Anterchaltringsblatt 311m Gietzenev Anzeigep (Genepal-Anzergev) M. 99. PI MßN tzWMM WWW ;;i Samstag, den 25. August. Geläuterte Herzen. Novelle von Johanna Berger. (Fortsetzung.) Annie wollte zur Kirche gehen, obgleich sie sonst keine eifrige Kirchgängerin war. Aber heute unter dem Einfluß ihres gesteigerten Gemüthslebens konnte sie dem hoheitsvollen Zauber der Glockentöne nicht widerstehen, es zog sie mit Gewalt in'S Gotteshaus. Die Mutter, welche sich immer noch unwohl fühlte, hatte ihren Brunnen im Bette getrunken und legte sich eben wieder zum Schlafen zurecht, als Annie zu ihr in's Zimmer trat. Diese mußte heute ihren Kaffee allein trinken und dann eilte sie hinaus in den herrlichen FrühlingÄnorgen. Ein Trunk frischer Morgenluft war für das junge Mädchen dasselbe, wie für andere Sterbliche ein Trunk sprudelnden Champagners. Er belebte ihre Nerven und regte Geist und Körper an. Als sie in die Nähe der Stadtkirche kam, wo an Sonn- und Festtagen Meffe und Hochamt war, strömte schon eine Menge Leute im Sonntagsstaat aus den Häusern. Sie hielten die großen Gesangbücher vor der Brust und in den Händen den Rosenkranz. Auch viele Kurgäste eilten zum Gottesdienst und Landleute von Fern und Nah in heimischer Landestracht. Vor dem Kirchenportal entstand ein großes Gedränge und Annie wurde vom Menschenstrom vorwärts geschoben und hinein in's Gotteshaus. Eine schwüle, weihrauchgetränkte Luft schlug ihr entgegen, blendender Kerzenglanz umfluthete sie. Vor dem reichgeschmückten Hauptaltar standen der Dechant und zwei Capläne aus dem ritterlichen Orden der Kceuzherren mit dem rothen Stern. Sie murmelten lateinische Gebete, die sie nicht verstand. Dann erscholl Orgelton und der fromme Gesang der Gemeinde mischte sich mit den feierlichen Klängen. Fast auf allen Gesichtern war gläubige Andacht und Befriedigung zu lesen. Zuweilen hörte man leises Seufzen und Weinen. Die ergreifende Gewalt der religiösen Uebung schwebte überwältigend durch das Gotteshaus. Annie, obwohl Protestantin, wurde von dieser Feier in der katholischen Kirche doch auch mächtig ergriffen und sie betete andächtig für ihr Glück und ihren Seelenfrieden. Sie würde auch noch länger in der Kirche geblieben sein, doch es kam ihr vor, als hätte sie in der nahezu überfüllten Kirche eine Ohnmacht zu befürchten und sie trat deshalb wieder hinaus in's Freie. Sie sah nach der Uhr, es war noch früh. Da Maina jedenfalls noch schlief und sie nicht vermiffen würde, wollte sie noch ein wenig Herumstreifen. Unterhalb der Kirche, am rechten Ufer der Tepl, befand sich die Sprudel-Colonade, ein Prachtbau mit imposanten Dimensionen. Sie war bis dahin noch nicht hier gewesen und nun freute sie sich, daß sich ihr jetzt Gelegenheit bot, die merkwürdige Heilquelle kennen zu lernen. Ohne langes Säumen trat sie in die weite Trinkhalle ein, in deren Mitte sich das große Reservoir befand, aus dem das heiße Thermalwaffer in kurzen brausenden Stößen schäumend und dampfend hoch in die Lust steigt- Sie blieb staunend vor diesem großartigen Naturwunder stehen, das seines Gleichen nicht viel auf Erden hat. Um sie herum wandelten Hunderte von Kurgästen, welche alle von dem heilkräftigen Born Linderung ihrer Leiden erhoffen. Die Brunnenmädchen hatten alle Hände voll zu thun, um die Becher mit dem perlenden Sprudel zu füllen und die andrängende Menge zu befriedigen. Annie beobachtete mit immer mehr steigendem Interesse das malerische Wandelbild umher. Es war ihr Aller neu und von fesselndem Reiz. Dann mischte sie sich unter die fremden Leute, welche in der prachtvollen Sprudel-Colonade im langsamen Kurschritt auf und nieder promenhten. Viele Kurgäste schritten an ihr vorüber und schauten sie mit unverhohlener , Bewunderung an. Die thaufrische Anmuth und die Lieblichkeit von Annies Erscheinung blieb nicht unbemerkt. Sie dachte. sich wenig dabei, denn gefallsüchtige, berechnende Gedanken beherrschten sie nicht. In der Nähe des Musikpavillons hatte sich um eins kleine Ruhebank eine Gruppe von Herren in Civil und Uniform versammelt. Dort saß auch die schöne Mexikanerin, der Stern der Badegesellschaft. Strahlend und siegesgewiß wie eine Königin ließ' sie sich den Hof machen und schlürfte langsam den heißen Sprudel aus ihrem goldenen Becher. Man konnte sich für das Auge gewiß nichts Reizenderes denken, als dieses schöne Weib mit dem rothblonden üppigen Haar und den schwarzen Gluthaugen, die nach allen Richtungen zündende Funken sprühten. Sie war heute ganz weiß gekleidet mit Marschall-Niel-Rosen auf der Brust. Sie plauderte lebhaft und erregt in ihrem fremdländisch klingenden Deutsch und lachte so, daß ihre weißen Perlenzähne sichtbar wurden. Dabei flogen ihre Blicke ruhelos durch den weiten Raum und jeden Augenblick wandte sie den Kopf. Annie hatte eben ihren Rundgang beendet und wollte die Colonade verlassen, da fiel ihr Blick auf die Mexikanerin. Sie stutzte und starrte so lange zu ihr hinüber, dir heiße Thränen ihr in die Augen traten. Ihr Herz krampfte sich — 394 — etbittSn eilte sie schnell aus der Halle und auf die Straße. Draußen athmete sie auf, ihr Herz wurde wieder leicht- Sie überlegte, ob sie weitergehen oder heimkehren sollte. Die Lust I war lind und balsamisch, die Sonne Mn köstlich und die Vögel sangen lauter Lust und Freude. So entschloß sie sich kurz, noch einen Spaziergang in den Wald zu machen. Sie ging über die Sprudelbrücke zum Marktplatz, von dem sich ein I schattiger Schlangenweg zu den Bergen emporwand. Diesen | Wxa schlug sie ein und gelangte bald in herrlichen Buchen» I wald. Eine ganz neue Landschaft rollte sich hier vor ihren Blicken auf, rechts und links die waldreichen Höhenzüge der Karlsbader Berge, nördlich davon die schroffen Kuppen der Erzgebirges und dazwischen das wunderbar schone Egerthal- I Den sonnenbeglänzten Fluß belebten zahllose Kähne und Sege.» I boote. Noch weiter hin ragte die im blauen Dunst verschwim- mende Bergkette des Fichtelgebirges in die Luft und gegenüber in greifbarer Deutlichkeit der Kreuzberg, das Wahrzeichen ver Gegend, mit seinen hohen, aus starkem Tannenholz gesengten I drei Kreuzen. Es war ein Bild von malerischer Schönheit. I Annie schritt rüstig vorwärts. Es war so schön hier im Frühlingsprangen. Da tönte ihr aus der Tiefe ein Glöckchen entgegen, sanft und melodisch wie Sphärenmusik und magnetisch zogen die zarten Klänge sie an. Ein schmaler Psad lies von der Höhe in's Thal. Dort, wo er eine Biegung machte, stand einsam und weltverlaflen ein steinernes Kapellchen- Allerlei Schlingkraut hatte sich in die grauen Mauern eingenistet und eine riesige Buche breitete wie schützend ihr grünes Gezwecge über das kleine Gotteshaus. Es war die Marienkapelle und heute am Sonntag hatte man die Madonna mit dem Jesusknaben im Arm reich mit Blumen und Kränzen geschmückt. Blumen bedeckten auch den Altar, auf dem eine Menge von Wachskerzen brannten. Eine kleine Schaar Andächtiger lag davor auf den Knieen tm brun» 9 Annie verweilte eins kurze Zeit vor der Kapelle und schritt dann langsam weiter, um in's Thal zu gelangen. Ais sie aus dem Waldschatten trat, erblickte sie Bernthal. Er war in Gesellschaft mehrerer Offiziere und kam ihr gerade entgegen. Kaum daß er sie bemerkt hatte, so trennte er sich auch schon von seinen Begleitern, ging auf sie zu und grüßte Ire nut großer Freude. Dann zog er hastig rhre Hand an seine Sie nicht Lust, noch ein wenig durch den Wald zu gehen, das Wetter ist köstlich?" fragte er mit zärtlichem Blick in Annies Augen. Sie senkte ganz verwirrt ihre Wimpern und antwortete nicht gleich. Plötzlich aber zog es wie Sonnenschein über ihr Gesicht und sie willigte ein. Der innige, säst leidenschaftliche Ton, in dem er mit ihr gesprochen, machte Eindruck auf sie. ^"^„Annie!" stammelte er. »Du bestürmst mein Herz mit Deinem Zauber, bis es schwach und gefesselt wurde. Aber großer und barmherziger Gott, werden wir ie uns auch an 9 h Annie war völlig verwirrt, sie konnte sich seine Worte nicht deuten, denn sie hatte ja kein Verständniß für die Lage seiner Verhältniffe, und daß dieselben sie trennen sollten. „Ich habe Dir viel Bitteres von mir zu berichten, agte er nach kurzem Nachdenken mit klangloser, halb erstickter Stimme. „Höre mich ruhig an und dann verzeihe mir! Ich bin ein armer Teufel, den mancherlei Ungemach, vor Allem aber ein leichtsinniges Leben in Sorgen und Schulden hinein» getrieben hat- Ich habe sogar Ehrenschulden, welche in nächster Zeit bezahlt werden müflen. Trotzdem bin ich nie ein Glücks jäger gewesen und habe früher nie daran gedacht, eine Heirath nur des Geldes willen zu machen, aber von der Roth ge zwungen, plante ich vor wenigen Tagen eine reiche He r y, die mich von quälenden Sorgen erlösen sollte. Ich h>^t es all erd egoisti schlimm Ich n und d Weibe gefalle ( S Sie di trenne Inner dessen n rief ft liebste" ernster sein n S Zukun ich au ich mc als B stolze, wir A nicht uns - sein - meine eine £ G küßte Gehen sprang und E ihn m Stimr und I( ist nid kannst nicht s wie vi Geld ist ßul glückst möchte willst! mußt und il helfen, auch S soll ui wir h Oder G fast se schwer Mädck des E Annie! zu bez war c daran, Seele, er ihr volle, und o S vor di ein vo chen an der Hand wie ein Kind und sein Blick hing träume» risch an ihren holden Zügen mit zärtlichster Empfindung. In diesem Moment wurde er sich erst recht bewußt, wie sehr er liebte« Sie waren ganz allein, denn kein Mensch ging jetzt noch auf dem Wege und er war todtenstill rings umher- I Sie kamen zu einer kleinen Lichtung- Hier war der Waldboden ganz und gar mit Erdbeerkraut und weißen und rothen Blumen bedeckt. Inmitten dieser blühenden und ^duftenden kleinen Welt stand eine Bank- Er zeigte mit der Hand darauf. In größter Befangenheit, doch wie gebannt unter Bernthals Blick, ließ Annie sich nieder. Aber er blieb auf« recht vor ihr stehen, die Allgewalt der Liebe durchbebte ihn und drängte ihn ungestüm dazu, ihr ein Geständniß zuf machen. „Annie, Du bist mir das Höchsts auf Erden, tch liebe . Dich'. Schon beim ersten Sehen hattest Du es mir angethan | und nun kann ich nicht mehr leben ohne Dich! sagte er ttef | bewegt. Dann kniete er vor ihr nieder, schlang seine Arme um ihren Leib und küßte ihren süßen Mund. Sie erröthete heiß und zitterte- Aber freudetrunken leuch» tete es aus ihren blauen Augen. Es war Alles so plötzlich gekommen, es kam ihr noch ganz wie im Traum vor und doch war sie unbeschreiblich glücklich. In ihrem langen Herzen glühte, noch halb unbewußt, die erste Liebe und Bsrnthals Worte, seine Zärtlichkeiten hatten sie zu vollem Verständniß er» weckt- Aber sprechen konnte sie nicht, nur leise weinen. Ec küßte ihr die Thränen von den blauen Augen. „Weine nicht, mein liebes Kind," sagte er. „Aber wenn Du durchaus weinen willst, dann weine über einen Mann, der, hingerissen von einer starken Leidenschaft, sich nicht zu beherrschen wußte. Noch gestern rang ich redlich mit mir — ich wolltedenFrie» den Deiner Seele nicht stören und unnahbar solltest Du mir sein und bleiben sür jetzt und später. Aber ch g ng wie em Schlafwandler umher, der jeben Augenblick in den Abgrund stürzen kann. Als ich Dich heute wiedersah, so hold, so unbeschreiblich lieblich, so voller Anmuth, da schloß ich vor der Zukunft die Augen und that das, was ich nicht thun sollte, was vielleicht sehr unrecht ist vor Gott, vor Dir, vor mir was ich aber nicht lassen konnte, denn eine echte, gewaltige Liebe reißt selbst den Stärksten hin!" Sein Athem ging schwer, er erschauerte in grenzenloser Ergriffenheit und bedeckte mit beiden Händen seine Augen. Aber Annie schlang schüchtern ihren Arm um seinen. Hals und lehnte ihr Köpfchen an seine Schulter. „ „Warum soll unsere Liebe ein Unrecht sein? flüsterte sie mit lieblichem Erröthen- „Warum? Ich liebe Dich ia auch- Sie faßte seine Hände, zog sie ihm sanft von den Augen fort und blickte ihn an mit dem unsäglich holden Reiz, der I ihrem Wesen eigen war- t. I Und überwältigt davon, schloß er sie von Neuem an seine K 6& S ®ie *n fo t* Wch» » i,r «d kannte daß sie deshalb geseiert und angebetet wurde und des» halb sich eine Schaar von Verehrern an ihre Fersen heftete- Was wußte Annie auch mit ihren siebzehn Jahren von dem Werth und der Macht des Reichthums. Nie hatte sie getestet oder gespart, weil die Mutter ihr so viel gab, wie sie brauchte, und ausgewachsen in guten, geregelten Verhältnissen, hatte weder Mangel noch Noth, weder unbesnedigte Eitelke t noch Ehrgeiz kennen gelernt. Und »Geld macht nicht glück ich, Armuth »schändet nicht!" das war der Mama Lieblingsspruch. — So in ihrer kindischen Nichtachtung des Geldes hattt Armie auch kein Verständniß sür dar Hasten und Jagen der Menschen nach dem trügerischen Dämon Goft>. , ’ Sie konnte den Anblick nicht mehr ertragen, er berühr e sie zu peinlich. Sie war entrüstet über diese Frau, diese Kokette, und empört über diese erbärmlichen Geldiäger, welche ihr nachliefen. Aber dann begriff sie ihre Aufregung selbst nicht- Was gingen die fremden Leute sie an? Was hatte sie mit ihnen zu schaffen? Wie thöricht war es, sich über sie zu - 395 - allerdings für Selbstentwürdigung, ohne Lieke und nur aus egoistischen Beweggründen zu einer Ehe zu schreiten, aber meine schlimme materielle Lage machte mich unfrei, unselbständig. Ich wollte vor meinen drängenden Gläubigern Ruhe haben und da trieb mich die Verzweiflung zu den Füßen jenes schönen Weibes, das schon lange an meiner bescheidenen Person Wohlgefallen fand!" Er schwieg und senkte finster den Blick zu Boden. Annie saß starr wie von einem schweren Schlage betroffen. Sie dachte, fühlte und fürchtete nur eines, daß er sich von ihr trennen und vie fremde Frau heirathen würde. Ihr ganzes Innere empörte fich dagegen, sie gönnte Jener den Mann nicht, deffen Liebe ihr gehörte. „Und Sie wollen Lady Campello zur Frau nehmen?" rief sie im tiefsten Schmerz. „Ich würde sie geheirathet haben, wenn nicht Du, meine liebste Annie, mein Herz gewonnen hättest," versetzte er im ernsten Ton. „Aber ein Mann, der Dich liebt, kann sein Da« sein nicht mehr an eine Andere ketten." Dann fügte er leidenschaftlicher hinzu: „Was aber in Zukunft aus mir und aus unserer Liebe werden wird, weiß ich augenblicklich noch nicht, aber ich schwöre Dir, lieber will ich meine Stellung als Osfizier aufgeben und mir eine Existenz als Beamter oder Landwirth suchen, ehe ich mich an diese stolze, herrschsüchtige Mexikanerin binde. — Und nun wollen wir Abschied von einander nehmen, denn auch Dir kann ich nicht angehören, mein herziges Lieb. Das Schicksal trennt uns — es ist hart! — Aber es muß, es muß ja geschieden sein — denn es ist nicht zu hoffen, daß Deine gute Mutter meine vielen Schulden bezahlen und Dir dann noch die für eine Osfiziersfrau nöthige Mitgift geben kann." Er beugte sich seufzend über sie, faßte ihre Hand und küßte sie mit frommer Inbrunst. Dann wandte er sich zum Gehen. Was sollte er die Qual noch verlängern? Aber Annie sprang empor und warf beide Arme um seinen Hals- Schmerz und Verzweiflung machten sie plötzlich tollkühn. Sie schaute ihn an mit einem langen Blick, in dem ihre ganze Seele lag. „Nein, Geliebter, geh' nicht fort!" rief sie mit zitternder Stimme. „Verlaß mich nicht! Noch eine Minute bleibe hier und laß mich auch ein Wort ganz offen mit Dir reden. Noch ist nicht Alles aus, noch nicht Alles entschieden I Ich weiß, Du kannst nur um ein reiches Mädchen werben. — Aber ich bin nicht so arm, wie Du vielleicht glaubst. Mama hat Vermögen, wie viel weiß ich allerdings nicht. Ich habe mich niemals um Geld bekümmert, so viel ich wollte, bekam ich auch. Mama ist gut, herzensgut, sie wird jedes Opfer bringen, um mich glücklich zu machen. — Und ich bin sehr unglücklich. Ich möchte aufschreien vor Leid, daß Du Dich von mir trennen willst! Ich habe Dich doch so lieb, so unendlich lieb. Und Du mußt nun mit meiner Mama reden, ihr nichts verschweigen und ihr die ganze Wahrheit sagen. Mama wird Dir bestimmt helfen, zweifle nicht daran. Sie thut Alles für mich und wird auch Alles für Dich thun, weil ich Dich lieb habe. Das Geld soll uns nicht scheiden. Nein, nein, mein armer Lieutenant, wir haben uns heute noch nicht zum letzten Male gesehen! Oder willst Du mich dennoch nicht zur Frau?" So plauderte sie in kindlicher Unschuld fort und zerstreute fast seine Sorgen. Alles, was sein Herz bisher qualvoll beschwert hatte, wich beinahe ganz vor der Eröffnung des lieben Mädchen«. Dem ungeachtet gab er sich nicht sofort dem Rausche des Glückes hin, er zauderte noch, denn er wußte nicht, ob Annies Mutter in der Lage und willens war, seine Schulden zu bezahlen. Auch daß er von ihr das Geld nehmen sollte, war er brauchte, verletzte seinen Stolz. Aber er dachte auch daran, daß Annie ihn liebte, ihm angehörte mit Herz und Seele, und ihr Geld dann kein fremdes Geld war- Er konnte es ihr reich verzinsen durch seine Stellung und durch seine volle Liebe. Bei echter Liebe gab es ja kein Mein und Dein und ob reich oder arm, das machte nicht das Mindeste aus. Allmählig schwanden seine Bedenken dahin wie der Thau vor der Sonne und wieder sank er vor Annie aus die Kniee, ein von Hoffnung, Glück und Freude überwältigter Mann. „Annie," jubelte er, „Annie! Mir war mein Herz so schwer, so schwer, aber jetzt ist es ganz erfüllt vom Sonnen« glanz der Liebe, und Hoffnung. Es muß ein Glück für uns geben und sollte es erst schwer erkämpft werden müffen." Und nun küßte er wieder ihre Hände und den rothen Mund. „Du führst mich jetzt nach Hause und stellst Dich Mama als meinen Verlobten vor, nicht wahr?" sagte sie eifrig. — „Mama wird sehr überrascht sein, und Fräulein Sanny Brunner erst recht, aber wir können jetzt offenbar nichts Besseres thun." „Das versteht sich von selbst! Wir gehen sofort zu Deiner Mutter und ich halte in aller Form bei ihr um Dich an. Hoffentlich bekomme ich keinen Korb!" Nun hob er Annie übermüthig auf seinen Arm und trug sie über die kleine Lichtung und noch eine Strecke weiter- Als er sie wieder auf den Boden gleiten ließ, sagte er in tiefer Bewegung: „So will ich Dich durch'-Leben tragen, Du einzig Geliebte mein!" Arm in Arm legten sie ihren Weg zurück und Arm in Arm gingen sie durch die Stadt, unbekümmert um andere Leute, um neugierige Blicke und heimliches Tuscheln. Sie hatte nur Augen und Ohren für sich, und nur heitere, hoffnungsreiche Zukunftsbilder stiegen vor ihnen auf. Frau Rath Göhren hatte inzwischen tüchtig ausgeschlafen, war wieder wohlauf und saß in der an der Vorderseite der Villa gelegenen Veranda auf einem weichen Lehnsessel. Sie ließ sich von der warmen Sonne bescheinen und blickte öfters die Straße entlang, um Annies Rückkehr zu erspähen. Da sah die Frau Rath plötzlich das junge Paar die Straße herabkommen. Sie öffnete ihre Augen weiter und weiter vor Erstaunen. So groß hatte sie dieselben noch niemals auf- gerissen. Sie wurde ganz nervös und ließ die Zeitung, welche sie in der Hand hielt, aus den Fingern auf den Tisch fallen- Aber ehe sie sich noch von ihrem Staunen erholen und ein Wort über ihre Lippen bringen konnte, war ihr Annie an den Hals geflogen und hatte sie stürmisch geküßt. „Herr Oberlieutenant Bernthal will mich zur Frau, liebstes Mamachen," sprudelte sie hervor, „und wir haben uns vorhin verlobt! Er ist der edelste, liebenswürdigste Mann für mich, und der rechte Schwiegersohn für Dich, ich bin überglücklich! Wir sind nun ein paar Brautleute, nichts kann mehr daran geändert werden, nun fehlt uns noch Dein Glückwunsch und Dein Segen, liebste Mama! Wir bitten inständigst darum!" Der alten Dame wirbelte der Kopf vor Ueberraschung, sie war völlig fassungslos und rang mühsam nach Worten. Der Oberlieutenant war unterdessen näher gekommen, aber taktvoll auf der Schwelle der Veranda stehen geblieben, doch mit ehrerbietigem Gruß. Die alte Dame forderte ihn nicht zum Eintreten auf, sie war ganz verwirrt und mit unruhiger Frage flog ihr Blick bald zu ihm, bald zu Annie hinüber. „Willst Du meinem Bräutigam denn gar nicht „Guten Tag" sagen und als Sohn willkommen heißen, Mamachen? Sieh' nur, er macht schon ein ganz trauriges Gesicht!" flüsterte ungeduldig das Mädchen in ihr Ohr. Die Räthin ernannte sich und sprach ein paar herzliche Worte zu Bernthal, der stumm an seiner Stelle weilte. Dann wies sie mit der Hand auf einen Sessel, der jenseits des Tisches stand. Er folgte der Aufforderung und nahm Platz. Annie stellte sich sofort an seine Seite und legte ihre Hand auf seine Schulter. Bernthal fühlte, daß jetzt der Augenblick zur endgiltigen Erklärung für ihn gekommen war und daß er auch die Ver« urtheilung hinnehmen mußte, wenn er unrecht gehandelt hatte. Er bat die Räthin ernst und bewegt um eine Unterredung unter vier Augen. (Fortsetzung folgt.) — 396 — Gemeinnütziges. Der» Gurkenbeeten wende man in diesem Monat > besondere Aufmerksamkeit zu. Man lege die Ranken in gerader Richtung über das Beet, so daß sie nicht durcheinaader wachsen. Auch suche man dieselben durch Reiser zu heben, oder lege sie über kleine Reisigbündel, welche man zu beiden Seiten der Gurkenreihe mit kleinen Pfählen auf der Erde be- festigt hat. Eine sehr praktische Vorrichtung ist mit Weiden und Haselruthen zu treffen. Man steckt die Ruthen an beiden Seiten des Beetes so in die Erde, daß sich Bogen von 1,22 cm. bilden, die einige Male mit Querruthen durchbunden werden; über diese Bogen leitet man die Ranken. Das Abschneiden der Rosen. Es herrscht viel- fach die Ansicht, man schone seine Rosenstöcke, wenn man die Blumen verblühen laffe. Das ist jedoch irrig, denn gerade in der Zeit des Blühens entzieht die Blume ihrem Stocke die meiste Nahrung. Es ist daher zu rathen, die Rose zu schneiden, sobald sie ihre schönste Form zeigt. Eine abgeschnittene Rosen- blume hält sich, wenn sie ordentlich gepflegt wird, stets länger, als wenn sie am Stocke belassen wäre; letzterer aber entwickelt, wenn die Blumen abgeschnitten werden, wieder neue Knospen. Um die Fliegen, Mücken re. von den Ohren der Pferde abzuhalten, bestreicht man die Spitzen mit etwas Leber- thran. Das Ungeziefer kehrt sofort um. Schöner stahlgrauer Anstrich auf Metall. Einen solchen erzielt man, durch Anwendung einer Mischung, die man folgendermaßen bereitet. Man verreibt 25 Centi- gramm Lampenschwarz mit 3 bis 4 Tropfen Goldgrundöl in einer flachen Schale zu einer gleichartigen zusammenhängenden Masse und verdünnt diese wiederum recht sorgfältig mit 24 Tropfen Terpentinöl Diese Mischung, welche besonders für optische Instrumente vorzüglich sein soll, trägt man mit einem feinen Pinsel recht gleichmäßig und dünn auf die betreffenden Gegenstände auf und läßt dieselben ordentlich trocknen. Mattfirnitz für unechte Goldleisten. Vi kg blonder Schellack wird in 2V< 1 absolutem Alkohol aufgelöst und */< kg Kreide zugesetzt, was durch sorgfältiges Abretben in einer Reibeschale geschehen muß. Die zu mattierende Leiste muß zuvor zwei- bis dreimal mit Goldfirniß überzogen sein. Vermischtes. Ein Kompliment. „Fräulein, Sie scheinen mich für einen Dummkopf zu halten?" — „Ach nein, ich beurtheile Niemand nach seinem Aeußern!"-- * • * Sehr richtig. Lehrer: „Die Schlacht bei Sedan war also am 2. September. Kannst Du mir noch sagen, was unmittelbar voranging?" — Schüler: „Der 1. September!" * ♦ Treffend. A.: „Da drüben bei Kommercienraths wird fortwährend gesungen." — B.: „Ja, die reine Privatheulanstalt!" -- ♦ ♦ • Die Flotten. Sohn (Gigerl): „Trotz deiner Vorwürfe setze ich eine Ehre darein, von der Welt zu den Flotten gezählt zu werden." — Vater: „Du meinst wohl, das Schiff der Wüste." ♦ » * Im Aerger. Gast (zum Kellner): „Einen Schweinskopf hab' ich verlangt und jetzt bringt mir der Schafskopf einen Kalbskopf!" Cahnthalfagen. Von Ludwig Eichler. Der Untergang von Niederftaffel. Dort, wo der Elb-Bach aus des Berges Enge Behaglich seine Wellen treibt ins Blachgefild Und reichen Segen spendend grüne Fluren tränkt; Wo er uns lispelt von des Winters Strenge Des Westerwaldes und von seinen Triften mild Und sanft gemächlich feinen Weg zur Lahn hinlenkt: Dem Wandrer westwärts nah' die bunten Dächer Von Staffel hell entgegenblinken voll Anmuth, Und in den Straßen ihn manch gastlich Haus einläd; Freundlich kredenzet des Gambrinus Becher Der Wirth nach kurzem Willkommgruß, und wohlgemuth Erzählt er dann von Lust und Leid aus Früh und Spät. Vor jenem dreißigjähr'gen, blut'gen Kriege, Der tiefe Wunden schlug dem thenren Vaterland Und über Schutt und Leichen durch die Gaue drang, Dorf Staffel schwesterlich dieselbe Wiege Mit einem Orte (Niederstaffel) eng verband In holder Eintracht nachbarlich viel' Jahre lang. Als so der Feind einst dieses Thal durchtobte, Kam aus dem Kampfgewühl in heißer Mittagsgluth Zum nahen Dorfe Elz ein feindlicher Soldat; Sein Rößlein an der Hand, das hungrig schnobte, Hinkte ermattet er, ganz überströmt vom Blut, Sich fieberdurstig einen kühlen Trunk ausbat. Doch kalten Herzens, ohn' jeglich Erbarmen, Man rauh und hart dem Lechzenden die Thüre wies Und spottete noch seiner, der im Schmerz sich wandt; Bis vor das Dorf verfolgte man den Armen, Wo fast erschöpft am Pfade er sich niederließ Und zitternd Wegebreit um seine Wunde band. Sein treues Rößlein leckt' ihm Hand und Wange, Als es ein wenig sich am saft'gen Grün gelabt, Das ihm der harte Rain des Weges freundlich bot; Ermunternd nun es wieherte zum Weitergange, Zu suchen frischen Quell, der Roß und Reiter labt, Denn beiden sonst ein nahes Ende droht. Bevor sie aber diesen Ort verließen, Der einem Schmachtenden den Labetrunk versagt,' Ein Schwur sich eisigkalt des Kriegers Brust entrang: „Dein hMlos Thun sollst du mir schrecklich büßen; Wenn diese Wunde hier nicht mehr am Leben nagt Und ich dann wiederkehre, ist's dein Untergang!" — Zehn rauhe Kriegesjahre seitdem lagen In trauriger Vergangenheiten dunklem Schoß. Den heiß ersehnten Frieden kündete kein Stern; Da gab es eines Tags ein wildes Jagen, Dorf Niederstaffel drohete ein hartes Loos, Ein Haufe wüth'ger Feinde nahete von fern. „Jetzt keine Schonung! — Kein Pardon mehr geben Dem Ort, wo Mitleid und Erbarmen man nicht kennt!" — So ruft vorauf der Kommandeur in grimmem Ton; Im Sturme nun die Krieger vorwärts streben, Wo fast verzweifelnd, händeringend alles rennt Mit Weib und Kindern, aller Habe bar, davon. Nach allen Seiten Feuergarben schlugen, Die zündeten im Nu bald hier und dort, Und tückisch durch die Gassen wälzte sich der Brand; Ein Wehgeschrei die Lüfte thalwärts trugen Ob der Verwüstung, ob des Mordes an dem Ort, Wo sich zuletzt kein Stein mehr auf dem andern fand. So dacht' der Kommandeur sein Rachgelüsten Befriedigt nun, das viele Jahre seine Brust erfüllt Und seinen Thatendurst gehoben und genährt; Doch als er eben will zum Abzug rüsten Und seinem Blicke sich die Gegend klar enthüllt, Da bricht der trotz'ge Muth, er steht in sich gekehrt. Denn Elz, das einst im Schmerze er verfluchte, Es stand noch unversehrt im Thale, so wie heut, Und schimmernd drüber hing der Abendsonne Gluth: Dorf Niederstaffel, das so heimgesuchte, Nie wieder ist's erstanden aus dem Staub erneut, Am Orte, der getränket mit unschuld'gem Blut. Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Lhr. Pietsch) in Gießen.