Donnerstag, den 25. Januar. |Wifi 1894. -----'H—< g'-E.j -Sz3— * *•&—*>" NtttevhaltttngsbLatt $um Gietzenev Anzeigen (GenKval-Anzerger) Ws^Ws^W MWj^^DUW sM^^AL^MMe Das Glück des Lebens. Novelle von U. Deis. (Fortsetzung.) Unterwegs fiel dem Heimkehrenden erst ein, daß er stch ja eben eigentlich zu einem neuen Besuche verpflichtet habe. Nun, man konnte das ja lange hinausschteben Als aber am nächsten Morgen ein Brief des Freundes auf feinem Tifche lag, in welchem der ihn bat, auf den Abend zu kommen, da« mit sie stch nicht wieder verfehlten, fühlte er fast wider Willen eine gewiffe Befriedigung und versuchte umsonst, sich zu verhehlen, daß er den ganzen Tag in Vorfreude und Erwartung auf den Abend verlebte. Derselbe verlief dem ersten sehr ähnlich, nur daß die Unterhaltung nicht auf so ernste Bahnen wieder gerieth wie damals. Ja, als er mit seiner damaligen Gegnerin zusammen die Treppe hinabstieg und sich vor der Flurthür von ihr ver- abschiedete, begann dieselbe zögernd: „Ich glaube, ich habe Ihnen neulich wehe gethan mit meinen etwas schnellen Worten; es war das aber nicht meine Absicht. In der Sache vermag ich freilich heute noch nicht anders zu urtheilen." „Es ist sehr freundlich von Ihnen, auf die Sache zurück- zukommen, aber Sie haben ja weiter nichts gethan, als daß Sie Ihre Ansicht aussprachen Ueberzeugt bin ich auch freilich heute noch nicht. Aber ich meine, wir können trotzdem als gute Freunde scheiden." Mit kräftigem Händedruck trennten sie sich. Wieder hatte jener Blick auf ihm geruht, der ihn zugleich anzog und abstieß, jener — wie er meinte — mitleidige Blick, den er nicht wieder vergeffen konnte, der ihm das Gesicht des Mädchens doppelt schön erscheinen ließ. Aber was hatte sie ihn zu bemitleiden? Das empörte sein Selbstgefühl. — An einem schönen Frühlingstage hielt er wieder vor dem Hause. Er hatte versprochen, den weiblichen Theil der Familie und die Kinder spazieren zu fahren und kam nun, sein Wort einzulösen. Der Thiergarten stand im ersten Grün und jubelnd begrüßten das die Kinder, welche bis dahin aus den Straßen nicht hinausgekommen waren. Dem Besitzer der Equipage, welcher selbst den Wagen lenkte, war es anfangs etwas peinlich gewesen, seinen Bekannten zu begegnen. Aber als er in die leuchtenden Augen der Kinder sah und dann bemerkte, daß auch der mitleidige Blick in den Augen der Tante heute einem bewundernden und fröhlichen gewichen war, ja, daß ihn sogar ein wärmerer Glanz aus demselben traf, als er sich einmal nach hinten beugte, da fühlte er weiter nichts, als herzliche Zufriedenheit und stolze Freude, daß es ihm ein so Leichtes war, Glück um sich zu verbreiten. „Nun, mein gnädiges Fräulein," sagte er leise, als man wieder vor dem Hause anhielt, „ist er nicht etwas Schönes, wenn man die Mittel besitzt, das. Schöne zu genießen?" „Gewiß!" war die Antwort. „Habe ich das je bestritten?" Eine weitere Unterredung wurde durch die Dankesworte der Anderen abgeschnitten. Dieser ersten Ausfahrt folgten weitere und es bürgerte sich von selber ein, daß Scheffler dann den Abend bei Hartmann zubrachte. Einmal gelang es ihm sogar, die ganze Familie bei sich einzusangen, wie er scherzend sagte. Nach einer Fahrt durch den Thiergarten bog er in seine Straße ein und hielt vor seinem Hause an. Hartmann, welcher vorher von ihm mit in's Complot gezogen war, wartete schon an der Pforte des Vorgartens und die überrumpelten Damen folgten der Einladung, die Räume des Junggesellen in Augenschein zu nehmen. Scheffler machte den liebenswürdigen Wirth, wenn auch seine Versicherung, daß die Damen für Vieles, was etwa mangelte, ein Auge zudrücken müßten, vielleicht nicht ganz ernst gemeint sein konnte, sondern eigentlich seine Gäste in Verlegenheit setzen mußte. War doch der Imbiß, den er ihnen anbot, ein so üppiger, wie ihn jenes einfache Haus ihm nie vorgesetzt hatte, noch vorsetzen konnte. „Lieber Ernst, was sollen wir denn nach diesem zu Dir sagen, wenn Du an unfern armseligen Tisch kommst?" rief ihm Hartmann lachend zu. „Bei Dir ist's doch anders," war die Entgegnung, „mir fehlt die Hausfrau, die hier genug Fehler und Fehlendes entdecken wird." „Nun, heute hast Du gleich Dreie hier, die das verbeffern können." Die Damen traten nach beendeter Mahlzeit den Heimweg in der Equipage des Wirths an, die beiden Männer blieben zurück. „Das Haus scheint mir auf einmal sehr groß geworden zu sein," bemerkte Scheffler, nachdem er schweigend eine Zeitlang den Cigarrendampf in dicken Wolken von sich geblasen hatte. Es war, als spräche er mit sich selber. „Es ist ja auch bedeutend leerer geworden," scherzte Hartmann. Aber so unbefangen er zu scheinen suchte, es wollte ihm nicht ganz gelingen. Bis dahin hatte er ohne weiteres Nachdenken angenommen, der Verkehr in seinem Hause sei bei : dem Jugendbekannten eben nur wegen jener Jugendbekannt. : schäft gepflegt. Er hatte seine Freude an diesem Verkehr ge- I habt; denn die ihm unsympathischen Seiten an dem alten Be« - kannten hatten sich im Laufe der Zeit zum Theil abgeschliffen 38 oder wurden von ihm übersehen, er achtete nur auf den guten Kern, der doch immer durch alle Verkehrtheiten hindurch sich wieder zeigte. Wenn seine Frau einmal Andeutungen machte, es scheine ihr, als ob der häufige Gast an der Schwester besonderes Wohlgefallen finde, so hatte er das halb lachend, halb ärgerlich als „Weibergedanken" abgewiesen. Heute jedoch war ihm aufgefallen, wie sehr trotz aller Aufmerksamkeit gegen die Mutter und Schwester Scheffler um seine Schwägerin bemüht gewesen war, wie er mit seinen Blicken ihr folgte, jedes ihrer Worte auszufangen suchte. Das durfte nicht so bleiben. So ungern er's that, er mußte den Verkehr seiner Schwägerin wegen abbrechen- Denn eine Heirath zwischen den Beiden? — Unmöglich I Scheffler würde nie daran denken. Jetzt war wohl erst das Feuer im Entstehen und ließ sich noch löschen, wenn die Beiden getrennt wurden. Dann war es eben eine flüchtige Neigung bei dem Freunde gewesen, die von ihm ver- geffen werden würde und dem arglosen Mädchen nicht das Leben trübte. Heute noch wollte er offen reden. Aber der Anfang wollte sich schwer finden- Ein paar Mal hatte er schon beginnen wollen, immer meinte er noch das paffende Wort nicht gefunden zu haaen- „Jetzt werden die Deinen schon wieder zu Hause angelangt sein, Werner," wurde sein Sinnen unterbrochen. „Ich denke, ja," entgegnete er, die Uhr ziehend. „Ernst, darf ich einmal offen mit Dir reden?" brach er dann plötzlich los und seine Stimme klang ihm rauh. „Bitte, thust Du das nicht immer?" lautete die gespannte Antwort. „ ___ „Gewiß, aber es ist ein Anderes heute, ich wollte Dich — bitten —" Wieder stockte er. „Bitten? — Bist Du in Geldverlegenheit? Lieber Junge, Alles, was ich habe, steht Dir zur Verfügung. Wie viel foll's sein?" „Nein, nein, es ist etwas Anderes, Ernst, hast Du em tieferes Interesse für meine Schwägerin?" — Nun war es heraus und fein Herz um Vieles erleichtert; gespannt blickte er zum Freunde hinüber. Der war unter seinem Blicke erröthet, hatte sich in seinen Stuhl zurückgelehnt und blies langsam den Cigarrenrauch von sich. Auf einmal warf er die Cigarre heftig in den Aschenbecher und sprang auf. „Ja, wenn ich ehrlich sein soll, die kleine Hexe hat mir's angethan. Warum soll ich's leugnen. Ist eigentlich eine wunderliche Geschichte. Du wirst mir glauben, daß mir manches Frauenzimmer freundlich entgegengekommen ist. Wenn man die Hände voll Geld hat, wie es bei mir ohne meine Schuld und mein Verdienst der Fall ist, da werden diese „idealen Engel, die ja nur auf Liebe sehen", besonders liebenswürdig. Aus Versehen wahrscheinlich, aber es ist nun einmal so- Zudem soll ich ja ein ganz hübscher Kerl sein, wie mir mein Schneider, mein Friseur und solche wahrheitsliebende Männer bezeugen. Sie aber — Deine kleine Schwägerin — nun ja, sie ist ja sehr entgegenkommend gewesen ganz zu Anfang, wo sie mich als ihren Lebensretter begrüßte. Das war auch wohl so schicklich. Aber dann? — Du weißt, wie sie mich am ersten Abend heruntergekanzelt hat- Und wenn sie nachher auch wieder freundlicher geworden ist, angelegt hat sie's wahrlich nicht darauf, mich zu fangen. Ein freundlicher Blick, ein dankendes Wort, das ist Alles, was ich so nach und nach tropfenweise für meine Bemühungen angesammelt habe. Da sollte ich eigentlich für die ganze kleine Person danken. Und trotzdem — Albernheit genug von so einem alten Kerl, wie ich mittlerweile einer geworden bin, der Tag ist mir grau, wo ich sie nicht wieder begrüßen darf. Das ist meine ehrliche Beichte." Er war unruhig im Zimmer auf und ab geschritten, jetz stand er vor Hartmann still. „Nun sage, Du ausgezeichneter Pädagoge, was thue ich großes Kind bei der Sache?" Die pädagogische Weisheit des Angeredeten war durch das Gehörte arg in's Gedränge gerathen. Daß die Neigung des Freundes bereits eine so tiefgehende sei, wie er eben gestanden, hatte er nicht geglaubt, nur gemeint, seine hübsche Schwägerin habe ihm ein wenig bester als andere Menschen gefallen- Aber um so mehr galt es denn, ihn jetzt von weiterem Verkehr abzuhalten. Er trat zu Scheffler, der seinen Spaziergang im Zimmer wieder angetreten hatte und legte ihm die Hand auf sie Schulter. „Ernst, Du weißt — ich meine, Du wirst es gemerkt jaben, daß ich etwas von Dir halte; aber um Deinetwillen, »aß Du ein Ehrenmann bleibst und um meiner Schwägerin willen muß ich Dich bitten: komm' nicht wieder in mein Haus I — Du kannst ja verreisen, damit das nicht aufsällt- Jetzt weiß, glaube ich, das Mädchen noch nichts von Deiner Neigung, aber sie kann Dich in jedem Augenblick zu Aeußerungen hinreißen, die Du später bereust, die ihr das Leben für immer verbittern." „Ja, lieber Junge, da bist Du heute nun etwas vorbeigegangen. Glaubst Du, ich hätte das nicht schon versucht? Mit den schönsten Grundsätzen bin ich Morgens aufgestanden, mich heute von ihr fernzuhalten, und am Nachmittag schon konnte ich's nicht mehr erwarten, bis es Abend wurde und ich in die Sophienstraße gehen durfte. Ich sage Dir, meine Stimmung ist weit über die hinausgehend, welche den Tertianer be» seelt, der in der Tanzstunde die zehn- oder zwölfjährige erste „Flamme" gefunden hat und ihre Haarlocke seufzend an seine Lippen drückt. Wenn ich heute wegreise, meinetwegen nach Paris, oder willst Du eine andere Richtung nach dem Nordpol — wer bürgt Dir dafür, daß ich nicht in acht Tagen zum Thee wieder bei Dir antrete und sage: Ich bitte um Entschul- digung, in Paris war's zu heiß, am Nordpol zu kalt, hier nur kann die richtige Lebenstemperatur für mich sein. Und ich stehe weiter gar nicht dafür ein, daß ich mich dann an die Seite Deiner Schwägerin setze und fortfahre: Ich meine natürlich nur an Ihrer Seite, mein Fräulein. Denn gedämpftes Feuer lodert doppelt hell auf, wenn es einmal wieder zum Durchbruch kommt. Nein, Verehrtester, es ist haarsträubend, aber es gibt nur einen Weg. Ich gehe morgen früh in die Sophienstraße, trete bei Deiner Frau Schwiegermama ein und melde mich bereit zur Ehe mit ihrer Fräulein Tochter. Ein verzweifelter Schritt; aber dies „Hangen und Bangen in schwebender Pein" — halte ein Anderer länger aus, ich nicht." „Du wolltest wirklich mit meiner Schwägerin Dich ver- heirathen? Bedenke, sie ist ein ganz armes Mädchen, durchaus nicht in jenen Kreisen heimisch, in welchen Du zu verkehren pflegst." „Baht Geld habe ich genug für uns Beide und „jene Kreise" kümmern mich nicht. Ich kann sie entbehren und wir Beide leben für uns. Ich habe das Alles überlegt. — Einen Korb wird mir die Kleine doch nicht geben?" fuhr er plötzlich auf. „Du kanntest mein Herz, kennst Du das ihre auch vielleicht?" Hartmann schüttelte den Kopf. „Wer kann aus den Weibern klug werden? Außerdem habe ich mir nie Mühe gegeben, ihre Herzensgeheimnisse zu ergründen." „Hm! In diesem Falle wäre das für mich wenigstens ganz angenehm gewesen- Zuweilen hat sie mich übrigens so angesehen, als ob mein Anblick ihr wenigstens nicht unangenehm wäre- Ich muß nun mein Heil versuchen. Dich bitte ich, von der Sache zu schweigen. Morgen früh elf Uhr erscheine ich in der Sophienstraße und darf dann hoffentlich Abends zum Thee bei Dir einkehren. — Nun aber laß die Sache; wir wollen noch ein verständiges Wort miteinander reden, einen verständigen Tropfen Wein dazu trinken." Aber dies verständige Gespräch blieb sehr stockend, so sehr beide sich Mühe gaben, es in Fluß zu erhalten. Es währte nicht zu lange, da nahm Hartmann seinen Hut, um zu gehen- „Gute Nacht, alter Junge!" geleitete ihn Scheffler zur Thür. „Hoffentlich morgen auf frohes Wiedersehen! — Wü stehen am Vorabende großer Ereignisse — wer sagte das doch noch? So ähnlich ist mir auch zu Muthe. Gute Nacht!" Verwundert nahm die Pastorin Mone am nächsten Morgen die Meldung entgegen, daß Herr Scheffler ihr seine Aufwartung zu machen wünsche. . . „Sie haben wohl meinen Schwiegersohn nicht zu Haufe getroffen, Herr Scheffler, und treten nun so lange bei mir em, bis er kommt. Das ist hübsch von Ihnen. So kann ich Ihnen noch einmal für die schöne Fahrt von gestern danken." „Sehr liebenswürdig, gnädige Frau, doch führt mich heute Morgen mein Weg direct zu Ihnen." „Zu mir?" „Allerdings und dabei komme ich mit einer großen Bitte." Die alte Frau sah ihn gespannt an. „Wenn es in meinen Kräften steht, Ihnen zu dienen, so ist Ihre Bitte von vornherein erfüllt." „Gering ist mein Anliegen allerdings nicht, sondern sehr weitgehend und unbescheiden. Lasten Sie mich kurz sein, ich erbitte nicht mehr und nicht weniger, als die Hand Ihrer Aräulein Tochter." „Meiner Frieda? — Lieber Herr Scheffler, in solchen Dingen soll man nicht scherzen. Aber freilich, Sie sehen auch nicht so aus, als wollten Sie das. Verzeihen Sie mir, wenn mich Ihre ganz unerwartete Werbung verwirrt macht. Weiß denn meine Tochter schon um Ihre Neigung und Ihre Unterredung mit mir?" Scheffler schüttelte den Kopf, schweigend saßen Beide eine Zeit lang einander gegenüber- „Darf ich mein Urtheil hören, gnädige Frau?" „Es würden viele Mütter mit tausend Freuden auf Ihr Wort hin ihre Töchter Ihnen geben. Denn wie ich durch meinen Schwiegersohn weiß und aus Ihrer Lebensweise gesehen habe, sind Sie ein sehr vermögender Mann- Und da Sie unsere Verhältniffe auch genügend kennen, kann es nur die Person meiner Tochter sein, welche Sie anzog, nicht äußerliche Dinge. Aber — ich muß ganz offen mit Ihnen reden — Sie sind ein Mann, welcher das Leben nur von der Seite des Genießen- kennt- Ich weiß nicht, wie weit Sie in erlaubten und unerlaubten Genüssen gegangen sind, traue Ihnen gerne zu, daß Sie mit allen Ihren Kräften suchen würden, meine Tochter glücklich zu machen. Werden Sie es können? Doch, ich höre Frieda kommen. Sie sollen meine Zustimmung haben, wenn sie die ihrige gibt und ich werde sie in keiner Weise be- einfluffen. Sie werden damit einverstanden sein, nicht wahr?" Eine stumme Verbeugung gab die Antwort. „Bitte, bleiben Sie hier. Frieda wird gleich eintreten, dann reden Sie mit ihr; ich weiß, sie wird entscheiden, wie sie ihrem Gewiflen nach entscheiden muß." Die eine Thür hatte sich kaum hinter der Mutter geschloffen, als die Tochter durch die andere eintrat. „Guten Morgen, Herr Scheffler I Das Mädchen sagte mir, Sie seien bei Mama. Aber die hat Sie allein gelaflen." „Ihre Frau Mama ist eben hinausgegangen, mein gnädiges Fräulein, um uns allein zu lasten." „Wie feierlich Sie das sagen I" lachte das junge Mädchen. „Das entspricht vielleicht der Sachlage. Ja, mein gnädiges Fräulein, ich bin um wichtiger Dinge willen hier. Ich kam Ihretwegen." Tiefes Erröthen ergoß sich über das Gesicht der bis dahin ganz Unbefangenen. „Aus Ihrem Erröthen — verzeihen Sie — darf ich wohl schließen, daß Sie mich verstanden haben. Ich habe mich gewehrt gegen die Liebe, welche ich für Sie im Herzen trug und trage. Darf ich nun zu Ihnen treten und Sie bitten: nehmen Sie, was Ihnen gehört, mein Herz, und geben Sie mir wieder, was ich ersehne, das Ihrige! — Frieda," fuhr er dringender fort, „darf ich hoffen, daß Sie Ja sagen?" Wartend stand er vor ihr, die den Blick zu Boden geschlagen hatte, und blickte gespannt auf sie. Sie schüttelte leise den Kopf. Er griff nach dem Hute. „Nun, da kann ich ja gehen, hoffte freilich etwas Anderes," rief er bitter. „Richt so, nicht so!" bat sie, die weinenden Augen zu ihm ausschlagend. „Gönnen Sie mir einen Augenblick der Sammlung." Er setzte sich gehorsam, den Hut in der Hand, sie hatte einen Stuhl neben dem Tische genommen und stützte ihr Haupt- So verflossen einige Minuten. „Herr Scheffler," begann das junge Mädchen, ihm ihr Gesicht voll zuwendend, „ich muß ganz ehrlich sein. Ich darf 39 — es nicht leugnen, nie habe ich für einen Mann gefühlt, was ich für Sie gefühlt habe. Möglich, daß es die Liebe ist," fuhr sie leiser fort. „Nun, dann folgen Sie doch diesem Zuge Ihres Herzens," rief er, schnell aufspringend. „Zweifeln Sie etwa, daß es mir ernst ist mit meinem Worte? Sie können versichert sein, was Sie so schön gedruckt lesen von dem „auf Händen tragen" und dergleichen schönen Dingen, es wird wirklich bei uns so sein. Geben Sie mir die Hand!" bat er weich. Sie wehrte wieder ab. „Es fehlt eins, mir fehlt die volle Achtung vor Ihnen." „Womit habe ich das verdient? Habe ich irgend etwas Ehrenrühriges gethan, besten Sie mich beschuldigen können?" fuhr er auf. „O nein, nein! Aber Sie haben keinen Beruf; Alles ist für Sie nur ein Spielzeug, ein Gegenstand, um das Leben bester genießen zu können. Ich würde es auch sein- Sie würden meiner satt werden und ich würde Ihnen nicht genügen auf die Dauer. So würde das Ende unserer Ehe sein, daß wir kalt und gelangweilt neben einander hergingen, vielleicht, noch immer eine Musterehe für die Welt, aber nicht für uns' und für Den, vor dem wir auch über unsere Ehe Rechenschaft ablegen sollen. Wo es eine rechte Ehe geben soll, da müflen Mann und Weib sich verbinden zu treuer Arbeit und die — wir würden sie nicht haben. Und — glauben Sie mir, ich würde den besseren Kauf machen; denn das Weib hat ihr Haus und im Hause ihre Welt, der Mann kann ihr Alles fein. Der Mann muß mehr haben, als das, und wird es stets entbehren und unglücklich werden, wenn es ihm fehlt. Darum, weil ich Sie liebe, darf ich nicht Ja sagen, so wehe ich mir selber thue." „Ist das Ihr letztes Wort?" fragte er leise. Sie nickte. „So leben Sie wohl! Es mag manches Richtige in Ihren Worten sein, wenn ich sie auch nicht ganz verstehe." Er wandte sich zum Gehen, da reichte ihm das Mädchen weinend die Hand hin: „Nicht wahr, Sie zürnen mir nicht?" Er ergriff die Hand und küßte sie. „Nein, so sauer es mir wird. Ich gehe nun einen einsamen und freudlosen Weg." Die Thür hatte sich hinter ihm geschloffen. Frieda hatte einen Schritt auf dieselbe zugethan, als wollte sie ihn zurückrufen. Aber sie zog den Fuß zurück. Der eintretenden Mutter eilte sie weinend entgegen. „Mutter, zürne mir nicht, ich konnte nicht Ja sagen, ich hätte ihn unglücklich gemacht, mehr als ich es jetzt bin." — In der Hausthür traf Scheffler mit dem heimkehrenden Hartmann zusammen. Der sah an der verstörten Miene sofort, was gefchehen war. „Abgeblitzt, lieber Junge! Abgeblitzt! Die Alte und die Junge haben mir Predigten gehalten, daß ich zuletzt blos noch Amen zu sagen brauchte. Lebe wohl, nun gehe ich wirklich auf Reisen. Das kann ich Dir aber sagen, so gut hat mir noch kein Frauenzimmer gefallen, wie die Kleine da oben, als sie mir einen Korb in bester Form off ernte. Vielleicht schreibe ich Dir einmal aus China, Australien oder — Leipzig, je nachdem. Grüße Deine Frau und Jungen, auch die Frau Mama und sage der Kleinen — ja, was denn? Nun, sage ihr — nein, sage ihr nichts! Adieu!" Er stürmte davon. Am nächsten Tage stand seine Villa leer, er war verreist, wohin? wußte Niemand zu sagen- Doch war er nicht ganz bis zu dem Nordpol gekommen. Nach einigen Monaten saß er in einem vornehmen Bade Süddeutschlands mit mehreren eleganten Herren des Nachmittags beim Kaffee, als ihm ein Telegramm überreicht wurde- Lässig erbrach er dasselbe, doch erbleichte er, während er die kurze Meldung überlas. „Etwas Fatales?" fragte einer der Herren. „Geschäftliche Angelegenheiten, nicht gerade angenehmer Natur, die meine Anwesenheit in Berlin unbedingt nothwendig machen," war feine kühle Antwort- • (Fortsetzung folgt.) 40 - Gemeinnützige*. Versengte Wäsche. Hat man mit dem Plätteisen die Wäsche versengt, so kann man, ohne der Wäsche im Ge« ringsten zu schaden, diesen Uebelstand wie folgt beseitigen: Man bereitet aus 100 Gramm Chlorkalk und 900 Gramm heißem Wasier eine Chlorkalklösung. Nachdem sich dieselbe geklärt hat, taucht man darin einen Wattenbausch oder ein leinener Läppchen und bestreicht damit leise die versengten Theile der Wäsche. Hat man gestärkte Wäsche, z- B. Oberhemden, Kragen, Manschetten rc. mittels des Plätteisens versengt, so muß vor der Behandlung der Wäsche mit der Chlorkalklösung die Stärke mittels heißen Wafferr beseitigt Werden. Sobald die versengte Stelle verschwindet und die Wäsche wieder heiß wird, wäscht man mit kaltem Waffer gründlich die Chlorkalklösung aus. Vermischtes. Woher die Sitte der Silberhochzeit stammt, darüber mag Mancher schon nachgedacht haben, ohne sich deshalb darüber klar geworden zu sein. Der Mönch de Clugny, der die „Chronik vom Jahre 1000-1040" verfaßt hat, berichtet in derselben hierüber Folgendes: Als Hugo Capet, der um's Jahr 987 König von Frankreich wurde, einst die Vorstädte von Paris besuchte, um hier die Erbschaft eines ver» storbenen Oheims zu regeln, der in den verschiedenen Orten große Besitzungen hatte, fand er auf einer derselben einen im Dienste seines Verwandten ergrauten unverehelichten Diener vor. Derselbe war seinem Herrn von ehedem 25 Jahre hindurch so ergeben gewesen, daß er von diesem fast als Familienglied betrachtet wurde- Auf derselben Farm aber und ebenso lange Zeit wie jener Alte befand sich eine nicht minder bejahrte Dienerin, welche ebenfalls niemals verheirathet gewesen war. Auch sie war die arbeitsamste, ergebenste der weiblichen Untergebenen des Oheims des Königs gewesen. Nachdem dieser nun, der in der Geschichte als liebenswürdig und human geschildert wird, von jenen Beiden gehört, ließ er dieselben vor sich kommen und redete zuerst die Frau folgendermaßen an: „Dein Verdienst ist groß, größer noch, als der dieses Mannes, der immerhin groß genug ist; doch die Beständigkeit bei der Frau hinsichtlich der Arbeit und des Gehorsams ist viel schwerer. Und deshalb will ich Dir einen Lohn zu Theil werden lasten. — In Deinem Alter aber wüßte ich keinen besteren, als eine Mitgist und — einen Gatten. Die Mitgift ist bereits da; diese Meierei gehört von heute ab Dir. — Wenn nun dieser Mann, welcher 25 Jahre hindurch mit Dir gearbeitet hat, einwilligt, Dir seine Hand zu geben, dann ist der Gatte ebensalls da." — „Majestät," so stotterte jetzt verwirrt der greise Bauer, „wie ist's möglich, daß wir uns verhetrathen, da wir schon Silberhaare haben?" — „So wird es eine Silberhochzeit sein," gab der König zurück, „und hiermit gebe ich Euch den Hochzeitsring." Gleichzeitig zog der Herrscher einen kostbaren, reich mit Steinen besetzten silbernen Ring vom Finger, steckte ihn auf die Hand der Frau und führte die Hände der beiden in Rührung und Dankbarkeit sich ergehenden alten Leute zusammen. Dieses Vorkommniß, das mit Blitzesschnelle in ganz Frankreich bekannt wurde, brachte hier einen solchen Enthusiasmus hervor, daß es bald nach Verlauf von 25 Jahren der Ehe als Sitte angenommen wurde. Und auch die goldene Hochzeit, so fügt der Mönch de Clugny in seiner Chronik hinzu, ist nur eine getreue Nachahmung, nür eine Wiederholung eines Gebrauches nach abermals 25 Jahren. ♦ ♦ ♦ Die Ballschuhe. Fräulein Elise B., schreibt die Wiener Dtsch. Ztg., war ganz außer sich. Ueber diesem unglückseligen Ballabend schwebte ein wahrer Unstern. Jeden Augenblick klappte etwas an der Toilette nicht. Was ein junges Mädchen nur an Bändern, Schleifen, Blumen zu einem Ballstaat braucht, wurde wie von Geisterhänden im entscheidenden Augenblick verlegt, daß jedes einzelne Stück eine halbe Stunde gesucht werden mußte. Und jetzt waren — um das Unglück voll zu machen — sogar die weißseidenen Ballschuhe verschwunden. Cousin Fritz, der schon in vollem Ballstaat — taubengrau und dunkelblau — zur Stelle war, rannte wie besessen aus einem Zimmer ins andere, und suchte in allen Winkeln. Umsonst! Die Ballschuhe waren verschwunden. Der gute Kerl nahm sogar seinen Wunderrock und rannte davon, um ein Paar andere Schuhe zu beschaffen; aber er kam mit traurigem Gesicht und der Botschaft zurück, daß schon alle Geschäfte geschlossen seien. „Aber, um Gotteswillen!" jammerte Else, „ich kann doch nicht in schwarzen Schnürschuhen gehen!" Aber da half kein Jammern. Die Schuhe blieben verschwunden, und Fräulein Else riß sich endlich weinend den ganzen Staat vom Leibe und verschloß sich verzweifelt in ihr Zimmer. Mit dem Ball war es also nichts. Am nächsten Mittwoch traf sie Cousin Fritz auf dem Eislaufplatz. Er machte ein ungeheuer vergnügtes Gesicht. „Nun, Glichen, ist der Jammer schon ausgeschlafen?" rief er, in großem Bogen heransegelnd. Sie sah ihn vorwurfsvoll an: „Ich meinerseits," fuhr er heiter fort, „habe mich dort ausgezeichnet amüstrt." - „Also Du warst dort ..." — „Natürlich, ich mußte doch sehen, was Du versäumt hast." — „Barbar I" — „Und jetzt," fuhr er mit unerschütterlicher Ruhe fort, indem er ein kleines Päckchen aus der Tasche zog, „kann ich Dir auch Beine Ballschuhe wiedergeben." — Sie sah ihn erstaunt an und nahm daß Päckchen mechanisch aus seiner Hand- „Ja, um Gottes- willen, wo hast Du denn die gefunden?" — „In meiner Fracktasche!" — „Aber wie ist denn das möglich ? Wie kann man aus Versehen ein Paar Schuhe einstecken?" — „Versehen? Keine Spur! Mit Absicht!" — Sie sah fassungslos in sein unverschämt zufriedenes Gesicht. — „Du wirst mich sofort verstehen, Elschen, komm nur mit." Und er zog die Willenlose in eine stillere Ecke. „Was glaubst Du, Kind, wer auf dem Balle war?" — „?" — „Max H." - „Hu! Jetzt bin ich erst froh, daß ich nicht dort war." — „Gut. Weißt Du auch, warum Dein Papa durchaus wollte, daß Du gerade diesen Ball besuchst, dem H. vor seiner Abreise noch beiwohnte?" — Sie erschrak. — „Weißt Du auch, was ich ihm für einen Bären aufqebunden habe? Ich habe ihm zu verstehen gegeben, daß Du Migräne bekamst, als ich Dir erzählte, dast er auch dort sein werde." — „Du bist doch ein unverschämter Schwindler!' — „Schwindler! Gelt, aber es ist Dir rrcht, daß er daraufhin schon heute Morgen abgereist und Dein. Papa mit seinem schönen Heirathsproject durchfällt." — Sie sah ihn dankbar und zärtlich an. „Ja aber, Fritz, was ist damit für uns gewonnen ? Deshalb wird doch Papa nicht einwilligen.' — „Unbesorgt! Heute Abend kommt mein Alter nach Wien, der wird Deinem bockbeinigen Papa schon den Kopf zurechtsetzen.' — Ein neuer zärtlicher Blick. — „Nun begreifst Du auch, warum mir soviel daran lag, gerade für diesen Abend die Zusammenkunft Papas mit H. zu verhindern?" — Sie nickte- — „Aber ein Schwindler bist Du doch I Wie Du nur die Schuhe gesucht hast? Und sogar davongerannt bist Du, um andere zu holen I" Er schmunzelte. „Ich hätte doch keine bekommen; denn, was Du für Füßchen hast, Else I Ich hab die Schuhe die ganze Nacht in der Tasche gehabt und mir standen die Frackschöße nicht so weit weg." „Unglaublich! Sie bückte sich, griff hastig nach einer Handvoll Schnee, und schwapp! hatte er das ganze lachende Gesicht voll. Gut parirt. „Ihnen, mein Fräulein, trau' ich zu, daß Sie noch einmal den ersten besten Dummkopf heiratheni, — „Auf einen so plötzlichen Heirathsantrag war ich allerdings nicht vorbereitet!" Redactton: A. Scheyda. — Druck uick Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen-