1894 ......H—@-4- cr-E.1 lS—'S ♦——^3—H——^_5 Nntevhaltnngsblatt |um Gretzenev Anzeiaev (Gensval-Anzeig-v) Dienstag, den 23. Januar. 7;'h Das Glück des Lebens. ’ Novelle von U. Deis. (Fortsetzung.) „Hier, meine beiden Nettesten!" Hartmann wies auf zwei ' frische Knaben von etwa 5 und 3 Jahren, die dem Fremden ■ zutraulich die Hand entgegenstreckten. „Meine schreienden I Säuglinge!" scherzte der Vater weiter. „So beliebtest Du doch, sie zu nennen?" „Bei Leibe! Das hast Du hoffentlich Deiner Frau nicht gesagt? — Guten Abend, Jungens! Wie heißt Ihr? — Du natürlich Werner?" wandte er sich an den Nettesten. Der Junge nickte. „Na, das mußte ja so sein. Und Du? Kaspar?" Der Kleine schüttelte den Kopf. „Nee, Friedrich." „Auch ein schöner Name. Ich heiße Onkel Scheffler oder Herr Scheffler oder wie Ihr mich nennen wollt. Und hier ; habe ich Euch eine Scheffelsdüte mitgebracht. Seht einmal, I was drin ist." . Strahlend griffen die kleinen Hände nach dem Gebotenen. Dann aber nach dem ersten Blick der fröhlichen Augen in das Innere nahm der Aeltere die Düte und bot sie seinem Vater. „Da, Papa, heb' Du sie uns auf." „Na, höre, das sind aber Musterknaben! Ich habe mir an solchen Spenden der Onkels und Tanten früher regelmäßig den Magen verdorben." „Freundliche Absicht für meine Jungen, bei denen Du dem» nach das gleiche Resultat zu erzielen suchtest. Da ist es ja gut, daß ich sie gewöhnt habe, sich ihre Portionen nach und nach zu holen." Er theilte den Beiden aus. „So, nun lauft zu Mama und sagt ihr, sie möge uns mittheilen, wann wir kommen dürfen." Die Knaben liefen hinaus, beglückt ihre süßen Schätze in der Hand haltend. Die beiden Männer setzten sich. Scheffler ließ seine Augen durch das Zimmer gehen. Von der Eleganz, die bei ihm zu finden war, war nichts zu sehen, es herrschte große Einfachheit. Ein „Arbeitszimmer", mit dem Worte war es beschrieben. Davon sprach der altmodische, mit Heften bedeckte Schreibtisch, die Bücherregale, da« Pult, kurz, Alles. Aber der Ruheplatz fehlte auch nicht. Man sah es dem alten Lehnstuhl am Fenster an, daß er benutzt wurde und daß eine sorgende Hand diesen Platz gerade zu einem gemüthlichen zu machen gewußt hatte. Am andern Fenster stand ein scheinbar nicht hierher gehörendes Stück Möbel, ein Nähtisch. „Du musterst meine Stube ja mit sehr kritischen Blicken, Ernst." „Das schadet ihr jedenfalls nicht- Mir wäre ste allerdings etwas kahl, aber man steht doch, Du wohnst darin. — Allerdings schmeckt sie sehr nach vielem Arbeiten und das ist nie meine besondere Leidenschaft gewesen. Aber sage, Du mußt doch in Deinen Freistunden nicht auch noch Kinderzeug nähen, oder stopfen?" — Er wies auf den Nähtisch. „Nein, lieber Freund, das besorgt meine Frau gründlich. Aber da sie mir das Recht eingeräumt hat, in ihren Zimmern weilen zu dürfen, so habe ich nicht umhin gekonnt, ihr dafür ein gleiches Zugeständniß für das meine zu machen. So sitzt sie denn mit ihrer Nähterei oft bei mir und ich kann Dir sagen, es stört nicht in der Arbeit, wenn ich einmal aufblicks und sehe dann ihr freundlich nickendes Gesicht." „Hm, hm! Das kenne ich nun freilich nicht." „Ich bedaure Dich darum. Es ist doch wahr, daß der Mann nur ein halber Mensch ist und daß das Glück des Lebens ihm erst, soweit es überhaupt ein Glück des Lebens gibt, dann aufgeht, wenn er feine bessere Hälfte gefunden hat-" Scheffler lachte. „Das ist Deine Auffaffung und ich darf ja nicht ungalant sein einen Augenblick, ehe Deine Gattin in's Zimmer trtt- Es ist ja auch ganz amüsant, so einmal mit ein paar lustigen Jungen wie den Deinen zu scherzen. Aber das Vergnügen und der Genuß liegen doch mehr auf der Seite des unbetheiligten Zuschauers, der auf ein paar Stunden einsieht und weggeht, wenn die Geschichte anfängt, ihm unbehaglich zu werden. Du aber mußt auch die langweiligen und bitteren Seiten mit durchkosten, Ungezogenheiten, Krankheiten und — was weiß ich? Und schließlich, wenn die Jungen groß sind, machen sie Dir den Kopf warm mit dummen Streichen und Deine Tochter soll an den Mann gebracht werden. Da flieht Alles vor Dir als dem zukünftigen grämlichen Schwiegervater und gar Deine beffere Hälfte I Du kennst das Renommee der „Schwiegermama". Nein, lieber Freund, Du magst mir Dein Glück noch so groß ausmalen, wie es im Stande der heiligen Ehe Dir geworden ist, das beffere Loos habe ich doch zunächst und werde hoffentlich vor solchen Thorheiten bewahrt bleiben." Hartmann hatte belustigt zugehört. „Lieber Freund, sprich nicht zu laut, besonders nicht über die Schwiegermütter. Die meinige wohnt bei mir." Der Gast sprang auf. „Natürlich sitzt sie nebenan und wird mir als Zugabe zum Thee eine Vorlesung über die Vortrefflichkeit der bejahrten Damen halten. Werner, laß mich wieder gehen. Mir wird schwach in diesem Musterhause. Denn Dich hat das noch gar nicht angegriffen, wie man Dir ansteht, daß Du auch unter diesem Zepter außer dem Deiner Frau stehst. Ich muß Dich nächstens für einen Wundermann halten." „Nun, meine Schwtegermama hat allerdings ihre Wohnung für sich, eine Treppe unter uns, doch dürfen wir sie zu den Mahlzeiten und Abends bei uns sehen, sie und meine Schwägerin." „Was, Schwägerin auch noch? — Hartmann, in welches Haus bin ich gerathenl Da kommen übrigens Deine Spröß« linge wieder und bringen wahrscheinlich die Nachricht, daß ich jetzt erscheinen darf. Und ich bin noch ganz fassungslos über diese Mitthetlungen." Hartmann öffnete lachend die Thür, vor der man die Schritte der Knaben hörte. Mit ihnen zugleich trat eine junge Frau ein. „Hier, Minna, mein Freund Scheffler, den ich zu meiner Freude heute wiedergefunden und gleich zu Abend eingefangen habe. Er freut sich, einmal an Deinem reichbesetzten Tische essen zu dürfen, da Dresse! und die anderen dürftigen Locale unter den Linden feinem Geschmacks nicht mehr genügen." Die Frau streckte dem sich verbeugenden Gaste freundlich die Hand hin. »Ich hoffe, Sie kommen nicht wegen der reich besetzten Tafel, denn dann würde ich von vorneherein unter die Volksküchen zu rechnen sein dem gegenüber, was Sie gewohnt sind. Aber ein freundlich Gesicht sollen Sie schon haben als Freund meines Werner, der freilich nicht viel taugt, wenn man nur nach seinen bösen Reden urthetlen will." „Gnädige Frau, Sie sind sehr gütig, mein Eindringen in Ihre stille Häuslichkeit so freundlich zu beurtheilen. Es ist mir allerdings eine große Freude gewesen, Ihren Gatten heute wieder zu treffen, eine noch größere, von ihm gleich die Er- laubniß erhalten zu haben, auch Ihnen vorgestellt werden zu dürfen." „Ei, ei, eben hat er mir noch eine Vorlesung über die Thorheit des Heirathens gehalten; Du mußt doch eine wunderbare Gewalt über Männerherzen haben, Minna," schmunzelte Hartmann. Das trug ihm ein Knurren von Seiten Schefflers, dem ein verlegenes Räuspern folgte, und einen leichten Schlag von seiner Frau ein. „Au!" schrie er und rieb sich die Schulter. „Siehst Du, Freund, das ist das Glück der Ehe; so wird man für Wahrheit und Schmeichelei behandelt." „Sie werden ihn kennen, Herr Scheffler, und wissen, was Sie von seinen Bosheiten zu denken haben. Aber kommen Sie, unser Thee wartet." Die Frau ging durch'» Nebenzimmer, die Männer folgten. „Höre, Du wirst nun aber von unserer Unterhaltung schweigen," raunte Scheffler dem Freunde zu. Der zuckte die Achseln. Im Eßzimmer warteten bereits zwei Damen. „Hier, liebe Mama, mein Freund Scheffler," stellte Hartmann vor. „Frau Pastor Mone, Fräulein Frieda Mone, Collegin von mir, unterrichtet höhere Töchter." Scheffler blickte nach der Begrüßung das junge Mädchen flüchtig an. Wo hatte er doch das Gesicht schon gesehen? Auch in ihren Zügen zuckte ein Erkennen auf. Erröthend trat sie schnell auf ihn zu und reichte ihm die Hand. „Wie freue ich mich, Ihnen hier zu begegnen, Herr Scheffler, um so meinem bis dahin unbekannten Retter danken zu können." Erstaunt sah er ihr in'» Gesicht, dann aber kam auch ihm die Erinnerung, wo er bereits dasselbe gesehen habe. Es war vor ein paar Wochen gewesen, da hatte er auf einer Straßenkreuzung ein junges Mädchen vor einer Droschke weg- gerissen, welche sie ohne sein Dazwischenkommen unfehlbar überfahren haben würde. Das Gedränge hatte die Beiden sofort wieder getrennt. „Ach ja, ich erinnere mich. Aber meine That war nicht der Rede werth, nur ein glücklicher Zufall, der mich Ihnen in den Weg brachte. Es war das Ganze doch ohne nachtheilige Folgen?" „Ganz und gar, es that mir nur weh, daß ich Zhnesi nicht zu danken vermochte. Um so größer war meine freudige Ueberraschung, als ich Sie eben erkannte; denn Ihre Züge hatten sich mir in dem Augenblick der Gefahr eingeprägt." „Nehmen Sie auch meinen Dank für die Rettung meiner Tochter," die alte Dame drückte ihm kräftig die Hand. „Gott der Herr segne Ihnen, was Sie an meinem Kinde thaten." Scheffler wurde eigenthümlich zu Sinne. Er hatte das ganz vergessen gehabt, nur jenes erschreckte und anziehende Mädchengesicht hatte ihm noch öfter in Gedanken vorgestanden, bis es im Getriebe des täglichen Lebens fast verblaßt war. Jetzt stand es wieder vor ihm, freilich nicht mehr blaß und erschreckt, sondern frisch und fröhlich. Weniger anziehend erschien es ihm aber nicht. „Ich schlage vor, wir fertigen ihm die Rettungsmedaille nach Tische aus," begann Hartmann, „ich wenigstens habe großen Hunger und wir werden ihm, wenn er irgend gleiche Gefühle hegt, so unsere Dankbarkeit am besten beweisen." „Von der Rettungsmedaille will ich dispensiren," versetzte Scheffler, „aber für eine Tasse Thee würde ich allerdings jetzt sehr dankbar sein." „Nun, da setze Dich zunächst an den Deiner That am meisten entsprechenden Platz zwischen meine Schwiegermutter und Schwägerin. — Liebe Mama," wandte Hartmann sich an die erstere, „mein Freund hat mir erst gesagt, wie sehr hübsch er es sich denkt, wenn man wie ich seine Schwiegermutter stets bei sich haben kann." Der so gut Beleumundete warf dem Sprecher einen vorwurfsvollen Blick zu, der aber dem komischen Ernste in den Zügen desselben durchaus keinen anderen Ausdruck verlieh. Die alte Dame hatte ihren Schwiegersohn angesehen und lachte herzlich. „Mein lieber Herr Scheffler, seien Sie unbesorgt, ich verstehe so ziemlich, was mein Herr Schwiegersohn im Ernst oder Scherz sagt. Wahrscheinlich hat er jetzt eine kleine Bosheit gegen Sie verübt. Sie werden vermuthltch andere Aeußerungen gethan haben, was ich Ihnen gar nicht verdenke. Der arme Mann meiner Tochter hat ja auch ein saures Leben, täglich mit drei keifenden Frauenzimmern, deren eine noch dazu feine Schwiegermutter ist, verkehren zu müssen, ist doch keine geringe Aufgabe. Finden Sie nicht auch, daß er elend und kümmerlich aussieht, vergrämt, vor der Zeit alt?" „Nun, in der That, gnädige Frau, wenn eine derartige Umgebung solche Wirkungen hat, wie bet meinem Freunde, da möchte ich selber seinem Beispiele folgen. Aber die Sache ist riskant." „Sehr riskant, lieber Freund, sehr riskant!" betheuerte Hartmann mit affectirtem Ernste. „Und wie sagt doch noch das Sprüchwort: Der Schein trügt! Wenn Du die ganze Last kenntest, die meine Schultern zu tragen haben!" „Lieber Werner, jedenfalls trägst Du die Lasten des Wirthes sehr leicht. Du hast Deinem Gaste noch nichts angeboten," erinnerte Frau Minna. „Ja, siehst Du, über den Sorgen vergesse ich Alles. Aber das mußt Du mir zugeben, angenehm ist es dann doch, wenn die holde Gattin für uns denkt. Nun bitte, greife zu. Was Du siehst, soll Alles Dir gehören, übertriebene Genüsse erwarten Dich freilich nicht." Doch der Gast fand, daß ihm selten so gut ein Abendessen geschmeckt hatte, wenn es auch viel einfacher war, als er er für gewöhnlich einnahm. Nicht zum wenigsten that dazu freilich die Gesellschaft, in welcher er sich befand. Das neckende Gespräch war in ein ernsteres übergegangen und er stellte unwillkürlich Vergleiche an mit den Abendunterhaltungen, welche er gewöhnlich im Kreise seiner Genossen fand. Sie fielen nicht zu Ungunsten seiner heutigen Umgebung au». Als das Abendessen beendet war, trug einer der Knaben, welche an der Seite von Vater und Mutter ihren Platz gefunden hatten, ein Buch herbei. Hartmann las den Abendsegen, die Kinder verabschiedeten sich zum Schlafengehen und die Familie ging in's Wohnzimmer hinüber, wo die Herren bei einem Glase Bier ihre Cigarren rauchten, die Frauen sich zur Handarbeit setzten. — 36 - „Ist es wahr, gnädiges Fräulein, daß Sie sich mit Unter, richten plagen?" unterbrach Scheffler eine plötzlich eingetretene Pause der Unterhaltung. „Ja, allerdings, nur nicht bei den „höheren Töchtern", wie erst mein Schwager freundlichst bemerkte. Ich bin Leh- rerin an einer Gemeindeschule, habe also die „niederen Töchter" vor mir." Der Frager fühlte sich fast unangenehm berührt. Das war doch eine fast ordinäre Thätigkeit in seinen Augen. Also eine richtige „Schulmamsell", wie man in seinen Kreisen sagen würde. Unwillkürlich kräuselten sich seine Lippen etwas ver- ächtlich und der blasirte Zug trat auf sein Gesicht. „Nun, verzeihen Sie, angenehm denke ich mir eine solche Thätigkeit bei den ungezogenen Bälgen aus den niederen Stän- den nicht." Das junge Mädchen sah ihn unbefangen an. „Das ist sie durchaus nicht immer. Im Gegentheil, es gibt recht saure Stunden für uns Lehrerinnen. Aber es gibt auch wieder schöne Stunden, wo man alle Mühe und allen Aerger vergißt. Oder meinen Sie, daß man bei den Kindern der unteren Volksklaffen weniger Freude hätte, als bei denen der sogenannten „Gebildeten" ? Nach dem, was mir meine Colleginnen, die mit solchen zu thun haben, erzählen, glaube ich das nicht. Ein Herz haben meine Mädel auch und viele von ihnen reiche, prächtige Herzen- Und wenn sich so ein Herz einem einmal aufthut, da ist das der Lohn für viele harte Arbeit. Und wäre sie auch noch saurer, zuletzt ist's doch eben Arbeit und Lebensarbeit. Wozu lebt man denn sonst, als um zu arbeiten? Ich meine, wie kann man das Leben ohne Arbeit ertragen? Denn von einem Glück kann doch im thatenlosen, arbeitslosen Leben keine Rede sein." Das junge Mädchen war im Reden immer eifriger ge# worden, sonst hätte sie vielleicht bemerkt, daß Der, welchen sie zu belehren suchte, unter ihren Worten sehr stark erröthet war. Aber sie bemerkte nichts davon. Ja, als er jetzt ironisch fragte: „Da halten Sie demnach mich, der ich nicht das Glück habe, Gemeindelehrer zu sein oder eine andere nutzbringende Thätigkeit zu üben, auch für Einen, der vom Glück des Lebens nichts weiß?" — antwortete sie, ohne zu stocken: „Gewiß, wenn es so wäre, daß Sie ohne Arbeit durch'» Leben gingen, würde ich dasselbe für ein verfehltes halten müssen." Scheffler verbeugte sich spöttisch. „Ich danke für diese Zensur, wenn sie auch weder schmeichelhaft noch vortheilhaft für mich lautet. Aber Sie haben vergessen, daß es verschie- bene Begriffe von Glück gibt und daß ich auch mir einen gebildet habe, nach dem ich mir nicht ganz unglücklich vorkomme." „Ich kann mich täuschen," entgegnete die Gegnerin zögernd. Auch sie war erröthet, als sie bemerkte, wie ihre Worte persönliche Beziehungen gewonnen hatten. „Aber nein doch, Herr Scheffler," setzte sie'fest hinzu und blickte ihm voll in's Gesicht, und ein Zug wie von Mitleid lag darin, „cs gibt nur ein Glück und wer es finden will, muß er suchen, muß darnach ringen und das heißt man arbeiten." Hartmann klopfte dem schweigenden Freunde auf die Schulter. „Alter, laß Dich nicht mit den Frauenzimmern ein, sie behalten doch stets das letzte Wort. Und wenn man cs ihnen vorhält, daß es so ist, so behaupten sie, es komme daher, daß man ihnen das erste nicht ließe. — Uebrigens," fügte er ernster hinzu, „diesmal muß ich mich leider auf die Seite unseres ge- meinsamen Feindes schlagen. Recht hat sie und innerlich gibst Du ihr auch Recht. Ich glaube sogar, daß Du gar nicht so thaten- und arbeitslos bist, wie Du Dich ausgibst. Ich möchte jetzt bitten, daß Du mir ein klein wenig von Deinen Kriegserlebnissen berichtest. Denn wenn Du auch behaupten wirst, keine Thaten gethan zu haben, irgend welche Ereignisse werden doch auf Deinem Kriegspfad liegen." Aber feine Bitte fand zunächst nur halbe Erfüllung. Erst nach und nach gelang es, dem Gaste dies und das von fernen Kriegsabenteuern zu entlocken. Zuletzt aber war doch die Unterhaltung wieder eine so lebendige geworden, daß man nicht merkte, wie man die Mitternachtsstunde bereits überschritten hatte. Ein zufälliger Blick auf die Uhr machte Scheffler auf- fahren. „Ich bitte um Verzeihung I So lange meinen Besuch auszudehnen geht allerdings über das gewöhnliche Maß der Unbescheidenheit hinaus. Aber die Mitschuld trägt freilich Ihre Liebenswürdigkeit. Ich kenne die Zeit nicht mehr, wo mir die Stunden so schnell verflossen sind, wie heute Abend. Haben Sie herzlichen Dank, Frau Doctor, und schelten Sie nicht zu sehr, daß ich Sie nicht früher von meiner lästigen Gegenwart befreite." „Es würde mich freuen, wenn Sie durch Ihr Wieber- kommen beweisen wollten, daß es Ihnen bei uns gefiel," war die Antwort- Das Leben der Großstadt war auch entschlafen, als jetzt Scheffler seiner Wohnung zuschritt. Nur einzelne späte Wanderer wie er eilten schneller oder langsamer nach Hause, fern von den Bahnhöfen tönte das Pfeifen eines kommenden ober abgehenden Zuges, ab und zu rollte eine Nachtdroschke vorbei und man merkte es dem Trab des Pferdes an, daß es müde war. Das Nachtbild konnte dem langsam Dahinschreitenden nichts Unbekanntes bieten. Er war oft zu dieser Stunde heimwärts gegangen. Aber er war in anderer Stimmung gewesen als heute, zuweilen auch wohl von sehr heiteren Kameraden begleitet worden. Heute fiel ihm die Stille 'auf. Wie lange währt's, da wacht das Leben hier wieder auf und derselbe Lärm, welcher vor wenig Stunden herrschte, wird wieder tönen. Das Leben wacht auf. Sie rennen und laufen, der Eine hierhin, der Andere dahin, ein Jeder geht an seine Arbeit; müde und matt ist er heute Abend aus's Bett gesunken, das Tagesgrauen ruft ihn wieder, wenn er nicht schon in den noch dunklen Morgen hinaus muß. Gottlob, da habe ich's besser, mich treibt kein Herr, keine Pflicht und keine Sorge an dis Arbeit, ich bin mein freier, eigener Herr. — Aber ist das nun wirklich das Glück? Wenn der Tag grau in mein Fenster scheint, was bringt er mir? Das ewige, langweilige Einerlei. Sollte sie doch Recht haben, daß nur Arbeit das Glück des Lebens bringt? — Ach was, eine Schulmamsell! Das ist die Weisheit für Kinder. Sein Leben genießen, das ist das Glück. Er war zuletzt schnell zugeschritten und stand an seiner HausthÜr, fast überrascht, daß er seinen weiten Weg schon zurückgelegt habe. Der Diener wunderte sich über die Schweigsamkeit feines Herrn, der ihn bald entließ. Er schlief lange schon fest, als derselbe noch wach lag und als auch seine Augen sich schlossen, verfolgte ihn das Bild der „Schulmamsell" bis in feine Träume. Er suchte das Glück des Lebens und konnte es nicht finden, während sie es in ihren Händen hielt, aber es ihm nicht geben wollte. Das war der erste Tag gewesen, wo Scheffler in das Haus seines Schulfreundes getreten war. Doch blieb es nicht der letzte. Freilich zunächst hatte ihn ein gewisser Trotz abgehalten, wieder dorthin zu gehen. Er hatte sich in den Strudel aller denkbaren Vergnügungen hineingestürzt, um sich selber zu beweisen, daß darin doch das Glück zu finden sei. Aber so wenig er es sich gestehen wollte, sein Unbesriedigtsein wuchs von Tag zu Tag und mitten in sein Vergnügen hinein begleitete ihn der mitleidige Blick des jungen Mädchens, welches ihm so unbarmherzig die Wahrheit gesagt hatte. So kam's, daß er in der tollsten Lustigkeit ernst und nachdenklich wurde und oftmals mußte er die Neckereien seiner Kameraden hören, daß ihn entschieden heimliche Liebe gefangen halte. Zu lächerlich! Etwa die Liebe zu der „Schulmamsell" ? Hartmann hatte ihn in feiner Wohnung ausgesucht, aber nicht zu Hause getroffen. Anstandshalber müsse er doch einmal wieder zu ihm gehen, redete er sich vor und fand sich denn auch eines Tages auf dem Wege zur Sophienstraße. Das öffnende Mädchen berichtete, daß Niemand zu Hause sei, aber rechts und links sah an ihrer Seite ein Knabenkopf hervor und vergnügt streckten sie ihre Hände hin, als der Besuch sie bei den Namen begrüßte. „Kennt Ihr mich noch, Ihr Kerle?" — 36 —• Die Antwort war eine stürmisch bejahende. (Fortsetzung folgt.) Merkwürdige Krauen Vernrischtes Ncdaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen. Ein Schlauberger- „Sie wollen also unserm Sparund Vorschuß-Verein beitreten?" — „Ja, aber eigentlich nur Sie nickten. „Papa hat noch immer war von Dir und In dieser grauenvollen Einsamkeit, von ewiger Nacht umgeben, da» schmeckt aut" ! hielten die Liebe, die Seligkeit, vereinigt zu sein, das unglück- „Ach so, daher dar gute Gedächtniß. Nun, so sagt Papa liche Paar sür so viele Entbehrungen schadlos. Sier gebar nur, ich käme bald einmal wieder. Soll ich ihm denn auch Epponina zwei Söhne, erzog sie mit Sorgfalt, und zeigte sich für Euch wieder etwas bringen?" i nur so viel öffentlich, als nothwendig war, um kemen Verdacht Die Antwort war eine stürmisch bejahende. | zu erregen. Ein zweiter Versuch, mit ihrem Gemahl nach Rom zu gehen, wo seine Freunde, denen sie sich anvertraut hatten, sich für Sabinus' Begnadigung zu verwenden versprachen, lief fruchtlos ab, und ihr Glück bestand darin, unentdeckt in ihren düstern Aufenthalt zurück kommen zu können. So vergingen neun lange Jahre. Endlich enthüllte ein unglücklicher Zufall das Geheirnniß der verborgenen Liebe; — sie wurden ergriffen und nach Rom geführt. Der Zulauf des Volkes, um ste zu sehen, war außerordentlich; das Schicksal der beiden Gatten, ihre seltsame Verborgenheit erregte allgemeine Theilnahme. Sabinus, erschrocken und gebeugt, flößte blos Mitleid ein, indeß Epponinens entschlossene Haltung ihr die Achtung Roms erwarb. Sie führte ihre Kinder an der Hand, und warf sich mit ihnen dem Kaiser zu Füßen, um Gnade für ihren Mann zu erflehen. Vespastan schien gerührt; — dennoch sprach er das Todesurtheil über ihn. Nun ergoß sich Epponina in Immer war es der edelste Beruf der Frauen, die wilde Kraft des Mannes durch Sanftmuth zu bezwingen, und den rohen Jäger und Krieger in die schöne Bahn häuslicher Tugend und geselliger milder, veredelter Sitte zu leiten. Daher, daß die Geschichte so vieler Frauen erwähnt, welche ihre heidnischen Gatten zur christlichen Religion, der wir vorzugsweise in Europa die Civilisation der rohen Völker verdanken, welche auf den Trümmern des römischen Staates von allen Seiten über die erschrockene Welt hereinbrachen. So war Chlotilde, , uua -a-p TüTm",/" die den Fränkischen Chlodwig und sein Volk, Lidwina, welche Verwünschungen gegen den Kaiser, und warf sich selbst ihre die Böhmen, Gisela, die ihren Gemahl Stephan und durch Schwäche vor, um Gnade gefleht zu haben. Dieser Trotz ihn seine Ungarn, die Böhmische Dombrowska, die den Herzog reizte ihren mächtigen Feind noch mehr, und er ließ sie nut Milioslav und die Polen zum Christenthum gebracht. I ihrem Gemahle hinrichten, ohne zu ahnen, daß er ihr vielleicht Vielleicht könnte diese Zahl noch vergrößert werden, wenn mit dieser doppelten Strenge den liebsten Drenst erwies, man die Geschichte recht aufmerksam in dieser Hinsicht durch- 2. Wanda, die Königin der Sarmaten. ginge. — Jedes solche Beispiel wäre dann ein Beleg mehr ' B zu dem, was Schillers heilige, ewig wahre Musik singt: Sie herrschte über Polen, und war durch ihre Schönheit Aber mit sanft überredender Bitte i weit umher berühmt. Diese Reize, oder das Reich, das ste Führen die Frauen den Scepter der Sitte, I besaß, erregten die Wünsche eines deutschen Fürsten Rlttiger. Löschen die Zwietracht, die tobend entglüht, I Er warb um ihre Hand, sie schlug ihn aus, und er kündigte Lehren die Kräfte, die feindlich sich hassen, -- b . Entschlossen führte sie ihre Völker ihm , | Antrag, und sie antwortete ihm, daß ste als eine Kömgin 1. Epponina, die Gemahlin des Julius Sabinus. I ni$t die Selavin eines Mannes werden könne, der gewiß nicht Julius Sabinus, aus einem edlen gallischen Geschlechte sie, sondern nur ihre Macht und H^rschast liebe. Rittigers entsprossen, hatte es versucht, das Joch der Römer abzuwerfen, Völker (vermuthlich weil sie sahen, um welcher Ursache willen und ein unabhängiges Reich in seinem Vaterlande zu gründen. | sie ihr Blut hätten verg eßen s°llen) empülten stch hierauf. Der Ausgang entschied gegen ihn. Nicht alle gallischen Völker und er verlor sein Leben in diesem Aufstande. Wanda kehrte dachten wie sein Stamm, viele trugen ohne Beschwerde die triumphirend zurück nach Krakau, — opferte den Göttern, Fesseln der damaligen Beherrscher der Welt, und Sabinus' I und um ihre Untertanen vor einem zweiten, um Metw.llen Vorhaben scheiterte an der zahmen Treue der Sequaner. Da | angefangenen Kriege zu bewahren — stürzte ste sich in ote er alles verloren sah, hatte das Leben nur darum noch einigen Weichsel. Reiz für ihn, weil er es mit einer über alles geliebten Gattin zuzubringen gehofft hatte. Von ihr zu scheiden war ihm schwerer, als von Reichthum, Herrschaft und Ruhm. Die Liebe gab ihm den Entschluß ein, für die Welt zu sterben, und nur für Epponina zu leben- Verkleidet begab er sich nach einem Schlosse Singtones (Bängtes in Champagne); dort berief er seine Sclaven, gab sich ihnen zu erkennen, eröffnete ihnen sein Vor- haben, sein Leben durch Gift zu enden, und entließ ste alle I dem Vorschuß-Verein I" bis auf zwei Freigelassene von erprobter Treue. Hierauf stieg I * • er in die unterirdischen Gemächer der Burg hinab, und ließ I Sonntagsruhe. Landwirth: „Sehen Sie, dieses Huhn die Gebäude in Flammen aufgehen, um der Welt glauben zu | legt mir jede Woche sechs Eier, früher sogar sieben!" — Bemachen, daß sein Körper in denselben verzehrt worden sei. I kanntet: „Das wat jedenfalls vor Einführung der Sonntags- Jedetmann hielt die geschickt ausgesonnene List für Wahrheit, | ruhe!" selbst Epponina wurde durch die Nachricht davon in die tiefste I * * * Verzweiflung gestürzt. Diesen Schmerz konnte er ihr nicht Nationaler Geschmack. Rumäne (imCafe): „Kellerspaten; denn auch et mußte zur Bestätigung seiner Todes- e kann ich zu meiner Chocolade eine Salzgurke haben?" Nachricht beitragen. — Endlich sandte er ihr den vertrauten * ♦ Ä"““a“ä 6eI„»ÄX»»„M sie fuhr fort, die trostlose Witiwe zu spielen, die sie kurz vorher * . noch wirklich war. So zeigte sie sich am Tage vor ihren Auch richtig. Erzieherin: „Ist die Kuh em Sauge Bekannten, die Nächte brachte sie, von dem treuen Martialis chier?" — Die kleine Mitzi: „Die Kuh? O nein, aber das geleitet, in dem unterirdischen Gewölbe bei ihrem Gemahle zu. I Kälbchen!"