hat." „Die Welt hat Recht," sagt er achselzuckend. „Ich waL so unglücklich, von der Baronin einen Korb zu erhalten. Aber — was mich anbelangt — so kann ich das Unglück schon ertragen. Hahahaha!" Sein Lachen klingt hart und hohl. Die Herzogin schaudert. O, hätte er ihre Warnung beherzigt! Doch sie ist nicht die Frau, ihn daran zu erinnern und ihn dadurch gewissermaßen noch zu demüthigen. „Was hat die Frau Ihnen angethan?" fragt sie dringend. „Sprechen Sie sich aus!" „Nichts," erwidert er, sich stolz aufrichtend, „ich versichere Sie — nichts." Und er reicht ihr höflich den Arm, um sie in den Speisesaal zu geleiten. Doch die Herzogin läßt sich nicht täuschen. Die Augen der Liebe sehen scharf. Während des Essens beobachtet sie ihn heimlich- Das Herz thut ihr weh, wenn sie steht, wie er stch bemüht, heiter zu erscheinen, lebhaft zu sprechen und sich sür Anderer Angelegenheiten zu interesstren. Er spricht, er hört den Gesprächen Anderer zu, er ißt, er trinkt, er lacht — Alles wie im Traum. In seinen Ohren gellen die Worte: „Räche Dich! Räche Dich!" Sie nehmen an Stärke, an Krast zu; ste übertönen alle übrigen Geräusche; sie machen ihn unfähig, etwas Anderes zu denken. „Räche Dich! Räche Dich!" Er weiß nicht — hat er die Worte soeben selbst ausgesprochen? Hat ein Anderer ste gerufen? Scheu blickt er stch um. Steht das bleiche, hagere Gespenst des Wahnsinns bereits hinter ihm? Die Herzogin benutzt eine lebhafte und allgemein geführte Unterhaltung, um an ihn heranzutreten und ihm zuzuflüstern: „Beherrschen Sie stch! Man wird auf Sie aufmerksam!" Das Essen ist beendet. Die wenigen Gäste empfehlen sich. Der Herzog, welcher gewöhnt ist, nach Tisch ein wenig zu ruhen, zieht sich zurück. Lord Rawdon und die Herzogin sind allein. „Ich fürchte, ich werde krank," ruft Arno erregt. „Ich sehe fremde Gegenstände und höre fremde Geräusche. Gewisse Worte scheinen sich förmlich in mein Gehirn eingebrannt zu haben-" „Welche Worte?" „Räche Dich! Räche Dich!" murmelt er düster. „Wenn ich nur wüßte, wie!" Die Herzogin sieht sehr ernst aus. „Lieber Lbrd Rawdon," sagt sie leise, „Sie sollten London für einige Zeit verlassen, sollten größere Reisen unternehmen. Andere Luft, andere Eindrücke würden vortheilhaft auf Sie wirken." „Vielleicht," entgegnet er mit einem dankbaren Blick. Die Sympathie der liebenswürdigen, schönen Frau thut ihm wohl. Ihre besorgte Frage, ob er lieber das Theater nicht besuchen wolle, verneint er, und die feinfühlige Herzogin begreift, daß bei seinem fieberhaften Gemüthszustand der Aufenthalt in einem engen Raum für ihn eine Qual sein muß. Der Herzog von Edenfield hatte gebeten, ihn vom Theaterbesuch zu dispenstren, da er an dem Abende eine Parlamentsrede durcharbeiten wollte. So geht Arno mit der Herzogin allein. Das Stück nimmt gerade seinen Anfang, als die Beiden die Loge betreten. Der Zuschauerraum ist dunkel, so daß man wenig in demselben erkennen kann. Doch als nach dem ersten Act der Vorhang fällt, findet man Muse genug, sich umzu- sehen. So ziemlich Alles, was Anspruch auf Geld, Rang, Geist und Schönheit besitzt, ist anwesend, da ein gefeierter Gast in seiner Glanzrolle aufritt. In der Loge, gerade gegenüber derjenigen der Herzogin, sitzt Lola neben ihrer Freundin, der Frau von Lovel. Sie sieht strahlend heiter aus, wie immer. Aus dem zartaprikosenfarbenen Sammetkleid heben sich die blendenden Schultern wie gemeißelt. Um den schlanken Hals schlingen sich einige Schnüre weißer Perlen. Auf der Brust, an den Handgelenken, im hochfrisirten Haar strahlen unzählige Diamanten. - 500 - Ein herrlicher Strauß weißer Hyaeinlhen liegt vor ihr auf der rothen Sammetbrüstung. (Fortsetzung folgt.) G-Hneinnirtziges. Zur Aufbewahrung von Eiern wird neuerdings folgendes Mittel empfohlen: Man lege solche, nachdem sie mit einer Fettschicht abgerieben, in Haferspreu, in Roggen-oder Weizenstreu. Die Eier verlieren nicht an Gewicht und schmecken frisch bei langem Lagern- Das Einkalken der Eier ist die denkbar schlechteste Methode, da ja Kalk die Schale durchdringt und in Verbindung mit der Eimaffe tritt. Die erwähnte Ausbewahrungsart ist auch für Aepfel und Birnen vorzüglich, selbstverständlich muß besagte Streu recht trocken sein, da feuchte leicht einen sich der Waare mitthr,lenden dumpfigen Geruch annimmt. Die Hühner wollen auch Fleisch, sonst werden ste Federfresser. Werden Hühner im engen Raume gehalten, so müssen sie neben Körnerfutter auch mit Fleisch, nahrung versorgt werden. Zu diesem Zwecke dienen Fleisch- abfälle jeder Art aus Küche und Schlächtereien. Es empfiehlt sich, alles Fleisch für das Geflügel aufzukochen oder wenigstens fein zu zerschneiden und unter das übrige Futter zu mischen, damit sie nicht so fleischgierig und dadurch zum Federfresien verleitet werden. Erhalten sie die Fleischnahrung nicht, so suchen sie die Fletschbegierde durch das Federfresien und gegen- seitiges Blutigpicken zu befriedigen ♦ Stalldünger oder Compost beim Baumsetzen. Dem zu pflanzenden jungen Baume, wenn sich wegen nahrungsarmen Boden eine Nahrungszufuhr nöthig machen sollte, ist gute Composterde zusagender als Stalldünger. Sieht man sich aber genöthigt, den letzteren zu geben, so darf der Dünger mit den Wurzeln des Baumes nicht in virecte Berührung kommen. ♦ * ♦ Bei der Überwinterung von Gemüse sollte man, wo es angeht, die alte Regel nicht außer Acht lasten, daß das in Mieten aufbewahrte im Frühjahr viel wohlschmeckender ist, als das im Keller überwinterte. Im Frühjahr fängt das im Keller eingeschlagene Gemüse zu treiben an, und der Wohlgeschmack geht dadurch verloren. Das im Freien in Mieten überwinterte ist dagegen so frisch, wie das im Herbst eingeschlagene. Man bringe also in den Keller nur so viel Gemüse, um während der voraussichtlichen Frost- periode genügenden Vorrath zu haben- Gelbe Wurzeln, Teltower Rüben, Steckrüben rc- müssen auch im Keller unbedingt in Sand eingeschichtet werden, denn wenn sie einige Zeit frei liegen, so verändert sich durch Einwirkung von Luft und Licht die Beschaffenheit ihres Fleisches; sie werden an der freiliegenden Sette holzig, im Innern pelzig und sind schließlich nicht mehr zu genießen. Rur in mäßig feuchte Erde oder Sand eingehüllt, behalten die Wurzeln die ihnen eigene Zart- heit. — Kopfkohl (Kraut) schlägt man in trockenen Sand ein; man läßt hierzu an jedem Kopfe noch die Hälfte die Strunkes, das Anders schneidet man weg. Sollen die Köpfe hängend zur Aufbewahrung kommen, so läßt man ihnen die Strünke, bindet einige Stücke mit einem Bindfaden zusammen und hängt sie auf, so daß bte Köpfe abwärts hängen- Guts und festgeschlossene Köpfe halten sich in der Regel besser als lose geschlossene. — Für Zwiebel ist ein luftiger Speicher der beste Aufbewahrungsort, wo sie, in Zöpfe lzusammengebunden aufgehängt werden. Große Vorräthe können auch auf flache Hausen geschüttet werden, doch muß das immer mit etwa Vorsicht geschehen, damit nicht so viel Druckstellen entstehen, | welche später unansehnliche Flecken bilden oder auch in Fäufi 1 niß übergehen. Bei sehr kaltem Wetter muß der Zwiebel. I vorrath gegen Frost geschützt werden. Von Petersilien wurzeln werden die kleinsten Exemplare in entsprechende Töpfe oder Kasten gepflanzt und dann in der Küche am Fenster plazirt, wo sie bei hinreichender Bewässerung bald ihre grünen Blätter entwickeln, die ja in der Küche fast unentbehrlich sind. Vermischtes. Die schönen Stiefel. Zwei Schusterjungen sehen einer großen Parade zu und haben gleichgültig den Vorbei, marsch der Infanterie erduldet- Als aber ein Kürassierre« giment gezogen kommt, da ruft der eine begeistert aus: „Kieke mohl, Jochen, dä scheenen Stibbeln voll Kürassieren!" Gerechte Abscheu. Ladnerin: „Wünschen Sie viel« leicht die Strümpfe fleischfarbig?" — Käufer: „Um Gotter, willen! Ich bin Vegetarianer!" * ♦ * Empfehlender Vergleich. Herr: „Frau, ist die Kost bei Ihnen gut?" — Bauernwirthin: „Schau'n S' i meine fetten Säu' an! In vierzehn Tagen seh'n S' grad ° so aus, wenn S' bet mir essen!" — — l ♦ * » Ausdauernd. A.: „Du bekommst fortwährend Körbe und machst doch immer wieder Hetrathsanträge?" — B.: „Nu', einmal muß ich doch an die Rechte kommen!"-- Forfch. Student: „Mein Herr, Ihr Hund fixirte de« meinen soeben? War das Absicht?" Bestimmte Zustimmung. Onkel (geizig): „Nicht wahr, die Cigarre, die ich Dir geschenkt, ist schwer?" — Neffe: „Ja, schwer ... zu rauchen!" ♦ Touristenfreuden. Tourist: „Aber, Herr Wirth, das ist ja entsetzlich! Zuerst schlafe ich in dem blauen Zimmer, da lassen mir die Wanzen keine Ruhe. Dann quartieren Sie mich in das rothe Zimmer ein, und da wimmelt es von Flöhen!" — Wirth: „Ja, das ist so 'ne eigene Sache, in ein Zimmer kann man die Beester nämlich nicht zusammenbringen — da vertragen sie sich nicht!" * * 4 Verschiedene Bestien. Ein Schusterjunge stand im Zoologischen Garten vor dem Ttgerkäfige, in welchem so. eben der Thierbändiger zu der wilden Bestie trat. Kühl sah er die Sache an und meinte dann: „Det ir noch jarnischt, bei meine Meestern sollte er's schon bleiben lassen!" 4 * Guter Rath. Lehrer (in einer Vorbereitungsrnstalt für das Einjährigen-Examen): „Nennen Ste mir, bitte, Gründe für die Kugelgestalt der Erde!" — Schüler: „Am Aequator ist alles leichter." — Lehrer: „Dann könnte ich Ihnen nur rathen, Ihr Einjähriges auch dort zu machen!" ♦ 4 ♦ Nach der Abreise. A-: „Also die schöne Tänzerin Ludmilla hat uns wirklich verlassen?"— B.: „Ja, ich war zum Abschied auf dem Bahnhof- Denken Sie sich nur: Sie hatte für dreizehn Center Ueberfcacht zu bezahlen." — C.: „Ganz erklärlich; sie mußte ja sämmtliche Verhältnisse aufgeben." 4 4 Klassiker-Illustration. Das Alte stürzt — es ändert sich die Zeit; — Und ein neues Leben blüht aus den Ruinen: — Aus dem vergilbten Gaze-Sommerkleid — Macht Tante Klärchen — neue Tüllgardinen. Redaktion; A. Sch eh da- — Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Lhr. Pietsch) in Gießen.