AirLephaltnngsblatt zunr Gietzenev Anzeigen (Gen-psl-Anzeigev> . ;J v$? •■-■ .Xr.' Srlrv-V;* ,•■'-"t‘11'• V* f ÄVStStK'Mik EMS SU r.WAMHD r q,' ^ a ■/■•••'•' rn? .’jwnw Samstag, dm 22. December. Der Schuldige. Criminal-Novelle von W. Roberts. (Fortsetzung.) Die Baronin ergriff das Blatt und las es eilig. • »Ein doppelter Raubmord an dem Commerzienrath — Fritz — Homberg und seinem Diener ist letzte — Nacht — begangen worden I" rief die Baronin dann entsetzt und wankte bleich nach einem Stuhle. „Um Gotteswillen, bringen Sie das Riechfläschchen, Emma," schrie erschrocken die Gouvernante dem Kammermädchen zu, „die gnädige Frau ist ohnmächtig geworden." „Es ist nicht so schlimm," erwiderte diese dann leise, „es war nur eine vorübergehende Schwäche. Die schreckliche Kunde bat mich schmerzlich ergriffen. Ich kannte einst den Herrn Commerzienrath, der nun so schändlich sein Leben eingebüßt hat. Ec war ein edler Mann, den dieses jammervolle Loos betroffen hat." „O, in dieser Hinsicht brauchen Sie vielleicht nicht das Schlimmste zu befürchten, gnädige Frau," berichtete die zungenfertige Gouvernante, „denn ich las vorhin in einem Schaufenster auch noch ein anderes Extrablatt, in welchem gemeldet wurde, daß der Herr Commerzienrath Homberg bei dem Raubmorde nur schwer verwundet worden sei und daß die Aerzte Hoffnung hätten, sein Leben zu erhalten." „Gott sei Dank, wenn sich diese Nachricht bestätigen sollte," hauchte die Baronin und faltete die zarten Hände wie zu einem stillen Gebet. Sie erholte sich auch verhältnißmäßig schnell von dem Anfalle und trat dann ihren Spaziergang an. Sie konnte dessen aber heute nicht froh werden, gleichgiltig blickte sie heute auf die Sehenswürdigkeiten der Residenz und ruhelos wanderte sie von einer Straße in die andere, denn merkwürdiger Weife konnte sie die Sorge um den von einem Raubmörder niedergestreckten Commerzienrath Homberg nicht los werden. Aber die gängstigte Dame wagte auch Niemanden direct nach dem Schicksale des Unglücklichen zu fragen, sondern sie blickte nur immer in die Schaufenster nach neuen Extrablättern, um durch diese weitere Nachrichten über den Raubmord zu erfahren, aber was sie dort las, waren nur Berichte, die sich vollständig mit denen deckten, welche sie bereits von der Gouvernante gehört hatte. Endlich entschloß sich die Baronin, in eine Kunsthandlung am Marktplatze einzutreten, wo sie öfters Photographien und Reisebilder zu kaufen pflegte. Dort suchte sie auch heute ein photographisch hergestelltes neues Christusbild aus, welches den göttlichen Dulder in seiner ganzen, weit über alles irdische Elend stehenden Erhabenheit darstellte, und bei dem Anblicke dieses wunderbaren Antlitzes des Erlösers fand die besorgte Frau neuen Trost und betete still für den beklagenswerthen, einst so herzlich geliebten Mann. Im Fortgehen fragte die Baronin dann noch den Kunsthändler, ob er etwas Näheres über den Raubmord erfahren habe, der die ganze Stadt mit Schrecken und Theilnahme erfülle. „Ich hörte, daß der Commerzienrath Homberg an einer schweren Brustwunde darnieoerliege, aber daß die Aerzte Hoffnung haben, ihn zu retten, da der Commerzienrath eine sehr kräftige Constitution besitzen soll." „Hat der Commerzienrath Familie?" frug jetzt die Baronin weiter, während ihre Lippen leise bebten. „Nein," erwiderte der Kunsthändler, „Commerzienrath Homberg ist, so viel ich weiß, noch Junggeselle." Ein heißer Blutstrom schoß bei dieser Mittheilung der Baronin nach dem Herzen, und mehr um ihre innere Bewegung zu verbergen, als weiter zu forschen, frug sie noch: „Da war er wohl ein einsamer Sonderling?" „Dies darf man wohl von dem Commerzienrath Homberg nicht behaupten," erklärte der Kunsthändler, „denn er galt allgemein als ein jovialer Herr, der die heitere Geselligkeit liebte und in den Vesten Kreisen Freunde hatte. Er besitzt auch hier einen Neffen, sür welchen er wie ein Vater gesorgt hat, obwohl es dieser nicht so recht verdienen soll." „Wer ist denn dieser Neffe?" frug die Baronin in« teressirt. „Es ist der Maler Matthey." „Der Maler Curt Matthey?" rief die Dame erstaunt. „Jawohl, Curt Matthey," bestätigte der Kunsthändler. „Herrn Matthey kenne ich sehr wohl, er malt ja das Bild meiner Tochter." „Und wird immer nicht fertig damit." „Allerdings malt er schon sehr lange an dem Bilde." „Ja, dies ist die allgemeine Klage über den jungen Mann," bemerkte der Kunsthändler. „Herr Matthey ist sehr talentvoll, aber leider sehr unzuverlässig und soll wegen seines Leichtsinnes trotz der Großmuth seines Onkels, des reichen Commerzienraths Homberg, immer tief in Schulden stecken." „Ich danke Jynen für Ihre freundlichen Mittheilungen," sagte die Baronin, „und möchte nur noch fragen, ob der so schwer heimgesuchte Commerzienrath Fritz Homberg derselbe ist, den ich vor langen Jahren al« jungen Mann kannte." „Fritz Homberg stammt aus einem alten Patriziergeschlecht W* 598 "K° Der Maler sprang jetzt von dem Stuhle auf und lief wie ein Irrsinniger in feinem Atelier umher. „Durau ist an meinem Unglücke schuld, er allein und er soll es mir dafür büßen, wenn er mich nochmals in solche Versuchungen führt," flüsterte jetzt Curt Matthey mit heiserer Stimme. „Durau ist der Teufel in Menschengestalt, der jede Sünde begeht, wenn er seinen Lüsten stöhnen, wenn er Geld erpressen kann. Durau hat mich auch ö» dem unseligen Spiel verführt, hat die falschen Wechsel erdacht und machen helfen und hat ... o, barmherziger Gott, gehe mit mir nicht zu ^^Matthey wagte den letzten Gedanken selbst im Nüster« tone und trotzdem er sich ganz allein in feinem Atelier befand, nicht auszufprechen. Ein unheimlicher Blick leuchtete in seinen Augen und wie verzweifelt stieß er feine heiße Stirn an die kaUe Wand. Dann ließ er sich wieder auf dem Stuhle nieder und versank in ein langes, dumpfes Brüten. Ungefähr eine halbe Stunde später wurde an die Thüre des Ateliers geklopft und ohne einen Heremruf abzuwarten, trat ein kleiner, hagerer Mann mit blassen, häßlichen Gesichts« »üaen und einem bösen, unsteten Blick herein. ’ b „Guten Tag, Matthey!" rief der Eintretende mit dreister Stimme, als wäre er hier der Herr. „Guten Tag, Durau I" erwiderte Matthey und erhob sich verlegen, um dem Gaste einen Stuhl anzubieten. „Nun, Du machst ja ein Gesicht, Matthey al» wenn Du morgen schon gehängt oder geköpft werden solltest. So weit ist es noch nicht mit uns." , , „Du solltest Deine cynischen Bemerkungen ein sür allemal unterlassen, Durau," bemerkte der Maler jetzt zornig und seine Augen sprühten Blitze. „Ich habe noch»einiges MiHeüh im Herzen und wenn in Seiner Brust noch nicht alles Gefühl erstorben ist, so solltest Du meine Empfindungen ein wenig a$te”jtan, der Geizhals ist ja noch nicht tobt, er wird vielmehr, wie allgemein gesagt wird, mit dem Leben davonkommen und sein Diener wird aus der starken Betäubung auch wieder aufwachen. Warum machst Du Dir also Sorgen? „Du Unmensch, Du Scheusal!" rief letzt Matthey fast überlaut und mit flammenden Augen vor Durau hintretend. „Denkst Du gar nicht daran, daß Homberg mein Onkel, mein Wohlthäter ist, und daß ich nicht wünschte, daß Du ihm so übel mitspielen solltest." , _ , , . „Sein Onkel und Wohlthäter!" lachte Durau in teuf* kicher Weise. „Nun, warum hat der reiche Onkel Dir und mir dann nicht geholfen? Er hätte uns ruhig in das Zuchthaus stecken lassen, wenn die Wechselfälschung an den Tag gekommen w^r^urde le^enblaß und eine furchtbare Verlegenheit malte sich in seinen Gestchtszügen. „Ja, ja, wir befanden uns in einer entsetzlichen Lage, flüsterte der Maler dann leise, „wir mußten entweder Geld als die Verkörperung des Reinen und Erhabenen, de» Edlen und Guten vorgekommen? Hatte nicht die Gegenwart dieser Dame alles Unedle aus feinen Gedanken verscheucht und ihn wieder für seine Kunst und alle Ideale der Menschheit erwärmt ? Und war die Baronin nicht Wittwe? Konnte er nicht um sie freien und an ihrer Seite glücklich werden? Der Gedanke war für den jungen Maler berauschend. Aber bald rissen ihn andere schlimme Gedanken förmlich darnieder und stöhnend ?ank er auf einen Stuhl. „Ach, ich bin ja nicht sein Mörder 1 murmelte er mit zitternden Lippen. „Ein Anderer hat die Unthat begangen und ich habe ja nicht gewollt, daß ihm ein Haar gekrümmt würde I Doch mein Thun ist mit der Unthat verknüpft und der Nach trifft auch mich. O, möchte doch sein Leben erhalten bleiben und sich die Hoffnung der Warum war er aber auch an jenem verhängntßvollen Abende so unbarmherzig, so halsstarrig? Konnte er nicht denken, daß ich das Geld dringend nothwendig brauchte, daß meine Ehre, meine ganze Zukunft auf dem Spiele stand, wenn ich nicht ♦ * ♦ Der Maler Curt Matthey ging ruhelos in seinem Atelier auf und ab und vermochte wieder einmal nicht die zur Ausübung feiner herrlichen Kunst so nöthige geistige Sammlung und Schaffensfreudigkeit zu finden. Heute, wo die furchtbare Unthat an feinem Onkel und väterlichen Wohlthäter Fritz Homberg begangen worden, war die Aufregung des jungen Mannes allerdings erklärlich, aber leider waren die Sorge und das Mitleid nut Hombergs Schicksal nicht die einzigen Gründe der tiefen Gemüthsbewegung ^Sn’feinen Augen glühte ein böses unheimliches Feuer und auf feinem Antlitze spiegelte sich eine solche drohenve Leidenschaftlichkeit, daß wohl alle wenig beherzten Menschen bei dem Anblicke des Malers, wenn sie ihn jetzt gesehen hätten, ein unheimliches Grauen vor ihm bekommen haben wurden. War es Verzweiflung, war es Sünde und Schulo oder war e» endlich ein böses Vorhaben, welches das Herz des Malers erfüflte ? Wer vermochte es jetzt wohl sicher festzustellen? Ich bin ruinirt wenn er stirbt und bin vernichtet, wenn er am Leben bleibt," murmelte Matthey jetzt, während feine Augen sprühten. ',Nur dort der Revolver könnte meinen Qualen ein Ende bereiten," fügte er dann mit einem höhnischen Lächeln feinen ersten Worten zu und begann die Waffe in die Hand zu nehmen und sie zu prüfen. „Ein einziger Druck mit dem Zeigefinger und dieses elende Leben ist be- enbetSDann schien sich in des Malers Brust aber auch wieder eine andere Stimme hören zu lassen. War es wirMch chon so weit mit ihm gekommen, daß er an sich selbst schreckliches Gericht üben und als Selbstmörder enden mußte? Konnte er, der noch junge, talentvolle Mann, nicht umkehren und einen besseren Weg wandeln? Wie eine himmlische Sehnsucht kam diese» Verlangen in seine Brust und alle Ideale seiner früheren besseren Jahre tauchten wieder vor feinem geistigen Auge aus. Er wollte ein anderer, ein besserer Mensch und ein wahrer Dünger der edlen Kunst werden, zu welcher ihm Gott das Talent verliehen hatte, und mit einer schwärmerischen Be« aeisterung hing er diesem Gedanken nach. Aber der junge Maler fühlte bald, daß er aus eigener Kraft diesen schönen Entschluß nicht werde durchsühren können, denn schon hundert Mal hatte er sich vorgenommen, einem Leben des Leichtsinn» und der Leidenschaften zu entsagen und hundert Mal war er wieder der Pflichtvergeflenheit anheim- gefallen. Ach, die guten Vorsätze dauerten bei ihm immer nur Minuten und das leichtfertige, arbeitsscheue Leben den ganzen Tag! Wer ihn doch herausreißen könnte aus diesem Pfuhle der Sünde! Gab es denn gar keinen Engel für ihn- O, war er nicht für ihn vor einigen Monaten in Gestalt einer «bien Dame erschienen? War ihm die Baronin von Sassen, deren Töchterchen zu malen er den Auftrag bekommen, nicht unserer Stadt und ist wohl der einzige Sohn seiner Eltern, die er frühzeitig verlor. Wie alle Homberg» war er Großkaufmann und Fabrikant und wegen seiner großen Verdienste um die Entwickelung der Textil-Jndustrie erhielt er vor einigen -jabren den Titel Commerzienrath." „Ich danke Ihnen nochmals bestens für Ihre ^gssällige Auskunft," bemerkte darauf die Baronin und verließ den Kunstl^ 6ä ganz zweifellos," dachte sie dann, als sie weiter *’• MÄ Ä** i" «Ä Sinnen benn die schreckliche Kunde von dem Raubmoroe und die ganze Angelegenheit Hombergs regte sie ungemein auf. Auchg faßte sie die Bekanntschaft des Neffen des Commerzkn- raths/ des Malers Matthey, von dessen verwandtschaftlichen Beziehungen zu Homberg sie bisher keine Ahnung hatte, als eine Schicksalsfügung auf und beschloß, noch am heutigen Tage den Maler Matthey in Begleitung ihrer Tochter wegen des Bildes der letzteren zu besuchen, gleichzeitig aber auch Herrn Matthey über das Befinden Hombergs auszuforschen. P ^„Hast Du mir schließlich nicht geholfen, in Hombergs Haus zu gelangen?" frug Durau mit rollenden Augen- „Matthey, ich rathe Dir, reize mich nicht, M könnte ich auf den Gedanken kommen, mich zu rächen. Ich bin bereit, mir jeden Augenblick eine Kugel durch den Kopf zu schießen oder aus diesem Giftfläschchen einen Schluck zu nehmen, aber so lange dies noch nicht unbedingt nöthig ist, erwarte ich von Dir Hilfe, und Du weißt jetzt, wie Du mir und Dir helfen kannst," Soll ich das Geld vielleicht aus der Erde stampfen?" rief Matthey in großer Erregung. „Nun, das Geld wirst Du Dir von Deinem lieben Onkel erbitten müssen, denn er ist ein Geldmann," gab Durau kalt zurück. „Jetzt, unter diesen schrecklichen Umständen, soll ich Geld von Homberg verlangen? Mensch, bist Du toll geworden?" „Noch nicht," erwiderte Durau mit unglaublicher Frech« heit, „aber wir Beide werden wohl noch toll darüber werden, wenn Du das Geld nicht schaffst." ~ „O, wie soll ich dies jetzt anfangen, mein Onkel liegt schwer krank darnieder, die Aerzte lassen mich nicht einmal an sein Bett." „O, da sind ja die Umstände sehr, sehr günstig, um Herr der Situation zu werden, Matthey," zischelte Durau. „Du bist doch wohl der einzige nahe Verwandte Homberg», also auch jetzt sein Beistand, sein Erbe und der interessirteste Mensch an Hombergs Schicksal. Du mußt zu ihm au» menschlichen und geschäftlichen Gründen und kein Arzt darf es Dir verwehren. Du mußt Homberg tief bedauern, Dich ihm ganz zur Verfügung stellen, fragen, ob Du nicht in seinen Fabriken ihn vertreten kannst. Du mußt die Schlussel zu Hombergs Geldschränken bekommen, ich glaube sogar Hombergs Kassirer zahlt Dir, wenn Du schlau bist, jetzt ohne Um. stände eine größere Summe aus. Nur klug und kühn mußt Du sein, mein Freund, dann wirst Du alles erreichen." „Du Teufel in Menschengestalt!" rief fast überlaut jetzt der junge Maler aus, „Du räthest mir, an meinem Onkel jetzt unter der Marke des Wohlthäters den Dieb zu spielen." „Das ist nichts Neues, Matthey," entgegnete Durau, „denn auf diese Weise sind in alten Zeiten schon manchmal ganze Länder gestohlen worden. Dein Onkel ist em kranker, schwacher Mann, er bedarf Deiner Hilfe, also gewähre sie ihm und uns." , ,, , . , Der junge Maler lief erregt im Atelier auf und ab und rief wie begeistert von einem rettenden Gedanken: „Ja, ja, der Plan ist gut, Darau, ganz vortrefflich, und ich werde den Versuch machen uns auf diese Weise zu retten. Mein Onkel kann doch nicht allzu böse auf seinen eigenen Neffen sein, wenn dieser aus des Onkels Kasse seine Schulden bss. zahlt. Aber erwarte nicht zu viel von mir, Durau, denn über eine gewiße Grenze hinaus gehe ich in den Verfügungen über meines Onkels Geldbeutel nicht, auch wenn er mir un. | beschränkte Vollmacht ertheilen sollte." „Schon wieder hast Du eine thürichte Anwandlung, Matthey," brummte Durau ärgerlich „Du mußt doch die sich Dir bietende Gelegenheit, in Goldhaufen zu wühlen, voll und ganz ausnutzen. Mich dünkt auch am besten, daß wir eine plötzliche Reise nach Eonstantinopel, nach Alexandrien oder nach einer anderen entlegenen Stadt des Orients im Auge behalten, denn irgend ein unglücklicher Zufall kann aus die Entdeckung der wirk« den Urheber des Verbrechens führen und dann find wir verloren." „Schändlicher Kerl, Du redest immer, als wenn ich meinen eigenen Onkel meuchlings niedergestochen hätte und in jeder Hinstcht Deinen Antheil an dem Verbrechen hätte, erklärte jetzt Matthey entrüstet. „Du allein bist es doch gewesen, der den Plan ersonnen und ausgesührt hat, und Du allein warst es, der Homberg niederstach. Auch hast Du mir damals wiederholt erklärt, daß Du mich bei der Affaire aus dem Spiele lassen wolltest. Wie kommst Du nun dazu, Dem Wort zu brechen und von mir als Deinem Mitschuldigen zu schaffen oder in'r Zuchthaus wändern und in der Verzweiflung kamen wir auf den unseligen Gedanken, meinen Onkel zu bestehlen" , ,, ., „Das ist der einfache Sachverhalt, der werter keine schlimmen Folgen gehabt hätte, wenn Homberg bei der Durch- suchung des Schrankes nicht plötzlich aus dem Schlafe erwacht wäre. Da mußte ich mich doch vertheidigen und konnte mich von Deinem Onkel nicht als Dieb festnehmen und der Staate anwaltschaft übergeben lassen," erwiderte Durau kaltblütig. „Die ganze Affaire lief eben auch wider meinen Willen unglücklich aus, denn daß ich ihm am liebsten kein Häcchrn gekrümmt hätte, das brauche ich Dir wohl nicht erst zu versichern, Matthey." „Du hast in Deiner Weife ja immer Recht," antwortete der Maler mit spöttischem Lächeln, „aber ich fühle die furchtbare Wahrheit des Dichterwortes jetzt von Stunde zu Stunde mehr, daß es der Fluch der bösen That ist, fortzeugend Böses zu gebären. Aus unserem frevelhaften Hazardspiele und leichtsinnigen Lebenswandel entstanden unsere Schulden, aus den Schulden wuchsen die Lügen, aus den Lügen der Betrug mit den falschen Wechseln, aus den falschen Wechseln der Diebstahl, aus dem Diebstahl der — Mord. Großer Gott, es ist weit mit uns in einem Jahre gekommen I" „O, jetzt wirst Du sentimental und schwach," höhnte Durau, „anstatt mit festem, eisernem Willen dem Unheile zu trotzen, welches noch von uns abgewandt werden kann. Wenn Dein Geist von dieser schwachen, schwankenden Art war, so hättest Du Dich mit mir in keine Compagniegeschäfte einlassen sollen." „Ja, verflucht sei auch die Stunde, wo ich Dein Freund wurde, Durau," erklärte Matthey mit flammenden Augen, „denn Du bist mein Verführer gewesen und hast mich in'r Unglück gestürzt." Ein teuflisches Lachen erschallte jetzt als Antwort aus Duraus Munde und er frug mit kaltem Hohne: „Warst Du vielleicht ein unmündiges Kind, Matthey, daß Du nicht selbst Entschlüsse fassen konntest, ob Du Deinen kostspieligen Passionen sröhnen oder entsagen wolltest? O, verschone mich mit Demen reumüthigen Empfindungen, dergleichen Ergüsse sind mir verhaßt. Gefällt es Dir nicht, mit mir weiter zu handeln, um uns zu retten, so gibt es nur zwei Mittel, um den drohenden Gefahren zu entgehen, fchleunize Flucht nach Afrika oder Amerika oder — Selbstmord. Du mußt Dich aber bald entscheiden, welches Mittel Du wählen willst, wenn Du meinem Vorschläge nicht folgen willst, denn die Gefahr ist im Verzüge. Von den falschen Wechseln ist einer noch nicht bezahlt und spätestens in acht Tagen muß auch er unschädlich gemacht werden, sonst kommt es an den Tag, daß der Maler Matthey, des Commerzienraths Homberg Neffe, falsche Wechsel auf seines Onkels Namen gemacht hat und dieser Umstand wäre ein sehr fataler Fingerzeig für die Staatsanwaltschaft, den Raubmörder in Deiner Nähe zu suchen." „Was verlangst Du also noch von mir?" frug Matthey in barschem Tone. m . „„ , Ich brauche noch zehntausend Mark, um Alles zu begleichen," erwiderte Durau und seine Luchsaugen glänzten unheimttch. _taufenb ^rk?" rief Matthey zurückweichend. „Ich denke, daß die Hälfte auch genügt. Wozu soll ich Dir noch fünftausend Mark mehr schaffen?" „Nun, wie Du weißt, Matthey, braucht der Mensch immer Geld und zwei waghalsige Männer wie wir haben das Geld erst recht nöthig. Mir wird es auch offenbar zu heiß hier im Lande, ich bilde mir ein, daß man mich beobachtet, mir schien es sogar, als wenn ein Geheimpolizist mich beobachtet hätte, als ich hier in’» Haus eintrat. Schaffe al o bald Geld, damit der Wechsel bezahlt und mir der Weg ins Ausland geebnet wird. Willst Du auch mit in die Ferne ziehen, so wäre mehr Geld nothwendig, denn mit fünftausend Mark'kommt man nicht weit." „Aber Mensch, wo soll ich solche Summen jetzt hernehmen? - 660 - „Entschuldigen Sie gütigst, Herr Matthey," sagte die । Gouvernante, „wenn wir störten. DiL Frau Baronin von ich I Sassen hatte befohlen, daß ich mit deren Töchterchen um ich weiß er, und ich werde DK Helsen, so gut ich | von Sassen, welche dem Kinde folgte, sondern dessen W kann," bemerkte jetzt Matthey mit einem seltsamen Lächeln, j mrnante. ... .. von welchem man nicht sagen konnte, ob es der Furcht oder 1 (Sfl der Verzweiflung entsprang. , I Wie unb ich stabt« Mch, ^rde deshalb schon morgen bet Mr Nachfragen, uni Baronin schon hier wäre, üm mit Ihnen wegen Ä M?” “* Äk’mÄm«, 36» fagen ,» «Äffen, daß » K i S « 5 « » ä SB?»"« w'.d bi« Frau Bnronfn b°ch halb hi-- -in. ber ■’S»"»' aber^'aerade diese Situaton ausnutzen, I ^,Wenn wir Ihnen hier nicht lästig fallen, Herr Matthey, »rmibsrte Durau mit fiebernder Hast, denn Du I so nehmen wir Ihr Anerbieten dankend an," entgegnete bist doch Hombergs Neffe und einziger naher Verwandter, I die Gouvernante und nahm mit der kleinen Baroneß auf ^Ab»r für morgen kann ich Dir noch nichts versprechen, I und die Dame kam nicht. « Jhnnrtete ber Maler barsch „Denn Du mußt I Da wurde die Gouvernante unruhig und erkärte, daß 2 einsehen daß ich die Angelegenheit nicht über's Knie I hier entweder ein Mißverständniß obwalte, oder daß der Ba- »wei oder drei Tagen nach, dann | ronin vielleicht gar ein Unfall auf dem Herwege zugestoßen Ä wissen woran ich bin " sei. Jedenfalls könnte sie jetzt keine Minute länger warten, W Nun gut," entgegnete Durau, „so komme ich über-I denn um 4 Uhr hätte die gnädige Frau hier sein wollen und mnmon itm hiefelbe Qelt wieder Leb' wohl bis dahin und I jetzt wäre es bereits /z5 Uhr, ohne daß sie gekommen fei. thu? was in Deinen^ Kräften steht, um uns der Gefahr zu Dies erw^in^hr^ Beforgniß, denn die Frau Baronin liebe ^trEen." Male- begleitete den unheimlichen Menschen bis Die Gouvernante ließ sich auch nicht bewegen, noch zur Hausthüre und kehrte dann in sein Atelier zurück. Er I länger zu warten, und verließ nut der kleinen Baroneß als- Ln Ä ”n MÄÄsaJS »«• -°mm. sich-., um >° s-d-u, °b b.« W ronin bereits feit mehreren Wochen vergeblich gewartet hatte, I ihres Töchterchen« Üblich fertig ist," flüsterte Matthey, „aber fertig malen, aber der unglückliche Künstler vermochte nichts I ich muß zu meiner Schande gestehen, das, es noch ebenso un- »u arbeiten. In seinem Kopf hämmerte es, seine Stirn war I vollendet ist rote vor vierzehn Tagen. O, es lastet em ent» beiß vor Aufregung und seine Gedanken verwirrten sich. I setzlicher Fluch auf mir, ich bm so demoralisirt, daß ich, wie Mit einem tiefen Seufzer warf er sich auf einen Seffel und I es scheint, keine meiner Pflichten mehr zu enüßen bte Kraft hielt die Hände vor die Augen. Wie ein Anfall des Wahn- I habe. Da ist der Tod• bte einzige Erlösung, denn was soll sinns war es über ihn gekommen. Er fühlte sich wie in I ich noch auf dieser WeltI ,, ™ . einem tiefen, tiefen Abgrund versunken, in welchem die feu- I Der unglückliche Maler setzte seine unruhige Wanderung riaen Woaen eines Gluthmeeres tosten. Riesige Ungeheuer | in seinem Atelier fort und neben den trübsten, traurigsten stürzten auf ihn ein, um ihn zu verschlingen und das größte I und bittersten Gedanken stiegen auch die Ideale seiner besseren dieser Ungethüme trug das Antlitz Durau'S mit furchtbar j Vergangenheit vor feine Seele. drohenden Geb^den.^ „O, hätte ich doch den guten Ermahnungendes wackeren Wie von Furien verfolgt, wollte Matthey dem Schlunde j Homberg, der wie ein Vater an mir gehandelt hat, gefolgt,' entstieben und raste in dem Atelier umher. Er stieß dabei I flüsterte er mit tiefem Seufzer, „fo wandelte ich jetzt wa^r'’ mstdemKopf Ä SBanb und fiel betäubt nieder. fcheinlich auf der lichten Höhe des ünstlerichen Ruhmes und Diese Betäubung brachte dem unseligen Manne wenigstens I der treuen Pstichterfüllung vor Gott und den Menschen. O, für einige Zeit Ruhe. Aus der Betäubung fiel er bald in barmherziger, gnädiger Gott, gibt es für mich denn auf dieser inen unruhigen Schlaf, und au» diesem weckte ihn ein wieder- Welt keine Rettung von schänd ichem Un ergänze mehr? holte» Klopsen an der Thüre, welche zum Atelier führte. Da stieg in dieser Verzweiflung aufs Reue in Mattheys Dieses Klopfen gab ihm seine Bestnnung wieder. Rasch Seele derselbe rettende Gedanke auf, welchen er bereits heute svrana er auf und eilte nach der Thüre, aber wie von einer schon einmal gehabt hatte. Vielleicht war ihm das Schicksal »löblichen Angst gepackt, prallte er zurück und flüsterte mit in letzter Stunde noch gnädig und fügte e», daß die Baronin bebenden Lippen: „Kommen ste vielleicht schon, um mich in'» ihre Schriite hierher lenkte und dann wollte er e» wagen, G jängniß zu führen?"..... ! ihr sein Unglück und seine Liebe zu gestehen und darauf sein Dann suchten seine Augen nach dem Revolver, den er | Schicksal aus ihrer Hand empfangen. vor Durau'» Ankunft in der Hand gehabt und weggelegt I Immer aufgeregter, immer unruhiger wurde inzwischen batte aber noch ehe er nach der Waffe weiter umherblickte, I der unselige Matthey. Er glich in seinem Wesen einem ge- wurde wiederum an die Thüre geklopft und er rief mechanisch I fangenen Vogel, der den ersten Tag im Käfig verbringen muß aus Gewohnheit „Herein!" und vergeblich nach allen Seiten mit dem Kopse an da» feste Da öffnete sich die Thüre und die kleine Baroneß von j Gitter stößt und trotz aller Anstrengungen dennoch ein armer Sassen trat im weißen Kleide und freundlich knixend in das I Gefangener bleibt. Sltelier I Des bejaMmernswerthen Malers Kräfte, welche ohnedies Äh, die gnädige Frau Baronin beehren mich mit | schon viel gelitten hatten, erschöpften sich aber bald, und nach einem Be uche," rief jetzt Matthey mit erzwungener Freund- I Äthern ringend sank er auf da» Sopha. Aber kaum hatte lichkeit und lief, eine tiefe Verbeugung nach der Thüre, aber I er einige Minuten dort geruht, da schreckte ihn ein leiser enttäuscht trat er zurück, denn es war nicht die Baronin * Klopfen an ber Thüre empor. (Fortsetzung folgt.) Redaktion; A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Thr. Pietsch) in Gießen.