NnLerchaltnirgsbkrtA jum Gishenev Anzeigen (Gensvsl-Anzeis^ ff»>-vW8SS !iL-MßSj88^ ^ranm AWKWMMUM DWO , pCC^s- Donnerstag, den 21. Juni. Die Hexe von Bingenheim. Von Gg. Schäfer. (Fortsetzung.) Sibille und Justins traten miteinander in das anstoßende Gemach und fanden den alten Haudegen mit dem Kindlein auf den Armen- Mit strahlendem Gestchte ging der Burggraf den beiden Frauen entgegen, bot Justinen die Hand mit einem so starken Händedruck, daß sie stöhnte, und überreichte das Kind der Mutter. „Herzlich willkommen, liebe, tapfere Justine!" sprach der Alte; „hättest ein Mann werden und im dreißigjährigen Kriege mitkämpfen sollen, ein so starkes Herz hast Du." „Was wäre dann aus uns geworden, lieber Vater?" antwortete Sibille. „Meiner Treu, Du hast recht," antwortete der Alte. „Aber nun fängt der Junge durch mein heftiges Schreien zu weinen an; hat übrigens lange genug geschlafen, glaubte fchon, er wache gar nimmer auf. Wenn der Bursche nur einmal sprechen und lausen könnte, damit ich auch ein vernünftig Wort mit ihm zu reden vermöchte. Statt dessen liegt er den ganzen Tag in den Federn, schläft, trinkt, schläft wieder, fuchtelt und strampelt höchstens mit den Füßen und Fäusten etwas in der Luft herum. Sind alle Menschenkinder so klein und hilflos? Wachsen sie alle nicht schneller? Wie lange dauert's, bis man den kleinen Mann auf dem Knie reiten lasien oder an der Hand spazieren führen kann?" Nun kam auch Bardenstein, der Viceburggraf, herein und begrüßte die Freundin und Retterin auf's Herzlichste. Beim Abendbrode schilderte Justine die Zustände in Bingenheim, das Aussehen der Großmutter Beilstein, ihr starkes, rüstiges Wesen, ihre Arbeiten in Garten und Häuschen, so daß der Burggraf, welcher all sein Lebtag Junggeselle gewesen, plötzlich ausries: „Auf meinen Eidl Wir lasten das Wetblein hierher kommen, daß ich es heirathe und wir Alle zusammen sein und bleiben können, so lange es uns noch beschieden ist." Der Vorschlag wurde mit großer Heiterkeit begrüßt. Justine versprach, die Freiwerberin zu machen. „Du hast die zwei Jungen zusammenbringen helfen," rief der Burggraf, „kannst nun auch die Alten vereinigen. Geht es gar nicht mit der Großmutter, heirathe ich Dich. Das wäre eigentlich das Gescheidteste; Du wirst dann die Mutter dieser Beiden und die Großmutter des kleinen Buben. Bekommst Dein redlich Theil an Liebe und Sorge für die Gesellschaft und hilfst mir den Jungen verzärteln und verziehen, allein bringe ich es nicht gründlich genug fertig." Justine versprach, die Sache in Erwägung zu ziehen. Darnach mußte sie die Gerüchte schildern, welche über die räthselhafte Flucht umgingen, insonderheit die Aussagen des Hingerichteten Kulmann über seine Thätigkeit bei der Flucht. Zuletzt sagten Alle, daß die H-xereien und Zaubereien, an die sie selbst noch geglaubt, eitel Unsinn und Aberglaube wären, und gaben sich das Versprechen, ohne Unterlaß dafür zu wirken, daß die greulichen Hexenprocefle und der finstere Aberglaube aus der Welt geschafft würden. Bei der Taufe des Knäbleins ging es froh und vergnügt her. Justine und der Burggraf waren die Pathen, welche das Kind zur heiligen Handlung trugen und festiglich gelobten, ihm allezeit getreue Stellvertreter der Eltern zu sein. , So lange Justine auf der Ronneburg weilte, reihte sich eine schöne Stunde an die andere. Zu schnell verstrich die Zeit, es mußte geschieden werden. Der Burggraf fuhr das treffliche Mädchen bis zü dem Städtlein Staden, von wo es nur noch eine Wegstunde nach Bingenheim zu gehen hatte. „Auf Wiedersehen im nächsten Frühjahre!" rief der Burggraf der Kleinen zu, welche nach dem Abschiede eifrig der Hetmath entgegenstrebte. Vierzehntes Kapitel. Der Sommer des Jahres 1659 war naßkalt und ungesund, ähnlich wie der Monat April. Unter den Bewohnern Bingenheims, besonders unter den kleinen Kindern, fing die Krankheitsplage und das Sterben wieder an, wie im Frühjahre. Alwine und Malwine hatten sich mit der Freundin Hel- mine wieder ausgesöhnt. Die erstere kam an einem regnerischen Sommerabend zu der langentbehrten Freundin, um mit ihr ein gemüthliches Plauderstündchen zu halten. Frau Commiflarius Caspari gesellte sich dazu und sogar der gestrenge Herr Richter beehrte die Gesellschaft mit seiner Gegenwart. Das üble Wetter, die Krankheits-Erscheinungen und die Sterbefälle waren wichtige Unterhaltungsstoffe. Malwinchen ließ die Bemerkung fallen: „Die Leute munkeln: dieser hergelaufene Rentmeister und seine Buhle seien gar nicht auf über- natürliche Weise, sondern in ganz vernünftiger Art davon gekommen." t , > Alwine stieß die Plaudertasche an; sie hatte die Gewohnheit, etwas heraus zu sagen, ohne viel zu denken. Malwine ließ sich, wenn sie mit ihren Neuigkeiten einmal in Zug gekommen, nicht leicht aus dem Geleise bringen. Caspari, der dem Gespräche anfangs theilnahmslor folgte, wurde aufmerksam- “ 282 Den 22ten Juny Anno 1654. fptin5irft der alten Beilstein mit Deiner Weisheit und Wissenschaft keinen sonderlichen Dienst erwiesen haben," entgeg- mte Me^Alte ist mir sehr gleichgiltig," erwiderte Malwine; wenn die geköpft oder verbrannt werden sollte, mache ich um dar Schauspiel keine hundert Schritte. Fingen sie aber den Rentmeister und seine Buhle, dann würde ich gerne das Holz zum Scheiterhausen herbeischaffen helfen." , „Sei nicht so gehässig, Malwine," tadelte Alwme; „sind es nicht auch Menschen wie wir?" „Nein, sie sind ganz andere und das macht mich so grrm- mig. Niemals habe ich Leuts so angeseindet und beneidet, wie diese Zwei." , , , ., Die Freundinnen trennten sich. Malwine war durch die Unterredung so in Aufregung gerathen, daß sie die halbe Nacht nicht schlafen konnte. Dem Commissarius erging es ähnlich. Wenn die Ansicht des Fürsten durchdrang: es gibt weder Hexen noch Zauberer, dann bliebe für ihn, den Commissarius, nicht- übrig, als so schnell wie möglich aus dem Dienste zu verschwinden, denn ihm wurde hauptsächlich — und mit Recht — das Wüthen gegen die Hexen zur Last gelegt- , Mit starken Schritten durchmaß Caspari das Schlafzimmer und grübelte. Mehr als fünfzig Menschen hatte er in gräu- lichster Weise quälen, martern und hinrichten lassen, weil sie Hexen, Zauberer und Gotteslästerer gewesen — und nun sollte das Alles nicht wahr und das viels Menschenblut sollte^ unschuldig vergossen worden sein. „Es muß der unumstößliche Beweis geliefert werden," rief der Richter aus, indem er stehen blieb und die Faust auf den Tisch stützte, „daß es Hexen und sauberer gibt, daß sie furchtbares Unheil anrrchten, daß sie selbst sagen und glauben, sie wären Hexen. Zwar siegt dies schon fünfzigmal in den Acten, aber es muß noch einmal in so eklatanter Weise demonstrirt werden, daß leder Zweisel ausgeschlossen ist. Eher habe ich keine Ruhe." Lange nach Mitternacht fand er einen unruhigen, un- erquicklichen Schlaf. Früher als fonst war der Commissarius am folgenden Morgen in der Kanzlei, der Diener hatte kaum ordentlich abgestäubt. Caspari ließ sich fämmtsiche Hexen- proceßacten geben. Blatt für Blatt und Bogen um Bogen, so suchte er jeden einzelnen Fascikel durch; m,t dem Schweinehirten von Bisses beginnend, hatte er nach und nach bte fünfundzwanzig ersten Fälle sorgfältig studirt, ohne zu finden, was er fuchte- Die Mittagsglocke ertönte; man rief den Gestrengen durch einen besonderen Boten zu Tische, aber die Bissen quollen ihm im Munde. Ohne den Schluß des Mahles abzuwarten, eilte Caspari von Neuem an die Hexenproceßacten. Wieder hatte er sieben Fälle durchforscht, als er in dem achten endlich fand, was er fuchte- Das Bündlein ist überschrieben: Protocollum In Hexerey Sachen Hannß Ludewigß Frauen, Elbet, zu Bingenheim Das Bündlein ist noch vorhanden, die Mäuse haben zwar ein Loch hineingenagt, welches halbhandlang und bret Finger breit ist: trotzbem läßt sich bas Meiste noch baraus entnehmen- Die Blätter sinb mit Seitenzahlen versehen. Auf Seite 12 gibt bte unglückliche Frau ihre Complicen an, aber erst bann, nachdem sie zum zweitenmale auf die Folter gefpannt worben war. Die Stelle aus jenem Protocolle lautet: „Auf ihre (bei Elsbeth Lubwigs Frau) Comphces ferner examinirt: leugnete Sie in totum und revocirte alles, watz Sie vorgestern bekannt, Sie hette die Unwahrheit geredet, Gott solle es ihr verzeihen, hette gemeint, man würde Ste bald darauf hinrichten, aber Sie möge es nicht auf ihrem Hertzen behalten, Berpliebe alfo darbey, alles güt- und ernstlichen Zusprechens ohngehindert- Deßwegen Sie dem Meister anbefohlen und binden, die Daumenstocke und Beinschrauben ihr wieder anlegen, Zufchrauben und Neymahl versetzen lassen, Verpltebe Sre lange Zeit bey ihrer revocation, Endlichen brache Sie wiederum loß, bat aufzumachen und sagte: der Teufel seye ben ihr im gefängniß gemeßen, diese nacht und Sre genüthrget, alles wiederum zu leugnen, also habe Sie folgen muffen, aber es seye doch alles wahr, was Sie vorgestern gesagt, wolle va- raus leben und sterben." .. Diese Stelle las Caspari sich laut vor; eisig sie es chm über den Rücken. „So tapfer wie diese Elsbeth Ludwig haben wenige Hexen und Zauberer widerstanden," sprach er zu sich selbst. „Ich sehe das Weib noch vor mir, wie es auf der I Folter lag und alle Höllenqualen lautlos ertrug, ich hätte e I nicht so lange ausgehalten. Trotzdem-warmir der^Anblick I jener ohnmächtig gewordenen Beilsteins Enkelin viel gräßsich , jenes Bild kann ich nicht los werden. Fast ein Jahr lst ver strichen, seit die Dirne eingethan war; sie entfloh, aber vre | heimliche Furcht vor ihr, die innere Erregung, welche ich ver ! ihrem ersten Anblick empfand, ist heute noch vorhanden, sobald „Wie sollen die Ausgerissenen davon gekommen sein?" I fragte der Richter. M , nT , I „Niemand weiß es mit Sicherheit," war Malwinenr Ant- I wort. „Der Eine sagt so, der Andere so." I „Bitte, saget mir dann, liebwertheste Jungfrau, zuerst des I Einen so, dann der Anderen so." „Ich kann wirklich nicht recht - Herr Commissarius - I ich glaube — es hieße —" Malwinchen stockte. I „Sprechet nur, verehrteste Jungfrau," drängte Caspari; I „ich höre sehr gerne, was Ihr mir mittheilen wollet/ „Man sagt: die Soldaten hätten den Mann absichtlich I durchmischen lassen, weil sie ihn Alle gar gerne gehabt; des- I gleichen wäre es mit der Buhle gewesen. Die Zwei könnten I nicht hexen, noch zaubern." „Wer denn?" fragte Caspari scharf. „Niemand, Herr Richter. Kammerdiener Langsdorf fall gesagt haben: Unser Durchleuchtigster Herr glaube weder an Hexen noch an Zauberer und es sei arg schade, daß in der I Welt so viele unschuldige Menschen um dieser Schwachheit I röillen grausamlich hingethan würden." _I „Was sagt man denn noch io oder so, werthe Jungfrau I Malwine?" , „ „ ,, _ x I „Man sagt noch allerhand, indessen kann ich Euch gar I nicht recht antworten. Ihr fraget so scharf und streng, daß I ich meine Wissenschaft leichtlich aus dem Gedächtnisse verliere. „So sammelt Euch, hochverehrteste Jungfrau, und wisset, daß Ihr mir eine nicht geringe Gefälligkeit erweiset, wenn ^hr mir mittheilt, was man zu sprechen pflegt. Meine Beamten sagen mir niemals die Wahrheit." „Zuweilen behaupten gewisse Leute: die alte Berlstem wäre die eigentliche Haupt- und Wetterhexe, darum habe sie sich so fein zu verstecken gewußt. Wenn diese Haupthexe vor nunmehr sieben Jahren, Anno 1652 im November, weggeschafft worden, hätten viele andere Leute nicht hexen lernen und wären i davon gekommen. Das Hexereilaster ist nur noch bei uns zu Bingenheim im Schwünge." , f „Was sagen die Leute weiter? sragte Caspari, als Malwine stockte. _ „Vielleicht habe ich schon zu viel gesprochen, Herr Com- missarius," war die Antwort, „denn sehet, Ihr fraget mich immer fort, aber was Ihr wißt/ behaltet Ihr für Euch. Nun theilt mir doch einmal Eure Ansicht mit, die ist nut viel interessanter, als der Leute Geschwätz." „Ich kann Euch gar nichts mittheilen, vrelwertheste Jungfrau," antwortete der Richter mit Schlauheit; „ich weiß nichts, ich höre nichts und erfahre nichts, darum verzeihet, daß ich \o $ ^Auf dem Heimwege fprach Alwine zu der kleinen, dicken Freundin: „Du hast Dein Zünglein wieder einmal arg fpazreren lassen gehen. Hast Du nicht bemerkt, wie ich Dich anstteß? Wenn Deine Plaudermühle Wasser hat, klappert ste fort, bis der letzte Tropfen über's Rad geronnen ist." „Was kann ich dafür I" antwortete Malwine. „Wenn ich so etwas in mir spüre, muß es heraus, sonst würde ich zer- 283 ich der alten Beilstein begegne, oder wenn ich unch an die Auftritte mit der Dirne erinnere. Die alte Beilstein hat dies durch ihre Zaubereien bewirkt; sie kann eine Hexe fein! Nein: sie soll, sie muß eine Hexe sein. Auf Seite zwölf des Pro» tocolls gibt Elsbeth Ludwig ihre Mitschuldigen an- Aus Echzell sind es: Adam Schauermann und seine Frau. Mocken Elß. Die Müllerin. Säuheinrich und seine Frau. Ferber Cath- ringen. Der Tröster. Heinrich Benner. Philipp Kraft. Der tauben Margrethen Medigeu. — Unter diesen haben wir gründlich aufgeräumt," fuhr der Commiffarius fort; „es ist fast nichts mehr davon übrig. Aus Gettenau gab sie an: Krieger Margreth und des lahmen Kuhhirten Frau. Mit denen war nicht viel anzufangen. Nun aber kommt die Hauptsache, nämlich: Bingenheim. Johann Beilsteins Frau- — Nach dieser habe ich gesucht- Während viele Andere Denun» ciationen genug haben — die Sommer Margareth hatte deren achtzehn —, schlüpft diese Beilstein stets glatt durch. Das ist offenbar nur deshalb möglich, weil die Person eine Haupt« und Wetterhexe ist, welche sich die Anderen geschickt vom Leibe hält. Was sagt denn die Elsbeth Ludwig weiter in dem Pro« tocolle: „und hätte Kessel Margareth wieder Sie gesagt: Johann Karp machte sich so rein und gut und were doch auch ein Hexenmeister. Item Seeligmann der jud were Spielmann und fein Bube pfeifet, aber inquisitin habe diese nicht gesehen, dieweil ihr Teuflischer Buhle ihr etlichemahl die äugen geblendet gehabt." „Halt!" rief Caspari plötzlich, indem er von seinem Sitze aufsprang. „Hier ist ein zweiter Fund! Den ganzen Morgen habe ich gesucht und nichts gefunden, heute Nachmittag gleicht sich die Mühe aus. Hier sind zwei Posten nebeneinander: die alte Beilsteins Wttb und Seligmann der Jude. — Was findet sich auf dem letzten Blatte," fuhr der Hexenrichter fort. „Nur wenig, es lautet: Luna (Montag), den 24. Juli: 54 Cor am Deputate: Nachdem ahlß jnqsitin ihre vorstehende Bekantnüße vom wort zu wort vorgelesen worden, hat Sie wegen ihres Kindes, Kindermädigen und Heinrich Stollß Mädigens Verführung revocirt. Wie ingleichen Becker Christen und den Glaser, wil auf übriges leben und sterben und pittet nur umb ein gnediges uhrtel." „Diese Elsbeth Ludewig ist im zehnten Brandt mit Elsbeth Johann Mobsen Fraun zu Echtzell, mit Margreth der alten Wahsen zu Bingenheim und Anna Maria Bob Gela Tochter zu Echtzell am 1. Augusti 1654 hingerichtet worden. Wir haben sie damals etwas länger einsitzen lassen, damit wir einen richtigen Brandt von vier Personen zusammenbrachten und es auch darum werih war, den Henker in Thätigkeit zu setzen. Ich denke, das machen wir diesmal ähnlich, indem wir die alte Beilstein und den (alten Seeligmann gleichzeitig vornehmen. Bei letzterem rentirt sich die Arbeit um deswillen, weil er Geld hat. Auch die Beilstein soll ein Erkleckliches eingeheimst und zurückgelegt haben." — Am folgenden Tage, zu Anfang Juli 1659, wurde Seligmann, der alte Jude, von dem Büttel geholt und in's Gefäng- niß geworfen. Die Untersuchung ging sehr langsam bei ihm vorwärts. Am 2. August 1659 zahlte Schultheiß Schösser den Wächtern des Seligmann einen halben Gulden unter der Hand „vor ein Maß Ohlig". Das Oel (Ohlig) muß damals sehr theuer gewesen sein, denn ein halber Gulden für eine Maß bei jenem Geldwerthe ist ein ganz horribler Preis. Ein Reichsalbus galt damals zwei Kreuzer; die Maß Bier kostete einen Albus. Der halbe Gulden hatte 15 Albus, das sind 30 Kreuzer. Daraus folgt, daß die Maß Ohlig so viel wie 15 Maß Bier kosten sollte, was jedenfalls nicht stimmt Außer dem Ohlig, welches für Seligmann von Anfang August 1659 bis zum 17. Mai 1660, dem Tag seiner Hinrichtung, verrechnet wird, ist wohl auch gelegentlich noch einiges Andere mit untergeschlüpft. Ein Vierteljahr verging, ohne daß Caspari mit Seligmann vorwärts kam. Sorgfältig verbarg der Richter die Absicht, noch andere Personen verhaften zu lassen. Die Folter wurde bei dem alten Israeliten nicht angewandt; es gelang ihm, einen Rechtsbeistand zu erlangen. Dieser appellirte gegen das erste Urtheil und brachte es dahin, daß die Sache von dem Reichskammergerichte in Speier geprüft wurde. Das kostete schönes Geld. Dr. Gambs in Speier erhielt am 1. August 1659: 16 Gulden; Notarius Jeremias Münch in Nidda 41/2 Gulden; Dr. Hünfeld erhielt 6 Gulden. Für ein Urtheil der Spanischen Kammer wurden 8 Reichsthaler entrichtet. Das Verzeichniß der verschiedenen Unkosten ist bereits früher aufgeführt worden. Dort wolle man das Weitere Nachlesen. Erwägt man, daß der Geldwerth in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts reichlich zehnmal höher als zu Ende des laufenden neunzehnten Jahrhunderts gewesen ist, dann ergibt sich sogleich, daß es sich hier um bedeutende Geldsummen handelt. Das Einsperren des alten Seligmann erweckte die Schadenfreude vieler Unterthansn. Die fruchtbare, reiche Wetterau wurde von jeher gerne von den Juden besucht und bewohnt. In manchen Orten durften sie nicht über Nacht bleiben; um in Bingenheim Handel treiben zu dürfen, mußte jeder Jude, so ost' er dahin kam, einen halben Albus erlegen- Dafür bekam er einen Zettel, welcher zur Ausübung des Geschäftes legitimirte. Diese Uebung dauerte .bis in die ersten beiden Jahrzehnte des laufenden Jahrhunderts. Es leben noch Leute, welche sich an den halben Handels-Albus erinnern- — (Fortsetzung folgt.) Der Bienen-Vetter. Eine Heide - Novelle von C. C r o m e - S ch w i e n i n g. (Fortsetzung.) Nun hatte Mariechen zwar auf Stachelbeeren keinen Appetit, aber sie ging trotzdem in den Garten. Freilich, wild genug sah es hier aus. Sie schüttelte leise den Kopf. Welcher Schleier lag über Vetter Hinrik's Vergangenheit, daß er so freudelos durchs Leben ging Ein tiefes Mitleid, der herzliche Wunsch, ihn trösten zu können, machte sich in ihr geltend. Sie seufzte. Ach, wenn das möglich wäre! Als Kind war sie einige Male hier gewesen- Wie lange das doch her war. Sie kannte sich in den verschlungenen Gartengängen nicht mehr zurecht. Voll Gedanken und planlos ging sie weiter. Da stand sie plötzlich vor dem alten Gartenhause und blickte erstaunt auf die festgeschlossenen Laden- „Wie lange mag es sein, daß keines Menschen Fuß es betreten hat!" dachte sie und schritt darauf zu. „Ob es verschlossen ist?" Sie faßte auf die Klinke der Thür. Diese öffnete sich. Als ob er endlich seine Neugier stillen könne, fiel ein breiter Sonnenstrahl in den Spalt. Nun öffnete Marie die Thüre ganz. „Wie wunderbar!" sagte sie leise, als sie in dem Halbdunkel die Ausstattung des Häuschens sah. „Das sieht ja so aus, als weile Hinrik häufiger hier. Ein brennendes Verlangen, hineinzugehen, erfüllte sie. Sie öffnete die Thür vollends, so daß der Sonnenschein voll hineinfluthete. Ihr Herz pochte, als begehe sie ein Unrecht, als sie nun zaghaften Fußes eintrat- Wie gestern, so lag auch heute noch alles auf der Platte des alten Schreibtisches: das Schreibzeug, das ledergebundene Tagebuch, der kindliche Brief. Nach diesem tasteten die Finger des jungen Mädchens zuerst. Ein leiser Schrei kam von ihren Lippen, als sie dessen Inhalt las. Ihr Brief, längst, längst vergessen — hier? Ein Ahnen durchflog ihre junge Seele, daß in diesem Buche hier der Schlüssel zu dem veränderten Wesen Hinriks liege. Das war nicht mehr Neugier, die jetzt das Buch in ihre Hände, den Blick wie gebannt aus die dicht- Sä 284 SÄ beschriebenen Seiten, zwang — es war ihr, als triebe sie eine tiefinnige, überwältigende Macht. Und sie las! Mit erbleichenden Wangen! Mit pochendem Herzen, mit zitternden Händen! Die glühenden Worte einer ersten Liebe — die geheimsten Empfindungen eines reichen Gemüthes, dem Papiere rückhaltlos anvertraut. Und dann kam der jähe Schluß — den jenes „Vergessen!" bestegelte. Zwei große Thränen rannen über ihre Wangen. „Armer Hinrik!" Also das war es, das ihn zum Menschenhasser gemacht. Wie sie jenem Weibe grollte, das den Edelsten nicht zu würdigen verstanden hatte! Getäuscht! Betrogen! Und die armseligen blinden Menschen lachten über den Einsamen, der sich zmückgeflüchtet hatte in sich selbst! Die Sonne sank tiefer, Viertelstunde auf Viertelstunde verrann — Marie merkte es nicht. Ihre Hand blätterte mechanisch die leeren Seiten weiter. Plötzlich durchfuhr es sie wie ein electrischer Schlag — da stand ihr Name — und eine Reihe von Seiten folgten, mit kurzen Sätzen, ost mit einzelnen Worten beschrieben. Ihre Augen hingen an diesen, als wollten sie die Schriftzüge in sich aufsaugen. Ihre Brust wogte, ihre Pulse stürmten, ein glühendes Roth färbte ihre Schläfen — — das war, nein das konnte kein Zweifel fein — Vetter Hinrik, der schroffe, kalte, selbstquälerische Mann liebte sie, liebte sie mit einer Gluth, die ihr das Blut fiebern machte. Ihre bebende Hand vermochte kaum noch die Seiten umzuschlagen. Da kam die letzte. Wie ein Aufschrei leuchtete es ihr daraus entgegen: „Marie! Marie!" Und darunter, mit frischer Tinte, als feien erst Stunden vergangen, seitdem seine Hand das geschrieben, nur ein Wort: „Verloren!" Wortlos, eine Beute sich überstürzender Gedanken saß das junge Mädchen ab. „Fräulein Martechen!" „Fräulein Marie!" rief es im Garten. Sie taumelte empor und warf einen verstörten Blick umher. Fort, fort von hier — um Gotteswillen, nur fort von hier- Mit einem Sprunge stand sie auf der Schwelle des Gartenhauses, mit einem zweiten draußen. Die Thür flog ins Schloß, sie selbst mit hastigen Sätzen, dem hinteren Theile des Gartens zu. Da war ja die Stachelbeerhecke, am ersten besten Buschs kauerte sie sich nieder und preßte die Hände auf die Brust, sie drohte ihr zu springen. „Fräulein Marie!" Es war die alte Trude, die sie rief. Jetzt kam sie um die Ecke. „Ach, hier sind Sie! Ja, richtig, bei den „großen gelben!" Aber jetzt möchten Sie zur gnädigen Frau Mama kommen. Der Abendbrottisch ist fertig die Herren könnten jeden Augenblick zurückkommen!" Das junge Mädchen warf einen erschreckten Blick zum Himmel empor, die Sonne lag wie ein gluthrother Ball am Horizonte. Wo war die Zeit geblieben. Sie erhob sich hastig. Ruhe! Ruhe! Sie mußte gefaßt, ruhig den Eltern und ihm entgegentreten — keiner dürfte ahnen, was sie nun wußte und was schwer wie ein Alp auf ihr ruhte. Sie athmete tief auf: Ruhe und Fassung! „Rein, wie Du heiß bist!" verwunderte sich die gute Frau Oberamtmann, als ihr Kind mit gerötheten Wangen wieder zu ihr trat. „Du Wilde! Du bist gewiß im Garten umhergelaufen wie ein rechtes Kind!" Und dann kamen Peitschenknall und Räderrollen, die Herren waren zurück. Als man sich an den Abendbrottisch setzte, erzählte der Obcramtmann mit blitzenden Augen von der Muster-Imkerei da draußen. Fritz Gerding suchte einen Blick von Marie zu erhaschen. Auch er schien von seltsamer Unruhs bewegt. Hinrik schien gesprächiger. Er hatte einen Blick Mariens aufgefangen, der ihn heiß durchschauerte. Ein Gefühl höchster Seligkeit durchrieselte ihn einen Augenblick. Wenn es doch noch eine Hoffnung für ihn gäbe--- Trude hatte ein paar Fläschchen Rothen aus dem Keller i heraufbringen müssen. Hinrik erhob sich jetzt selbst, um für i den Onkel eine Flasche Edelwein, die lange Jahre dort unten schon ruhte, heraufzuholen. — Als er wieder das Zimmer betrat, fand er Onkel und Tante allein. Marien war es zu heiß im Zimmer geworden, sie hatte noch ein wenig draußen im Garten Luft schöpfen wollen. Fritz Gerding war sogleich aufgesprungen, um die Cousine zu begleiten. Marie hatte das still ablehnen wollen, aber ihre Mama hatte mit vielsagendem Lächeln ihm Gewährung genickt. Dämmerschleier lagen schon über dem Garten, in den Lauben dunkelte es. Fritz schritt an Mariens Seite dahin und berichtete von der Haidesahrt. Das junge Mädchen hörte kaum, was er sprach. Wie träumend schritt sie an seiner Seite. Sie sah nicht, wie er sie zur großen, rechts und links von hohen Gebüschen flankirten Laube führte, erst als er hier stürmisch ihre beiden Hände ergriff, blickte sie erbebend auf. (Fortsetzung folgt.) Mumenpflöge. Hyacinthen, Tulpen, Anemonen und anders Blumenzwiebeln müssen, wenn die Blätter welken, herausgenommen, trocken, schattig und luftig ausgebreitet, dann gereinigt und trocken aufbewahrt werden. Auszusäen sind jetzt in kalte Mistbeete, in Töpfe, Schalen oder Näpfe unter Glas alle zwei- oder mehrjährige Pflanzen (Stauden), ebenso Cinera- rien und chinesische Primeln. Die Aussaaten und jungen Pflänzchen sind rechtzeitig zu lüften und zu schattiren. ♦ ♦ Behandlung des Oleanders. Richt selten hört man darüber klagen, daß der Oleander nicht blühen wolle, die Knospen abwerfs oder sparrig und schlecht wachse. Sobald die Blüthenknospen stark hervorgetreten sind, muß man diesem Uebelstande dadurch vorbeugen, daß man die Pflanzen in Untersatznäpfe, mit Wasser angefüllt, stellt und sie bei anhaltender Trockenheit in den Sommermonaten gegen Abend oft bespritzt. Der Grund, weshalb der Okeander oft spärlich oder gar nicht blüht, liegt gewöhnlich in Mangel an Wärme, Licht und Luft, oder es fehlt ihm das nöthige Wasser gerade zu der Zeit, wo er es in großer Menge verlangt und die Knospen nicht abwerfen soll. Daß die Endzweige des Oleanders hoch in die Luft gehen und daß er nach einigen Jahren ein sparrtges Aussehen erhält, ist kaum zu verhindern, da der Oleander an den im vergangenen Jahre gebildeten Endzweigen blüht und man daher die Spitzen nicht abstutzen darf. Um eine große Pflanze alljährlich zu reichlichem Blühen zu bringen, muß man die Hälfte der Blüthenzweige nach dem Blühen sofort bis auf ein Glied des alten Holzes zurückschneiden. Die jungen Triebe erscheinen meistens zu dreien um die Blüthenknospen und treiben lange vor dem Entfalten dieser letzteren ziemlich stark weiter. Es müssen darum an den Zweigen, welche man einzustutzen gedenkt, die jungen Triebe um die Blüthenknospen gleich nach ihrem Erscheinen gestutzt werden. Dadurch lenkt man den ganzen Saftfluß in die Blüthenknospen und erweckt zugleich die unter denselben sitzenden Augen, welche dann treiben, sobald die Zweige nach dem Blühen eingestutzt worden sind. * * * Rosendünger. Ein gutes, kostenloses Düngmittel für Rosen des freien Landes ist das Seifenwasser von der Wäsche. Dieses sollte man überhaupt niemals wegschütten, sondern, wo Gelegenheit dazu ist, stets in Gärten verwenden, da es auf Weinstöcke, Obstbäume, Gemüse aller Art u. s. w., sowie auch aus den Graswuchs eine günstige Wirkung ausübt. * * Aufbewahrung von Meerrettig. Wen» man Meerrettigwurzeln, die im Sommer nicht gut sind, doch gern genießen möchte, so zerschneide man dieselben im Sommer, trockne sie schnell auf einer Platte, stoße sie zu Pulver und verwahre | dieses in wohlverschloffenen Flaschen. Bei seiner Verwendung ■ feuchtet man eine gewisse Menge mit frischem Waffer auf, wo- ‘ durch es dann die ganze Stärke des Meerrettigs erhält. Redaktion: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Thr. Pietsch) in Gießen.