rint-rchaltrrirgsblrrtt jum Gretzenev Anzeigen (Geneval-Anz-igep) ^s- KMK MW äWS- Samstag, den 24. Februar. Im Banne des Bösen. Novelle von C- Western. ------- Machdruck verboten.) I. Aus dem Gewirr und Getose der Hauptstadt flüchten wir in den stillsten nördlichen Theil derselben, wo zwischen Baumgrün und im Kranze lieblicher Gärten sich elegante Villen« bauten erheben. Dort die kleine einfache Villa mit dem von wildem Wein überrankten Gartenpförtchen ist es, welcher wir zusteuern. Wir lesen an der Pforte schon auf zwei Porzellan« schildchen die Namen: „Doctor Ernst Pfeil, Professor der Chemie" und „Oberst a. D. von Linden." Der Oberst bewohnte das obere, der Professor das untere Stockwerk de» Hauses. Der Professor, ein Mann von ungefähr dreißig Jahren, weilte in seinem Wohnzimmer. Dasselbe war elegant hergerichtet und mit wahrem Schönheitssinn ausgestattet; das be» wiesen die Gemälde, Statuetten, Reliefs und Nippsachen, sowie die Vorhänge und die Möbel, welche die Wohnräume zierten. Wenn etwas unter diesen Gegenständen der Kunst hervorstach, so durfte als solches ein übertriebener Frauencultus genannt werden, denn überall stieß das Auge auf Urtypen der weib» lichen Schönheit, von der Nachahmung der Venus von Milo bis zu den drei Grazien. — Der Professor Pfeil selbst, eine elegant gekleidete, schlanke Erscheinung, hätte auf das Prädicat „schön" Anspruch zu machen gehabt, wenn nicht sein scharfes, graues Auge einen Ausdruck von Unstätigkeit gehabt hätte, der sehr gegen ihn etnnehmen mußte. Haar und Bart des Professors waren blond und schwach, das Gesicht dagegen edel gebildet. Professor Pfeil überblickte jetzt das Zimmer, ließ durch seinen Diener Fritz kalte Küche aufsetzen und eine Flasche Champagner im Silberkübel mit Eis placiren, dann sagte er zu Fritz: „Du hast heute Abend bis zehn Uhr Urlaub; ich brauche Dich jetzt nicht mehr, geh'I" Fritz ging sofort, murmelte aber dabei: „Besuch von den Schauspielern I Ich möchte wissen, warum der Professor mit diesen Schauspielern so eine Geheimthuerei macht." Der Professor aber stand vor dem Spiegel und flüsterte: „Wie sehe ich denn aus? — Hm, passabel! Ich experimentire mein Geld fort, am Tage im Laboratorium des Erdgeschosses, Abends mit lustigen Schauspielern bei Spiel und Wein im Salon; ah bah, ich glaube, ich halte mir selbst eine Moralpredigt! Etwa», wenn ich am Ende bin, so —! Freilich, wäre mir das Malheur mit dem Dekan nicht passirt, so hätte ich noch meinen Lehrstuhl an der Universität und eine gesicherte Zukunft I Doch zum Teufel mit der Engherzigkeit der Philister I Ich glaube, ich gehörte zur philosophischen Facultät und habe so etwas von der Faustnatur in mir!" Er lachte höhnisch und sang dann leise: „Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, Der bleibt ein Narr sein Leben lang!" „Jetzt wird aber gleich der lustige Astaro auf dem Kiessande des Gärtchens schnellen Schrittes daher kommen!" fuhr der Professor in seinem Selbstgespräche fort. „Wird wohl wieder Neuigkeiten mitbringen!" Nach einem Weilchen schlüpfte eine zierliche Männergestalt in's Zimmer, die mit einem „Guten Abend, Ernst!" den Professor stürmisch umschlang. „Guten Abend, Astaro! Freut mich, daß Du so pünktlich bist!" rief der Professor. „Ich habe den Diener fortgeschickt, mein Junge; denn ich wollte mit Dir eine Weile allein sein!" Er nickte, drehte sich auf den Hacken seiner Lackstiefeln herum und rief aus: „Wie aufmerksam von Dir, daß Du mir ganz besonders Dein Vertrauen schenkst, Professor." Hiermit löste er seinen Mantel, den Professor Pfeil behend dem Freunde abnahm, indem er sagte: „Setze Dich, Astaro! Ich habe mit Dir zu reden." Während Astaro, der lustigste Schauspieler des Residenztheaters, sich setzte und ungenirt von dem kalten Adendbrode zulangte, indeß der Professor die Gläser füllte, fuhr net letztere ernst und leise fort: „Zwei Fragen habe ich an Dich zu richten, Astaro. Ich bin vorgestern Abend im weiteren Freundeskreise vielleicht etwas indtscret in Bezug auf meine wichtigsten Pläne gewesen. Habe ich in der Weinlaune etwa mein Er- findungSproject verrathen?" „Gott bewahre," erwiderte der Schauspieler mit einer betheuernden Miene, „Du hast Deine epochemachende Erfindung kaum angedeutet, und außerdem ist jenen Herren die Chemie doch auch eine mit sieben Siegeln verschlossene Wissenschaft, daß sie gar nicht verstehen können, was Du mit Deinen chemischen Formeln meinst." „O, in dieser Hinsicht kann man nie vorsichtig genug sein," entgegnete der Professor, „denn auf dem Gebiete der wissenschaftlichen Entdeckungen wird mehr gestohlen, als man glaubt und ein einziges unbedachtes Wort könnte meine Erfinvung zur Unzeit verrathen. Aber Deine Zusicherung soll mich beruhigen. Nun aber noch eine Frage: Wer hatte denn den langweiligen Hauptmann von Bach mit in unseren Club gebracht?" „Nun wer anders, als der Baron von Güldener, der ein Vetter des Hauptmanns ist? Was hast Du denn gegen Herrn von Bach? Ich denke, Du bist selbst mit ihm befreundet!" 90 „Ich habe gar nichts gegen diesen biederen Gamaschen« fnopf, Astaro, denn er ist als Freund treu wie Gold. Aber ^merktest Du nicht, wie wenig es ihm in unserer Gesellschaft behagte, er trinkt nicht, er singt nicht, er spielt nicht und scheint auch ein Weiberfeind zu sein. Was soll ein solcher Philister in unserem Club? — Diese Sonderbarkeiten des Hauptmanns wären aber noch nicht das Schlimmste, wenn er nur nicht oben bei dem Oberst als Hausfreund fast täglich aus und ein ginge und in der Einfalt feines Herzens meinen ganzen Plan verderben könnte." „Deinen ganzen Plan verderben?" frug der Schauspieler gedehnt. „Wie soll der biedere Hauptmann dazu lommen?" „Ach so, Du kennst diesen meinen — Herzensplan nicht," erwiderte der junge Profeffor leise und ein leichtes Roth färbte auf einige Augenblicke seine blaffen Wangen. „Astaro, junger Freund, ich bin ernstlich verliebt und zwar in des Obersten einzige Tochter, die vor Kurzem in das elterliche Haus aus dem Pensionat zurückkehrte. Astaro, ich sage Dir, dieses Mädchen ist eine Juno an Schönheit, eine Minerva an Geist und eine Vestalin an Keuschheit und Unnahbarkeit. Wenn ich sie besitzen könnte, würde ich einer der glücklichsten Sterblichen auf diesem Erdball, denn der alte kränkliche Oberst hinterläßt allem Anscheine nach seiner einzigen Tochter auch ein namhaftes Vermögen." „Alle Wetter!" rief halblaut der Schauspieler mit halbkomischem Erstaunen in seinen Blicken. „Das ist viel auf einmal, was Du da eben entdeckt hast, Professor, Schönheit, Geist, Tugend und Reichthum, und diese Herrlichkeiten alle in einem jungen Mädchen vereint! Täuschst Du Dich auch nicht, alter Weiberverspötter?" „Ich täusche mich nicht," antwortete der Professor und mit einem Seufzer fuhr er fort: „Astaro, glaube mir, an diesem Mädchen, an Ruth von Linden, ist meine ganze Spottsucht über die Frauen zu Schanden geworden. Sie erscheint mir wie ein Gebild aus Himmelshöhen und ich werde unglücklich, wenn ich Ruth nicht besitzen sollte. Ich genieße das vollständige Vertrauen des Obersten und seiner Gemahlin und könnte auf dieser Grundlage viel erreichen, aber durch Hauptmann von Bach, der fast täglich mit dem Oberst verkehrt, könnte dieses Vertrauen, welches man mir in der Familie von Linden schenkt, erschüttert werden, Herr von Bach braucht nur einmal ganz zufällig anzudeuten, daß ich in dem Club verkehre. Der Oberst urtheilt nämlich über Spiel und Trunk und andere Passionen junger Lebemänner sehr streng, fast pedantisch Ich verlöre alles Vertrauen bei ihm und seiner Frau, wenn der Hauptmann einmal über unseren Club plaudern sollte." „O, das wird Herr von Bach nicht thun," bemerkte der Schauspieler beschwichtigend, „denn er ist kein Intrigant, sondern eine offene, ehrliche Natur!" „Ja, gerade diese übertriebene Offenherzigkeit fürchte ich am meisten an ihm," tief der Profeffor fast laut aus, „er kann mich verrathen, ohne es zu ahnen " „Aber fei doch nicht zu ängstlich, Professor," entgegnete der Schauspieler, „Du bist bis über die Ohren verliebt und wie alle Verliebten mißtrauisch und aufgeregt. Ueberlege die Angelegenheit mit Ruhe und ziehe nöthigenfalls den Hauptmann von Bach in Dein Geheimniß, Herr von Bach ist ein echter Edelmann." „Run, ich will mir diesen Vorschlag überlegen," sagte Professor Pfeil beruhigt, „Du kennst ja jetzt hinlänglich meine Lage, Astaro, und wirst einsehen, daß bis auf Weiteres hier in meiner Wohnung auch unter dem Siegel des Geheimnisses keine vergnügten Abende mehr stattfinden können, denn der Oberst soll nicht wissen, daß ich das lustige Leben liebe- Theile das den Freunden so geschickt wie möglich mit." „Werde das bestens besorgen, Ernst!" entgegnete Astaro und schenkte sich ein neues Glas Wein ein. „Gleichzeitig möchte ich Dich auch bitten, so geschickt wie möglich die schöne Sängerin Camilla von der Hofoper darauf vorzubereiten, daß ich gar nicht daran denke, sie zu heirathen, denn . . , ." In diesem Augenblicke ertönte die Klingel bet Eingangr- pfotte der Wohnung und der Profeffor fuhr erschrocken auf. „Zum Kuckuck, ich habe wohl gar vergessen, die äußere Thür abzuschließen!" rief er halblaut, eilte hinaus auf den Corridor und fah eben einen hochgewachsenen Offizier in das Haus treten. „Störe ich?" fragte der Offizier. „Durchaus nicht I" erwiderte Professor Pfeil mit erzwungener Freundlichkeit. „Bitte, treten Sie einstweilen hier in dieses Zimmer ein, ich zünde gleich Licht aus dem Corridore an, mein Diener, der leichtsinnige Mensch, hat vergessen, die Lampe anzubrennen." Er entzündete dann das Gas in seinem Arbeitszimmer, schob dem Besucher einen Stuhl hin, setzte ihm Cigarren, Feuer und Aschenbecher vor und meinte bann: „Entschulbigen Sie mich nur eine Minute, Herr Hauptmann, ich will sofort einmal nachsehen, ob mein Diener zurückgekehrt ist." Professor Pfeil eilte aber zu Astaro zurück und flüsterte ihm zu: „Hauptmann von Bach ist eben angekommen, langweiliger und unverhoffter Besuch, aber ich konnte ihn nicht abweisen. Du mußt jetzt leise hinaus, denn es ist besser, wenn ich die Gelegenheit wahrnehme und dem Hauptmann gleich einmal auf den Zahn fühle, daß er mich nicht bei dem Obersten anschwärzt. — Bitte, nimm es mir nicht übel, Astaro, wir sehen uns morgen wieder." „Ich weiß Deine Lage vollkommen zu würdigen, Freund, und werde in Deinem Interesse mein Bestes thun," erwiderte leise Astaro „Auf Wiedersehen morgen Abend im Club!" „Gute Nacht!" flüsterte der Professor und geleitete den Freund leise hinaus, sodaß der im Arbeitszimmer des Professors wartende Hauptmann von Bach von dem Besuche gar nichts bemerkte. „Blieb ich lange?" fragte Professor Pfeil den Haupt« mannn. Der Offizier, dessen edles Gesicht dem Gelehrten voll zugewendet war, entgegnete freundlich: „O, bitte sehr, Sie waren ja kaum eine Sekunde abwesend, lieber Professor!' „Dafür bin ich jetzt auch ganz zu Ihrer Verfügung, Herr von Bach!" lautete die verbindliche Antwort des Professors. Er zündete sich ebenfalls eine Cigarre an, setzte sich dem Hauptmann gegenüber und fragte: „Was gibt es Neues, Hauptmann?" „Neues? Neues bei uns? Ein neues Seitengewehr, eine neue Pickelhaube, einen neuen Tornister, lauter Sachen, die mich eigentlich wenig intereffiren 1' „Aber mein Gott, was soll den Offizier wohl sonst in« teressiren?" „Sagen Sie den Gamaschenknopf!" „Da mögen Sie vielleicht nicht ganz Unrecht haben!" „Ohne Zweifel; mich intereffirt nur die Strategie und die Mathematik, und das ewige Einerlei des Garnisondienstes langweilt mich," fuhr der Hauptmann fort. „Als ich bei dem Oberst von Linden Ihre werthe Bekanntschaft machte, Herr Professor, sagten Sie mir, glaube ich, daß Sie selbst vier Semester Mathematik studirt hätten!" „Gewiß!" erwiderte der Professor. „Da möchte ich Ihren Rath in einer trigonometrischen Aufgabe in Anspruch nehmen, die ich jetzt bearbeite!" „Lassen Sie hören!" Man vertiefte sich nun in die Materie der Trigonometrie, soweit diese das Parallelegramm der Kräfte berührt, und prüfte eine Aufgabe, die der Hauptmann von Bach selbst erfunden- Es handelte sich um ein sich sortbewegendes Schiff, aus welchem auf ein bestimmtes Ziel mit einer Büchse, deren Kugel eine gewisse Schnelligkeit besitzen sollte, geschossen werden sollte und zwar mit dem Erfolge der Treffsicherheit- Der Hauptmann von Bach entwickelte die Aufgabe in zwei Sätzen, die der Professor in der Thal als richtig anerkennen mußte- Befriedigt lehnte sich der Hauptmann jetzt zurück, der Professor aber sagte lachend: „Ich hätte nie geglaubt, daß sich zwei so diametrale Neigungen wie die abstracte Mathematik und die sentimentale Dichtkunst in einer Menschenseele KL vereinigen ließen, wie dieses bei Ihnen der Fall ist, Herr von Bach!" Hauptmann von Bach erwiderte lächelnd: „Sie hatten dabet, werther Herr Professor, gewiß von Ihrer eigenen Person abgesehen?" „Wieso?" frag der Professor scheinbar erstaunt. „Sie sind Chemiker; ich entdeckte aber neulich, daß «sie nicht nur Poesie genießen, sondern auch bisweilen selbst den Pegasus besteigen!" Professor Pfeil lachte laut auf und sagte dann: „Ein Trugschluß, Hauptmann; die Chemie ist die zersetzende Scheide» kunst I In deren Fahrwasser bleibe ich auch, wenn ich bisweilen auch ein beißendes Epigramm dichte!" „Hübsch gesagt! Und wie heißt Ihr neuestes Opus dieser Gattung?" „Ich weiß nicht, ob Sie meine Ausfasiung theilen! - bemerkte der Professor. „Gleichviel, ich werde mich an die Form und den Geist de» Epigramm» halten! ' „Nun denn, es lautet folgendermaßen: „Cupido heißt ein Schalk mit Recht! Nach seinem Pfeilschuß lustig schauet Er auf das männliche Geschlecht, Das noch auf — Weibertreue bauet!" Der Hauptmann meinte hierauf: „Gewandt und echt epigrammatisch, aber boshaft!" „Poetische Scheidekunst, Herr Hauptmann!" gab der Professor zurück. Edgar von Bach stand auf, griff zu Mütze und Handschuhen und sagte: „Was den Inhalt ihres Epigramms anbelangt, so erlaube ich mir nicht, mein Urtheil in die Wage zu werfen, denn ich besitze keins! Merkwürdig, dis Weiber sind mir bet meinen vierunddreißig Jahren ein Buch mit sieben Siegeln geblieben!" „Sie Hagestolz!" scherzte der Professor. „Spotten Sie nicht I Ich glaube fast sind Sie in meiner Lage, Sie sind auch unverheirathet," erwiderte der Hauptmann. „Ich bin aber unvermählt geblieben, weil ich die Weiber zu gut kannte! Doch es gibt Ausnahmen, Herr Hauptmann, Frauen, die wir bewundern und verehren müssen und Sie werden mich, wie ich hoffe, weder als verbissenen Verächter des schönen Geschlechts noch als leichtfertigen Lebemann ansehen, auch deshalb nicht, weil ich, wie Sie neulich im Paradies- Club sehen konnten, zuweilen mit jungen Lebemännern verkehre." „O, ich denke nicht daran, Sie schief zu beurtheilen, lieber Professor," entgegnete treuherzig der biedere Hauptmann. „Sie sind eben zuweilen ein Schalk, schreiben beißende Epigramme und verkehren gern in lustiger Gesellschaft, um sich die Langeweile des Junggesellenlebens zu vertreiben." „Ich danke Ihnen für Ihr liebenswürdiges Urtheil, Herr von Bach," sagte Professor Pfeil verbindlich, „es liegt mir wirklich daran, daß gerade Sie, ein vollendeter Gentleman, mich nicht falsch beurtheilen, denn es werden dadurch auch beiderseitige Bekannte von uns abgehalten, mich in einem schwarzen Lichte zu betrachten, wenn ich einmal in lustiger Gesellschaft gesehen werde." „Gewiß werde ich, wenn es nöthig erscheint, stets bemüht sein, Sie in das rechte Licht zu stellen, lieber Professor," entgegnete der Hauptmann. „Doch es ist spät geworden und ich muß mich entfernen. Gute Nacht und nochmals besten Dank für Ihre freundliche Begutachtung meines mathematischen Problems." „Herr von Bach, ich stehe Ihnen gern zu Diensten," antwortete verbindlich der Professor und verabschiedete sich herzlich von dem Hauptmann. „Er ist mir nicht gefährlich, er ist ein ebenso guter als langweiliger Mensch," dachte Professor Pfeil, als er in sein Arbeitszimmer zurücktrat, um noch einige Zeitungen zu lesen. II. Einige Tage nach den geschilderten Vorgängen in der Wohnung de» Professor Pfeil entwickelte sich eine» Morgens in der von Lindensschen Wohnung eine rege Thätigkeit. Eine Droschke fuhr vor und aus derselben entstieg eine junge, schlanke Dame mit langen, blonden Locken und blauen Augen. Ihr Profil war von einer wahrhaft klassischen Schönheit, ihre Züge regelmäßig und von vollendeter Grazie. Professor Pfeil konnte diese Schönheit genau beobachten, denn eben in seinem Laboratorium beschäftigt, blickte er ungesehen durch die Jalousien der Fenster und murmelte: „Ah, da ist sie, meine angebetete Ruth! Sie kommt wie es scheint etwas unverhofft von der Reise zurück, die sie vorgestern zum Besuche einer Freundin angetreten. Man hat Ruth wahrscheinlich erst mit dem Mittagszuge erwartet und sie ist nun schon mit dem Frühzuge gekommen- Alle Bilder, sagt man, sind geschmeichelt; dasjenige Ruths, welches bei ihrem Vater auf dem Schreibtische steht, bleibt aber hinter der Wirklichkeit weit zurück! — Wahrhaftig, sie ist eine wirkliche Schönheit!" Inzwischen kamen der Oberst von Linden nebst Gattin die Treppe herab, umarmten und küßten die heimkehrende Tochter, lohnten den Roffelenker ab und riefen nach Diener und Magd, welche die Reiseeffecten der Angekommenen nach oben schleppten. Nachdem Ruth noch mit einem flüchtigen Blick den Vorgarten gemustert hatte, ging sie mit den Eltern in den oberen Stock, wo ein Hin- und Hergehen andeutete, daß man das Zimmer für das Fräulein in Stand setzte, denn wie der Professor von dem Diener des Obersten erfuhr, war Ruth erst am folgenden Tage erwartet worden. Der Professor hatte kein Auge von dem lieblichen Frauenbilde gewandt, so lange er die reizende Erscheinung verfolgen konnte. Nachdenklich schob er die Retorte, mit der er experimentirt, zur Seite und sagte: „Da» wäre so ein Mädchen, welches ich heirathen möchte, wenn ich eine gesicherte Stelle hätte! — Ob ich dieses Experi- mentiren aufgebe und mich nach einer Anstellung umsehe? Doch jetzt nicht, wo ich dem Resultat einer Jmprägnir-Mafle nahe bin; diese Erfindung muß mir viele Tausende eintragen! Das lustige Junggesellenleben hat mich doch weidlich Geld gekostet, mir bleiben nur noch zwei Consols zu 5000 Mark übrig! Bin ich damit fertig und ich greife nicht nach einer Stellung, oder mache eine gute Heirath, so bin ich so ziemlich am Ende angelangt!" Er lächelte wie einst, als er noch nicht den Glauben an die Menschheit verloren hatte, dann gedachte er eines früheren Liebesverhältnisses, welches ihn an die Tochter der Decans in der benachbarten Universität geknüpft hatte und murrte drohend und seltsam: „Wer kann mir die Schuld zufchieben? That ich's? Wollte ich's — Ah bah, der nur ist aufgegeben, wer sich selbst aufgibt! — Wenn ich jetzt reinen Tisch mache, mit der Vergangenheit breche und ein solider Mensch werde, so schaffe ich mir auch eine neue Stellung oder beute meine Erfindung aus, so kann es mir nicht fehlen, emporzukommen. Und auch bei Rath kann es mir noch glücken. Wird sie ander» sein als alle übrigen Mädchen? Sollte ihre Gunst so schwer zu erlangen sein?" Auf Pfeils Gesichte erschien wieder der maliliöse Zug, der es so unschön machen konnte, dann stieg er die Stufen hinauf, begab sich in sein Schlafzimmer und kleidete sich mit Sorgfalt an. „Ich werde heute sogleich Visite machen!" flüsterte er. „Frisch gewagt, ist halb gewonnen! Ich bin der schönen Ruth von Linden noch gar nicht vorgestellt, sondern sah sie nur am Fenster und im Garten." Bald stand er fertig da und stieg die Treppe hinauf nach der Wohnung des Obersten von Linden. Der Diener meldete ihn an- Der Professor fand Vater, Mutter und Tochter zusammen im Salon. Das Fräulein hatte sich bereits umgekleidet und Pfeil konnte auch in dem grauen Hauskleide die tadellose Schönheit Ruths bewundern. (Fortsetzung folgt.) SS Me Aamikientageöücher. —— (Nachdruck verboten.) Vor Kurzem wurde in einer egyptischen Pyramide eine Papyrurrolle aufgesunden, die ein wundersames Recept enthielt, nämlich: ein HaarerzeugungSrecept. Die Mutter des Königs — so besagt die PapyruSrolle — war kahlköpfig geworden und hätte gerne wieder neues Haar gehabt. Die damaligen Aerzte verordneten nun Folgendes: Hundepfoten... 1; Datteln ... 1; Eselrkoth ... 1, in Oel gekocht, mit dem Extract die Kopfhaut eingerieben. — Das geschah 4000 Jahre vor Christi Geburt. Daß wir 1700 Jahre nach Christi Geburt, also 5700 Jahre später, in der inneren Medicin noch um keines Millimeters Brette vorwärts gekommen waren, beweisen einige Recepte aus den uns vorliegenden alten Familien- tagebückern. Die Recepte sind zu hübsch, als daß man nicht einige Proben mittheilen sollte, daher mögen etliche hier folgen: So ein Mensch den Husten hat, der brate Zwiebeln und schmiere die Fußsohlen damit, es hilft. — Ein bewährtes Stück, so ein Mensch Hühneraugen an den Füßen hat: zerstoße Knoblauch, lege ihn darauf, das Hühnerauge gehet heraus; schmiere sie auch mit schwarzer Schnecken Waffer, es hilft auch. — Ein Mittel gegen die Schwindsucht lautet folgendermaßen: So bey einem Menschen die Schwindsucht will ansetzen, der nehme Fuchslunge und Leber und reibs, in einer warmen Suppen eingenommen und den Trank mit Menschenoder Hundsschmalz gemischt. „Prosit die Mahlzeit!’' darf man hier getrost wünschen. Das Recept gibt demjenigen der e.yptischen kahlköpfigen Königin gewiß nicht viel heraus. — Em anderes Recept heißt: So ein Mensch die Coliea oder Reißen im Leibe hat, der zwinge drei Troppen aus Pferde- dr . . ., dieselben mit Branvenwein eingenommen und warm gehalten. — Daß die Flöhe in ein Zimmer zusammen kommen, nimm Bocksblut in ein Geschirr, setze es ins Zimmer, so springen die Flöhe allein darein; er ist probat. Zu damaliger Zett (im siebzehnten Jahrhundert) war man sehr abergläubisch und sürchtete sich sehr vor Hexen und Zauberer. Der Hexenaberglaube ist bis aus den heutigen Tag bei unseren Landbewohnern noch nicht verschwunden. Unter Ord.-Rr. 18 der Receptensammlung in dem uns vorliegenden Tagebuch heißt es wörtlich folgendermaßen: Ein Pulver zu machen, so ein Mensch oder Vieh bezaubert ist: Nimm Fünffingerkraut, schwarzen Kümmel, Todenbein, Holz, dos fließend Wasier auswirft, das zu Pulver gemacht; so ein K nd be- schrieen eine Messerspitze voll; so ein Großes bezaubert ein Quintel; ein Pferd zwei Loth in Essig; ein Rindvieh ein Loth auch in scharfen Essig. Richt weniger als 70 derartige Recepte sind in dem Buche notirt; sie betreffen: Schwerhörigkeit, Kröpfe, Viehsterben; daß keine Hexe in Haus oder Stall kommt, oder wenn sie drinnen ist, daß sie nicht heraus kann; Schutz gegen giftige Thiere; nützliche Kunst gegen Pest und böse Luft; Mittel gegen Zahnschmerzen; Mittel gegen Schlaflosigkeit und noch vieles Andere. Wir haben oben einige Recepte wörtlich aufgesührt. Die anderen sind ähnlich; alle gleichen mehr oder weniger den Recep- ten der alten Egypter vor 5000—6000 Jahren. Liest man sie durch, dann kommt einem unwillkürlich der Gedanke: Was müssen doch unsere Altvordern kräftige Köpfe, Glieder und Mägen gehabt haben, daß sie derartige saftige Dinge einreiben, einnehmen, vertragen und vielleicht auch manchmal dadurch geheilt werden konnten. Unter Ord-Rr. 63 wird ein ganz besonders gutes Recept notirt, vielleicht probirt es ein freundlicher Leser. Es heißt: Wenn der Mensch einen blöden Kopf hat und ist fast zerstreut, saß einen Omeisenhaufen in einen Sack, koch ihn sechs Stund in einem Kessel voll Wasser, das Waffer faß darnach in Flaschen und disdllir es in der Sonnen, mit dem Waffer den zerstreuten Kopf gewaschen, ists weg, oder gar darinnen baden, auch Eselsblut eingeben. — Wsr's nicht glaubt, versucht! — Bis auf den heutigen Tag herrscht unter dem Volke noch der Glaube an glückliche und unglückliche Tage. In früheren Jahrhunderten, besonders im siebzehnten, als der Hexenglaube in höchster Blüthe stand, hielt man ängstlich barmt, an unglücklichen Tagen nichts vorzunehmen. Ein glück- licher Tag ist der Sonntag Lätare, auch Rosensonntag genannt, weil der Pabst an diesem Tage die goldene Rose weiht. Dagegen wird der Sonntag Judica der schwarze genannt, weil an diesem Tage leicht Unglücksfälle, Uebel« und Mord- thaten vorkommen sollen Zur Feier von Hochzeiten, Ki- d- taufen und sonstigen Familienfesten sind die sogen, güldnen Sonntage sehr beliebt, das sind diejenigen Sonntage, welche nach den vier Quatembern folgen. Wer auf einen solchen Sonntag geboren ist, sieht die Geister, Unholde und Gespenster, sie können ihm aber nichts anhaben. Schreiber dieser Zeilen ist auf einen solchen Sonntag geboren, er hat aber noch nichts von diesen Dingen gemerkt. Rach den Aufzeichnungen unseres Familientagebuchs gibt es 42 unglückliche Tage im Jahr. Die meisten, nämlich sechs, gibt es im Monat Januar; die wenigsten, nur zwei, gibt er in den Monaten Juni und October. Unter diesen 42 Tagen sind wieder fünf, nämlich: der 3. März, 17. August, 1., 2. und 30. September, an denen man nicht reisen soll. Dann aber gibt es noch drei Tage im Jahr, welche die allerunglücklichsten sind, nämlich: der 1. April, an welchem Judas Jscharioth der Verräther geboren wurde; der 1. August, an welchem Erzengel Michael den Teufel vom Himmel stürzte; der 1. December, an welchem Sodom und Gomorrah versanken. Wer an eine n dieser Tage zu Ader läßt — so berichtet das Büchlein — der stirbt gewiß in sieben bis acht Tagen. — Das Aderlässen spielt in der neueren Medicin keine Rolle mehr, die drei unglücklichen Tage richten also keinen Schaden an. Bei den Waidgesellen, Jägern und Jagdfreunden pflegt bis auf den heutigen Tag der Aberglaube noch zu spuken. Wenn manche Jünger Nimrods in der Morgenfrühe zur Jagd aufbrechen und es begegnet ihnen ein altes Weib, dann speien sie aus, denn eine solche Begegnung bedeutet Jagdunglück. Wünscht man Glück zur Jagd, so danken sie mit einem nicht wieder zu gebenden Worte, denn „Glück" darf man zur Jagd nicht wünschen, sondern ..Waidmanns Heil!", worauf der Nimrod mit „Watdmanns Dank!" erwidert. Unser Tagebüchlein enthält aber auch Nachrichten über Krieg, theuere Zeiten und ähnliche Dinge. Zum Beispiel: Am 23. April 1797 sind die Franzosen bei uns eingerückt und hat ein Lager bei Heuchelheim gestanden. Dann bekamen wir ,150 Mann Infanterie sechs Tage, darauf von den blauen Husaren bis 19. Mai und rothe Husaren bis in den Herbst; haben gar Vieles aurgestanden, bin damals Bürgermeister gewesen, habe meine Kleider nicht vom Leibe gebracht und Tag und Nacht keine Ruh gehabt. — Welche Summe von Angst, Sorge, Arbeit und Last liegt in diesen schlichten Worten. Was würden die Franzosen heute mit uns anfangen, wenn sie bei uns einbrechen könnten! Wir wollen doch lieber Steuer zahlen, als die Franzosen bei uns sehen. Zum Schluffe möchten wir noch einen Eintrag aus dem 19. Jahrhundert bringen, welcher zeigt, daß auch schon Jahre wie das schlechte 1893er da waren. Nämlich 1822: In diesem Jahre ist ein dürrer Sommer gewesen und haben sich die Mäus' vermehrt und das Korn und den Winterweizen fast ganz, die Gerste und den Haber ganz gefreffen. Hernach haben wir einen großen Kieselschlag darein gekriegt, daß vollends Alles zerschlagen wurde, was die Mäus' noch übrig gelaffen. Das Gewächs im Brachfeld, die Kartoffeln, Flachs und Kraut liegen ganz verheert u. s. w. — Wir sehen daraus, daß der 1822er Sommer dem 1893er nichts herauszugeben braucht. Es wuchs auch Anno 1822 ein guter Wein, aber bei weitem nicht so viel- wie Anno 1893. — Wir nehmen hiermit Abschied von dem interessanten Büchlein, das uns von Merkwürdigkeiten aus dritthalbhundert Jahren in unserer Gegend berichtet und hoffen dem freundlichen Leser durch diese Auszüge eine Freude gemacht zu haben. Redaction: A. Scheydg. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.