NnteehaltunSSbLatt aum Gietzensv Anzeigev (Genev^l-Anzeig-p) - rA - . . . .. . *■ X'*^ 18V 4 Donnerslag, dm 24, Mai. Die Hexe von Bingenheim. Von Gg. Schäfer. (Fortsetzung.) Eine feine Röthe zog über das blaffe Gesicht Helminens. Sie schwieg. „Laß uns doch Deine Ansicht hören, Malwine," begann Alwine nach einer Pause. „Du bist ja sonst die Praktische, mit Verlaub die Prosaische unter uns Dreien. Wie urtheilst Du über den Herrn?" „O, ich stimme Dir vollkommen bei," erwiderte Malwine; „mir gefällt der Herr sehr gut. Schade, daß ich nicht acht» zehn Jahre jünger bin, ich würde meine ganze Liebenswürdig« feit, Schönheit und Gescheidigkeit entwickeln, um seine Neigung zu gewinnen." „Du bist schrecklich in Deiner Ungenirtheit, Malwine," seufzte Helmine mit einem sanften Augenaufschlag. „Kaum wage ich, nur einen solchen Gedanken zu denken und Du sprichst ihn schlankweg aus!" „Aus Deinem Herzchen heraus, mein Täubchen!" spottete Malwine weiter. „Ich kenne Dich so genau, obgleich Du erst seit acht Jahren hier bist, daß ich jeder Fiber Deines poetischen Anttttzes zu folgen und aus ihren Regungen zu lesen vermag, wodurch sie in Bewegung versetzt wird. Ich sah gestern Abend Deine verklärten Züge und weiß, von was Du diese Nacht geschwärmt und geträumt hast." „Aber Malwinchen!" fiel Alwine der kleinen, dicken Malwine in's Wort, „ist denn Dein Herz so vollständig ausgebrannt, daß Du in Deinen jungen Jahren nichts mehr für einen schönen, jungen, begabten Herrn fühlen solltest?" „Stehe da! Unsere stattliche Juno hat auch Feuer gefangen," entgegnete Malwine mit Humor. „Ich merkte es schon lange, mein Großeschen. So oft der Rentmeister an Eurem Hause vorüberzieht, schaust Du ihm nach, bis er hinter der Straßenecke verschwindet." „Und Du, mein Kleineschen," antwortete Alwine gereizt, „richtest Dir es schon seit Wochen so ein, daß Du dem Rentmeister stets begegnest, wenn er von der Kanzlei weg oder nach derselben hingeht. Nur um Deine liebe, runde Gestalt zu sehen, nicht des Rentmeisters wegen schaue ich hinter den Scheiben hervor." „Du bist ein braves, liebes Kind, meine Große!" erwiderte die dicke Malwine. „Ich glaube Dir gerne, nur das Eine erkläre: Warum wirst Du denn über und über roth, wenn der Rentmeister zufällig nach Dir aufschaut und Dir einen Gruß spendet?" Alwine wendete den Kopf nach der anderen Seite und that, als hätte sie die Frage nicht gehört. „Wie denkst Du, mein Schlankeschen, über solche Anzeichen?" fragte Malwine nach einigen Secunden ihre Nachbarin zur Rechten. „Sprich Dich aus, Helminchen, Du bist doch eine Herzenskündigerin und weißt, daß heimliche Liebe viel heißer brennt, als öffentliche." „Du bist heute schrecklicher als je," versetzte Helmine überaus sanft; „so hab' ich Dich noch nie gehört oder gesehen. Darum scheint mir, Du glühst noch viel heißer für den Herrn, als Diejenigen, von denen Du vorhin sprachst, also von uns. Du willst Deine Gefühle und Empfindungen nur hinter Spaß und Humor verstecken. Habe ich es getroffen?" „Weil Du denn so aufrichtig bist und Alwine auch nicht länger leugnen kann, will ich meine Meinung rund heraus sagen," erwiderte die kleine Dicke. „Ja, es ist so, wie Ihr vermuthet- Mir ergeht es wie Euch, der schrecklich lange Krieg und die unseligen Verhältniffe haben es stets unmöglich gemacht, einen unverheiratheten, gebildeten Mann kennen und lieben zu lernen. Alle Männer, denen ich begegnete, waren entweder verheirathet, oder es waren rohe Krieger, Säufer, Spieler und Schlemmer. Jetzt sieht man einen anderen, der gefällt mir sehr gut, aber--" „Aber! Malwinchen, so fahre doch fort, Du sprichst ja ganz unsere Gedanken und Gefühle aus," bemerkten die beiden Anderen. „Aber —versetzte Malwine, „wenn man vierzig Jahre alt ist, wie wir Drei —" „Ich bin noch keine vierzig!" rief Alwine. „Ich auch nicht!" lispelte Helmine. „Und ich bin die Jüngste von uns Dreien," fügte Malwine hinzu, „trotzdem glaube ich, daß es Widersinn wäre, an Weiteres zu denken." „Mein Herz ist noch jung!" rief Alwine- „Ich könnte wohl noch einen Mann glücklich machen," flüsterte Helmine. „Ganz wohl, vielleicht einen von zweiundfünszig Jahren, aber keinen von sechsundzwanzig, mein Täubchen," meinte Malwine. Run hatten sich die drei Freundinnen ausgesprochen, die Unterhaltung stockte. Erst als die Damen bei Frau Pfarrer Soldan eintraten, fand sich wieder Wortreichthum bei jeder. Als hier die Tagesneuigkeiten, das Wetter, das Kochen und Waschen abgehandelt waren, traf es sich ganz von selbst, daß die Geburtstagsfeier des Landgrafen und die Vorträge der Herren besprochen wurden. — 284 ss f# leider lichen auch ti haltrpi um w< Juden 1! Juden man, zu wer // erfreu! ft mahlin aber n H n len, li nichts. Juden, Weife, viele darunt Römer Euch Hebräk folgunx Jahrer mich, t und G übel g n Fürst, jüdische Judenf ein W> und an Bürger ( dauern an eini kaum c s zeitig 6 fast im Das bi Herren müßten einem! in Haß C solche $ sollte, heit bei so nich werben, legt Ei Ci Auf be . welches HerrsH aber ir Sehr | Äinb, emporg Hexenr Commi ein Ho Caspar seinem Wie alljährlich, so verlangte ber Landgraf auch mit Beginn des Jahres 1658 einen Rechenschaftsbericht über den Gefammtzustand des Landes vom Commissarius Caspari. Die Schule in Echzell fing an aufzublühen. Der erste Rector Freylich war 1649, der erste Conrector Röhrich 1652 an- gestellt worden- Die Geistlichen waren sämmtlich diensteifrig und tüchtig und walteten ihrer Aemter mit Freuden. Land- wirthschaft und Gartenbau kamen mehr und mehr in Blüthe. In den Gemarkungen von Echzell und Berstadt ließ ber Fürst zwei Teiche ausgraben unb mit Fischen besetzen. Die Verbesserung ber Straßen würbe stets im Auge behalten. „Wir können auf das Jahr 1657 mit Befriebigung zurücksehen," sprach ber Lanbgraf, nachdem er den Rechenschaftsbericht vernommen. „Wenn wir Frieden behalten, was Gott gnädiglich bescheeren möchte, werden die Wunden des langen Krieges immer mehr verharschen, unsere Untertanen werben sich in ber fruchtbaren Gegend bald eines größeren Wohlstandes erfreuen und unsere Einkünfte werben wachsen. Daß Ihr bas Verfolgen unb Brennen ber Hexen eingestellt, ist mir sehr erfreulich, benn mir gehet es hart gegen bas Gemüth, baß meine Untertanen an Leben unb Eigentum geschädigt werben sollen. Habt Ihr Hoffnung, Commissarius, baß Ihr bis schlimmsten und gefährlichsten Zauberer beseitiget habet?" Al« die erste Kanne getrunken war, ließ Quaffel eine zweite kommen. Da öffnete fich die Thüre unb Äammerbiener Langsdorf trat ein. Alsbald sprang Quaffel auf, machte tiefe Bücklinge, holte einen Stuhl unb nötigte Langsdorf, ber sich nach einem anberen Platze umsah, zum Riedersttzen. „Ra, Dörrbusch," sprach ber Postschreiber zum Wildhüter, „trink'Deine Kanne aus unb laß Dich nicht länger aufhalten, ich weiß, Du hast noch im Walbe zu tun." Dörrbusch empfahl sich brummenb. Draußen murmelte er: „Dieser Quaffel ist boch ein trauriger Geselle; vor einer halben Stnnbe schimpfte unb maulirte er über ben Kammer- biener unb kaum tritt ber Gescholtene herein, macht ber 58er# leumber Bücklinge unb Kratzfüße, wie vor bem Landgrafen selbst. Ich bin nur froh, daß ich ihm zwei Kannen Freibier abgehenkt habe. Der Schlucker hat Schulden wie ein Pfalzgraf unb mein Vermögen ist zehnmal größer, als bas feine. Aber bafiir, daß ich ihn Postcommiflarius betitulirt unb ihm den Rebel mit ber Berufung nach Frankfurt aufgebunben habe, blechte er bie zwei Kannen. Warte nur, Alter I Nicht ungestraft sollst Du mich so gemein abgeschoben unb Humpen- zähler ober Riekenverschneider vermmamt haben." „Herr Äammerbiener," begann inzwischen Quaffel, inbem er seine liebenswürbigste Miene aufsetzte, „Ihr habt boch ben beneibenswerthesten Dienst." „Mein Dienst ist ein recht schwerer," antwortete Langs- borf, „unb ob er so beneidenswert ist, wie Ihr wähnet, ist eine noch nicht gelöste Frage." „Ich beneide Euch um diesen Dienst, Herr Kammerdiener. Nichts kann herrlicher sein, als Tag unb Nacht mit hohen, feinen Herrschaften zu verkehren, nur Feines unb Vornehmes zu sehen unb zu hören, seinen eigenen Geist immer mehr aus- zubilben. Welch' erhabenes Gefühl muß es fein, bei hohen Festlichkeiten in goldstrotzender Livree aufzutreten, wobei ein Abglanz von all' ber Herrlichkeit auch auf bie Bediensteten fällt." Der Kammerdiener wich den weiteren Expektorationen be« Postschreibers ans, dessen Schwätzereien er kannte, trank seinen Krug leer und schritt von bannen. In Gettenau stieß er auf ben Wildhüter Dörrbusch. „Verzeiht, Herr Kammerdiener," sprach Letzterer, „ich möchte Euch nur mittheilen, daß Quaffel vorhin sagte: ein Kammerdiener wäre eigentlich gar nichts, er müsse ben ganzen Tag ben Rücken krümmen, ewig lächeln, um bafür Fußtritte zu ernten unb zuletzt bet Seite geschoben zu werden." „Das sieht bem Quaffel ähnlich," versetzte Langsbors belustigt, „kümmere Dich nicht weiter um ben Blechschwätzer, ber beinahe zum Hofspengler ernannt worben wäre." „Ich mache mir gar nicht« au« diesem dahergelaufenen Rentmeister," sprach die Pfarrerin, welche sieben Söhne unb eine vierjährige Tochter hatte. „Man weiß nicht, woher er stammt, e« wirb sogar behauptet, er sei von Adel, ich glaube es aber nicht. Mit seiner Singerei wäre er auch besser weg- geblieben." „Freilich," fiel Malwine ein, „nur ging e« nicht, weil Seine Durchlaucht doch befohlen hatten, also mußte gehorcht werben." „Run ja l Aber der Mann dünkt sich viel mehr äl« An# bere, er geht seine eigenen Wege, verkehrt wenig, kümmert sich nicht um bie besseren Familien, ist hochmüthig —" „Hochmüthig ist er eigentlich doch nicht," opponirte Hel# mincheu sanft, „es heißt allgemein, er wäre recht freundlich unb gefällig unb auch gut gegen Arme." „So! Dann habe ich bas noch nicht vernommen," fuhr die Pfarrerin fort. „Allgemein nimmt man es ihm übel, daß er sich in unsere Landgrafschaft hereingebrängt hat." „Am Enbe ist ba« auch nicht seine Schuld," erwlberte Alwine, „er wurde ja von dem Landgrafen Wilhelm dem Weisen hierher gesandt. Wenn ber Mann nun bei biefen schlechten Zeiten eine paffende Stelle findet —" „Dann kann er sie anstandslos annehmen," vervollständigte Malwine den Satz. „Das halte ich für kein Unrecht," fügte Helmine hinzu. Die Damen empfahlen fich. Als ste weg waren, sprach die Pfarrerin laut vor sich hin: „Mein Fraueninstinkt müßte mich sehr täuschen, wenn diese drei alten Jungfrauen nicht sämmtlich für den Rentmeister schwärmten. Wäre es nicht der Fall, dann würden sie im Verein mit mir über den Eindringling hergefallen sein und kein gutes Haar an ihm gelassen haben. Statt dessen nahmen sie ihn alle Drei in Schutz. Auch Caspari, der oberste Beamte, unser Herr Gevatter, macht sich nichts aus bem jungen Menschen, ber leichtlich ein Nebenbuhler bes hochmögenden Commissarius werben könnte. Q, Ihr guten Dinger, wie wirb sich bas Blatt wenben, wenn Ihr einmal sehen müsset, daß Eure kindischen Träume im Nebel zerrinnen. Dann wird ber Haß thurmhoch wachsen!" Al« bie brei Freundinnen vor das Brauhaus in Echzell kamen, begegnete ihnen Kammerdiener Langsdorf; er grüßte sehr höflich unb bie Damen dankten sehr freundlich, denn ber Kammerbiener eines hohen Herrn ist eine äußerst wichtige Persönlichkeit. In ber Trinkstube des Brauhauses saßen Post- schreiber Quassel unb Wildhüter Dörrbusch; beide schauten durch'« Fenster unb beobachteten bie gegenseitige Begrüßung des Kammerdieners unb ber Damen. „So ein Kammerbiener ist doch eigentlich gar nichts," begann Quaffel. „Muß ber Mann ben ganzen Tag herum» scharwenzeln, Bücklinge machen, ben Rücken krümmen, ewig lächeln unb freundlich fein, um hintendrein Fußtritte einzuernten unb bei Seite geschoben zu werben. Solch ein Dienst wäre nichts für mich." „Es gibt auch nicht viele Männer, wie Ihr feib, Herr Postcommiflarius," erwiderte Dörrbusch. „Vor Eurer Gelehrsamkeit unb ben großen Sprachkenntniffen hat ba« ganze Amt Bingenheim Respect. Neulich hieß e«, Ihr solltet nach Frankfurt berufen werben." „Ei ber Tausend, wer hat ba« nun schon wieber verplauscht!" rief Quaffel, inbem er sich hoch emporreckte. „Gasthalter, bringt dem Hofjäger Dörrbusch eine Kanne für meine Rechnung." „So, unb Gesunbheit, Dörrbusch, Du bist ein gewichster Bursch'!" rief Quaffel, inbem er mit Dörrbusch anstieß. „Mach' mir aber kein Geschwätz unter ben Leuten unb bei meiner Frau, wenn wir heute einige Maaß zusammen trinken. Man heißt Dich nämlich ben Humpenzähler unb ben Riekenverschnei# ber, weißt auch warum, inbeflen: ein Jeder hat sein Steckenpferd unb Jebem gefällt seine Kappe, beshalb gibt’« so viele Narren." Dörrbusch verzog bei diesen Worten da« Gesicht, al« hätte er einen Schluck scharfen Essigs im Munde, er schwieg aber M, weil er die freien Schoppen nicht verlieren wollte. „Roch nicht," erwiderte Laspari mit großem Ernste; „leider mußte ich in Erfahrung bringen, daß wir den eigentlichen Herd de» Zaubereilasters noch nicht entdeckt und also auch noch nicht gereinigt haben. Es fehlen dazu genaue Anhaltspunkte, die ich zu erhalten hoffe. Diejenigen Personen, um welche es sich handelt, sind schwer zu fassen, es sollen Juden darunter stecken." „Das scheint mir sehr unwahrscheinlich, Commissarius. Juden sind keine Zauberer, nirgends oder äußerst selten hört man, daß einige verurtheilt wurden. Mich dünkt, sie haben zu wenig Muth, sich mit dem Teufel einzulaflen." „Sie saugen uns das Land aus, Durchlaucht, e» wäre erfreulich, wenn wir sie mit guter Manier los würden." „Das ist noch Niemanden gelungen. Unserer Frau Gemahlin Herr Urgroßvater Georg I. verjagte die Juden, sie sind aber wieder gekommen." „Man müßte scharfe Maßregeln anwenden, Durchlaucht." „Nützen Euch gar nicht». Pharao, der König von Egypten, ließ die Judenknaben in's Wasser werfen, es half aber nichts. Salmanassar und Nebukadnezar tödteten tausende von Juden, ließen sie wegsühren und quälten sie in schrecklicher Weise, es nützte aber nichts. Der jüdische König Herodes ließ viele Judenknaben ermorden in der Hoffnung, den Messias darunter zu treffen, es half aber gar nichts. Wie greulich die Römer mit Feuer und Schwert gegen die Juden wütheten, ist Euch bekannt. Sie brachten es nur dahin, daß sich die Hebräer über die ganze Erde verbreiteten. Auch die Verfolgungen in den rheinischen Städten vor nunmehr dreihundert Jahren haben nichts zu Wege gebracht. Daraus folgt für mich, daß mit Gewalt, mit Feuer und Schwert gegen religiöse und Glaubensansichten nichts ausgerichtet werden kann." „Aber wo die Juden die Oberhand bekamen, haben sie Übel gegen Gott und das Christenthum gewirthschaftet." „Steht richtig, Commissarius; ich bin ein christlicher Fürst, will mein Land christlich regieren und möchte keinen jüdischen Beamten im Lande haben. Mir scheint, mit der Judenfurcht ergehet es wie mit der Hexenfurcht: Beides ist ein Wahn, der verschwindet, wenn wir für guten Unterricht und aufgeklärte Köpfe, für wirklich gute Christen und brave Bürger sorgen." „Das Hfl eine Arbeit, Durchlaucht, die Jahrhunderte dauern kann. Wir werden schwerlich das Ende erleben und an eine solche Sysiphus-Arbeit Kräfte verschwenden, wird sich kaum empfehlen." „Wollet Ihr lieber einen Juden- und Hexenbrand gleichzeitig entfachen? Wer solche Bewegungen entfesselt hat, wurde fast immer davon verschlungen. Ich mag nicht daran denken. Da» beste Mittel wäre: alle Kaiser, Könige, Fürsten und Herren erließen ein Gebot: die Christenjünglinge sollten und müßten alle Judenmädchen wegheirathen, dann hätten wir in einem Menschenalter Ruhe und der Kampf wäre in Güte, nicht in Haß geschlichtet." Caspari riß die Augen weit auf vor Schrecken, als er solche Worte vernahm, und wußte nicht, was er antworten sollte. Der Landgraf aber lachte herzlich, als er die Verlegenheit des Beamten sah, fügte aber alsbald ernst hinzu: „Könnte so nicht bald da» Bibelwort: Es soll ein Hirte und eine Heerde werden, um einen Schritt vorwärts gebracht werden? Ueber- legt Euch das, ein ander Mal sprechen wir weiter darüber." Caspari packte die Acten zusammen und empfahl sich. Auf dem Nachhausewege begegnete ihm Sibille, das Mädchen, welches ihm vor acht Jahren beim Einzuge der landgräfltchen Herrschaften vergeblich einen Blumenstrauß dargereicht, den er aber in unerklärlichem Widerwillen zur Erde hatte fallen lassen. Sehr selten kam ihm eine solche Begegnung vor, denn das Kind, das inzwischen zu einer ungewöhnlich schönen Jungfrau emporgeblüht war, wich dem gestrengen, allseitig gefürchteten Hexenrichter aus, wo es konnte. Sobald das Mädchen den Commissarius von weitem sah, floh es in eine Seitengasse, in ein Hosthor, in einen Winkel oder kehrte ganz um. Das war Caspari selber angenehm, denn es bohrte und nagte etwas in seinem Inneren, welche« ihm sagte: er habe der Kleinen Unrecht gethan und er müsse ihr etwä» abbitten. Heute konnte Sibille nicht aurweichen, weil sie mit Carpari an einer Straßenecke fast zusammenprallte. „Verzeiht, gestrenger Herr I" sprach sie, machte eine kleine Verbeugung und eilte nach der anderen Straßenseite. (Fortsetzung folgt.) Werthers Schatten. Novelle von Carl Cassau. (Schluß.) Der Sturmwind riß ihm den Hut vom Kopfe, er achtete es nicht. Laut schreiend kämpfte er gegen Sturm und das Rauschen der Brandung an, bis er erschöpft, voll Schmutz und Wogenschaum Clas Kastens Hütte erreichte. Frau Kastens war allein. Laut schrie sie auf, als sie ihren Gast so verwandelt, so verstört sah. Sie hatte den jungen schönen Menschen lieb gewonnen, der immer so nett war. Langsam kam er zu sich und beruhigte dann auch die Alte. „Nun erzählen Sie mir das Ende ihres unglücklichen Gert!" bat er sie. Die Frau hielt mit ihrer Beschäftigung inne, und sie sagte mit bebenden Lippen: „Wie es mit ihm wurde?" In den Watten haben wir ihn tobt aufgefunden!" Dabei wischte sie sich die Thränen au» den Augen. „Todt!" flüsterte Werther. „Ja, der Tod ist die Vergessenheit alles Unglücks!" Er ging auf sein Zimmer und suchte im Koffer herum. Da lag eine Rose, jetzt verwelkt, die Laura ihm einst blühend gereicht, und dort das Pistol, durch welches einst Hector gefallen. Werther lud die Waffe mit einer Kugel und flüsterte: „In dem Watt, ja! Das Wasser ist mir zu grausig! 39m!" Darauf ordnete er seine Kleider und sein Haar, steckte die Pistole ein und schrieb mit zitternder Hand einen Brief: „Liebe Eltern! Zürnt mir nicht, ich konnte nicht mehr leben, nachdem ich sie verloren. Unser Schicksal ist unabwendbar, darum unhemmbar der Schritt des meinigen! Bedauert mich, dessen Leben durch nichts als das Bewußtsein ausgefüllt ist, nie mehr glücklich sein zu können. Flucht mir nicht, nicht ihr! Vielleicht ist's in jener Welt durch die Gnade Gottes, die ja unendlich sein soll, die er auch mir daher nicht vorenthalten wird, besser mit uns neben einander bestellt! Noch einmal bitte ich, zürnt mir nicht! Leben ist mir Tod, Tod ist mir Leben! Betet für meine Seele! Euer unglücklicher Sohn Werther." Verwundert blickte Frau Käthe, Werthers Wirthin, auf, als in der Mittagshitze der Kurgast noch einmal an den Strand ging. Er nickte nur kurz und verschwand auf dem Wege in das Watt. Auf einem Sandberge, zu Füßen das weite majestätische Meer, warf er sich nieder. Am Horizont tauchte ein Segel auf. Er verfolgte es mit den Augen, bi» es in der Ferne unsichtbar ward und murmelte: „So verschwand die letzte Spur meines Glückes!" Er nahm das Taschenbuch heraus und schrieb hinein: „Wer mich entseelt findet, benachrichtige meinen Vater, Rentner Adrian Helbig in Schwalbheim I" Darunter standen noch die Worte: „O Seligkeit jener Tage, Laura, wo Du mir lächeltest! Wer ahnte damals, als Du mir das Buch von meinem Namensvetter in die Hand drücktest, daß ich sterben sollte wie er?" Du stießest mir den Dolch ins Herz, Grausame, mein Schatten wird Dich ewig verfolgen! Mein Geist ist wirr, das Meer erhebt sich gegen mich, ich ringe mit den Wogen ------- — 1" 286 rr V-vinischtes Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schcn Druckerei (Fr. Thr. Pietsch) in Sießcn. Der -ben athemlos heranstürmende Gröhlmann hörte . Wattebausch oder ein leinener Läppchen hinein und bestreicht Mä I ä'ä ÄÄteÄtt; bl« Schwalbheim t ^aur“roei-be auf bem d^tigen Kirch- Wasier beseitigt werden. Sobald die versengte Stelle ver- bose war Weither« leidenschaftliches Herz zur Ruhe gekommen. | schwindet und die Wäsche wieder weiß wird, wäscht man mit Al« Reißner im nächsten Sommer mit Sophie die Gräber | kaltem Wasser gründlich tue Chlorkalklösung au«. der Familie Helbig besuchte, schüttelte er den Kopf und stand • lange am Grabe de« Freundes, auf dem an einem Marmor- Leinenzeug, das alt und vergilbt ist, wird ge- kreme die Worte in Gold glänzten: „Weither Helbig, waschen, indem man es in saure Buttermilch.taucht und mit aest. den 4. September 1785." lauwarmem Wasser auswäscht. Je größer die Stucke stnd, Armer Freund," rief er, „feit der Lectüre jenes Büchleins desto länger müssen sie in der Buttermilch liegen bleiben. wich "der Schatten Werthers als fixe Idee nicht mehr von Deiner Seite; der Glaube an Fatalismus, die Krankheit unstrer Zeit, sind Deine ärgsten Feinde gewesen I Ruhe in Frieden, armes Herz!" , ä ,, Daneben standen noch zwei Kreuze, welche eine ganze Leidensaefckickte erzählten. Die Inschriften funkelten im Sonnenschein und lauteten: „Cornelia Helbig, gest. den Leicht möglich. Sie: „Schau''mal den Dakl vom 14 November 1785" und „Adrian Helbig, Kaufherr, gest. den Onkel Karl anl Ganz ruhig liegt er, wenn ich Klavier 22. December 1785." I spiele, und die Hunde können doch sonst keine Musik leiden! ----------- i — Er: „Vielleicht hält er's sür was Andres!' I Gefangen. Theateragent: „Wir wären also wegen be6 Engagement« im Reinen. Der Direktor in Berlin braucht ------ n, w I aber starke, gesunde Kräfte, die nicht bei jedem Schuß auf Je» Gährimg übergegangene Früchte und bet Bühne umfallen. Sie stnd doch nicht etwa nervös? - Mruckstsäfte sind zu retten, wenn man nach Aufkochen de« Schauspieler: „Ich? Nein. Mir können Sie vorschießen Saftes etwas Zucker und pro Liter eine Meflerspitzezdoppelt« I |0 ^el Sie wollen." kohlensaures Natron hinzufügt. Das Gleiche gilt bei sauer I * ♦ * gewordenen Obstweinen. I Reingefallen. Ein Herr stolpert auf der Straße * I und stürzt durch das große Auslagefenster eine« Bankgeschäfts Schaumwein. Außerordentlich schnell bereitet man I den Laden. Banquier: „Gott der Gerechte! So ist noch Schaumwein folgendermaßen: Ganz klarer Obstwein wird in I deiner bei mir reingefallen." eine Cbamvaanerflasche gefM, worauf man 5 Gramm doppelt- , . kohlensaure« Natron und 42 Gramm Citronensäure mit dem- Immer Kaufmann. A.: „Wo stecken Sie denn? selben vermischt, und zwar in der Weise, daß man, sobald I sieht Sie ja gar nicht mehr!" — B.: „Ja, rch habe jene beiden Moffe in die Flasche geschüttet sind, letztere mög- £1^." - A.: „Was, geheirathet? Ist sie reich? Da lickst rasch verkorkt und den dicht eingetriebenen Kork mit | tflnn man ja gratuliren!" — B-: „Ja, hat sich was mit Draht befestigt. Nach sechs Stunden schon ist dieser „Cham- bem Reichthum. Die Mitgift hab'n se mer gutgeschrieben pagner" reif und trinkbar.« « | und mit der Frau hab'n se mer belastet!" Kckeuü der Sparaelpflanzungen gegen Raupen- I Aufwartung. Jonas: „Empfehlung von Herrn Cohn, srak Die Spargelpflanzungen, deren Ernte im Mai und I und er läßt Sie einladen zum Mittag. — Aron: „Sagen ^uni stattfindet, werden vielfach von der sehr gefräßigen! Se, ich werde aufwarten." — Jonar: „Se haben mer nich arauen Erdraupe derartig heimgesucht, daß die Spitzen der au« I verstanden, versieihen Se, rch werde aufwarten, Se werden der Erde kommenden Pflanzen vollständig abgefresien werden, essen." Ein Svaraelzückter in Franken hat zwischen die Spargelbeete 1 * verstreut Kartoffelschnittchen, mit der Schnittfläche nach der Sonderbare Traumdeutung. Der Bachmüller Erde gerichtet, ausgelegt und damit überraschend günstige Er- I tQt jn her Lotterie mit Nummer 44 500 Mark gewonnen, kglae erzielt. Die Raupen setzten sich auf die Kartoffeln fest, | $m6 er bem Herrn Pfarrer den Glücksfall mitgetheilt, setzt er ließen die Spargelköpfchen völlig unberührt und konnten sehr I ,Mn heut' ab glaab ich wieder an'« Träme! Mer leickt gesammelt und vertilgt werden. Dieses Mittel sei da- I csraa h^ öum e Wage geträmt; mer hame dodruf hin gesetzt ber allen Spargelzüchtern zur Nachahmung empfohlen. L.T. un> glücklich gewunne!" - Pfarrer: „Wie seid Ihr denn von 9 » e * dem Wagen auf die Zahl 44 gekommen?" - Bachmüller: Um-as Einlaufe« von wollenen Hemden, Strümpfen I „Der Wage Hot vier Räder — däs ist die än'.vier!" und anderer Sachen beim Waschen zu verhüten, wird empfoh- I Pfarrer: „Und dre andere ? — Bachmüller. „Dodesur haw lm das Waschwasser mit Salmiakgeist zu versetzen und nur mer die Deichsel genumme!« « genügen^M GranmSalmiakgüst!^Mandabei^anSeife,! Der gute Frühling. Dichterling: „Ach, wie oft ö «- -s,,unb: -unb “ bil Ä» L Z SÄ a- 8-.W „« U« äwe* L ble Wäsche versengt, ! n-bÄstand wie folgt beseitigen: Man I besser: bei Geheimraths oder beim Professor? — „Bei Geringsten za fcha^n, dreftn l^belstano me so M oelMWm Heimraths. Wissen Sie, bei Professors haben wir immer räthig hält, und 900 Gramm heißem Wasser eine Chlorkalk- | schwere Musik «nb 6ei Gehermrath« a er lösung/ Nachdem sich dieselbe geklärt hat, taucht man einen 1 schwere Weine und leichte Musik!