NnLeichaltunssblatt 311m Giehenev Anzeigev (Gen-val-AnzeiKev) WWNff SaSsaiil' AWWWR. TsW MMKKMMU ®e;WW : - "r' s U^aiNtiipeKBae^ lWWM^^ZM l^i-.?’jiaiSgS '--.-. •‘, *i- ■'... A.' ' jr,- -’>/'¥<;<;• s />.%> -/ W4 Samstag, den 21. Juli. Das Geheimmß der Droschke. Von F. Hum e. (Fortsetzung.) Margarethe hatte den Schleier zurückgeschlagen und der Advocat gewahrte mit großer Verwunderung, daß sich ihr feines, zartes, schönes Gesicht geändert habe. Ein fester, beinahe harter Zug von Energie hatte stch darin festgesetzt. Es war keine Spur von Thränen an ihren blitzenden Augen zu entdecken. Doctor Philipp Mark begann einzusehen, daß ihm Margarethe Weber in der That von großem Nutzen sein könne. Das Ahnungsvermögen einer leidenschaftlich liebenden Frau war in diesem Falle nicht zu unterschätzen. „Und in welcher Art denken Sie Jvanyi zu retten?" fragte er fast demüthlg. Margarethe dachte eine Weile nach, während sie sinnend vor sich sah. „Vor Allem muß ich Ihnen gestehen, Herr Doctor, daß ich Desiders Behauptung, er schweige um meinetwillen, nicht verstehe. Er gibt keine Geheimnisie in meinem Leben. Ich weiß aber, daß er am 27. Mai um elf Uhr Abends unsere Villa verließ. Er hatte die Absicht, in den Club zu gehen, um einige Briefe, die er erwartete, abzuholen. Das hat er mir gesagt." „Es mag nur ein Vorwand gewesen sein," warf Doctor Mark ein. „Nein," behauptete sie bestimmt. „Desider lügt nicht. Er hat auch seine Absicht ausgesprochen, vom Club direct nach Hause zu gehen. Als er aber in den Club kam, fand er den Brief vor und hat infolge desien seine Absicht geändert." „Aber von wem konnte dieser Brief sein?" forschte Mark, der Margarethens Ausführungen gespannt zugehört hatte. „Errathen Sie nicht?" erwiderte sie ungeduldig. „Von jener — Person, die ihn sprechen wollte." „Und Sie wollen diesen Brief ausfindig machen?" rief der Advocat, fast erschreckt über die Kühnheit dieses Unternehmens. „Schwere Sache!" „Ja, in Desiders Wohnung." „Er kann ihn aber vernichtet haben." „Jawohl, er kann allerlei damit gemacht haben, aber ich sage Ihnen, er hat es nicht. Ich kenne Desider ganz genau mit allen seinen Gewohnheiten. Er ist in solchen Dingen nachlässig. Er steckt die Briefe in die Tasche oder wirft sie in den Papierkorb, ohne weiter daran zu denken." „Hm — einen solchen Brief —" „Wir werden ihn finden," sagte Margarethe zuversichtlich. „Der Brief könnte ihm aber auch auf dem Wege von Ihrer Villa in den Club übergeben worden sein — er geht doch bei schönem Wetter immer zu Fuß in die Stadt.^ Margarethe erschrak. Das war wohl möglich. Einen Augenblick sah sie zum Fenster hinaus, dann rief sie lebhaft: „Das können wir leicht erfahren. Roller ging mit ihm — und er kommt dort gerade wie gerufen." Sie zog den Schleier wieder über ihr Gesicht und lehnte sich tiefer in die Kiffen des Wagens, während Doctor Mark das Zeichen zum Halten gab, rasch aus dem Wagen sprang und auf Roller zueilte. „Grüß' Sie Gott," sagte dieser in seiner gewohnten Lebhaftigkeit, „woher kommen Sie denn?" „Aus dem Fiaker dort," gab der Advocat trocken zur Antwort. „Ich sah Sie und wollte Sie um Etwas fragen, das für mich von Wichtigkeit ist." „Heraus damit, lieber Freund." „Sagen Sie, Roller, erinnern Sie sich nicht, mit Jvanyi zugleich die Villa Weber verlaffen zu haben — damals, am 27. Mai?" „Jawohl. Wir nahmen zusammen einen Fiaker und fuhren in den Club." „Haben Sie nicht bemerkt, ob er irgend eine Botschaft erhielt — einen Brief?" „Nein, durchaus nicht. Es hat Niemand mit ihm gesprochen wie ich. Er war übrigens bei sehr guter Laune. Aber was bedeutet dieses Verhör?" unterbrach er sich ärgerlich. „Ah, nichts — gar nichts," sagte Mark und eilte dem Wagen zu. „Nächstens erkläre ich Ihnen Alles." Damit ließ er Roller stehen. „Diese Advocaten," murmelte dieser. „Nichts aus ihnen herauszubringen — Doctor Mark ist der reine Wirbelwind." Margarethe hatte die Rückkehr Marks ungeduldig erwartet. „Nun?" fragte sie. , „Sie haben Recht: unterwegs hat er keinen Brief bekommen. Wir müffen im Club nachfragen." Der Wagen hielt und Doctor Mark flog förmlich die Treppe hinaufrief Vorzimmer den ihm bekannten Clubdiener'. „Mein Lieber," sagte er, „erinnern Sie sich nicht, ob in der Nacht, in welcher Herr Wolski tobt im Fiaker gefunden wurde, ein Brief für Herrn von Jvanyi abgegeben wurde?" „Das ist schon lange her," meinte Johann zögernd, steckte aber das Geldstück, welches Mark ihm gereicht, rasch ein. „Ich erinnere mich wirklich nicht." -> 334 — „hch dachte es wohl," seufzte der Advocat, während der Diener nachdachte. „Halt," rief er endlich, „warten Sie, mit der Post ist keiner gekommen, aber man hat ihm''um zwölf kUhr einen gebracht, ein junges Frauenzimmer, ja,§ja, jetzt erinnere ich mich ganz genau. Sie springt wie eine Wilde zur Thür hinein und schreit: Ist er hier? und steckt einen Brief in meine Hand. — Für wen? frage ich. — Es steht schon darauf, meint sie, ich kann nicht lesen, geben Sie'« ihm gleich. — Und darauf rennt sie davon." Doctor Mark hatte mit zurückgehaltenem Athem zugehört. „Und der Brief war für Herrn von Jvanyi?" fragte er wieder ruhig. „Ja. Und ganz schmutzig war er. Herr von Jvanyi hat gerade Billard gespielt, als ich ihm den Brief gab. f Er hat die Adreffe angesehen, ihn dann eingesteckt und .weiter gespielt." „Nicht geöffnet?" „Nicht gleich. Er hatte gerade eine Serie. Schade um ihn, er war sehr geschickt." „Wann hat er den Brief geöffnet?" „Warten Sie — vor ein Uhr. Ich war gerade im Billard-Zimmer." „War er aufgeregt dabei?" „Er hat ärgerlich ausgeschaut und das Queue auf das Billard geworfen; dann hat er den Hut genommen und ist fortgegangen." „Ah, und um ein Uhr hat er Wolski getroffen," dachte Mark. „Wie sah der Brief aus?" wendete er sich an den Diener. „Sehr schmutzig. Es war ein großes Couvert." „Ich danke Ihnen, Jean," sagte Mark und eilte zu Margarethe. „Sie hatten Recht," rief er athemlos, als er wieder im Wagen saß. „Jvanyi hat einen Brief bekommen, offenbar zu einem Rendez-vous." „Ich wußte es," meinte sie einfach. „Wir werden den Brief in seiner Wohnung finden." „Nach Ihren bisherigen Erfolgen darf ich Ihnen nicht widersprechen," war Doctor Marks Antwort, der voll aufrichtiger Bewunderung das schöne Mädchen ansah. Bei Frau Kroll angekommen, die sehr bekümmert aussah, und seit der Katastrophe vergaß, ihre Geschichten auszukramen, ließen fie sich sofort in Jvanyis Zimmer führen. Dieselben machten den Eindruck des Leeren, trotzdem die Möbel so standen wie zur Zeit, da Destder diese Räumlichkeiten bewohnte. Sie machten sich sofort daran, Schränke und Tischladen zu öffnen, fanden aber Alles leer, da die Polizei sämmtliche Effecten in Verwahrung genommen hatte. Ganz entmuthigt wollten sie sich entfernen, als Margarethe noch einen letzten Blick zurückwarf, um sich zu überzeugen, daß sie nichts ver- geffen. Da gewahrte sie in einer Ecke beim Schreibtisch, halb unter dem Vorhang versteckt, einen Papierkorb von mittlerer Größe. „Warten Sie, Herr Doctor," rief sie lebhaft und zog den Korb hervor. Doctor Mark rief Frau Kroll und fragte sie, wie lange der Korb nicht geleert worden sei. „Ach," sagte sie unter Thränen, „das war sein einziger Fehler. Er war etwas nachlässig und hat mir niemals erlaubt, den Korb zu leeren, ehe er ihn nicht erst untersucht hatte. Und wochenlang haben sich da die Papiere angesammelt. Es sind gewiß schon zwei Monate her, daß ich ihn nicht aus- geputzt habe; in der Aufregung der letzten Zeit habe ich es ganz vergeffen. Entschuldigen Sie —" Mit diesen Worten wollte sie den Korb mit sich nehmen, aber Doctor Mark hinderte sie daran, indem er sie bat, das Zimmer zu verlassen und nach einigen Minuten wieder zu kommen. Hastig begannen die beiden Zurückbleibenden in dem Korbe zu stöbern, um nach einer Weile aus einer Menge zerrissener und zerknitterter Briefe einen hervorzuziehen, der halb verbrannt war. Margarethe schrie auf und reichte Mark ein Brieffragment, auf dickem, hartem Papier geschrieben, das fol- genden Inhalt hatte: la Pia t- Beit ' 27. Mai Herr Destdor Jvanyi ten in wichtiger An sterbendes Weib tivkirche m Verze „Endlich," rief sie, „ich wußte, daß wir es finden würden." „Leiber fehlt die Unterschrift," sagte Mark. „Man wird also wenig mit diesem Dokument beweisen können," meinte Margarethe traurig. „Halt," — der Advocat hatte nachgedacht, — „ich hab's. Sehen Sie das Papier an. Es hat in der Ecke aufgedruckt: la Pia — L Veit — das heißt offenbar: Villa Pia St. Veit." „Also sind sie nach St. Veit gegangen?" „Kaum. In einer Stunde hin und zurück? Nein. Er ist in Wien geschrieben," sagte Mark bestimmt. „Woher wissen Sie das?" „Ich habe begründete Ursache, dies anzunehmen. Aber es fällt mir jetzt etwas ein: vor drei Monaten ist in der Villa Pia in Ober-St. Veit ein Einbruch verübt worden, von diesem Diebstahl stammt dieses Papier. Geschrieben wurde der Brief also von Jemand, der auch mit diesem Verbrechen in Verbindung steht. Gut," bekräftigte er selbst seine Erwägungen. „Ich werde Abends mit einem geschickten Detectiv sprechen," fuhr er mehr zu sich selbst fort. „Der wird es herausbringen, woher der Brief stammt und wer ihn in den Club gebracht hat. Wir werden ihn retten, mein Fräulein," schloß er, indem er den Brief zusammenlegte und in seine Brieftasche steckte. „Und glauben Sie, daß Sie die Schreiberin ausfindig machen?" fragte Margarethe, die mit leuchtenden Blicken den Worten des Advocaten gelauscht hatte. „Hm," antwortete nachdenklich Doctor Mark, „sie kann auch gestorben sein. Uebrigens genügt es, wenn wir wissen, wer den Brief in den Club gebracht und wer bei der Votivkirche Jvanyi erwartet hat. Ich brauche ja nur zu beweisen, daß er um die kritische Zeit nicht in Wolskis Fiaker sein konnte." Hierauf verließen sie Jvanyis Wohnung, Margarethe mit einem heißen Dankgebet auf den Lippen, Doctor Mark befriedigt von dem Resultat seiner Mühe. Ein Strahl der Hoffnung war in das Herz des armen Mädchens gefallen, und mit tiefer Innigkeit dachte sie dessen, der dort hinter den Mauern des Gefängnisses in einsamer, düsterer Zelle ein Martyrium auf sich genommen. XIII. Doctor Philipp Mark befand sich um 8 Uhr Abends noch in seiner Kanzlei. Seine Hilfsbeamten hatten zur gewöhnlichen Zeit ihr Bureau verlassen — um 6 Uhr. Seit dieser Stunde ging der Advocat unablässig auf und nieder. Er war ungeduldig und blieb jeden Moment beim Fenster stehen, um hinauszublicken. Er erwartete den Detectiv, den er bestellt hatte. Auf dem Tische standen eine Flasche Wein, zwei Gläser und ein Kistchen mit guten Cigarren. Endlich kam der Erwartete. Es war ein hagerer, lang aufgeschossener Mann in schwarzer Kleidung, welche ihn noch schmächtiger erscheinen ließ. Das Bemerkenswertheste an ihm war der scharfe, durchdringende Blick, der fast unheimlich aus den tiefliegenden, von der vorspringenden Stirn beschatteten Augen hervorstach. Zu diesem Blicke paßte der zusammengepreßte Mund und die finstere Ernsthaftigkeit seiner Gesichtszüge. Es war nichts Lachendes, nichts Weiches in diesen Zügen, eher konnte man aus ihnen einen gewissen Hohn herauslesen. Peter Kilian war der Nebenbuhler Adameks, geschätzt wegen seines immensen Gedächtnisses und seines scharfen Blicke«. Er galt als der beste Aufspürer; da er aber infolge seines etwas hastigen Wesens kein bedächtiger Mann war wie - 385 - i Mark e!ü en, das fol- !ai in würden." it beweisen »ich hab's. »ufgedruckt: St. Veit." Nein. Er ne«. Aber ;n der Villa von diesem e der Brief :n in 93er« cwägungen. sprechen," lusbringen, lb gebracht ; er, indem e steckte. ausfindig Blicken den „sie kann wir wiffen, der Votiv« r beweisen, Fiaker sein Grethe mit !ark befrie« des armen sie deffen, einsamer, ryc Abends n zur ge« Ihr. Seit mb nieder, im Fenster tectiv, den sche Wein, rrer, lang ; ihn noch ie an ihm imlich aus »eschatteten zusammen« r GesichtS« in diesen fen Hohn , geschätzt i scharfen er infolge ; war wie Ädamek und kein Grübler, sondern Einer, der nicht viel com« binirte und forschte, so übertrug man ihm niemals Angelegenheiten, bei welchen es darauf ankam, langsam vorzugehen. Für solche Fälle war Herr Wendelin Adamek der rechte Mann, zum größten Aerger Kilians, der den behäbigen College« für etwas einfältig hielt und ihm de« letzten Senfationrerfolg von Herzen mißgönnte- Daher hatte es ihn auch außerordentlich gefreut, als er von Doctor Mark die Einladung erhielt, ihn behufs Rücksprache über den Fall Wolski zu besuchen. Vielleicht ließ sich an Adameks Erfolg ein wenig mäkeln. Nachdem der Advocat und der Detectiv Platz genommen, und ihre Cigarren in Brand gesetzt hatte«, begann Doctor Mark: „Ich nehme a«, daß Ihnen die Sache in allen Einzelheiten bekannt ist, mein Lieber." „Allerdings. Adamek spricht von nichts Anderem, als von der Geschicklichkeit, die er bei Ausforschung des angeblichen Thäters entwickelt hat." „Des angeblichen Thäters, sagen Sie?" meinte der Ab- vocat. „Wollen Sie damit sagen, daß Sie die Schuldlosigkeit Joanyis nicht für ausgeschlossen halten?" Kilian rieb sich die Hände. „Nun," sagte er ruhig, „bevor ich Ihre Einladung erhielt, war ich von seiner Schuld überzeugt, aber da ich weiß, daß Sie den Angeklagten vertheidigen, schließe ich, daß Sie eine entlastende Entdeckung gemacht haben, zu deren weiteren erfolgung Sie mich brauchen." „Sie haben Recht," erwiderte Mark. „Herr Jvanyi gibt zu, Wolski bei der Votivkirche gesunden und einen Fiaker genommen zu haben." „Woher wissen Sie das?" „Von Adamek." „Wie hat er das herausgebracht?" rief der Advocat in hellem Staunen. „Er spionirt ja überall herum," brummte Kilian gehässig und ohne zu bedenken, daß solches Spioniren die Hauptaufgabe des Deteclivs bildet. „Sicher aber ist, daß die einzige Chance für Jvanyi in dem Beweis besteht, daß er nicht zurückgekommen ist, wie der Kutscher behauptet." „Sie denken also, daß er ein Alibi erbringen wird." „Sie wissen ja von der Sache mehr als ich, Herr Doctor," sagte Kilian bescheiden, „aber ich meine, daß dies die einzig richtige Verantwortung wäre." „Nun, er wird sich nicht dahin verantworten." „Dann ist er schuldig I" rief Kilian schnell. „Das ist nicht die Folge." „Wenn ihm sein Leben lieb ist, muß er das Alibi nachweise«." „Das ist's ja. — Sein Leben ist ihm nicht lieb." Kilian schüttelte den Kopf und trank ein Glas Wein. „Thatsache ist es," fuhr der Advocat fort, „daß er sich's in den Kopf gefetzt hat, die Auskunft, wo er um die kritische Stunde war, zu verweigern." „Ich verstehe," meinte ernsthaft blickend der Detectiv, — „eine Dame . . ." „Nein," erwiderte Mark hastig. „Ich habe es anfangs auch gemeint, aber er war bei einer sterbenden Frau, die ihm etwas anzuvertrauen hatte." „Was denn?" „Das weiß ich eben nicht. Es muß sehr wichtig gewesen sein, denn sie schickte in sehr dringender Weise nach ihm und bei ihr hat er die Stunde von ein bis zwei Uhr Morgens zugebracht." „Also ist er nicht zum Fiaker zurückgekommen?" „Nein. Er ist zu dieser Frau gegangen, verweigert aber darüber jede weitere Auskunft. Ich habe heute in seinem Schlafzimmer den betreffenden Brief halbverbrannt aufgefunden." Er reichte ihn dem Detectiv- „Er ist vom 27. Mai datirt," bemerkte dieser. „Ja — und Wolski wurde in derselbe« Nacht ermordet." „Geschrieben in la Pia-t. Veit," buchstabirte Kilian, „St. Veit, wie es scheint- Ah, war er dort?" „Kaum," sagte der Vertheidiger sarkastisch, „in einer Stunde. - Der Fiaker sagt aus, daß er um ein Uhr in der Währingerstraße - Frau Kroll, daß er um zwei Uhr in der Alleegaffe war — das ist also unmöglich." „Wann wurde der Brief abgegeben?" „Einige Minuten vor zwölf Uhr," antwortete Mark und berichtete Alles, was ihm bekannt war. „Jetzt haben wir herauszubringen, wer die Ueberbringerin des Briefes war." „Aber wie?" „Himmel," schrie Mark ungeduldig. „Sie sind aber begriffstutzig. Sehe« Sie doch das Papier an." In Kilians Augen leuchtete ejn Blick des Verständnisses. „Villa Pia, Ober-St-Veit," rief er und besah das Papier nochmals. „Dort ist ja eingebrochen worden." „Freilich," meinte befriedigt der Advocat. „Verstehen Sie endlich, was ich will? Sie müssen mich dorthin führen, wo die aus dem St- Vetter Diebstahle herrührenden Gegenstände verborgen waren. Dieses Papier ist ein Theil der zurückgelaffenen Beute und muß dort benützt worden sein. Jvanyi folgte der Einladung und war an dem angegebenen Orte, während der Mord verübt wurde." „Das ist richtig," bemerkte Kilian. „Der Einbruch wurde von vier Männern begangen. Die Beute haben sie bei einer Frau, die man die „Pfeiferin" nennt, versteckt. Aber zum Kuckuck, ein anständiger Mensch wie Jvanyi kann doch nicht gut an einem solchen Orte gewesen fein — es wäre denn —" „Er hätte einen guten Führer gehabt," vollendete Mark den Satz. „Und das war das Mädchen, welches den Brief gebracht hatte. Nach der Beschreibung des Clubdieners scheint sie aus einem solchen Orte gewesen zu sein." „Nun," sagte Kilian und sah auf die Uhr. „Neun Uhr — wenn Sie wollen, begeben wir uns gleich zu der alten Pfeiferin. — Sterbendes Weib," fetzte er gedankenvoll hinzu, — „sterbendes Weib — vor etwa vier Wochen ist eine dort gestorben." „Wer war sie?" fragte der Advocat gespannt und nahm auch schon seinen Ueberrock. „Ich glaube, eine Verwandte von der Pfeiferin," lautete die Antwort, während die beiden Männer sich auf den Weg machten. „Ich weiß es nicht genau. Sie nannten sie „Königin" und sehr schön mag sie einmal gewesen fein — ist vom Ausland, ich weiß nicht genau woher, gekommen und in jener Nacht — jetzt erinnere ich mich — an der Schwindsucht gestorben." „Also muß sie es gewesen sein, die an Jvanyi geschrieben hat." „Rein Zweifel," sagte der Detectiv. „Wenn er um diese Zeit dort gewesen ist, werden wir genug Zeugen für fein Alibi finden. Der Pfeiferin und ihrer Enkelin bin ich ganz sicher." Mark hörte nicht mehr zu. Er dachte angestrengt nach. Was mochte ein Weib, das eben aus dem Ausland gekommen war, — das sich in einer Diebeshöhle aufhielt, Desider Jvanyi zu sagen gehabt haben über Margarethe Weber? XIV. Es war eine merkwürdige Wanderung, welche Doctor Philipp Mark an der Seite des rasch ausschreitenden Detectivs unternommen hatte, merkwürdig vor Allem deshalb, weil der Advocat nicht aus dem Staunen herauskommen konnte. Diese Häuser, deren weite, schmutzige Höfe sie passirten, diese schlecht beleuchteten Gäßchen standen in Wien, in derselben Stadt, die er so gut zu kennen meinte — in der Nähe der belebtesten Straßen, von wo her der Lärm des Verkehrs wie ein dumpfes Rollen herüber tönte ? Kleine einstöckige Häuser mit abbröckelndem Mauerwerk, an dessen Wiederherstellung Niemand dachte, mit schmalen, dunklen Treppenaufgängen von der Gasse aus, statt der Fensterscheiben angeklebte Fetzen Papier. Am Ende ihrer Wanderung ging es eine schlüpfrige Stiege hinab, die in eine enge Sackgasse mündete. Hier blieb endlich der Detectiv vor einem ganz verwahrlosten Häuschen stehen- „Hier hinein, wenn es gefällig ist," flüsterte er dem Advocate« zu, der sich in dieser ärmlichen Umgebung in feinen eleganten Kleidern sehr seltsam vorkam. Er blickte fortwährend 336 um sich und griff mehrmals nach seinen Taschen, als fürchtete er, daß sich in dieser Einsamkeit Jemand heranschleichen könne, um einen kühnen Griff zu thun. Er fühlte sich sehr unbehaglich und sein Unbehagen wuchs noch, als er eine steile, halbverfallene Treppe emporklomm und einen langen, dunklen Gang, angefüllt mit unangenehmen Dünsten und widrigen Gerüchen, betrat, an deffen Ende eine kleine Petroleumlampe mehr Qualm als Licht verbreitete. Diese Lampe erlosch aber in demselben Augenblicke, als Peter Kilian fest aufzutreten begann und sein Schritt auf der schadhaften Diele knarrte- Der Detectiv schien darauf gefaßt gewesen zu sein, denn er rief, ohne stehen zu bleiben, mit lauter Stimme: „Heda. Anzünden. Wer heißt Euch aurlöschen?" (Fortsetzung folgt.) Gemeinnütziges. Vorsicht bei Verwendung von Speiseresten ist gerade während der jetzigen Sommerszeit eine sehr ernste Pflicht unserer Hausfrauen. In ihrer Hand liegt zunächst das Wohlbefinden ihrer Angehörigen. In den meisten Fällen wird die Veranlaffung zu Erkrankungen den Einflüffen der Witterung beigemeffen, während sie jedoch im Sommer sehr oft in dem Genuß sich zersetzender Nahrungsmittel zu suchen ist. Wir führen im Folgenden verschiedene Speisen an, deren Verwendung bei heißem Wetter große Vorsicht erheischt: Fische, sowohl im rohen, wie im gekochten und gebratenen Zustande bewahre man nicht länger auf, als von Mittag bis zum Abend. Am folgenden Tage genossen, rufen sie sehr oft die schlimmsten Erkrankungen hervor. Dasselbe gilt auch vom Genuß der Krebse. Büchsen- conserven sind nach jedem Gebrauch sofort luftdicht zu verschließen. Sardinen in Oel und Hummern werden am besten, wenn die Büchse einmal geöffnet ist, nicht mehr ausbewahrt. Jede Hausfrau sollte darauf halten, daß Ueberbleibsel von gekochtem oder gebratenem Fleisch, sowie Milchspeisen und dergleichen sobald als möglich ihre Verwendung finden. Hat auch der Genuß verdorbener Speisen nicht immer schwere Erkrankungen zur Folge, so treten doch in den meisten Fällen Verdauungsstörungen ein. Bemerkt sei noch, daß das Verschenken verdächtig aussehender oder riechender Speisereste an unbemittelte Personen gewissenlos und strafbar ist. Was nun dem Menschen schädlich, ist auch dem Vieh nicht zuträglich, weshalb dergleichen verdorbene Speisereste sofort der Vernichtung anheimfallem müssen. Jede ökonomische Hausfrau wird sich vor diesem Verlust zu schützen wissen, wenn sie beim Einkauf und der Zubereitung auf den schnellen Verbrauch bedacht ist. • Marmelade von sauren Kirschen. Auf ein Pfund Kirschen ein halber Pfund Zucker. Die Früchte werden entsteint, mit etwas Essig und Wasser ganz weich gekocht, durchgeschlagen und mit etwas geläutertem Zucker so lange gekocht, bis die Marmelade dick genug ist, was man an einer kleinen Probe sehen kann. Ist sehr haltbar. Grüne Wallnüffe in Zucker. Junge, unreife Nüsse, die inwendig noch weich und ohne die holzigen Kernschalen find (man erprobt dies beim Durchschneiden einer großen Nuß), werden, nachdem oben und unten ein dünnes Scheibchen abgeschnitten ist, an 3 bis 4 Stellen durchstochen, 4 bis 6 Tage in frisches, täglich erneuertes Wasser gelegt. Dann läßt man sie in viel Wasser kräftig aufkochen, gibt sie zum Abtropfen auf ein Sieb, dann wieder ca. 5 Minuten in frisches, siedendes Wasser, wiederholt dies nochmals, kocht nun die Nüsse darin nebst ganz wenig Salz, bis ein Stecknadelknopf mit leichtem Druck eindringen kann, und legt sie nochmals 1 bis 2 Tage in frisches, öfter gewechseltes Wasser. Dann läßt man sie gut abtropfen und pflegt darnach auch in jede Nuß eine Nelke und Stiftchen von Zimmt und kandirter Orangenschale oder Citronat zu stecken. Da hierbei jedoch die Schale verletzt wird, so gibt man die Würzen, besser gröblich gestoßen, beim letzten Auf. kochen hinzu; gerne fügt man alsdann auch Citronat u. dgl. in größeren Stücken bei, die dann auch apart als beliebte Conferve dienen. Auf 25—30 Nüsse (ca- 1 Pfd.) kocht man nun 3 bis 4 Taffen Zucker dünnflüssig, die Nüsse darin noch 2 bis 3 Minuten und stellt sie bis zum nchsten Tage kalt. Dann läßt man sie abtropfen, die Brühe syrupähnlich einkochen, dis Nüsse darin nochmals 2 Minuten still sieden und gibt sie in die Behälter. Danach wird die Brühe zu dickem Syrup eingekocht und etwas abgekühlt über die Früchte gefüllt. Da diese selbst nicht saftig sind, muß die Brühe reichlich zum Nachsüllen vorhanden fein. Sollten die äußeren Schalen sich etwas abblättern, so schäle man diese behutsam sehr dünn und glatt ab, da sie die Brühe trüben- Diese Abfälle dienen noch als Beigabe zu Marmelade, Pasten rc. * ♦ Grüne Wallnüsse in Essig und Zucker. 30 Nüsse, genau wie oben vorbereitet, gewässert und gekocht, dann nur abgetropft, event- mit Nelken und Zimmtstiftchen besteckt, oder dieses Gewürz wie oben angewandt, werden in eine kochende Brühe von 3 Tassen Zucker und zwei Tassen Essig gegeben, noch ca- 5 Minuten gekocht und eingefüllt. Nach 8 Tagen wird die Brühe nochmals abgegossen, syrupähnlich eingekocht, etwas abgekühlt hinzugegeben und einfach verschlossen. Vermischtes. Brautwerbung. Eine eigene Art von Brautwerbung besteht bei den tschulyantschen Tataren. Hat ein Mädchen auf das Herz eines Jünglings Eindruck gemacht, so begibt er sich mit einer neuen chinesischen Thonpfeife, die wohl gestopft ist, in das Haus feiner Angebeteten und entfernt sich wieder, ohne feine Werbung anzubringen. Nach einer Viertelstunde kehrt er zurück, findet er feine Pfeife angeraucht, so ist dar Mädchen geneigt, im anderen Falle verliert er kein Wort, um keine abschlägige Antwort zu erhalten. Aus der Kaserne. Unteroffizier (zum Soldaten, der Arrest bekommen): „So, jetzt können Sie 10 Tage Höhlensex markiren!" * ♦ * Höhere Kochkunst. Lehrerin: „Wie bereitet man Boullion, Fräulein von Spatz?" — Fräulein von Spatz: „Man kauft eine Büchse Liebigs Fleichextrakt und verfährt nach Gebrauchsanweisung!" ♦ ♦ Ihr Spleen. Rittmeister v. D.: „Nun, Kamerad, werden Sie bei Ihren derangirten Verhältnissen bald die reiche Miß Carnell heirathen?" — Rittmeister v- M.: „Nee; hat wie alle Engländerinnen 'n Spleen." — „So? Und was für einen?" - „Sie will mich nicht!" ♦ ♦ Berichtigung. Ein Blatt hatte von einem Berliner Rehtsanwalt gemeldet, derselbe sei verrückt geworden. Der Mann befand stch aber vollkommen gesund im Bade- Da die Nachricht in eine Reihe anderer Blätter überging, so gingen unterdessen bei der Familie des Anwalts von Nah und Fern Beileidsschreiben ein. Die Zeitung aber, die das Unheil verschuldet hatte, brachte nun folgende famose Berichtigung: „Unsere Mittheilung über die geistige Umnachtung des Rechtsanwalts Dr. St. in Berlin hat sich leider nicht bestätigt." * * Dis klassische Köchin* Hausfrau (zur neuen Köchin): „Die Küche ist etwas klein" — Köchin: „O, das thut nichts: Raum ist in der kleinsten Hütts für ein glücklich liebend Paar I" Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. 2H r. Pietsch) in Gießen.